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Presseinformation zum Buch „Die Eisenstraße 1938-1945“ Rückfragen: Christian Ehetreiber 0664/311 49 54 oder Heimo Halbrainer 0676/64 85 41

Presseinformation Präsentationen des Buches „Die Eisenstraße 1938 – 1945“ in Leoben und Trofaiach Nach der Erstpräsentation im Grazer Stadtmuseum am 4.12.2012 wird die Präsentationstournee des Buches „Die Eisenstraße 1938 -1945. NS-Terror – Widerstand – Neues Erinnern. Graz: CLIO 2013“ fortgesetzt. Die drei Herausgeber Werner Anzenberger, Heimo Halbrainer und Christian Ehetreiber präsentieren das Buch am 29.1.2013 ab 19h00 im AUDIMAX der Leobner Montanuniversität (Gastgeber: Stadt Leoben und VSSTÖ Leoben) und am 31.1.2013 ab 19h00 im Sepp Luschnik Saal in Trofaiach (Gastgeber: Stadt Trofaiach). „Als Herausgeber freuen wir uns über das große Interesse der obersteirischen Städte Leoben und Trofaiach an der Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der Regionalgeschichte“, so die Herausgeber mit Dank und Anerkennung an die Gastgeber. „Die umfangreichen Rechercheergebnisse zu den Themen NS-Terror, Widerstand und neues Erinnern nach 1945 konturieren ein sehr facettenreiches Bild der NS-Zeit im Bezirk Leoben, vom Spitzelwesen und von Folterungen der GESTAPO über den Massenmord an über 200 ungarischen Jüdinnen und Juden am Präbichl rund ein Monat vor Kriegsende bis zum mutigen Wirken des antifaschistischen Widerstandes zwischen Hochschwab und Gesäuse“, so die Herausgeber in ihrem Resümee. Wie in einem Mikrokosmos ereignete sich der NS-Staat gewissermaßen exemplarisch in den Gemeinden der Eisenstraße: So wurde das blühende jüdische Leben in Leoben schrittweise verfolgt, die Besitztümer arisiert und die jüdischen BürgerInnen in der letzten Konsequenz einfach ausgelöscht. Der NS-Terror belegte auch das „Abhören von Feindsendern“, die Sammelaktionen der „Roten Hilfe“ für notleidende Familien oder oppositionelle Wortmeldungen gegen das Regime mit drakonischen Strafen. Das Trofaiacher Ehepaar Klara und Ludwig Krall steht exemplarisch für diese tödliche Strafpraxis während der NS-Zeit. Sie erhielten für das Abhören von Feindsendern die Todesstrafe und waren damit zwei von insgesamt über 500 von Heimo Halbrainer im „Archiv der Namen“ erstmals namentlich recherchierten Opfern des NS-Regimes in der Region zwischen den Donawitzer Hochöfen und dem Erzberg. Erstmals erhielten auch über 70 bislang weitgehend namenlose Opfer des Todesmarsches 1945 ihre Namen und ihre Lebensgeschichten zurück. Beeindruckend sind freilich insbesondere jene Persönlichkeiten der Eisenstraße, die Nein zum Stechschritt der Nazistiefel sagten, die durch oppositionelles Verhalten, Zivilcourage und bewaffneten Widerstand den Nazis die Stirn boten. Die Herausgeber dokumentieren im Zuge jahrelanger Recherchen entdeckte ZeitzeugInnen, welche den Jüdinnen und Juden des Todesmarsches Nahrung und Wasser gaben oder sie gar bei sich versteckten. Der Widerstand gegen das NS-Regime verdichtete sich ab der Gründung der ÖFF – Österreichische Freiheitsfront im Oktober 1943 (in der Krumpen bei Trofaiach) ab 1944 zum bewaffneten Partisanenkampf der Partisanengruppe Leoben Donawitz. Die Partisanen verübten Gleissprengungen in mehreren Gemeinden in und um Leoben, lieferten sich einen Kampf am Talerkogel bei Trofaiach mit örtlichen Exekutivverbänden der Nazis und trugen aktiv bei zur Rettung der Alpine Donawitz zum Kriegsende. Nach 1945 wuchs recht bald sprichwörtliches Gras über die Themen „Todesmarsch, jüdisches Leben oder Partisanenkampf“. Erst im Gefolge des Gedenkjahres 1938/1988 begann die jüngere Historikergeneration in Zusammenarbeit mit engagierten BürgerInnen der Zivilgesellschaft mit einer spät einsetzenden neuen Erinnerungskultur in den Gemeinden der Eisenstraße. „Die Straßenbenennungen nach den WiderstandskämpferInnen Silvester Heider, Klara und Ludwig Krall in Trofaiach“ und das Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Leobner Eisenbahner waren erste Initiativen. Als vorbildliches mehrjähriges, beteiligungsorientiertes und gemeindeübergreifendes Gedenkprojekt einer neuen Erinnerungskultur darf das im Jahr 2004 errichtete Todesmarsch-Mahnmal am Präbichl exemplarisch angeführt werden. Die Herausgeber dankten den Städten Trofaiach, Leoben, Eisenerz, dem Verein Eisenstraße, der AK Steiermark, dem Alfred Schachner Gedächtnisfonds, dem Zukunftsfonds der Republik Österreich, der Wissenschaftsabteilung des Landes Steiermark, der KF-Universität Graz und dem KZ-Verband für die Förderung dieses Buches!


Presseinformation zum Buch „Die Eisenstraße 1938-1945“ Rückfragen: Christian Ehetreiber 0664/311 49 54 oder Heimo Halbrainer 0676/64 85 41

Vertiefende Presseinformation zum Buch: „Die Eisenstraße 1938 -1945. NS-Terror – Widerstand – Neues Erinnern. Graz: CLIO 2013“ Hrsg. von Werner Anzenberger, Christian Ehetreiber und Heimo Halbrainer „Wo die große Welt im Kleinen ihre Probe hält!“ Dieses Motto bringt die zeitgeschichtliche Bedeutung der Region Eisenstraße auf den Punkt. Zwischen den Donawitzer Hochöfen und dem Erzberg ereignete sich der NS-Staat exemplarisch auf regionalpolitischer Ebene. Das beginnt mit der systematischen Verfolgung, Enteignung und späteren Ermordung der kulturell vitalen jüdischen Gemeinde der Stadt Leoben unmittelbar nach dem Anschluss ans Deutsche Reich im Jahre 1938. Angesehene Leobener Bürgersfamilien beteiligten sich an den „Arisierungen“ des jüdischen Besitzes, was im vorliegenden Buch erstmals detailliert dargestellt ist. Insgesamt gibt das Buch 500 bislang namenlosen Opfern des NS-Terrors, darunter 70 Opfern des Massenmordes am Präbichl, ihre Namen und kurze Biografien zurück. Wir begegnen in der Region Eisenstraße einem NS-Terrorsystem, das vom Spitzelwesen und Denunziantentum bis zum GESTAPO-Einsatz alle Repressionsinstrumente anwandte, um oppositionelles Verhalten zu verfolgen. So führte u.a. bereits das sogenannte „Abhören von Feindsendern“ – das verbotene Hören von ausländischen Radiosendern – für das Trofaiacher Ehepaar Klara und Ludwig Krall zur Todesstrafe. Bei den Donawitzer Hochöfen und auf dem Erzberg mussten Kriegsgefangene bei Hitze, Kälte und Hunger härteste Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Die illusionären Durchhalteparolen Hitlers stießen in der Region Eisenstraße noch „fünf vor zwölf“ auf hohe Resonanz, als es galt, rund zehntausend ungarische Juden vor der heranrückenden Roten Armee ins KZ Mauthausen zu deportieren. Der Eisenerzer Volkssturm verübte am 7. April 1945 auf der Passhöhe des Präbichls einen Massenmord an über 200 ungarischen Jüdinnen und Juden. Frei nach Paul Celan war der gewaltsame Tod offenkundig nicht nur ein „Meister aus Deutschland“, sondern er fand auch in der Obersteiermark seine willfährigen Vollstrecker. Auf der anderen Seite begegnen wir entlang der Eisenstraße einem vornehmlich von der Arbeiterschaft getragenen antifaschistischen Widerstand, der dem NS-Regime öffentlich sichtbar die Stirn bot. In der Krumpen bei Trofaiach gründeten die Widerstandskämpfer 1943 die ÖFF - Österreichische Freiheitsfront, die bereits ab April 1944 mit dem bewaffneten Partisanenkampf begann, einige beeindruckende Aktionen der entschlossenen Auflehnung gegen den NS-Terror setzte und 1945 die Alpine Donawitz vor der Zerstörung – gemäß dem sogenannten „Nero-Plan“ der Nazis - rettete. Bei einer derart polarisierten Regionalgeschichte zeigt sich entlang der Eisenstraße ein breites Repertoire an menschlichen Handlungsmustern: vom mehrheitlich anzutreffenden opportunistischen Konformismus mit dem NS-Regime über Denunziation bis zum Mitmachen bei Folter und Massenmord. Dem gegenüber begegnen wir jedoch zahlreichen Beispielen an Mitmenschlichkeit und Zivilcourage auf Seiten der Opfer bis hin zum bewaffneten Widerstandskampf gegen das NS-Regime, der auch von zahlreichen Frauen aktiv unterstützt worden ist. So halfen etwa die Familien Maunz aus Landl und Juvanschitz aus St. Peter Freienstein unter Einsatz ihres Lebens den Opfern des Todesmarsches 1945. Die beiden Bände nähern sich den Themen „NS-Terror – Widerstand – Neues Erinnern“ aus einer interdisziplinären Perspektive, die nach Bedingungen und Möglichkeiten für Auswege des menschlichen Handelns unter repressiven Zwangsbedingungen fragt. Diese Fragestellung rückt das Thema „Eisenstraße 1938 – 1945“ in einen überzeitlichen Kontext der sozialwissenschaftlichen Forschung (Stichwort: „Milgram-Experiment“) und der Demokratie- und Menschenrechtsbildung, deren Ziel darin besteht, einen tragfähigen Schutzwall gegen alle Arten der Versuchung zur Inhumanität durch politische Bildung und aktive politische Beteiligung zu errichten. Werner Anzenberger/Christian Ehetreiber/Heimo Halbrainer (Hrsg.), Die Eisenstraße 1938–1945: NS-Terror – Widerstand – Neues Erinnern. 360 Seiten. CLIO: Graz 2013. Heimo Halbrainer, Archiv der Namen. Ein papierenes Denkmal der NS-Opfer aus dem Bezirk Leoben. 130 Seiten. CLIO: Graz 2013. Zwei Bände, Euro 29,90, bestellbar unter: heimo.halbrainer@clio-graz.net


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Zitate aus dem Buch „Die Eisenstraße 1938 – 1945“ (Auswahl) Gerald Lamprecht: Die Vernichtung des jüdischen Lebens in Leoben Wie groß die Zahl der in Leoben von den nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen Betroffenen ist, kann nur mit Einschränkungen beziffert werden. So lebten laut der Volkszählung von 1934 im Bezirk Leoben rund 140 Jüdinnen und Juden. Diese Zahl basiert auf der Selbstdefinition der Betroffenen und ist nicht durch die „Nürnberger Rassengesetze“ fremdbestimmt. Denn für die Nationalsozialisten zählte nicht die Eigenbestimmung ob man Jude war oder nicht, sondern die Abstammung bis hin zu den Großeltern. Damit erhöhte sich durch die Festschreibung des Abstammungsprinzips sowie der Einführung neuer Kategorien der „Halb- und Vierteljuden“ die Zahl der von Verfolgung Betroffenen erheblich. Laut der Volkszählung vom 17. Mai 1939, die unter den nationalsozialistischen Definitionen durchgeführt wurde, lebten zu diesem Zeitpunkt im Bezirk Leoben noch 11 Personen, die als „Juden“ galten, 18 Personen, die als „Mischlinge 1. Grades“ und 18 Personen, die als Mischlinge 2. Grades“ bezeichnet wurden. Zusammen fielen demnach im Mai 1939 noch 47 Personen im Bezirk Leoben unter die Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, wovon sich lediglich drei zum Judentum bekannten. Alle übrigen waren erst durch die Nationalsozialisten zu Juden gemacht und damit auch ihrer Identität als Katholiken, Protestanten oder Atheisten beraubt worden. Nimmt man zu dieser Zahl noch die 140 Personen der Volkszählung von 1934 so kann von einer Gesamtzahl von rund 190 Personen im Bezirk Leoben ausgegangen werden, die der nationalsozialistischen Judenverfolgung ausgesetzt waren. Recherchen in den Opferlisten ergaben, dass mindestens 68 von Ihnen Opfer der Shoah wurden. Heimo Halbrainer: Denunziation entlang der Eisenstraße Über 70 Prozent aller Verfahren nach dem Kriegsverbrechergesetz und mehr als 20 Prozent aller Volksgerichtsverfahren wurden in der Steiermark wegen einer Denunziation geführt. In den 56 Denunziationsprozessen gegen Bewohnerinnen und Bewohner entlang der Eisenstraße wurden von den Volksgerichten 27 Schuld- und 37 Freisprüche gefällt, bei denen acht Frauen und 19 Männer zu Strafen zwischen drei Monaten und 15 Jahren verurteilt wurden. Die „Vergehen“, die dabei in 67 Prozent von Nachbarn, Arbeitskollegen und Verwandten, in elf Prozent von Bekannten im Ort und in 41 Prozent von Unbekannten bei den nationalsozialistischen Stellen (Gestapo, Block- oder Ortsgruppenleitung) angezeigt wurden, reichten von „abfälligen“ Äußerungen über Hitler und anderen Funktionären der NSDAP über Defätismus, das Hören ausländischer Radiosendungen bis hin zu aktiven Widerstandsaktivitäten. In den Verfahren vor dem Volksgericht wurde nach 1945 zumeist argumentiert, man wäre verpflichtet gewesen, diese „Vergehen“ anzuzeigen, was aber nicht stimmte, da es während der NS-Zeit keine Anzeigepflicht gegeben hat. In Wirklichkeit wurden vielmehr persönliche Konflikte und Streitigkeiten mit dem Argument der Verpflichtung zur Anzeige kaschiert, was teilweise auch von den Empfängern der Anzeigen, beispielsweise den Ortsgruppenleitern, so gesehen wurde, die – auf die ganze Steiermark bezogen – in immerhin 12 Prozent aller Denunziationen keine Maßnahmen ergriffen und die Anzeigen nicht weiterleiteten. Auch entlang der Eisenstraße blieben einzelne Denunziationen ohne Folgen bzw. wurden die Denunzierten lediglich zum Ortsgruppenleiter vorgeladen. Für viele der Denunzierten aber hatten die Anzeigen ihrer Arbeitskollegen, Nachbarn und anderer zum Teil massive Folgen. Dies reichte von einer vom Sondergericht Leoben verhängten Strafhaft bis hin zur Einweisung in ein KZ und der Hinrichtungen des Denunzierten. Werner Anzenberger: Erblindete Nachkriegsjustiz? Der ungesühnte Ermordung des Partisanen Heinrich Kohnhauser Beim nachfolgenden Ausbruchsversuch [aus dem Partisanenbunker nahe der Seeau bei Eisenerz] wurde Sepp Filz am Oberschenkel getroffen – eine „faustgroße Wunde“ klaffte neben seinen Hoden – und Heinrich Kohnhauser an den Zehen und der Ferse. „Heina“ lief nicht zum vereinbarten Sam-


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melplatz unterhalb des Rohr-Passes sondern – wohl irrtümlich – in Richtung Seeau. Als er aufgrund seiner Verletzung nicht mehr weiter konnte, verbellte ihn ein Hund in einer Mulde. Die herbeigeeilten Schutzpolizisten Muhr und Müller entwaffneten ihn, Muhr erteilte den Befehl „Nicht schießen!“. Dennoch trat Roithner, der mit angeschlagenem Karabiner im Hintergrund gewartet hatte, bis auf vier Meter Entfernung an den wehrlosen Freiheitskämpfer heran und schoss ihm – vermutlich mit einer Art Dum-Dum-Geschoß – in die Brust. Auf Betreiben Muhrs wurde Heinrich Kohnhauser verbunden, starb aber an seiner schweren Verletzung bei einer Holzknechthütte auf dem Weg ins Tal. 1950 wurde Felix Roithner als mutmaßlicher Mörder auf Befehl des Kreisgerichts Leoben in Untersuchungshaft genommen. Nach monatelangen Erhebungen stellte allerdings das Gericht trotz massiver Belastung durch seine ehemaligen Polizeikollegen das Verfahren gegen Roithner, der sich auf Notwehr berief, ein. Eine öffentliche Verhandlung blieb ihm erspart.

Peter Strasser: Die Lehre aus der Geschichte: Führe uns nicht in Versuchung! Was aber für die Negativseite der menschlichen Natur gilt, das hat ebenso Gültigkeit für deren positive Seite. Auch in einem System, „das von Gewalt und Terror systematisch durchwoben ist“, zeigt sich die „gesamte Bandbreite an menschlichen Handlungsmöglichkeiten“. Auch unter dem tristen Vorzeichen der „Eisenstraße“ finden sich Mitgefühl mit den Opfern, die Courage, ihnen beizustehen, soweit es geht, und darüber hinaus der ungebrochene Widerstandsgeist gegen ein dehumanisiertes Umfeld. Wenn es wahr ist, dass „oftmals Täter, Mitläufer und Opfer gleichsam Tür an Tür wohnten oder miteinander an der Werkbank standen“, dann deshalb, weil in jedem Menschen mehr oder weniger all das steckt: das Gute, das Mittelmaß und das Böse – obwohl es leider auch die geborenen Psychopathen gibt, die gewissenlos die schrecklichsten Dinge mit Lust und Laune tun. Doch es wäre gefährlich anzunehmen, dass die menschliche Defektform der Psychopathie der eigentliche Grund für die Ausbrüche des Teuflischen in einem „System“ wie dem der Nazis gewesen ist. Dagegen spricht schon, dass dieselben Menschen, die ihren Opfern Unmenschliches angetan haben, dann, nach Hause zurückgekehrt, sich nicht selten wieder in gute Familienväter verwandeln, weil sie nun in einem anderen „System“ leben, einer Umgebung, welche die sozialen Seiten der menschlichen Natur fördert und fordert. Die wichtigste Lehre daraus lautet wohl, politisch gewendet: „Und führe uns nicht in Versuchung...“

Hans Georg Zilian: Fortsetzung des Projektes „Aufklärung“ – was sonst? Wäre alles, was wir mit der Vergangenheitsbewältigung verbinden, die Devise „Nie wieder Massenmord!“, dann wäre das ein allzu banales Resultat. Stattdessen müssen wir uns an der Kontrastfolie einer Gesellschaft wie jener Nazi-Deutschlands verdeutlichen, worin der liberale Wertekanon besteht, den wir der ideologischen Verblendung entgegensetzen können. Könnte man der Vergangenheit nicht als wichtigste Lektion entnehmen, dass die Teilnahme am Projekt der Aufklärung die adäquateste Form der Vergangenheitsbewältigung darstellt, als eine Reihe von Akten der Versöhnung, die von dauerhafterer Wirkung sein könnten als Gesten der Zerknirschung? Diese Frage ist umso relevanter in einer Zeit, in der der Brauch um sich gegriffen hat, sich für Massenmorde durch verbale Floskeln und Geldzahlungen zu „entschuldigen“. Das könnte freilich besser sein als nichts, doch ist jedenfalls noch immer ziemlich wenig geschehen, wenn heute ein türkischer Staatsmann gegenüber den Armeniern erklärt: „Tut mit leid, und es soll nicht wieder vorkommen!“ Eine soziologische Interpretation der Vergangenheitsbewältigung wird ohne den Rückgriff auf kollektive Strukturen nicht auskommen können. Die Annahme, dass alle individuellen Akteure über dieselben Motive verfügten, ist zu weltfremd, um ernsthaft in Betracht gezogen zu werden. In den Zeitzeugnissen zum Eisenerzer Todesmarsch zeigt sich die ganze Vielfalt dieser Verschränkung von Struktur und Handeln. Nur wenn man glaubt, dass der Rekurs auf kollektive Zwänge notwendigerweise der Entschuldigung und Rechtfertigung dienen muss, wird man sich gegen diese Perspektive sperren. Diese ist allerdings meines Erachtens eben die genuin sozialwissenschaftliche und soziologische Sichtweise, ohne die ein Verständnis der modernen Massengesellschaft unmöglich werden muss. Damit stellen sich auch die Fragen nach Schuld und


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Verantwortung in einer neuartigen und der Massengesellschaft adäquaten Form. Wer – so Mancur Olson – mit einem Eimerchen eine Flut aufhalten möchte, ist kein Heiliger, sondern ein Narr. Peter Gstettner: Zeitgeschichte als Medium der politischen Bildung Ebenso wie Menschen haben auch Landschaften ihre Vergangenheit. Auch Landschaften können eine Geschichte erzählen, sofern man sie richtig „befragt“. Wo heute TouristInnen schöne Ausblicke genießen, wo sich Mensch und Landschaft in scheinbarer Harmonie präsentieren, war einmal das Gegenteil: Disharmonie, ungezähmte Gewalt, mörderische Barbarei, Schändung von Natur und Mensch. Diese Vergangenheit sieht man jedoch heute keiner Landschaft mehr an. Die Natur hat sich unweigerlich mit ihren Ansprüchen auf Wachstum, Entfaltung und Unversehrtheit durchgesetzt. Und der Mensch half diesen Ansprüchen durch Restaurations- und Verschönerungsmaßnahmen kräftig nach. Die Todesmärsche der ungarischen Jüdinnen und Juden im März/April 1945 haben in der Landschaft keine tiefgreifenden Spuren hinterlassen. Die Orte der Verbrechen entlang des Weges vom Südostwallbau nach Mauthausen sind „flüchtige Tatorte“, deren vollzählige Anzahl (es sollen mindestens 150 Orte gewesen sein) der Gesellschaft nicht im Gedächtnis geblieben ist. Auch für die mörderischen Taten der Begleitmannschaften, Männer des Volkssturms, der Hitlerjugend und verschiedener vor Ort stationierter SS-Einheiten, gilt ein Satz von Patrick Modiano: „Es dauert lange, bis das, was ausgelöscht worden ist, wieder ans Licht kommt.“ Warum ist das so? Versteckenspiel und Geheimniskrämerei sind in diesem Fall verständlich. Alle Beteiligten und alle Zuschauer hatten offenbar ein vitales Interesse daran, dass das Schreckliche, das sie an einem Tag oder auch nur während einer einzigen Nacht erlebt und geschaut hatten, nur „vorübergehend“ war oder vielleicht nur als ein Albtraum wie eine „ferne Wirklichkeit“ existierte. Mit ihrem Ort, ihrer Heimat, sollte dieser Albtraum jedenfalls nichts zu tun haben.