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Rudolf Giesselmann

Ziel-Ort Hamburg Russlanddeutsche in Hamburg


Rudolf Giesselmann

Ziel-Ort Hamburg Russlanddeutsche in Hamburg

Fotoprojekt 2009

in Kooperation mit HVDaR (Hamburger Verein der Deutschen aus Russland)


Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung ‘Ziel-Ort Hamburg’ im Metropolis, Hamburg, April 2010 © Rudolf Giesselmann, www.seeit.de


Rudolf Giesselmann wählt für seine Folge von Fotografien von Russlanddeutschen das klassische Format des Portraitbildnisses. Auf je­der Fotografie ist eine Person abgebildet. Die Menschen werden alle in dreiviertel Ansicht frontal vor weißem, neutralem Hintergrund gezeigt. Die Gesichter sind zumeist ernst. Die Körperhaltung wiederholt sich: Die Arme hängen ohne Spannung hinab. Emotionen sind nicht zu erkennen. Diese Form der Darstellung lehnt sich an zahlreiche kunst- und fotohistorische Vorbilder an. Der neutrale, distanzierte Blick der Dargestellten und die objektive Abbildungstechnik wecken z.B. Assoziationen an polizeiliche Fahndungsfotografien lassen aber auch an die großformatigen Portraitfotografien von Thomas Ruff denken. Wie dieser nutzt Rudolf Giesselmann bewusst die objektive Aura des Mediums Fotografie: Die Bilder scheinen die gezeigten Menschen so wiederzugeben, wie sie sind, wie sie sich für die Aufnahmen präsentierten. Nicht zu erkennen sind die Gestaltungsmittel der digitalen Fotografien, die Giesselmann anwendet, um die Erscheinung der Personen zu vereinheitlichen und die Bildung der Reihe zu stärken. Seinen Bildern stellt Giesselmann auf einer Doppelseite Zitate der Dargestellten und

eine Landkarte ihres Lebensweges, einen Bild gewordenen Lebenslauf, gegenüber. Dieser Kunstgriff führt dazu, dass die so distanziert dargestellten Menschen für den Betrachter lebendig werden. Auf den Landkarten werden die Lebensstationen mit Nennung von Jahreszahlen nachvollzogen, so dass das einzelne Schicksal der Portraitierten deutlich wird. In kurzen Sätzen werden zudem private Details aus den verschiedenen Lebensabschnitten geschildert. Diese Textteile bebildern die Gesamtgeschichte der 69 bis 91 Jahre alten Portraitierten. Die Nennung der Namen verstärkt den Eindruck der Authentizität. Giesselmann gelingt es durch die Verbindung von vermeintlich objektiven Fotografien und privaten Erzählungen sowie verbildlichten Lebensläufen zu zeigen, wie unterschiedlich und zugleich ähnlich das Schicksal der Russlanddeutschen ist. Ohne Wertung zeigt er Menschen, deren Einstellungen zu Begriffen wie Heimat, Vertreibung und Migration grundlegend verschieden sind und die doch im Ziel-Ort Hamburg eine starke Gemeinsamkeit haben. Wiebke von Hinden, Hamburg, 2010


Äpfel, Jagody (Stachelbeeren), Johannisbeeren, Birnen (zwei Bäume), es war alles immer in Ordnung. [19]33 war ich zehn Jahre alt, da hat man uns alles weggenommen, sogar die Kuh, die Kuh das war doch unser Essen. Milch, Butter haben wir immer verkauft. Michael Zink

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Wir haben alle so viele Anspr端che und Klamotten. Man braucht das alles gar nicht. Man braucht nicht nur Brot, man braucht was f端r die Seele. Man braucht jemanden, den man mit Herzen aufnimmt und der einen auch aufnimmt. Ida Fallmann

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Wenn man verheiratet war, dann konnte man in der N채he des Mannes arbeiten. Ich war alleinstehend. Ich wurde weit weg geschickt. In die Taiga. Vom Institut, an dem ich studiert habe - 5.000 km. Wo man hingeschickt wird, da geht man hin. Gertruda Pantschenko

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42 Jahre habe ich in Kasachstan als Metallurgin gearbeitet. Das war eine echte Männerarbeit. Ich musste an den Stahlöfen die Temperaturen messen und gucken, ob ein Defekt da ist. Da haben die Füße ganz gut gebrannt. Lilia Winter

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In Kasachstan hat man gar nicht so gesp체rt, dass man Deutscher war. Die Vertriebenen aller Nationalit채ten haben zusammen gehalten - gearbeitet und gefeiert. Nach der Perestroika hat sich alles wieder geteilt. Mein Sohn war Oberst in der Armee, das hat vielen nicht gefallen, weder den Deutschen noch den Russen. Andre Kruse

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Ich habe nichts gelernt, weder auf Russisch noch auf Deutsch. Es gab zwar in Kasachstan eine Schule. Ich hatte aber nichts zum Anziehen, deshalb konnte ich da nicht lernen. Richtig lesen kann ich nur auf Deutsch. Das habe ich mir später selbst beigebracht. Gearbeitet habe ich bei den Schweinen [Kolchosbetrieb], als KÜchin und im Kindergarten. Rosa Hildermann

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Wir haben dort [4000 km östlich von Moskau] 57 Jahre gelebt und es hat uns auch gefallen. Wir hatten eine Schneiderei und haben Möbel gemacht. Ich musste die fertigen Sachen auf die Dörfer fahren und verkaufen. Wir haben aber immer gesagt, wir wollen nach Deutschland wegen der Kinder. Waldemar Günther

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Das Antideutsche ist in Russland sehr aufgerührt, bis heute noch. In der Schule, wenn ein Bruder eines Mitschülers [im Krieg] gefallen ist, hieß es: ‘Ihr Deutschen tötet unsere Söhne’. Ich war Abteilungsleiter in einem Bauunternehmen. Und der Chef und der Mechaniker waren Deutsche. Sie [die Russischen Arbeiter] sagten: ‘Unter Wölfen muss man wie ein Wolf heulen’. Andreas Dulson

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Ich unterhalte mich gern mit Einheimischen [Deutschen]. Ich lerne viel von ihnen. Ich konnte zuerst fast überhaupt nicht reden. Verstehen konnte ich. Manchmal gibt es in der S Bahn Menschen, die fragen, wenn sie Russisch hören. Sie erzählen von sich und wir von uns. Das muss auch so sein. Aber manche stehen auf und setzen sich weg. Irina Schmal

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3 1/2 Monate vor der Ausreise habe ich mit meinem Enkel Deutsch gelernt. Tag und Nacht. 100 Fragen Deutsch und Russisch. Als wir hier ankamen konnte er schon Deutsch lesen. Jetzt arbeitet er als Lagermeister, hat zwei Kinder und hat ein Haus gekauft. Die Terrasse ist noch nicht fertig. Katharina Seibel

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Mit 17 habe ich schon unter Tage gearbeitet und gleichzeitig studiert. In unserem Dorf waren Kasachen, Litauer, Ukrainer, WeiĂ&#x;russen, Tschetschenen, Deutsche und Russen. Alle haben zusammen gearbeitet, Hochzeiten zusammen gefeiert. 5000 Leute. Hier in Deutschland weiĂ&#x; ich nicht mal wer mein Nachbar ist. Viktor Neiwert

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Im Dorf gab es eine Balalaika und eine Mandoline. Musik war wichtig. Nach der Arbeit standen schon alle vor dem Haus. Das war immer ein Vergn체gen. Mit 14 habe ich schon an der Dreschmaschine gestanden. Musik hat viel geholfen. Vielleicht w채re ich sonst nicht so jung. Richard Horst

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1930. Wir haben aus dem Fenster geschaut und die Fuhre mit den Deportierten vorbei fahren sehen. ‚Diese Menschen haben es mit ihrem Fleiß erworben und jetzt wird alles enteignet’ sagte meine Großmutter. Meine Eltern waren Lehrer und mussten diese Politik begrüßen. Ich musste also mit zwei Meinungen leben. Albert Konstanz

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Ich war kein einziges Jahr in der Schule, nicht auf Russisch, nicht auf Deutsch. Ich musste sofort schaffen, weiter nichts. Als Maler und Stuckateur. Es war schwer, aber die Arbeit hat mir gefallen. Mit zehn Jahren kam ich ins Kinderheim. Da habe ich alles Deutsch vergessen. Das wieder zu lernen geht so schwer. Frida Koretkova

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Bei uns waren 9 Kinder und ich war das letzte, das neunte. Meine Mutter rief mich immer ‚Karlos’. Ich war fßnf, da habe ich schon Harmonika gespielt. Musik hat so viel und ist voller Kraft. Es gab nichts zu essen, aber singen und musizieren kann man immer. Jetzt auch. Jeden Tag spiele ich Musik. Karl Kremer

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Im ersten Jahr steht man unter Schock. Man weiß nicht, was man sagen darf und wie man sich bewegen muss. Alles ist neu. Das Gedächtnis ist gelähmt und deshalb geht auch die Sprache nicht. Dann gewöhnt man sich an alles. Das lockert die Zunge und die Sprache geht auch. Man hat die Angst überwunden. Bertha Klippert

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Die Russlanddeutschen haben keine Heimat. Ăœberall sind wir nicht zu Hause. Dort waren wir die Faschisten und Hitlerdeutsche und hier sind wir die Russlanddeutschen. - Ich konnte nur zwei Jahre in der Schule lernen, musste schaffen gehen. Im Wald habe ich geschafft, dann im Kinderkrankenhaus, dann als Melkerin. Olga SchĂśnberg

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In Russland hat mir gefallen Disziplin und Ordnung. Das ist ein großer Unterschied zu hier. Die Disziplin ist zu schwach. Die Jugend ist nicht beschäftigt. Sie trinken. Mit 15 hatte ich schon zehn Menschen unter mir. Ich habe in der Furnierfabrik gearbeitet an der Maschine. Die Hölzer waren drei Meter lang. Wera Schmidtgall

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Ich bin doch weggeschleppt worden als kleines Mädchen. Da haben sie mir den Papa und die Mama genommen. Da sind keine Gefühle geblieben. Meine dritte Tochter sagt: ‚Mama, du hast uns zu wenig Liebe gegeben’. Ich sage: ‚Wenn du so gearbeitet hast wie ich’. Ich musste zwei Kilometer gehen, um das Wasser zu holen. Natalija Gorina

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Russland, das ist in unserer Familie vergessen. Das war mal. Kein Wort. Keine Frage: ‘Oma, wie habt ihr gelebt?’ Wenn ich meiner Enkelin von [19]41 und von der Hungersnot erzähle, dann sagt sie: ‘Ach Oma, das war gar nicht so, das denkst du dir nur aus’. Sie will mich trösten. Mina Klippert

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Zwangsarbeitslager, das war die richtige Bezeichnung fĂźr die Trudarmee. Ich war da viereinhalb Jahre lang. Wir wurden bewacht von Hunden. - Niemand kann sich vorstellen, wie arm auch die BevĂślkerung [19]32/33 in Russland lebte und arbeitete. Das GlĂźck, dass ich gehabt habe ist, dass ich am Leben geblieben bin. Erich Kludt

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Rudolf Giesselmann, geboren 1948 in Werther, lebt und arbeitet in Hamburg. Er studierte visuelle Kommunikation an der Gesamthochschule Kassel. Der Mittelpunkt seiner fotografischen Projekte ist das Portrait.


Ziel-Ort Hamburg - Russian Germans in Hamburg - Russlanddeutsche in Hamburg  

Portraits of Russian Germans in Hamburg - born in the Stalin area in Russia - moved after the Perestroika to Hamburg, Germany - portrayed at...

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