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14 „Ich habe mit ihr gesprochen, Bruder. Wir haben einen neuen Auftrag“, sagte sie zu dem Mann, der vor der Couch auf dem Boden saß und meditierte. Keine Reaktion. „Es ist ein wichtiger Auftrag und wird unserer Bruderschaft große Ehre erweisen …“, fügte die schlanke Gestalt hinzu, ohne die sanfte Stimme zu heben. „… und weiter?“ erwiderte der Mann mit der gleichen sanftmütigen Stimme vorausdenkend. Sein Blick blieb verschlossen. „Es muss wie ein Selbstmord aussehen. Man darf unser Werk nicht erkennen“, antwortete sie und empfand ein warmes Glücksgefühl über die tiefe Verbundenheit mit ihm. Mittlerweile konnte er jeden ihrer Gedanken lesen. „Und das Ziel selbst …“, fuhr sie fort, „… wird schwer bewacht“, ergänzte er leichtfüßig. Dann riss er seine Augen auf. „Von Offiziellen!“ „Ich freue mich darauf, mein Liebster“, hauchte sie in sein rechtes Ohr.

Lass uns die Einzelheiten durchsprechen, aber erst nach unserem Kampf! Dabei schnellte ihre Hand in Richtung seiner Kehle und wurde abrupt vom Unterarm des Mannes gestoppt. „Du wirst heute verlieren, Schwester!“ „Gern.“ „Ich weiß.“ Dynamisch glitt die graue Yacht über die rauen Wellen der Ostsee. Die Segeldrachen waren bereits 40 Meter vor dem Bug an der Leine aufgestiegen. Vielleicht werden sie uns auf ihren Sensoren sehen, dachte der Mann. Aber erst nach weiteren 20 Metern klinkte er sich aus und überließ sich dem salzigen Wind. Er brauchte sich nicht

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umzuschauen, um zu wissen, dass sie neben ihm war. Er fühlte es nicht, er wusste es. Auch die Frau hatte sich gleichzeitig von ihrem Drachen gelöst. Jetzt schwebten beide wie zwei einsame Zugvögel am schwarzen Himmel lautlos ihrem Ziel entgegen, der Insel Naissaar. Noch 23 Minuten bis zur Landung, dann würde der schwierige Teil des Auftrags beginnen. Der Tod eines Offiziellen war gut und richtig, aber er sollte auch als das Werk der Bruderschaft erkannt werden, hatte er argumentiert. Doch hier gingen offenbar andere Interessenslagen vor. Seine Ansichten spielten im großen Konstrukt der Bruderschaft eine untergeordnete Rolle. Er war lediglich ein Werkzeug und zusammen mit ihr waren sie das Werkzeug der Bruderschaft für außergewöhnliche Fälle. Fälle, bei denen Offizielle ihr unnützes Leben verloren. So wie auch heute. Ein Piepen in seinem InterCom signalisierte ihm, dass sie soeben vom Millimeter-Radar der Küstenwache erfasst wurden, passive Ortung. Wie auf Kommando stießen beide in einer schnellen Linkskurve auf das Anwesen herab. Zwei angreifende Raubvögel, lautlos und unsichtbar. Der Gleiter des Sicherungsteams stand auf der Landeplattform vor dem Haus. Die Wärmesignaturen verrieten ihnen, dass sich zwei Personen im Gleiter aufhielten, während nur eine Person den Haupteingang bewachte. Wie in einem Ballett, perfekt choreografiert, landeten die Todesengel auf dem schmalen Dach auf der Ostseite über der Veranda. Ein gleichmäßig starker Westwind trieb die Geräusche von den Bewachern weg. Sie lösten sich von ihren Gleitdrachen und schlichen geduckt über den Dachvorsprung, um sich vom Überhang herunter auf die Veranda fallen zu lassen. Vollkommen lautlos. Ohne Hast gingen sie auf den Eingang der Veranda zu. Die Tür zum Schlafzimmer war aus transparentem Dura-Liquid. So polarisiert, dass man sie im Moment nur von innen durchschreiten konnte. Die Frau fischte ein kleines, schwarzes Kästchen aus ihrer Kampfweste und hielt es an das Dura-Liquid. Es strahlte auf einer bestimmten Frequenz elektromagnetische Wellen aus. Diese besa-

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ßen keine hohe Reichweite, waren aber dafür konstant. In der Tür bewegte sich etwas. Als hätte man einen kleinen Kieselstein ins Wasser geworfen, tanzten nun ringförmige, kleine Wellen auf der Oberfläche und beruhigten sich nach wenigen Sekunden wieder. Die Frau packte das Kästchen wieder ein. Die Tür war jetzt umprogrammiert. Rasch schlüpften beide Gestalten hindurch und standen nach nur wenigen Schritten vor einem großen Himmelbett. Das aschfahle Licht der Nachtbeleuchtung warf graue Schatten auf die schlafenden Körper vor ihnen. Lautlos beugte sich der Mann über die schlafende Ehefrau und hielt ihr eine kleine Atemmaske vors Gesicht. Dabei ging er sanft und behutsam vor. Aus einer kleinen Hochdruck-Patrone an der Maske trat Xenon heraus, vermischte sich mit der Atemluft und sorgte für eine hocheffektive Betäubung. Nach wenigen Sekunden ging von der Ehefrau keine Gefahr mehr aus. Der Mann blickte zu seiner Partnerin. Sofort griff sie den schlafenden Ehemann an. Sie drückte ihm einen kleinen, mit Gel gefüllten Plastikbeutel als Knebel in den Mund und riss seinen Arm nach hinten, während sie ihr Knie auf seinen Rücken presste. Der irritierte, schmerzverzerrte Schrei ging in einem dumpfen Gurgeln unter; im Raum kaum hörbar und definitiv nicht wahrnehmbar außerhalb des Raumes. „Wenn du schreist oder dich wehrst, stirbt deine Frau sofort und danach deine Kinder!“, hauchte sie ihm ins linke Ohr und drehte seinen Kopf ganz nach rechts, wo er seine betäubte Frau und die schwarze Gestalt neben ihr sehen konnte. Der Geknebelte war vollends wach und verstand. Er nickte übereifrig. „Ich werde dich jetzt loslassen und du wirst zuhören!“ Nochmaliges, eifriges Nicken. Nachdem sie von ihm abgelassen hatte, drehte er sich um und krabbelte rückwärts von ihr weg, bis ihn die Wand in seinem Rücken stoppte. Seine Wirbelsäule und seine Schulter schmerzten höllisch. Er traute sich nicht, den Knebel anzufassen.

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Ihr Götter … Wer sind die und was wollen die von mir? „Wir haben einen Auftrag für dich, Diener der Unterdrückung!“, begann sie ihre Rede leise. Mit angestrengtem Blick versuchte das Opfer ihren Worten zu folgen. „Schon lange wartet die freie Welt auf ein erneutes Signal von uns und heute werden wir es ihr geben. Die Botschaft lautet: Niemand ist unerreichbar für die Bruderschaft der Schwarzen Schlange!“ Er verstand nichts von dem, was sie sagte, aber seine Angst stieg ins Unermessliche. „Du wirst unsere Botschaft tragen, nein, verbreiten wirst du sie!“, sprach sie bedeutungsvoll unter Zimmerlautstärke. Es folgte ein zittriges Nicken mit fragendem Blick. „Nimm jetzt deinen Knebel heraus und höre weiter zu“, wies sie ihn an und hielt ihm dabei einen Blaster vors Gesicht. Er zögerte einen Augenblick, dann zog er sich die Gel-Blase aus dem Mund. Er musste heftig würgen und begann, am ganzen Körper zu zittern. Mit einem verächtlichen Grinsen unter der schwarzen Maske fuhr die Frau mit den Anweisungen fort. „Hier ist eine kleine Kapsel. Die wirst du schlucken. Das ist ein niedrig dosiertes Nervengift, als Strafe für deine verbrecherischen Taten. Nichts im Vergleich zu dem, was ihr den freien Völkern antut, also erwarte von uns kein Mitleid.“ In panischer Angst schüttelte der Mann den Kopf und rang leise wimmernd nach Luft. „Du tust es! Oder du stirbst. Aber erst, nachdem du deiner Familie beim Sterben zugesehen hast!“, brach sie seinen Widerstand. „Diese Kapsel löst sich langsam im Magen auf. Du hast also genügend Zeit, deinen Leibarzt herbeizurufen, sobald wir wieder weg sind.“ Sie drückte ihm die kleine, braune Kapsel in die rechte Hand. „Wir beide gehen jetzt leise hinunter in die Küche. Dort holst du dir ein Glas Wasser.“ Sie sprach in einfachen Sätzen, damit er sich ihre Anweisungen merken konnte. „Danach schaltest du die Zimmer-

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überwachung ein. Ja, Elendsknecht, wir wissen davon!“ schob sie triumphierend ein. „Danach setzt du dich auf die Couch, wo du deinen großen Auftritt haben wirst. Die einzigen Worte, die ich dann aus deinem verlogenen Mund hören will, sind folgende. Hör genau zu: Ich bin schuldig und diese Schuld kann ich nicht reinwaschen!“ Sie wiederholte noch einmal den Satz. „Ich bin schuldig und diese Schuld kann ich nicht reinwaschen! Los, wiederhole!“ Mit wimmernder Stimme gab er die Botschaft wieder. „Gut! Und jetzt gehen wir.“ Sie zog ihn hoch und schubste ihn zur Tür. „Und denk dran, ich behalte dich im Auge. Ein falsches Wort, und mein Bruder hier kümmert sich um den Rest deiner Brut.“ Sein Herz flatterte, als er zur Tür ging. Schreien war keine Option, wegrennen auch nicht und an seine Waffe im Arbeitszimmer würde er auch nicht herankommen. Was aber, wenn er die Kapsel nicht schlucken würde? Ich kann ja so tun als ob … Angeblich zeigte sie nicht sofort Wirkung. Er musste nur das kleine Spiel mitspielen, die kurze Demütigung über sich ergehen lassen, dann würde er blitzschnell den Wachdienst alarmieren. Solange er unten sitzen blieb, konnte sie ihm nichts tun, ohne in den Fokus der Überwachungskameras und Sensoren zu geraten. Ja, das war ein guter Plan. Schnell das Beste aus einer Situation machen, das war schon immer seine Stärke gewesen. „Wann treten die Schmerzen ein und wie viel Zeit bleibt mir, um Hilfe zu holen?“, gab er sich ängstlich und unterlegen. „Wenn du die Kapsel geschluckt hast, hast du noch eine Stunde Zeit. Du schluckst die Kapsel, sagst deinen Satz auf und bleibst noch fünf Minuten sitzen. Dann gehst du wieder zurück ins Schlafzimmer zu deiner Frau!“ Er nickte. „Jetzt kein Wort mehr!“

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Leise gingen sie die Treppe hinunter. Auf halbem Weg blieb sie stehen und zeigte auf die offene Küche und danach in Richtung Couch. Er ging mit hängenden Schultern zum AluminiumWaschbecken, wo er ein Glas mit Wasser füllte. Die automatischen Sensoren erfassten ihn und zeichneten die Geschehnisse auf. Mittlerweile hatte er sich wieder im Griff. Dennoch setzte er sich mit wehleidigem Gesicht auf die GCS-Couch im Wohnbereich. Wie in einem Laientheater blickte er zur Regie, die auf der Treppe im Verborgenen saß. Ruckartig zeigte sie ihm den Blaster und ebenso ruckartig blickte er wieder in die Leere des Wohnbereichs zurück. Er atmete tief ein. Und sprach den Satz: „Ich bin schuldig und diese Schuld kann ich nicht reinwaschen!“ Dann nahm er die Kapsel demonstrativ in den Mund, trank das Wasser aus und stellte das Glas leicht theatralisch auf den kleinen Carbonit-Tisch vor sich. Er hatte es geschafft, die kleine Kapsel im Mund zu behalten. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sich die Frau von der Treppe erhob und in Richtung Schlafzimmer zurückschlich. Wie dumm von ihr, nicht nachzuschauen, ob er die Kapsel auch wirklich genommen hatte. Wie dumm von ihm zu glauben, in der Kapsel wäre das Gift gewesen. Sie hatte noch nicht die Tür zum Schlafzimmer erreicht, da lag das Ziel bereits in seinen letzten Zuckungen. Mit einem kurzen Röcheln und verkrampften Innereien verabschiedete sich der Offizielle von dieser Welt. Hoffentlich landet er in der Hölle, aus der er kam, wünschte sich die Frau inbrünstig. Ein Übel weniger! Lautlos ging sie zu ihrem Bruder zurück, der der frisch gebackenen Witwe behutsam die Atemmaske abnahm. Das Xenon würde in kürzester Zeit wieder aus ihrem Körper entweichen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Vorsichtig packte sie den todbringenden Knebel wieder ein, der noch auf dem Bett lag. So leise wie das Paar eingetreten war, schritt es wieder aus dem Raum. Während er sich nach den Wachen umschaute, programmierte sie das Dura-Liquid wieder um.

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Plötzlich ließ der Gleiter vor dem Haus die Rampe herunter. Der Mann gab seiner Partnerin ein Zeichen, beide ließen sich lautlos fallen und blieben wie angefroren am Boden der Veranda kleben. Auf seinem Display erkannte der Mann eine Signatur, die sich vom Gleiter in Richtung Haus bewegte. Sie ging zügig, rannte aber nicht. Entwarnung! Es war nur ein harmloser Wachwechsel vor der Tür. Der Wachmann am Eingang ging bereits auf sie zu und wartete nicht, bis seine Ablösung an der Haustür angekommen war. Die zwei tauschten ein paar unverständliche Sätze aus und trennten sich wieder. Die beiden schwarzen Gestalten blieben noch eine halbe Stunde auf der Veranda liegen und warteten, dass sich die neue Wache an die Geräuschumgebung gewöhnt hatte; in dem Wissen, dass ihre Aufmerksamkeit mit der Zeit etwas nachlassen würde. Ihr Auftrag war nahezu erledigt, nun mussten sie zurück zum Aufnahmepunkt über dem Meer. Langsam erhoben sie sich, schwangen sich leise auf das Dach und legten die Gleitdrachen wieder an. Sachte krochen sie zum meerseitigen Ende. Die sonst eher raue Ostsee brandete moderat, aber stetig gegen das Riff. Die künstliche Klippe der Insel war in den letzten Jahren mehrfach aufgestockt worden. Ursprünglich hatte die Insel nicht mehr als 27 Meter über dem Meer herausgeragt. Doch inzwischen war der höchste Punkt auf der Insel doppelt so hoch. Nach ihren Berechnungen würde die Höhe für einen Start mit den Drachen ausreichen. Der Mann blickte zur Seite in Richtung Gleiter. Die zwei Personen im Inneren würden sie nicht sehen können, sofern sie keine elektronischen Hilfsmittel benutzten. Die Nacht war einfach zu dunkel, ihre Tarnanzüge zu effizient und die Entfernung zu groß. Er schaute zu seiner Partnerin hinüber und wie auf Kommando richteten sich beide ein wenig auf. Sie kauerten auf der Stelle, während die Frau noch zwei kleine Schritte zur Seite machte, um ihn mit der Spannweite ihrer Schwingen nicht zu stören. Beide breiteten ihre Flughäute aus, deren Oberfläche sich sofort versteifte. Im

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Nu griff und zerrte der Wind in die Konstruktion an ihren Armen. Um sich nicht alle Knochen zu brechen, würden sie den Sturzflug im letzten Moment über dem Wasser abfangen müssen. Beide stürzten sich Kopf voran in den Wind. Die Felswand raste an ihnen vorbei und in Sekundenbruchteilen kam ihnen die aufgewühlte Wasseroberfläche entgegen. Die Frau drückte ihren Oberkörper durch, den Kopf in den Nacken. Rasend schnell zischte sie übers Wasser, vorbei an ihrem geliebten Bruder. Sie waren bereits so tief, dass sie ohne ihre Masken die Wassertropfen der Gischt hätten spüren können. Nach wenigen Sekunden war für ihn der Flug zu Ende. Mit einem dumpfen Platschen durchschlug er die Wasseroberfläche, während sie die Augen schloss und vertraute. Hart tauchte auch sie in die Wellen ein. „Hast du das gehört?“ „Was?“ „Da war ein Platschen!“ „Ach, sag bloß! Dir ist aber schon aufgefallen, dass wir auf einer Insel mitten in der Ostsee sitzen?“ „Du kannst mich mal!“ Die beiden Drohnen befanden sich auf der vereinbarten Position. Er hatte seine bereits übernommen, aber wo war seine Schwester? Im grünen Schleier der Ostsee konnte er zunächst nichts erkennen. Da! Ein schwarzer Schatten glitt an ihm vorbei, das Display in seiner Maske zeigte das richtige Symbol an. Geliebte … Unser Auftrag ist vollbracht. Sie hatte es geschafft, auch wenn sie ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war. Er war beruhigt, denn sie war schon immer eine gute Schwimmerin gewesen. Mit wenigen Zügen war sie an ihrer Tauchdrohne, um sie zu aktivieren. Bei gleichmäßiger Geschwindigkeit zogen beide ihre Unterwasserbahn in Richtung Yacht. Irgendwo hinter ihnen begannen sich ihre Flughäute im hoch salzigen Wasser zu zersetzen.

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Gr체ne Stille umgab sie. Ob der Offizielle die Kapsel tats채chlich geschluckt hatte?, fragte er sich. Irrelevant, antwortete sie ihm gedanklich. Es passt ins Bild des Selbstmords, und darauf kommt es an.

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http://www.artphoria.de/Work/2F28B6EC-2E6F-4E96-9EA9-33FF6A7F889A/7F9DBAE0-8FE3-4649-8E47-F70EFD2FF3  

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