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Die 80er – gesammelte Werke  Eine Gurke steht aufrecht und sicher auf ihrem dünnen Ende am linken Bildrand. Verwandelt sich  an ihrem oberen Ende in einen Kopf, den Kopf eines Mannes. Sein an den Wangen schmaler  werdender Schädel bekommt harte Konturen von einem Bart in der braunen Farbe seine Haare.  Schlierenhaft, wie die Algen am Rande einer Wasserkante, geht der Bart in die Salatgurke über,  zeichnet ihre erhobenen Grate nach. Auf diese Weise verbunden zu einer Art Kopfgurke schaut das  Gebilde unfroh oder doch zumindest emotionslos stoisch aus. Der sachlich ernste Mund und die  Abwärtsbewegung von Wasserfall­Bart und die Gesichtszüge eines Waldmenschen, zudem das  ausgemergelte   Gesicht,   komplettieren   einen   Eindruck   von   aufgereckter   Entsagung.   Die   Augen  schauen geradeaus, ihre Äugäpfel schimmern in van Goghscher Manier vom Gelb des Bodens  wieder, nur ein Abglanz von Freundlichkeit liegt darin. Neben den wulstigen Flügeln der Nase  strömen allein die dunkeln Bäche des Bartes abwärts, keine Falte erinnert an ein Lächeln.  Am Boden wirft die Gurke, einem allein  stehenden Kaktus im Western gleich, ihren Schatten  hinter sich, ein kurzer Streifen Okker legt sich auf den gelben Sand, die Sonne steht hoch an  diesem Tag. In expressivem Gestus hat Markus Lüpertz dieses Bild 1980 gemalt. Das Gelb ist nur  die oberste Schicht eines Übereinanders  verschiedener Farben, der Duktus ist kräftig, wie von  hoher Intensität und handwerklicher Auseinandersetzung.   Unweit des stehenden Gemüses sind malerische Elemente wie die eines fragmentierten Sakralbaus  platziert. Spitzbogig zulaufendes Gestrebe, Gewölbekappen, netz­ und rautenförmige Facetten der  Baukunst   sind   zu   sehen,   und   dennoch:   die   schlauchartige   Ausstülpung   eines   Röhrengewölbe  erinnert eher an ein Kondom denn an gotische Baukunst und gleichwohl bleibt das Gegenüber des  phallischen Gurkenkopfes empfangende Konstruktion.  Der „Gurkentempel“ von Markus Lüpertz markiert einen der Anfangspunkte in der Malerei der  80er  Jahre,  der Malerei  der Neuen Wilden.  Ihre großformatigen  Bilder mit betont malerischer  Malweise   und   gezielter   Formlosigkeit,   mal   schwungvollem,   mal   heftigem   Pinselstrich,   mit  machtvoller   Farbigkeit   und   handfester   Farbwucht   nehmen   Themen   zum   Anlass,   verlassen   sie  jedoch oft schnell wieder zugunsten der seinerzeit propagierten Subjektivität. Neoexpressionismus,  Abstraktion   oder   sinnliche   Gegenständlichkeit   verarbeiten,   auch   neongrell,   individuelles  Empfinden,  Spontaneität  und Obsession in vielgestalte  Gemälde und Objekte. Sexuelle Inhalte  sind oft vertreten, ebenso wie Ängste oder existentieller Protest. Doch die Kunst der 80er Jahre  wandte sich damit längst nicht nur Formproblemen zu und gegen die kargen und vermeintlich 


kopflastigen Stile   der   Minimal   Art   oder   der   Konzeptkunst,   sondern,   wie   auch   die   gesamte  Kulturlandschaft, gegen die wohlstandsbedingte Apathie der Zeit.  Der Wegfall der bewegungslinken, Identität­ und Gemeinschaft stiftenden Großsubjekte wie der  Studentenbewegung,   zu   Teilen   auch   der   Arbeiter­   und   Frauenbewegung   bedeuteten   eine  Hinwendung zur ersten Person Singular. Subjektemphase war angesagt.   Pose und Protest verschmolzen schnell zu einem, Inszenierung und Anschauung fielen in eins, die  persönliche   Sinnproduktion   gelangte   in   Richtung   Revolution   und   Reform.   Weit   vorn   in   diese  Bewegung   war   die   Vorstellung   von   subjektiver   Autonomie   zu   finden,   angefochten   erst   etwas  später vom aus Frankreich kommenden Diskurs der Selbstdifferenz, der nicht zuletzt sprachlichen  Konstitution des Anderen.  Inmitten all der Diskurse aber um die Eigenständigkeit, Ästhetisierung und Normierung des Selbst  steht die überlebensgroße Gurke. Die Leinwand misst 200 mal 160 Zentimeter. Steht für eine Zeit  und zugleich für sich. Noch heute. «Wir waren ja wie Eier und Gurke», sagte Markus Lüpertz zum  Tod von Jörg Immendorf.  Die Ausstellung „Die 80er – gesammelte Werke“ vereint die Positionen verschiedener Künstler  jener Zeit. Sie stellt sie nebeneinander und einander gegenüber. Und das nicht nur in der Malerei,  auch Plastiken sind zu sehen. Immendorfs Bronze Europa: Eine Frau, die an zwei Stöcken und mit  ihren Füßen auf zwei Kugeln eine schwer gehende Allegorie eines nach wie vor aktuellen, mal  schwierigeren,   mal   einfacheren     Konstruktes   bildet,   ist   ebenso   dabei   wie   Lothar   Fischers  Eisenskulpturen oder der herrlich eckige, grob gezeigte Fuß eines Fürsten von Lüpertz. Schön  organisch ist dazwischen der vielleicht einzig haltbare Misthase von Dieter Roth, gemacht aus  Hasenmist.  Spontane Malerei findet vom Ende der siebziger Jahre an in dem Kölner Gemeinschaftsatelier an  der Kölner Straße >Mülheimer Freiheit< Nr. 110 statt. Die hier arbeitende Mühlheimer Freiheit  war   eine   Künstlervereinigung   von   unter   anderem   Hans   Peter   Adamski,   Peter   Bömmels   und  Gerhard Kever, deren ­ damals mit eine gleichnamigen Ausstellung konzentrierte ­ >Hunger nach  Bildern<    auch in der Sammlung dokumentiert ist. Die Werkzeugbilder Bömmels, Adamskis in  Acryl   gerissene   Menschenkörper   und   Kevers   Akte   zeigen   die   Lust   am   Malen,   die   Lust   am  Experiment. Eine extreme Richtung hat Hermann Nitsch mit seinem Orgien­Mysterien­Theater  eingeschlagen.   Seine   happeningartigen   Ritualspiele   fordern   Enthemmung   gegenüber   einer  übermächtigen bürgerlichen Ordnung. In diesem Kontext sind auch die sogenannten Schüttbilder 


entstanden, in denen Farbe, vermischt mit dem Blut frisch geschlachteter Tiere über den Bildgrund  mal spritzt, mal rinnt.  Die Großformate dieser Zeit, manchmal mit geradezu hingerotztem Inhalt werden flankiert von  subjektiv   gefärbten   anderen   Ausprägungen   des   Zeitgeistes.   Dunkel   ist   der   Grund   von   Albert  Oehlens >Figuration with mirrors<. In ausdrucksstarker ironischer Gebärde schafft er Malerei über  Malerei.   Malerische  Abstraktion  und zeichnerische  Figuration verschmelzen  im  Bildgrund,   die  Spiegel bringen, ganz Kunst persiflierende Pose und den Bildgrund erweiternde Maßnahme, den  Betrachter mit ins Bild. Und wer wollte anderswo sein.  Tina Lüers

Eine Gurke steht aufrecht und sicher auf ihrem  

an ihrem oberen Ende in einen Kopf, den Kopf eines Mannes. Sein an den Wangen schmaler Abwärtsbewegung von Wasserfall­Bart und die Gesichts...

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