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40 Grand Tour der Moderne – Baden-Württemberg

Kremer’s Farbenwelt 1: M alerei als Architektur

Bruno Tauts Farbkonzept In un se re r R e ihe „ Kre me r’s Farbe nwelt“ br inge n wir z um 100 -jähr ige n Gr ündungsjubiläum d e s B a u h a u s e s i n We i m a r e i n e n B e i t ra g ü b e r F a r b e n , d i e i n d e r A r c h i t e k t u r a b A n f a n g

A R T M A P P   W I N T E R 2 018/19 — B A U H A U S 10 0

d e r 1 9 2 0 e r- J a h r e Ve r w e n d u n g f a n d e n .

Die Arbeitersiedlung „Onkel Toms Hütte“ ist im Berliner Volksmund nicht von ungefähr auch als „Papageiensiedlung“ bekannt: Zwischen 1926 und 1932 sind die Reihenhäuser am Rand des Grunewalds für 2.200 Menschen errichtet worden und sollten nach dem Willen ihres Architekten Bruno Taut eine fröhlich-lebendige Farbgebung erhalten. Sein Farb­ konzept war für Taut elementarer Bestandteil einer sozialen Stadtplanung. Die seit den 1920er-Jahren überall entstan­ denen Mietskasernen in tristem Grau bezeichnete Taut als „gebaute Gemeinheiten“. Auch im vorwiegend bürgerlich ­geprägten Stadtteil Zehlendorf stand Tauts Idee von Siedlungsarchitektur im Zentrum der sozialen Konfliktlinien der Weimarer Republik. Taut war ebenso wie zahlreiche andere Architekten, die aus der Gartenstadtbewegung und dem Reform­woh­ nungsbau hervorgegangen waren, ein Verfechter der utopistisch gedachten Verschmelzung von Architektur und Natur. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg entworfene Kristalllandschaften und Stadtkronen, etwa in seinen großen Bildzyklen „Alpine Architektur“ und „Auflösung der Städte“ von 1918/19, waren expressiv gezeichnete Erzählungen von einer harmonischen, unter Führung von „Weltbaumeistern“ gestifteten, zukünftigen Sozialordnung, die der industriellen Maschinenwelt diametral entgegenstehen sollte. Sie verraten zugleich Tauts malerische Begabung. Aus dieser malerischen Grundhaltung zu Licht und Farbe wird auch Tauts Vorliebe für Farben in der Architektur nachvollziehbar, mit der er gleichzeitig eine Alternative zur „weißen Moderne“ schuf, die sich, zumindest äußerlich, etwa in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder den Dessauer Meisterhäusern zeigte. Der Architekt Winfried Brenne, der neben ver­ sc h iedenen a nderen B auprojek t en Taut s auc h d ie Onkel-Tom-Siedlung vor wenigen Jahren historisch ­behutsam restauriert hat, reaktivierte hierfür nun Tauts Farbkonzept als deren elementaren Bestandteil. Neben dem sozialpolitischen Aspekt entdeckte Brenne dabei vor allem die bauphysikalische Funktion der mineralischen, erdpigmenthaltigen Farben, die Taut verwendet hatte und die sich wie bei einem Fresko dank ihres silikathaltigen Bindemittels

mit dem Untergrund verbinden konnten. Sie schillern unter dem Mikroskop in allen Farben des Spektrums und können das Sonnenlicht und Tagesstimmungen deshalb lebendiger reflektieren. So sollte die Farbe die Grenze zwischen den Gebäuden und ihrer von Bäumen und Rasenflächen bestimmten Umgebung auflösen. Auf feinem mineralischem Glattputz erhielt die weiße Südfassade mit roten Klinkerlisenen, Brüstungen und Sockel wieder ein leuchtendes Blau in den zurückgesetzten Obergeschossen, wie es ursprünglich von Bruno Taut konzipiert worden war. Die Nordseite leuchtet in zartem Gelb, die Obergeschosse und Balkone sind mit einem kräftigen Grünton versehen; Schwarz, Weiß, Gelb und Rot gliedern die Fassaden; innen haben Wände und Decken eine Dünnputzschicht erhalten und wurden ebenfalls mit mineralischer Farbe nach demselben Prinzip gestrichen. Ähnlich war Taut bereits in seiner Zeit als Magdeburger Stadtbaurat bei der Aktion „farbiges Magdeburg“ von 1921 bis 192 4 vorgegangen, als er mit seinem engen Mitarbeiter Carl Krayl ganze Straßenzüge und selbst das barocke Rathaus bunt übermalen ließ. Auch in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt sind Tauts Wohnsiedlungen aus den 1920er-Jahren mittlerweile schrittweise wiederhergestellt worden. In der Gartenstadtkolonie „Reform“, die Taut zwischen 1913 bis 1933 als Architekt erbaute, waren nach der Wiederver­einigung ­w egen des Mangels an Baumaterialien in der DDR noch ­v ielfach die Originalputze und R ­ este der ursprüng­l ichen ­Bemalung erhalten: Warmes Gelb und Ocker, Ochsenblutrot und Blau unterstützten die ­räumliche ­Staffelung der Bauten in den Straßen, setzten Stirn- und S ­ eitenwände der meist zweistöckigen Häuser ­voneinander ab und schufen Kontraste zwischen gegenüberliegenden ­Straßenseiten: links ruhig, rechts lebhafter – oder umgekehrt. Allein für die Haustüren sind 21 verschiedene Farbschemata dokumentiert. Ein zusammenhängendes Farbkonzept f ür die Stadt gab es dabei allerdings nicht. Die Architektenbüros ­S auerbruch & Hutton, Peter Kulka oder Friedensreich ­Hundertwasser haben mittlerweile die Konzeptionen Bruno Tauts für die heutige Zeit adaptiert.

Foto aus dem Buch: Bruno Taut, „Ein Wohnhaus“, Stuttgart 1927, farbige Blitzlichtaufnahme der Arbeitsnische, Obergeschoss seines eigenen Domizils in Dahlewitz bei Berlin, erbaut 1925/26

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ARTMAPP #19, Winter 2018/19  

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