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Wir leben in einer „Kultur der Knochen“5. Das „weniger ist mehr“ wurde nun auf die Spitze getrieben.

Ana Carolina Reston, 21 Jahre. Eliana Ramos, 18 Jahre. Luisel Ramos, 22 Jahre.

Für die Presse waren sie gefundenes Fressen und nicht viel mehr als drei Namen. Für die Modebranche wurden sie zum Desaster und ihren Familien und Freunden werden sie fehlen. Was läuft verkehrt, wenn schöne junge Frauen sich für den Traumberuf zu Tode hungern? Sind sie einfach nur dumm? Zu ehrgeizig? Und was ist mit denen, denen die dürren Models ein Vorbild sind? Jeder fünfte Fall von Magersucht endet tödlich. Doch warum deswegen aufhören mit Massenproduktionen in frauenfeindlichern Kindergrößen? Konfektionsgröße „Zero“ war schon klein, doch anscheinend noch nicht klein genug. Denn es geht noch kleiner. Stichwort „Double Zero“… Wo führt das noch hin? In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung wird zynisch aber treffend bemerkt, dass als nächstes eigentlich Konfektionsgröße „Negative Zero“ folgen müsste… Da hätte selbst eine Kate Moss Probleme ihren klitzekleinen Körper unterzubringen.

Wäre es bei Ana Carolinas Tod geblieben, hätte die Modebranche vielleicht so weiter machen können, wie bisher. Wenn ein Model stirbt, kann man das nicht gleich der Modeindustrie in die Schuhe schieben. Doch bei dreien binnen kürzester Zeit wird es da schon schwieriger. Hätte Karl Lagerfeld das vorher gewusst, hätte er sich seine im Nachhinein viel zitierte Äußerung wohl eher verkniffen. Denn der Designerguru selbst behauptet laut dem Spiegel, er habe in all seinen Jahren in der Branche noch nie ein magersüchtiges Model zu Gesicht bekommen. Da muss Lagerfeld wohl ab und an beide Augen ganz fest zu gedrückt haben, damit das an ihm vorbei gehen konnte… Vielleicht hat er sich aber auch einfach an den Anblick von magersüchtigen Models schon dermaßen gewöhnt.

Man darf nicht vergessen, wie ungeheuer mächtig die Modebranche ist. Und diese Macht nutzt sie auch aus. In Frankreich nennt sich das schlicht „unbegrenzt kreative Freiheit“6. In manchen Ländern erwirtschaftet die Modebranche einen beträchtlichen Teil des Bruttoinlandsproduktes. Und die Gewinne, die in anderen Ländern erzielt werden, kommen auch noch hinzu. Politikern sind eigentlich die Hände gebunden. 5

„Spiegel“ Magazin, Ausgabe Nr.:18/30.04.07, S.166, „Kultur der Knochen“

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„Spiegel“ Magazin, Ausgabe Nr.:18/30.04.07, S.167, „Kultur der Knochen“


Denn es ist ihre Aufgabe, die Wirtschaft und das Wachstum des eigenen Staates zu fördern, nicht zu blockieren. Wenn nun jedoch auf politischer Ebene eingegriffen würde, täten sie genau das. Vielleicht war das ja auch der Grund, warum so lange überhaupt nichts passiert ist. Deutschland. Julia Klöckner, jüngste CDU Politikerin im Bundestag hat ihre Berufung gefunden. Sie hat dem Magerwahn den Kampf angesagt. Selbstverständlich nimmt man sie da anfangs nicht besonders ernst, denn Politiker sind nicht wirklich vertraut mit dem Volk, das sie regieren. Bei all den Reformen ist das ja auch nur zu verständlich. Doch dann, als sie Fakten vorbringen kann, wird man hellhörig. Jährlich bis zu 400.000 Magersuchterkrankungen allein in Deutschland. Und noch schlimmer, diese Kranken kosten die Versicherungen 300 Millionen Euro im Jahr. Und plötzlich versteht jeder, warum etwas unternommen werden muss. Doch auch in Italien ist ein Stein ins Rollen gekommen, der nur noch schwer aufzuhalten ist. Regeln über Regeln, die sicherstellen sollen, dass die LaufstegMädchen gesund sind und vor allem – bleiben. Und das ist schon um einiges gewagter als in Deutschland. Denn Italien verdient viel an der Mode. Deutschland nicht. In der Bundesrepublik sind die Kosten für essgestörte Patienten vermutlich höher als die Einnahmen der deutschen Modeindustrie. Nicht so in Italien. Labels wie Prada, Armani und Versace bringen fette Summen mit ihren dürren Models ins Staatssäckel, und dementsprechend lieb sollte die Regierung mit der Modebranche umgehen. Und bis dato tat sie das auch. Doch die Jugend- und Sportministerin Italiens Giovanna Melandri ist nicht länger lieb, auch wenn die Konsequenzen unschön sein könnten. Dieser Mut ist beispielhaft, jedoch nicht unbedingt ansteckend. Denn Frankreich sieht das, wie so oft, ganz, ganz anders. Hier wurde diese „lästige Diskussion“ kurzerhand „vom Tisch gefegt“7. Und weil die Franzosen es schon immer mit der Freiheit hatten, wollen sich auch die Modemacher nicht in ihrer Freiheit beschneiden lassen. Sicher müsse man Models über die potentiellen Gefahren der Magersucht aufklären, doch mehr auch nicht. Gisele Bündchen sieht es ohnehin ganz anders. Denn sie meint, die Eltern tragen die Verantwortung für die Magersucht nicht die Modebranche. Und sie muss es schließlich wissen, als eines der erfolgreichsten Models der Welt. Wenn sie recht hat, haben Millionen Eltern weltweit kollektiv versagt. Denn so viele Menschen leiden dem Spiegel zufolge an Magersucht und Bulimie.

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„Spiegel“ Magazin, Ausgabe Nr.:18/30.04.07, S.167, „Kultur der Knochen“


Nach

Angaben

der

Bundeszentrale

für

gesundheitliche Aufklärung sind fast 50 Prozent der weiblichen Jugendlichen in Deutschland unzufrieden mit

ihrem

Körper.

erschreckender

Und

Tatsachen

aufgrund entstehen

solcher dann

Bündnisse von Hungerexpertinnen. All diese KateJüngerinnen, oder „Pro-Anas“, versuchen anders zu werden, dünner zu werden, perfekter zu werden. Denn Moss hat es geschafft. Dass sie Alkoholikerin war oder ist, und dass sie Drogen genommen hat, oder nimmt, all das kann den Glamour der 33jährigen Britin nicht trüben.

Und während Kate anfangs noch als „Model of imperfection“ verkauft wurde, hat sich im Laufe der zeit klammheimlich der Spieß umgedreht, und aus dem „Model of imperfection“ wurde das „Model of perfection“.

Das russische Topmodel Natalia Vodianova hat das Kernproblem der Magersucht in der Modeindustrie vielleicht am gekonntesten auf den Punkt gebracht. Denn sie weiß wirklich, wovon sie spricht. „Ich habe das selbst nicht bemerkt, weil im Grunde alle anderen Mädchen und mich herum ja auch krank waren“8. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Sätze wie „Mami, ich muss noch viel mehr abnehmen, um Arbeit zu bekommen“,9 zeugen eher von einer Verantwortung der Modeindustrie für magersüchtige Models, als einer Schuld der Eltern. Ana Carolina Reston hat das gesagt. Und Ana Carolina Reston ist jetzt tot. Sie starb im Alter von 21 Jahren an den Folgen ihrer schweren Magersucht.

Und auch, wenn ein Karl Lagerfeld nichts gesehen haben will, und eine Gisele Bündchen meint, ausschließlich die Eltern seien zu verurteilen, der Tod dieser drei jungen Models sollte doch im besten Falle nicht vollkommen umsonst gewesen sein. Würde deren Tod zu einem Umdenken des mafiosen Modediktats führen, würde man

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„Spiegel“ Magazin, Ausgabe Nr.:18/30.04.07, S.168, „Kultur der Knochen“

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immerhin einen tieferen Sinn dahinter erkennen kĂśnnen. Ă„ndert sich jedoch nichts, war alles reine Verschwendung. Doch was heiĂ&#x;t das schon in einer Konsumgesellschaft?

http://www.artphoria.de/Work/6EB43581-4B42-40C3-8239-BA88260E2BB0/4076D816-B890-4C73-921B-4836C718B0  

http://www.artphoria.de/Work/6EB43581-4B42-40C3-8239-BA88260E2BB0/4076D816-B890-4C73-921B-4836C718B055/F5BAF61A-4211-4E8D-B1DC-6B6CCE21CF26/...