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Dossier (SMD-Bestand) erstellt von Arthur Honegger  am 13.08.09

Inhaltsverzeichnis Wenn das Telefon zweimal klingelt ................................................................................................................................. 2 In New Yorker Taxis gibts Fernseher statt Smalltalk ...................................................................................................... 3 Ja, Amerika ist prüde - aber nur zur Hälfte ..................................................................................................................... 4 Sidewalk Criminal ........................................................................................................................................................... 5 Hat der Amerikaner alles erfunden? ............................................................................................................................... 6 Ein Albtraum aus Dutzenden Dezibel ............................................................................................................................. 7 «Like, you know, a little, like stupid» .............................................................................................................................. 8 So gewinnen Sie hier Freunde ....................................................................................................................................... 9 «Doof. Schlicht und einfach doof.» ............................................................................................................................... 10


© Aargauer Zeitung / MLZ; 15.06.2009; Seite 2 Piazza

New York, what’s up?

Wenn das Telefon zweimal klingelt Arthur Honegger Ring! Rrring! Rrrrrrrring! Mir doch egal. Ich lasse das Telefon einfach klingeln. Die Nummer von meinem Festnetzanschluss wählt so oder so niemand, der mich wirklich erreichen will, sondern nur Leute, die mir etwas verkaufen wollen. Am Anfang habe ich, ganz wie daheim gelernt, das Telefon bei jedem Klingeln abgenommen, hello, Honegger hier. Nie, wirklich nie, war jemand am anderen Ende der Leitung, der mir tatsächlich etwas zu sagen hatte. Im Gegenteil, ich wurde mit Fragen bombardiert: Name, Alter, Vorlieben aus allen erdenklichen Lebensbereichen. Heute weiss ich, dass der Marketing-Anruf zum amerikanischen Alltag gehört wie Barbecues und Cheerleader. «Hi! Das hier ist die letzte Warnung, dass ihre Autoversicherung . . .» - «Äh, ich habe gar kein -» - «. . . unwiderruflich abläuft. Sie laufen Gefahr, dass ihr Wagen . . .» - «Hallo? Hallo!» Alles vergebens. In immer mehr Fällen von telefonischer Belästigung kommt die Stimme vom Band, da hilft nur Auflegen. Doch der nächste Anruf kommt bestimmt: Abonnemente für Zeitungen (hab ich schon), Möbel für den Garten (hab ich keinen), Versicherungen für und gegen und rund um alles, was niemandem je passiert ist. Und immer wieder Kreditkarten. Plastikgeld wird einem in den USA ja förmlich reingesteckt, also ins Portemonnaie, meine ich. Zwar dürfen Amerikaner erst mit 21 Jahren ganz legal ihr erstes Glas Wein trinken, aber dem Kaufrausch auf Pump dürfen sie sich schon als Teenager ungezügelt hingeben. Die Wirtschaftskrise hat am Plastikfestival in hiesigen Geldbeuteln wenig geändert, schliesslich soll der Konsum die Wirtschaft ja retten; und niemand konsumiert konsequenter als ein amerikanischer Teenager mit einer Kreditkarte. (Ausser vielleicht ein amerikanischer Teenager mit zwei Kreditkarten. Oder fünf.) Mit 16 denkt niemand an die Rechnungen, die über die nächsten Jahre erst den Eltern, später dann einem selber ins Haus flattern. Wichtiger ist, dass die Marke der Jeans mit der Marke der T-Shirts harmoniert, dass das Handy neu genug ist und das Auto sowieso und obendrein blitzblank, wichtig für die Fahrt zur Shopping-Mall, wo dann wieder das Kleiderlabel zählt . . . Marken brauchen Marketing, und das Telefon bietet sich da geradezu an. Ob Teenager oder Rentner, eine ganze Menge Leute freuen sich einfach mal, dass jemand zuhört, dass jemand sich nach ihnen erkundigt. Auch wenn die Stimme ab Band kommt, auch wenn sie nur darauf hinaus will, einem die x-te Kreditkarte anzudrehen. Als Dank wird dann gekauft › vielen Dank. Ich lasse es weiter klingeln. Arthur Honegger ist USA-Korrespondent des Schweizer Fernsehens und lebt in New York.

Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 27.07.2009; Seite 2 Kultur

What’s Up New York

In New Yorker Taxis gibts Fernseher statt Smalltalk Arthur Honegger Schön blöd, wenn die Realität einem das Bild verhagelt, das man sich fernab der Wirklichkeit über Jahre zurechtfantasiert hat; mir passiert mit New Yorker Taxis. Die Taxifahrer in dieser Stadt, so meinte ich vor meinem Leben im Big Apple zu wissen, sind Quasselstrippen. Schlagfertig. Witzig. Auf jeden Fall gesprächig.

wohl die Taxifahrer, die früher die gleichen Filme geschaut haben wie ich. Arthur Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York.

Schuld an dieser Vorstellung war › wie so oft › Hollywood. Der quintessenzielle New Yorker «Cabbie» kommt in Hunderten Filmen vor, und immer quasselt er sofort drauflos, ist witzig und schlagfertig und so weiter. In der herrlich miesen Achtziger-Komödie «Senkrechtstarter» zum Beispiel spielt Sylvester Stallone so einen Typen, der gleich zu Beginn eine Gruppe japanischer Touristen in Angst und Schrecken versetzt, weil er nonstop auf sie einplappert, dabei den Verkehr glatt vergisst. Oder Robert De Niro in «Taxi Driver»: Etwas unheimlich zwar, aber keineswegs still › ja er geht sogar so weit, dass er Selbstgespräche führt. Sogar der Armin Mueller-Stahl wird in «Night on Earth» von seinem Fahrgast in einen Smalltalk verwickelt, obschon er kaum Englisch spricht. Das ist die Magie des gelben Blechs, sagt Hollywood. Abseits der Leinwand gibt es in New Yorker Taxis praktisch keinen Smalltalk. Einsteigen, Ziel bekannt geben, Schweigen › das heisst, der Fahrgast schweigt. Der Fahrer spricht, aber dank dem Telefon-Headset nicht mit dem Gast, sondern mit der Familie, mit Freunden, mit seinem Arzt, was weiss ich; die Gespräche finden nämlich immer in Sprachen statt, die so exotisch klingen, dass sie sich nicht lokalisieren lassen. Da kann der Passagier nur den Mund halten. Zum Aussterben des inspirierten Smalltalks in New Yorker Taxis trägt auch die Tatsache bei, dass man heute in praktisch allen Grossstadt-Droschken fernsehen kann. Auf den Neuling übt das eine Anziehung aus, die sich nur schwer beschreiben lässt: Ein Bildschirm, direkt vor einem, der von News bis Kino-Tipps alles zu bieten hat. Wer will da noch den Fahrer bei seinen privaten Telefonaten stören? Eben. Leider zeigt sich nach ein paar Monaten, dass das Programm im Taxi-TV selten erneuert wird und dass dem Rücksitz-Besucher vor allem Werbung entgegenstrahlt, womit die Faszination ihr Ende hat. Ganz selten, so bei jeder zwanzigsten Fahrt etwa, hat man Glück: Dann merkt der Fahrer, dass man nicht fernsehen will, und alle Telefonate für den Tag sind geführt. Dann tun sich plötzlich bunte Gespräche auf, über den Weg, der die Insassen in diese verrückte Stadt geführt hat, über Politik und Sport. Da steigt man mit dem Gefühl aus, in den letzten paar Minuten seinen Horizont erweitert zu haben mit Geschichten, die man nur in dieser Stadt zu hören bekommt. Das sind dann

Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 20.07.2009; Seite 2 Piazza

What’s up New York

Ja, Amerika ist prüde - aber nur zur Hälfte Arthur Honegger Es stimmt schon: Amerikaner sind prüde. Nicht unbedingt in Grossstädten wie New York oder Chicago (um prüde zu sein, muss man sich schliesslich für das Leben der anderen interessieren). Aber weite Teile des Landes pflegen in sexuellen Belangen Ansichten, über die sogar ein 80-jähriger Urner nur schmunzeln würde. Am seltsamsten ist das Verhältnis der Amerikaner zu weiblichen Brüsten. Der Anblick eines nackten Busens hat, soweit ich weiss, noch niemandem ernsthaft geschadet, und das, obwohl dieser ja schon in frühester Kindheit zwingend ist, sobald sich der erste Hunger meldet. Doch ist die Stillzeit einmal abgelaufen, wird ein Kind in den USA mit beinahe militärischer Disziplin vor dem Anblick der weiblichen Brust abgeschirmt.

Arthur Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York.

Der Fernsehkonsum zum Beispiel wird davon wesentlich beeinflusst. Ich kann mich noch heute bestens an die Duschgel-Werbung erinnern, die in den Achtzigern von jedem frühpubertären Bengel in Europa mit Andacht verfolgt wurde, weil eben so ein Busen zu sehen war. So etwas ist in den USA (auch zwanzig Jahre später) völlig undenkbar. Seit jenem denkwürdigen Tag, als › für den Bruchteil einer Sekunde - die rechte Brust von Janet Jackson bei einer Live-Übertragung zu sehen war, strahlen die Fernsehsender grosse Events mit Verzögerung aus. Die gleichen Fernsehsender notabene, die in ihren Nachrichtensendungen brutalste Kriegsbilder zeigen, die in der Schweiz nie auf den Sender kämen. Und die gleichen Fernsehsender, die Serien über Verbrechen produzieren, die einem Schauer über den Rücken jagen. Blut fliesst in Hektolitern, Muttermilch nicht mal andeutungsweise. So etwas prägt natürlich. Die Mode zum Beispiel: Das Standard-Outfit einer 20-Jährigen in den USA unterscheidet sich drastisch von demjenigen einer europäischen Altersgenossin. Vor kurzem zum Beispiel war ich im Bundesstaat Ohio, wo mir diese Uniformität besonders aufgefallen ist: obenrum schlabbriges T-Shirt, wahlweise verziert mit dem Aufdruck des geliebten Sportteams oder der Schule, welche die betreffende Dame zuletzt besucht hat. Untenrum allerdings - als Kompensation quasi - wird so viel wie möglich gezeigt. Hotpants lassen mehr unbedeckt, als sie verhüllen, und die Beine sind so nackt, dass man selbst bei 30 Grad im Schatten spontan eine Wolldecke offerieren möchte. Entsprechend ist auch im Fernsehen kein Rock zu kurz, kein Klaps zu plump. Die gleichen Mütter, die ihre Kinder sofort von der Glotze wegzerren, sobald sich ein Décolleté ins Bild vorwagt, lassen ihren Nachwuchs stundenlang Hip-Hop-Videos schauen, die ich mal salopp als Backenparade bezeichnen würde. Das geht den Eltern hier buchstäblich am A. vorbei. Ja, Amerika ist prüde. Aber nur zur Hälfte - unterhalb des Bauchnabels ist alles erlaubt. Irgendwie ziemlich unter der Gürtellinie, oder? Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 10.08.2009; Seite 2 Piazza

What’s up New York?

Sidewalk Criminal Arthur Honegger Ich verrate Ihnen jetzt mal was: Ich bin ein Krimineller. Ein Gesetzesbrecher, Halunke, schlimmer Finger. Angefangen hat das Ganze schon vor einiger Zeit. Mein Verbrechen war keines, dem wochenlange Planung vorausgeht, es kam spontan, im Affekt sozusagen. Mein Verbrechen ist Velofahren auf dem Trottoir. Sie werden schmunzeln, schliesslich hat das jeder schon mal gemacht. Und in der Tat, schon als Kind in Davos habe ich gern den Gehsteig als Fahrradweg missbraucht. Solange es nicht zu viele Fussgänger gibt und man nicht im Lance-Armstrong-Tempo unterwegs ist, finde ich das auch heute noch ganz okay, gerade in New York: Die Autofahrer hier sind auf Velos nicht gefasst, da ist man auf dem Trottoir sicherer als daneben, keine Frage.

Arthur Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York.

Klar, die Polizei sieht das nicht gern, und schon in Davos wurde ich immer wieder mal gerügt, und wenn ich mich recht erinnere, hat mir die Gemeindepolizei auch mal ein Busse verpasst, 40 Stutz, völlig zu Recht muss ich dazu sagen. Nicht so in New York. «Sir!» › «Oh, hallo, ich . . .» › «Stopp, bleiben Sie, wo Sie sind. Ausweis!» › «Ich wollte nur . . .» › «Ausweis!» Ja, mit New Yorker Cops ist nicht gut Kirschen essen respektive Velo fahren. Der Polizist hat seinen Dienstwagen neben mir auf dem Trottoir geparkt (er darf das ja), und das rotierende Blaulicht zieht schon die ersten Kollegen an; nach drei Minuten sinds schon drei Polizeiautos, alle mit Blaulicht, und ich, der Verbrecher, mittendrin. Der erste Polizist lässt mich nicht aus den Augen, während sein Kollege abklärt, was es mit dem befremdlichen roten Pass auf sich hat. Ich möchte lachen, aber wahrscheinlich ist das verboten. «Hier», der Polizist streckt mir einen rosa Zettel hin, «finden Sie sich zum aufgedruckten Datum beim Gericht ein.» Beim › wo? Gerichtstermin? Wegen sträflichen Pedalierens auf dem falschen Asphalt? Da bin ich erst mal baff. Aber klar, ein paar Wochen später mache ich mich auf zum Kriminalgericht › richtig, denn jetzt bin ich ja ein Krimineller, sagt die Polizei. In mir steigen die Bilder aus alten Gerichtsfilmen hoch, von weisshaarigen Staatsanwälten, die der Jury per Fingerzeig den Schuldigen präsentieren: «Dieser Mann! Dieser Mann!» Ich schlucke leer: So help me God. Im Gericht warten bereits an die sechzig andere Verbrecher › das dürfte länger dauern hier. Ich setze mich zwischen zwei Jungs, die aus einem Rap-Video entflohen sind, und warte. Da plötzlich: «Honegger! Honegger!» › «Ja?» › «Sie können gehen.» Wie jetzt, sofort, gleich, ohne › aber ich frage nicht nach, mache mich wie der Blitz davon. Draussen warten schon ein Dutzend anderer Velo-Sünder. Alle begnadigt. Einer weiss, warum: Die Polizei hat uns zum falschen Richter geschickt, das Kriminalgericht ist nicht zuständig! Ich lerne: Mit New Yorker Cops ist nicht gut Kirschen essen, Velo fahren › oder Bussen schreiben. Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 03.08.2009; Seite 2 Piazza

What’s up, New York

Hat der Amerikaner alles erfunden? Arthur Honegger Wer hats erfunden? Spontan will man da gleich «die Schweizer, die Schweizer!» rufen, aber natürlich würden Sie und ich zuerst nachfragen: Wer hat WAS erfunden? Zwar hat unser Land der Welt vom Reissverschluss bis zum Sparschäler eine Menge geschenkt, aber längst nicht alles. Nun, dieser Gedankengang ist den meisten Amerikanern völlig fremd. Wenn ein Produkt erstmal seinen Einzug hält im Hause von Mr. und Ms. America, dann wird es auch als amerikanisch angesehen. Sicher, dass die Kamera aus Japan und das Auto aus Korea kommen, wissen noch ziemlich viele. Beim Handy aus Finnland und der Computermaus aus der Schweiz siehts schon anders aus. Das hat auch damit zu tun, dass sich viele Firmen in den USA auch amerikanisch geben: Nestlé zum Beispiel hat kein Interesse daran, Kalorien-Ikonen wie «Butterfinger», «Wonka Bars» oder «Dreyer’s Ice Cream» als ausländische Produkte zu entlarven › im Zweifelsfall frisst der Bauer hier wie überall, was er (er)kennt.

Giganten wie GM zu Industrie-Patienten geworden sind, die der Staat am Leben hält. Auch GM hat jahrelang an den Ideen aus anderen Ländern vorbeigeschaut. Hätte nur hin und wieder jemand gefragt: Wer hats erfunden? Arthur H. Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York. August wars und im «Sternen» tauchte die Frage auf: Wars das mit dem Sommer?

Doch obwohl diese «all-American»-Haltung die Leute an gewisse Produkte bindet, richtet sie auch gehörigen Schaden an. So sicher ist sich Amerika, dass von «draussen» nichts Tolles kommen kann, dass die Wirtschaft nicht einmal auf die Idee kommt, sich in anderen Ländern nach Neuigkeiten umzusehen. Wer zum Beispiel Kontaktlinsen braucht, kann sie nicht wie in der alten Welt per Internet bestellen, weil die Augenschwäche bei jedem Kauf von einem Arzt bestätigt werden muss › bei jedem einzelnen Kauf, da soll noch jemand sagen, es gebe keine Erklärung dafür, warum die Gesundheitskosten in den USA die höchsten der Welt sind. Wehmütig erinnert man sich an den deutschen Discount-Optiker, bei dem alles so einfach war. Kein Wunder, können Konzerne aus dem Ausland hier so ungestört Fuss fassen. Obwohl seit Jahren bekannt ist, dass viele junge Amerikaner ein Flair haben für günstige Designermöbel, hat keine US-Firma diesen Trend für sich entdeckt (dieses Business wird vom schwedischen Möbelriesen dominiert). Auch dass kleine Läden mit kleinen Preisen mit kleinem Abstand zum eigenen Daheim auf grosse Beliebtheit stossen, hat hier im Mutterland des Konsums offenbar noch niemand bemerkt. So bleibt Wal-Mart weit draussen vor den Städten, mit den Ausmassen eines Jumbo-Hangars, während die billigen Westfalen-Brüder Albrecht um die Ecke ihren tausendsten Laden im Land eröffnen › ein Nischenmarkt, im wahrsten Sinn des Wortes. Wer allerdings nie nach links und rechts schaut, muss irgendwann feststellen, dass er längst überholt wurde. Das dämmert den Amerikanern jetzt, wenn sie den Fernseher einschalten und sehen, dass einstige Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 13.07.2009; Seite 2 Piazza

What’s up New York

Ein Albtraum aus Dutzenden Dezibel Arthur Honegger «Sie wissen es: Sie wollen diese Säge! Sie wollen sie, und darum bestellen Sie sie jetzt!» Der Mann ruft nicht mehr, er schreit. Er schreit mich an. Und auch wenn ich es wegen seines dichten Vollbarts nicht erkennen kann, ich bin mir sicher, er fletscht die Zähne. Ruhe bewahren, er will mich nicht schlachten, auch wenn er ganz so klingt. Wie bei einem aufdringlichen Hund ist das, wo Herrchen sagt: «Der will nur spielen.» Der Mann will nur was verkaufen. Gut, ist er nur im Fernsehen, so reicht ein Knopfdruck, um ihm zu entfliehen. Glück gehabt. Amerikanische TV-Spots kommen ganz anders daher als die Fernsehwerbung in der Schweiz. Der Zuschauer wird hier meist direkt aus der Kiste angesprochen, mit blendendem Lächeln und schweisstreibender Dynamik aufgefordert, doch bitte sein Geld lockerzumachen. Dabei ist es den Produzenten offensichtlich schnurz, was da verkauft wird, die Masche ist immer die gleiche; selbst die «Risiken und Nebenwirkungen» bei Medikamenten werden hierzulande in professionellem Ton von Angesicht zu Angesicht erzählt, statt sie europäisch schamhaft am Schluss für ein paar Sekunden einzublenden. Medikamenten-Spots sind in den USA ja ohnehin eine Art Parallelprogramm: kein Werbeblock ohne Pillentipps › und da keine Sendung ohne Werbeblock auskommt, häufen sich Medi-Spots bis weit jenseits der Überdosis. Wer nicht gerade unter chronischem Schnarchen, Erektionsstörungen und Heuschnupfen gleichzeitig leidet, bekommt spätestens nach zwei Stunden Fernsehen Kopfweh (das mag der Grund sein, warum dieses Leiden häufiger im Fokus der Werber steht als jedes andere). Und immer wieder dieses Geschrei › man kann es wirklich nicht anders nennen. Europäische Werbefilme orientieren sich punkto Laut- stärke etwa an einem Gespräch von zwei Freunden im Café. TV-Spots made in the USA hingegen scheinen sich die Unterhaltung zweier Ingenieure zum Vorbild zu nehmen, die gerade ein neues Düsentriebwerk testen. Schon im Alltag kein leises Volk, reizen die Amerikaner ihre Stimmbänder im Verkaufsfernsehen so richtig aus. Sie brauchen nur einen eingewanderten Europäer zu fragen, und er wird Ihnen von jenem Mark und Bein durchdringenden Moment berichten, als er von der Fünf-Dollar-Sandwich-Werbung aus seinem Nickerchen gerissen wurde. Ein Albtraum aus Dutzenden Dezibel. Kein Wunder, wandert mein Daumen wie von selbst zum Stumm-Knopf, kaum wird die Pause angekündigt. Ja, mittlerweile gehe ich sogar so weit, dass ich meine Lieblingssendungen aufzeichne und eine Viertelstunde später anschaue, um mit gezieltem Vorspulen den aggressiven Werbern aus dem Weg zu gehen. Ganz besonders dem bärtigen Typ mit seiner Säge. Arthur Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York. Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Limmattaler Tagblatt / MLZ; 06.07.2009; Seite 2 Kultur

What’s up New York

«Like, you know, a little, like stupid» arthur h. honegger Congratulations! Seit kurzem hat die englische Sprache über eine Million Wörter, sagt zumindest der «Global Language Monitor» in Texas. Wie die das dort gezählt haben, weiss ich nicht. Was ich hingegen weiss, ist, dass mir in meinem täglichen Umgang mit dem Englischen vor allem ein Wort begegnet, und das in jedem Satz, ja oft sogar zwei-, drei-, fünfmal pro Satz: Die Rede ist vom kleinen, aber an Beliebtheit nicht zu überbietenden Wort «like».

Arthur H. Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York.

«Like» kann vieles heissen. «Mögen» zum Beispiel, oder auch «so». In seinem täglichen Marathon-Einsatz zwischen Miami und Seattle wird das Wort indes als Allzweckwaffe missbraucht. Kürzlich zum Beispiel warte ich auf meine U-Bahn und höre zwei New Yorkern neben mir zu, wie sie dem Smalltalk frönen, American Style. Beide waren um die 20 und sahen eigentlich ganz intelligent aus. Der simple Satz «Ich habe ihm gesagt, dass wir uns im neuen Restaurant in Downtown treffen, so um halb sechs» heisst auf Englisch etwa «I told him we’ll meet at the new restaurant in Downtown around five thirty». Im Slang der «like»-Jünger tönt das indes völlig ganz anders, nämlich wie folgt: «I was like: Hey, let’s meet in like, you know, that new place in Downtown, like, around like 5.30, okay?» was ich nur so zu übersetzen weiss: «Und ich so: hey, treffen wir uns so, weisst du, im neuen Restaurant in Downtown, so wie, so halb sechs, gell?» Wenn Sie das jetzt nur mit Mühe verstanden haben, liegt das nicht an Ihnen, es liegt am «like». Weil es immer dort auftaucht, wo es streng genommen nichts zu suchen hat, macht es den Sinn des Gesagten schon kaputt in dem Moment, wo es gesagt wird. Schon haben sich in den USA Gruppen formiert, die ihre Mitbürger öffentlich dazu aufrufen, doch bitte weniger oft «like» zu sagen (und wenn möglich gleich auch noch den Gebrauch von «you know» weitgehend einzuschränken). Ich kann da nur applaudieren, auch wenn ich mich als Schweizer nicht zur Rettung des Englischen berufen fühle (so öppis cha üs im Prinzip ja völlig wurscht sii). Dass aber jeder junge Amerikaner gut beraten ist, ganze Sätze zu basteln, statt Wortketten willkürlich mit «like» zu besprenkeln, zeigt der Fall Caroline Kennedy: Die Tochter von JFK galt einmal als aussichtsreiche Kandidatin auf die Nachfolge von Hillary Clinton im US-Senat. Doch die Karriereträume von Caroline Kennedy verpufften innerhalb von Stunden, als im Internet eine Serie von Interviews die Runde machten, wo sie praktisch nur «you know» sagt und «äh» und natürlich: «like». Und plötzlich galt die Harvard-Absolventin im ganzen Land als, na ja, ein wenig doof. Oder wie man hier sagt: Like, you know, a little, like stupid.

Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 29.06.2009; Seite 2 Kultur

What’s up New York

So gewinnen Sie hier Freunde Arthur H. Honegger «Excuse me! Excuse me!», keucht der korpulente Herr mit Baseball-Cap, und schlägt sich per Ellenbogen eine Schneise durch die U-Bahn. Dass er New Yorker ist, erkennt man vor allem am Ton: Er sagt zwar «Verzeihung», es tönt aber viel mehr nach «Aus dem Weg!»

Arhur H. Honegger arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in New York.

New Yorker sind im Vergleich zu Schweizern etwas, naja, ruppig im täglichen Umgang. Dass die Dame an der Kasse statt «Hello» zu hauchen einfach «Next!» ruft, ist da noch ziemlich harmlos. Mühsamer ist der Elektronik-Verkäufer, der auf die Frage eines Kunden antwortet: «Weiss ich doch nicht, googeln Sie das doch.» Und natürlich der Dicke in der U-Bahn. Doch bevor Sie jetzt ihren nächsten Trip in diese Stadt aus Protest annullieren, verrate ich Ihnen ein Geheimnis, wie Sie so einen Homo newyorkensis sofort zur Freundlichkeit in Person machen: Fragen Sie ihn nach dem Weg. Kein Thema ist in dieser Stadt beliebter als das alte Wie-komme-ich-von-hier-nach-da?, da taut selbst der mürrischste Grossstädter auf. Warum diese Liebe der New Yorker zum Wegweiser-Smalltalk? Erstens geben Sie Ihrem Gegenüber zu verstehen, dass Sie ihn für einen Einheimischen halten, und das ist hier schon mal ein Kompliment; Touristen gibt es ja zuhauf, und wie jeder stolze Städter will der New Yorker auf keinen Fall mit ihnen in einen Topf geworfen werden, man ist schliesslich local, also ortsansässig (richtig eingeboren ist in New York sowieso praktisch niemand). Zweitens kann jemand, wenn Sie ihn nach dem Weg zu Ihrem Ziel fragen, endlich ein wenig von dem Wissen loswerden, dass er sich über Jahre angeeignet hat, in Stunden und Stunden im U-Bahn-Labyrinth. Jeder hat seine ganz eigene Theorie, warum die eine Linie schneller ist als die andere, wo es sich lohnt umzusteigen und wann und, natürlich, was Sie auf dem Weg dorthin auf jeden Fall vermeiden müssen. Ich mache das auch mit grossem Vergnügen. Ich werde zwar wohl immer mehr Bündner sein als New Yorker, aber Verkehrstipps sind stets das Highlight einer U-Bahn-Fahrt. Leider werde ich praktisch nie gefragt, wenn ich privat unterwegs bin › das mag daran liegen dass ich deutsch rede, hat aber wohl mehr damit zu tun, dass die Leute einem Endzwanziger mit Dreitagebart und abgewetzten Jeans nicht über den Weg trauen respektive sie trauen ihm den Weg nicht zu. Wenn ich arbeitsbedingt im Anzug unterwegs bin, sprudeln die Anfragen nur so los (Dreitagebart hin oder her). Wenn Sie also nächstens in New York sind, fragen Sie einfach nach dem Weg › und Sie werden den Tag lächelnd verbringen. Ausser natürlich, wenn Sie sich dem Dicken in den Weg stellen, der fortlaufend «Excuse me!» ruft.

Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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© Aargauer Zeitung / MLZ; 22.06.2009; Seite 2 Meinung

New York, what’s up

«Doof. Schlicht und einfach doof.» Arthur Honegger Dies das vernichtende Urteil, das mein alter Freund M. kürzlich über die Amerikaner gefällt hat. Doof. Und das, so sagt M., sei auch der Grund für die Krise: «Die Amis sind zu doof, Verträge zu lesen, und darum haben wir jetzt Rezession.» Ich kann M. ja verstehen. Auf den ersten Blick sieht es tatsächlich so aus, als wäre die Finanzkrise nie passiert, hätte Joe in Ohio nur das Kleingedruckte in seinem Hypothekenvertrag studiert. Dann wär jetzt alles noch wie früher, findet M. Aber eben, doof bleibt doof und drum steckt die Weltwirtschaft im Schlamassel. Findet M. Ich habe in den 14 MonateN, in denen ich nun im Land der begrenzten Unmöglichkeiten lebe, ein anderes Bild bekommen. Anders als in der Schweiz kann man hier nicht davon ausgehen, dass ein Vertragspartner es ehrlich meint. Dabei muss es gar nicht mal ein richtiger Schlawiner sein, der das Gesetz mit Cowboyboots tritt › nein, auch Banken, Telekom-Konzerne, ja sogar Quartierläden tun ihr Möglichstes, ihre Kunden über den Tisch zu ziehen. Gratis-Kreditkarten werden schon mal über Nacht kostenpflichtig. Wem der Lapsus unterläuft, seine Telefonrechnung doppelt zu bezahlen, der wird prompt mit einer Strafgebühr von 25 Dollar belastet. Und der Laden um die Ecke verrechnet schon mal den doppelten Betrag, der am Regal steht. Sicher, wer immer auf der Hut ist, könnte solche Dinge im Vornherein bemerken, schliesslich geben sich die Firmen grosse Mühe, dass ihre Tricks stets legal bleiben. Anständig aber sind sie nicht. Wer in den USA vom Anstand der anderen Seite ausgeht, geht leider meistens falsch; so auch bei den Hypothekarverträgen. Hier liegt ja eine der Wurzeln der Krise, weil die flexiblen Zinsen vielerorts explodierten und immer mehr Leute überrumpelt und pleite in ihrem Traumhaus aufwachten. «So was passiert bei uns nicht, weil wir Schweizer es halt genau nehmen», analysiert M., während er in der Luft kleine Punkte zeichnet. Und in diesem Punkt gebe ich ihm sogar recht: Genauigkeit ist in der Tat ein Vorteil in der Schweiz, weil eben auch die meisten Firmen es genau nehmen. Man kann das Geschäftsethik nennen, ich nenne es Anstand. Hier in den USA hat Präsident Obama nun ein Amt für «finanziellen Konsumentenschutz» angekündigt. Es soll Millionen Hausbesitzern, Konsumenten und Investoren helfen, damit sie nicht länger in einem Meer von Verträgen schwimmen, um dann im Kleingedruckten unterzugehen. Vielleicht führt das ja dazu, dass Firmen auch hierzulande Verträge anbieten, die anständig sind. Und was den Laden um die Ecke betrifft: Da hilft nur der Blick auf die Quittung. Immerhin, die hab ich immer auf Anhieb verstanden. Arthur Honegger ist USA-Korrespondent des Schweizer Fernsehens und lebt in New York. Dossier (SMD-Bestand) - Arthur Honegger - 13.08.09

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"What's up, New York": Kolumnen AZ 2009