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Zuerst 75 Minuten Yoga, dann 45 Minuten Musik. Fotos: Manuel Conrad

Welche Rolle spielt das körperliche Mit-

Was bewirken diese Konzertformate in

empfinden bei Musik? Hört man anders

Bezug auf die Verbindung von Publikum

wenn man sitzt, steht oder liegt?

und Ausführenden?

Ich finde grundsätzlich, dass Kopf und Kör-

Ich finde es sehr wichtig, dass sich das Publi-

per heutzutage zu stark getrennt sind. Wir

kum mit den Ausführenden identifizieren kann

machen so viel mit dem Kopf und vergessen

und nicht das Bild vermittelt wird: Da vorne

dabei den Körper. Deshalb empfinde ich eine

sitzen schwarz gekleidete Menschen, von de-

Form von Achtsamkeit für den Körper und

nen ich nicht weiss, wie und wer sie sind. Es

das Integrieren von anderen Sinnen als essentiell für eine gesteigerte Fokussierung – und diese neuen Konzertformate belegen genau das. Man

«Man hört anders, wenn man präsent ist in seinem Körper und nicht in einer schlechten Haltung auf einem unbequemen Konzertstuhl sitzt.»

hört anders, wenn man

ist wünschenswert, dass einerseits die Musiker in einen Dialog mit dem Publikum treten und andererseits das Publikum merkt, dass die Musiker nahbar sind. Die neuen, meist et-

präsent ist in seinem Körper und nicht in einer

was intimeren Konzertformate fördern diesen

schlechten Haltung auf einem unbequemen

Austausch. Heute ist das fast essenziell, um

Konzertstuhl sitzt.

eine langfristige Bindung zwischen Publikum und Klangkörper zu etablieren.

Kann man durch aussergewöhnliche Konzertformate Leute dazu bringen, sich Mu-

Wie siehst Du dabei die Rolle der Musike-

sik anzuhören, die sie sonst nicht hören

rinnen und Musiker?

würden?

Die Yoga-Konzerte sind natürlich ein gutes

Da bin ich mir sicher. Ich glaube, das ist sogar

Format für die Musiker, weil von ihnen gar

ein schlagendes Argument für die neuen Kon-

nicht so viel anderes erwartet wird als in ei-

zertformate. In Berlin habe ich ein Yoga-Kon-

nem klassischen Kammerkonzert. Sie müs-

zert mit Musikern aus der Improvisationsszene

sen ja nicht Yoga machen, während sie spie-

gemacht und ich bin mir sicher, das Publikum hätte sich die Musik nicht angehört, wenn zuvor nicht Yoga auf dem Programm

«Die neuen, meist etwas intimeren Konzertformate fördern den Austausch zwischen Musikern und Publikum.»

gestanden wäre. Das Pu-

len (lacht). Aber die Frage ist natürlich immer, was ich von den Musikern erwarten kann, was bieten sie an, auf was haben sie Lust? Bei «Musik und

blikum hört mit offeneren Ohren, auch zeitge-

Licht» habe ich dann schon mehr von ihnen

nössische Musik, über die sie beispielsweise

verlangt. Es stand zwar immer noch die Mu-

im Abo eher die Nase gerümpft hätten.

sik im Vordergrund, aber es war plötzlich ein 31

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Magazin argovia philharmonic Nr. 14  

Das Magazin argovia philharmonic Nr. 14 bietet Hintergrundinformationen, Interviews und Portraits zu den Veranstaltungen der ersten Saisonhä...

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