Page 1

V O R W O R T

Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin Dokumentation 7. September 2020 Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Technologiepark Weinberg Campus Im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt

1


V O R W O R T

2


V O R W O R T

3


V O R W O R T

Vorworte

08  —  09 10  —  11 12  —  13

Prof. Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug Dr. Ulf-Marten Schmieder Dr. Jürgen Ude

Keynotes 16  —  17 18  —  19 20  —  21

Thomas Schulz Manouchehr Shamsrizi Prof. Dr. Michael Gekle

Workshops 24  —  28  —  32  —  36  — 

4

27 31 35 39

Biomedizin, Pharmazie, Biotechnologie Medizintechnik Gesundheitsversorgung Gesunde Ernährung


VIONRHWAOLRTT

Summary 40  —  41

Impressionen 42  —  45

Teilnehmer *Innen 48  —  49

5


V O R W O R T

Gesundheit ist sowohl Schlüsselressource der Zukunft als auch gesellschaftliche Herausforderung. In einer alternden Gesellschaft ist der Gesundheitsmarkt ein zentraler Eckpfeiler und innovative Gesundheitsleistungen im lokalen, regionalen und urbanen Kontext werden zu einem unverzichtbaren Bestandteil der modernen Daseinsvorsorge. Beschleunigt wird der Wandel durch neue Technologien, Liberalisierung und Ökonomisierung im Gesundheitssektor sowie durch bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse. In Summe führt dies zu einer völlig neuen Gesundheitskultur und Gesundheitsökonomie der Zukunft. Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin 2020 greift zentrale Themenkomplexe der aktuellen Debatte im Gesundheitssektor auf und setzt in diesem Kontext wichtige Impulse. Am 7. September 2020 trafen sich 80 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, um über Innovationsstrategien im Leitmarkt Gesundheit und Medizin in Sachsen-Anhalt zu diskutieren.

6


V O R W O R T

Vorworte 7


G E N E R A L S E K R E T Ä R I N D E R N A T I O N A L E N A K A D E M I E D E R W I S S E N S C H A F T E N L E O P O L D I N A ( A . D . )

Prof. Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug

Sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, Sie als scheidende Generalsekretärin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hier im Hauptgebäude der Leopoldina in Halle (Saale) begrüßen zu können. Als Dr. Ulf-Marten Schmieder vor vielen Monaten mit der Idee auf mich zukam, den geplanten Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin gemeinsam mit der Leopoldina zu veranstalten, fand diese Idee rasch die Zustimmung des Präsidiums der Leopoldina. Und auch der seit März amtierende Präsident Professor Haug war sofort bereit, gemeinsam mit Wirtschaftsminister Professor Willingmann die Schirmherrschaft für die Veranstaltung zu übernehmen Gegründet im Jahre 1652 ist die Leopoldina die älteste durchgehend bestehende Gelehrtenakademie der Welt. Sie wurde 2008 zur Nationalen Akademie der

8

Wissenschaften Deutschlands ernannt und hat damit, neben den weiterhin bestehenden traditionellen Aufgaben einer Akademie wie Tagungen abzuhalten, Wissenschaftliche Verdienste zu würdigen und junge Menschen zu fördern, neue Aufgaben hinzubekommen.Dazu gehören die intensive Pflege des Austauschs zu Akademien weltweit und die wissenschaftsbasierte Beratung von Gesellschaft und Politik zu drängenden Zukunftsthemen national wie international. Zu diesen Zukunftsthemen, mit denen sich die Nationale Akademie beschäftigt, gehören vor allem gesundheitspolitische Themen, die deutliche Bezugspunkte zur heutigen Veranstaltung aufweisen. Ich möchte Ihnen einige wenige Beispiele für gesund Ich möchte Ihnen einige wenige Beispiele für gesund-


V O R W O R T

»Die Zukunftsthemen, mit denen sich die Leopoldina beschäftigt, sind vor allem gesundheitspolitische Themen mit deutlichem Bezug zum heutigen Zukunftsdialog.« Ich möchte Ihnen einige wenige Beispiele für gesundheitspolitische Themen nennen. Auf der Agenda der Leopoldina stehen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene unter anderem der Zusammenhang von Klimaschutz und Gesundheit, welcher auf europäischer Ebene im letzten Jahr intensiv diskutiert wurde. Natürlich beschäftigt uns aktuell die Coronavirus-Pandemie ganz intensiv. Auch der G7-Gipfel 2020 unter Federführung der US-amerikanischen Akademie wird sich mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen befassen. Gesundheitliche Ungleichheit im Lebensverlauf ist ein weiteres ganz essentielles Thema, das Sie vielleicht auch irgendwann aufgreifen werden. Nicht zuletzt wirkt die Leopoldina an einer zeitgemäßen Gesetzgebung für die Fortpflanzungsmedizin in Deutschland mit.

Ich darf Ihnen versichern, dass in der Vor-Corona-Zeit, als diese Tagung geplant wurde, die Interaktionen zum großen Netzwerk der Leopoldina-Mitglieder mit ihrer breit gefächerten Expertise auf den verschiedensten auch grundlagenorientierten Forschungsgebieten, anders gedacht gewesen waren. Wir sind aber trotzdem froh, dass wir Ihnen heute die Möglichkeit eröffnen können, hier bei uns Ihren Zukunftsdialog abhalten zu können. Ich wünsche Ihnen nun anregende und erkenntnisreiche Dialoge. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Sie sehen anhand dieser wenigen Beispiele, dass die Nationale Akademie Leopoldina über Expertise verfügt, die auch für Sie von großem Interesse ist und es sicherlich künftig gelingt, noch enger in Kontakt und ins Gespräch zu kommen.

9


G E S C H Ä F T S F Ü H R E R ,

T E C H N O L O G I E P A R K

W E I N B E R G

C A M P U S

Dr. Ulf-Marten Schmieder

»In Summe führt dies zu einer völlig neuen Gesundheitskultur aber auch zu einer neuen Gesundheitsökonomie, mit deren Herausforderungen wir uns mit aller Kraft beschäftigen müssen.« Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr Sie alle hier zum Zukunftsdialog in der Leopoldina begrüßen zu dürfen. Nach den Zukunftsdialogen mit den Schwerpunkten Energie, Maschinen- und Anlagenbau, Ressourceneffizienz sowie Chemie- und Bioökonomie ist dies nunmehr der vierte Zukunftsdialog, den die unser Wirtschaftsministerium durchführt. Im Fokus steht heute der Leitmarkt Gesundheit und Medizin des Landes Sachsen-Anhalt, dessen Bedeutung gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Wie Sie der Einladung entnehmen können, steht der Zukunftsdialog unter der Schirmherrschaft unseres Ministers für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, Prof. Dr. Armin Willingmann, und

10

des seit März 2020 amtierenden Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Prof. Dr. Gerald Haug. Durch die pandemiebedingten Terminverschiebungen können die beiden Schirmherren heute leider nicht, wie zunächst im Mai geplant, an der Veranstaltung teilnehmen, betonen aber ihr großes Interesse an der Veranstaltung, insbesondere an den Ergebnissen. Beide haben zugleich ihre persönliche Bereitschaft zur Unterstützung aller Akteure bei der Weiterentwicklung des Leitmarktes in Wissenschaft und Wirtschaft zugesagt. Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin wurde durch das Ministerium initiiert und gefördert und stellvertretend für die vielen Akteure aus Biotechnologie, Pharmazie, Biomedizin, Medizintechnik, Gesundheits-


V O R W O R T

versorgung aber auch angrenzender Bereiche, wie der IT oder der Ernährungswirtschaft, haben wir als Veranstalter gern die Aufgabe übernommen, diesen Tag vorzubereiten und inhaltlich zu gestalten. Wie wir alle wissen, ist Gesundheit sowohl Schlüsselressource der Zukunft als auch gesellschaftliche Herausforderung. In unserer alternden Gesellschaft ist der Gesundheitsmarkt ein zentraler Eckpfeiler. Innovative Gesundheitsleistungen werden im lokalen, regionalen, urbanen Kontext zu einem unverzichtbaren Bestandteil der modernen Daseinsvorsorge. Beschleunigt wird der Wandel durch neue Technologien, durch die Liberalisierung, die Ökonomisierung sowie durch bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse. Neue Impulse geben aber auch verstärkt Startups, wie die Teilnehmer des ersten landesweiten Accelerators heute im Rahmen der Game-Changer-Messe auch beispielhaft präsentieren können. In Summe führt dies zu einer völlig neuen Gesundheitskultur aber auch zu einer neuen Gesundheitsökonomie, mit deren Herausforderungen wir uns mit aller Kraft beschäftigen müssen. Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin 2020 greift deshalb zentrale Themenkomplexe der aktuellen Debatte im Gesundheitssektor auf und versucht in diesem Kontext wichtige Impulse zu setzen. Das Ziel für den heutigen Tag ist, gemeinsam mit Ihnen über den Tellerrand zu schauen, vom Tagesgeschäft losgelöst, strategische Leitlinien zu diskutieren und somit die Basis für das Handeln jedes einzelnen und aus Landessicht auch für die Clusterarbeit der kommenden Jahre zu legen und abzuleiten. In Abstimmung mit dem Ministerium und dem Leitmarktarbeitskreis ist es uns gelungen, auch unter den aktuell sehr schwierigen Rahmenbedingungen und bei begrenzten Teilnehmerzahlen ein interessantes Programm zusammenzustellen und namhafte Referenten gewinnen zu können. Und dass wir heute alle Teilnehmer, die sich angemeldet haben, auch hier in der Leopoldina begrüßen dürfen, belegt das und freut mich persönlich sehr. In diesem Zusammenhang danke ich allen, die an der Vorbereitung beteiligt waren, insbesondere den Referenten, den Workshopleitern, den Moderatoren, Herrn Thomas Gerke vom Referat 22, meinen Mitarbeitern am Technologiepark Weinberg Campus für die Vorbereitung und dem Team der Leopoldina um Frau Katharina Schmidt für die Organisation und vor allem für die Geduld, angesichts der Rahmenbedingungen sich pandemiebedingt permanent verändert haben. Ich wünsche uns allen einen inspirierenden und gewinnbringenden Tag!

11


S T A A T S S E K R E T Ä V R O R I W M O R M T I N I S T E R I U M F Ü R W I R T S C H A F T , W I S S E N S C H A F T U N D D I G I T A L I S I E R U N G D E S L A N D E S S A C H S E N - A N H A L T

Dr. Jürgen Ude Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Zukunftsdialoges, zunächst möchte ich die besten Grüße des Schirmherren und Ministers Armin Willingmann übermitteln. Damit verbunden möchte ich in seinem Namen dem Technologiepark Weinberg Campus und der Leopoldina für die Übernahme der Organisation und Durchführung des Zukunftsdialoges unter den schwierigen Rahmenbedingungen der Corona-Pandemie danken. Stichwort „Zukunftsdialog“: Was wollen wir mit dem Format eigentlich erreichen und warum heißt es so? Zukunftsdialoge werden im Rahmen der Umsetzung der Regionalen Innovationsstrategie (RIS) des Landes Sachsen-Anhalt in allen Leitmärkten durchgeführt. Sie sol-

Die Gesundheitswirtschaft in Sachsen-Anhalt trägt 13,7 Prozent zur Bruttowertschöpfung des Landes bei

»Zukunftsdialoge sol­len einen ‚Blick über den Tellerrand‘ bieten und sich mit den ‚großen Entwicklungen‘ in den jeweiligen Leitmärkten auseinandersetzen.«

len einen „Blick über den Tellerrand“ bieten und sich mit den „großen Entwicklungen“ in den jeweiligen Leitmärkten auseinandersetzen. Die visionären Keynotes des heutigen Tages belegen dies eindrücklich. Zukunftsdialoge sollen zur Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik beitragen und sollen als innovatives Veranstaltungsformat Impulse für die künftige Entwicklung der Leitmärkte und für die anstehende Fortschreibung der regionalen Innovationsstrategie liefern. Derzeit wird die Fortschreibung der RIS für den Zeitraum der nächsten Strukturfondsperiode 2021 bis 2027 vorbereitet. Ziel ist es, die Fortschreibung der RIS im Frühjahr 2021 abzuschließen. Dabei wird die Struktur der RIS mit den fünf Leitmärkten auch in der kommenden Förderperiode aller Voraussicht nach übernommen werden. Digitalisierung wird als wichtiges Querschnittsthema in allen Leitmärkten an Bedeutung gewinnen. Die Fortsetzung der Forschungs- und Entwicklungsförderung des Landes unter Einsatz von EFREMitteln ist auch in der kommenden Strukturfondsperiode geplant. Außerdem wird die Fortführung der Clusterförderung als wichtiges Instrument der Vernetzung für den Bereich Gesundheit und Medizin angestrebt. Der Leitmarkt Gesundheit und Medizin, um dessen zukünftige Ausrichtung es heute geht, hat mehr als die anderen Leitmärkte mit uns als Menschen zu tun. Gesundheit betrifft uns unmittelbar, in der Lebens-

12

führung, in der medizinischen Versorgung und in der Pflege im Alter. Aufgrund der demografischen Situation steht Sachsen-Anhalt vor großen Herausforderungen, auf die wir innovative Antworten finden müssen. Deshalb strahlt der Leitmarkt Gesundheit und Medizin nicht nur in die Wirtschaft aus, sondern auch in die Gesundheits- und Sozialpolitik.

und ist damit ein wichtiger Wirtschaftssektor. Der Anteil der „industriellen Gesundheitswirtschaft“ (Pharma, Medizintechnik) an der Gesundheitswirtschaft liegt bei etwa 10 Prozent, hier sind rund 16.000 Menschen beschäftigt. Unser Bundesland ist im nationalen Vergleich zwar ein kleiner Standort, hat aber viel Potenzial und ist national und international konkurrenzfähig. Beleg dafür sind innovative Unternehmen, z. B. im Bereich der Biotechnologie im Umfeld des Technologieparks Weinberg Campus in Halle, in der Medizintechnik sowie in der Medizininformatik um den Forschungscampus Stimulate in Magdeburg. Die gut ausgebaute Forschungslandschaft mit Hochschulen und Uniklinken mit ausgewiesenen Forschungsschwerpunkten, z. B. der Neurowissenschaften und Immunologie in Magdeburg, Epidemiologie und Pflegeforschung in Halle, trägt ebenfalls zur Attraktivität des Standortes bei. Hinzu kommen renommierte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wie das Leibniz-Institut für Neurobiologie und das Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg oder die Außenstelle des Fraunhofer IZI in Halle. Leuchtturmprojekte mit direktem Wirtschaftsbezug sind z. B. der Forschungscampus Stimulate im Bereich der Medizintechnik oder die Initiative TDG – Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung im Süden des Landes im Bereich der Pflege. Unsere Universitäten in Magdeburg und Halle sind aktuell an


V O R W O R T

vielen Corona-Forschungsprojekten beteiligt. Außerdem ist die IDT Biologika aus Dessau-Roßlau als drittes deutsches Unternehmen dabei, einen Coronaimpfstoff klinisch zu testen. Was sind nun die zukünftigen Herausforderungen im Bereich Gesundheit und Medizin? Die demographische Entwicklung des Landes bewirkt eine Zunahme altersbedingter chronischer Krankheiten, wachsenden Pflegebedarf, wachsenden Bedarf an medizinischer Versorgung in ländlichen Räumen. Diese Herausforderungen sind auch Chancen für die Entwicklung neuer Therapien, Versorgungsmodelle und Medizinprodukte. Erkenntnisse aus der Forschung müssen in die Wirtschaft getragen werden.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist eine große Aufgabe, die menschgerecht gestaltet werden muss. Hier müssen technische Lösungen entwickelt und organisatorische Modelle erprobt werden. Es müssen aber auch ethische Fragen geklärt und die Akzeptanz bei den Betroffenen gesichert werden. Nicht zuletzt müssen ausreichend Fachkräfte durch gute Ausbildung zur Verfügung stehen. Hier wollen wir künftig daran arbeiten, die Unternehmen und die anderen Akteure des Gesundheitswesens wie Krankenkassen oder Versorgungsträger wieder stärker einzubeziehen. Wir müssen geeignete Arbeitsstrukturen etablieren und Veranstaltungsformate finden. Dieser Zukunftsdialog kann und wird dazu einen guten Beitrag leisten!

13


V O R W O R T

Keynotes

14


V O R W O R T

15


T H O M A S

S C H U L Z

Zukunftsmedizin — Wie das Silicon Valley die Medizin revolutioniert Die enorme Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung versetzt uns in der Gesundheitswirtschaft in die Lage, Therapie- und Lösungsansätze zu entwickeln, die noch vor kurzem nahezu undenkbar waren. Auch wenn beispielsweise die Corona-Pandemie eine enorme Herausforderung darstellt, so sind wir heute doch in der Lage, diese schneller und besser managen und letztendlich auch lösen zu können, als wir es noch vor ein paar Jahren gewesen wären. Das extreme Tempo dieser Entwicklungen und deren Implikationen für den Gesundheitssektor sind das Grundthema des Vortrags von SPIEGEL-Redakteur und Bestseller-Autor Thomas und er benennt in seinen Ausführungen eine Vielzahl anschaulicher Beispiele.

und technischen Instrumenten aufrollen könne, dann sei dies die Gesundheit, so Schulz in seinem Vortrag. Fortschritt verlaufe immer dann exponentiell, wenn Konvergenzmechanismen wirken, also wenn Fortschritt aus vielen Bereichen zusammenkommt – und genau das sehen wir aktuell in der Medizin und der Gesundheitstechnologie. Jahrzehntelange Grundlagenforschung beispielsweise in der Materialwissenschaft, der Robotik, der Biologie, der Chemie und eben in der Informatik greift jetzt zusammen und löst einen enormen Beschleunigungseffekt aus. Ende der 90er Jahre sei beispielsweise der erste Versuch unternommen worden, Gentherapien zu entwickeln – ein Forschungsfeld, dass jedoch dann lange Zeit nicht vorangekommen sei, weil es einfach nicht funktioniert habe. Vor zwei Jahren kam dann plötzlich eine Gentherapie auf den Markt, die in der Lage ist, eine erblich bedingte Form der Blindheit zu heilen. Seitdem befinden sich zahlreiche Gentherapien für unterschiedlichste Anwendungsfelder in der klinischen Erprobung. Die Geschwindigkeit der Entwicklung in diesem Bereich hat plötzlich rasant zugenommen – was jedoch auch gesellschaftliche und philosophische Fragen aufwirft. Es gibt beispielsweise aktuell noch

So beschreibt er beispielsweise, wie das Unternehmen Grail, benannt nach dem heiligen Gral, also dem Schlüssel für das ewige Leben, enorme Fortschritte in der frühzeitigen Krebsdiagnostik auf Basis von Informationstechnologie und Datenanalysen erzielt. Das Startup, gegründet von ehemaligen Google-Managern, verwendet datenwissenschaftliche Analysen, um Biomarker zu identifizieren, die spezifische Krebszellen im Blut bereits in sehr frühen Stadien entdecken. Die Früherkennung von Krebs garantiert nicht, dass die Behandlung auch wirksam ist. Aber in vielen Fällen kann »Wenn man heute einen Bereich durch es die Überlebenschancen dramatisch verbessern. Digitalisierung neu aufrollen kann, dann Das Interessante ist, dass dieser Fortschritt eben ins- es die Gesundheit.« besondere auf Basis von Informationstechnologie und der Verarbeitung großer Datenmengen möglich ist. Unternehmen wie Grail würden heutzutage von Informatikern oder als Spin-Offs von IT-Unternehmen wie Google oder Facebook gegründet, die sich das medizinische-biologische Know-how gezielt in ihr Unternehmen holten – und nicht mehr umgekehrt. Die synthetische Reproduktion von menschlichen Zellen oder die automatisierte Erkennung von Hautkrebs sind weitere prominente Beispiele. Sebastian Thrun, deutscher Informatiker und Robotik-Spezialist und maßgeblich für die Entwicklung autonom fahrender Autos bei Google verantwortlich, nutzte beispielsweise künstliche Intelligenz, um einen Algorithmus zu trainieren, der in der Lage ist Hautkrebs besser zu erkennen als menschliche Dermatologen. Wenn man heute also einen Sektor mit Digitalisierung

16

ist

keine Langzeitstudien zu diesen Therapien. Daraus resultiert die Frage, ob derart tiefgreifende Therapieansätze in beschleunigten Verfahren zugelassen werden sollten, ohne die langfristigen Folgen zu kennen. Schmeißen wir die Dinge auf den Markt, weil es geht, oder brauchen wir die klassischen, zeitaufwendigen Zulassungswege? Es gäbe aktuell eine ganze Reihe von Forschungs- und Entwicklungsprojekten im Gesundheitssektor, die aktuell noch nach Science Fiction klingen, aber vielleicht schon bald funktionieren könnten. Die Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen. Wir sähen eine Geschwindigkeit, die wir uns vor zwei bis drei Jahren noch nicht vorstellen konnten – und vielleicht auch gar nicht vorstellen wollten. Frei nach Elon Musk: „Die Zukunft wird schräg und seltsam sein“.


V O R W O R T

17


V O R W O R T

18


M A N O U C H E H R

S H A M S R I Z I

Menschenbilder, Maschinengeister und die iatrologische Frage auf dem Weg in die digitalisierte Medizin Manouchehr Shamsrizi, Co-Founder des gamelab.berlin am Exzellenz- »Die Zukunft wird zunehmend schwer cluster der Humboldt-Universität und Mitgründer des Gesundheits- zu beschreiben – aber aus jeder TechStart-ups RetroBrain greift den Vor- nologiewelle ist die Gesellschaft demotrag von Thomas Schulz auf und betrachtet die Thematik aus medi- kratischer, gerechter und auch gesünzintheoretischer und philosophi- der hervorgegangen.« scher Perspektive. Er wirft zunächst eine alte Frage der Philosophie der Medizin auf, nämlich die Frage der grundsätzlichen Engineering, also das künstliche Anzüchten von GeweEinordnung, was Medizin eigentlich genau ist. Was bebe, können genutzt werden, um das Leben zu verlänwirkt, ob wir wieder gesund werden, beziehungsweigern, bevor wir den biologischen Prozess des Alterns se gesund bleiben? Ist die Medizin eher Wissenschaft umfassend und in Gänze verstanden haben. Nichtsoder Kunstfertigkeit? Shamsrizi beantwortet diese Fradestotrotz ergebe es aber dennoch Sinn, auch die Perge mit Sir William Osler, kanadischer Mediziner, Physiospektive der Grundlagenforschung an solchen Themaloge und Medizintheoretiker, der postuliert, dass diese tiken konsequent weiter zu verfolgen. Pole nicht trennbar seien und die Medizin beides, also eine Kunstfertigkeit basierend auf Wissenschaft, sei. Gleichzeitig steige damit auch die Komplexität für die Aber was sind dann die Kunstformen der Medizin und Gesellschaft, da es aktuell eine Vielzahl an technolowas die Wissenschaften und Technologien, die die Megischen Entwicklungen gäbe, mit denen man sich im dizin beschäftigen – und was machen sie mit uns? gesellschaftlichen Diskurs intensiv auseinandersetzen müsse. Künstliche Intelligenz sei so ein Thema, dass Kommunikationstechnologien, vom gesprochenen man nicht allein der Informatik überlassen dürfe, sonWort, über den Buchdruck bis hin zur digitalen Komdern von vielen Perspektiven beleuchten muss. Künstmunikation, hätten dabei immer eine große Rolle geliche Intelligenz sei bereits heute so weit, Anlageentspielt und täten es heute ganz besonders. Kommunischeidungen weitgehend autonom zu treffen, und wir kationstechnologie sei nicht nur bloße Technologie seien nicht mehr weit davon entfernt, dass dies auch – sie definiere vielmehr, wie wir Gesellschaft, soziale in der Ethik oder in medizinischen Boards der Fall sein Gruppen und auch Organisationen, wie beispielsweise könnte. Man dürfe dabei Digitalisierung nicht mit diKliniken, gestalten. gitaler Transformation verwechseln. Wir seien sehr gut darin, zu digitalisieren – also beispielsweise KonWir befänden uns aktuell an der Schwelle zur sogeferenzen in den virtuellen Raum zu verlegen – aber nannten „Next Society“, einer Gesellschaft, die vereben noch sehr schlecht darin, auch die vollen Potensucht Antworten auf digitale Technologien zu finden. ziale digitaler Technologien voll auszuschöpfen. Die Daraus erwüchsen, so Shamsrizi, faszinierende AspekGames-Industrie sei dort Vorreiter und würde versute: Die Zukunft würde zunehmend schwieriger zu bechen, Grenzen im digitalen Raum neu auszuloten. Das schreiben und auch Wissenschaft verändere sich graSpiel sei, so Shamsrizi, die klügste Kulturtechnik, um vierend. Teilweise würde sogar vom „notwendigen Tod auf diese anwachsende Komplexität zu reagieren und der Theorie“ gesprochen. Wenn man nur ausreichend man sollte insbesondere auch in der GesundheitswirtDaten zur Verfügung habe, um hinreichend valide Korschaft Schnittstellen zu diesem Bereich suchen. relationen zu bilden, dann müsse man vielleicht gar nicht mehr nach dem biologischen oder medizinischen Aber trotz der aktuellen Herausforderungen bleibt Ursprung einer Erkrankung suchen – denn man kenne Shamsrizi optimistisch: Immer sei die Gesellschaft dedie Folgen ausreichend gut genug, um Prävention zu mokratischer, gerechter und auch gesünder aus einer betreiben. Man müsse beispielsweise vielleicht den neuen Technologiewelle hervorgegangen. Prozess des Alterns nicht unbedingt komplett verstehen, wenn man auf Basis von Daten und Technologien nur ausreichend reparieren und so das Leben deutlich verlängern könne. Methoden wie zum Beispiel Tissue

19


P R O F .

D R .

M I C H A E L

G E K L E

Wissenschaftliche Begleitung der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung Am Nachmittag greift Prof. Dr. Michael Gekle, Dekan der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Vorträge von Thomas Schulz und Manouchehr Shamsrizi vom Vormittag auf und setzt die besprochenen Themen unter anderem in einen regionalen Kontext. Er plädiert dafür, Digitalisierung in der Gesundheit nicht als Selbstzweck zu verfolgen, sondern evidenzbasiert zu diskutieren und gezielt zu fördern. Es gäbe teilweise noch einen relativ naiven und unkritischen Umgang mit dem Thema. Während für die einen rundweg alles großartig sei, was mit Digitalisierung zu tun habe, gäbe es auch andere Meinungen, nach denen Fortschritt grundsätzlich zunächst negativ behaftet sei. Bereits zu Beginn seines Vortrags präsentiert Prof. Gekle mehrere zentrale Kernthesen und untermauert diese anhand praktischer Beispiele. Aus seiner Sicht müsse Digitalisierung im Gesundheitsweisen unbedingt evidenzbasiert erfolgen. Nicht jeder Fortschritt in der Digitalisierung sei eine digitale Transformation und nicht jede digitale Transformation sei per-se wünschenswert. Der Zweck der digitalen Transformation sei die nachweisliche Verbesserung der gesundheitlichen Daseinsfürsorge – was eine wissenschaftsgeleitete und evidenzbasierte Digitalisierung voraussetzt. Dann jedoch könne Digitalisierung beispielsweise dazu beitragen strukturschwache Regionen besser zu versorgen oder Krankenhäuser mit ambulanten Einrichtungen zu vernetzen. Es gelte die Frage zu beantworten, was der gesundheitliche und der ökonomische Mehrwert von digitalen Innovationen im Gesundheitssektor sei. Dabei müssten auch Opportunitätskosten berücksichtigt werden – um die Verschwendung von Ressourcen zu vermeiden, die man an anderer Stelle vielleicht dringender benötigen würde. Der Erfolg von Innovationen in diesem Bereich sei jedoch abhängig von den Anwendungsexperten und deren digitaler Kompetenz – und eben nicht in erster Linie von den Ingenieuren und Informatikern, die diese Innovationen entwickeln. Diese seien zwar herausragend darin, Hardware insbesondere in den Bereichen Sensorik, Robotik oder Telematik zu entwickeln – aber ohne die Anwendungsexperten, wüssten sie letztlich nicht was und wofür sie es tun. Daraus ergäbe sich eine besondere Chance für eine Modellregion wie Sachsen-Anhalt, diese Schnittstelle wissenschaftlich und als Entwickler von Anwendungen

20

zu besetzen, um damit sowohl positive Effekte für die eigene gesundheitliche Daseinsfürsorge zu erzielen und gleichzeitig internationale Märkte zu erschließen und auch Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Aufgabe sei jedoch komplex und erfordere neben wissenschaftlicher Forschung auch eine landesweite Strukturierung und Koordination. Digitalisierung passiert in vielen Bereichen einfach so – und der Markt warte nicht auf die Ergebnisse von Studien. Der boomende Markt von Wearebles, also tragbaren Computersystemen wie Smartwatches oder Fitnesstrackern, sei so ein Beispiel. Wearables haben qualitative Effekte, sind also ein Beispiel für eine digitale Transformation. Sie verändern das Verhalten der Konsumenten – aber ob sie einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben, und wie man sie gesundheitsfördernd einsetzt, sei noch nicht ausreichend untersucht. Man benötige nicht mehr Wearables, sondern deren evidenzbasierten Einsatz im Gesundheitswesen. Prof. Gekle schließt seinen Vortrag, mit vier Dimensionen, die nach seiner Meinung betrachtet werden müssten, um die Gesundheitsfürsorge durch Digitalisierung in Sachsen-Anhalt nachhaltig zu verbessern und schlägt damit den Bogen, zu den eingangs erwähnten Kernthesen: Zunächst müssten digitale Verfahren, Produkte und Dienstleistungen nach wissenschaftlichen Standards auf deren Wirksamkeit und Nützlichkeit hin untersucht werden. Weiterhin ginge es um die Vermittlung der notwendigen digitalen Kompetenzen, mit dem Ziel der Qualifizierung von handlungs- und innovationsfähigem Personal. Als Drittes sei auch die Implementierung und Weiterentwicklung digitaler Innovationen durch Forschung zu begleiten, um aus der Nutzeranalyse heraus neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Zu guter Letzt seien Infrastrukturen in den Bereichen Informations-, Kommunikations- und Assistenztechnologien notwendig. Dabei sollten jedoch keine Parallelstrukturen und hoffnungslose Konkurrenzsituationen zu den Kernkompetenzen beispielsweise im Silicon Valley geschaffen werden. Die Chance liege vielmehr darin, diese Technologien richtig anzuwenden und Anwendungspakete zu schnüren. In der Anwendung liege das zukünftige Geheimnis des Erfolges.


»Sachsen-Anhalt hat als Modellregion die Chance, die Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Entwicklung und Anwendung zu besetzen und damit die eigene gesundheitliche Daseinsfürsorge zu verbessern und gleichzeitig diese Anwendungen international zu vermarkten und damit Arbeitsplätze zu schaffen.«

21


V O R W O R T

22


V O R W O R T

Workshops 23


Biomedizin Pharmazie Biotechnologie V O R W O R T

24


W O R K S H O P

I

Moderation: Dr. Michael Täger (BMD GmbH) Co-Moderation: Prof. Dr. Ulrike Fiedler (IDT Biologika GmbH) Co-Moderation: Prof. Dr. Karsten Mäder (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) Die 25 Teilnehmenden am Workshop „Biomedizin, Pharmazie, Biotechnologie“ repräsentierten Entscheidungsträger bzw. Personen in leitenden Funktionen aus akademischen und außerakademischen Forschungseinrichtungen sowie der Industrie. Das Verteilungsverhältnis Wissenschaft-Wirtschaft war in etwa ausgewogen. Die Diskussionsschwerpunkte sowie Resultate werden nachfolgend wiedergegeben. 1. RÜCKBLICK AUF DIE LETZTE LEITMARKTPERIODE 2014–2020 Eine eingangs gestellte Umfrage unter den Teilnehmenden ergab, dass die Leitmarktinitiative „Gesundheit und Medizin“ in den Grundzügen bekannt ist und man sich zu Beginn der Periode auch eingebracht habe, jedoch aktuell die überwiegende Mehrheit nicht aktiv in den Leitmarkt Gesundheit und Medizin eingebunden sei. Daher wurden die Ziele und Schwerpunkte des Leitmarkts durch die Moderatoren kurz vorgestellt. Die anschließende Diskussion zur Bewertung der Situation und bestehenden Hemmnissen fokussierte auf folgende Schwerpunkte: Attraktivität für Unternehmen Die Einbindung in das Tagesgeschäft mit dem damit verbundenen personellen Einsatz wird als schwierig angesehen, zumal ein direkter Benefit für das einzelne Unternehmen nicht immer erkennbar ist. Durch spezifizierte Inhalte und Wahrnehmung der Leitmarktarbeit durch Interessenvertreter wäre dieser Umstand abzuändern. Förderinstrumente Ein erhebliches Problem für die pharmazeutischen Entwicklungsbranche ist das Fehlen adäquater Förderungen für frühe klinische Forschung. Dieser Umstand wurde noch verschärft, nachdem wichtige größere Bundesprogramme wie KMU-Innovativ nunmehr Pharmaentwicklungen generell ausschließen. Hier wären sowohl Interventionen der Länder beim Bund als auch Substitutionen mit Hilfe von Landesprogrammen außerordentlich hilfreich und sinnvoll. Insgesamt wird das Förderinstrumentarium des Landes im Bundesvergleich als gut angesehen. Ein wesentliches Hemmnis ist jedoch die immer aufwändiger werdende Bürokratie sowohl bei Antragstellung als auch im Projektverlauf, welche einen sehr hohen und zusätzlichen personellen Aufwand erfordert und viele Vorhaben dadurch betriebswirtschaftlich nicht umsetzbar macht.

»Ein erhebliches Problem für die pharmazeutischen Entwicklungsbranche ist das Fehlen adäquater Förderungen für frühe klinische Forschung.« Ein weiteres Hemmnis insbesondere im Forschungsund Entwicklungs-Bereich (FuE) wird in der Begrenzung der maximalen Fördersumme von 500.000 EUR pro Projekt gesehen. Hier sollte den besonderen Anforderungen der Life-Science-Branche Rechnung getragen werden, da in diesem Umfeld anspruchsvolle Forschungs- und Entwicklungsprojekte nur sehr eingeschränkt finanzierbar sind. Durch eine zumindest fallbezogene Öffnung der Deckelung wäre es möglich, deutlich mehr FuE-Arbeit insbesondere in den KMU aber auch den größeren Unternehmen zu realisieren und damit auch eine möglichst weitgehenden Wertschöpfung im Land zu generieren. Schutz- und Vertragsrecht Aus dem universitären Sektor heraus wurde in den letzten Jahren ein Problem bei der Erstellung von Patentanmeldungen gesehen. Ursachen waren einerseits mangelnde Finanzierungsoptionen für umfassende, weltweite Anmeldungen und andererseits fehlende Möglichkeiten für eine fachspezifische, professionelle Patentberatung. Es gibt auch erhebliche Schwierigkeiten bei der Gestaltung von Kooperations- und Lizenzvereinbarungen zwischen akademischen Einrichtungen und der Industrie. Hier werden oftmals völlig überzogene oder realitätsferne Forderungen an den Industripartner gestellt, die mehr und mehr Kooperationshindernisse darstellen. Eine Möglichkeit hier Verbesserungen umzusetzen, wäre eine bessere Kommunikation zwischen den Vertretern beider Parteien, die idealerweise moderiert erfolgen sollte. Vernetzungsstruktur Ein sich durch nahezu alle diskutierten Themenkomplexe ziehendes Problem wird im Fehlen eines institutionalisierten Vernetzungsinstruments gesehen.

25


B I O T E C H N O L O G I E ,

B I O M E D I Z I N ,

Mangelnde Kommunikation unter den Akteuren in den unterschiedlichsten Bereichen wie Fachkräfterekrutierung, Rechts- und Vertragswesen, Kooperationsmöglichkeiten, regionale Produktplatzierungen, FuE-Arbeiten, Auftragsforschung etc. stellt einen Wettbewerbsnachteil dar. Die Schaffung eines solchen Instruments in Form einer Kommunikationseinrichtung sowie deren moderate Förderung wird nachdrücklich gewünscht. 2. HANDLUNGSFELDER Ausgehend von dieser Bewertung der aktuellen Situation wurden spezielle Handlungsfelder herausgearbeitet. Diese sollten sich auf Kompetenzen fokussieren, in denen die Branche eine Position hat oder aufbauen kann, um weltmarktfähig zu sein. Dabei sollen insbesondere die Möglichkeiten der Kooperation entlang der Wertschöpfungsketten innerhalb des Landes vollständig ausgeschöpft werden. Die Handlungsfelder umfassen (ohne Wertung der Reihenfolge): — Vernetzung, Digitalisierung, Data Management — Impfstoffentwicklung — Wirkstoffentwicklung — Neuroprotektion/Neurodegeneration — Chronische Entzündung, Autoimmunerkrankungen — Produktionstechnologien — Individualisierte Medizin, Targeted Therapies, lokale Wirkstofffreisetzung Die genannten Handlungsfelder sind für die Schwerpunktsetzung notwendig, allerdings sollte eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Feldern bewahrt werden, um neue Innovationsentwicklungen nicht auszuschließen. Das wissenschaftliche und industrielle Umfeld für eine möglichst weitgehende regionale Wertschöpfung ist in vielen Handlungsfeldern bereits vorhanden. Die Zusammenführung der Expertisen ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Durch eine gezielte Förderung solcher kooperativen Ansätze mittels finanzieller und gleichzeitig struktureller Instrumente lassen sich die eingebrachten materiellen und ideellen Werte vervielfachen. 3. DEFINITION DER ZIELE Abgeleitet aus der Ist-Situation sowie den definierten Handlungsfeldern wurde als zentrale Zielstellung die Stärkung der Produktions- und Entwicklungskapazitäten der Pharmabranche im Land herausgearbeitet. Hierfür ist eine deutlich verbesserte Interaktion von Wissenschaft und Wirtschaft notwendig wobei gleichzeitig ein Schwerpunkt auf den Faktor Mensch gelegt

26

P H A R M A Z I E


W OVROKRSWHOORPT I

werden muss, um die benötigten Fachkräfteressourcen zu stärken und die Branche für Absolventen der akademischen Einrichtungen attraktiv zu gestalten. 4. INSTRUMENTE DER UMSETZUNG Zur Realisierung der Zielstellung wurden die nachfolgenden Instrumente zur Umsetzung definiert. Dabei sollten diese nicht erst mit Beginn oder im Verlauf der kommenden Leitmarktperiode in Angriff genommen werden, sondern vielmehr schnellstmöglich eine Initiierung erfahren. Strukturierung der Leitmarktarbeit als zentrales Steuerelement — Reaktivierung des Leitmarktarbeitskreises mit Nutzung der dort vorhandenen Expertisen für Entscheidungsfindungen — Identifikation von neuen Formen der Leitmarktarbeit und eines Leitmotivs — Etablierung einer kontinuierlichen Austauschplattform bzw. von zielorientierten Austausch- und Kommunikationsformaten — Finanzielle Unterstützung für die professionelle Organisation und Koordinierung des neuen Leitmarktes

arbeitet und Ziele definiert, welche sowohl kurzfristig als auch im Hinblick auf die kommende Leitmarktperiode eine Stärkung der Position im weltweiten Vergleich ermöglichen. Als übergeordnete Zielstellung wurde die Optimierung der Produktions- und Entwicklungskapazitäten der Pharmabranche fixiert. Die dafür notwendigen operativen Zielsetzungen sollen durch verschiedene Umsetzungsinstrumente realisiert werden. Diese werden neben Verbesserungen zur Nutzung öffentlicher Förderungen im Wesentlichen durch die Etablierung optimierter und kontinuierlicher Formate getragen, zu denen der Leitmarktarbeitskreis als zentrales Steuerelement, ein intensivierter Technologietransfer und eine dezidierte Wissenschaftskommunikation unter dem Dach eines fach- und branchenübergreifenden Netzwerkmanagements zählen.

Neue Wege des Technologietransfers regional und überregional ­— Erstellung eines fokussierten, auf das Land SachsenAnhalt bezogenen Konzeptes — Nutzung der Austauschplattformen — Virtuelle Unternehmen an akademischen Einrichtungen — Institutionelle Gründungsunterstützung — Förderung der Anmeldung von Schutzrechten Wissenschaftskommunikation — intern (Wirtschaft-Wissenschaft) über Vernetzungsund Austauschformate — extern (seriöse Aufklärungsarbeit einer verunsicherten Bevölkerung, Politikbertung) Fach- und branchenübergreifendes Netzwerkmanagement als Schirm über den vorgenannten Aspekten Optimale Einbringung öffentlicher Förderinstrumente, fallbezogene Öffnung der Zuschussdeckelungen Einbindung der lokalen Expertengruppen (z. B. Leitmarktarbeitskreis) in Zuwendungsentscheidungen 5. ZUSAMMENFASSUNG Ausgehend von einer Analyse der aktuellen Ausgangssituation der biopharmazeutischen Branche in Sachsen-Anhalt wurden in dem Workshop Biomedizin, Pharmazie, Biotechnologie Handlungsfelder herausge-

27


Medizintechnik V O R W O R T

28


W O R K S H O P

I I

Moderation: Dr. Frank Fleischer (innoMed e. V. Netzwerk für Medizintechnik Sachsen-Anhalt) Co-Moderation: Dr. Ralf Steinhausen (Ultraschall Forschungszentrum GmbH) Co-Moderation: Matthias Weber (HASOMED GmbH)

Im Rahmen des Workshops wurden 10 Thesen für den Bereich der Medizintechnik in Sachsen-Anhalt formuliert und diskutiert, welche im Folgenden in verkürzter Form dargestellt werden: These 1: Die Medizintechnik in Sachsen-Anhalt muss das Hemmnis der Kleinteiligkeit überwinden Die Medizintechnik zählt zu den innovativsten Branchen in Deutschland, denn rund ein Drittel des Umsatzes wird mit Produkten erzielt, die jünger als drei Jahre sind. Dabei sind deutschlandweit etwa 93 Prozent der Firmen kleine und mittlere Unternehmen (KMU). In Sachsen-Anhalt haben hingegen fast 99 Prozent der Medizintechnikunternehmen weniger als 250 Mitarbeiter, sodass die Branche hier weit kleinteiliger aufgestellt ist. Unbeschadet dessen erwirtschaften ca. 80 Medizintechnik-Unternehmen mit rund 2.700 Mitarbeitern nahezu 300 Mio. Euro Jahresumsatz. In Sachsen-Anhalt hat die Branche das vorhandene Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Ein wichtiger Grund mag die vorherrschende Kleinteiligkeit der Unternehmen sein, welche deren Engagement in Forschung und Entwicklung bzw. bei Innovationen behindert und deren Position im Zugang auf die internationalen Märkte schwächt. These 2: Weiter zunehmende regulatorische Anforderungen bremsen die Branchenentwicklung Die Unternehmen in der Medizintechnik agieren in einem äußerst dynamischen Umfeld, das sie vor erhebliche regulatorische, organisatorische aber auch finanzielle Herausforderungen stellt: Dazu zählen u. a. die wachsende Interdisziplinarität sowie die anspruchsvollen regulatorischen Anforderungen im Gesundheitsbereich, beispielsweise im Zusammenhang mit der neugefassten Medizinprodukteverordnung (MDR — Medical Device Regulation). Die Einführung der MDR bringt vor allem einen gewaltigen personellen und zeitlichen Aufwand, zugleich enorme Kosten für die (Re-) Zertifizierung von Medizinprodukten mit sich. Es ist abzusehen, dass dadurch selbst etablierte Produkte vom Markt genommen werden und invasive oder implantierbare Produkte von KMU gar nicht mehr entwickelt werden können.

These 3: Die wissenschaftlichen Voraussetzungen im Land Sachsen-Anhalt sind exzellent Zugleich verfügt das Land Sachsen-Anhalt in den relevanten Themenfeldern über eine ausgezeichnete Wissenschaftslandschaft, die im Ergebnis zielgerichteter Förderungen und strategischer Ausrichtungen auf zukunftssichere Schwerpunktbereiche entstanden ist. Die Forschungs- und Entwicklungskompetenzen liegen u. a. in den Bereichen Neurologie, Bildgebung, minimalinvasive Diagnostik und Therapie, Mikrosystemtechnik, Orthopädie, demografie-orientierte Medizin und Pflegeforschung. Damit werden zum Teil äußerst zukunftsträchtige Themenfelder mit beachtlicher Marktdimension adressiert. These 4: Es bedarf der wirksamen und marktgetriebenen Vernetzung der hiesigen Akteure Es gilt, die Position der Unternehmen durch Vernetzung und Kooperation, vor allem im Bereich der Innovation, zu stärken. Nur mit neuen Produkten und Technologien, die einen hohen Innovationsgehalt haben, lässt sich dem zunehmenden Wettbewerb, vor allem aus Fernost begegnen. Die regionale Schwerpunktbildung muss einem umfassenden, strategisch ausgerichteten Ansatz folgen, der sich an den Stärken der hiesigen Branchen und Kompetenzen der heimischen Forschungslandschaft sowie dem Potenzial an langfristig rentablen Wachstum für die beteiligten Unternehmen orientiert. These 5: Zentrale Kompetenzen werden die Entwicklung fördern Nutzbringend ist der Aufbau eines Netzwerks aus klinischen Experten, Innovatoren, Investoren, Gründern, Forschungs- und Beratungsdienstleistern und etablierten Medizinprodukteherstellern, welches Kenntnis der medizinischen Anwendungen, des Produktentstehungsprozesses, der regulatorischen und Dokumentations-Anforderungen, aber auch Herstellungs- und Entwicklungskapazitäten zusammenführt und zentral bereitstellt. Dies ermöglicht gerade Kleinunternehmen die qualitativ hochwertige Erarbeitung von Prototypen und Nullserien nah am medizinischen Bedarf und damit die Voraussetzungen für präklinische und klinische Studien. Mit einem starken, etablierten Netzwerk wird auch der Zugang zu Finanzierung erleichtert. Kooperationsformen, die Kompetenzen z. B.

29


M E D I Z I N T E C H N I K

im Wege einer Industrie-in-Klinik-Plattform zentral bereitstellen, sind der Entwicklung von Medizinprodukten in Sachsen-Anhalt dienlich. These 6: Die Bedeutung von Software wird zunehmen Grundsätzlich werden Medizinprodukte zunehmend komplexer. Gleichzeitig steigen auch die Erwartungen an einfache Bedienbarkeit und Zuverlässigkeit. Moderne Medizingeräte, wie Operationsroboter, Röntgen- oder Laborgeräte für In-Vitro-Diagnostik bestehen bereits heute zu einem großen Teil aus Software. Die steigende Komplexität und immer kürzere Release-Zyklen machen es notwendig, Software nach einem geeigneten agilen Entwicklungsprozess von der Anforderung bis zur Freigabe zu schaffen. Kurze Feedback-Zyklen machen es möglich, notwendige Änderungen prozesskonform, mit hoher Qualität und trotzdem schnell zu realisieren. These 7: Die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz wird zunehmen Künstliche Intelligenz (KI) bzw. maschinelles Lernen und Mustererkennung sind absolute Trend-Themen. Insbesondere bei der Diagnostik bietet KI das Potenzial, Ärzte gezielt zu entlasten, eine höhere Präzision zu erzielen und noch dazu kostbare Zeit einzusparen. Unter anderem aufgrund des Mangels an Fachkräften wird diese Unterstützung durch KI dringend benötigt. These 8: Gesundheitsdaten sind wahre Fundgruben für künftige Geschäftsmodelle In Deutschland steht die elektronische Patientenakte (ePA) noch am Anfang ihrer Umsetzung. Dabei bieten personenbezogene Gesundheitsdaten ein großes Potenzial für die Gesundheitsversorgung. Einen Nutzen können daraus nicht nur die Akteure auf dem wachsenden Markt im Gesundheitssektor ziehen, sondern von besseren Heilungsmöglichkeiten kann vor allem die Gemeinschaft aller Versicherten profitieren. Zugleich wächst die Menge der validen, wissenschaftlich verantwortbar einsetzbaren Daten nach und nach. Und absehbar ist, dass letztlich viele, wenn nicht gar die meisten Daten auch Gesundheitsrelevanz haben dürften – saubere Modelle und leistungsfähige Lösungs systeme vorausgesetzt. Daher arbeiten auch in Deutschland Forschungskooperationen und Start-ups an Technologien, Konzepten und Geschäftsmodellen, um E-Health-Anwendungen im Markt zu platzieren. These 9: Gesundheitsdaten bedürfen eines besonderen Schutzes Mit allen neuen Chancen für Patienten, Angehörige und Akteure im System wächst allerdings auch die Skepsis, die Sorge um den Gesundheitsdatenschutz, die Menschwürde, das ärztliche Berufsethos, um das

30

solidarische Gesundheitssystem als Ganzes. Wenn Gesundheitsdaten nicht mehr in Papierarchiven, sondern auf Datenträgern im digitalen Kosmos gespeichert werden, müssen effektive Sicherheitsmechanismen greifen. Sie müssen die Bestandteile der Telematikinfrastruktur (TI) nicht nur dazu befähigen Systemfehlern, Datenlecks und Hackerangriffen standzuhalten, sondern auch einem zu freigiebigen Angebot legaler Zugriffsmöglichkeiten auf Patientenakten vorbeugen. These 10: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) verändern die Versorgungslandschaft weiter Mit dem Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale-Versorgung-Gesetz - DVG) wurde die „App auf Rezept“ in die Gesundheitsversorgung eingeführt. Damit haben ca. 73 Millionen Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung einen Anspruch auf eine Versorgung mit DiGA, die von Ärzten und Psychotherapeuten verordnet werden können und durch die Krankenkasse erstattet werden. Medizintechnikunternehmen haben jetzt die Chance, digitale Geschäftsfelder zu erschließen oder auszubauen. Wie die Akteure die Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten sowie das resultierende wirtschaftliche Potenzial der DiGA am besten erschließen und ausschöpfen, bleibt abzuwarten. Wichtig erscheinen v.a. zwei Erfolgsfaktoren: die frühzeitige Positionierung sowie die strategische Kooperation mit anderen Akteuren. Hier kann die Politik helfen, in Sachsen-Anhalt günstige Rahmenbedingungen zu schaffen.


W O R K S H O P

I I

»Die Unternehmen in der Medizintechnik agieren in einem äußerst dynamischen Umfeld, das sie vor erhebliche regulatorische, organisatorische aber auch finanzielle Herausforderungen stellt.«

31


Gesundheitsversorgung V O R W O R T

32


W O R K S H O P

I I I

Moderation: Prof. Dr. Thomas Moesta (Universitätsklinikum Halle) Co-Moderation: Dr. Hasan Bushnaq (iMedCom GmbH) Co-Moderation: Prof. Dr. Patrick Jahn (Universitätsmedizin Halle)

1.

HERAUSFORDERUNGEN UND CHANCEN

Die Sicherstellung einer flächendeckenden, qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung ist angesichts der im demografischen Wandel wachsenden Bedarfe bei gleichzeitig abnehmenden Fachkräftekapazitäten eine der drängendsten gesellschaftspolitischen Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben des Landes Sachsen-Anhalt. Um sie erfolgreich zu bewältigen, ist der gesamte Versorgungsprozess von der Vorsorge, über die Diagnose und Therapie von Erkrankungen bis hin zu ihrer Nachsorge zu adressieren. Der sich daraus ergebenden Nachfrage an geeigneten Lösungen steht mit einem komplementären Mix entsprechender wirtschaftlicher, forschender und versorgender Akteure gleichzeitig ein bundesweit einzigartiges, jedoch bisher wenig genutztes Potential für die wissenschaftlich begleitete Entwicklung innovativer wissenschaftsbasierter Gesundheitsanwendungen gegenüber. 2.

ZIELE UND HANDLUNGSFELDER

Um dieses endogene Potenzial der Gesundheitsversorgung sowohl in seiner sozialen als auch in seiner wirtschaftlichen Dimension für eine nachhaltige strukturelle Weiterentwicklung des Landes heben zu können, ist die zielorientierte sektoren-, branchen-, institutionen-, disziplinen- und professionenübergreifende Zusammenarbeit aller Akteure im Sinne einer integrierten Strategie für die Entwicklung der versorgenden und industriellen Gesundheitswirtschaft entscheidend, wobei Nützlichkeit und Wirksamkeit wesentliche Faktoren sein müssen. Folgende Handlungsfelder sind dabei maßgeblich: Effizienzfaktoren in der Gesundheitsversorgung Im Rahmen modellhafter, sektorenübergreifender Kompetenznetzwerke, wie es bereits im Süden des Landes mit der Modellregion für evidenzbasierte, demografieorientierte und interprofessionelle Gesundheitsversorgung an der Saale (MEDIV Saale) begonnen wurde, mit Hilfe der Strukturfondsmittel entwickeln, frühzeitig erproben, evaluieren und einsetzen. Für die entsprechenden Versorgungsmodelle sollten durch die Politik auch die dafür grundlegenden rechtlichen Rahmenbedingen geschaffen werden (bezüglich Heilkundeübertragung, Telepflege und -therapie).

Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung Insbesondere mit geeigneten Kommunikationsinstrumenten zwischen den verschiedenen Akteuren der Gesundheitsversorgung untereinander und ihren PatientInnen sowie mit wissenschaftlich geprüften digitalen Medizinprodukten und Gesundheitsanwendungen mit Hilfe der Strukturfondsmittel fördern und vorantreiben. Die Sicherstellung eines bedarfsgerechten und nachhaltigen Digitalisierungsprozesses sollte auf Basis einer adäquat auszubauenden Infrastruktur und entsprechend vorgelagerter Sensibilisierungs- und Qualifizierungsmaßnahmen durch ein Landeszentrum für Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung (Hauptsitz Halle/Saale) koordiniert werden. Offene Innovationsprozesse Durch die Verbindung von Lösungskompetenz und Innovationspotenzial fördern, indem bestehende, erfolgreiche Innovationsbündnisse aus Akteuren in Wissenschaft, Gesundheitsversorgung, Wirtschaft und Gesellschaft zur Moderation und Koordination von Open-Innovation mit Hilfe der Strukturfondsförderung weiter gestärkt, ausgebaut und verstetigt werden (bspw. TDG – Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung). Auf diese Weise finden die Sicherheit, Nützlichkeit, Wirksamkeit und damit die Wettbewerbsfähigkeit der entwickelten Produkte und Dienstleistungen bereits ab der ersten Phase des Innovationsprozesses Berücksichtigung. Ausbildung und Qualifizierung Von handlungs- und innovationsfähigen Fachkräften in Prävention, Medizin, Rehabilitation, Pflege und Verwaltung inklusive der Vermittlung interprofessioneller und digitaler Kompetenzen. Im Sinne der Bewältigung der Zukunftsaufgaben sowie der Fachkräftebindung sind dabei die Voraussetzungen zur weiteren Akademisierung der Gesundheitsberufe mit heilkundlicher Kompetenz sowie zum Einsatz interprofessioneller Versorgungsteams zu schaffen. Sensibilisierung und Einbindung der PatientInnen für und in strukturelle, wissenschaftliche und technische Weiterentwicklungen sowie Innovationsprozesse in der Gesundheitsversorgung. Eine entsprechende Stärkung von Patienten- und Angehörigennetzwerken sichert deren bedarfsgerechte Ausgestaltung, trägt zu deren gesellschaftlichen Einbindung bei und stellt zugleich die Basis für die Förderung von Projekten aus Mitteln der Europäischen Union (EU) dar.

33


G E S U N D H E I T S V E R S O R G U N G

3.

RAHMENBEDINGUNGEN UND INSTRUMENTE

In der EU-Förderperiode 2021–2027 geht das Volumen an Fördermitteln deutlich zurück. Entsprechend notwendig ist es, die vorhandenen Fördermittel effizient und zielführend zur Stärkung des Schwerpunkts (digitalisierte) Gesundheitsversorgung und eHealth einzusetzen. Aus diesem Grund sollten für die Etablierung von Förderprogrammen und die Auswahl von Fördervorhaben zur Stärkung der Gesundheitsversorgung positive Umsetzungserfahrungen sowie die Aussicht zur Entfaltung einer langfristigen Wirkung mehr als zuvor erfolgskritische Selektionsparameter darstellen. Aufgrund des Mittelrückgangs muss die Förderstrategie des Landes für 2021–2027 fondsübergreifend konzipiert werden. Hierunter ist jedoch nicht nur die Verzahnung der Europäischen Strukturfonds untereinander, sondern auch ihre komplementäre Kombination mit anderen Förderinstrumenten auf EU-Ebene (bspw. Horizont Europa) sowie Bundesebene (bspw. regionale Innovationsförderung über die Programmfamilie „Innovations und Strukturwandel“ sowie GRW-Mittel) zu verstehen. Nur so kann die bevorstehende Mittelreduzierung der Strukturfondsförderung (teilweise) abgedämpft werden. Da sich die herausragende Bedeutung der versorgenden und industriellen (digitalisierten) Gesundheitswirtschaft sowohl in der strategischen Schwerpunktsetzung der europäischen, wie auch der bundesweiten Fördermittelprogramme widerspiegelt, sind Aktivitäten zur Stärkung des Leitmarkts Gesundheit und Medizin besonders geeignet für den kombinierten oder aufeinander aufbauenden Einsatz unterschiedlicher Programme zur Umsetzung der regionalen Innovationsstrategie des Landes. Darüber hinaus eröffnen sich hierüber auch weiterführende Kooperationspotenziale mit nationalen und/oder internationalen Partnern. Die Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen gelingt nur auf Basis entsprechender Unterstützung, Moderation und Abstimmung der beiden beteiligten Landesministerien (gegenwärtig insbesondere MS und MWWD). Als zukunftsweisende Alternative können diesbezügliche Teilaufgaben auch an hierfür erfahrene und erfolgreiche Innovationsbündnisse im Land übertragen werden. Als strukturgebendes Vorbild können hierfür die Bundesprogramme zur Innovations- und Strukturförderung (bspw. BMBF WIR!-Programm) dienen. Auch vor dem Hintergrund der Notwendigkeit zur signifikanten Reduzierung des administrativen Aufwands zur Umsetzung der Strukturfondsperiode auf Seiten der verantwortlichen Institutionen (insbes. Investitionsbank des Landes Sachsen-Anhalt) erscheinen derlei neue, delegierende Fördermodelle zweckdienlich und vielversprechend. Im Rahmen der Förderstrategie ist die Kleinteiligkeit bzw. KMU-Prägung der Branchen, die für Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsaktivitäten (FuEuI) zur

34

Verbesserung der Gesundheitsversorgung im Land Sachsen-Anhalt von Bedeutung sind, zu berücksichtigen. Sie weisen zwar generell eine hohe Innovationsaffinität auf, sind jedoch, insbesondere zur Stimulierung und Umsetzung von FuEuI-Aktivitäten, auf die Unterstützung durch geeignete Kofinanzierungsstrategien und -modelle angewiesen. Hieran ansetzende Unterstützungsangebote, die durch den Einsatz von Strukturfondmittel in der Periode 2014–2020 bereits erfolgt sind, gilt es zwingend fortzusetzen und auszubauen.


W O R K S H O P

I I I

»Die Sicherstellung einer flächendeckenden, qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung ist ... eine der drängendsten gesellschaftspolitischen Aufgaben des Landes Sachsen-Anhalt.«

35


Gesunde Ernährung V O R W O R T

36


W O R K S H O P

I V

Moderation: Prof. Dr. Wim Wätjen (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) Co-Moderation: Dr. Jenny Müller (Die Frischemanufaktur GmbH) Co-Moderation: Prof. Dr. Ingo Schellenberg (Hochschule Anhalt)

1.

RAHMENBEDINGUNGEN

Viele Erkrankungen sind stark mit einer ungesunden Ernährungsweise assoziiert. In Bezug auf Übergewicht nimmt das Land Sachsen-Anhalt bundesweit den Spitzenplatz ein: Der Anteil übergewichtiger Personen (BMI > 25) beträgt hier 60,7 Prozent (bundesweiter Durchschnitt: 52,7 Prozent, 2017). Durch Übergewicht und Adipositas wird das Risiko für schwerwiegende Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder bestimmte Krebsarten erhöht. So tritt in Sachsen-Anhalt die bundesweit höchste Sterberate aufgrund Erkrankungen des Kreislaufsystems auf (472/100.000 Einwohnern, das entspricht 42,2 Prozent der gesamten Todesfälle; bundesweiter Mittelwert: 360/100.000, 2018). Steigende Adipositasraten stellen somit auch eine schwerwiegende Belastung des Gesundheitssystems dar. Die durch Übergewicht verursachte Kosten betragen heute schätzungsweise 5 bis 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben

Forschungseinrichtungen, wie die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Hochschule Anhalt sowie verschiedene außeruniversitäre Einrichtungen, wie das Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB), das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) und das Julius Kühn-Institut (JKI) Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen bilden eine breitgefächerte Wissenschaftslandschaft auf diesem Gebiet. Allerdings ist die Vernetzung, nicht nur zwischen den Hochschulen und Forschungseinrichtungen, sondern auch zur Ernährungswirtschaft bisher nicht optimal, wodurch viele Möglichkeiten ungenutzt blieben. Oftmals seien die Forschungsergebnisse aus den Hochschulen außerhalb dieser gar nicht bekannt und verfehlten so ihren Weg in und damit ihren Nutzen für die Wirtschaft.

»Wie in anderen Wirtschaftsbranchen ist die Innovationstätigkeit der sachsen-anhaltischen Unternehmen ausbaufähig.« westlicher Industriestaaten (Quelle: Statista 2020). Das schlechte Abschneiden des Landes Sachsen-Anhalt in diesem Bereich, impliziert einen großen Handlungsbedarf beim Thema „gesunden Ernährung“ und sei gleichzeitig eine wirtschaftliche Chance, die genutzt werden kann. 2. STÄRKEN/SCHWÄCHEN DER BRANCHE Die Ernährungswirtschaft (Herstellung von Nahrungs-, Futtermitteln, Getränken) in Sachsen-Anhalt zählt mit 174 Unternehmen und 22.000 Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von 7,5 Mrd. Euro zu den umsatzstärksten und beschäftigungsintensivsten Branchen in Sachsen-Anhalt (Quelle: Investieren-in-Sachsen-Anhalt.de/nahrungsmittel, Stand: 2018). Mit dem Netzwerk Ernährungswirtschaft Sachsen-Anhalt besteht eine Interessenvertretung der Branche, die die Verbesserung der regionalen Infrastruktur und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit zum Ziel hat. Wie in anderen Wirtschaftsbranchen ist die Innovationstätigkeit der sachsen-anhaltischen Unternehmen ausbaufähig.

3. ZIELE UND HANDLUNGSFELDER Das übergeordnete Ziel der Branche ist die signifikante Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung (Prävention Adipositas, Diabetes, Koronare Herzkrankheit etc.) durch vermehrte Aufklärung und Information über gesunde Ernährung, Optimierung der Gemeinschaftsverpflegung, Verbesserung von Lebensmittelrezepturen oder alternative Ernährungsweisen. Im Detail wurden diesbezüglich folgende Handlungsfelder diskutiert: Entwicklung gesunder innovativer Produkte und Verarbeitungsprozesse (qualitativ verbesserte Lebensmittel, salz-, zucker-, fettreduziert, erhöhter Anteil sekundärer Pflanzenstoffe, Ballaststoffe, ungesättigter Fettsäure etc.) und deren Vermarktung Entwicklung optimierter Lebensmittel (functional food) für spezielle Bevölkerungsgruppen (z. B. Ältere im Kontext des demografischen Wandels)

37


G E S U N D E

38

E R N Ä H R U N G


W O R K S H O P

Erhöhung des Anteils ökologisch erzeugter Lebensmittel in Sachsen-Anhalt sowie die Förderung deren (regionaler) Vermarktung Erforschung und Nutzung alternativer Nährstoffquellen (z. B. Mikroalgen) und Lebensmittelbeiprodukten zur Schonung von Ressourcen unter Einsatz industrieller Biotechnologie zur Produktion innovativer Lebensmittel (z. B. Algenfarm) oder Gewinnung von ernährungsphysiologisch/wirtschaftlich wertvoller Substanzen aus Biomasse Ernährungssicherung durch Züchtung neuer Pflanzensorten mit verbesserter biologischer Eiweißwertigkeit, die an veränderte klimatische Bedingungen besser angepasst sind Förderung des Gesundheitsverhaltens von Verbrauchern und Verbesserung der Ernährungskompetenz der Verbraucher durch Integration von Ernährungsbildung in den Schulunterricht und Förderung der Erwachsenenbildung Verbesserung der KITA/Schulverpflegung sowie der gesamten Gemeinschaftsverpflegung durch wissenschaftliche Beratung, Subventionen und Optimierung der Speisenangebote Entwicklung und Optimierung von Verfahren, welche die Lebensmittelsicherheit erhöhen Schaffung von Modellregionen und Modelleinrichtungen, in denen neue Gesundheitskonzepte erprobt werden können (z. B. universitären Lebensmitteltechnologiezentrums) 4. POLITISCHE RAHMENBEDINGUNGEN

I V

Einrichtung eines universitären Instituts für Lebensmitteltechnologie Förderung eines Studienzentrums an den Universitäten zur Durchführung von Ernährungs- und Gesundheitsstudien Weiterhin sollten die im Land bereits vorhandenen Innovationslabore/Inkubatoren (z. B. an Hochschulen und Universitäten) auch jungen Unternehmen, die bereits im Markt sind (nicht nur Vorgründungsprojekten) zur Verfügung gestellt werden. Besonders junge Unternehmen bräuchten eine durchgehende Förderung, bis der Break-even geschafft sei. Derzeit würden im Land viele junge Unternehmen durch mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten im frühen Stadium scheitern. Ebenso sei ein Bürokratieabbau bei Beantragung von Landesprojekten wünschenswert. Darüber hinaus wurde verpflichtendes „Labeling“ von Lebensmitteln als erforderlich erachtet, welches auf Inhaltsstoffe, wie z. B. auf Zucker, Fett und Salzgehalt der Speisen in Kantinen und Mensen hinweist. Fazit Das Format „Zukunftsdialog“ wurde im Rahmen des Workshops „Gesunde Ernährung“ sehr begrüßt und als überfällig empfunden. Ein Forum wie dieses sei von großer Wichtigkeit, genau wie gemeinsames Forschen, was Verknüpfungen ermögliche. Stärkere Kontakt zwischen Ernährungswirtschaft und -wissenschaft seien essenziell, um einen Dialog entstehen zu lassen. Ein zentralisiertes (mitteldeutsches) Kompetenzzentrum für Ernährung, welches Ressourcen bündelt und auch Interdisziplinarität (Wirtschaft und Wissenschaft) erlaubt, wurde als gemeinsamer zentraler Vorschlag der Teilnehmenden formuliert.

Zunächst wurde im Rahmen des Workshops festgestellt, dass die Kooperationsbeziehungen zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft durch gezielte Förderprogramme und Errichtung spezifischer Kompetenzzentren gestärkt werden sollten. In diesem Rahmen wurden folgende Maßnahmen vorgeschlagen bzw. benannt: Einrichtung eines „Mitteldeutschen Zentrums für Ernährung und Prävention von stoffwechselbedingten Erkrankungen“ (Verstetigung BMBF-Projekt nutriCARD; Verbundprojekt mit Sachsen/Thüringen) Einrichtung eines Kompetenzzentrums „Produktion pflanzenbasierter Wirk- und Wertstoffe“ Einrichtung eines „Kompetenzzentrums für Ernährung Sachsen-Anhalt“ nach dem Vorbild von Bayern

39


S U M M A R Y

Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin 2020 Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin als originäres Veranstaltungsformat zur Vorbereitung einer landesweiten Agenda der Gesundheitsbranche vereinte am 7. September 2020 etwa 80 Spitzenvertreter aus Gesundheitswirtschaft, Wissenschaft und Politik in den Räumen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina auf dem halleschen Jägerberg. Schon in den Grußworten der scheidenden Leopoldina-Generalsekretärin, Prof. Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug, des Technologiepark-Geschäftsführers, Dr. Ulf-Marten Schmieder, und des inhaltlich verantwortlichen Wirtschaftsstaatssekretärs, Dr. Jürgen Ude, klangen die Leitthemen des Tages an: Sachsen-Anhalt als Flächenland mit leistungsfähiger, vielseitiger Forschungsinfrastruktur und kleinteiliger aber potenzialstarker Wirtschaft muss die Möglichkeiten, die sich aus den strukturellen Voraussetzungen ergeben, noch intensiver nutzen, um national und international konkurrenzfähig zu werden. Hierzu verwies Frau Prof. Dr. Schnitzer-Ungefug zunächst auf die Zukunftsthemen, die von der Leopoldina derzeit bearbeitet werden und stellte eine engere Vernetzung der Leopoldina-Mitglieder mit den Akteuren auf Landesebene in Aussicht. Als Geschäftsführer des den Zukunftsdialog in seiner Organisation verantwortenden Technologieparks Weinberg Campus stellte Dr. Ulf-Marten Schmieder den Vernetzungsaspekt des Formates in den Vordergrund, das erstmals die Teilgebiete der Biomedizin, Pharmazie, Biotechnologie, Medizintechnik, Gesundheitsversorgung und Ernährung landesweit in dieser Form zusammenführte. Neben der konkreten Charakterisierung der Gesundheitsbranche des Bundeslandes wies Staatssekretär Dr. Jürgen Ude in seinem Vorwort darauf hin, dass die Zukunftsdialoge für die Leitmärkte in Sachsen-Anhalt vor allem den Blick über den Tellerrand wagen und die strategischen Leitlinien für die nächste Strukturfondsperiode 2021 bis 2027 skizzieren sollten. Ude benannte in diesem Zusammenhang die zentralen Herausforderungen der Branche für die nächsten Jahre, die unter anderem im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung, dem Umgang mit der Digitalisierung, der Klärung ethischer Fragen und nicht zuletzt der Sicherung von Fachund Arbeitskräften stehen. Den Blick über den Tellerrand verschafften dann die Keynote-Speaker des Tages. Bestseller-Autor („Zukunftsmedizin“) und SPIEGEL-Redakteur Thomas Schulz gab zunächst einen intimen Einblick in die Zukunftslabore des Silicon Valley. Der Entrepreneur und Philosoph Manouchehr Shamsrizi begeisterte das Au-

40

ditorium anschließend mit seinen Thesen zur Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen. Das Spiel, so Shamsrizi unter anderem, sei die klügste Kulturtechnik, um auf die anwachsende Komplexität zu reagieren, und man sollte insbesondere in der Gesundheitswirtschaft Schnittstellen zu diesem Bereich suchen. Außerdem stellte er die These auf, dass Wissenschaftler die besseren Unternehmer sein müssten. Wertvolle Impulse zum Thema Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft setzte Professor Michael Gekle, Dekan der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Digitale Verfahren, Produkte und Dienstleistungen müssten nach wissenschaftlichen Standards auf deren Wirksamkeit und Nützlichkeit hin untersucht werden. Weiterhin ginge es um die Vermittlung der notwendigen digitalen Kompetenzen, mit dem Ziel der Qualifizierung von handlungs- und innovationsfähigem Personal. Als Drittes sei die Implementierung und Weiterentwicklung digitaler Innovationen durch Forschung zu begleiten, um aus der Nutzeranalyse heraus neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Zu guter Letzt seien Infrastrukturen in den Bereichen Informations-, Kommunikationsund Assistenztechnologien notwendig. In den anschließenden vier Workshops diskutierten die Anwesenden unter Leitung jeweils eines Workshopleiters, eines Co-Moderators aus der Wissenschaft und eines Co-Moderators aus der Wirtschaft die Kernthemen der Bereiche. Die detaillierten Themen und Handlungsempfehlungen wurden auf den vorangegangenen Seiten ausführlich dargestellt und sollen im Folgenden zusammengefasst werden. Biomedizin, Pharmazie, Biotechnologie Ausgehend von einer Analyse der Ausgangssituation der biopharmazeutischen Branche in Sachsen-Anhalt wurden Handlungsfelder herausgearbeitet und Ziele definiert, welche sowohl kurzfristig als auch im Hinblick auf die kommende Leitmarktperiode eine Stärkung der Position im weltweiten Vergleich ermöglichen sollen. Als übergeordnete Zielstellung wurde die Optimierung der Produktions- und Entwicklungskapazitäten der Pharmabranche fixiert. Die dafür notwendigen operativen Zielsetzungen sollen durch verschiedene Umsetzungsinstrumente realisiert werden. Diese werden neben Verbesserungen zur Nutzung öffentlicher Förderungen im Wesentlichen durch die Etablierung optimierter und kontinuierlicher Formate getragen, zu


V O R W O R T

denen der Leitmarktarbeitskreis als zentrales Steuerelement, ein intensivierter Technologietransfer und eine dezidierte Wissenschaftskommunikation unter dem Dach eines fach- und branchenübergreifenden Clustermanagements zählen.

Angeregt wird angesichts der zu erwartenden rückläufiger Fördervolumina in der nächsten EU-Förderperiode ein effizienter, zielführender, fondsübergreifender Einsatz der Fördermittel zur Stärkung des Schwerpunktes digitalisierte Gesundheitswirtschaft.

Medizintechnik Gesunde Ernährung Die im Rahmen des Workshops formulierten 10 Thesen für die Medizintechnik geben einen umfangreichen Überblick über die Voraussetzungen und Herausforderungen der Branche. Die innovative aber kleinteilige Wirtschaft existiert auch hier neben einer starken Wissenschaftslandschaft und ist in besonderem Maße regulatorischen Anforderungen u. a. durch die Medizinprodukteverordnung (MDR) unterworfen, welche die Akteure vor organisatorische und finanzielle Herausforderungen stellt. Als Schlüssel zur Überwindung der Hemmnisse werden Vernetzung und Kooperation vor allem im Bereich der Innovation genannt. Des Weiteren wird die Bedeutung der Entwicklung und des Umgangs mit Software betont sowie Aspekte des Datenschutzes und des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz aufgeführt. Für die frühzeitige Positionierung und strategische Netzwerkbildung in zukünftigen digitalen Geschäftsfeldern sind passende politische Rahmenbedingungen notwendig. Gesundheitsversorgung Um das Potenzial der Gesundheitsversorgung sowohl in seiner sozialen als auch in seiner wirtschaftlichen Dimension für eine nachhaltige strukturelle Weiterentwicklung des Landes heben zu können, ist die zielorientierte sektoren-, branchen-, institutionen-, disziplinen- und professionenübergreifende Zusammenarbeit aller Akteure im Sinne einer integrierten Strategie für die Entwicklung der versorgenden und industriellen Gesundheitswirtschaft entscheidend, wobei Nützlichkeit und Wirksamkeit wesentliche Faktoren sein müssen. Folgende Handlungsfelder wurden im Rahmen des Workshops diskutiert und benannt: — Entwicklung und Einsatz von Effizienzfaktoren in der Gesundheitsversorgung — Begleitung und Förderung der Digitalisierungsprozesse in der Gesundheitsversorgung — Förderung von offenen Innovationsprozessen in übergreifenden Netzwerken — Ausbildung und Qualifizierung von Fachkräften in Prävention, Medizin, Rehabilitation, Pflege und Verwaltung — Sensibilisierung und Einbindung der PatientInnen in strukturelle Entwicklungen und Innovationsprozesse

Das übergeordnete Ziel der Branche ist die signifikante Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung durch vermehrte Aufklärung und Information über gesunde Ernährung, Optimierung der Gemeinschaftsverpflegung, Verbesserung von Lebensmittelrezepturen und alternative Ernährungsweisen. Entsprechende Handlungsfelder wurden im Rahmen des Workshops definiert. Ein Forum für die Vernetzung von Ernährungswirtschaft und -wissenschaft wurde angeregt und ein zentrales (mitteldeutsches) Kompetenzzentrum für Ernährung, welches Ressourcen bündelt und auch Interdisziplinarität (Wirtschaft und Wissenschaft) erlaubt, wurde als gemeinsamer zentraler Vorschlag formuliert. Den Nachweis der Leistungsfähigkeit der Gesundheitsbranche in Sachsen-Anhalt erbrachten die begleitende Game-Changer-Messe, welche ausgewählten Startups und Teilnehmern des ersten Accelerator-Programms in Sachsen-Anhalt mit Schwerpunkt Biomedizin, Life-Sciences und Material-Sciences im Rahmen der Veranstaltung die Möglichkeit zur Vernetzung bot.

41


I M P R E S S I O N E N

42


Z U K U N F T S D I A L O G

43


I M P R E S S I O N E N

44


Z U K U N F T S D I A L O G

45


V O R W O R T

Teilnehmer *Innen

46


V O R W O R T

47


T E I L N E H M E R * I N N E N

Prof. Dr. Steffen Abel Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) Dr. Henning Afflerbach Navigo Proteins GmbH Karsten Andrae Weinberg Campus Accelerator Joseph Hendrik Anthonijsz GISA GmbH Bert-Morten Arnicke Technologiepark Weinberg Campus Dr. Manuela Bader Vivoryon Therapeutics AG Christina A. Becker Universitätsklinikum Halle (Saale) Kathleen Bier Weinberg Campus Accelerator Dorit Binder Hochschule Anhalt David Elias Blunck tvw GmbH Sabrina Bode GISA GmbH Dr. Gerald Böhm Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Steffen Borlich EKF-Diagnostic GmbH Prof. Dr. Boris Romanus Bracio Hochschule Anhalt Moritz Bradler Transfer- und Gründerservice der MLU Dr. Mirko Buchholz PerioTrap Pharmaceuticals GmbH Dr. Hasan Bushnaq iMedCom GmbH Marcus Diener BMD GmbH Prof. Dr. Emrah Düzel Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Dr. Astrid Eich-Krohm Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Prof. Dr. Ulrike Fiedler IDT Biologika GmbH Prof. Dr. Ulrich H. P. Fischer-Hirchert Hochschule Harz Dr. Frank Fleischer Innomed Netzwerk für Medizintechnik Sachsen-Anhalt e. V. Prof. Dr. Michael Gekle Universitätsklinikum Halle (Saale) Christian Georgieff Okmed Biotech GmbH Thomas Gerke Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sabine Grabner Hochschule Anhalt Prof. Dr. Andreas Graner Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Prof. Dr. Carola Griehl Hochschule Anhalt Robert Gühne wirewire GmbH Dr. Simone Heinemann-Meerz Ärztekammer Sachsen-Anhalt Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze Universitätsklinikum Magdeburg Jens Hennicke Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Sachsen-Anhalt Peter Hinrichs Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Prof. Dr. Patrick Jahn Universitätsklinikum Halle (Saale) Dr. Burkhard John Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) Prof. Dr. Thomas Karbe Hochschule Anhalt Melanie Käsmarker Wacker Biotech GmbH Mirko Kisser Medware Plus Dr. Frank Kloep Wacker Biotech GmbH Dr. Alexander Kluttig Universitätsklinikum Halle (Saale) Anja Koch Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Oguzcan Koyutürk Okmed Biotech GmbH Sabine Krause-Heisterkamp Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration Thomas Lohr Hochschule Harz Andreas Luther Halle-Neustädter Wohnungsgenossenschaft e.G. Prof. Dr. Karsten Mäder Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Igor Matviyets wirewire GmbH Dr. Toni Meier Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Dr. Carl Meißner Klinikum Magdeburg GmbH Marc Melzer Investitionsbank Sachsen-Anhalt Natalie Meyer Die Frischemanufaktur GmbH

48


Z U K U N F T S D I A L O G E

Christiane Meyer Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt GmbH Christoph Michel CWW GmbH Maren Michel ONCOTEC Pharma Produktion GmbH Prof. Dr. Thomas Moesta Universitätsklinikum Halle (Saale) Dr. Jenny Müller Die Frischemanufaktur GmbH Kerstin Müller Univations GmbH Hans-Joachim Münch SONOTEC Ultraschallsensorik Halle GmbH Dr. Bernd Neutschel neotiv GmbH Kay Nitschke AOK Sachsen-Anhalt Doreen Ochsenreiter Weinberg Campus Accelerator Dr. Sabine Odparlik Universitätsklinikum Halle (Saale) Niklas Otto Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Silke Otto Seniorenresidenz im Park GmbH Sven Pankrath ONCOTEC Pharma Produktion GmbH Prof. Dr. Wolfgang Paul Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Prof. Dr. Markus Pietzsch Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Prof. Dr. Hermann J. Rothkötter Universitätsklinikum Magdeburg Prof. Dr. Bernhard Sabel Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Prof. Dr. Ingo Schellenberg Hochschule Anhalt Dr. Stephan Schilling Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) Prof. Dr. Dieter Schinzer Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Dr. Ulf-Marten Schmieder Technologiepark Weinberg Campus Reinhard Schröter Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau Thomas Schulz Referent Dr. Karsten Schwarz Universitätsklinikum Halle (Saale) Manouchehr Shamsrizi Referent Torsten Sonnenberg iMedCom GmbH Dr. Ralf Steinhausen Forschungszentrum Ultraschall gGmbH Dr. Henning Steinicke Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina Steffi Suchant Techniker Krankenkasse Dr. Michael Täger BMD GmbH Pierre Tangermann PerioTrap Pharmaceuticals GmbH Dr. Gabriele Theren Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration Dr. Jürgen Ude Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung David Wagner Innomed Netzwerk für Medizintechnik Sachsen-Anhalt e. V. Prof. Dr. Wim Wätjen Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Matthias Weber Hasomed GmbH Axel Wiedemann BARMER GEK Magdeburg Hagen Woecht Innocon Systems GmbH Daniel Worch Univations GmbH

49


V O R W O R T

Herausgeber: TGZ Halle Technologie- und Gründerzentrum Halle GmbH Heinrich-Damerow-Straße 3 06120 Halle (Saale) Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin wurde initiiert und gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt. Projektleitung: Dr. Ulf-Marten Schmieder Redaktion/Lektorat: Bert-Morten Arnicke David Elias Blunck Weiter Autoren: Dr. Michael Täger Dr. Frank Fleischer Prof. Dr. Thomas Moesta Prof. Dr. Wim Wätjen Bilder: Michael Deutsch (www.trendblende.de) Grafik/Layout: Lucie Weiße

50


V O R W O R T

Impressum

51


Profile for arnicke

Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin (Dokumentation)  

Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin 2020 wurde initiiert und gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitali...

Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin (Dokumentation)  

Der Zukunftsdialog Gesundheit und Medizin 2020 wurde initiiert und gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitali...

Profile for arnicke
Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded