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Die Sache mit dem Fortschritt... Der Fortschritt lauert hinter jeder Ecke. Er verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Zumindest der technische. Mobilität regiert unser hektisches Dasein. Wer nicht gestresst, gehetzt und überfordert ist, liegt eigentlich nicht im Trend. Wir checken unsere Mails in der S-Bahn, schauen das Heute Journal in der U-Bahn auf dem iPod, bestellen eine DVD nachts um drei bei Amazon und lassen sie uns am nächsten Tag liefern. Wir hören ein Lied und laden es wenige Sekunden später aus dem Internet herunter. Wir nehmen unsere Mahlzeiten unterwegs ein und sogar der Kaffee ist dem Fortschritt sei Dank heutzutage ‚to go’, wie es neudeutsch so schön heißt. Erspart uns die Technik Arbeit, oder erlaubt sie es uns mit ihrer Hilfe in derselben Zeiteinheit noch mehr zu arbeiten? Der Wirtschaftsfaktor Zeit ist der moderne Feind. Denn es gibt nicht genug. Es gibt nie genug. Doch als moderner Mensch versucht man genau diesen Fakt mit allen Mitteln zu ignorieren, und so geht man zum Abendyoga, macht in der Mittagspause ein bisschen Pilates, nachdem man seinen gemischten Salat mit Diätdressing im Eiltempo verschlungen hat, bringt Hemden zur Reinigung, rennt zur Apotheke, um sich mit auflösbaren Vitaminen auszustatten, sucht Freunde im Internet, weil man die echten immer seltener sieht, räumt die Wohnung auf und kocht zu Abend eine nahrhafte, aber vor allem gesunde Mahlzeit mit niedrigem glykämischen Index, ohne Zusatz von Konservierungsstoffen, oder Zucker und natürlich ohne Fett. Die richtig engagierten kaufen Bio und gehen im Anschluss noch eine Runde Walken, weil Spazierengehen altmodisch ist. Am Wochenende werden dann all die Aktivitäten erledigt und abgearbeitet, für die unter der Woche keine Zeit geblieben ist. Man besucht hastig die Eltern, geht mit den Kindern in den Zoo, trifft Freunde, wäscht, trocknet und bügelt. Man telefoniert und schreibt Mails und dann ist schon wieder Montag und alles beginnt von vorne. Vielleicht sollten wir den Fortschritt als das sehen, was er ist. Nämlich als Schritt. Was wir daraus machen, hat mit einem Schritt nicht mehr viel zu tun. Es ist ein Lauf. Der Fortlauf der Technik und der medizinischen Erkenntnisse mag uns in mancherlei Hinsicht das Leben erleichtern und uns gut tun, doch können wir bei diesem Tempo dauerhaft mithalten? Macht uns nicht eigentlich das ständige rennen und hetzen in Wahrheit krank? Könnte es nicht sein, dass erst die ganze Technik und die daraus angeblich resultierende Arbeitsersparnis uns stresst?


Viele Menschen sind heute eine erschreckende Mischung aus gehetzt und träge. Sie wuseln sich durchs Leben und sterben mit Mitte vierzig an einem Herzinfarkt. Die Zeit ist grausam, sie ist hart und unbarmherzig, denn sie hält nie an. Und weil wir für nichts Zeit hatten und alles auf später verschoben haben, weil wir uns sicher waren, dass es das Später sicher geben wird, bleiben Träume eben Träume, und werden dann mit uns zu Grabe getragen. Gerade war man noch jung und dynamisch, voller Motivation und kreativen Ideen und plötzlich sind da Falten, Schulden und die Erkenntnis, dass man vielleicht früher einfach naiv war. Sicher hat man Verantwortung, sicher sind da Dinge, die gemacht werden müssen, doch was ist mit all den Dingen, die wir dafür opfern? Was ist mit Freunden, dem Partner, der Familie? Was ist mit den Leidenschaften? Und was mit den Träumen, die man Anfang zwanzig noch hatte? Wir sind abhängig von Technik. Wir sind süchtig, ohne es wirklich zu merken. Erst wenn das Internet plötzlich streikt, oder der Handyakku leer ist, realisiert man, dass man von der Außenwelt abgeschnitten ist. Wenn uns das Handy oder das Blackberry nicht rechtzeitig an unsere diversen Aufgaben oder Termine erinnert, oder wenn der Telefonanschluss abgestellt ist, müssen wir uns auf einmal wieder auf uns selbst verlassen. Alle Telefonnummern, alle Adressen, alle E-Mail-Adressen, alle Termine, alle Aufgaben stecken in unseren kleinen Helfern, die inzwischen schon viel mehr geworden sind, als nur kleine Helfer. Wir haben sie in unserem täglichen Leben schon vor langer Zeit unbemerkt zu externen Gehirnregionen befördert. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe Technik, ich liebe das Internet und ja, ich bin süchtig. Doch manchmal, ganz selten, frage ich mich, ob wirklich ich die Technik beherrsche, oder ob es nicht eigentlich so ist, dass sie mich beherrscht. Manchmal, wenn mein Handy mich an einen der vielen Termine erinnert, oder ich eine Mail schreibe, oder wenn ich eine Sendung aus dem Fernsehen aufnehme, dann frage ich mich, wie ich ohne leben konnte. Und wissen Sie, was vor ein paar Tagen dann aus heiterem Himmel passiert ist? Mein wunderbar heißgeliebtes Programm, das über Monate brav alle Filme und Dokumentationen für mich aufgenommen hat, steht an der Schwelle zum Tod. Nach spätestens vier Minuten wird jede Aufnahme jäh unterbrochen und das Programm beendet. Und wissen Sie, was das bedeutet? Ich muss tatsächlich wieder Werbung ertragen. Ich muss Sendungen dann anschauen, wenn sie tatsächlich laufen, und ich muss mich selbstständig daran erinnern, dass ich etwas ansehen wollte. Und das ist vielleicht das schrecklichste, denn meistens denke ich nicht daran. Ich bin es nicht mehr gewöhnt. Denn dafür war ich nicht mehr zuständig. Die Technik war das. Denn dafür ist sie da. Dafür haben wir doch den Fortschritt. Die Technik ist unser Diener. Der Diener, von dem wir in Wahrheit inzwischen längst


abhängig sind. Der Diener, der insgeheim unser Leben mitbestimmt, der Diener, der uns das Denken abnimmt und sich um alles kümmert. Ob Technik das Leben erleichtert? Ich weiß es nicht. Im Grunde ja, doch der Preis den man zahlt ist vielleicht höher, als man manchmal denkt. Denn denken tun ja jetzt die Maschinen für uns, wir haben schließlich keine Zeit dafür. Dem Fortschritt sei Dank.

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uns nicht eigentlich das ständige rennen und hetzen in Wahrheit krank? Könnte es nicht Freunde im Internet, weil man die echten immer selten...