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Das Projekt Sebastian Hilgert

Bericht Ăźber ein Experiment, dass auĂ&#x;er Kontrolle geriet


Das Projekt ERSTES KAPITEL Irgendwann im Winter, Klassenraum der kleinsten 10ner Klasse an einem relativ normalen Gymnasium „Wir sollten mal wieder was machen.“ Der Junge mit den halblangen braunen Haaren, dessen Name Philipp war, musste nicht lange warten, bis er die Zustimmung seiner Klassenkameraden erntete. Einstimmiges Nicken. „Und was?“ fragte sein Nebenmann, der eine waschechte Hobbit-Frisur hatte und deshalb immer Frodo genannt wurde. Wieder einstimmiges Nicken. „Wir könnten schwimmen gehen!“ - „Bei dem Wetter? Spinnst du?!“ „Oder ins Kino!“ – „Da läuft doch eh nur Mist!“ Alle redeten durcheinander. Ein eher schweigsames Mitglied der Klassengemeinschaft mit Namen Alex erhob sich. Er streifte seine Kapuze ab und räusperte sich. Nach dem zweiten oder dritten Mal schwieg die Klasse. „Ich habe eine Idee.“ Augenverdrehen seitens einiger Klassenkameraden. Die Ideen dieses Kollegen hatten zwar meist Hand und Fuß, waren aber auf der anderen Seite meist einfach langweilig. „Ich habe letztens über ein sehr interessantes Projekt gelesen. Es soll die Veränderung von Charaktereigenschaften im Laufe einer bestimmten, rapiden Veränderung dokumentieren. Bei diesem Projekt wurden ganz normale Menschen in einem Gefängnis in die Rollen von Insassen und Wärtern gesteckt. Dann wurde die Charakterveränderung beobachtet. Ich find die Idee cool, wir könnten sowas z.B. über die Ferien mal machen.“ „Über die Ferien? Hast du ´nen Knall?“ „Also ich find die Idee toll.“ Es wurde abgestimmt. 80% der Klasse waren dafür – wenn auch die meisten nur weil sie wissen wollten, ob diese völlig verrückte Idee überhaupt durchsetzbar sei. Widerwillig stimmten auch die anderen ein. „Okay, wie soll das ganze funktionieren?“ fragte ein Mädchen mit blonden Haaren, die hinten im Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Der Junge mit der Kapuze, der das Projekt vorgeschlagen hatte, ging an die Tafel.

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Das Projekt „Ich dachte dabei daran, dass man unsere Sporthalle umfunktionieren könnte. Die Umkleiden lassen sich abschließen, es gibt dort Toiletten und fließend Wasser, genug Platz und außerdem gehört sie zur Schule, dass heißt wir müssen nicht 10 Millionen Anträge ausfüllen sondern müssen nur zum Direx. Aber die wichtigste Frage die ihr euch wohl stellen werdet ist, wer bestimmt, wer Insasse und Wärter wird. Ich traue euch sogar zu, dass einige von euch nur in Aussicht auf ein Mehrwöchiges Wärterdasein zugestimmt haben. Aber egal. Meiner Meinung nach ist nur der Zufall ein mögliches Auswahlinstrument, da er nicht anfechtbar ist. Ich habe mir überlegt, dass man einen der Infolehrer überreden könnte ein passendes Programm zu schreiben. Der ist schließlich unabhängig. Wenn die Liste Fertig ist wird die laminiert und hier irgendwo ausgehängt und der Klasse ausgelesen. Und dann kann es eigentlich schon fast losgehen. Einverstanden?“ Oh ja, die Klasse war einverstanden. Und so wurde es auch so gemacht, so wie es besprochen wurde. Nach etwa zwei Wochen waren Programm und Genehmigung vorhanden, und in einer geradezu feierlichen Zeremonie für man extra den Videoraum mit Beamer reserviert hatte wurde das Ergebnis errechnet. Herauskamen 4 Wärter ‚gegen‘ 19 Insassen. Unter den 4 Wärtern waren auch Alex und Philipp. Ihren Freundinnen hatten sie nahe gelegt das Projekt als Außenstehende zu dokumentieren, sodass nur noch 17 Insassen übrig waren. Trotz einigen, die mit dem Ergebnis unzufrieden waren, war die Stimmung danach recht gut. Es wurde die Frühstücksbox geplündert und jemand machte Musik an. Bis zur Pause hob sich die Stimmung noch einmal, daran konnte nicht mal die bevorstehende Chemiestunde etwas ändern.

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Das Projekt ZWEITES KAPITEL 5 ½ Monate später, am Tag des Starts Alle 23 Teilnehmer konnten teilnehmen, sodass sich am großen Tag des Starts die ganze Klasse vor der Sporthalle versammelt hatte. Alex las noch einmal die Regeln vor und hängte sie danach an die Glastür, sodass jeder sie lesen konnte. „Ich eröffne hiermit offiziell das Projekt! Ich bitte alle Teilnehmer das Gebäude zu betreten.“ rief Philipp. Die Halle in der das Projekt stattfinden sollte gehörte zu zwei Schulen, die rechte Seite zum Gymnasium welches die Teilnehmer besuchten, die Linke der Nachbar Realschule. Natürlich konnte nur der Rechte Teil verwendet werden. Grüne Türen gingen in regelmäßigen Abständigen vom Gang ab, sechs Stück insgesamt. Zu jeder Tür gehörte eine Umkleidekabine, wobei immer zwei über einen Gang verbunden waren. Von diesem Gang gingen die Duschen, Toiletten und Waschbecken ab. In der Umkleide waren Bänke zum umziehen montiert, die jetzt als Pritschen zum Schlafen umfunktioniert wurden. Jeder Insasse bekam eine Decke die die harten Holzbänke etwas bequemer machen sollten und mit der er sich zudecken konnte. Gegenüber der Eingangstür führte eine Tür aus der Umkleide in einen Gang von dem aus die Sporthalle abzweigte. Diese Halle hatte drei Eingänge, die am Ende von kurzen Treppen aus dicken Stahl-Doppeltüren bestanden. Entsprechend der Eingänge ließ sich die Halle in drei gleichgroße Abschnitte unterteilen. Aber das nur nebenbei. Die sechs Umkleidekabinen wurden so verteilt, dass die Mädchen die Kabinen 3 und 4 bekamen und die Jungen Kabine 6. So lagen sie weit genug auseinander um nicht kommunizieren zu können. Die Wärter nutzten Kabine 1/2, die sie sich allerdings wesentlich komfortabler einrichteten; nämlich so, dass immer 2 Wärter sich eine Kabine teilten während die Insassen sich zu 5 bzw. 6 eine Kabine teilen mussten. Die Bänke auf denen die Wärter schliefen legten sie sich mit Kissen aus. Das Vergnügen konnte beginnen. Die Teilnehmer hatten einige Freunde mit dem Catering beauftragt, die auch pünktlich um 15.30 Uhr mit Essen kamen. Es gab Pizza für alle (Die Wärter bekamen ihre Pizza zuerst, sodass die Insassen zuerst den Geruch bemerkten). Um 20.00 kam das ‚Sporthallen-Gefängnis‘ langsam zur Ruhe. Die Insassen schliefen zum Teil bereits, während die Wärter noch die Nachtwache einteilten. Dann gingen auch sie schlafen

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Das Projekt DRITTES KAPITEL Der Zweite Tag, 6.00 Uhr Morgens Alex wachte auf. Es war noch ein gewisses halbdunkel in Kabine 1. Er stand auf und zog sich an, dann ging er nach draußen um die Nachtwache abzulösen. Tim hatte Wache gehabt, ein hochgewachsener Junge mit dunkelbraunem Haar. „Irgendwas Besonderes?“ fragte Alex. „Alles ruhig.“ Antwortete Tim. „Gut.“ Alex nahm die Position der Wache ein: an die zweite Glasscheide gelehnt, die als Trennmauer zwischen dem Eingang von Kabine 1 und dem Rest des Ganges lag dachte er an das was vor ihnen lag: Um punkt sieben würde er die Insassen wecken und um 7.15 würde das Sportprogramm in der Halle beginnen. Dieses war mit ihrem Sportlehrer abgesprochen. 60 Minuten Fitnessprogramm. Das war hart, aber schließlich sollte alles ja möglichst realistisch wirken. Um 8.30 würde es Frühstück für die Insassen geben. Sie hatten einen Teil der Sporthalle abgetrennt und dort Bänke und Kästen zurechtgerückt, sodass man dort essen konnte. Alles war auf einen Tisch am Kopfende ausgerichtet, an dem die Wärter speisten. Alex sah auf seine Uhr. 6.58 – Zeit zum Aufstehen. Zuerst ging er in Kabine 1 und weckte seine Mitstreiter. Dann nahm er sich ein Megafon, stellte die Lautstärke auf Maximum und schrie: „AAAAAAAUFSTEEEEEHEN. UM VIERTEL NACH SIEBEN TREFFEN IN HALLE 2! BEWEGUNG, BEWEGUNG, BEWEGUNG!“ Frodo grinste. „Und was machen wir in der Zwischenzeit, Captain Harris?“ „Wir gehen schon mal in die Sporthalle und machen alles bereit.“ Frodo nickte und die Truppe bewegte sich in Richtung Sporthalle. Einige Verschlafene Geseichter sahen ihnen entgegen, die Mädchen aus Kabine 3 hatten offensichtlich schlecht geschlafen. Um 7.15 fehlten noch ein paar von den Mädchen, unter anderem das Mädchen mit dem Pferdeschwanz, die von Beginn an von dem Projekt begeistert gewesen war.

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Das Projekt Nach fünf Minuten kamen die Mädchen dann doch, wobei die anderen sich schon warmliefen. „Ihr seid zu spät.“ stellte Philipp fest. „Ja, kann doch schon mal passieren…“ antwortete Julien, das Mädchen mit dem Pferdeschwanz. Philipp seufzte entgeistert, tat aber nichts außer die Mädchen wortlos zu denen zu schicken, die sich bereits warmliefen. Unter Beobachtung der Wärter (die zum Teil auch mitmachten) mussten die Insassen Joggen, Gleichgewichtsübungen, Liegestütze und vieles mehr absolvieren. Doch obwohl einige sichtlich Spaß an diesen Übungen hatten, kamen einige, zum Teil recht unsportliche Insassen doch immer langsamer voran. Eine von ihnen, eine hochgewachsene schwarzhaarige Gestalt hatte sichtlich Probleme mit dem Laufen. Alex ging zu ihr hin fragte was los sei. Ihr Asthma, sagte sie. Alex nickte und ging wieder. Er selbst würde vermutliche genauso große Probleme haben wie das Mädchen, auch wenn er kein Asthma hatte. Nach etwa 60 Minuten blies Alex zwei Mal in seine Trillerpfeife. Ende des Sportprogramms. „In 15 Minuten Essen“ sagte er nur. Einige nickten. So auch Lukas, der erst vor zwei Jahren in die Klasse gekommen war. Auch er hatte Probleme mit dem Sportprogramm gehabt. So schleppte er sich die Treppe hinauf bis in Kabine 6. Die anderen waren bereits da und duschten. Trotz der Anstrengung waren sie relativ gesprächig. Sie mussten sich beeilen um noch pünktlich zum Frühstück zu kommen. Es gab nur zwei Mahlzeiten am Tag: Frühstück und Abendessen. Zum Frühstück aßen die Insassen Brot mit billigem Aufstrich. Alex und seine Kumpanen dagegen schmierten sich Marmelade und Käse auf ihre Brötchen. Und während diese sichtlich sehr zufrieden waren mit dem Projekt, so fragten sich einige der Insassen, worauf sie sich da nur wieder eingelassen hatten. Nachdem das Essen beendet war, zogen sich alle in die Kabinen zurück, bis auf Alex der Wache hielt. Frodo gesellte sich zu ihm und eine Weile lang unterhielten sie sich über Gott und die Welt. Kurz nachdem Frodo etwa zwei Stunden später wieder verschwunden war, hämmerte jemand gegen die Tür von Kabine 6. Alex stand auf, zückte seinen Schlüsselbund und öffnete die Tür. „Wollt ihr uns hier verdursten lassen?“ grinste ihn Lukas entgegen.

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Das Projekt „Hmm hatten wir eigentlich nicht vor… Aber du weißt ja, Gelübde der ewigen Armut ich hab nix.“ Witzelte Alex zurück. „Komm schon Alex. Veräppeln kann ich mich selber!“ „Sorry, aber wir haben tatsächlich nichts. Ich muss nachher mal die Kollegen vom Catering anquatschen, damit die uns was bringen. Wir haben nämlich auch nix.“ Alex zuckte mit den Schultern. „Sonst alles okay?“ fragte er. „Bis darauf das das Essen scheiße war ja!“ brüllte einer von hinten. Lukas blickte ihn an, als ob er ihn auf der Stelle ermorden wollte. Alex zog die linke Augenbraue hoch, entschied sich aber nichts zu sagen. Also nickte er nur und schloss die Tür wieder zu. Er ging zu Kabine 1 um seinen Kollegen davon zu berichten. „Ja, stimmt, wir haben nichts zu trinken… was ein Glück das wir noch einiges an Geld übrig haben, sonst ständen wir mächtig auf dem Schlauch.“ War Philipps einziger Kommentar. Bevor sie das Projekt gestartet hatten, hatten sie alle zusammengelegt um Essen und Trinken was sonst so anfallen würde zu bezahlen. Nach Abzug des normalen Essens und Trinkens war noch eine erquickliche Summe übrig geblieben, davon würden sie zusätzliche Getränke kaufen. „Und was?“ fragte Alex, der sich um die Kommunikation zwischen Teilnehmern und Catering kümmerte. „Wasser“ antwortete Frodo. „Das gibt’s in echten Gefängnissen auch.“ „Ich würde sagen wir nehmen wenigstens Mineralwasser…“ schlug Philipp vor. Zustimmung seitens seiner Kollegen. „Und wie viel?“ fragte Alex. „Ein Liter sollte für eine Person einen Tag lang reichen…“ antwortete Philipp „Bist du wahnsinnig? Das sind ja… fast 360 Liter Wasser. Wenn ein Liter Wasser sagen wir mal 50 Cent kostet sind das 178,50 €. So viel Geld haben wir nicht.“ Antwortete Frodo, der das ganze schnell im Kopf nachgerechnet hatte. „Ein halber Liter am Tag muss reichen.“ „Einverstanden. Also eine Flasche â 1 Liter pro 2 Tage. Macht 170 Flaschen.“ Stimmte Alex zu. „Die Armen Leute, die das Tragen müssen… Wir sollten den Kollegen vom Catering Schmerzzulagen bezahlen.“ Die anderen lachten. Tatsächlich war die Catering Gruppe nicht begeistert, aber auf Alex Vorschlag hin, sie könnten ja mit einigen der Teilnehmer tauschen, lehnten sie dankend ab: Nie im Leben wollten sie an einem dermaßen verrückten Projekt direkt teilnehmen. Da schleppten sie lieber Wasserkästen. 7


Das Projekt VIERTES KAPITEL Der Dritte Tag, 6.59 Uhr Morgens Julien erwachte davon, dass Frodo wie schon Alex am Vortag durch das Megafon das Sportprogramm ankündigte. In Kabine 3 erwachte hektisches Leben. Klamotten wurden aus Rucksäcken hervorgezogen, beim Anziehen eckte man ständig an, woraufhin einige der Mädchen sich in der Dusche umzogen. Julien beeilte sich, denn sie war sich nicht sicher ob die Wärter ein nochmaliges Zuspätkommen dulden würden. Um punkt viertel nach stand sie in der Halle. An der Wand lehnten Alex und Philipp, die grinsten als sie sahen, dass sie pünktlich war. Tim dagegen wirkte enttäuscht, vielleicht hatten die Jungs eine Wette abgeschlossen. Frodo dagegen sah ungemein erleichtert aus. Da die beiden gut befreundet waren, überlegte sie, ob es nicht vielleicht doch eine Strafe gegeben hätte, die ihr auferlegt worden wäre, wäre sie zu spät gekommen. War Tim deshalb enttäuscht? Sie fragte sich ob ein Mensch sich in so kurzer Zeit so stark verändern würde, schließlich hatte Tim nie Groll gegen sie gehegt. Das Thema Strafe jedenfalls würde schon bald beantwortet werden, da einige Mädchen aus Kabine 3 noch fehlten. Julien lief mit den anderen zum warmlaufen, während Alex und Philipp sich an der Tür postierten. Tim fing ebenfalls an sich warmzulaufen, während Frodo die Tradition ihres Sportlehrers fortführte und die Musikanlage aufbaute.

Alex stellte sich neben die Tür. Begeistert war er nicht von seiner Aufgabe, aber was sollte er tun? Die Mädchen kamen zum Teil bereits zum zweiten Mal zu spät. Fast zehn Minuten nachdem das Sportprogramm begonnen hatte kamen die Mädchen kichernd in die Sporthalle. Alex und Philipp blockierten ihnen den Weg. „Ihr seid zu spät.“ Stellte Philipp fest. „Ach stellt euch nicht so an.“ Versetzte eines der Mädchen. Philipp grinste böse. „Oh doch, wir stellen uns an. 15 Liegestütze, aber dalli!“ Die Mädchen schauten sich erst verwundert, dann verärgert an, fügten sich jedoch der Anweisung. Dann gesellten sie sich zu den Sporttreibenden. Alex sah Philipp an. „Das ist echt scheiße seine Klassenkameraden bestrafen zu müssen.“ Konstatierte er. „Wir wussten alle worauf wir uns eingelassen würden.“ Antwortete Philipp mit steinernem Gesicht. Es war offensichtlich, dass auch er nicht von seiner Rolle begeistert war. „Aber es hätte auch schlimmer kommen können. Ich meine wir sind doch wenigstens noch relativ fair.

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Das Projekt Einigen Leuten trau ich zu, dass die Zuspätkommende sich vor der ganzen Klasse ausziehen lassen würden.“ Er grinste „ich glaube es ist wirklich besser so.“ Ja, dachte Alex, die Frage ist nur was wir nach 4, 5 Wochen in unserer Rolle machen.

Am nächsten Morgen schien die Sonne. Tim schlug daher vor das Sportprogramm nach draußen zu verlegen. Alle stimmten zu, und so führten die vier Wärter ihre Klassenkameraden zum großen Rasenplatz. Es war noch frisch draußen und der Rasen war noch leicht feucht vom Tau, aber beim Laufen wurde allen warm. Lukas äußerte Alex gegenüber den Vorschlag etwas Musik zu spielen. Alex kam es vor, als sei er, der größte Junge unter den Insassen eine Art Sprecher der anderen geworden. „Wenn ihr Musik spielt, ist das Programm leichter zu absolvieren, außerdem mögt ihr die Musik doch auch.“ „Ja schon, aber wenn wir die Anlage hierhin schleppen ist die im Null-Komma-Nix feucht und im Arsch.“ „Hm. Stimmt, aber ihr könntet doch ne Plastiktüte drunterlegen…“ Alex dachte nach. Würde er zustimmen konnte das die Machtposition der Wärter untergraben, oder zumindest ihm als Schwäche angekreidet werden. „Nein,“ sagte er, „jetzt nicht. Aber wenn ihr unbedingt Musik haben wollt könnt ihr ja singen.“ Alex grinste. Lukas murmelte etwas, das Alex nicht verstand und zog davon. Er blickte Lukas noch lange nach, dann beobachtete er wieder die Masse wie sie sich unaufhaltsam in eine neue Runde begab.

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Das Projekt FÜNFTES KAPITEL Der zehnte Tag, 13.00 Uhr Die Wärter saßen zusammen und beratschlagten wie es weiter gehen sollte. „So wie es jetzt ist, ist es doch langweilig!“ meinte Frodo, „ich meine was haben wir bisher gemacht? Sportprogramm. Ich bitte euch amigos!“ „Und was bitte? Also mir fällt nichts ein.“ Antwortete Alex. „Unsere Machtposition aufs blutrünstigste ausnutzen!“ warf Philipp sarkastisch vom Türrahmen aus ein. Der Wachhabende lehnte sich in den Raum hinein und fletschte die Zähne. „Und was brächte uns das?“ Philipp grinste: „Wir könnten jedenfalls mal ein wenig herum probieren, was die Herren Kollegen so alles mit sich machen lassen.“ „Völlig verrückt. Warum sollten wir das tun? Und woher wissen wir wie weit wir gehen können? Ich halte von der Idee nichts.“ „Das werden wir schon feststellen, Alex, das werden wir schon feststellen…“ Tim grinste nun genauso böse wie Philipp. Alex dagegen blieb skeptisch. „Und was genau sollen wir machen? Vielleicht stimmt ihr mich ja mit ´ner guten Idee um.“ Die anderen dachten nach. „Wachablösung!“ rief Philipp durch den Türrahmen und Frodo nahm die Position draußen ein. Als er in der Tür stand drehte er sich um winkte den anderen sie sollten mit hinauskommen. Vor der Glaswand die den Raum vor Kabine 1 abtrennte standen 2 große Schulterhohe Heizkörper. Sie waren etwa zweieinhalb Meter lang und zeigten den Gang entlang. Philipp und Frodo setzten sich mit einem Bein ausgestreckt auf die Heizkörper während sich Alex an die Glaswand und Tim an die Wand lehnten. „Wir könnten die Strafe fürs zuspätkommen erhöhen. 15 Liegestütze sind nicht so ganz viel.“ Meinte Tim. „Und was wäre deiner Meinung nach angemessen?“ „Keine Ahnung…“ „Wie wär‘s mit keinem Frühstück?“ schlug Frodo vor. „Dann krepieren die uns im Null-Komma-Nix. Das isset och net.“ Meinte Alex. „Einzelhaft!“ schlug Philipp vor.

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Das Projekt „Findest du das nicht ein bisschen übertrieben?“ fragte Alex. „Ja klar, das ist nicht nur übertrieben sondern völlig unangemessen. Aber wir können ja einfach mal sehen wie sie reagieren.“ „Ok, als wissenschaftlicher Versuch,“ grinste Alex, „aber wo möchtest du die Leute bitte inhaftieren? Kabine 1 ist besetzt, Kabine 2 mit 1 verbunden, 3 und 4 sind besetzt genauso wie 6 und die 5 ist mit der 6 verbunden. Und um sie in der Halle einzuquartieren sind es bestimmt zu viele.“ „Hm, stimmt.“ Philipp sah sich um. „Haben wir eigentlich auch einen Schlüssel für die anderen Kabinen?“ Philipp wies zu den Türen die auf der rechten Seite des Ganges eingebauten waren. Sie gehörten zur Realschule und deren Halle. „Leider nein. Das wäre sonst eine Möglichkeit gewesen.“ „Wir können sie ja nacheinander einzelinhaftieren…“ schlug Frodo vor. „Dauert zu lange“ beschied ihn Alex. „Wir brauchen was anderes.“ „Ich hätte da noch eine ganz andere Idee…“ meinte Philipp, „Spartanische Folter.“ „Was soll das denn sein? Und außerdem gibt es auch bei einem Knastprojekt Grenzen!“ protestierte Tim. „Spartanische Folter heißt eigentlich, dass an einem langen Holzstock oben und unten je ein Querbalken montiert sind. Die beiden Balken liegen sich gegenüber, und wenn man das Ding dreht und jemand da dran steht muss der immer abwechselnd springen und sich ducken.“ erklärte Alex, „ Das war es doch was du meintest, oder?“ Philipp nickte. „Bloß das wir das ganze hier so aufbauen sollten, dass wir um die Querbalken Decken oder sowas wickeln, als Polster damit sich niemand verletzt.“ Philipp stimmte ihm abermals zu. „Also ich weiß nicht. Wie sollen wir so etwas überhaupt machen? Wir haben gar nicht die Materialien dazu.“ „Das ist nicht das Problem. Wir könnten die Catering Kollegen bitten uns Holz, Kleister, zwei Decken und was wir sonst noch brauchen mitzubringen.“ „Gut so machen wir’s. Dann lasst uns schnell eine Liste machen bevor sie kommen.“ Philipp holte einen Block und wollte etwas darauf schreiben zögerte dann jedoch. „Wir müssen uns was Nettes überlegen wie wir das Teil nennen. Wenn wir sagen wir basteln uns eine spartanische Folter dann bringen die uns nichts mit.“

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Das Projekt Nach einiger Überlegung entschieden sie sich für den ‚Titel‘ Duck And Jump und kürzten es DAJ (gesprochen Dash also sprinten), und setzten eine Einkaufsliste auf.

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Das Projekt SECHSTES KAPITEL Der elfte Tag, 16.00 Uhr Alex, Frodo und Philipp saßen in der Sporthalle und bauten ihr neues Folterinstrument zusammen. Die Querbalken schraubten sie mit je 4 Schrauben an den horizontalen Balken. Das ganze wurde auf eine bewegliche Holzplatte geschraubt. Darüber bauten sie einen Kasten auf dem der gepeinigte sich bewegen sollte. Über eine Kurbel die am Ende einer Kette montiert wurde, wurde der Apparat bewegt. „Können wir gleich morgen ausprobieren.“ grinste Philipp.

Julien erwachte davon, dass Alex wie schon am ersten Morgen lautstark das Sportprogramm ankündigte. Schnell stand sie auf um nicht zu spät zu kommen, wurde aber von einem anderen Mädchen zurückgehalten als sie an ihre Sportklamotten wollte. Offensichtlich wollte sie, dass Julien zu spät kam. Hätte sie sich doch nur nicht am letzten Abend einige der Kabinengenossinnen zum Feind gemacht, als sie öffentlich einen Witz über die Frisur einer der Cliquen-Anführerinnen gemacht! Die andere ließ sie los, als klar war, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Zur gleichen Zeit sah Alex in der Sporthalle auf die Uhr und dachte mit sichtlichem Missvergnügen daran das Dash an einer seiner Freundinnen ausprobieren zu müssen. Aber er sah auch, dass einige seiner erbitterten Feinde zu spät kommen würden. Vermutlich hatten sie Julien aufgehalten. Diese jedenfalls rauschte in diesem Moment wie ein Blitz in die Sporthalle. „Sorry ich bin aufgehalten worden.“ sagte sie atemlos und blickte sich zu ihren Feinden um. Alex sage nichts. Im gleichen Moment kam Tim mit den anderen Zuspätkommern. Philipp übernahm das Reden indem er sagte: „Ihr seid zu spät. Das gibt Strafe. Aber bevor ihr euch auf Liegestütze einstellt, wir haben drüben in der anderen Sporthalle etwas neues aufgebaut. Also kommt mit und lernt eine neue Form der Bestrafung für eure Taten kennen.“ „Werd uns nicht zu theatralisch Philipp!“ grinste Frodo. Sie gingen hinüber. Julien beugte sich zu Alex hinüber und fragte leise „Was ist das?“ „Wir nennen es Dash. Du wirst gleich sehen, wozu es gut ist.“ Philipp zog eines der anderen Mädchen auf den Holzblock.

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Das Projekt „Versuch einfach den Stangen auszuweichen. Du warst 5 Minuten zu spät, also sagen wir mal… 3 Minuten Dash sollte dafür sorgen das du morgen pünktlich kommst. Und das gilt für jeden von euch! Frodo, würdest du drehen?“ Frodo nickte und setzte über die Kurbel den Apparat in Bewegung. Erst langsam, dann immer schneller drehte sich der Dash um die eigene Achse. Nach einiger Zeit war auch Julien an der Reihe.

Sie stellte sich auf den Holzkomplex. Ihre Beine zitterten. Sie war nervös. Sie blickte zu Frodo. Er sah weg. Sie nickte und Frodo fing an zu drehen. Julien sprang, duckte sich in endloser Folge. Ein Glück, dachte sie, das sie durch ihre Mitgliedschaft im Schulzirkus in solchen Dingen geübter war als manch anderer. Doch da sie in diesem Moment nicht aufgepasst hatte schmetterte der obere Balken ihr mit voller Wucht ins Gesicht. Durch Geschwindigkeit und Gewicht war der Aufprall so heftig, dass sie vom Podest stürzte. Sie schlug hart auf dem Boden auf. Ihr Gesicht fühlte sich an als gerade eine Bombe in ihrem Kopf explodiert wäre.

Alex sah nur wie sie von dem Balken voll erwischt wurde. Aus einem spontanen Impuls heraus wollte er zu ihr laufen und fragen ob alles in Ordnung sei. Philipp hielt ich fest. Alex besann sich auf seine Rolle und tat nichts.

Julien stand auf. Sie betastete ihr Gesicht. Es schien noch alles an seinem Platz zu sein. „Es fehlen noch eineinhalb Minuten.“ hörte sie Philipp sagen. Sie sah zu ihm herüber. Seine Augen waren kalt und ausdruckslos. Sie stieg wieder auf das Gerät und Frodo begann wieder zu drehen. Die Minuten kamen Julien wie Stunden vor doch irgendwann kam von Philipp der erlösende Ruf „Ende. Hinfort mit dir.“ Julien wankte von dem Podest in Richtung Bank, doch Tim baute sich vor ihr auf drehte sie an der Schulter in Richtung Durchgang zur anderen Sporthalle und sagte „Sportprogramm.“ Julien fühlte eine maßlose Wut in sich aufsteigen, sagte aber nichts. Langsam ging zu den anderen. Ihr Gesicht schmerzte bei jedem Auftritt. Doch noch größer war der innere Schmerz, das Gefühl von allen verraten zu sein. Vor dem Beginn des Projekts war sie mit Alex und Frodo immer gut befreundet gewesen, sie hatten sogar zusammen Musik gemacht. Und doch hatten sie sie bestraft obwohl auch ihnen klar gewesen sein musste das sie aufgehalten worden war. Sie verdammte dieses Projekt. Was hatte sie sich nur dabei gedacht als sie zugestimmt hatte. Ja, gut, Alex Erklärungen zu diesem Projekt waren einleuchtend gewesen. Wie der Charakter eines Menschen sich unter dem Einfluss von künstlichen Machtverhältnissen entwickeln würde, sollte das Projekt zeigen. Julien war schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen klar, dass der Charakter der 14


Das Projekt Teilnehmer sich verändert hatte. Zum schlechteren. Und das schon nach nicht einmal einem Drittel der Projektzeit. Sie spie in Gedanken aus. Projekt! Das klang viel zu positiv. Das hier war kein Projekt mehr, es kam ihr vor wie die Hölle. Sie überlegte sich auszusteigen. Eigentlich war es total einfach: Sie musste dazu ja nur den festgelegten Raum verlassen, einfach vorne aus der Tür gehen und sie würde disqualifiziert. Da war nur ein Haken: Der Gang auf dem die Tür lag konnte von den Insassen nicht einfach so betreten werden. Julien zerbrach sich den Kopf, kam aber auf keine Lösung. Sie bekam kaum mit, dass Alex das Ende des Sportprogramms abpfiff. In der Umkleide kam ihre Freundin Catharina ihr entgegen. Sie fragte was passiert sei. Julien erzählte, und vertraute ihrer besten Freundin auch ihre Gedanken über das Projekt mit. Catharina zögerte. Auch ihr stellte sich die Situation jetzt anders dar als noch vor ein paar Tagen. Gemeinsam feilten sie den ganzen Tag lang an einem ausgeklügelten Fluchtplan. Als sie schließlich früh schlafen gingen, lächelte Julien. Sie würden die Wärter um ein Schnippchen schlagen, soviel war sie sich sicher.

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Das Projekt SIEBTES KAPITEL Der dreizehnte Tag, 7.02 Uhr Lukas erwachte von einem lauten Knall. Statt, wie gewöhnlich, durch das Megafon zu rufen, hatte die Nachtwache wohl mit einem Hammer mehrfach vor die Tür geschlagen um sie zu wecken. Hektische Betriebsamkeit erfüllte die Kabine. Als sie pünktlich um viertel nach sieben in der Sporthalle standen, bemerkte er, dass Juliens Gesicht zum Teil bläulich angelaufen war. Er lief zu ihr hin und fragte, was passiert sei. Verbittert erklärte sie ihm was vorgefallen war. Lukas nickte mitleidvoll und stellte sich zurück zu den anderen Jungen. Alex ließ die, die schon da waren nach draußen auf den Sportplatz gehen, und wartete zusammen mit Tim auf die, die zu spät waren. Philipp und Frodo begleiteten Lukas und die anderen nach draußen. Es war bereits jetzt relativ warm und sonnig, und daher war es sehr angenehm draußen Sport treiben zu können. So empfand das auch Julien, die froh war ihren Plan schon heute durchführen zu können. Catharina dagegen war nervös. Sie konnte absolut nicht einschätzen wie die Wärter reagieren würden wenn sie versuchen würden zu fliehen. Julien fing an mit den anderen die Runden um den Platz zu laufen. Die äußere Bahn wurde von einem Zaum umgeben von dem aus man in ein kleines Waldstück gelangen konnte. Ihr Zielpunkt war nach drei Vierteln der Strecke an einem Stück Zaun von dem aus man über einen Maschendrahtzaun auf den Schulhof gelangen konnte. Wenn sie mit beiden Füßen den Schulhof verlassen hatten waren sie frei. Julien passierte die Hälftenmarkierung. Doch in diesem Moment gesellte sich Tim zu ihnen, als hätte er geahnt, dass sie etwas im Schilde führten. Catharina blickte zu Julien hinüber und wartete, ob diese das verabredete Zeichen geben würde. Doch Julien wartete. Tim wich ihnen jedoch wider erwarten nicht von der Seite. Nach zwei Runden wurde Julien langsamer. Catharina tat es ihr gleich. Tim lief erst mit normaler Geschwindigkeit weiter, dann ließ auch er sich zurückfallen. Julien gab das verabredete Zeichen und in diesem Moment schossen Julien und Catharina quer zur Bahn auf den Zaun zu. Tim blickte sich erst verdutzt um, dann rannte er ihnen nach. „Renn!“ schrie Julien Catharina zu. Die Angesprochene gab alles und sie hetzten dem Zaun entgegen. Nur noch wenige Meter trennten sie vom Zaun und im nächsten Moment sprang Julien schon am Zaun hoch und klammerte sich fest. Auch Catharina gelang es sich am Zaun hochzuziehen. Doch in diesem Moment kam Tim von hinten und zog sie heftig vom Zaun zurück. Julien krachte mit voller Wucht hintenüber auf den Steinboden. Sekunden später schlug Catharina neben ihr auf. In diesem Moment traten Philipp und Alex hinzu.

Es war ein seltsames Gefühl das Alex beschlich als er Julien und Catharina vor sich auf dem Boden liegen sah. Waren diese beiden nicht seine Freunde? Aber hatten sie nicht auf der 16


Das Projekt anderen Seite die Regeln gebrochen durch ihren Versuch zu fliehen? Alex musste sich entscheiden, was ihm wichtiger war: Freundschaft oder Projekt. Den Anderen war die Situation offenbar klarer. Ihren Gesichtern nach zu urteilen waren sie eindeutig gegen die beiden. „Lasst uns erst einmal reingehen.“ schlug Alex vor. Die Anderen stimmten zu und brachen das Sportprogramm ab. Dann gingen sie zusammen zurück in die Halle.

Julien fühlte sich Elend. Ihr Gesicht schmerzte immer mehr und ihr Rücken fühlte sich an als wollte er explodieren. Die beiden Mädchen waren von Tim und Frodo in die Mitte genommen worden, sodass sie jetzt nicht mehr weglaufen konnten. Als sie in der Sporthalle angekommen waren, sah diese plötzlich sehr bedrohlich aus. Jemand hatte das Licht gedimmt und sie waren nur zu sechst in der großen Halle. Alex sprach kurz mit den anderen woraufhin diese die Sporthalle wieder verließen. Er wartete bis die anderen den Raum verlassen hatten, dann herrschte er sie an: „Was habt ihr euch dabei eigentlich gedacht? Habt ihr eigentlich eine Ahnung in was für eine verdammte Scheiß-Lage ihr mich da gebracht habt? Was soll ich denn bitteschön jetzt machen?“ „Ist dir das nicht eh schon egal?“ giftete Julien zurück. „Nein, verdammt! Hast du gestern Morgen vielleicht mal auf die Uhr geguckt. Glaubst du im Ernst, dass du 3 Minuten lang gelaufen bist? Das waren gerade mal 2 Minuten. Und zwar in Übereinstimmung mit den anderen. Glaub nicht wir hätten nicht bemerkt was da am Werk war! Nur öffentlich konnten wir da nichts tun. Ich habe gestern Morgen die Anderen davon überzeugt, verdammt noch mal! Ihr zwei Volltrottel habt gerade mein Vertrauen verspielt. Jetzt wird euch niemand mehr helfen wollen. Und glaubt mir, die anderen sind schon kräftig dabei eine Möglichkeit zu finden euch zwei in getrennte Einzelhaft zu stecken.“ Die Mädchen wurden fahl im Gesicht. Alex dreht sich ohne ein weiteres Wort um und ging. Das Knallen der Tür klang wie der dumpfe Schlag einer Trommel aus der Hölle und verhallte nur langsam.

Alex kochte vor Wut. Als er in Kabine 1 eintrat bemerkte er, dass auch die anderen offensichtlich ebenfalls wütend waren. Alex setzte sich wie gewohnt an seinen Platz und diskutierte mit seinen Kollegen über eine Stunde lang wie sie Einzelhaft realisieren sollten. Doch sie fanden und fanden keine Lösung.

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Das Projekt „Wir können ja den Müllcontainer von da vorne holen und sie da einsperren…“ witzelte Tim irgendwann. Seine Kollegen grinsten und nahmen den Scherz auf: „Genau wir fragen die Catering Kollegen ob sie uns drei, vier von den Dingern reinholen können. Das wär doch mal was.“ spottete Philipp. Alex stand auf und sagte, im Gegensatz zu seinen Kollegen völlig ohne Spott in der Stimme: „Kollegen, genau so machen wir das. Die Kollegen vom Catering kommen gleich, die fragen wir.“ Die anderem sahen ihn verdutzt an. „Das ist völlig bescheuert.“ beschied ihn Tim. „Das ist ekelhaft.“ meinte Frodo „Ja, genau das ist es. Aber genau deshalb ist es auch abschreckend. Wenn wir die beiden eine Nacht lang einsperren wird es vor erst keine Fluchtversuche mehr geben.“ Nach kurzer Diskussion stimmten die anderen ebenfalls zu.

Julien setzte sich auf den Boden. Es war inzwischen stockdunkel denn irgendjemand hatte das Licht abgeschaltet. Catharina saß neben ihr und hatte den Kopf auf die Knie gelegt. Julien hörte ein Klicken wie von einem sich öffnenden Schloss, und ein leises Rollen, als ob jemand einen oder mehrere schwere Gegenstände durch die Halle rollen würde. Julien erhob sich langsam. Kurz darauf stand auch Catharina auf, und wie von Zauberhand glomm ein leichtes Licht auf. Die Schwärze wich nicht minder unheimlichem halbdunkel. Julien sah zwei Gestalten auf sie zu kommen, die zwei große annähernd viereckige Kästen schoben. Hinter einem der Kästen tauchte plötzlich eine dritte Person auf, es war Philipp. „Wir haben uns einstimmig dazu entschlossen euch zwei für zwei Tage und Nächte in Einzelhaft zu stecken. Das habt nun von eurem Fluchtversuch.“ In diesem Moment bewegten die beiden Anderen etwas an den Kästen. Julien stockte der Atem. Das waren keine einfachen Kästen, das waren große Müllcontainer in die Wärter sie und Catharina sperren wollten! Julien konnte ihren Brechreiz gerade noch unterdrücken als sie daran dachte zwei Tage und Nächte darin eingesperrt zu sein. Philipp grinste böse und machte eine einladende Handbewegung. Julien bewegte sich keinen Zentimeter. In diesem Moment trat Tim aus dem Schatten hervor und packte sie grob an der Schulter. Er zog sie hinüber und warf sie wie einen Sack in den Container. Julien schrie auf, nicht vor Schmerz aber vor Schreck und vor allem Ekel denn sie war auf etwas weichem gelandet. Catharina ging es nicht anders. Philipp knallte den Deckel mit den Worten „Have a nice day“ zu. Julien

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Das Projekt hörte ein Klicken. Scheinbar wurden die Container von außen zugeschlossen. Julien trommelte wild gegen die glitschige Außenwand. Philipp schloss den Container auf und bellte „was?“ hinein. „Was ist wenn ich mal aufs Klo muss?“ „Dein Pech.“ antwortete Philipp und schloss wieder ab. Sie klopfte leise gegen die Wand. „Catharina?“ fragte sie leise. „Ja?“ kam es dumpf von der Seite. „Ich glaube es war doch keine so gute Idee fliehen zu wollen.“ „Nein. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum wir nicht einfach so aussteigen können, wenn wir wollen. Ich meine es war doch offensichtlich, dass wir kein Bock mehr hatten.“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht hatten sie Sorge wir könnten anderen etwas erzählen was nicht wahr ist. Obwohl vermutlich schon die Wahrheit reichen würde damit Eltern und Lehrer hier mit Polizeigewalt einmarschieren.“ Julien wollte noch etwas sagen, hörte aber in diesem Moment Schritte. Eine wütende Stimme schallte durch die dumpfe Akustik des Containers: „Hier wird nicht gelabert!“ Ein dumpfer Knall ging durch den Container, der Sprechende hatte offensichtlich gegen die Plastikbox getreten. Auf einmal bewegte der Container sich, sie wurde von Catharina weggezogen.

Alex zog den schweren Container bis ans andere Ende der abgetrennten Drittelhalle. Morgen früh würde hier auch das Sportprogramm stattfinden. Doch was die Mädchen noch nicht wussten war, dass wegen ihres Fluchtversuches das Sportprogramm um die Hälfte verlängert werden würde. Die anderen würden sich bestimmt bedanken. Er lächelte böse in sich hinein, dann ging er zurück zu Kabine 1.

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Das Projekt ACHTES KAPITEL Der vierzehnte Tag, 6.50 Lukas wachte auf. Er blickte sich um. Die Kabine hatte sich verändert, jemand hatte mit schwarzem Filzstift dick „31. SEPTEMBER“ auf die Wand geschrieben. 31 September, der Tag an dem das Projekt enden würde. Ja, es hatte sich viel verändert und er konnte den Fluchtversuch von Julien und Catharina gut verstehen. Er fragte sich was aus den Beiden geworden war nachdem sie abgeführt worden waren.

Im selben Moment stand Alex auf um mit dem Gummihammer die Insassen zu wecken. Als selbige (bis auf drei) pünktlich in der Halle standen, stellte er sich auf einen Holzkasten und sagte: „Gestern hat es einen Fluchtversuch gegeben. Zwei eurer Mitgefangenen haben unsere Regeln aufs schändlichste verletzt indem sie versucht haben das Gelände zu verlassen. Sie sind daher dafür verantwortlich, dass ihr heute statt 60 Minuten 90 Minuten Sport machen müsst. Sie sind jetzt in Einzelhaft in den schwarzen Kästen hier,“ er zeigte auf den Kasten mit Julien, „und hier. Viel Spaß beim Sport.“ Er stellte sich an den Rand der Halle und beobachtete die Sporttreibenden. Der erste war bereits an dem Container angekommen. Er ballte die Faust und schlug mit voller Wucht vor das schwarze Plastik.

Julien hörte einen Knall und der ganze Container erzitterte. Der Nachhall schmerzte in ihrem Kopf. Immer wieder schlug jemand vor den Container. Julien versuchte sich vorzustellen, wie 15 Schüler an der Box vorbeizogen und bei jeder Runde mit der Faust vor das Plastik schlugen. Ihr Kopf schmerzte schon nach fünf Minuten als ob er zerplatzen wollte. Catharina fühlte sich nicht anders. Als das Sportprogramm vorbei war waren Julien und Catarina völlig fertig. Und der Gedanke das gleiche am nächsten Morgen noch einmal zu erleben verwandelte sie vollends in nervliche Wracks.

Alex sah zu den Containern hinüber. Mit Genugtuung stellte er fest, dass genau das eingetreten war, was er prophezeit hatte: Fast jeder schlug im Vorbeigehen vor den Container. Und das jede Runde. Die würden so schnell keinen Fluchtversuch mehr starten.

Julien hatte jedes Zeitgefühl verloren. Sie wusste nicht, ob sie den ersten Tag bereits überstanden hatte, oder ob er immer noch nicht vorbei war. Sie hatte furchtbaren Hunger

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Das Projekt und furchtbaren Durst. Ja, es war ein Fehler gewesen fliehen zu wollen. Offenbar konnte man nicht fliehen. Sie überlegte ob man sie, wenn sie sich ganz still verhalten würde, in Ruhe lassen würde. Sie hoffte darauf. Catharinas Gedanken gingen in die gleiche Richtung, und auch sie hatte Hunger und Durst. Sie versuchte ein wenig zu schlafen. Vermutlich schaffte sie das auch, jedenfalls war das nächste an das sie sich erinnerte, dass wieder jemand vor ihren Container schlug. Die Tortur begann von neuem. Wieder schlugen die Sporttreibenden in rascher Folge vor ihren und Juliens Container.

Nach Ende des Sportprogramms gingen Alex und die anderen Wärter zu den Containern um sie aufzuschließen. Die Einzelhaft war vorbei. Zuerst war Juliens Container dran. Alex schob den Deckel hoch. Eine Hand erschien am Rand des Containers. Sie war blass und zittrig. Langsam erschien Juliens Kopf. Die Hämatome waren zurückgegangen, dafür war das normalerweise ordentlich im Nacken zusammengebundene Haar wirr und schmutzig, genau wie der Rest des Gesichts. Aus ihren Augen stach ihnen mörderischer Hass, aber auch die unendliche Erleichterung die Tortur überstanden zu haben entgegen. Tim und Frodo zogen sie an den Armen aus dem Container. Ihr T-Shirt war auf dem Rücken eingerissen, genause wie Jeans. Völlig entkräftet sank Julien zu Boden. Sie schloss die Augen. Tränen der Erleichterung tröpfelten zu Boden. Während Alex bei ihr blieb zogen die anderen Catharina aus ihrem Container. Sie war noch entkräfteter als Julien. Philipp holte einen Eimer Wasser und goss ihn den Mädchen ins Gesicht. Danach führten sie die Mädchen zu ihren Kabinen.

Catherina war schlecht. Vor Nervosität. Weder sie, noch Julien konnten wissen wie die anderen reagieren würden. Philipp schloss die Tür auf und schubste sie hinein. Catherina und Julien blickte in steinerne Fratzen als hinter ihnen die Tür zugeknallt wurde. Niemand sagte etwas. Einige kicherten, als sie die beiden Mädchen in ihrem zerrissenen Shirts und Hosen sahen, einige hielten sich demonstrativ die Nase zu. Von hinten kam ein Mädchen mit langen dunkelbraunen Locken. Sie war eine gute Freundin von Julien und Catharina. Sie packte die zum Widerstand unfähigen Mädchen und schleifte sie in den Duschraum. Sie legte die zwei unter eine Dusche drehte den Hahn auf, und obwohl das Wasser kalt war gaben sie sich einfach dem Wasser hin, froh den Dreck der letzten zwei Tage los zu werden.

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Das Projekt NEUNTES KAPITEL Der fünfundzwanzigste Tag, 15.00 Lukas schaute auf. Sein Gegner hatte ein exzellentes Pokerface. Er deckte auf. Gewonnen! Irgendjemand hatte ihnen Karten besorgt und seit dem spielten sie fast jeden Nachmittag Poker oder andere Kartenspiele. Das erleichterte den sonst recht monotonen Tagesablauf sehr. Er sah sich um. Sein Nebenmann hatte einen dicken blauen Fleck auf der Nase, Zeugnis der Behandlung mit Smash wie sie die ‚Dash‘ Folter untereinander nannten. So viel verändert hatte sich seit sie vor über drei Wochen die Sporthalle betreten hatten um sie erst am 31. September wieder zu verlassen. Ein Datum, welches inzwischen zum Symbol der Freiheit aufgestiegen war. So hatte irgendjemand aus einem Spruch eine Tugend gemacht, und jeden Abend verabschiedeten sie sich, oft mit dem Wunsch es könnte tatsächlich so sein: Weck‘ mich, wenn der September zu Ende ist. Lukas blickte nach oben: Durch das Milchglasfenster in der Decke sah er, dass draußen die Sonne schien. Gerade als er dachte, man könne doch noch einmal hinausgehen, öffnete jemand die Tür; Die Wärter hatten offensichtlich dieselbe Idee gehabt.

Alex trat hinaus auf den Rasen. Tim hatte vorgeschlagen Fußball zu spielen, und so hatten sie kurzerhand die Gefangenen zusammengerufen. Es war auch eine Art Experiment ob man die Gefangenen einfach so an die frische Luft lassen konnte, ohne, dass sie gleich einen Fluchtversuch starteten. Doch Alex war zuversichtlich, die Idee mit der Einzelhaft in den Müllcontainern hatte die meisten selbst vom Zuspätkommen abgeschreckt. Er sah zu, wie die anderen spielten, da er selbst im Fußballspielen so unbegabt war wie jemand nur sein konnte. Doch gerade, als er dachte ‚läuft doch gut‘ sah er, wie eine Gestalt vom Eckpunkt des Rasens zum Zaun sprintete. Er schrie und gestikulierte wild zu dem Fliehenden hinüber. Doch wie schon Julien und Catharina scheiterte auch dieser Versuch. Diesmal war es einer der Jungen gewesen der fliehen wollte. Es war Lars, ein Junge mit relativ langen Haaren deren Farbe er selbst immer als Straßenköter-blond bezeichnete. Doch im Gegensatz zu Julien und Catharina wehrte er sich standhaft. Jedenfalls bis Tim ihm mit voller Wucht in den Unterleib trat. Lars brach röchelnd zusammen. Alex war geschockt. Tim und Lars waren immer beste Freunde gewesen. Hatte das Projekt sie inzwischen soweit verändert, dass sie selbst ihre besten Freunde verrieten? Alex wurde skeptisch. Er war eigentlich ein glühender Verfechter dieses Projekts gewesen, doch er wankte in seiner Meinung. Er überlegte sich von jetzt an besser aufzupassen was geschah. Das war nun erst einmal, dass Tim und Frodo Lars in die Halle zogen, während Philipp das Fußballspiel abbrach.

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Das Projekt Auch Lars wurde zwei Tage und zwei Nächte in Einzel(Container)Haft gesteckt. Es sollte ihm genauso ergehen wie allen anderen Verrätern des Projektes. Alex erschrak über seine eigenen Gedanken. War er auch schon soweit, dass er kurz vor dem Durchdrehen war? Er schüttelte den Gedanken ab. Nur ein Gedanke…, dachte er.

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Das Projekt ZEHNTES KAPITEL Der siebenundzwanzigste Tag, 9.00 Uhr Lukas blickte auf. Er war gerade unter der Dusche hervorgekommen, als die Tür zu Kabine 6 aufgeschlossen wurde. Die Wärter stießen Lars hinein und knallten die Tür zu. Die Szenerie hatte eine gewisse Trauer, die schnell in Hass umsprang, Hass gegen die Wärter. Doch Lars war wie Julien oder Catharina ein lebendes Beispiel dafür, dass dieser Hass zu nichts führte, außer Demütigung.

„Sie hassen uns.“ Stellte Alex fest. Die anderen nickten nur. „Gut, dass war von vorneherein klar. Die Frage ist nur, wie wir verhindern, dass die hier eine Revolte anzetteln.“ „An sowas glaubst du?“ fragte Frodo ungläubig. „Ich meine, ist das nicht ein bisschen paranoid?“ „Ich finde, Alex hat Recht. Wir sollten uns irgendwas überlegen was noch abschreckender ist, als das was wir jetzt schon tun.“ meinte Philipp. „Aber was? Ich meine mir fällt im Moment nichts Abschreckenderes ein, als zwei Tage lang im Müll zu liegen…“ Frodo blickte ratlos in die Gesichter seiner Kumpane. Sie überlegten einige Zeit, doch kamen erst auf keine Lösung. Nach etwa zwei Stunden unergiebiger Diskussion stand Frodo plötzlich auf. „Ich hätte da noch eine Idee. Eine in der Tat sehr grausame Idee.“ Seine Kumpane sahen ihn erwartungsvoll an. „Ich hab das letztens in ´nem Film gesehen. Da wurde jemand zur Strafe einfach…. Gebrandmarkt. Als Straftäter.“ Die anderen machten ungläubige Gesichter. Darauf hätten sie auch kommen können. „Und wie stellst du dir das vor? Wir haben doch keine Brandeisen hier!“ „Nein. Aber die brauchen wir auch nicht. Es reicht wen wir eine Gabel nehmen, die glühend machen und dem oder derjenigen auf die Haut drücken.“ Erklärte Frodo den anderen. Und die, stimmten zu. So nahmen sie also eine Gabel, bastelten an das Griffende einen weiteren Griff, damit man die Gabel gefahrlos halten konnte, und warteten auf ihr erstes Opfer. Und das ließ auch nicht lange auf sich warten: Es war Nadine, ein Mädchen mit randloser Brille, die sich in ihrer

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Das Projekt Funktion als Klassensprecher schon mehrfach bewiesen hatte. Sie hatte sich kurz vor Beginn des Sportprogramms auf einen Holzkasten gestellt und redete auf die anderen ein: „Leute, so kann das doch nicht weitergehen. Merkt ihr denn nicht was hier geschieht? Wir werden unterdrückt wie sonstwas! Wir müssen-“ Tim hatte sie gepackt und von dem Holzkasten heruntergezogen. Wortlos schleifte er die um sich schlagende und tretende Nadine hinter den Vorhang der die Halle von der ‚Folterhalle‘ abgrenzte. Auch Alex verschwand hinter dem Vorhang während Frodo und Philipp das Sportprogramm abbrachen. Sie banden Nadines Hände und Füße an einem Holzklotz fest. Dann nahm Alex zwei Streifen Paketband und klebte ihr damit den Mund zu. Tim machte das Metall glühend, jedoch so, dass Nadine es nicht sehen konnte. Er übergab es Alex, der es Nadine erst demonstrativ vor die Nase hielt und dann auf den entblößten Unterarm drückte. Ein nervenzerfetzender Schrei durchbrach die Ruhe, schmerzgepeinigt und immer schwächer werdend. Als Alex die Gabel abzog, war die Haut dunkelrot verfärbt. Dadurch, dass sie die Zacken der Gabel verbogen hatten kam ein Brandzeichen zustande, welches aussah wie ein V, wie Verräter am System. Das Projekt war zur Hölle geworden.

Julien verspürte einen beinahe unendlichen Hass auf die Wärter. Und sie beschloss etwas dagegen zu tun. Alle Versuche waren bisher gescheitert, doch sie war fest davon überzeugt etwas zu finden um sie alle zu retten. Auf einmal kam ihr eine Idee: Sie musste gar nichts großartig planen, sondern nur hoffen, dass die fast vier Wochen Sportprogramm sich bemerkbar machen würden. Sie klopfte heftig vor die Tür. Nur wenige Minuten später öffnete sich die Tür. Julien stieß ihren Kopf in den Magen des Wärters, dann rannte sie in Richtung Tür. Ein markerschütternder Schrei drang durch den Gang. Die Tür von Kabine 1 knallte auf, doch Julien rannte unbeirrt weiter. Doch in dem Moment, da sie sicher war die Flucht so gut wie geschafft zu haben warf einer der Wärter etwas. Und er traf. Julien fiel hinten über in eine wohlige Wärme. Als sie aufwachte starrte sie in boshaft grinsende Gesichter. Sie wollte ihre Arme bewegen, aber man hatte sie an einen Holzklotz gebunden, genauso wie ihre Beine. Schwerfällig drehte sie ihren Kopf zur Seite – und wurde vor Schreck beinahe wieder bewusstlos: Philipp hob gerade eine glühend heiße Gabel in die Luft, wohl um sie zu brandmarken, genauso wie Nadine.

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Das Projekt Alex sah den Schreck in Juliens Augen. Er blickte tief in ihre Augen. Erst wollte sie wegsehen, doch dann bekam ihr Ausdruck etwas Flehendes. Alex verspürte einen Stich: War ihm dieses Projekt wirklich so wichtig, dass er einen seiner engsten Freunde dafür brandmarken wollte? „NEEEIN!!!“ rief er, und schlug Philipp die Gabel aus der Hand. Die anderen glotzten ihn ungläubig an. „Verdammt! Was tut ihr…wir hier? Das ist Wahnsinn! Es-“ doch er kam nicht weiter: In diesem Moment schlug Tim ihm mit voller Wucht in den Magen. „Hast du den Verstand verloren?“ herrschte Philipp ihn an. Was danach geschah konnte hinterher niemand mehr genau feststellen, fest steht nur, dass Julien es irgendwie schaffte sich zu befreien und davonlief, während Philipp Alex das noch heiße Brandeisen auf den Arm drückte. Der schrie auf vor Schmerz wurde aber von einem Schlag ins Gesicht ruhig gestellt. „Und das war erst der Anfang.“ Sagte Philipp, „kommt Leute ich weiß etwas was für unseren Freund genau das Richtige ist…“ Die Anderen nahmen ihn an Armen und Beinen und trugen in durch die Tür, die kurze Treppe hoch direkt zur Tür von Kabine 6. Philipp öffnete sie. „Compadres, ich habe hier etwas für euch.“ Er gab ein Zeichen und die Anderen warfen ihn wie einen Sack Kartoffeln in die Kabine. Als Alex aufsah sah er, dass Philipp boshaft winkte bevor er die Tür mit einem lauten Knall schloss. Alex drehte sich um. Die Gesichter die ihn ansahen grinsten teuflisch. Noch bevor er aufstehen konnte, ließen sie ihre Wut an ihm aus. Nach wenigen Minuten wurde Alex schwarz vor Augen.

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Das Projekt ELFTES KAPITEL Der dreißigste Tag, nachmittags Als Alex aufwachte schien sein Körper nur aus Schmerzen zu bestehen. Es dauert eine Weile, bis er sich aufrichten konnte. Lukas stellte sich vor ihn. „Was ist hier passiert?“ fragte er. Alex stöhnte vor Schmerz als er erklärte was vorgefallen war. Als er fertig war blickte er in zum Teil verwunderte Gesichter. Das hatten sie nicht erwartet, was zum Teil wiederum darin resultierte, dass sie ihm nicht glaubten. Ein Wärter, der für eine Gefangene einsprang? Eigentlich undenkbar. Auf der anderen Seite war dieser Alex immer schon etwas verrückt gewesen. Vielleicht war ja doch was dran an der Geschichte. „Wir müssen etwas unternehmen. Dieser Vorfall hat mir die Augen geöffnet für das was hier passiert. Und nur gemeinsam haben wir eine Chance.“ „Und wie stellst du dir das vor? Sollen wir einfach alle verprügeln?“ „Nein, um Gottes Willen bloß nicht! Das wäre genau der falsche Weg. Aber Julien ist hoffentlich entkommen und das ist ein Hoffnungsschimmer. Sie wird Hilfe holen, wenn sie kann. Aber bis dahin müssen wir abwarten.“ „Ich find das scheiße. Wir sollten uns was ausdenken wie wir die Wärter überwältigen können.“ Meinte jemand von hinten. „Ok, Ok, aber erst einmal sollten wir was essen, ich hab Hunger wie ein Wolf.“ Alex strich sich über den Magen, der sich gerade gemeldet hatte. Lukas lachte freudlos auf: „Du bist gut. Ja klar gibt’s gleich essen, aber satt wirst du davon bestimmt nicht.“ In diesem Moment schloss auch schon jemand die Tür auf und bellte „Essen“ hinein. Die Jungs standen auf und gingen in Richtung Sporthalle. Alex quetschte sich zwischen Lukas und Lars und fing an zu essen. Es gab den üblichen Brei, den er bisher immer nur lauwarm gemacht hatte aber nie zu essen gewagt hatte. Jetzt musste er feststellen, dass das Zeug ebenso grässlich schmeckte wie es aussah. Er blickte zu den Wärtern hinüber. Seine ehemaligen Kollegen ließen sich zwar nicht gutes aber immerhin genießbares Essen schmecken. Ob er dabei auch so arrogant gewirkt hatte? Wahrscheinlich. Während des Essens bemerkte er, dass Julien tatsächlich verschwunden war. Aus dem Hoffnungsschimmer wurde ein Lichtstrahl.

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Das Projekt Er wollte gerade mit den anderen wieder zurückgehen, als ihn kurz vor der Tür Philipp einholte. „Du hast doch bestimmt wieder die Anderen aufhetzten wollen, oder?“ Alex fragte sich, ob es inzwischen ein Überwachungssystem gab, von dem er nichts wusste oder ob Philipp nur bluffte. Das Ergebnis jedenfalls war das Gleiche: Alex wurde von einem seiner besten Freunde in die Folterhalle geführt. Dort in der Ecke stand die spartanische Folter, die er zusammen mit Frodo und Philipp gebaut hatte. Nun würde er am eigenen Leibe erfahren wie es sich anfühlte selber auf diesem Gerät zu stehen. Wie beim ersten Mal stand Frodo an der Kurbel. „Aufhetzen von Häftlingen… was meinst du Tim, was gibt das?“ fragte Philipp süffisant. „Hm… ich weiß nicht…“ gab Tim sich nachdenklich „wie wär’s mit… 30 Minuten… obwohl… sagen wir mal 45. Wir wollen ja nicht zu nachgiebig sein.“ Die Anderen lachten dreckig. Alex wurde schlecht. „Na los, mach schon! Du kennst die Prozedur doch!“ rief Frodo ihm zu. Langsam stieg Alex auf das Podest. Frodo fing an zu drehen. Doch Alex, als unsportlicher Mensch denkbar gut geeignet für diese Foltermethode, bekam schon nach wenigen Runden den Oberbalken ins Gesicht geschleudert. Rücklings fiel er vom Podest und schlug hart auf den Boden auf. Die Anderen lachten und scheuchten ihn wieder auf das Podest. Als Alex eine Dreiviertelstunde später endlich vom Podest heruntersteigen durfte war sein T-Shirt befleckt mit Blut, sein Gesicht mit Blutspritzern übersät und seine Nase nur noch ein blutiger Klumpen. Unter andauerndem Gelächter jagten sie ihn aus der Halle, zurück in die Kabine. Dort angekommen sagte er: „Ihr habt Recht. Wir müssen handeln.“ Damit eröffnete er die Diskussion, wie man am besten vorgehen sollte. Sie diskutierten bis tief in die Nacht hinein, bis sie endlich einen Plan hatten: Sie würden dafür sorgen, dass ihnen von einem der Wärter die Tür aufgeschlossen würde. Den Wärter der dies tat wollten sie überwältigen, ebenso die anderen beiden die unweigerlich ihrem Kollegen zur Hilfe eilen würden. Dann würden sie den Schlüssel an sich nehmen, die Mädchen befreien und abhauen. Auch wenn das sehr simpel klang, so hatte es doch lange gedauert bis sie sich auf die Details geeinigt hatten.

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Das Projekt ZWÖLFTES KAPITEL Einunddreißigster Tag, 14.00 Alex hämmerte gegen die Tür. Der Plan hatte begonnen. Hinter ihm warteten die Anderen, bereit loszuschlagen. Das Schloss klickte. Langsam öffnete sich die Tür. Alex hielt die Hand hoch. Noch nicht. Als Tim, der die Tür geöffnet hatte, den Kopf durch den Rahmen steckte um zu sehen was los war, ließ Alex seine Hand hinunterfallen wie ein Fallbeil. Mit lautem Gebrüll stürzten sich die Jungen auf den Wärter. Tim hatte keine Chance. Nach kurzer, aber Heftiger Auseinandersetzung ging er zu Boden. In diesem Moment knallte die Tür von Kabine 1 auf und die Anderen Wärter rannten auf das Getümmel zu. Frodo hob sogar einen Stein, den er in Richtung der Revoltierenden warf. Mit einem lauten Aufstöhnen ging Lukas getroffen zu Boden. Die Anderen rannten unbeirrt weiter. Niemand kann sagen, ob es Zufall war oder die Fügung einer höheren Macht, aber in dem Moment da die beiden Gruppen aufeinander trafen barst die Plexigläserne Front des Ganges und eine Gruppe Uniformierter betrat das Gebäude, angeführt von Julien und den beiden Freundinnen von Philipp und Alex persönlich. Nach einer kurzen Rangelei waren die Wärter besiegt. Es folgten scheinbar unendliche Gespräche, unter anderem mit der Polizei und den Eltern. Gerüchte besagten, dass auf Anregung von Nadines Eltern die Wärter wegen Körperverletzung angezeigt wurden. Andere Gerüchte besagten jedoch auch, dass Tim bei der Prügelei mit der Polizei festgenommen wurde, dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt noch vor der Tür zu Kabine 6 gelegen und sich vor Schmerzen gekrümmt. Die Insassen waren nicht gerade zimperlich gewesen was ihre Methoden anging den Wärter zu fällen, und Tim war jemand der sich nicht so schnell fällen ließ.

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Das Projekt DREIZEHNTES KAPITEL Drei Tage später Langsam füllte sich der Videoraum, in dem sich die Klasse zu einer Art Nachwort zum Projekt traf. Alex ging noch einmal die Liste seiner Stichpunkte durch. Als alle eingetroffen waren, räusperte er sich und fing an zu reden: „Meine Freunde. Ich bin froh diesen Ausdruck wieder gebrauchen zu können, ohne mir dafür ein weiteres Mal blaue Flecken einzufangen. Doch bevor ich beginne möchte ich mich noch einmal dafür bedanken, dass ihr alle gekommen seid. Das mag komisch klingen, ist meiner Meinung nach aber im Hinblick auf die letzten Wochen nicht gerade selbstverständlich. Ebenfalls im Hinblick auf das Geschehene muss ich sagen: Es tut mir leid. Ich habe dieses Projekt vorgeschlagen. Und damit, fürchte ich, habe ich euer Vertrauen, vielleicht auch zu Recht, verspielt. Aber ich hoffe, das ihr mir verzeiht, auch uns verzeiht für das was wir euch angetan haben. Ich brauche keine heuchlerischen Worte zu machen, wir haben unsere künstliche Machtposition schamlos ausgenutzt. Erst aus Neugierde, wie weit wir gehen konnten, und hinterher aus purem Sadismus. Wie oft müsst ihr euch gefragt haben, was wollen sie noch alles mit uns machen? Wir haben euch gedemütigt, geprügelt, sogar gebrandmarkt.“ Einige zuckten zusammen, als er bei diesen Worten die Stimme anhob. Er seufzte. Es würde lange dauern bis sie wieder normal interagieren konnten. „Doch nun müssen wir uns fragen, wie wir das gemacht haben. Wie haben wir es geschafft, wir vier ganz alleine siebzehn andere zu terrorisieren. Denn das ist es was wir getan haben, wir haben euch terrorisiert. Ich sage nur ein Wort, Angst. Furcht hat euch dazu getrieben uns zu gehorchen, seid ehrlich mit euch selbst. Natürlich hattet ihr Angst, Angst davor geprügelt oder gar gebrandmarkt zu werden, wer hätte in solch einer Situation keine Angst gehabt. Und wir haben uns ganz schnell den Ruf angeeignet grausam und unbarmherzig zu sein. Unsere Freunde haben wir ebenso bestraft wie jeden anderen auch, unsere Freundschaften sind geradezu zerbrochen an diesem Projekt. Freundschaften, die zum Teil so alt waren wie diese Klasse, zum Teil noch viel älter! Einfach so zerbrochen an künstlich geschaffenen Machtverhältnissen. Ich hatte so etwas geahnt, ich hatte meine Gründe Philipp zu raten es mir gleich zu tun und seine Freundin von der Teilnahme abzuraten. Doch hätte ich niemals auch nur daran gedacht, dass das alles solche Ausmaße annehmen würde. Ich hätte eher mit einer Art… Vetternwirtschaft gerechnet wenn ihr versteht was ich meine. Doch es ist anders gekommen.“ Alex sprach noch eine ganze Zeit lang, doch irgendwann kam auch für seine Rede das Ende:

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Das Projekt „Und ich bitte euch, und bitte sagt dies auch so euren Eltern: Seht von Anzeigen ab. Ich habe mitbekommen, dass einige von uns angezeigt wurden. Unter normalen Umständen würde ich sagen, ja: zu Recht. Aber das hier ist etwas anderes. Auch wenn wir nicht unbedingt wussten worauf wir uns genau anlassen würden, so haben wir doch zumindest geahnt, dass es zu Ausschreitungen kommen würde. Ich bitte euch also darüber hinwegzusehen und lieber an alte Bande anzuknüpfen um zumindest einen Teil des Schadens wiedergut zu machen, der hier durch unser Versagen entstanden ist. Ich –“ „Willst du, dass ich DAS HIER, vergesse?!“ schrie Nadine nun von hinten. Sie krempelte ihren Pullover hoch und zeigte das Brandzeichen. Alex war klar, warum sie aufgebracht war. „Nein. Nein, das wäre falsch so etwas behaupten zu wollen. Du sollst nicht vergessen, sondern uns verzeihen. Und falls du es noch nicht weißt, auch ich weiß, was es heißt dieses Zeichen zu tragen.“ Er zog ebenfalls seinen Ärmel hoch und zeigt das Brandzeichen. Nadine setzte sich wieder. „Wenn ihr trotzdem etwas tun wollt, so tut dies, es kann euch niemand davon abhalten und es hat auch niemand das Recht dazu. Im Gegenteil, ich bitte euch auf euer Recht zu verzichten. Denn wenn ihr dieses Recht wahrnehmt, so wird dies unsere angeschlagene Gemeinschaft auf immer zerstören. Doch wenn wir unsere Fehler eingestehen, können wir versuchen die Wunden zu heilen und die Bänder der Freundschaft neu zu knüpfen. Bitte denkt darüber nach.“

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Das Projekt NACHWORT Am 18.12.2007 Tja, das war‘s nun. Alex hat seine Rede gehalten, Julien hat das Projekt gerettet, alle sind wieder glücklich und zufrieden. Oder etwa nicht? Wer weiß das schon. Fest steht nur, dass ich hier fertig bin, und nur noch ein, zwei Dinge sagen will. Erstens muss ich sagen, dass ich hoffe, dass ihr diese Geschichte genauso gerne gelesen habt wie ich sie geschrieben habe. Zweitens möchte ich einigen Leuten danken: Allen Leuten, die ihre Charaktere unwissend zur Verfügung gestellt haben Chris, der hier zum ersten Male mit seinem echten Spitznamen angeredet wird, für den Namen Dash und die vielen guten Worte über ICQ („17 Seiten voll kranker Gedanken…“) JP, der mir noch bevor ich ihn fragen konnte bewies, dass er grausam ist Kimmi, die mir verriet, dass Julien schneller ist als Catharina Becci, die sich bei mir beschwert hat nur so wenig sagen zu dürfen und zum Dank an Juliens Fluchtplan mit versagen durfte – das hast du jetzt davon… Lisa, die so schön geschockt war als ich sie fragte ob ich ihr in meiner Geschichte ein Brandeisen anlegen dürfte, und die mich dabei darauf aufmerksam machte, dass einige Szenen vielleicht doch wieder hinaus müssen. www.onomastik.com, weil es dort eine wunderbare Namensliste gibt, an der ich mich orientiert habe. Green Day von denen natürlich der „Weck mich…“ Spruch kommt Neben Green Day noch U2, Nirvana und Corvus Corax, deren Musik mich zum Teil sehr inspiriert hat Den Toten Hosen, die mir die Namenswahl von Alex etwas leichter machten Allen denen Dank gebührt, die mir aber im Moment nicht einfallen.

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http://www.artphoria.de/Work/CC1DEFA9-B323-4E70-A33E-2CC7CC95AAFE/70AFF32A-883F-4203-BBCD-DDE36B399D  

http://www.artphoria.de/Work/CC1DEFA9-B323-4E70-A33E-2CC7CC95AAFE/70AFF32A-883F-4203-BBCD-DDE36B399DF2/469C2C26-475D-4B71-812F-24CEC34BE9FC/...

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