Programmheft Fabula

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Fabula Klassisches Konzert mit dem Ensemble arte frizzante 12.–14. August 2022


Liebes Publikum Herzlich willkommen zum heutigen Konzert! Wir sind zurück aus der Sommerpause und freuen uns riesig, Ihnen unser neues Programm zu präsentieren. Hinter uns liegt eine spannende und intensive Probe­woche im idyllischen Berner Oberland. Besonders schön dabei: Wir haben drei Werke einstudiert, die bereits seit langem auf unserer internen Wunschliste standen: Schuberts Ouvertüre in c-Moll, «Sommernacht» von dem Schweizer Komponisten Othmar Schoeck und die Metamorphosen von Richard Strauss. Genaueres zu den Stücken und zum Titel «Fabula» finden Sie im spannenden Text von Andreas Zurbriggen.

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Herzlichen Dank an alle, die unser Ensemble seit mittlerweile acht Jahren in finanzieller und ideeller Hinsicht unterstützen. Speziell danken wir auch Hyunjong ReentsKang für das Coaching während der Probewoche. Und danke auch Ihnen, liebes Publikum – vielen Dank für Ihr Kommen! Mattea Anderes arte frizzante

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Programm

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Franz Schubert (1797–1828) Ouvertüre in c-Moll, D8 (1811) Othmar Schoeck (1886–1957) Sommernacht. Pastorales Intermezzo für Streichorchester op. 58 (1945) Richard Strauss (1964–1949) Metamorphosen für 23 Solostreicher (1945)

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Fabula

Als der 14-jährige Franz Schubert 1811 seine Ouvertüre in c-Moll komponierte, war die Strömung der Romantik gerade erst auf die Musik übergesprungen. Zwei unverbesserliche Spätromantiker, Richard Strauss und Othmar Schoeck, komponierten auch im Jahr 1945 weiterhin in einer romantischen Musiksprache. Durch die suggestive Musiksprache der Romantik lassen sich auch ohne Worte ständig Geschichten erzählen, wobei die Musik ins Fabulieren kommt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Epoche der musikalischen Romantik noch längst nicht zu einem Abschluss gekommen. Unabhängig voneinander komponierten im Jahr 1945 Richard Strauss im bayrischen Garmisch-Partenkirchen und Othmar Schoeck im nicht einmal 200 Kilometer Luftlinie entfernten Zürich Streichorchesterwerke, die ungebrochen eine spätromantische Tonsprache sprechen. Von März bis April schrieb Richard Strauss (1864–1949) seine «Metamorphosen für 23 Streicher», geprägt von der Nachricht über die zerbombten deutschen Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs. Im darauffolgenden Sommer komponierte Othmar Schoeck (1886–1957) die «Sommernacht» für Streichorchester, ein von einem Gottfried KellerGedicht inspirierten Idyll, das zu seinen meistgespielten Werk avancieren sollte. In heiterem Tonfall lässt dieses Werk wenig von den Schrecken des erst gerade zu Ende gegangenen grossen Krieges erahnen.

Verstecktes Beethoven-Zitat Richard Strauss hielt sein Lebenswerk mit der Komposition der Oper «Capriccio» (1941) für abgeschlossen. An den Schweizer Musikwissenschaftler Willi Schuh schrieb er 1943: «Mit Capriccio ist mein Lebenswerk beendet und die Noten, die ich als Handgelenksübungen jetzt noch für den Nachlass zusammenschmiere, haben keinerlei musikgeschichtliche Bedeutung.» Was für eine Fehleinschätzung! In den letzten Jahren seines Lebens gelang Richard Strauss nämlich mit seinen «Vier letzten Liedern» (1948) noch einmal die Romantik in all ihrer Pracht blühen zu lassen und mit den «Metamorphosen» (1945) komponierte er ein beinahe halbstündiges Orchesterwerk mit einer faszinierenden expressiven Tonsprache.

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Die «Metamorphosen für 23 Solostreicher» lassen sich formal in drei Teile gliedern. Ein satter Streicherklang stimmt zu Beginn einen Klagegesang an, der sich im zweiten Teil durch Instrumentierungswechsel zu ausdrucksstarken Melodiefragmenten emporarbeitet. Drei herausgestellte Unisono-Töne leiten über zum dritten Teil, bei dem die Trauer des Beginns zurückkehrt. Wie der Titel «Metamorphosen» (Verwandlungen) schon andeutet, befindet sich die Musik in steter Entwicklung. Ein Motiv kehrt jedoch ständig zurück und durchwebt die gesamte Partitur. Es ist das Anfangsmotiv aus dem Trauermarsch von Beethovens 3. Symphonie «Eroica». Dieses Motiv wird im Verlauf des Werkes durch den Rhythmus, aber auch durch die Harmonik immer wieder aufgegriffen, bis es kurz vor dem Ende in erkennbarer Form präsentiert wird. Wie der Trauermarsch aus Beethovens 3. Symphonie enden auch die «Metamorphosen» in c-Moll.

«In memoriam!» Trauer verspürte Richard Strauss im Jahr 1945 um die zerstörten deutschen Städte. «Trauer um München» notierte er als Ausgangsidee in sein Skizzenbuch, nachdem ihm der bereits erwähnte Willi Schuh 1944 einen Kompositionsauftrag des Basler Mäzens Paul Sacher vermittelt hatte. Besonders erschütterte ihn die Zerstörung des Münchner Nationaltheaters, seiner langjährigen Wirkungsstätte, aber auch die Bombardierung des GoetheHauses in Frankfurt. An seinen Librettisten Joseph Gregor schrieb er: «Das Goethehaus, der Welt grösstes Heiligtum, zerstört. Mein schönes DresdenWeimar-München, alles dahin.» Auf die Partitur der «Metamorphosen» schrieb Richard Strauss «In memoriam!». Die «Metamorphosen» wirken wie ein Klagegesang auf eine untergehende Welt, ein Abschiednehmen von einer Hochkultur, die sich in einem Wahnsinnskrieg verrannt hatte. Ursprünglich wollte Richard Strauss die «Metamorphosen» für die Besetzung Streichsextett mit Kontrabass schreiben, weitete es jedoch schliesslich auf 23 Streicher aus, da Paul Sacher sich ein Werk für grosses Streichorchester wünschte. Paul Sacher war es denn auch, der das Werk im Jahr 1946 mit dem von ihm gegründeten Collegium Musicum Zürich in der Zwingli-Stadt zur Uraufführung brachte. →

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Schoeck, der Melodiker Romantiker bis zum Schluss blieb auch der Schweizer Komponist Othmar Schoeck. Mit Ausnahme einiger Werke in den 1920er-Jahren, wie dem Liederzyklus «Lebendig begraben» op. 40 oder dem Operneinakter «Panthesilea» op. 41, in denen er mit den musikalischen Materialien der Neuen Musik experimentierte, hielt er bis zu seinem Tod im Jahr 1957 an einem spätromantischen Idiom fest. Zu sehr fühlte er sich Gedichtvertonungen verpflichtet, die in seinem Sinne das Melodiöse enthalten müssen. War Othmar Schoeck ein Ewiggestriger, wie er in den Kreisen der Neuen Musik verschrien war oder komponierte er schlicht Werke in einer zeitlosen Musiksprache, die keinem Zeitgeschmack und keiner Strömungen unterworfen waren? 65 Jahre nach seinem Tod erscheint die zweite Hypothese wahrscheinlicher. Während Stücke von Komponisten, die in den 1940er- und 1950er-Jahren an der Speerspitze der musikalischen Avantgarde sein wollten schon sehr verstaubt und alt wirken, behalten die Werke von Othmar Schoeck eine scheinbar ewigwährende Frische.

8 Dies lässt sich auch für sein im Sommer 1945 entstandenes Stück «Sommernacht» op. 58 sagen. Schon die Anfangstakte versprühen eine unbeschwerte schwelgerische Lebensfreude, die sich bald einmal ins Tänzerische steigert. Einen Grossteil von Othmar Schoecks Werkverzeichnis beinhalten Vertonungen von Gedichten. Er vertonte Lyrik von Johann Wolfgang von ­Goethe, Eduard Mörike und Hermann Hesse. Einen besonderen Fokus richtete er auf Gedichte von Schweizer Dichtern wie Conrad Ferdinand Meyer, Heinrich Leuthold und Gottfried Keller. Vom letztgenannten Dichter wurde er quasi so etwas wie der Hauskomponist, wie es Chris Walton in seiner Schoeck-Biographie benennt. Spätsommerstimmung Von einem Gedicht von Gottfried Keller entstammt das thematische Programm des Streichorchesterstücks «Sommernacht». Die Komposition zeichnet als reines Instrumentalwerk das Gedicht «Sommernacht» nach, das im Jahr 1851 im Zyklus «Jahreszeiten» in den «Neueren Gedichten» erschien.

Es wallt das Korn weit in die Runde, Und wie ein Meer dehnt es sich aus; Doch liegt auf seinem stillen Grunde Nicht Seegewürm noch andrer Graus: Da träumen Blumen nur von Kränzen Und trinken der Gestirne Schein. O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen Saugt meine Seele gierig ein!


Mit diesen Zeilen beginnt das vierstrophige Gedicht «Sommernacht» von Gottfried Keller, bei dem von einem Erntedankfest in der Heimat des Dichters erzählt wird. Zuvor verrichten junge Burschen für Witwen oder Waisen, die keine Hilfe haben, die Feldarbeit. Nach getaner Arbeit «wird geschwärmt und hell gesungen / Im Garbenkreis, bis Morgenduft / Die nimmermüden, braunen Jungen / Zur eignen schweren Arbeit ruft.» Othmar Schoeck evoziert in seinem gleichnamigen Stück gekonnt die Stimmungen des Gedichtes, verführt die Streicher zu einem Tanz und lässt das Stück flirrend zu einem entrückten Ende kommen. Aus der Feder des zweiten Violinisten Spätromantiker wie Richard Strauss oder Othmar Schoeck komponierten auf den Schultern eines Giganten, der die musikalische Romantik zu einer ersten Blüte führte und dennoch zeitlebens unscheinbar im Hintergrund blieb: Franz Schubert (1797–1828). Der im jungen Alter von 31 Jahren verstorbene Komponist war ein frühreifer Künstler und schrieb schon im Teenageralter gültige Werke. Rund 20 Werke für Streichquartett entstanden etwa in den Jahren 1810 bis 1816, wovon elf viersätzige Quartette, eine Ouvertüre und zwei Fragmente erhalten sind. Die Ouvertüre in c-Moll komponierte Schubert 1811. Ursprünglich instrumentierte er das Werk für Streichquintett, arrangierte es dann aber zusätzlich für Streichquartett.

Ouvertüren standen beim Orchester des kaiserlichen Konvikts, bei dem Schubert die zweite Geige spielte, häufig auf dem Programm. Der 14-Jährige liess sich von den Ouvertüren von Luigi Cherubini und Wolfgang Amadeus Mozart inspirieren. Die grösste Ähnlichkeit weist Schuberts Ouvertüre in c-Moll wohl zu derjenigen aus der Oper «Faniska» von Cherubini auf. Nach einer langsamen, mit dissonanten Vorhalten versehenen Einleitung setzt im Allegro-Teil die für eine Ouvertüre typisch stürmische und nach vorwärts drängende Motivik ein, welche für den Spannungsaufbau so zentral ist. Virtuos jongliert der frühreife Komponist dabei mit Themen und Motiven, die stets aufs Neue wiederkehren und die spätere Genialität von Schubert bereits erahnen lassen. Andreas Zurbriggen

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Violine Nicole Benz, Sofia de Falco, Annette Fritz, Valerie Gahl, Jonas Krebs, Meret Pellaton, Matej Sonlajtner, Tiffany Tan, Nevena Tochev, Francesco della Volta Viola Alice Bordarier, Alberico Giussani, Flavia Kaufmann, Dominik Klauser, Pietro Montemagni Cello Blai Bosser Toca, Benedikt Böhlen, Pierre Landy, Giorgio Marino, Alma Tedde Kontrabass Antonia Hadulla, Krzysztof Jaworowski, Filipe Modafferi Dandalo

Arte frizzante ist ein Zusammenschluss von jungen Berufsmusiker*innen, eine Plattform für musikalische und menschliche Begegnung. Im Bereich der klassischen Musik erarbeiten wir Projekte in verschiedenen Formaten und Besetzungen, wobei das Kammerorchester – das orchestra arte frizzante – im Zentrum steht. In der Probearbeit sowie in der Planung setzen wir auf das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Beteiligten. Wir haben keine musikalische Leitung und bieten uns als Musiker*innen somit den Raum, unsere persönlichen Ideen einzubringen, mit Probe- und Konzertformaten zu experimentieren und uns gemeinsam stetig weiterzuentwickeln.

Arte frizzante steht für herausragende musikalische Qualität, dynamischpräzises Zusammenspiel und grosse künstlerische Neugier. Daneben legen wir grossen Wert auf Toleranz, Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Wir sind überzeugt davon, dass die Verschmelzung von gelebter Menschlichkeit und professioneller, kreativer Arbeit unserem Publikum aussergewöhnliche Konzerterlebnisse bietet.

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Das Ensemle


Blick in die Zukunft J. S. Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Vokalensemble ardent und Gästen 18. Dezember 2022, 17 Uhr, Casino Bern aufflammen Werke von Enescu und Mustonen 28. und 29. Januar 2023 Licht und Schatten Werke von Schubert, Britten und Landy 3. – 5. März 2023

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Unseren Sponsor*innen, Freund*innen und Gönner*innen danken wir ganz herzlich für die Unterstürzung. Herzlichen Dank an Hyunjong Reents-Kang für das Coaching. Herzlichen Dank an Dario Kaufmann für die Fotos. Für die Durchführung unserer zukünftigen Projekte sind wir auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Unterstützen Sie uns als Freund*in des Ensembles mit einem jährlichen Beitrag in beliebiger Höhe. Sie erhalten im Gegenzug regelmässige Informationen zum Orchester sowie persönliche Einladungen zu den Konzerten. Natürlich können Sie uns gerne auch als Gönner*in mit einer einmaligen Spende unterstützen. Für alles sind wir sehr dankbar. Kontakt Freund*innen und Gönner*innen info@artefrizzante.ch

Dank

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Kontakt Sponsoring sponsoring@artefrizzante.ch Kontodaten Arte frizzante Raiffeisenbank, 3011 Bern CH38 8080 8008 8708 4409 9 Impressum Texte: arte frizzante, Andreas Zurbriggen Gestaltung: Brink, brink.ch Twint Sie können unser Ensemble auch via Twint unterstützen:


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