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Das musikalische Gehirn der Großhirnrinde Man stelle sich die folgende Situation vor. Eine junge Frau sitzt im Auto. Sie hört Radio. Plötzlich beginnt ein Lied, das sie in ein Szenario zurück katapultiert, das bereits viele Jahre zurückliegt. Die Vergangenheit wird Gegenwart. Plötzlich kriecht sie durch ihren Körper. Durch eine simple Melodie kann alles wieder zum Leben erwachen. Es ist, als wäre es gestern gewesen, dass sie seine Lippen auf ihren gespürt hat, so als schmeckte sie noch immer den vollmundigen Rotwein. Sein Duft ist wieder da, seine kleinen Lachfältchen und die Grübchen in seinen Wangen. Seit Jahren hat sie nicht mehr an ihn gedacht, ihn nicht vermisst. Jeder kennt diese Situationen. Lieder, die an Erinnerungen und Gefühle gekoppelt sind, die sich in unser Gedächtnis eingenistet und wie eine Art Tätowierung in unsere Großhirnrinde gebrannt haben. Ein Lied kann urplötzlich Tränen in uns aufsteigen, uns wehmütig, oder wütend werden lassen, uns zum Lachen bringen, oder nachdenklich stimmen. Die Filmindustrie hat uns da über die Jahre natürlich geprägt. Einer der Gründe, warum die flimmernde Welt des Scheins dem echten Leben vorzuziehen ist, besteht zweifelsohne darin, dass in der Realität nie die richtige Musik einsetzt. Es ist die Musik, die uns zuflüstert, ob etwas romantisch, erotisch, spannend, melancholisch, tragisch oder traurig ist. Und weil wir auf Musik reagieren, ohne es kontrollieren zu können, schaffen es Filme uns zu berühren, uns zu verschrecken, oder uns zum Weinen oder Lachen zu bringen. Es sind meist nicht die Handlungen, oder zumindest nicht ausschließlich, die unsere Gefühle erreichen. Es sind die passenden Klänge. Wer das nicht glaubt, sollte mal „der weiße Hai“ ohne Ton anschauen. Dank der Schnelllebigkeit unserer Zeit, werden wir nun immer schneller, mit immer neuer Musik überschwemmt. Leider gehen in dieser Flutwelle an Klängen häufig die richtig guten Künstler unter. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass immer mehr Künstler immer kürzer im Geschäft sind. Geschmäcker werden immer ähnlicher, passend zu den Musikrichtungen. Die geografische Abgelegenheit Australiens scheint für die gänzliche Unbekanntheit vieler australischer Künstler verantwortlich zu sein. Das ist wahrlich tragisch, denn viele dieser Künstler haben das Format für die großen Bühnen, die Klänge für anspruchsvolle Ohren und bilden einen Ausgleich zu all den abgeschmackten, gleich klingenden Liedern, mit denen wir tagein tagaus beschallt werden. Pete Murray, Powderfinger, Little Birdy, Alex Lloyd und M. Ward, sind nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus der musikalischen Kulinarik, die der kleinste Kontinent in Petto hat.


Musik erinnert uns an Dinge, von denen wir glauben sie vergessen zu haben. Wir sind getränkt mit Erinnerungen. In einem Lied kann alles Mögliche stecken. Der erste Kuss, der erste Liebeskummer, alte Freunde, lange Autofahren, gute Gespräche, ein lang verblasster Sommer, ein Gesicht, eine flüchtige Berührung, ein Geruch. Jeder hat ein musikalisches Tagebuch, ohne es schreiben zu müssen. Das Leben schreibt es für uns. Unsere Erinnerungen tun das. Alles, was wir tun müssen, ist hinzuhören.


http://www.artphoria.de/Work/6EB43581-4B42-40C3-8239-BA88260E2BB0/A070B386-042D-45A3-BFD5-ADF93E4770  

im Geschäft sind. Geschmäcker werden immer ähnlicher, passend zu den Musikrichtungen. auf Musik reagieren, ohne es kontrollieren zu können,...

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