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Bruchstücke aus meinem Leben – 11.03.2010 Jeder scheint so mit seiner Zukunft beschäftigt zu sein, dass dabei die Gegenwart zu einer Art Kick-Off-Meeting der Zukunft geworden ist. So als wäre die Gegenwart nur dazu da, auf die Zukunft hinzuarbeiten. Das Problem dabei ist, dass die Zukunft immer in der Zukunft liegt. Es ist fast schon beängstigend, wie viel Zeit ich damit verbringe, mir den Kopf über die Zukunft zu zerbrechen. Alles, was ich machen will, scheint hinter durchsichtigen Barrieren zu liegen. Ich kann es sehen, aber nicht anfassen. Als würden meine Finger fast schon die solide Oberfläche meiner Träume spüren. Aber eben nur fast. Heute war ich im Hugendubel am Marienplatz. Vor einigen Wochen habe ich dort ein Belegexemplar meines Romanes abgegeben. Wenn man im vollgestopften Reich der Eloquenz einen Platz ergattern will, kommt man ums Klinkenputzen eben nicht herum. Ich gehe also zur Information und frage nach einem netten Herrn, der meinen Roman an sich genommen hat und bekomme eine ziemlich kaltschnäuzige Reaktion von einer ganz offensichtlich nicht gut gelaunten bis chronisch grantigen und gelangweilten Mitarbeiterin des Dienstleistungsgewerbes. Auf meine Frage, ob der Herr nun da ist, brummt sie mir ein ‚Nein, ist nicht mehr da’ entgegen. Auf die Frage, ob ich ihn an nächsten Tag antreffen kann, kommt nur ein ‚nein’. Wann ich ihn denn dann antreffen kann. ‚Samstag’. Tief durchatmen und weiter lächeln. (In diesem Augenblick frage ich mich, warum ich lächle. Ich frage mich, warum ich nicht nach einem der richtig dicken Bücher greife und es ihr richtig fest um die Ohren haue. Ich frage mich, warum ich sie nicht anschreie und frage, für wen sie sich eigentlich hält, mich wie einen Dreckrand unter ihrem Fingernagel zu behandeln. All das frage ich mich nur.) Als ich gerade – noch immer lächelnd – Anstalten mache, mich umzudrehen, fragt sie mürrisch ‚Wer sind Sie eigentlich?’. Ich erkläre ihr, dass ich vor einigen Wochen ein Belegexemplar meines Romanes zu Ansicht da gelassen habe und frage, ob sie mir vielleicht die E-Mail-Anschrift oder die Telefonnummer samt Durchwahl ihres Kollegen geben könnte, damit ich nicht am Samstag erneut kommen muss. ‚Nein, also eine E-Mail gibt es nicht, und Sie können ja bei der Service-Nummer anrufen und sich verbinden lassen’. Dann dreht sie sich dem nächsten Kunden zu (mit dem ich fast Mitleid habe). Dass man (wichtigen) Menschen in den Arsch kriechen muss, um weiterzukommen, ist eine Sache, dass man aber dem ganzen Rest auch noch in den Arsch kriechen soll, ist eine völlig


andere. Was ist mit Manieren? Oder mit Höflichkeit? Oder mit Freundlichkeit anderen gegenüber? Und warum arbeiten so viele mürrische Menschen im Verkauf? Ich meine, dass ist, wie wenn Magersüchtige kochen, oder wenn Leute mit extremer Höhenangst eine Pilotenausbildung machen. Manche Dinge passen eben einfach nicht zusammen. Na, meine schlecht gelaunte, leicht dickliche Informations-Tante jedenfalls, wäre woanders besser aufgehoben. Ich weiß zwar nicht genau wo, aber auf jeden Fall woanders. Das Lustige ist aber, dass ich extra zu ihr gegangen bin, weil ich das letzte Mal den Fehler gemacht habe, den Kollegen, der neben ihr saß, anzusprechen. Der war nicht wirklich unfreundlich, aber so langsam und träge, dass ich beim Aufschreiben des Ansprechpartners wirklich versucht war, ihm zu helfen. Es gibt so viele Menschen, die Arbeit suchen und so viele die Arbeit haben. Also, wenn es nach mir geht (und ich bin da eigentlich generell nicht so hart) besetzt diese Info-Tante einen Arbeitsplatz. Einen Arbeitsplatz, den sie erstens nicht besonders gut macht und der ihr ganz offensichtlich auch nicht gefällt. Ich kann ja verstehen, dass man manchmal Kopfschmerzen oder schlechte Laune hat. Aber ich darf das nicht an Kunden auslassen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich kann da mitreden. Ich bin schließlich ein alter Hase im Dienstleistungssektor. (Na ja, vielleicht nicht gerade alt, aber zumindest ein Hase und deswegen weiß ich, wovon ich spreche.) Wenn jemand nicht gerne redet oder Auskünfte gibt, dann ist er an der Information einfach falsch, finden Sie nicht? Aber dieser Tag bestand ja nicht nur aus Hugendubel. Da waren noch andere schöne Sachen. Ich habe heute (endlich!!) meine Ansprechpartnerin in einer Buchhandlung namens CoLibris ans Telefon bekommen. Auch dort habe ich vor einigen Wochen ein Belegexemplar vorbeigebracht. Dann die Frage, was sie von meinem Buch denkt. ‚Das Buch ist wirklich schön, aber nichts für uns’. Aha. Das ist doch mal aufschlussreich. Solche Aussagen veranlassen einen Teil in mir dazu, die Fäuste zu ballen und die Zähne zu fletschen, doch das kann sie nicht sehen, weil wir ja Gott sei Dank telefonieren. Dann sagt sie etwas, das ich nicht ganz verstehe, so was wie ‚Wenn Sie das nächste Buch herausbringen, wäre es schön, wenn Sie wieder an uns denken’, oder so ähnlich. In meinem Kopf nur drei Fragezeichen. Wieso sollte ich bitte wieder an sie denken, wenn sie mir vermutlich auch bei einem zweiten Buch sagen wird, dass es wirklich schön ist, aber leider nichts für sie? Dann atme ich tief durch und frage, ob sie mir vielleicht einen Anhaltspunkt geben kann, weshalb es nichts für sie ist. ‚Ich schreibe Ihnen etwas zusammen – oder Sie kommen am Samstag einfach vorbei und wir besprechen das’. Als ich sie frage, wann ich vorbeikommen soll, sagt sie ‚Am Samstag’. Ach. Ja schon, aber wann? Ich formuliere also meine Frage um. Bis wann ist sie


anzutreffen. Mein Tonfall entspricht nicht einmal annähernd meiner Laune. Ich bin stolz auf mich, weil ich mich so gut zusammenreiße. ‚Bis 16 Uhr’. Ich verabschiede mich freundlich und lege auf. Auf dem Heimweg wandern meine Augen über die Häuserfronten. Hinter einem Großteil der Fenster brennt Licht – es wird noch gearbeitet. Und dann frage ich mich, was die ganzen Menschen den ganzen Tag machen? Was tun die alle? Vermutlich ist ein beträchtlicher Teil am Verwalten. Und die, die nicht gerade verwalten, sind mit der täglichen Korrespondenz beschäftigt. Spannend. Ich glaube, man kann sich gar nicht vorstellen, was manche Menschen den ganzen Tag machen. Sie bearbeiten Akten. Als ich zu Hause ankomme, wird mir klar, dass der Höhepunkt meines Tages das Putzen meiner Wohnung war. Vor allem der Küche. Da sieht man wenigstens, dass man etwas getan hat. Da, wo vorher angetrocknete Überreste des letzten Essens waren (ich hoffe mal, dass es nur vom letzten war), ist nun porentiefe Sauberkeit. Meine Küche sieht aus, wie ein blütenweißes Handtuch aus der Persilwerbung. (Zumindest dann, wenn man nicht zu genau hinsieht…) Es ist 2:37 und ich sitze hier und frage mich, was ich machen soll. Die blöde Zukunft macht sich viel zu wichtig. Da ist viel zu viel Zukunft und viel zu wenig Plan. Doch, wohin haben mich meine bisherigen Pläne eigentlich gebracht? Hierher. Und das ist nicht weit. Vielleicht sollte ich versuchen, die Zukunft als das zu sehen, was sie ist. Nämlich weit weg. Sie ist gar nicht da. Und sie wird nie da sein, denn in Zukunft wird das, was ich jetzt als Zukunft sehe, ja Gegenwart sein. Das heißt, die Zukunft ist immer weit weg. (Das ist ein beruhigender Gedanke…) Vielleicht sollte ich mich einfach mal in Ruhe lassen und mir nicht ständig vorhalten, dass ich es nicht hinbekomme. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, ist das momentan das Letzte, was ich gebrauchen kann. Meine eigene kleine böse Stimme, die mir zuflüstert, dass ich nicht weiß, was ich tun soll und dass es etwas GANZ Schlechtes ist, das nicht zu wissen. Und anstatt der Stimme zu sagen, dass sie das Maul halten soll, höre ich auch noch zu. Meine Bewerbungen liegen auf verschiedenen Tischen in der Stadt verteilt und werden von armen Leuten geprüft. Im Augenblick kann ich nicht viel tun, außer warten. (Und vielleicht endlich meinen Hintern hochkriegen und versuchen, meine Texte und Bücher bekannter zu machen.) Eigentlich weiß ich ja genau, was ich machen will. Ich will schreiben. Und ich will davon leben können. (Und wenn das nicht geht, will ich Innenausstatterin sein… Räume und ich


führen eine innige Liebesbeziehung. Ich sehe, was in ihnen steckt, noch lange bevor andere das tun…) Ich werde jedenfalls weiter diesen Blog schreiben. Und wer weiß? Vielleicht liest irgendwann einmal jemand meine Texte. Und vielleicht wird das dann jemand sein, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Denn auch, wenn ich manchmal so tue, als wäre es anders: Ein Teil in mir wird wohl immer ein Träumer bleiben…


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