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INSPIRATION - IDEEN - EINBLICKE - ANSTÖSSE - INSPIRATION - IDEEN - EINBLICKE

EXTRAS ✻ 1000-FRAGENBÜCHLEIN ✻ 3 GESCHENKTÜTEN

Wohin gehen wir? Immer nach Hause. NOVALIS (1772 –1801)

ACHTSAMKEIT Was uns dabei hilft, ein wenig weiser zu werden INSPIRATION Wie Gedichte unseren Alltag schöner machen DIY Ein Notizheft selber binden

THEMA: TROST BEI SICH FINDEN


Diese Flow gehรถrt:

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BEGINN DINGE LOSLASSEN Es ist immer eine Frage der Haltung. Wie stehe ich zu etwas. Das gilt für Beziehungen, Politik, aber auch für Möbel, Klamotten, Krams. Ich habe beschlossen, mein Herz nicht mehr an Sachen zu hängen. Das bedeutet: Ich brauche viel weniger davon in meinem Leben. Ich ent-

Sinja

rümpele. Im Englischen heißt das Decluttering. Ein tolles Wort, das mich jetzt begleitet. Anfangs läuft Entrümpeln ja immer gut: Papier, Zerbrochenes, T-Shirts, die ich seit Monaten flicken möchte, halb leere Tuben Körper lotion, die ich nicht riechen mag — alles weg. Das ist aber auch eher konsequentes Aufräumen. Echtes Entrümpeln beginnt danach – und fällt mir schwer. Mich trennen vom ersten Sofa aus der Studentenbude, von dem kleinen Kännchen, das ich in Frankreich auf dem Markt gekauft habe. In dem Sommer, in dem wir ohne Ziel einfach losgefahren sind ... An so vielen Stücken hängen Erinnerungen. Ich habe Angst, sie zu verlieren, wenn ich die Gegenstände weggebe. Es ist nicht leicht, zwischen Sachen zu unterscheiden, die wirklich wichtig sind, und denen, die ich getrost loslassen kann. Genau das ist der Punkt, an dem ich ansetzen werde: Ich möchte das Dingeloslassen wagen und das Wesentliche im Herzen bewahren — Haltungs-

FOTO sache sozusagen. Alles Liebe

sinja@flow-magazin.de

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Nummer 18 – 70 100 36

Fünf Lieblingsbücher Rezepte fürs Picknick

46 32 58 Alltag in Algerien

Interview: Kat Menschik

Wir sind ein gutes Team Was Weisheit ausmacht

108 92 118 Wohnen auf dem Hausboot

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Das Leben der Pina Bausch Blumen mal anders

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INHALT Seite 19 bis 52

Seite 53 bis 78

Feel connected

Live mindfully

Ein Blick auf die Welt und die Menschen um uns

Leben im Hier und Jetzt

22 SCHÖNE DINGE & IDEEN

56 SCHÖNE DINGE & IDEEN

25 WAS MACHST DU GERADE?

58 WIE WERDE ICH EIN WEISER MENSCH?

Das haben wir drei Menschen gefragt, die wir klasse finden: Illustratorin Louise Lockhart, Grafikerin Inke Ehmsen, die das Handarbeiten liebt, und Geigerin Marie-Luise Dingler

Du musst dafür gar nicht erst alt werden. Worauf es stattdessen ankommt und welche Rolle die innere Stimme spielt

64 TAGTRÄUME ERLEICHTERN DAS LEBEN

32 KREATIVE DUOS Mit einem passenden Partner entwickeln wir die besten Ideen, dafür gibt es in Kunst und Wissenschaft viele Beispiele

Der Neurowissenschaftler Daniel Levitin erklärt, warum Multitasking einfach nicht funktioniert und es so guttut, öfter mal seine Gedanken schweifen zu lassen

36 LEBENSLAUF: KAT MENSCHIK

68 LEBEN OHNE UHR

Sie ist eine der renommiertesten Illustratorinnen Deutschlands. Kat Menschik über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Maja Beckers versuchte zwei Wochen lang, nicht auf die Uhr zu schauen und stellte erstaunt fest, wie viel Zeit sie hat

46 WÄHRENDDESSEN IN ALGERIEN

70 DIE BÜCHER MEINES LEBENS

Irene Schippers zog vor vier Jahren in das nordafrikanische Land. Hier beschreibt sie, wie es sich anfühlt, dass der Alltag dort kaum planbar ist – und welche Vorteile das mit sich bringt

Welche fünf Bücher sie besonders geprägt haben, erzählt Elisabeth Windfelder von der Buchhandlung Herr Holgersson

52 KOLUMNE Mit Glücksgefühlen umzugehen findet Merle Wuttke gar nicht so einfach und fragt sich: Warum ist das eigentlich so?

74 WUNDERBARE ALLTAGSLYRIK Man sieht sie jetzt überall: kleine Gedichte von Lyrik-Enthusiasten und Schriftstellern, die ihren ganz eigenen Reiz haben

COVE Seite 11 bis 18

TROST FINDEN BEI SICH SELBST

TITELTHEMA

Es gibt im Leben immer wieder schmerzhafte Phasen: wenn wir einen Angehörigen verlieren, den Job oder unser Selbstvertrauen. Wie können wir Hoffnung schöpfen, auch wenn keiner da ist, der uns unterstützt? Otje van der Lelij sucht nach Möglichkeiten, inneren Halt zu finden

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Nummer 18 – Seite 79 bis 112

Seite 113 bis 138

SPOIL YOURSELF

MAKE IT SIMPLE

Zeit für eine kleine Verwöhnpause

Es muss gar nicht so kompliziert sein

82 SCHÖNE DINGE & IDEEN

116 SCHÖNE DINGE & IDEEN

84 SHOPPING IM NETZ

118 BLÜTENZAUBER

Der Sommer kann kommen: Wir haben alles für die Poolparty parat, dazu machen wir es uns hübsch mit Mint und Kupfer

Es gibt so viele Möglichkeiten, Blumen mal anders zu arrangieren. Inspiration liefern drei Bloggerinnen

92 GETANZTES LEBEN

124 FORSCHUNG: HELFEN FÜRS HERZ

Tiefe Gefühle auszudrücken war für sie das Entscheidende. Damit hat die Choreografin Pina Bausch das Tanztheater neu erfunden und Menschen auf der ganzen Welt bewegt

Ehrenamtliche Arbeit ist nicht nur befriedigend, sie ist auch gesund, hat Psychologin Hannah Schreier herausgefunden

100 ZEIT FÜR EIN PICKNICK Bei schönem Wetter essen wir am liebsten draußen. Die Wiener Köchin Julia Kutas liefert die passenden Rezepte

126 MEIN HAUS, DEINE FERIEN Es ist eine nette Einnahmequelle, bringt neue Kontakte. Aber wie fühlt es sich eigentlich an, das eigene Zuhause an Fremde zu vermieten? Christiane Würtenberger hat es ausprobiert

130 DIY: EIN EINZIGARTIGES NOTIZBUCH 108 WOHNATELIER AUF DEM WASSER Die Designerin Roos Brancovich lebt auf einem 100 Jahre alten Hausboot in Amsterdam – mit ihrer Familie und einem Fass Indigofarbe, mit der sie alte Stoffe aufarbeitet

Du brauchst nur schönes Papier, Nadel und Faden, schon kannst du dir ganz leicht ein eigenes Büchlein binden

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SCHÖNES VON FLOW 133 NOCH MEHR VON FLOW

FLOW-EXTRAS

1000-FRAGEN-BÜCHLEIN * (ZWISCHEN SEITE 62 UND 63) Hübsche Flow-Produkte, die du online bestellen kannst 3 HÜBSCHE GESCHENKTÜTEN *(ZWISCHEN SEITE 122 UND 123) 134 SO BEKOMMST DU DEIN FLOW-ABO

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GESICHTER DIESER AUSGABE Trost finden Seite 11 Für die Illustratorin Yelena Bryksenkova, die unsere Titelgeschichte gestaltet hat, ist ihre Wohnung in New Haven ein Ort, an dem sie immer Trost findet: „Ich umgebe mich in meinem Zuhause mit schönen und bedeutungsvollen Dingen. Das hilft mir, mich sicher und geborgen zu fühlen.“ Weil Yelena nur Bücher kauft, die sie schon gelesen und ins Herz geschlossen hat, fühlt sich jedes einzelne in ihrem Bücherregal an wie ein alter Freund. Sie sagt: „Wenn es mir nicht gut geht und ich aufgewühlt bin, mache ich lange Spaziergänge mit meiner Lieblingsmusik im Ohr oder ich koche etwas Gesundes. Auch das Malen hilft mir. Dabei kann ich in einer ruhigen, philosophischen Stimmung über meine Sorgen nachdenken, und meine negativen Gefühle lösen sich wie von selbst wieder auf.“

1000 Fragen an dich selbst Seite 62

Als Journalistin ist es Daniëlle Bakhuis gewohnt, anderen Menschen Fragen zu stellen. Das 1000Fragen-Büchlein für diese Ausgabe zu entwickeln fiel ihr deshalb nicht schwer. „Ich habe mir auf Spaziergängen die Menschen angesehen und mir überlegt: Was würde ich von dieser Person wissen wollen? Bei jedem war es etwas anderes.“ Selbst beantwortet hat Daniëlle ihre Fragen auch. Am meisten überrascht hat sie die Antwort auf folgende: „Was würdest du machen, wenn du nie wieder arbeiten müsstest?“ – „Ich habe gedacht: Schreiben! Ist es nicht wunderbar, dass ich das ein Leben lang machen kann?“

Lebenslauf Seite36 Wenn Fotografin Julia Baier draußen ist, fühlt sie sich am wohlsten. Das Fotoshooting mit Illustratorin Kat Menschik hat sie deshalb besonders genossen – es fand unter Kirschbäumen im Garten der Künstlerin statt. „Ich kann es schwer den ganzen Tag in Innenräumen aushalten, daher kommt mir der Sommer sehr gelegen. Ich versuche dann, so oft es geht in der Natur zu sein.“ Bevor sie sich für ein Studium an der Kunsthochschule entschied, studierte Julia einige Semester Psychologie. Heute fragt sie sich manchmal, ob sie eine gute Psychologin geworden wäre. In ihrem nächsten Leben könnte Julia sich vorstellen, als Bademeisterin in einem Freibad zu arbeiten: „Ich liebe das Wasser. Im Sommer gehe ich täglich schwimmen. Nach dem Shooting habe ich Kat Menschik nach ihrem Lieblingssee in der Nähe gefragt und mich dort mit einem Bad belohnt – er war wirklich ein Geheimtipp.“

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IMPRESSUM Verlag und Sitz der Redaktion G+J Living & Food GmbH, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg Postanschrift Redaktion Flow, Brieffach 44, 20444 Hamburg, Tel. (040) 370 30 Leserservice leserservice@flow-magazin.de Chefredakteurin Sinja Schütte Redaktionsleitung Tanja Reuschling Redaktion Sarah Erdmann, Lena Neher Art-Direktion & Layout Studio 100%: Frederike Evenblij, Sascha Pijnaker, Annelinde Tempelman, Joyce Zethof Grafik Deutschland Eva-Maria Kowalczyk (Ltg.) Mitarbeiter dieser Ausgabe Julia Baier, Daniëlle Bakhuis, Maja Beckers, Anne Broekman, Yelena Bryksenkova Caroline Buijs, Marta Colomer, Angelika Dietrich, Katharina Dubno, Antonina Gern, Stephan Glietsch, Barbara Groen, Bodil Jane, Wiebke A. Kuhn, Jocelyn de Kwant, Otje van der Lelij, Chris Muyres, Oh So Pretty Party, Anne Otto, Christine Ritzenhoff, Stefanie Schäfer, Irene Schippers, Nina Siegal, Ruby Taylor, Textra Fachübersetzungen, Christiane Würtenberger, Merle Wuttke, Renate van der Zee Chefin vom Dienst Petra Boehm Schlussredaktion Silke Schlichting (fr.) Bildredaktion Dani Kreisl Redaktion Online Anja Strohm (Ltg.) Verlagsgeschäftsführer Soheil Dastyari Publisher Living Matthias Frei Director Brand Solutions/verantwortlich für den Anzeigenteil Nicole Schostak, G+J Media Sales, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg Vertriebsleiterin Ulrike Klemmer, DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH Marketingleiterin Ulrike Schönborn PR/Kommunikation Mandy Rußmann Herstellung Heiko Belitz (Ltg.), Michael Rakowski Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt Sinja Schütte, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg Druck RR Donnelley Europe sp. z o.o., ul. Obroncow Modlina 11, 30-733 Krakau, Polen ABO-SERVICE www.flow-magazin.de/abo, Tel. (040) 55 55 78 09, Flow-Kundenservice, 20080 Hamburg Jahresabo-Preise Deutschland 55,60 Euro inkl. MwSt. und frei Haus, Österreich 64 Euro und Schweiz 96 sfr Lizenznehmer von Sanoma Media Netherlands B. V. © Copyright 2016: FLOW is a registered trademark. This edition of FLOW is published under license from Sanoma Netherlands B. V. Nachdruck, Aufnahme in Online-Dienste und Internet und Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM etc. nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung der Redaktion. Entwürfe und Pläne unterliegen dem Schutze des Urheberrechts. Alle Auskünfte, Preise, Maße, Farben und Bezugsquellen ohne Gewähr. Manuskripten und Fotos bitte Rückporto beifügen. Für unverlangte Einsendungen keine Gewähr. ISSN 2198-5588

FLOW MAGAZINE INTERNATIONAL Creative Directors Astrid van der Hulst, Irene Smit Brand Director Joyce Nieuwenhuijs (for licensing and syndication: joyce.nieuwenhuijs@sanoma.com) Brand Manager Karin de Lange, Jessica Kleijnen International Coordinator Eugénie Bersée International Assistant Marjolijn Polman Supply Chain Management Gert Tuinsma Flow Magazine is published by Sanoma Media Netherlands B. V. Registered Office Capellalaan 65, 2132 JL Hoofddorp, Netherlands; 0031 (0)88 5564 930

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TROST

FINDEN BEI SICH

SELBST Es gibt im Leben immer wieder schwere, schmerzhafte Phasen — wenn wir einen Angehörigen verlieren, den Job oder unser Selbstvertrauen. Wie können wir Hoffnung schöpfen, auch wenn gerade niemand da ist, der uns unterstützt? Autorin Otje van der Lelij sucht nach Möglichkeiten, inneren Halt zu finden

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Enttäuschung, Ohnmacht, Trauer: All diese Gefühle gehören zum Leben. Manchmal treffen sie uns sogar gleichzeitig. Mich bedrückt beispielsweise oft der Gedanke an meine verstorbene Großmutter, die liebevoll und einfühlsam war, ein wichtiger Mensch für mich. Dass sie nicht mehr da ist, kann ich nicht verschmerzen, aber auch nicht ändern. Manchmal vermisse ich sie so stark, dass mir der Kummer wie ein Stein im Magen liegt. In solchen Momenten ist nicht immer jemand da, der mich tröstet. Und ich möchte auch gar nicht ständig Halt bei anderen suchen. Manchmal finde ich es schön, aber ich habe keine Lust, dauernd hilflos wie ein aus dem Nest gefallener Vogel bei meinen Freundinnen anzuklopfen. Ich will auch mal allein mit meinem Schmerz zurechtzukommen. Aber wie kann ich Trost bei mir selbst finden? SEHNSUCHT NACH VERBUNDENHEIT

Lange Zeit war die Religion eine Quelle des Trosts für die Menschen. Wenn einem das Leben übel mitspielte, konnte man sich nicht nur mit Gewissheiten wie dem „ewigen Leben“ oder der „Hilfe durch Gott“ stärken, auch die enge Gemeinschaft in den meist dörflichen Gemeinden gab Halt. Krankheit, Tod oder andere Schicksalsschläge wurden geteilt und mit Ritualen begleitet. Dieser Gemeinschaftssinn ist uns laut Theologin und Psychologin Claartje Kruijff immer mehr abhandengekommen, doch das Bedürfnis danach ist nicht erloschen: „Bei Beerdigungen und anderen Gruppenritualen merke ich immer wieder, dass es eine grundlegende Sehnsucht nach Verbundenheit gibt.“

Das wird auch bei Benefizveranstaltungen deutlich. Wenn man mal die Atmosphäre bei einem Event wie dem Trailwalker, einer 100 Kilometer langen Spendenwanderung der Nothilfeorganisation Oxfam, erlebt hat oder einfach nur bei einem Schulspendenlauf dabei war, kennt man das feierliche Gefühl der Verbundenheit. Auch unter den Freiwilligen, die in den Flüchtlingsunterkünften helfen, gibt es manchmal so eine Atmosphäre. Das Bedürfnis der Menschen, füreinander da zu sein, ist dann zum Greifen nahe. „Mich fasziniert, dass dieses verbindende Gefühl oft kurze Zeit später wieder verschwunden ist, weil der Ort, an dem man sich trifft, oder die Aufgabe, für die man zusammengekommen ist, nicht mehr existiert“, sagt Claartje Kruijff. „Wir leben in einer Zeit der Ad-hoc-Gemeinschaften. Es gibt Momente intensiver Unterstützung, die schnell wieder vergehen.“

ES IST KEINE NOT" LÖSUNG, WENN WIR UNS SELBST MITGEFÜHL SCHENKEN, SONDERN EINE HALTUNG, DIE UNS HILFT UND STÄRKT"

ALLE LEIDEN

Da wir Trost also nicht immer selbstverständlich in der Gemeinschaft finden können, machen die Menschen sich auf die Suche nach anderen Möglichkeiten. Viele versuchen, sich selbst Halt zu geben. „Sich Mitgefühl und Trost zu schenken ist keine Notlösung, weil sonst keiner in der Nähe ist, sondern eine Haltung, die uns stärkt“, findet Christine Brähler, Psychotherapeutin und Autorin des Buches Selbstmitgefühl entwickeln. Für sie ist das die Fähigkeit, „uns liebevoll zu umsorgen, wenn wir leiden. So wie wir es für andere Menschen in Not auch tun würden.“ Das klingt natürlich einfacher, als es ist. Deshalb haben die US-Psychologen Chris Germer und

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KUNST BIETET TROST. AUCH WEIL SIE ZEIGT, DASS MENSCHEN NICHT NUR KRIEGE FÜHREN — SONDERN AUCH WUNDERVOLLE WERKE SCHAFFEN KÖNNEN“

BIS IN DIE ZELLEN Die australisch-US-amerikanische Biologin und Nobelpreis trägerin Elizabeth Blackburn, die auch die „Königin der Telomere“ genannt wird, entdeckte, dass Trost bis hinunter auf Zellebene wirksam ist. Telomere schützen die äußeren Enden der Chromosomen und werden gelegentlich mit den Plastikenden von Schnürsenkeln verglichen. Diese Schutzkäppchen verschleißen mit dem Alter, bis sie zu kurz sind, um ihre Funktion noch zu erfüllen. So entstehen Fehler, genau wie bei einem ausgefransten Schnürsenkel. Dies führt zum Alterungsprozess und oft auch dazu, dass Krankheiten auftreten. Interessanterweise, so hat Blackburn ebenfalls herausgefunden, bleiben die Telomere länger intakt, wenn Patienten wöchentlich mit Leidens genossen in Kontakt kommen — so tiefgreifend ist das Gefühl des Trostes.

Kristin Neff eine Art Trainingsprogramm entwickelt, mit dem wir diese Fähigkeit üben können. Den beiden geht es nicht nur darum, dass wir versuchen, freundlicher zu uns selbst zu sein und Schmerz und Traurigkeit zuzulassen. Für sie ist es auch ein stärkendes Element, wenn wir uns klarmachen, dass wir „gemeinsam Menschen sind“: Jeder von uns erlebt Leid, jeder hat Schmerzen, erleidet Niederlagen, wird alt, krank oder von anderen verletzt. Sich das bewusst zu machen hilft, unsere Krisen eher zu akzeptieren, und es spendet Trost, auch wenn wir alleine sind. Dass diese relativierende Sichtweise eine Hilfe ist, hängt auch damit zusammen, dass wir uns schnell ausgeschlossen fühlen – erst recht wenn wir emotional schon angeschlagen sind. Wenn man etwa dem Schriftsteller Harry Mulisch Glauben schenkt, leidet so gut wie jeder unter dem Gefühl, irgendwie isoliert zu sein. In seinem Buch Zwei Frauen hat er es gut beschrieben: „Ich glaube, jeder Mensch hat das Gefühl, im Grunde nicht dazuzugehören, in gewisser Weise anders zu sein, bloß ein Gast. Und jeder unternimmt alles Mögliche, sich das nicht anmerken zu lassen. Diese Gefühle sind uns allen gemeinsam, und gerade dadurch gehören wir zusammen.“ Das zu lesen ist für mich eine Beruhigung. Ich fühle mich durch dieses Zitat auf seltsame Weise mit Menschen verbunden, mit denen ich direkt gar nichts zu tun habe. WIE IM FILM

Kann es vielleicht sein, dass allein das Lesen guter Bücher oder Texte wie dem von Harry Mulisch uns Trost bietet? 14

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Die Psychologin und Schriftstellerin Marieke Nijmanting ist davon überzeugt: „Bereits der Kontakt mit der Schönheit von Sprache ist tröstlich, ebenso die Erkenntnis, dass Menschen nicht nur Kriege führen, sondern auch wundervolle Werke erschaffen können.“ Nijmanting rät ihren Klienten oft, bestimmte Bücher zu lesen oder gute Filme zu schauen, wenn sie niedergeschlagen sind. „ Romane mit ihren erfundenen Charakteren kommen der Realität oft näher als etwa Facebook, wo es ironischerweise um echte Menschen geht“, findet sie. „Sie zeigen Menschen mit all ihren Problemen und Verrücktheiten. Außerdem ist die Parallelwelt der Bücher, Filme und der Fernsehserien ständig zugänglich. Selbst wenn man gerade alles Elend der Welt abzubekommen scheint, sind sie als Zufluchtsort immer greifbar.“ Auch das Wiedererkennen eigener Gefühle in Geschichten kann tröstlich sein. „In einem Roman oder Film schlüpft man in die Haut eines anderen. Man fühlt mit den Figuren. Das ist erleichternd. Vor allem wenn man etwas von sich in einer Figur wiedererkennt. Wenn man sieht, dass ein anderer auch den Job verloren hat, mit seiner Familie zerstritten ist. Dabei ist es interessant, zu sehen, wie eine solche Figur mit dem Problem umgeht. Wenn sie etwas tut, was man insgeheim auch möchte, aber nicht wagt, kann die Geschichte ein Impuls sein, selbst neue Wege zu gehen.“ Ein gutes Beispiel sei der italienische Film Brot und Tulpen. Er handelt von der Hausfrau Rosalba Barletta, die in ihrer Familie immer an letzter Stelle steht. Als sie zusammen mit ihrem


Mann und ihren Söhnen eine Busreise unternimmt, vergisst man sie an der Raststätte nach einer Pause. Rosalba trampt alleine nach Hause, nutzt aber vorher die Gelegenheit, in Venedig Urlaub zu machen, und tut dadurch endlich mal etwas für sich. Nijmanting glaubt, der Film greife ein Thema auf, mit dem viele Frauen etwas anfangen können. „Es kann einen schon aufmuntern, zu sehen, dass man nicht die einzige Mutter ist, die eigene Bedürfnisse ewig hinter die der Familie stellt. Und der Film zeigt, dass es einem Kraft gibt, etwas für sich zu tun – ohne dass man Mann und Kinder gleich verlassen muss.“ Die Gedanken von Marieke Nijmanting leuchten mir ein. Auch mich stärkt es, wenn ich lese oder ins Kino gehe. Aber warum können Geschichten, Mythen oder auch Kunstwerke uns trösten? Claartje Kruijff hat dafür eine Erklärung: „Manchmal fühlt man sich als Mensch verloren. Dann hilft es, wenn man innerlich berührt wird, wenn sich die eigenen Sehnsüchte mit etwas Äußerem verbinden.“ Kruijff hat das neulich bei einer Ausstellung des Malers Mark Rothko erlebt. Dessen Werk löste intensive Gefühle bei Besuchern aus. Manche Menschen weinten angesichts der Bilder. „Rothko litt unter Depressionen. Dieses Leid spürten die Betrachter anscheinend und verarbeiteten es auf ihre Weise“, erklärt Claartje Kruijff. MUSIK ALS FREUNDIN

Wenn ich niedergeschlagen bin, lege ich oft auch Musik auf. Ich wähle nie fröhliche Stücke, sondern solche, die meine Emotionen noch intensivieren, etwa getragene klassische

DREIMAL TROST FINDEN ✻ EIN HEISSES BAD Wärme ist nicht nur wohltuend für den Körper, sondern auch für die Seele, sagt Psychologin Thalma Lobel. Denn unser Gehirn verbindet Wärme mit positiven Gefühlen. Nimm also ein heißes Bad, geh in die Sauna oder gönn dir eine gute Tasse Tee. Thalma Lobel: Du denkst nicht mit dem Kopf allein. Vom geheimen Eigenleben unserer Sinne (Campus) ✻ RAUS IN DIE NATUR Die Natur urteilt nicht, stellt keine Ansprüche und hat keine konkrete Funktion, im Gegensatz zum Beispiel zu einem Auto. Sie ist einfach da und verlangt auch von dir nur eins: da zu sein. Dadurch kannst du dich in Wald, Strand oder Heide schnell aufgehoben fühlen. ✻ ANDERE TRÖSTEN Eine liebevolle Berührung, ein einfühlsamer Blick: Mitgefühl ist ansteckend, sagt der Psychologe Paul Gilbert. Tröstet man jemanden, wird nicht nur das Trostsystem des Unterstützten aktiv, auch man selbst fühlt sich gestärkt. Das Gehirn schüttet beruhigende Botenstoffe aus, etwa Endorphin, das macht uns ausgeglichener. Paul Gilbert: Wie wir Mitgefühl nutzen können, um Glück und Selbstakzeptanz zu entwickeln und es uns wohl sein zu lassen (Arbor)

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EINE TASSE TEE, EINE WÄRMFLASCHE, EIN BAD ODER EIN SAUNABESUCH KÖNNEN TROST SCHENKEN, DENN WÄRME IST NICHT NUR WOHLTUEND FÜR DEN KÖRPER, SONDERN AUCH FÜR DIE SEELE

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AUCH UNSERE EIGENE HAND AUF DEM HERZEN REGISTRIERT DER KÖRPER ALS BERÜHRUNG

KEINE SCHULD Wenn wir uns schlecht fühlen oder eine Niederlage erlebt haben, ist es für viele beinahe ein Automatismus, nach einem Schuldigen zu suchen. Ist sonst gerade keiner da, dann beschuldigen wir uns gern selbst für die Misere, beschimpfen uns vielleicht sogar. Laut einer psychologischen Studie aus dem Journal of Affective Disorders führen aber Selbstkritik und Schuldzuweisungen in der Regel dazu, dass wir uns noch ängstlicher und trauriger fühlen. Es hilft also, sich nicht damit aufzuhalten, nach einem Schuldigen zu suchen. Die Psycho login Christine Brähler schreibt dazu: „Selbstmitgefühl fragt nicht: Wer ist schuld? Sondern: Wie kann ich dir helfen?“ Diese Frage kannst du anderen stellen — aber auch dir selbst. Christine Brähler: Selbstmitgefühl entwickeln. Liebevoller werden mit sich selbst (Scorpio)

Kompositionen wie die Ballade Nr. 1 von Chopin. Bei dieser Musik – die Trauer, aber auch Hoffnung transportiert – schwingen meine Gefühle mit. Nicht selten weine ich sogar. In solchen Momenten fühle ich mich auf melancholische Weise glücklich. Musik ist für mich wie eine gute Freundin, die mir sagt, dass alles wieder gut wird. Diese Wirkung ist wissenschaftlich belegt. Die Psychologen Lîla Taruffi und Stefan Koelsch von der FU Berlin wollten wissen, in welchen Stimmungen wir welche Musik hören. Sie haben 772 Versuchsteilnehmer zu ihren Vorlieben befragt und fanden heraus, dass bei einem Bedürfnis nach Trost die allermeisten Menschen traurige Musik hören. Beliebt sind Balladen wie Hallelujah von Leonard Cohen und Yesterday von den Beatles, aber auch klassische Stücke wie die Cellosuiten von Bach. Dabei löst die traurige Musik keine Niedergeschlagenheit aus, sondern Nostalgie – man schwelgt in Erinnerungen fühlt sich verbunden und gehalten. Außerdem lassen traurige Klänge eine Art Freundlichkeit mit sich selbst und der Welt entstehen. Eine Studie der Universität Ohio erklärt das Phänomen mit einem biochemischen Ansatz: Beim Genuss trauriger Musik wird das Bindungshormon Prolaktin ausgeschüttet. „Es ist, als schließe uns Mutter Natur in die Arme“, so einer der Forscher. HAND AUFS HERZ

Wenn ich mir die Menschen in meiner Umgebung anschaue, sind wir alle keine Meister darin, uns zu trösten. Oft wählen wir eher destruktive Wege, wenn wir uns schlecht fühlen, verkriechen uns mit einer Mikrowellen18

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mahlzeit und einer Flasche Wein. Gehen nicht ans Telefon. Haben keine Lust auf Partys oder einen Friseurbesuch. „Das fühlt sich zu gegensätzlich an“, erklärt der Psychologe Rob Brandsma. „Gerade wenn es einem schlecht geht, neigt man dazu, sich im Stich zu lassen und zu isolieren. Das ist evolutionär erklärbar: Im Kern sind wir soziale Wesen, wollen dazugehören. Wenn der Rest der Welt weitermacht wie bisher, man selbst aber tieftraurig ist, kann man sich einbilden, ausgeschlossen zu sein. In diese Gefühle sollte man sich aber nicht verrennen. Trost finden wir auch im Kontakt. Wir alle wissen, wie schön es ist, wenn uns jemand in den Arm nimmt. Als meine Mutter starb und ich sie in der Kirche aufgebahrt sah, war ich vollkommen niedergeschlagen. Da kam meine Freundin. Sie berührte mich nur ganz leicht, sonst nichts. In dem Moment geschah etwas: Ich empfand die Sicherheit, dass ich nicht allein war. Ich spürte, dass andere meine Trauer mitempfinden.“ Dennoch findet es Rob Brandsma wertvoll, dass wir uns auch selber trösten können. „Ein Trick ist es, sich selber eine Hand aufs Herz zu legen. Es mag uns ungewohnt erscheinen, aber der Körper registriert diese Berührung als tröstlich.“ Das habe ich gleich ausprobiert. Es ist simpel, aber als ich die Hände auf mein Herz legte, fühlte ich mich tatsächlich gestärkt. Es ist eine liebevolle Geste, mit der ich mir immer mal wieder Wärme schenke. Und gerade während ich das hier schreibe, ist allein das Wissen, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich selbst Halt zu geben, ein echter Trost für mich. ●

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FEEL CONNECTED


Die Trennblätter dieser Ausgabe zeigen Fotos aus dem Amsterdamer Tierpark Artis aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren. Bis in die 70er-Jahre hinein konnte man dort zu bestimmten Zeiten Tiere außerhalb ihres Geheges antreffen und sogar — unter Beobachtung eines Tierpflegers — auf den Arm nehmen. Die Bestimmungen für die Tierhaltung sind inzwischen zum Glück andere. Die Bilder haben uns trotzdem gefallen.

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Wenn du ein Schiff w채rst mit Segeln und einem Ruder, w체rdest du dann die Seekarte und den Wind lesen wollen oder interessierte die Richtung dich gar nicht?

Das Gedicht stammt von dem niederl채ndischen Dichter Lars van der Werf, er hat es exklusiv f체r Flow geschrieben. Die Illustration hat Deborah van der Schaaf gemacht.

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Feel connected Ein Blick auf die Welt und die Menschen um uns

Beam me back, Bowie Gute Arbeit „Cucula“ ist ein afrikanisches Wort und bedeutet „Wir schaffen das“. So heißt ein Berliner Verein, der eine Werkstatt betreibt, in der Flüchtlinge sich handwerkliches Können aneignen, indem sie Möbel bauen. Der Clou: Die Stühle, Tische und Schränke sind echte Designerstücke – sie werden nach 70er-Entwürfen für „Selbermachmöbel“ des italienischen Objektkünstlers Enzo Mari gefertigt. Ein tolles Projekt. Cucula.org

Musikalische Zeitreise gefällig? Dafür brauchst du nur ein Jahr in der digitalen Jukebox thenostalgiamachine.com zu wählen, und schon katapultiert die Website dich zurück in die Charts seit 1960 – mit herrlichen Videoclips von Alanis Morrissette, Guns N’ Roses und, na klar, David Bowie.

Mit Heinrich Heine auf Radtour Anna Magdalena Bössen (35) radelte über ein Jahr durchs Land, um gegen Kost und Logis Gedichte zu rezitieren. Ihr Buch zur Reise: Deutschland. Ein Wandermärchen (Heyne, 16,99 Euro), ihr Blog: ein-wandermaerchen.de Was hat Sie zu der Reise bewogen? Meine Mutter war schwer krank, ich wollte etwas Neues wagen und gleichzeitig Deutschland tiefer erkunden. Ich habe einen Koffer voller Gedichte eingepackt, um übers Rezitieren ins Gespräch zu kommen – und war gerührt, wie groß die Sehnsucht der Menschen ist, sich über Lyrik und das Leben auseinanderzusetzen. Was war das Schönste an der Tour? Wie viele Türen und Leben mir geöffnet wurden. Außerdem war es schön, zu sehen, wie abwechslungsreich die Natur hierzulande ist. Ich kannte ja längst nicht alle Landschaften, war zum ersten Mal in den Bergen und bin begeistert von der Vielseitigkeit des Ostens. Ihr Lieblingsgedicht? Jedes hat seine Kraft – aber Die Ballade vom Wandersmann von Rudolf Alexander Schröder gefällt mir besonders. Sie handelt von innerer Suche, das passte.

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Feel

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Seelenfutter Manchmal muss es eben Eis sein, damit es uns wieder gut geht. Oder Mamas Hühnersuppe, Papas Vanillepudding. Warum genau dieses Essen die Seele streichelt, zeigt eine Studie der Uni Buffalo. Es sind nicht Zucker oder Fett, die uns trösten. Die Speisen erinnern uns an Menschen, die uns früher damit verwöhnt haben. Und das gute Gefühl, das wir dabei hatten, schmeckt man noch heute.


Büro-WG Zu Hause, aber nicht allein zu arbeiten, das ist das Prinzip hinter Hoffice (hoffice.nu). So heißt die Onlineplattform eines Schweden, über die sich Coworkinggruppen zusammenfinden, um sich dann bei einem der Leute zu Hause zu treffen – zum gemeinsamen In-dieTasten-Hauen, Mittagspausemachen, Brainstormen. Kostet nichts, bringt Spaß, Austausch, neue Kontakte und Gratis-Input.

Das kommt von Herzen Es tut so weh: zu wissen, dass es aus ist. Dass man sich nie mehr küssen wird. Fortan getrennter Wege geht. All den Schmerz über eine verlorene Liebe wollte die US-Fotografin Peyton Fulford sichtbar machen und bat Menschen auf der ganzen Welt, ihr via Tumblr Sätze aus ihren Tagebüchern, Mails oder SMS-Nachrichten zu schicken, die sie an einen Verflossenen richten würden. „Ich will die Gefühle, die man meist nur hinter verschlossen Türen teilt, ans Licht bringen“, sagt die 21-Jährige über ihr Projekt Abandoned Love (abandonedloveseries.tumblr.com). Sie machte Spruchbänder aus den Sätzen und hängte sie an verlassene Gebäude. Peytons Erkenntnis, nachdem sie die vielen Zuschriften verarbeitet hat: Die Liebe schmerzt weltweit gleich. „Sprechen wir über Gefühle, verstehen wir uns.“

TE Trällern verbindet

Kochen, Tanzen, Reisen, das alles macht mit anderen oft mehr Spaß. Beim Singen aber ist der Gemeinschaftsaspekt besonders stark, wie Forscher der Universität Oxford herausgefunden haben. Es schweißt ruck, zuck zusammen. Schon nach vier Wochen empfinden sich Gesangsgruppen als eingeschworene Gemeinschaft – ein Gefühl, das in anderen Kreativkursen erst nach Monaten entsteht. Der Grund: Anders als beim Malen oder Schreiben hat man im Chor in jeder Minute ein gemeinsames Ziel – dass es gut zusammen klingt.

Stück Heimat

Martina Kinks Mann Mohamed Riyah ist Marokkaner. Mit ihrem gemeinsamen Label Souk du Nord holen die beiden Stücke aus seiner Heimat nach Deutschland. Die hübschen Kelim-Bags zum Beispiel, gefertigt aus traditionellen alten Teppichen, jede ein Unikat. Wie auch die anderen Taschen, Decken, Armbänder, Seifen und Hamam-Tücher in ihrem Shop sind sie fair produziert. 79 Euro, soukdunord.com

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NEU

Kraftvolle Wirkstoffe aus heimischem Anbau Frosch Reiniger nutzen zunehmend viele natürliche Wirkstoffe aus heimischem Anbau, die kraftvoll beim Reinigen helfen – zum Beispiel Tenside auf Basis von Raps. Oder ganz neu beim Bio-Spiritus MultiflächenReiniger: Putzwirkstoffe gewonnen aus Stroh. Für ein Zuhause voll strahlender Sauberkeit zum Wohlfühlen. www.frosch.de/anbaugebiete /markefrosch

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WAS machst du gerade?

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1. Louises Welt ist farbenfroh und verspielt 2. Illustration eines Cafés für ihr erstes Buch, Up my Street 3. In ihrem Atelier bringt Louise ihre Ideen zunächst zu Papier, um sie dann am Computer zusammenzufügen

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,IOCM?■,I=EB;LN 28 Jahre lebt in Hebden Bridge, England Illustratorin theprintedpeanut.co.uk, Instagram: @theprintedpeanut Was machst du gerade? Ich illustriere 40 Bilder für ein Kinderkrankenhaus in Sheffield. Die Motive zeigen Spielzeug und sind heiter und fröhlich, damit die Kinder im Krankenhausalltag etwas Ablenkung finden. Inspirieren lasse ich mich dabei von altem Blechspielzeug und SteiffTieren – ich liebe es, sie zu zeichnen. Gerade ist dein Buch Playing with Food erschienen, auch ein Projekt für Kinder. Zufall? Ich finde es ganz wichtig, Kinder zu ermutigen, ihre Kreativität auszuleben. Deshalb versuche ich, Bilder büchern und traditionellen Spielen einen modernen Dreh zu geben, sodass sie auch wirklich spannend sind. Hast du ein Beispiel? Mein Bestseller ist ein traditionelles britisches Spiel namens „Pass the Parcel“. Es besteht aus vielen Schichten Papier, man packt es nach und nach aus und findet in jeder Schicht

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eine Aktionskarte, auf der etwa steht „Benenne in zehn Sekunden zehn Tiere“. Ich wollte eine besondere Version des Spiels kreieren, mit toll gemustertem Papier und illustrierten Karten. Da ich alles per Hand mache, ist das ganz schön viel Arbeit – doch dafür ist jede Ausgabe ein Unikat. Das spricht bestimmt auch die Eltern an … Ich entwerfe auch für Erwachsene. Meine Illustrationen finden sich auf Tassen, Geschirrtüchern oder Notizbüchern. Ich finde die Vorstellung schön, dass sie andere Menschen so durch den Tag begleiten. Was zeichnest du am liebsten? Mich begeistern kleine Geschäfte, die noch handgemalte Ladenschilder haben, und nostalgische Lebensmittelverpackungen oder Dosen. Ich habe an einer Kunsthochschule in Glasgow studiert. Dort gibt es entzückende italienische Eisdielen, die sich seit den 1920er-Jahren nicht verändert haben. Als Projektarbeit habe ich einen Guide zu den zehn besten Eisdielen entworfen. Das hat meine Leidenschaft entfacht.


)HE?■%BGM?H 44 Jahre lebt mit ihrem Mann Kay und dem gemeinsamen Sohn in Hamburg Grafikerin und Illustratorin inkeehmsen.de und inkiko.de Was machst du gerade? Ich webe einen „Wool Beard“, so nenne ich meine kleinen Wandteppiche. Der, an dem ich gerade sitze, soll ein Geschenk für eine Freundin sein. Wann hast du das Handarbeiten für dich entdeckt? Stricken habe ich mit neun Jahren von meiner Oma gelernt. Sie lebte allein, weil ihr Mann schon früh gestorben war, hatte aber elf Enkelkinder, die sie mit viel Hingabe mit selbst gestrickten Sachen ausstattete. Das hat mich als Kind sehr beeindruckt und geprägt: Obwohl meine Oma oft allein war, war sie eine zufriedene und humorvolle Frau. Wie kamst du zum Weben? Irgendwann hatte ich das Gefühl, alles schon mal gestrickt zu haben. In einem Freilichtmuseum bei Kiel habe ich dann eine Frau am Webstuhl gesehen und fand das total klasse.

Ich habe das Weben auf kleine Webrahmen adaptiert, meine Wollreste genommen und einfach angefangen. Was bedeutet dir Handarbeiten? Ich bin sehr pflichtbewusst, und das kreative Schaffen ist für mich ein Alibi, mich mal auszuklinken und eine Pause zu machen. Und es bringt mich wunderbar zur Ruhe. Beim Stricken, Weben und auch beim Zeichnen kann ich plötzlich still sitzen und bin gleichzeitig doch produktiv. Außerdem verspüre ich dabei tatsächlich ein Gefühl von Freiheit. Das musst du uns erklären! Wenn ich anfange, stehen mir alle Möglichkeiten offen. Die Idee entwickelt sich, während ich stricke oder webe. Ich bin selbst manchmal überrascht, was herauskommt. Natürlich braucht es dafür Raum und Zeit, die mein Mann und ich uns zum Glück lassen. Vor zwei Jahren sind wir deshalb mit unserem Sohn auch aus der Innenstadt weiter raus gezogen. Dort kann ich mich besser auf mich konzentrieren. Und wir können einfach die Tür aufmachen und im Garten sein, wenn uns danach ist. 1

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1. Inkes Illustrationen stecken voller Details, sie liebt es, mit Farben zu spielen. Davor: ihre Porzellansammlung in Weiß 2. Gemütliches Plätzchen dank Wandteppichen und selbst gestrickter Kissen 3. Süßigkeiten aus aller Welt, die Inke selbst auf Reisen kauft oder sich mitbringen lässt

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1. Ihre Lieblingsfarben für die Uhren: alle Pastelltöne. Und gelegentlich Pink 2. Ein Instrument des bekannten Geigenbauers Martin Schleske, Marie- Luise spielt darauf jeden Tag – seit 14 Jahren 3. Federn, an Haarklammern befestigt. Marie-Luise trägt sie auf der Bühne

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-;LC?q,OCM?■$CHAF? 31 Jahre lebt in Mannheim Geigerin thetwiolins.de, de.dawanda.com/shop/maryfree Was machst du gerade? Ich klebe Infos auf die Plakatvordrucke für das nächste Konzert: Datum, Ort, Uhrzeit. Ich spiele seit meiner Kindheit im Duett mit meinem Bruder. Für Geigenduos gibt es allerdings kein großes Repertoire. Komponisten wie Mozart haben meist für Klavier und Geige geschrieben oder für Streichquartette. Deshalb veranstalten wir alle drei Jahre einen Wettbewerb: Wir laden Komponisten ein, für uns Stücke zu schreiben. Unseren Stil nennen wir progressive klassische Musik. Du restaurierst nebenbei auch alte Uhren. Wieso? Natürlich ist das Werkeln an Uhren für mich ein Ausgleich. Aber es gibt auch Parallelen: Wenn ich Geigen oder Uhren anfasse, fühle ich ihre Energie. Sie sprechen zu mir durch ihr Aus sehen und durch ihren Klang. Ich überlege dann für jede Uhr genau, was sie wohl brauchen könnte – wie

interpretiere ich die Uhr, welche Farbe möchte sie haben? Zwischendurch lasse ich sie immer mal wieder liegen und nehme sie mir dann neu vor. Welche Rolle spielt Zeit ganz generell für dich? Die Uhr als Zeitmesser fasziniert mich schon immer. Das Ticken, das Bewegen der Zeiger. Ich denke auch oft übers Zeitempfinden nach, das so unterschiedlich sein kann. Wenn ich eine Uhr restauriere, ist das ganz gemächlich. Abschleifen, lackieren, Uhrwerk wechseln – das scheint ewig zu dauern. Auf der Bühne dagegen vergeht die Zeit wie im Flug. Ich denke häufig, dass wir viel zu kurz gespielt haben, aber es stimmt nie. Passen der Stil deiner Uhren und deiner Musik zusammen? Ich liebe die Buffet- und Kaminuhren der 20er- und 30er-Jahre. Durch moderne Farben hole ich sie aus der alten Zeit ins Heute. Und auch in der Musik haben wir uns vom Alten abgewandt und schaffen etwas Neues und Eigenes. Das gefällt mir.


Arbeiten Hand in Hand Allein an Projekten zu sitzen oder nach Lösungen zu suchen ist oft recht mühsam. Mit einem Partner, der zu uns passt, geht es gleich viel leichter – und wir entwickeln bessere Ideen. Berühmte Duos aus Kunst und Wissenschaft machen uns vor, wie wir in der Zusammenarbeit über uns hinauswachsen können

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Psychologie

„Wenn sich der Herzschlag beschleunigt. Wenn einem die Worte fehlen, weil es so viel zu sagen gibt. Oder wenn wir genau die richtigen Worte finden, weil auf seltsame Weise die Milliarden Impulse von Gedanken und Sprache plötzlich zusammenkommen und ihre Bestimmung finden.“ Diese Sätze stammen nicht aus einem billigen Liebesroman, sondern aus einem Sachbuch über kreative Duos. Der US-Autor Joshua Wolf Shenk beschreibt in der Passage, wie es sich anfühlen könnte, wenn sich zwei kreative Menschen treffen und im anderen jemanden erkennen, mit dem sie Ungewöhnliches schaffen können. „Ab und zu begegnet man jemandem, der das eigene Leben verändern kann, und spürt das Potenzial“, schreibt Shenk. „Dann ist es, als sei der Boden unter den Füßen zum Trampolin geworden. Ein tolles Gefühl!“ DIE MÄR VOM EINSAMEN GENIE Wenn man über kreative Partner nachdenkt, dann fallen einem meist einige Berühmtheiten ein, die unsere Welt verändert haben. Die Beatles mit ihren gegensätzlichen Köpfen John Lennon und Paul McCartney, die Physiker Marie und Pierre Curie oder das sich ständig selbst inszenierende britische Künstlerpaar Gilbert und George. Außerdem fällt auf, dass Kunsthandwerker und Blogger oft in Zweierteams arbeiten: etwa Christel Knigge und Jennifer Klose, zwei Berliner Schwestern, die zusammen das

Papeterie-Label Wednesday Paper Works betreiben. Die eine bindet die Bücher, die andere gestaltet die Grafik. Oder die beiden Vintage-Bloggerinnen Jennifer Rubin und Annalise Furman aus San Francisco, die gemeinsam auf Hummingbirdgirls posten – jede hat ihren Geschmack, der sich auf den Seiten zu einem gemeinsamen Ganzen zusammenfügt. Tatsächlich ist auch Flow das geistige Kind von zwei kreativen Köpfen, vor acht Jahren in einer Dachkammer von Irene Smit und Astrid van der Hulst geboren. Seltsamerweise gibt es kaum Literatur über das Arbeiten im Duo. Oder darüber, wie und warum kreative Menschen einander finden und welche Kräfte dann bei einer Zusammenarbeit zur Entfaltung kommen können. Offenbar rücken Historiker und Biografen eher die Geschichte eines Einzelnen in den Fokus und machen somit einen besonderen Mann oder eine einzigartige Frau zur Symbolfigur. Doch die Geschichte ist keineswegs so eindeutig. „Wir haben uns lange in den Mythos des einsamen Genies verrannt, er ist zum Bestandteil unserer Kultur geworden“, sagt Buchautor Shenk. „Doch meist liegt der Fall komplizierter. Auch wenn wir kreative Einzelgänger betrachten, fast immer steht eine Person hinter diesem ‚Genie‘, die dessen Arbeit ermöglicht und beflügelt hat.“ Shenk hat für sein Buch über Duos nicht nur die Biografien

ARNE & CARLOS: „EINER DIE DETAILS, DER ANDERE DAS GROSSE GANZE“ Der Schwede Carlos Zachrison hat gemeinsam mit dem Norweger Arne Nerjordet ein Modelabel gegründet. Die beiden wurden weltweit bekannt mit ihrem Buch Julekuler. Gestrickte Weihnachtskugeln. Seitdem erschienen Titel wie Strikkedukker. Gestrickte Puppen und Norgestrikk. Pullover & Accessoires in traditionellen Mustern, die allesamt Bestseller wurden. Wir sprachen mit Carlos. WIE FUNKTIONIERT DIE MAGIE ZWISCHEN EUCH? Wenn einer eine Idee hat, greift der andere sie mühelos auf und arbeitet daran, als sei sie sein eigenes Projekt. Man könnte sagen, dass unsere Gehirne derart miteinander in Kontakt stehen, dass wir instinktiv zu wissen scheinen, was der andere denkt. Das wurde uns ziemlich schnell klar. Arne wollte ursprünglich allein eine Firma gründen. Ich beriet ihn und machte Vorschläge — plötzlich arbeiteten wir zusammen. Es ergab sich einfach.

WO SEID IHR EUCH ÄHNLICH? Oft gefallen uns ja dieselben Dinge. Aber wir sind auch beide ziemlich dickköpfig und nehmen dem anderen gegenüber kein Blatt vor den Mund. Das führt natürlich hin und wieder zu hitzigen Diskussionen, aber das ist ja gerade das Gute, dass man seine Ideen miteinander besprechen und hinterfragen kann. WO UNTERSCHEIDET IHR EUCH? Arne sind vor allem Details wichtig, ich sehe eher das große Ganze. Arne hat viele Einfälle, die ich dann in einen größeren Zusammenhang bringe. Wenn wir an einem Buch arbeiten, denkt Arne sich die Themen aus und recherchiert. Im nächsten Schritt arbeiten wir dann zusammen am kreativen Teil. Später strukturiere ich alle Ideen und bringe das Manuskript in Form. Das ist für uns die ideale Art zu arbeiten.

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Besonders Personen, die eine gewisse Unruhe in uns auslösen, können die besten Partner sein

vieler berühmter kreativer Paare untersucht, sondern auch einige von ihnen und ihr Umfeld interviewt. In dem Zusammenhang fand er auch heraus, dass es sich bei der Person hinter den Kulissen oft um eine Frau handelt; eine, die unabdingbar für den kreativen Prozess war, aber nicht im Scheinwerferlicht stand. ZIEMLICHES DURCHEINANDER Bisher neigten Historiker dazu, das Leben kreativer Persönlichkeiten entweder vom Individuum ausgehend zu studieren oder es in einem größeren Zusammenhang zu betrachten: Welche gesellschaftlichen oder politischen Bedingungen haben dazu geführt, dass er oder sie so herausragend werden konnte? „Die Rolle von Beziehungen wird einfach komplett übersehen“, meint Shenk. „Und ich glaube auch, dass es einen Grund dafür gibt. Beziehungen sind kompliziert. Wenn man eine klare Geschichte erzählen will, stören sie. Sie enthalten gefährlich viele Emotionen, sind oft paradox. Diejenigen, die wir lieben, auf die wir wütend werden, die uns dazu inspirieren, etwas zu erschaffen, was wir allein nie erreicht hätten – sie und das Verhältnis zu ihnen sind schwer zu beschreiben.“ In was für einer Gemengelage zwischen Freude und Streit, Abhängigkeit und Beflügeltsein, Großzügigkeit und Enge kreative Duos sich oft befinden zeigt etwa der biografische Film Walk the Line über den Countrymusiker Johnny Cash und seine

Frau June Carter. Dort sieht man, dass Cash ohne die Unterstützung seiner Geliebten June, die ebenfalls Musikerin war, oft nicht gut arbeiten konnte – es aber gleichzeitig zwischen den beiden auch Streit und Konkurrenz gab. In einer Szene schreibt June nach einem Krach den Song Ring of Fire. Dieses Stück hat Johnny Cash später aufgenommen und mal mit, mal ohne seine Frau gespielt – es gilt heute als sein größter Hit. Ohne die kreative Chemie des Paares wäre er aber wohl nicht entstanden. An diesem Beispiel zeigt sich, dass wir es viel schwerer finden, ein kreatives Produkt einem Duo zuzuordnen, denn wir wollen nicht immer die ganze Geschichte mitdenken, wollen Klarheit und ordnen den Song deshalb ganz selbstverständlich dem bekannteren Partner – in diesem Fall Johnny Cash – zu. KONFLIKTE SIND NÜTZLICH In seinen Nachforschungen über kreative Duos stellte Shenk fest, dass es ganz unterschiedliche Konstellationen gibt. Die auffälligsten sind die, von denen wir beide Namen kennen und wissen, was sie geschaffen haben. Diese finden sich aufgrund eines gemeinsamen Interesses. Das klingt selbstverständlich, ist aber entscheidend. Denn das Setting, in dem sich Menschen begegnen, bestimmt mit, ob es zu einer Partnerschaft kommt und die Chemie stimmt. So haben sich die Künstler Gilbert und George in der Bildhauerklasse einer Londoner Kunsthochschule getroffen. Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones kamen das erste Mal auf einem Bahnsteig am Zug Richtung London ins Gespräch, weil Jagger Bluesplatten dabei hatte, die Richards interessierten. Wer also nach einem kreativen Partner Ausschau hält, sollte in der passenden Umgebung danach suchen. Dennoch: Obwohl gemeinsame Interessen wichtig sind, glaubt Shenk, dass es auch genügend Unterschiede geben muss, um einander „aufzuladen“. Oft brauchen kreative Paare Unterschiede und Konflikte. Wie Shenk sagt: „Es ist kennzeichnend für Duos, dass sie sowohl extreme Ähnlichkeiten als auch extreme Unterschiede aufweisen.“ Lennon und McCartney teilten etwa die Liebe zur Musik, besaßen aber vollkommen gegensätzliche Persönlichkeiten. Sie waren letztlich sogar Rivalen und versuchten, einander zu übertreffen. Ein anderer wichtiger Aspekt ihrer Beziehung – wie laut Shenk bei so vielen erfolgreichen Duos – ist, dass sie einander nicht immer leiden konnten. „Manchmal sind die Beziehungen, aus denen wir die meiste Kraft schöpfen, zugleich jene, die uns am meisten reizen“, sagt er. „Daraus habe ich gelernt: Treffe ich

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ASTRID & IRENE: „WIR SIND AUF EINER WELLENLÄNGE“

auf eine Person, die mich ärgert, hatte ich bisher die Neigung, sie sofort abzuschreiben. Doch das ist ein Fehler. Denn Menschen, die Unruhe in uns hervorrufen, können gute Partner für uns sein.“ DER STILLE ZWEITE Es gibt noch eine weitere Form der Partnerschaft, nämlich jene, bei der wir nur den Namen einer Person kennen. In diesen Fällen hat die zweite Person nie die Anerkennung erfahren, die sie vielleicht verdient hätte. Ein ungewöhnliches Beispiel für so einen vollkommen „stillen“ Partner ist der Maler Vincent van Gogh: Er wäre vielleicht nie Künstler geworden, wenn es nicht die starke Bindung zu seinem jüngeren Bruder Theo gegeben hätte, meint Shenk. Theo führte Vincent nicht nur in die Pariser Kunstszene ein, er ermutigte ihn auch, weiterzumalen, als sich kein Mensch für seine Kunst interessierte. Oft ist der zweite, stille Partner zufrieden damit, dass er nicht im Scheinwerferlicht steht, weil er introvertiert ist oder Wert auf Privatsphäre legt. Doch der unterstützende Part ist nicht notwendigerweise der geringere. Die Krux ist, dass jeder im Duo die Rolle finden muss, die am besten zu ihm passt – eine, in der man die eigenen kreativen Talente ohne Groll gegenüber dem anderen zur Entfaltung bringen kann. WAS PASST ZUSAMMEN? Nicht immer führen Zusammenarbeiten zu Höchstleistungen und historischen Veränderungen. Aber ein gut passender Arbeitspartner kann uns beflügeln, Projekte erleichtern und das Leben einfacher und lebendiger machen. Fragt sich natürlich, mit wem wir gut harmonieren. Glaubt man Joshua Shenk, ist es für kreative Partnerschaften vor allem nötig, die Balance zwischen Zusammenarbeit und Autonomie zu finden. Wann immer man sich abhängig fühlt, kippt die Sache. Davon ist auch Paola Molinari überzeugt. In ihrem Buch Lebe statt zu funktionieren bestätigt die Trainerin nicht nur, dass kreative Zusammenarbeiten auch bei Alltagsprojekten mehr Energie und Lebensfreude bringen – sie zeigt in einer Typologie auch, welche Persönlichkeiten gut zusammenpassen. So hat sie beispielsweise festgestellt, dass freundliche, diplomatische Menschen gut mit Kämpfernaturen harmonieren. Nicht nur, dass durch den unterschiedlichen Blick auf die Welt – Harmonie versus Durchsetzungsvermögen – viele Ideen entstehen können. Beide Typen gehen auch so verschieden an Konflikte heran, dass sie unterschiedliche Probleme rasch meistern können, nach dem Motto „Was der eine nicht kann, übernimmt der andere“. Ein gutes Duo bilden auch gesellige Typen, die geliebt werden wollen – Molinari nennt sie „Clowns“ –, und akkurate, sachliche

Astrid van der Hulst und Irene Smit waren Kolleginnen bei einer niederländischen Frauenzeitschrift und haben dann zusammen Flow entwickelt: Sie arbeiten täglich eng zusammen und leiten das Redaktionsteam. WIE FUNKTIONIERT DIE MAGIE ZWISCHEN EUCH? Astrid: Als wir uns zum ersten Mal privat unterhielten, stellte sich heraus, dass wir beide Papier lieben, Achtsamkeit und schöne Kleinigkeiten. Es wurde auch klar, dass uns solche Themen in Zeitschriften fehlten. Wir fanden dann auch schnell heraus, dass wir zusammen die besten Einfälle haben. Irene sagt etwas, ich ergänze und dann kristallisiert sich eine Idee heraus. Das ist mir vorher noch nie mit jemandem so gegangen. Irene: Wir haben damals auch denselben Achtsamkeitskurs besucht, stellten fest, dass wir ähnlich denken. Und wir beide setzen uns gelegentlich unter Druck, grübeln zu viel. Inzwischen wissen wir, dass uns zu viel Stress belastet. Wenn wir merken, dass die andere gerade mal wieder einen Tunnelblick hat und sich übernimmt, machen wir uns darauf gegenseitig aufmerksam. Das ist schön, denn nach so einem Weckruf nimmt diejenige sich dann Zeit, um zu meditieren oder joggen zu gehen. WO SEID IHR EUCH ÄHNLICH? Astrid: Wir sind flexibel und keine Leute, die von neun bis fünf in einer festen Struktur arbeiten wollen. Irene: Wir spüren viel, sind intuitiv, Gefühlsmenschen. WO UNTERSCHEIDET IHR EUCH? Astrid: Irene kann besser logisch und praktisch denken und findet schneller Lösungen. Ich bin die etwas Schwankendere von uns. Ich mag es, Illustrationen zu platzieren und mir Papier-Extras auszudenken. Irene: Astrid hat mehr Geduld als ich. Für Menschen und Dinge. Sie ist etwa in der Lage, sich die Zeit zu nehmen, ein Falt-Guckkästchen zu durchdenken und mit einer Illustratorin so lange daran zu arbeiten, bis es schön ist.

TEX Menschen. Sie haben so unterschiedliche Stärken, dass sie den anderen gut in seiner Rolle lassen können. Auch wenn solche Typologien Anhaltspunkte geben, rein rational kann man sich wohl nicht auf die Suche nach einem Pendant machen, sagt Shenk: Dafür sei die Magie, der Funke, der von einem Moment zum nächsten überspringt oder nicht, einfach zu entscheidend. Seiner Meinung nach reicht es, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. „Wir können immer nur unser Bestes tun, Beziehungen einzugehen und Arbeit zu finden, die uns liegt. Ergibt sich dann die Chance, eine Verbindung einzugehen, die eine neue Zusammenarbeit ermöglicht: Ergreife sie!“ ●

Mehr über Duos lesen? In dem witzigen Roman Die gelben Augen der Krokodile von Katherine Pancol geht es um Schwestern: Die eine ist Selbstdarstellerin, die andere schreibt heimlich deren Bücher

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KAT MENSCHIK

„Ich achte heute besser auf meine Bedürfnisse“ Sie gehört zu Deutschlands wichtigsten Illustratorinnen, zeichnet für diverse Zeitungen und Magazine und gestaltet Bücher, unter anderem von Haruki Murakami. Doch die Mutter einer Tochter musste auch lernen, die eigenen Grenzen zu akzeptieren. Kat Menschik lebt in Berlin und in ihrem Haus auf dem Land

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Lebenslauf

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Mit süßem Löwenbaby im Berliner Zoo 1970

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1975: " Meine Einschulung mit schicker Frisur“

1969 in Berlin mit störrischem Plakat Kat zeichnet gern mit Tusche, hier 1997

1976 im Winterurlaub, mit Malsachen, ohne Skifahren >Beim Signieren frischer Siebdrucke Um 1977 auf dem Land mit Katzen- und Hundebabys

NAME: Kat Menschik GEBOREN: 1968 BERUF: Illustratorin Sie arbeitet seit Jahren für das Feuilleton der FAZ, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sowie diverse Magazine. Außerdem illustrierte sie viele Bücher, unter anderem von Haruki Murakami (Schlaf, Die Bäckereiüberfälle), und arbeitet aktuell an einer Klassikerreihe für den GalianiVerlag. Ihr erstes eigenes Buch, Der goldene Grubber (2014, ebenfalls Galiani) erzählt von ihren Gartenerfahrungen und wurde von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Kat Menschik lebt mit Freund und Tochter in Berlin und auf dem Land in Brandenburg.

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1997: " Ich gebe für Freunde und Studenten einen Siebdruckworkshop“


Vergangenheit „Im Nachhinein war es toll, in dieser total anarchischen Zeit in Berlin dabei gewesen zu sein“

„Aufgewachsen bin ich in Ostberlin, damals noch DDR. Ich hatte eine richtig tolle Kindheit. Mein Vater war Grafiker, entwarf vor allem Firmenlogos. Bis heute arbeitet er außerdem als Kalligraf, seine Schrift sieht aus wie gedruckt, das ist wirklich eine Gabe. Meine Mama war Chemie ingenieurin, testete im VEB Spreequell Brause und arbeitete später an der Charité im Labor. Sie blieb nach meiner Geburt ein paar Jahre zu Hause, und mein Vater hatte sein Atelier um die Ecke von unserer Wohnung. Sie waren immer da. Dann gab es noch meine geliebte, immer fröhliche Omi. Bei ihr auf dem Dorf verbrachte ich meine Ferien, von ihr habe ich so viel gelernt: Walzertanzen, Sticken, Stricken, Häkeln und Nähen. Davon zehre ich noch heute. Ich war damals schon ungeduldig, aber bei ihr habe ich gelernt, mich für ein schönes Ergebnis durchzubeißen. Ich war ein eigenbrötlerisches Kind, habe mich am liebsten zurückgezogen und gebastelt. Geknetet, geschnitzt, gemalt, mit Pappmaschee experimentiert, Sachen aus Holz gebaut. Meine Eltern haben das gefördert. Ich war die Kreative und meine drei Jahre jüngere Schwester die Musikalische. Nur dass ich immer ohne Skizze gearbeitet habe, hat meinen Vater gewurmt – er hat sie seitenweise gemacht, bevor er mit dem Ergebnis zufrieden war. Bei mir musste es schon damals schneller gehen, ich habe mir die Sachen vorgestellt und dann losgelegt. So arbeite ich heute noch.

Meine Eltern waren keine Dissidenten, aber sie haben sich ihre Freiräume geschaffen, zum Beispiel das Selbstständigendasein meines Vaters. Entsprechende Freunde hatten sie auch. Es war ein Kreis, der ein bisschen lustiger lebte als andere. Zudem bin ich katholisch erzogen worden, ich war die Einzige in meiner Klasse, die religiös war. Als Kind habe ich mir das anders gewünscht, wollte auch zur Jugendweihe und die gleiche Schrankwand wie alle, nicht die gesammelten alten Möbel, die wir hatten. Irgendwann fand ich es aber zunehmend schick, mich abzuheben. Rückblickend war mein Weg in einen kreativen Beruf vorgezeichnet. Nach dem Abi wusste ich aber lange nicht, in welche Richtung es gehen würde. Ich habe erst mal Schaufensterdekorateurin gelernt, für viele eine Durchgangsstation zu einem kreativen Studium. Ein Jahr habe ich in dem Beruf gearbeitet, Pyramiden von Trockenerbsen- und Apfelsaftpackungen gebaut und parallel diverse Eignungsprüfungen absolviert, sogar für Puppenspiel. Im Herbst 1990 bekam ich dann einen Studienplatz für Kommunikations design. Kurz davor war ich ausgezogen, in eines der vielen Abrisshäuser im Prenzlauer Berg. Das war ein harter Bruch, und die erste Zeit war schrecklich. Ich war einsam, die Wohnung kalt, ich habe mich gefürchtet. Aber dann habe ich mir gesagt: Du wolltest es so, reiß dich zusammen, mach’s dir schön. Im Nachhinein war es toll, mitten

in dieser total anarchischen Zeit in Berlin dabei und jung gewesen zu sein. Zur Illustration bin ich quasi durch Zufall gekommen, als ich zwei Jahre mit anderen Austauschstudenten in Paris war. Einer von ihnen verdiente sein Geld mit Comiczeichnen. Wir gründeten ein Fanzine, obwohl ich mit Comics vorher nichts am Hut hatte. Nach Pippi Langstrumpf haben wir es Spunk genannt, jeden Monat 100 Stück produziert, kopierte Seiten, mit einem Gummi zusammengehalten. Mit denen sind wir durch die Läden gezogen – und man hat sie uns aus den Händen gerissen. Das war für mich eine eindrückliche Erfahrung, da ich immer ängstlich war, mit meinen Sachen an die Öffentlichkeit zu gehen. In Paris habe ich gelernt, dass die Leute nicht mehr als Nein sagen können. Und macht man seine Sache ordentlich, passiert das sogar relativ selten. Mit mehr Selbstbewusstsein kam ich nach Berlin zurück und gründete mit einem Freund den Millionen-Verlag. Wir brachten viertel jährlich aufwendige Siebdruckeditionen namens A.O.C. heraus, wie das französische Gütesiegel. Wir haben selbst gezeichnet und je fünf Künstler dazu eingeladen, darunter Zeichner wie ATAK oder Anke Feuchtenberger. Wir haben sogar Briefe an Lagerfeld, Kate Moss und David Bowie geschickt. Von Bowies Management kam tatsächlich eine Antwort: Das Magazin sei sympathisch, aber er hätte leider keine Zeit. Den Brief habe ich noch.“

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Gegenwart „Als die Anfrage kam, dachte ich: Jetzt mache ich genau das, was ich am allermeisten mag“

„Für das A.O.C.-Magazin habe ich mich richtig reingekniet, wir haben quasi in der Siebdruckwerkstatt gewohnt. Ich hatte kaum Geld und weiß noch, wie ich damals dachte: Hätte ich doch mal 100 Mark für ein schönes Kleid übrig. Es war dennoch eine großartige Zeit, und ich habe es auch getan, um nach dem Studium nicht zum Heer arbeitsloser Grafiker zu gehören. Das hat dann ja auch geklappt. Durch Zufall wurde ich genau am Tag meiner Meisterschulprüfung von der FAZ angesprochen. Seitdem zeichne ich vor allem für das Feuilleton und illustriere jeden Sonntag das Fernsehprogramm der FAS, schon seit fast 15 Jahren. Andere Zeitschriften kamen dazu, und mit der Zeit habe ich auch immer mehr für Buchverlage gearbeitet. Vor 16 Jahren kam meine Tochter auf die Welt. Ich wollte immer Familie haben, war 32, mit dem Studium fertig, machte erste Schritte ins Jobleben. Alles passte. Sie war ein pflegeleichtes Kind, drei Wochen nach ihrer Geburt habe ich wieder gearbeitet, wenn sie geschlafen hat, und später, wenn sie in der Kita oder Schule war. Ich konnte mir nie vorstellen, nur Mutter zu sein. Durch sie habe ich mir aber angewöhnt, auch Feierabend zu machen. Von ihrem Vater lebe ich getrennt, wir teilen uns die Erziehung. Unsere Tochter lebt eine Woche bei ihm, eine bei mir und meinem Freund. Das klappt prima, über Erziehungsfragen konnten wir uns immer gut verständigen. Das ist gar nicht so schwer, wenn es

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ausschließlich um das Wohl des Kindes geht. Und sie hat alles doppelt: Kinderzimmer, Reisen, Freundeskreise etc. Meinen jetzigen Freund kenne ich, seit ich drei Jahre alt war. Unsere Väter sind seit Jahrzehnten befreundet, wir haben schon zusammen im Baumhaus gespielt und sind uns immer wieder über den Weg gelaufen. Gefunkt hat es aber erst vor acht Jahren, seitdem sind wir ein Paar. Wir haben eine Wohnung in Berlin und ein Haus auf dem Land. Das habe ich gekauft, als meine Tochter drei war, weil ich nicht wollte, dass sie eine Großstadtpflanze bleibt. Ich weiß noch, wie sie hier am Anfang barfuß auf der Schwelle stand und nicht auf die Wiese laufen wollte, weinte, weil sie es eklig fand. Ich hatte schon immer die romantische Vorstellung, ein kleines Bauernhäuschen zu haben, vor dem ich abends mit einem Glas Rotwein sitze und in die Natur schaue. Das 200 Jahre alte Gemäuer in Schuss zu bringen war erst mal irre viel Arbeit, da war nichts mit Rotweintrinken. So viel wie möglich haben wir selbst gemacht, Wände verputzt, Fliesen gelegt, Fenster aufgearbeitet. Da gehört eine Menge Leidenschaft dazu, wir sind immer noch nicht fertig. Aber gerade im Sommer gibt es keinen schöneren Ort. Das liegt auch an dem riesigen Garten, der für mich in zwischen so etwas wie ein Familienmitglied geworden ist. Ich schaue den Pflanzen beim Wachsen zu, ich pflege und umsorge sie, als wären es meine Kinder.

Von meinen Gartenerfahrungen – Erfolge wie Niederlagen – erzähle ich im Goldenen Grubber, dem ersten Buch, das ich nicht nur gezeichnet, sondern auch komplett selbst geschrieben habe. Es war eine Herzensangelegenheit und hat viel Spaß gemacht. Es ist ein Erwachsenenbuch, wie die meisten Bücher, die ich illustriere. Das passt zu meinen Stil, meine Bilder besitzen eine gewisse Härte und Strenge. Es passiert öfter, dass Leute überrascht sind, dass sie von einer Frau stammen. Ich zeichne keine klassischen Comics, benutze aber gern Text als gestalterisches Element in meinen Bildern, als zweite Ebene. Ich zeichne zuerst mit Feder und Tusche, ich liebe diesen handwerklichen, analogen Teil meiner Arbeit. Dann scanne ich die Bilder ein und bearbeite sie weiter. Kolorierung, Muster, Schatten, all das entsteht digital. Ein Traum war es für mich, Bücher für Haruki Murakami zu illustrieren. Als die Anfrage kam, dachte ich: Jetzt bin ich angekommen und mache genau das, was ich am allermeisten mag. Seine Geschichten sind so vielschichtig, ein bisschen mystisch und rätselhaft, manchmal fast traumgleich. Das passt perfekt zu meiner Vorstellung, Bilder zu komponieren. Ich greife Details aus den Texten auf, denke mir dazu etwas aus, das vielleicht gar nichts mit der Geschichte zu tun hat, aber die Stimmung wiedergibt. So einen Spannungsbogen herzustellen, das finde ich reizvoll.“


" Puppen nähen mit meiner Tochter, das war 2007“

" Yoga im Garten, Angeberpose“ Pass wanderung auf Sizilien mit Freund, 2015

Im Urlaub 2015 mit nagelneuer Glasperlenkette

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Im Freibad, Häkeldecke zusammennähen

Wieder mal mit Katzenbaby

Drei von Kats Werken: Das variable Kalendarium, Der goldene Grubber und Romeo und Julia

" Meine Tochter und ich im Sommer 2010“

Ein Siebdruck für ein Buch mit Islandsagen

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>" An der Linoldruckpresse, mit kleiner Helferin“

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Zukunft „Ich hatte über Wochen einen Schwindel. Ich habe dann die Reißleine gezogen“

„Bis Ende vorletzten Jahres dachte ich, alles wäre perfekt. Ich lebe im Luxus, nicht weil ich viel Geld habe, sondern einen Job, der auch mein Hobby ist und in dem ich glücklich bin, dazu eine gesunde Familie, tolle Freunde, ein Haus auf dem Land. Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass mir so etwas passiert, aber ich bekam ein Erschöpfungssyndrom. Ich hatte über Wochen einen Schwindel, lief von Arzt zu Arzt, es war sehr beängstigend. Zum ersten Mal wurde mir mein Job zu viel, und ich bekam Beklemmungen, wenn jemand wegen eines neuen Auftrags anrief. Ich habe dann die Reißleine gezogen, zur Jahreswende einige Projekte abgesagt, das tat mir sehr leid. Es war wirklich schwierig, mich einzuschränken, da ich nie das Gefühl von Überforderung hatte. Ich neige zum Aktionismus, bin ungeduldig, glaubte immer, alles schaffen zu können. Aber dann wurde ich körperlich ausgebremst. Mein Grundgefühl war bis dahin: Man lebt nur einmal und muss viel unterkriegen in der kurzen Zeit. Jetzt versuche ich, langsamer zu machen, mich bewusst auch mal zu langweilen, sofort runterzuschalten, wenn ich Herzflattern bekomme. Das ist das Wesentlichste für die Zukunft: mehr auf mich zu achten, mich nicht mehr zu überanstrengen, Nein sagen zu lernen.

Aber als ich dort wohnte, habe ich gemerkt: In Paris bin ich gern Touristin, leben möchte ich aber nur in Berlin. Ich wohne dort noch immer in demselben Viertel, in dem ich aufgewachsen bin. Zwei, drei Mal im Jahr mache ich kurze Reisen, meist Städtetrips, nach New York, Barcelona, Danzig, Krakau. Das brauche ich als Inspiration für meine Arbeit. Sonst bin ich am liebsten in unserem Haus auf dem Land, in der Natur. Ich liebe es zum Beispiel, mit meinem Freund am Wochenende abends mit einem Glas Wein auf dem Hochstand zu sitzen und Rehe zu beobachten. Irgendwann wollen wir ganz rausziehen. Wir haben hier mittlerweile Freunde aus der Nachbarschaft, auch die aus Berlin kommen uns besuchen. Dann sitzen wir im Garten oder am Lagerfeuer, grillen, und alle zwei Jahre gibt es ein riesiges Sommerfest. Das ist für mich Lebensqualität.

ist und wir leichte Mutter-Tochter-Probleme haben. Aber ich beobachte sie mit anderen, sie ist höflich, freundlich, kreativ, bastelt stundenlang, liest total viel und hat ihren eigenen Kopf. Ich denke, sie kann sich in einem festen Rahmen aus Vertrauen und Liebe sehr frei bewegen, sich ausprobieren, verschiedenen Hobbys nachgehen, diese aber auch wieder sein lassen, wenn sie meint, das ist nichts für sie. Gerade macht sie ihren Mittleren Schulabschluss, und ich habe keine Sorge, dass sie ihn nicht erfolgreich besteht. Ich selber bastele ebenfalls noch gern, das wird wohl so bleiben. Einmal in der Woche gehe ich in eine Keramikwerkstatt zum Töpfern, mit Drehscheibe. Mit den Händen im Ton, voll konzentriert auf die Form, die unter meinen Fingern gerade entsteht, kann ich am besten abschalten. Aber auch das Haus zu verschönern, Mosaiksteine zu verlegen oder eine Küchenzeile zu bauen ist für mich im weitesten Sinne basteln, im Winter stricke oder häkele ich. Beruflich arbeite ich gerade an einem neuen Herzensprojekt: eine Buchreihe, für die ich Lieblingsgeschichten illustriere, mal klassische, mal moderne. Als Erstes werden im Herbst Ein Landarzt von Franz Kafka und Romeo und Julia von William Shakespeare erscheinen. Ein Buch, also einen Gegenstand herzustellen, den man gern in die Hand nimmt, der sich gut anfühlt, den man haben oder verschenken möchte – das ist einfach toll.“ ●

TEX Ich habe festgestellt, dass mein Wendekreis nicht besonders groß ist. Ich bin durch die Welt gereist, habe zwei Jahre in Paris verbracht, eigentlich meine Traumstadt.

Wenn ich arbeite, bin ich ziemlich autistisch, über Stunden völlig versunken in meinen Geschichten, brauche nichts anderes. Allerdings habe ich eine schlechte Angewohnheit: Oft läuft mein kleiner Tischfernseher. Aus den Augenwinkeln nehme ich dann Bewegungen wahr und fühle mich nicht allein. Wenn ich aber Freizeit habe, bin ich gern in Gesellschaft, feiere, tanze. Und so soll es bleiben, bis ich ganz, ganz alt bin. Ich freue mich, meine Tochter heranwachsen zu sehen. Sie ist so was von wohlgeraten, auch wenn sie jetzt in der Pubertät

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Ich bin mal kurz in Saint-Tropez.

Meine Mein Moment


Die Kunst des Improvisierens in Oran Irene Schippers musste sich erst daran gewรถhnen, dass der Alltag in Algerien nicht planbar ist. Nachdem sie nun schon seit vier Jahren dort zu Hause ist, sieht sie aber auch, welche Vorteile es hat, von einem Tag auf den anderen zu leben

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Währenddessen in Algerien

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„ Ich regte mich über alles auf, was nicht gut geregelt war. Dafür schäme ich mich heute manchmal“

„Ich bin schon 20 Jahre mit meinem algerischen Mann zusammen. Er ist Anfang der 90er-Jahre aus seinem Land geflüchtet, als dort ein Bürgerkrieg ausbrach. Wir haben zwei Kinder, inzwischen zehn und 14 Jahre alt, die wir ganz bewusst zweisprachig erzogen haben, denn mein Mann hat immer klargemacht, dass er gern in sein Land zurückkehren würde. Diesem Wunsch stand ich von Anfang an positiv gegenüber. Ich betrachtete es als Bereicherung für mich und die Kinder, wenn wir irgendwann nach Algerien ziehen würden. Vor vier Jahren haben wir den Plan dann verwirklicht. Seitdem wohnen wir in einem Vorort von Oran, der zweitgrößten Stadt des Landes. Doch eigentlich fange ich erst jetzt an, mich richtig einzugewöhnen. Unser Schritt war nämlich eine viel größere Veränderung, als ich mir vorgestellt hatte. In den Niederlanden habe ich freiberuflich gearbeitet, hatte eine junge Familie und lebte von Deadline zu Deadline. Mein

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Leben war voll durchorganisiert, und ich liebte das: To-do-Listen machen und abhaken. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass ich mit dem Planen nicht so weit kommen würde in Algerien. Die Leute hier leben im Grunde von einem Tag auf den anderen. Das bestimmt den gesamten Alltag und die Art und Weise, wie das Zusammenleben organisiert ist. Es begann bereits im ersten Monat nach unserem Umzug. Im Kopf hatte ich mir unser neues Leben genau ausgemalt. Aber nichts lief so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich regte mich über alles auf, was nicht gut geregelt war. Manchmal schäme ich mich heute dafür, wenn ich meine Tagebücher lese. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als loszulassen. Und inzwischen genieße ich die guten Seiten. Das Leben hier folgt einem langsameren Rhythmus, und die Menschen haben nicht so schnell das Gefühl, zu kurz zu kommen. Ich habe

die Kunst des Improvisierens wieder gelernt. Mit erstaunlichem Ergebnis: Seit ich flexibler sein muss, bin ich aufmerksamer und kreativer geworden. DIE DINGE LAUFEN LASSEN Inzwischen wundere ich mich nicht mehr, wenn der Strom ein paar Stunden ausfällt, einen halben Tag lang kein Wasser aus der Leitung kommt oder die Internetverbindung nur träge oder gar nicht funktioniert. Früher wäre ich darüber vollkommen aus der Fassung geraten, heute lege ich gedanklich den Schalter um und mache vorübergehend etwas anderes. Algerier haben dieses Verhalten verinnerlicht. Sie zucken nicht einmal mit der Wimper, wenn etwas nicht so klappt wie erwartet. Sie sind von klein auf daran gewöhnt, dass die Dinge so laufen, wie sie eben laufen. Als Muslim lernst du, dass dein ,Qadr‘ – am besten vielleicht mit ,Schicksal‘ zu übersetzen – bereits feststeht und von Gott so bestimmt wurde, um dich zu prüfen. Bist du dankbar und teilst mit anderen, wenn das Leben es gut mit dir meint? Akzeptierst du Schicksalsschläge, weil du weißt, dass du dadurch ein besserer Mensch werden kannst? Das Bewusstsein, dass du dein Leben nur bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen kannst, ist stark ausgeprägt. Termin kalender verwendet man hier nicht. Früher, in unserer alten Heimat, verstand ich nie, warum mein Mann alle Verabredungen auf kleinen Zetteln notierte. Heute weiß ich, dass es eine Zwischenform war, die für ihn funktionierte. In Algerien macht man keine Termine, schon gar nicht telefonisch. Auch nicht bei Behörden: Du gehst einfach hin, wenn du Zeit hast, und schaust mal, ob du drankommst. Wenn du dich darauf ein lassen kannst, ist das eine sehr entspannte Art zu leben. Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte, dass auch von mir gar nicht so viel erwartet wird. Es herrscht einfach bei allen Dingen weniger Druck.


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1. So ruhig kann es in Irenes Wohnviertel sein 2. Überraschung! Käse gibt es in Algerien auch 3. Die Kathedrale von Oran dient heute als Bibliothek 4. Irene Schippers hat in Algerien gelernt, mit dem Strom zu schwimmen

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Meine Freundin Zahira, die in Algerien geboren ist und schon seit mehr als zehn Jahren in den Niederlanden wohnt, erlebte den Kulturschock andersherum. Sie wusste anfangs gar nicht, wie ihr geschah: die zahlreichen Termine, Leute, die konsequent nach der Uhr leben und dich schief ansehen, wenn du ihre Regeln nicht zu begreifen scheinst. Sie vermisste das ,Makensj moeskiel‘, was so viel heißt wie ,Kein Problem!‘. Damit meinen die Leute hier, dass sich schon alles finden wird. Inzwischen empfindet Zahira die westeuropäische Klarheit als sehr angenehm. Aber wenn sie bei ihren Eltern Urlaub macht, so hat sie mir erzählt, findet sie es dann doch wieder herrlich, sich auf das weniger durchorganisierte Leben einzulassen und einfach abzuwarten, was kommt. MIT DEM STROM SCHWIMMEN Was mir hier am meisten fehlt, ist die Gewissheit, dass man das, was man einfach braucht, ruck, zuck beschaffen kann, seien es Dinge oder Informationen. Außerhalb der eigenen vier Wände bist du in Algerien permanent von einem guten Netzwerk abhängig. Es ist bisher kaum möglich, im Internet einzukaufen oder etwas zu recherchieren. Wenn du etwas suchst, fragst du andere Leute und hoffst, dass dir jemand den richtigen Tipp geben kann. Bekommst du ausnahmsweise sofort die richtige Information, ist das ein Glückstreffer. Fast alles geht um fünf Ecken, und es gibt immer jemanden, der jemand anderen kennt,

der … – so bekommst du irgendwann, was du brauchst. Es ist eher eine organische Art von Leben, was auch dadurch verstärkt wird, dass die Familien viel größer sind und mehrere Generationen zusammenleben. Ich kenne zahlreiche Frauen, die ein paar Jahre, nachdem sie ihr letztes Kind geboren haben, bereits Oma wurden. In solch einer Familie bist du viel weniger Individuum. Alles dreht sich darum, was für die Sippe wichtig ist. Deine Meinung wird zwar gehört, ist aber nachrangig. Die Bereitschaft, mit dem Strom zu schwimmen, nimmst du quasi mit der Muttermilch auf. Auch was das Essen betrifft, musste ich mich umstellen. Da es hier keine großen Supermärkte gibt, leben wir ohne Fertig-

gerichte und vorgewaschenen Salat in Tüten. Es gibt auch keine exotischen Früchte wie Mango und Kiwi. Die Läden in den Wohnvierteln sind schmale Schläuche, bis zur Decke vollgestopft mit Standardprodukten wie Kaffee, Reis, Milch, Limonade und einer kleinen Vitrine auf der Theke mit losen Süßigkeiten für die Kinder. Niemand kocht hier etwas aus der Dose. Du lernst schnell, alles selbst zu machen. Auf dem Markt kaufst du direkt von den Bauern und isst das Obst und Gemüse, das auf ihren Feldern gerade wächst – frisch und aus ökologischem Anbau, nur die Auswahl ist begrenzt. Ich habe gelernt, mit dem zu kochen, was es gibt, während ich früher im Supermarkt nach den Produkten gegriffen habe, auf die ich Appetit hatte.

EIN LAND MIT WECHSELVOLLER VERGANGENHEIT Algerien war 140 Jahre lang französische Kolonie, bis es 1962 nach einem acht Jahre dauernden Unabhängigkeitskrieg eigenständig wurde. 1991 erlebte es als erstes Land in Nordafrika einen Arabischen Frühling — die sogenannte Islamische Heilsfront übernahm damals die Führung. Der darauf folgende Bürgerkrieg endete, als Präsident Abdelaziz Bouteflika mit Unterstützung des Militärs 1999 an die Macht kam. Trotz bestehender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Defizite und massiver Korruption herrscht seither immerhin eines: Stabilität. Mit knapp 2,4 Millionen Quadratkilometern ist Algerien das größte Land Afrikas. Es ist fast sieben Mal so groß wie Deutschland, hat aber nur halb so viele Einwohner. Die großen Städte liegen in den fruchtbaren Küstenregionen am Mittelmeer, das übrige Land erstreckt sich über die Sahara, dessen enorme Gas- und Erdölvorkommen einen Großteil des algerischen Exportvolumens ausmachen.

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1. Im Zentrum erinnert die Architektur vieler Häuser noch an die Kolonialzeit 2. Die Landschaft im Nordwesten Algeriens, dem Teil des Landes, in dem Oran liegt, ist karg, aber wunderschön

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„ Wenn es draußen zu warm ist, wird das Arbeitstempo zurückgedreht, und niemand hat deswegen ein schlechtes Gewissen“ Wir essen das Obst, das Saison hat, und wenn wir genug davon haben, beginnt auch schon die nächste Ernte, und wir genießen den Geschmack einer anderen Frucht. FESTER LEBENSRHYTHMUS In den kleinen Städten und Dörfern ist der Alltag um die fünf festen Gebetszeiten herum organisiert. Essens- und Ladenöffnungszeiten sind auf die Mittags- und Abendgebete abgestimmt. Besuche machst du nicht kurz vor einem Gebet, sondern danach. Seit 15 Jahren bin ich Muslimin. Hier am frühen Morgen vom ,Adhan‘, dem Gebetsruf, geweckt zu werden, daran musste ich mich aber erst gewöhnen. In unserer Gegend sind vier oder fünf Moscheen in Hörweite, und die Gebetsrufe ertönen nicht ganz simultan. Es ist wie ein Echo, das rundherum erklingt – ein besonderes Hörerlebnis. Der feste Rhythmus im Alltag schafft viel Ruhe und gibt Halt im sozialen Leben. Ich merke, dass ich nicht mehr wie früher irgendwo hängen bleibe. Denn das nächste Gebet ist immer ein guter Moment zu gehen, ein ganz natürlicher Abschluss. Das wirkt auf mich wie eine Meditation oder Achtsamkeitsübung.

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Die Essenszeiten sind heilig, ansonsten hat jeder seine Freiheit. Wenn es draußen zu warm ist, wird das Arbeitstempo überall zurückgedreht, und niemand hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Jeder ist auf unerwarteten Besuch gefasst. Das Alltagsleben wird dann angehalten, und der Gast steht im Mittelpunkt. Schnell wird aus den vorhandenen Vorräten eine Mahlzeit gezaubert, darin sind die Leute hier sehr geschickt. Oder es wird im Laden um die Ecke noch fix etwas zusätzlich eingekauft. Jeder Haushalt hat einen Extraschrank mit Geschirr für Gäste und einen Stapel Matratzen, Laken und Decken für Übernachtungsbesuch. Ich bin in dieser Hinsicht noch nicht die perfekte Gastgeberin, aber ich werde immer besser. Von einem auf den anderen Tag zu leben bedeutet auch: Du lebst heute, und ob es ein Morgen gibt, weißt du noch nicht. Denn eines Tages kommt der Tod. Und auch mit dem geht man hier ganz anders um. Ist ein Muslim gestorben, wird er gewaschen und in ein Leichentuch gewickelt und meistens noch am selben Tag – häufig auf einer Tragbahre und nicht in einem Sarg – zu

Fuß zum Friedhof gebracht. Die Männer schaufeln das Grab selbst und schütten es auch wieder zu. Es ist eine sehr physische Art des Trauerns, mit einem direkteren Kontakt zu dem Verstorbenen. Muslime glauben an das Jenseits. Sie sehen den Tod also nicht als definitives Ende. Das Begraben ist deshalb einfach eine praktische Abwicklung des irdischen Daseins eines Menschen, nicht mehr und nicht weniger. NÄHER ZUSAMMENRÜCKEN Vor Kurzem habe ich noch einmal ein Buch übers Auswandern gelesen, das mir meine Mutter geschenkt hat, als wir nach Algerien gezogen sind. Der Autor berichtet darin sehr offen und ehrlich über den Neustart seiner Familie in Neuseeland. Er beschreibt, wie du in einem fremden Land viel mehr auf deine Familie angewiesen bist und wie dich das in gewisser Weise sehr stark macht. Denn gemeinsam schaffst du es an diesem anderen Ort auf der Welt. Du rückst näher zusammen. Viele Erfahrungen in dem Buch stimmen mit meinen überein, trotz großer Unterschiede zwischen den Ländern und dem Motiv für den Umzug. Lächeln musste ich bei der Beschreibung der Eigenheiten des neuen Landes, die du nicht verstehen kannst oder willst. Und auf die du dich trotzdem einlassen musst, sonst schaffst du es nicht. Allen Auswanderern geht es also offensichtlich ein Stück weit ähnlich. Es war gut, sich das einfach wieder einmal bewusst zu machen.“ ●

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Für Kristin Woltmann, Autorin des beliebten Blogs EAT TRAIN LOVE ist Clean Eating kein schnelllebiger Ernährungstrend, sondern ein langfristiger Lebensstil. Im Zentrum ihres Konzepts steht der Körper als Tempel der Seele: Kümmere dich gut um deinen Körper, dann erstrahlt auch bald dein Inneres in neuem Glanz. Zu dieser bewussten Reise für Körper, Geist und Seele lädt Kristin mit ihren motivierenden Tipps, kreativen Rezepten und wohltuenden Yoga-Flows ein.

176 Seite www.irisiana.de


Kolumne

Überrollt Huch, was war das denn?! Merle Wuttke ist manches Mal regelrecht erschrocken, wenn das Glück sie hinterrücks überfällt und mal so eben durchschüttelt. Etwas peinlich ist ihr das große Gefühl auch. Aber warum eigentlich? Das Wochenende verbrachten wir in unserer Hütte am See. Spät am Abend, als das Lachen, Schreien und Planschen der Tagesgäste verstummt war und alle wieder mit ihren Gummibooten und Grills nach Hause gefahren waren, schwamm ich ganz allein inmitten dieser riesigen spiegel glatten Fläche. Ich lag auf dem Rücken und schaute mir die Wolken an. Und wie eine Katze, die einem ganz plötzlich auf die Schulter springt, saß das Glück auf einmal in und oben auf meinem Kopf. Darüber war ich so erschrocken, dass ich erst mal jede Menge Wasser schluckte und mit den Beinen im dunklen See herumstrampelte. Ich bin alles andere als ein sentimentaler Typ, aber gegen die Wucht, mit der mich dieses Gefühl in dem Augenblick erwischte, kam ich nicht an. Hätte ich nicht schon Wasser vom Prusten in den Augen gehabt, hätte ich beinahe angefangen zu weinen vor lauter schrecklich-schöner Glückseligkeit, die von unten nach oben in mir aufstieg. Hier, mitten auf dem See, hätte ich mich das sogar getraut – allein und unbeobachtet, wie ich war. Sonst schäme ich mich nämlich für Gefühle. Ist ja oft auch ein wenig gemein, man sitzt da irgendwo nichts ahnend am Strand, im Park oder in der Sandkiste – und plötzlich stülpt sich das Glück mit einer solchen Kraft über einen, dass man anfängt zu heulen. Insgesamt ist diese Lawine an Emotion immer ziemlich erschöpfend für den Menschen. Für mich jedenfalls. Weil so unfassbar viel gutes Gefühl auf einmal eben auch anstrengt. Es macht halt so weich. Ist aber gleichzeitig natürlich total und absolut großartig und erhebend. Um nicht ganz so hilflos dem Glück gegenüber dazustehen, habe ich mal versucht, ein Resümee zu ziehen, wann und wie oft es mich so überrollt. Und – war ja klar – es passiert

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immer genau in den Momenten, in denen das Leben sich von seiner ziemlich einfachsten Seite präsentiert. In denen man von ihm nichts will, außer dass es bestenfalls möglichst lange so bleibt, wie es gerade ist. In denen einen nichts drängt, weder äußerlich noch innerlich, in denen man – ist. Zenbuddhisten und Achtsamkeitserfahrene kennen und wissen das natürlich alles. Ich im Prinzip auch. Schreibe ja oft genug darüber. Und trotzdem: Es fällt mir schwer, die Glückseligkeit des Augenblicks auszukosten. Ich (und da bin ich bei Weitem nicht die Einzige) kann die schlichte Großartigkeit des Lebens, der Natur, der Liebe oft kaum aushalten, ohne mich gleich wieder davon zu distanzieren. Der Grund? Ich habe Angst, mich lächerlich zu machen. Deshalb flüchte ich mich in die Ironie, reiße schnell einen Witz. Und gerate in Situationen, in denen es damit mal nicht klappt, mächtig ins Strudeln. Forscher haben herausgefunden, dass es sogar eine regelrechte „Fear of Happiness“ gibt. Und rein evolutionär betrachtet, ergibt es durchaus Sinn, dass wir nicht auf das Glück achten, sondern stattdessen auf mögliche Gefahren. Schließlich mussten unsere Vorfahren in der Steinzeit ständig auf der Hut sein (vor Bären, Säbelzahntigern und anderen Naturgewalten). Angst sicherte ihnen das Überleben. Doch ich muss vor keinem Säbelzahntiger mehr flüchten. Deswegen versuche ich ab jetzt, die Ironie sein zu lassen und mir das Gefühl zurückzuholen. Mir voller Pathos die Wolken am Himmel anzuschauen, nie wieder den Kitsch zu verspotten und kaum mehr Angst vor dem Glück zu haben. ● Einige ihrer Freunde schauen Merle Wuttke (40) jetzt manchmal merkwürdig an — weil sie nicht ahnten, dass sie doch so rührselig sein kann. Merle trägt’s mit Fassung


LIVE MINDFULLY


Auch die Brillenpinguine watschelten im Tierpark Artis einst frei herum. Heute gilt dort: Wenn einem Tier keine artgerechten Bedingungen geboten werden kรถnnen, wird es erst gar nicht in den Zoo aufgenommen. Das Foto auf der Vorderseite stammt aus dem Winter des Jahres 1963.

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DER HAUSSPERLING Haussperlinge, auch Spatzen genannt, halten sich gern dort auf, wo Menschen wohnen, denn Häuser bieten ihnen gute Möglichkeiten zum Nisten. Auf Bauernhöfen finden sie Futter, das sie besonders gern mögen, wie etwa Getreidekörner. Haus sperlinge leben gesellig und ziehen das ganze Jahr in kleinen Trupps umher. Leider gehen seit einigen Jahren die Bestands zahlen stark zurück, weil moderne oder sanierte Gebäude kaum noch Nischen bieten, die sich als Brutplatz eignen. Deshalb

steht der Spatz auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten.

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Datum

Was deine waren drei Highlights

Live mindfully Leben im Hier und Jetzt

Wie bitte? Wenn wir alles um uns vergessen wollen, sollten wir ein spannendes Buch aufschlagen. Forscher des University College London fanden heraus, dass wir viel weniger von unserer Umwelt wahrnehmen, wenn wir in eine Lektüre vertieft sind. Sie vermuten, dass unser Gehirn beim Hören und Sehen die gleichen neuronalen Ressourcen nutzt. Und wenn der eine Sinn viele dieser Nervenzellen benötigt, bleiben für den anderen nur noch wenig Kapazitäten übrig. Die Forscher nennen das „Taubheit durch Unaufmerksamkeit“.

Wie heute hast du

ruhe gefunden?

Wofür

innere des Tages?

bist Dankbar? du

Blaues Wunder In einem Berghotel in Österreich fand Unternehmer Michael Acton Smith zu Meditation und Achtsamkeit. Mit dem Büchlein Calm (Knaur Balance, 18 Euro) will er uns helfen, tägliche Ruherituale zu entdecken. Auch App und Website laden zum Inne halten ein. Schon beim Blick auf den Bildschirm entspannen wir: ein tiefblauer See, dazu die Geräusche der Natur. calm.com, die App Calm für Android und iOS ist kostenlos

Licht im Glas

In Feierstimmung Wir machen uns das Leben bunter und holen uns Papierpompons ins Haus. Mit viel Liebe hatten Irka Fürle und Marcell Hüttner die puscheligen Bällchen als Deko für ihre Hochzeit gebastelt. Dann wollten immer mehr Leute solche Pompons, und die beiden gründeten eine Manufaktur. Verwendet wird nur komplett recycleund biologisch abbaubares Seidenpapier. pompom-manufaktur.de, ab 2,50 Euro

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Live mindfully

Die Sonne einfangen? Mit der Solarlampe im Einmachglas geht das. Eine Solarzelle und LEDLämpchen im Deckel des Glases arbeiten zusammen: Tagsüber speichert die Zelle Sonnenenergie, abends spendet das Lämpchen stundenlang Licht. Was ins Glas kommt, entscheiden wir: Muscheln, gepresste Blüten, Bonbons. Hergestellt werden die Gläser in Handarbeit in Südafrika, so fanden 55 Menschen einen Job. 29,90 Euro, sonnenglas.net


Hallo... Echo... Klangvolle Idee: Auf der Website echotopos.ch finden sich lauter Orte, an denen sich die besten Echos erzeugen lassen. Man klickt sich durch die Berge, und es juchzt und echot einem fröhlich entgegen. Wer einen tollen Echoplatz kennt, kann ihn melden. Und in einem Tutorial lernt man sogar, wie man am besten in den Berg ruft.

Honig von nebenan Seit fast fünf Jahren imkert Viktoria Schmidt (28). Weil sich in ihrem Keller die Honiggläser stapelten, überlegte sich die Münchnerin ein Modell, wie man Honig zeitgemäß und bequem vermarkten könnte. Entstanden ist Near Bees, eine Plattform für Honig vom Imker um die Ecke. Mehr als 400 haben sich hier inzwischen registriert. Und auf nearbees.de kann man einen Imker in seiner Nachbarschaft suchen und dessen Honig bestellen. Das fördert die regionale Imkerei und schützt so auch die Bienen. Der Honig kommt in flachen Nachfüllpackungen per Post oder wird vom Imker persönlich vorbeigebracht. Tüte (400 g) ab ca. 8 Euro

Neu geformt Ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, Glasmüll zu sammeln, sind die kleinen Kunstwerke aus der Serie „Same, same. But different“ von Produktdesignerin Laura Jungmann, ursprünglich entworfen für ihre Diplomarbeit. Sie werden alle aus alten Mineralwasser-, Bier- und Weinflaschen hergestellt. Über samesameshop.de, 2 Gläser 34 Euro

TEX “ Briefe sind für mich Zeit, die ich mit jemandem verbringe, den ich schätze, ein geschriebenes Gespräch. Ich wähle das Papier aus, den richtigen Moment und den Raum, in dem ich schreiben möchte. Ich denke dabei an den anderen, daran, was ich ihm erzählen, mit ihm teilen möchte. Für ein paar Stunden bin ich so mit ihm zusammen.“

Das sagt die spanische Autorin und passionierte Briefeschreiberin Ángeles Doñate. Der schönste Grund, Briefe zu schreiben heißt ihr Roman. Um zu verhindern, dass das Postamt geschlossen wird, setzt eine Dorfbewohnerin eine ungewöhnliche Briefkette in Gang. Thiele Verlag, 20 Euro

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Gerade wenn man die Weisheit am nรถtigsten braucht, kann man sie oft nicht finden

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Philosophie

Wie wird man ein

WEISER MENSCH? Oft hören wir, dass Weisheit mit den Jahren kommt. Doch man braucht gar nicht alt zu werden, um sie zu erlangen, wie Caroline Buijs herausgefunden hat. Hier schreibt sie über ihre Erkenntnisse und warum es hilfreich ist, einfach öfter in sich hineinzuhören

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ie erste weise Person, die mir als Kind begegnete, war eine Romanfigur: der Einsiedler Menaures aus dem Jugendbuch Der Brief für den König von Tonke Dragt. Die Figur ist genauso beschrieben, wie man sich einen weisen Menschen vorstellt, das hat mich tief beeindruckt: „In der Tür öffnung erschien ein magerer alter Mann, gehüllt in ein Gewand aus grobem graublauem Stoff. Seine langen, welligen Haare und der Bart waren schneeweiß, seine Miene freundlich, ruhig und weise. Sehr alt muss er sein, dachte Tiuri. Ihm war, als würde der Einsiedler nach einem einzigen kurzen, forschenden Blick alles verstehen, sodass er ihm nichts mehr zu erzählen brauchte.“ Auch die rätselhafte Antwort von Menaures weckte mein Interesse: „,Und was bringt euch hierher?‘, fragte der Einsiedler. ‚Was sucht ihr? Etwas, was ich euch geben soll? Ich kann euch nur beim Suchen helfen: Finden müsst ihr es selbst.‘“ MIT UNSICHERHEIT UMGEHEN

Finden müsst ihr es selbst … Damit ist präzise zusammengefasst, warum wir alle uns gelegentlich nach etwas

Weisheit sehnen. Wir alle müssen unser Leben selbst gestalten, und manchmal haben wir keine Ahnung, wie das gelingen soll. Gebe ich die richtigen Antworten und Ratschläge, wenn mich meine Kinder fragen? Ist es wirklich weise, diese oder jene Freundschaft zu vernachlässigen? Sind die Lebensumstände, in denen ich lebe, gut für mich und andere? Kein Wunder, dass es in der Gesellschaft bei all den Unsicherheiten ein zunehmendes Interesse an philosophischen Fragen gibt. Das zeigt etwa der Erfolg von Einrichtungen wie der internationalen School of Life oder der Modern Life School in Hamburg, die uns in Lebenskunst, Achtsamkeit und ethischem Denken schulen. Laut dem Psychologen Marcelino Lopez hat die wachsende Sehnsucht nach Weisheit auch damit zu tun, dass wir zwar mit einer enormen Zunahme an Wissen konfrontiert sind und unglaubliche technische Möglichkeiten haben, gleichzeitig aber merken, dass uns das alles nicht glücklicher oder kompetenter macht. „Wir haben mehr Freiheiten und Möglichkeiten denn je, finden es zugleich aber schwieriger,

Trotz ihres eindringlichen Blicks sind Eulen nicht weiser als andere Vögel

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„ Weise Menschen versuchen, das Verhalten ihrer Mitmenschen zu verstehen, anstatt es zu verurteilen“

Bedeutung und Tiefgang zu finden. Wir spüren unbewusst, dass etwas fehlt“, sagt Lopez. Er glaubt, dass die Menschen immer auf der Suche nach Weisheit sind, erst recht in komplizierten Zeiten: „Je unübersichtlicher oder veränderlicher die Situation erscheint, desto größer wird dieses Bedürfnis.“ ALTER SPIELT KEINE ROLLE

Einen langen weißen Bart wie der Einsiedler Menaures muss man nicht tragen, um etwas Weisheit zu besitzen, so viel ist klar. Aber: Was ist Weisheit genau? Wenn ich das besser verstehe, kann ich mir von dieser Kunst vielleicht etwas abgucken. Die Psychologen Paul Baltes und Ursula Staudinger haben vor einigen Jahren untersucht, was weise Menschen kennzeichnet. Sie legten zwei Gruppen von Personen eine Reihe von Fragen vor. Eine Gruppe bestand aus „Nominierten“ – Personen des öffentlichen Lebens, die von einer Jury vor der Studie als „besonders weise“ ausgewählt wurden. Die zweite Gruppe bestand aus erfolgreichen Menschen (zum Beispiel Wissenschaftlern), die nicht als ausdrücklich weise bezeichnet worden waren. Die Forscher legten beiden Gruppen verschiedene Aufgaben vor. Beispielsweise sollte man auf einen Anruf von einem Freund reagieren, der sich das Leben nehmen will. Oder man sollte einer Person, die alt ist und im Leben nicht alles erreicht hat, was sie wollte, eine weise Antwort auf

ihr Dilemma geben. Baltes und Staudinger ließen die Teilnehmer Texte schreiben und werteten sie danach aus. Ergebnis: Weisheit hat nichts mit dem Alter zu tun. Ob erst 30 oder bereits 75, fanden sich in allen Altersstufen gleicher maßen weise und weniger weise Menschen. Sie folgerten daraus, dass man Weisheit nicht allein durch Lebenserfahrung erwirbt. Wichtig ist, aus den Lektionen, die das Leben einem erteilt, zu lernen. Anders gesagt: Wer aus Fehlern, Konflikten und Krisen Schlüsse zieht, wird mit der Zeit die Welt in einem größeren Kontext sehen – und weiser werden. ICH SEHE GRAU

Staudinger und Baltes entwickelten auf der Basis ihrer Studien eine Art Kriterienkatalog für weises Handeln und Denken. Als ich mich darin vertiefe, finde ich vieles recht abstrakt, aber zu einigem fällt mir eine Person aus meinem Leben ein, die ich immer sehr weise fand: Frau Hilster, eine herzliche ältere Dame, der ich in meiner Studentenzeit im Haushalt half. Trotz zahlreicher Gebrechen besaß sie einen unglaublichen Sinn für Humor, hatte etwas Schalkhaftes und Selbst bewusstes, das mich als damals 20-Jährige faszinierte. In ihrer Wohnung gingen die Leute ein und aus, man diskutierte lebhaft über Politik oder die Nachbarschaft. Doch wenn die anderen gegangen waren,

WEISHEIT INS GESICHT GESCHRIEBEN Der amerikanische Fotograf Andrew Zuckerman hat in seinem Bildband Weisheit 50 Persönlichkeiten porträtiert, die er für weise hält, von Clint Eastwood bis Jane Goodall.

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sagte Frau Hilster oft verschmitzt zu mir: „Aber es gibt eben immer noch die andere Seite der Medaille.“ Ich habe damals gespürt, dass es sich nicht nur um einen locker dahingesagten Spruch, sondern eine Haltung handelte – und sie mir gemerkt. Und tatsächlich schreiben auch die Forscher, dass weise Menschen das Leben in Grautönen betrachten und nicht in Schwarz und Weiß. Sie verfügen über die Fähigkeit, zwei diametral entgegengesetzte Ansichten gleichzeitig vor Augen zu haben und sind sich im Klaren, dass jedes Ding zwei Seiten hat. Oder, wie der britische Philosoph Bertrand Russell einmal sagte: „Das Problem mit dieser Welt ist, dass Verrückte und Fanatiker ihrer selbst immer so sicher sind und weise Menschen so voller Zweifel.“ VERSTEHEN STATT VERURTEILEN

Ein weiteres Ergebnis von Baltes und Staudingers Studien besagte, dass weise Menschen in der Lage sind, die Balance zwischen eigenem und gemeinschaftlichem Interesse zu finden: Weisheit und Egozentrik passen nicht zusammen. Auch hier ist Frau Hilster ein gutes Beispiel. Da die alte Dame die Welt von ihrem Lehnstuhl aus durch die Fenster betrachtete, mussten sie stets blitzblank sein. Alle zwei Wochen musste ich sie von oben bis unten putzen. Auch das Badezimmer sollte blinken. Nur durch die Küche ging sie auch gern selbst mit dem Lappen. Meist war ich schon eine halbe Stunde vor dem Ende meiner Arbeitszeit fertig, doch nie suchte sie Zusatzaufgaben, sondern schickte mich stattdessen mit freundlichen Worten nach Hause. Vertraglich standen mir zehn Minuten Kaffeepause zu, aber daran hielt sich Frau Hilster nicht. Warum nur zehn Minuten,


wenn eine halbe Stunde doch viel gemütlicher ist? Sozialer Kontakt war für sie genauso wichtig wie eine saubere Wohnung. Sie interessierte sich für mein Leben, meine Familie, meinen Freund – zehn Minuten reichten ihr dafür nicht. Auch dieses Verhalten beschreiben Baltes und Staudinger bei weisen Menschen: Sie hinterfragen Regeln und akzeptieren sie nicht einfach. ETWAS MEHR TOLERANZ

Zu guter Letzt stellten Baltes und Staudinger fest, dass weise Menschen versuchen, das Verhalten anderer zu beobachten und zu verstehen. Oft urteilen wir ja automatisch über unser Gegenüber, um Menschen in Gut und Böse einteilen zu können. Doch will man weise sein, sollte man diesem Impuls widerstehen. Versucht man, sein Gegenüber zu verstehen, kann man auch bessere Ratschläge erteilen und selbst sinnvollere Entscheidungen treffen. Wenn Frau Hilster im Sommer im Lehnstuhl vor dem offenen Fenster saß, zog die ganze Nachbarschaft vorbei. „Caroline“, sagte sie dann, „wenn ich einen Vormittag lang hier sitze, bin ich mit dem Klatsch auf dem Laufenden.“ Der eine Nachbar war noch nicht weg, da stand schon der nächste bereit, um ein Urteil über denjenigen zu fällen, der gerade gegangen war. Doch im Grunde interessierte Frau Hilster der Tratsch nicht, sie hörte nur zu.

Beschränkungen, dem Chaos und Schmerz des Lebens, ohne zynisch zu werden und ohne das Leid sofort ungeschehen machen zu wollen. Dazu gehört, dass man sich in gewissem Maße damit abfindet. Das genießen zu können, was ist, ohne die ganze Zeit an der Gegenwart schrauben und sie neurotisch verbessern zu wollen.“ INNERE WEISHEIT

Vielleicht besitzen wir im Inneren viel mehr Weisheit, als wir selbst erkennen. Doch wir vergessen, darauf zu hören, weil wir zu beschäftigt sind. Manchmal scheint es sogar so zu sein, dass wir die Weisheit gerade dann nicht finden können, wenn wir sie nötig brauchen. Mir hilft es immer, mich zu fragen: Was würde ich jetzt einer Freundin sagen, wenn diese sich mit dem Problem an mich wenden würde? Oft fällt einem so die Antwort ein. Die Psychologin Elaine Aron sagt darüber Folgendes: „Hast du nie einen anderen getröstet, jemandem etwas beigebracht oder geraten? Hast du nie die Frage eines Kindes beantwortet? In dem Moment, in dem du das getan hast, sprach dein weises Ich. Nur: Diese Weisheit ist nicht perfekt. Angenommen, du würdest das glauben, dann wärest du nicht weise.“

Und Arianna Huffington widmet in ihrem Buch Die Neuerfindung des Erfolgs der Weisheit ein ganzes Kapitel. Auch sie glaubt, dass jeder Mensch innere Weisheit besitzt: „Unsere moderne, rundum vernetzte Welt baut Hindernisse zwischen uns und unserer Intuition auf. Berge von Mails, die ständigen Signale unserer Smartphones, die ständige Hektik sind lauter Gründe, warum wir unsere innere Stimme nicht mehr hören.“ Dabei stellt laut Huffington die Intuition eine tiefe Quelle der Weisheit dar. „So etwas hat jeder schon einmal erlebt: ein Vorgefühl, eine Eingebung, eben unsere innere Stimme, die uns sagt, was wir tun oder besser lassen sollten.“

TEX Und etwas anderes konnte sie gut, nämlich humorvoll akzeptieren, dass es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand, sie sagte nur: „Man kann doch nicht die ganze Zeit den Kopf hängen lassen.“ Dieses Verhalten beschreibt Psychologe Marcelino Lopez als weise: „… das Umgehenkönnen mit den unvermeidlichen

Im Weisheitstraining des Netzwerks Ethik kann man lernen, einen ganzheitlichen und vorurteilsfreien Blick auf die Welt zu entwickeln. Mehr unter ethik-heute.org/events/weisheitstraining

Doch um diese Stimme zu hören, ist es notwendig, auch mal die Stille zu suchen, durch einen Spaziergang in der Natur oder durch Meditation. Oder indem man tagträumt, wie Frau Hilster damals in ihrem Lehnstuhl. Wie sagt der Einsiedler Menaures in meinem Kinderbuch? „Auch wenn ich weit weg wohne, so kenne ich doch die Welt am Fuß der Berge. Ich höre manchmal Neuigkeiten von vorbeiziehenden Pilgern, und noch mehr vernehme ich durch meine stillen Überlegungen.“ Wie weise.

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DAS 1000-FRAGENAN-DICH-SELBSTBÜCHLEIN Sich selbst einschätzen: zu wissen, worin man gut ist, was man verändern möchte, wovor man Angst hat – das ist gar nicht so einfach. Doch je besser wir über uns Bescheid wissen, desto leichter fällt es, unser Leben zu organisieren und Entscheidungen zu treffen. Deshalb kamen wir auf die Idee, ein 1000-Fragen-Büchlein zu machen, mit dem du auf Selbsterkundungstour gehen kannst. Was isst du zum Frühstück, welchen Akzent magst du, wovon träumst du, was bedauerst du? Wir haben uns unbeschwerte Fragen ausgedacht, aber auch solche, über die du wahrscheinlich ein wenig länger nachdenken wirst. Schlage einfach von Zeit zu Zeit das Büchlein auf und beant worte einige Fragen – entweder der Reihe nach oder kreuz und quer, ganz wie du Lust hast. Und jedes Mal erfährst du ein bisschen mehr über dich selbst. Die Illustrationen stammen von Bodil Jane (bodiljane.com)

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Mein Leben ist im .


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Zeitgeist

Wir sind täglich einer Flut von Informationen ausgesetzt, unser Gehirn arbeitet ständig, ist oft überanstrengt. Der amerikanische Neurowissenschaftler und Psychologieprofessor Daniel J. Levitin ist aber überzeugt, dass wir es ganz einfach entlasten können. Seine Lösung: Tagträumen. Wenn wir zulassen, dass wir zwischendurch mal abschweifen, kann sich der Kopf ausruhen und wieder auftanken. WAS PRÄGT UNSEREN ZEITGEIST?

Wir haben viele Möglichkeiten. Infos über ein Thema zu suchen dauerte noch vor 20 Jahren tagelang – heute ist alles wenige Klicks entfernt. Das Internet ist ein Schatz an Inspirationen und Fakten. Nachteil ist, dass es jede Idee ins Netz schafft. Seriöse Informationen stehen neben Pseudowissen und Propaganda. Es wird immer schwieriger, den Unterschied festzustellen. Wir müssen unzählige, scheinbar gleichrangige Informationen bewerten. Das kostet unser Gehirn viel Kraft. Und auch die Menge der Daten, die wir verarbeiten, ist ziemlich ermüdend. Wir nehmen heute fünfmal mehr Informationen täglich auf als noch in den 80er-Jahren. ES SIND VERWIRRENDE ZEITEN …

Klar, allein wenn man sich vor Augen führt, wie viele technische Umwälzungen wir schon miterlebt haben und es immer noch tun. Unsere Großeltern hatten ihr Leben lang nur das Festnetztelefon. Heute wechseln wir alle zwei Jahre das Handy, müssen uns jedes Mal mit einer neuen Bedienungsanleitung, Apps und Einstellungen beschäftigen. Und das ist nur ein

Bruchteil dessen, was wir lernen und verarbeiten müssen. Alles zusammengenommen, stellt das hohe Ansprüche an unsere Merkfähigkeit und Aufmerksamkeit. Weil das Gehirn am Limit ist, fühlen viele Menschen sich überfordert, treffen sich nach der Arbeit kaum mit Freunden, sind müde. Erschöpfung ist Konsens. Das führt auch dazu, dass wir zu viel Kaffee trinken, schließlich wollen wir uns konzentrieren. Außerdem merken wir nicht, dass wir ein weiteres Problem haben: Wir leisten Schattenarbeit. WAS MEINEN SIE DAMIT?

Wir übernehmen heute viele Aufgaben, die uns früher von Dienstleistern oder im Job vom Sekretariat abgenommen wurden. Wir tanken selbst, wiegen das Gemüse im Supermarkt ab, scannen die Waren selbst ein, buchen unsere Reisen im Netz und checken am Flughafen selbst ein. Berechnungen haben ergeben, dass uns neben unserer regulären Arbeit – und wir arbeiten härter als früher – noch fünf Stunden Schattenarbeit zusätzlich pro Woche aufgebürdet werden. Arbeit, die man nicht einrechnet, die aber vorhanden ist. Sie frisst einen Teil unserer Zeit. Und da wir ohnehin das Gefühl haben, ständig unseren Aufgaben hinterherzuhecheln, tun wir etwas Naheliegendes, das gleichzeitig fatal ist: Wir erledigen viele Aufgaben parallel. Zum Beispiel schreiben wir bei der Arbeit einen Bericht, während wir zugleich mit halbem Ohr einem Gespräch hinter uns zuhören und unsere Mails checken. Und wenn wir für eine Recherche Google nutzen, schauen wir natürlich auch schnell noch bei Facebook vorbei.

Lass deine Gedanken öfter abschweifen. Es tut dir gut, auch mal aus dem Fenster zu schauen“

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DAS KOMMT MIR BEKANNT VOR …

Ja, so macht es fast jeder. Das Problem dabei ist nur: Multitasking gibt es nicht. Neurowissenschaftler wissen schon seit Langem, dass es nur sequenzielles Tasking gibt. Wir schalten schnell von einer Aufgabe zur anderen. Unser Gehirn hat sich evolutionär so entwickelt, dass es sich immer nur auf eine Aufgabe fokussiert. Man konzentriert sich auf eine Sache, und das Gehirn ignoriert alles andere. Unsere Vorfahren brauchten das, um Tiere zu jagen und Gefahren wahrzunehmen. Unser Gehirn ist noch nicht viel weiter als damals, auch wenn wir uns das vielleicht wünschen. Wenn wir also die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken, ziehen wir sie automatisch von der ersten Aufgabe ab. Wenn wir uns auf ein Gespräch konzentrieren, gehen andere Gespräche an uns vorbei. Wenn wir das Haus betreten und das Telefon klingelt, erinnern wir uns später nicht daran, wo wir den Schlüssel abgelegt haben. ABER ES GIBT DOCH LEUTE, DIE SIND GUT IM MULTITASKING?

Das täuscht. Unser Gehirn ist gut in Sachen Selbstbetrug. Wir bilden uns ein, dass wir uns daran gewöhnen, doch aus Studien geht hervor, dass man mit Multitasking weniger schafft, schlechtere Qualität produziert. Die Neuronen im Gehirn sind lebendige Zellen, die Sauerstoff und Glukose, also letztlich Zucker brauchen. Bei jeder Verschaltung verbrennt man Glukose. Irgendwann ist der Speicher leer. Jede versendete Mail, jeder gelesene Tweet knabbert an den Reserven, die das Gehirn für wichtige Aufgaben braucht. Das Gehirn 66

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springt vom einen zum anderen, wird dadurch müde. Will man kreativ sein, braucht man Konzentration. Beim Malen zum Beispiel. Man tut es eine Weile, dann hält man inne und fragt sich: Ist es gut geworden? Soll ich etwas ändern? Dieser nahtlose Übergang vom Handeln zum Evaluieren und wieder zurück bringt uns in einen Arbeitsfluss, in dem wir nicht ermüden. SIE SCHREIBEN IN IHREM BUCH AUCH ÜBER ENTSCHEIDUNGSMÜDIGKEIT. WAS GENAU IST DAS?

Auch hier spielt Glukose eine Rolle. Wir können nur eine begrenzte Zahl Entscheidungen treffen, bevor dieser Stoff in unserem Gehirn zur Neige geht. Das Gehirn selbst kann aber nicht unterscheiden, ob eine Fragestellung für uns wichtig oder banal ist. Jede Frage, bei der wir abwägen und entscheiden müssen, verbraucht gleich viel Energie. Im Rahmen eines Experiments stellte man Versuchsteilnehmern beispielsweise eine Reihe harmloser Fragen, bevor sie eine Liste schwierigerer Entscheidungen treffen sollten. Erst fragte man sie, ob sie ein Kaugummi wollten und in welcher Geschmacksrichtung, dann, ob sie einen blauen oder einen grünen Stift wollten usw. Anschließend erhielten sie eine Liste mit wichtigen Lebensentscheidungen. Die Studienteilnehmer, die vorher schon unwichtige Fragen beantworten mussten, schlugen sich bei diesen schlechter. Es gibt also eine Obergrenze für die Zahl der Entscheidungen, die wir hintereinander treffen können. Wenn man sich unseren Alltag anschaut, ist das eine dramatische Erkenntnis. Oft haben wir schon gegen zehn Uhr

morgens so viele Entscheidungen getroffen, dass wir keine weiteren guten Entschlüsse mehr fassen können. WIE KÖNNEN WIR DIE GLUKOSESPEICHER DENN WIEDER FÜLLEN?

Im Notfall mit Zucker, aber das würde ich nicht dauerhaft empfehlen, das laugt aus. Etwas Gesundes zu essen hilft auch, aber wir können nicht den ganzen Tag essen, nur um besser denken zu können. Im Grunde ist die Antwort simpel: Pause machen. Es spricht doch Bände, dass Menschen in Berufen, in denen Multitasking verlangt wird und Fehler schwerwiegende Folgen haben – etwa Fluglotsen oder Simultandolmetscher der Vereinten Nationen – alle zwei Stunden Pause machen müssen. Und damit meine ich nicht, die Privatmails checken, sondern eine echte Pause. Die Pause, die am meisten bringt, ist die, bei der man vor sich hindöst, kurz in einem Tagtraum abdriftet. Wissenschaftler haben festgestellt, dass Tagträume wie eine Art natürlicher Reset-Knopf wirken. Sie erfrischen das Gehirn. KÖNNEN SIE DAS ERKLÄREN?

Wir alle kennen Momente, in denen wir einfach vor uns hin starren, in denen die Gedanken plötzlich abschweifen und wir keine Kontrolle mehr über sie haben. Sie sind dann nur lose miteinander verknüpft, mäandern. Die Ideen fließen frei, Bilder, Erinnerungen, Träume. In diesem Tagtraummodus kommt das Gehirn – auch wenn es sich vielleicht nicht so anfühlt – komplett zur Ruhe, denn der Zustand ist das Gegenteil von Konzentration. Es ist ein so natürlicher Zustand, dass der Entdecker


dieser Hirnaktivität, der Neurologieprofessor Marcus E. Raichle, ihn den „Standardmodus des Gehirns“ nannte. Das erklärt auch, warum man sich so erfrischt fühlt, wenn man nur mal eben ganz kurz weggedriftet ist.

wie anderthalb Stunden mehr Nachtschlaf. Man kann übrigens auch in einen Tagtraumzustand geraten, wenn man mit einem guten Freund zusammen ist, bei dem man sich vollkommen wohlfühlt, oder ein Buch liest.

WARUM SAGT DANN KEINER, WIE ERFRISCHEND TAGTRÄUMEN IST?

ABER EIN BUCH ENTHÄLT DOCH AUCH INFORMATIONEN?

Das hat mit der Grundhaltung zu tun, mit der wir an die Welt herangehen. Wir wollen ständig so produktiv wie möglich sein und wehren uns deshalb gegen das Herumträumen, wir wischen es weg. Wir befürchten, unwiderruflich mit der Arbeit in Rückstand zu geraten, wenn wir auch nur einen Augenblick lang nachlassen. Dabei ist das vollkommener Irrsinn.

Ja, aber Literatur ist anders strukturiert. Über die Details lässt sich natürlich streiten, aber kurz gesagt: Gute Literatur regt die Fantasie an. Man bildet sich ein, mit den Augen der Hauptperson zu sehen, aktiviert seine Vorstellungskraft. Zwischendurch hält man vielleicht kurz im Lesen inne, denkt einen Moment nach und träumt sich weg. Das sind wertvolle Momente. Beim Lesen von Nachrichten oder sachlichen Artikeln erhält man alles vorgekaut und erlebt den Tagtraumzustand deshalb nicht. Das Gehirn erholt sich bei Zeitungslektüre oder Internetnachrichten also nicht.

WIR SOLLTEN ALSO ÖFTER MAL AUS DEM FENSTER SCHAUEN?

Das sowieso. Immer wenn wir bei einer Arbeit sind und merken, dass wir abdriften, ist das im Grunde ein Signal, dass wir tatsächlich eine kleine Pause brauchen, ruhig ein paar Minuten vor uns hin träumen können. Wem es schwerfällt, überhaupt in diesen Zustand zu fallen, der kann durch Meditieren, Sport oder einen kleinen Spaziergang schnell in den erfrischenden Zustand des Tagträumens kommen. Leider kann sich ja nicht jeder tagsüber hinlegen, obwohl auch das gelegentlich ratsam ist. Ein Nickerchen von einer Viertelstunde am Tag ist genauso effektiv

Erweiterung des Gehirns erfunden. Wir sollten das auch nutzen. Oder unsere Umgebung als Gedächtnisstütze zur Hilfe nehmen. Wir verlieren und verlegen heute unglaublich viele Dinge, Schlüssel, Portemonnaies, Handys. Der Grund dafür ist die ständige Reizüberflutung. Schlüssel und Ladegeräte kann man aber an einem festen Platz deponieren, so braucht man sich nicht daran zu erinnern, wo man sie gelassen hat. Wenn wir unser Gehirn von diesem Gedankenwust befreien, haben wir mehr Platz, um im Hier und Jetzt zu leben – oder eben in einen Tagtraum zu fallen. HABEN SIE EINEN WEITEREN TIPP, WIE WIR DEN TAGTRAUMMODUS PFLEGEN KÖNNEN?

Nicht vergessen, gelegentlich in den Urlaub zu fahren. Ein, zwei Wochen Ferien, die wir vollkommen offline verbringen, sind ziemlich wichtig. Es ist hilfreich, diese Reset-Taste zu drücken und eine Weile Abstand von allem zu nehmen. Wenn wir dann wieder im Alltag ankommen, sind wir ausgeruht, und es wird leichter, zwischen Konzentration und Tagträumen ein gutes Gleichgewicht zu finden. ●

TEXT EINE ANDERE LÖSUNG, DIE SIE IN IHREM BUCH NENNEN, IST DAS „EXTERNALISIEREN“.

Richtig. Es ist wichtig, dass wir so viele Dinge wie möglich außerhalb des Kopfes speichern: Unsere Termine aufschreiben, im Kalender alles eintragen, was wir uns sonst noch so an Kleinkram merken müssen, Ideen in ein Heftchen notieren, das wir immer bei uns haben. Das geschriebene Wort wurde schließlich als eine Art

WEITERLESEN?

✻ Daniel J. Levitin: The Organized Mind: Thinking Straight in the Age of Information Overload (Dutton Penguin Random House) ✻ Auch von ihm und sehr lesenswert: Der Musik-Instinkt. Die Wissenschaft einer menschlichen Leidenschaft (Springer Spektrum)

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Meine Zeit

BIN ICH Überall sind Uhren. Wir haben die Zeit ständig im Auge. Maja Beckers fragte sich, ob wir uns auch deshalb häufig gehetzt fühlen und in Eile sind. Sie probierte aus, wie sich das Leben ohne Uhr anfühlt – und war positiv überrascht

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Erkenntnis

Nicht auf die Uhr zu schauen “ gibt mir Gelassenheit und Ruhe“

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nser Zeitgefühl ist subjektiv und hat nur wenig mit dem Takt der Uhren zu tun, das wissen wir. Vier Minuten, bis der Bus kommt, erscheinen wie eine Ewigkeit. Bei einem Essen mit Freunden aber rast die Zeit. In solchen Momenten vergessen wir, auf die Uhr zu schauen. Aber funktioniert das auch andersrum? Können wir mehr genießen, präsenter sein und uns weniger hetzen, wenn wir seltener auf die Uhr schauen? Ich möchte es ausprobieren und entschließe mich zu einem Leben ohne Uhr. Zwei Wochen lang. Um die Nerven meiner Mitmenschen zu schonen, erlaube ich mir, morgens einen Wecker zu stellen und vor wichtigen Terminen auf die Uhr zu schauen, aber nicht mehr als drei Mal am Tag. Nicht nach dem Duschen und während des Frühstücks, nicht auf dem Weg in die Redaktion, während ich am Schreibtisch sitze oder beim Sport. Ich nehme meine Armbanduhr ab und die Wanduhr in der Küche. Ich klebe die Uhr am Laptop zu und stelle sie im Handy auf unsichtbar. Was Mittagspause und Feierabend angeht, richte ich mich nach den Kollegen. Freunde bitte ich, mir vor unserem Treffen eine Nachricht zu schicken, und dann mache ich mich auf den Weg.

STUNDEN FÜHLEN

Schon am ersten Morgen wird mir klar, wie oft ich sonst die Uhrzeit checke: Wann muss ich los? Ah, in fünf Minuten. Und jetzt? Ah, in zwei Minuten. Ich sitze nervös in der Küche. Vielleicht ist es schon viel später, als ich denke? Ich traue mich nicht, den Tee auszutrinken, sondern haste los und bin zu früh im Büro. Dort geht es weiter mit dem mulmi gen Gefühl. Wie lange sitze ich bereits an diesem Text? Müsste ich längst beim nächsten Punkt sein? Ist schon Mittagszeit? Ich fühle mich seltsam haltlos, habe kein Vertrauen in so etwas wie eine innere Uhr. Fürchte, dass alles — Schlafen, Wachen, Essen – ohne Uhr komplett durcheinandergeraten wird. Laut der Wissenschaft ist diese Sorge unbegründet. In den 60er-Jahren verbrachten Freiwillige für eine Studie mehrere Wochen in einem unterirdischen Bunker ohne Uhr. Und trotzdem pendelte sich ihr Schlaf-wach-Rhythmus bei etwa 24 Stunden ein. Unser Körper hat also eine gute innere Uhr. Das Problem ist nur: Wir können sie nicht lesen. Als die Forscher die Probanden baten, nach jeder geschätzten Stunde einen Knopf zu drücken, waren die Ergebnisse extrem unterschiedlich – manche drückten erst nach drei Stunden.

„Lange konnten Forscher nicht glauben, dass Menschen zwar Sensoren für warm und kalt, für Farben und Geruch haben, aber ausgerechnet für die Zeit keinen Sensor besitzen, denn im Körper ließ sich kein Organ dafür finden“, sagt Stefan Klein, Autor von Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist. Mittlerweile haben Neurowissenschaftler Hirnregionen ausgemacht, die am Zeitgefühl beteiligt sind: das Hirnareal für Erinnerungen und eins, das Bewegungen koordiniert, gehören dazu. Das Gehirn bastelt also am Zeitgefühl mit. „Die innere Zeit folgt keinem Pendelschlag, sie entsteht in uns“, sagt Klein. MEHR WARTEN, MEHR AUSPROBIEREN

Mein persönliches Zeitgefühl sorgt in den nächsten Tagen dafür, dass ich mal zu früh dran bin und warten muss und mal zu spät bin – und der Fernsehkrimi hat schon angefangen. Aber ich merke, dass ich präsenter bin. Ich gebe den Dingen die Zeit, die sie brauchen. Überraschenderweise werde ich dadurch nicht langsamer. Manches geht auch schneller. Wenn ich weiß, ich habe eine halbe Stunde Zeit, um mich fertig zu machen, bevor ich aus dem Haus gehe, brauche ich sie auch. Ohne Uhr gehe ich, wenn ich fertig bin. So kann es sein, dass ich zu früh am Treffpunkt bin. Aber wenn ich dann etwas lese, kommt es mir dennoch nicht wie unnützes Warten vor. Der Psychologe Marc Wittmann, der das Buch Gefühlte Zeit geschrieben hat, erklärt das so: „Wir fühlen nicht die reine Zeit, wir fühlen sie nur in Verbindung mit Erlebnissen.“ Und am intensivsten spüren wir die Gegenwart, wenn wir uns bewegen, etwas Neues tun oder uns etwas emotional berührt. Deshalb fühlt sich das Lesen eines Buches, selbst bei zehn Minuten, wie ein großer Zeitgewinn an. REGIE FÜHREN

Trotzdem bin ich froh, nach zwei Wochen meine Uhr wieder anzulegen. Auf Dauer würde es schwierig, Arbeit und Privatleben ohne zu organisieren. Aber die Uhr am Laptop bleibt abgeklebt, das ständige Draufschauen möchte ich nicht wieder anfangen. Am Arbeitsplatz nicht auf die Zeit zu schielen gibt mir Gelassenheit und Ruhe. Der Schweizer Theologe Josef Vital Kopp nannte Uhren mal ein „mechanisches Tasten nach der Zeit“. Es ist ein suchendes Tasten, das nichts zu fassen bekommt. Wer sich auf das eigene Zeitgefühl einlässt, hat die Zeit wieder in der Hand. Kann sie mit Tai-Chi verlangsamen, mit Meditation kurz anhalten, beim Essen mit Freunden vergehen lassen. Dann sind wir die „Regisseure unserer Zeit“, wie Stefan Klein es nennt. Ein gutes Gefühl.

TEXT MA " Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen" (Mahatma Gandhi, 1869—1948)

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Lesen

Die Bücher meines Lebens In jeder Flow fragen wir Buchmenschen, welche Lese-Erlebnisse sie besonders beeindruckt haben. Dieses Mal stellt Elisabeth Windfelder von der Buchhandlung Herr Holgersson in Gau-Algesheim bei Mainz ihre fünf Lieblingsbücher vor

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ass sie mal Buchhändlerin werden will, das wusste Elisabeth (26) bereits mit fünf Jahren. Schließlich führten schon ihre Urgroßeltern und die Großeltern in ihrer Heimat Mainz eine Buchhandlung. So wurde sie in dem Glauben groß, Bücher habe man nicht nur zu Hause, sondern auch im Beruf immer um sich. Und es war schön, eine Buchhandlung in der Familie zu haben. Als Elisabeth nach der Lehre und einem Studium der Buch- und Wirtschaftswissenschaften beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels jobbte, lernte sie Jasmin Marschall (33) kennen. Die hatte den gleichen Traum wie sie selbst: vom eigenen Laden. Wie der aussehen sollte, war den beiden schnell klar – wie eine Wohnung. Mit Kochbüchern in der Küche, Romanen im Wohnzimmer, dem Lieblingsbuch auf der Kommode,

Bilderbüchern im Kinderzimmer. Eine literarische Figur sollte dem Laden seinen Namen geben – als fiktiver Bewohner sozusagen. „Eingezogen“ ist dann Nils Holgersson. Denn „im besten Fall lösen Bücher beim Leser das aus, was auch Nils Holgersson passiert: Man geht auf Reisen und macht neue Erfahrungen“, sagt Elisabeth.

Elisabeths fünf Favoriten: ALAN A. MILNE – PU DER BÄR

„Das Buch gehörte für mich zum festen Vorleseritual vor dem Schlafengehen. Pu ist ein Teddybär und gehört dem Jungen Christopher Robin. Dem erzählt sein Vater Geschichten, die von Pu und dessen Freunden handeln. Alle Tiere haben einen ganz eigenen Charakter und sind trotzdem alle liebenswürdig. Wie das Kaninchen, das alles besser weiß. Solche Charaktere

1. Meistens greift Elisabeth zum richtigen Buch 2. Die Atmosphäre bei Herrn Holgersson ist fast wie zu Hause 3. Die zwei von der Buchhandlung: Jasmin und Elisabeth haben sich ihren Traum erfüllt

sind aus dem echten Leben gegriffen. Die Geschichten sind humorvoll und sie stecken voller philosophischer Botschaften, etwa dass die Gesellschaft vieles gemeinsam meistern kann, wenn alle positiv denken und einander helfen. Auch heute lese ich noch in dem Buch, zum Beispiel wenn ich krank bin. Pu ist wie ein Geschichtenpflaster. Alles nimmt stets ein gutes Ende. Egal wie verfahren die Situation gerade ist.“ ALFRED ANDERSCH – SANSIBAR ODER DER LETZTE GRUND

„Keine Schullektüre hat mich so fasziniert wie dieses Büchlein. Ich fand

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es bewegend, wie eine Gruppe Menschen im richtigen Moment das Richtige tut. An der Ostsee treffen Mitte der 30er-Jahre fünf Leute aufeinander. Darunter ein Pfarrer, der die Skulptur eines Lesenden retten will, die als entartete Kunst eingestuft wurde. Und eine junge Jüdin, die nach Schweden fliehen will. Man weiß bis zum Schluss nicht, ob es gelingt. All das ist in einer sehr klaren, bewegenden Sprache geschildert. Als Zehntklässlerin konnte ich mich in jede der Personen hineinversetzen. Was mich nicht mehr los gelassen hat, war der Gedanke, dass Lesen ein Zeichen von Freiheit sein kann, es eröffnet Horizonte.“ CARLOS RUIZ ZAFÓN – DER SCHATTEN DES WINDES

„Diesen Schmöker habe ich mir mit 17 nach dem Abitur für einen sechswöchigen Spanischsprachkurs in 72

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1. Unerwartete Unterstützung bekamen Elisabeth und Jasmin von einem Kunden: Er schenkte ihnen eine Kommode 2. Ein lieb gewonnener Klassiker 3. Namensgeber und fiktiver Bewohner der Buchladenwohnung Herr Holgersson 4. In diesem Raum wird jedes Kind zum Leser

teuerlichen und aufregenden Unterfangen‘. Sunwise Turn ist ein Lieblingsbuch von Jasmin und mir und passt zu uns. Die New Yorkerin Jenison erzählt davon, wie sie 1916 mit einer Freundin eine Buchhandlung gegründet hat – damals ungewöhnlich, Bücher wurden in den USA bis dahin vor allem in Warenhäusern verkauft. Jenison erzählt so nett und liebenswürdig von ihrem Alltag, so lebensnah und witzig, dass man kaum glauben mag, dass ihre Erfahrungen hundert Jahre alt sind. Es ist zeitlos, wenn sie schildert, wie man nach der Eröffnung den Kopf voller Dinge hat, sodass kaum Platz für anderes bleibt. Oder wie viele verschieBarcelona gekauft. Dazu hatte ich dene Menschen man kennenlernt, einen passenden Reiseführer dabei – die aber doch Gleichgesinnte sind: Sie Mit Carlos Ruiz Zafón durch Barcelona. Ich lieben Bücher und das Lesen.“ habe den Roman binnen einer Woche inhaliert und bin mit dem ReiseMARINA KEEGAN – DAS GEGENTEIL führer durch die unbekannten Ecken VON EINSAMKEIT der Stadt gelaufen, ich habe sie sozu„Dieses Buch hat mich in jüngster sagen mit dem Roman erforscht. Wie Zeit am meisten berührt. Die Autorin die Hauptfigur Daniel, die auch Nachschreibt so frisch, einfühlsam und forschungen anstellt: über den fast eindrücklich, dass man sich sofort vergessenen Autor eines Buches, das in die Figuren ihrer Geschichten er in einer verborgenen Bibliothek hineinfühlen kann. Nie klingen ihre entdeckt. Jedes Mal, wenn ich diesen Erzählungen unglaubwürdig. Mit Roman zur Hand nehme, erinnere wenigen Worten drückt sie aus, was ich mich an die Stadtviertel und wie Menschen umtreibt. Das Buch liegt das Buch für mich in Barcelona lebengerade bei mir auf der Kommode, und dig wurde. Man muss sich in die ich schaue oft hinein, weil ich mich Geschichte fallen lassen – sie ist sehr an vielen Stellen selbst erkenne. Man fantastisch und etwas mystisch.“ kommt ins Grübeln: Wie hätte ich gehandelt? Egal was vorher passiert ist, MADGE JENISON – SUNWISE TURN die Personen tun immer die Dinge, „Der erste Satz dieses Buches steht die ihnen am Herzen liegen. Deshalb auch auf unserer Website: ,Dies ist die bestärkt einen das Buch, das zu tun, Geschichte von einem schönen, abenwas man wichtig und gut findet.“

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Für die wichtigsten Dinge i

braucht man keinen Appla Nach dem Tod ihrer Großmutter wird Thaïs Leblanc mit einem seltsamen Testament konfrontiert. Es führt sie zum wundersamen Cirque perdu und seinem Direktor Papó.

256 Sei Plötzlich muss Thaïs sich entscheiden: Will sie weiter ein normales Leben führen oder endlich beginnen, ihren eigenen Weg zu gehen? Ein zauberhafter Roman voller Atmosphäre und französischem Charme.

»Wenn das Wort charmant auf ein Buch zutrifft, dann sicher auf dieses.« Christine Westermann Die große Liebe finden, ein meisterhaftes Parfum kreieren, der Chef des eigenen Chefs werden: Wer träumt nicht davon, seinem Leben eine neue Richtung zu geben?

240 Sei Ein Roman über große Ziele und glückliche Wendungen.

Nach LIEBE MIT ZWEI UNBEKANNTEN jetzt der neue SPIEGEL-Bestseller von Antoine Laurain.


am fenster eine frau mit dem rücken ins innere der blick reicht bis zur anderen straßenseite und prallt von dort zurück auf ihr gesicht FRAU PAULCHEN – AM FENSTER

Halt still Das Bett ist ein Floß und ich will raus aufs Meer komm schneid es los JUDITH HOLOFERNES – HAIE *


Schreiben

Die neue

ALLTAGSLYRIK Man sieht sie jetzt überall: schöne Verse und kurze Gedichte, die positive Gedanken enthalten. Warum sind wir davon plötzlich so angetan? Maja Beckers wollte herausfinden, was die Faszination von Alltagslyrik ausmacht

B

ei einer Freundin von mir hängt neuerdings ein Poster in der Küche, auf dem steht: „Ich mag dich / ein bisschen mehr / als ursprünglich geplant“. Es ist nur ein Satz, „aber jeden Morgen, wenn mein Blick daran hängen bleibt, ist es wie ein kleines Leuchten“, sagt sie. Eine andere Freundin trägt einen Zettel in ihrem Portemonnaie herum, auf dem ist mit schwung voller Handschrift ein Gedicht der australischen Beststellerautorin Lang Leav geschrieben: „For the past has tought / To not be caught / in what is not worth pursuing“. Sie folgt der Dichterin bei Instagram und hat sich das Bild mit diesem Vers ausgedruckt, „weil es mich daran erinnert, nicht den falschen Dingen hinterherzulaufen. Dieser Gedanke, etwas loszulassen, hat ja oft etwas Trauriges, aber hier machen der Reim und der Rhythmus es ganz leicht.“ Obwohl Instagram oder auch Pinterest ursprünglich als Plattformen zum Teilen von Bildern gegründet wurden, gibt es immer mehr Menschen, die Leuten folgen, die Worte posten. Einen Gedanken, einen Vers, ein Gedicht, einen kleinen Reim, Lang Leav etwa hat über 160 000 Follower. Für klassische Gedichtbände können Verlage von solchen Zahlen meist nur träumen.

vergangenen Jahr einen Band mit fröhlichen Tiergedichten veröffentlicht hat, genauso wie Millionen von nichtprofessionellen Schreibern, die anfangen, ihre Gedanken in Verse zu gießen und über die sozialen Netzwerke zu veröffentlichen. LICHTBLITZE IM ALLTAG

Eine von ihnen ist Sophie Paulchen aus Heidelberg. Über ihren Account @FrauPaulchen postet sie jeden Morgen auf Twitter ein #earlypoem, ein Frühgedicht. Wie das hier: „alles umgeschmissen verworfen / die pläne / neu sortiert sich der tag nimmt / die nacht als vorbild / gemach gemach / hindurch“. Sophie sagt: „Ich bin eine Frühaufsteherin, ich liebe die Farben, die man sieht, wenn man um fünf Uhr schon wach ist, die Stille und wie die Geräusche dann langsam lauter werden. Davon handeln viele meiner Gedichte, von Nacht und Tag, vom Übergang und von der Dämmerung.“ Warum sie dichtet? „Ich habe früher auch Prosa geschrieben, dann wurden die Sachen immer kürzer und kürzer. Ich habe gemerkt, dass das ganz kleine Gedicht einfach meine Form ist.“

Haie Judi *

Es ist ein bemerkenswerter Trend. Man hat den Eindruck, nie war man mehr von Poesie umgeben. Von Versen, die einen zum Schmunzeln bringen, zum Nachdenken anregen, kurz innehalten lassen oder einfach Spaß machen. Sie sind meist kurz, so passen sie wunderbar in unseren Alltag, in die Facebook-Timeline genauso wie auf einen Jutebeutel oder ein Poster. Und man hat den Eindruck, nie haben mehr Leute daran mitgeschrieben. Die neue Freude an der Lyrik erfasst Prominente wie die Musikerin Judith Holofernes, die im

Aber es ist besonders schwierig, einen Verlag zu finden, der Lyrik ins Programm nimmt, Gedichtbände verkaufen sich nicht so leicht wie Romane. „Blogs und Twitter sind für mich ein guter Weg, meine Sachen zu veröffentlichen.“ Und für Sophie ist es die passendere Plattform. „Für viele gilt es noch als wichtige Anerkennung für ihre Verse, wenn ein Verlag sie als Buch herausbringt. Und das ist ja auch toll, aber wie viele lesen heute noch Gedichtbände von vorn bis hinten? Das kenne ich von mir selber. Wenn ich einen Gedichtband in die Hand nehme, blättere ich darin, lese ein paar Texte und stelle ihn wieder weg. Man liest ihn nicht wie einen

Auf Instagram kannst du weitere Alltagspoeten entdecken, zum Beispiel Jessica Katoff (@jessicakatoff) oder Emmie Rae (@aldousmassie)

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Bei einem Gedicht kommt es auf das Gefühl an, das es hinterlässt

Roman. Und ich finde es schön, wenn so ein frisches kleines Werk eben auch frisch und direkt zum Leser kommt, einen kleinen Lichtblitz in seinen Alltag bringt.“ Auch Manfred Glauninger, Sprachwissenschaftler an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und an der Universität Wien, findet die Verbindung von Lyrik und sozialen Medien ganz logisch: „Wir kommunizieren auf diesen Kanälen ja alle schriftlich. Es gab noch nie eine Generation, die so viel gelesen und geschrieben hat, wie diese. Und wenn wir schon ständig am Schreiben sind, liegt es nahe, dass viele auch irgendwann anfangen, Gedichte zu schreiben, weil wir das kulturell ,erlernt‘ haben.“ Das Verfassen von Nachrichten per SMS, Twitter oder WhatsApp ist zudem nicht irgendein Schreiben. Laut Glauninger gibt es eine wichtige Gemeinsamkeit mit Gedichten: Wir halten uns kurz. „Auch in der Lyrik ist die Verknappung der Sprache die große Kunst.“ Wenn das Verfassen eines Gedichts so eng mit dem alltäglichen Schreiben verknüpft ist, ist es nur logisch, dass es darin auch um alltägliche Themen geht, wie zum Beispiel die Morgendämmerung bei Frau Paulchen. Der Begriff der Alltagslyrik ist aber schon älter. Er entstand in den 60er-Jahren für das, was Dichter wie Rolf Dieter Brinkmann oder Nicolas Born machten. Sie schrieben Verse, die nicht in erster Linie bestimmten literarischen Ansprüchen genügen, sondern vor allem das persönliche Erleben wiedergeben sollten. „Neue Subjektivität“ hieß diese Bewegung, die oft ganz gewöhnliche Situationen aufgriff. „Es ist Sonntag / die Mädchen kräuseln sich und Wolken / ziehen durch die Wohnung“ beginnt etwa ein Gedicht von Nicolas Born. GRUND ZUM SCHMUNZELN

Viele der neuen Lyrikschreiber machen es jetzt ähnlich. Die amerikanische Künstlerin Samantha Jayne etwa nennt ihre Gedichte Quarter Life Poetry. Es sind witzige Beschreibungen aus dem Leben mit Mitte 20, das Viertelleben sozusagen als kleine Schwester der Midlife-Crisis. Zum Beispiel: „ Prepping for a big first date / was once a grand hurrah / Now it’s Googling his name / and throwing on a bra“, also: Die Vorbereitung fürs erste Date war einst so aufregend – heute googelt man seinen Namen und zieht sich halt mal einen BH an. Dazu entwirft Samantha, die auch Illustratorin ist, ein Bild, und fast 70 000 Follower bei Instagram freuen sich, regelmäßig so ein Schmunzelgedicht von ihr zu bekom76

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men. „Ich habe Quarter Life Poetry als Ventil für meine täglichen Frustrationen gestartet“, erzählt sie, „mit 25 gibt es so viele seltsame Momente der Verwirrung. Ich dachte immer, ich sei die Einzige, der es so geht. Als ich die Gedichte bei Instagram postete, erkannte ich, dass im Gegenteil viele so empfinden.“ Aber auch die etablierten Dichter widmen sich wieder dem Alltag. Jan Wagner, der 2015 den Leipziger Buchpreis erhielt, wird dafür gefeiert, dass er mit seiner Alltagslyrik das Gedicht aus dem Schattendasein des Literaturbetriebs hervorgeholt habe. Seine Gedichte heißen Torf, Der Nagel oder Versuch über Seife. Und über diese neue Lyrik darf ausdrücklich gelacht werden. Als die ehemalige Journalistin Arezu Weitholz ihren Gedichtband Mein lieber Fisch veröffentlichte, freuten sich die Kritiker, dass sie das schwierige Feld der Lyrik aufgelockert hatte. Ihre Gedichte handeln alle von Fischen und gehen zum Beispiel so: „Die blaue Forelle / schwamm im Gefälle / gegen ne Welle / jetzt hat se ne Delle“. Ihr erstes Gedicht hat Arezu am Meer geschrieben. Dort saß sie mit ihrer Mutter im Strandkorb, die allerdings nicht viel sagte. „Ich wollte sie zum Lachen kriegen“, erzählt Arezu, „also habe ich so einen alten Spruch aufgesagt: Wenn ich die See seh, brauch ich kein Meer mehr. Und da fing sie an zu kichern. Und da dachte ich: Da geht was. Und dann hab ich mich am Abend im Hotel aufs Sofa gesetzt und einfach ein paar Fischgedichte geschrieben.“ Erst schickte sie sie per Mail immer freitags an Freunde, dann interessierte sich auch ein Verlag dafür. Mittlerweile erscheint Mein lieber Fisch schon in der zweiten Auflage, ein großer Erfolg, und Arezu wird sogar mit Ringelnatz verglichen. „In einem Atemzug mit ihm genannt zu werden ist eine Riesenehre“, sagt sie, „aber eigentlich gehöre ich da nicht so hin, finde ich.“ SPASS AM SPIEL

Viele der neuen Alltagslyriker wollen einfach mit der Sprache spielen und Freude bereiten. Ihre Gedichte sind meist witzig, fröhlich, positiv, aufbauend oder nur schön. „Dieser Typ des ,light verse‘ ist keine neue Erfindung“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Kila van der Starre. Sie bereitet an der Universität Utrecht eine Dissertation über Poesie außerhalb des Buches vor und verfolgt den Gedichtehype mit großem Interesse. „Die Anziehungskraft von Versen hat meiner Meinung nach mit der Spannung zwischen dem alltäglichen Inhalt und der künstlerischen Form zu tun. Der Vers ist leicht


alles, was ich möchte, ist im zimmer sitzen und den geschichten zuhören, die der regen erzählt @FRAUPAULCHEN

Wenn du ihr Guten Morgen sagst verziehtse ihr Jesicht. Wenn du sie nach der Lage fragst hörtse einfach nicht. Willst du promenieren gehen drehtse sich hinweg. Schenkst du ihr dein Lächeln kautse leise Dreck. Du machst ihr Komplimente Geschenke, doch sie tut als wär das permanente Nettsein gar nicht gut. Wie kann es sowas geben dass so ja nüscht bei der klappt? Ihr Körper ist zujejen nur sie ist einjeschnappt! AREZU WEITHOLZ – DIE BERLINER AUSTER


Das lustige Gedicht über die mütterlichen Anrufe stammt aus der Feder von Samantha Jayne (Quarter Life Poetry)

Der New Yorker Tony Ciampa fotografiert seine Gedichte von Zetteln oder Notizbüchern vor schöner Kulisse und veröffentlicht sie auf Instagram (@emolabs)

verständlich, dabei aber verblüffend – wegen eines Wortspiels, eines Reimes, eines bestimmten Rhythmus oder einer Metapher.“ Der „light verse“ ist auch eine gute Möglichkeit, Menschen für Gedichte zu begeistern, die diese sonst unverständlich finden. „Bei Lyrik denken viele, das sei alles so überladen“, sagt Sophie. „Sie glauben, sie müssten alle griechischen Mythen kennen, um die Symbole rauslesen zu können. Aber so ist das nicht. Man kann sehr schön, sehr einfach mit Sprache spielen. Und es muss auch nicht alles mit dem Verstand zu greifen sein. Es kommt mir auf das Gefühl an, das es hinterlässt, eine Art inneres Bild.“ „Letztlich“, so van der Starre, „ist es ja schwer zu sagen, was überhaupt ein Gedicht ist und was nicht. In der modernen Lyrik arbeitet man schon seit Jahrzehnten nicht mehr mit klassischen Endreimen, woran man es früher vielleicht erkennen konnte.“ Aber dieses innere Bild, das entsteht, das Gefühl, das mit wenigen Worten erzeugt wird, das ist so ein Merkmal und auch ein Grund für den Erfolg dieser neuen kleinen Gedichte. Sie sind so kurz, dass sie perfekt in unser schnelles Leben passen. „Aber da entsteht Kontext, wie wir Sprachwissenschaftler sagen“, erklärt Manfred Glauninger, „es eröffnet sich eine ganze Welt. Und das lässt uns kurz innehalten.“ Mit einem Wimpernschlag nehmen wir etwas Schönes mit, versinken für einen Moment in unseren Vorstellungen.

nicht mehr machen, ich würde meine Gedichte nur noch online teilen und verbreiten, da erreichen sie die Leser direkt und können ihre Wirkung entfalten.“ Dass wir so fast beiläufig mit Lyrik in Kontakt kommen, ermutigt auch zum Schreiben. Sophie etwa organisiert zwei Mal im Jahr einen „Lyrikmonat“. „Das Motto ist ,30 Tage, 30 Gedichte, no excuses‘“, sagt sie. „Ich gebe jeden Tag ein Thema vor, und wer mitmachen möchte, schreibt 30 Tage lang je ein kurzes Gedicht und postet es.“ Mit dieser Miniherausforderung will sie anderen die Scheu nehmen. „Jeden Tag eins, da muss man sich ranhalten und einfach mal drauflosschreiben“, sagt sie. Und entdeckt weitere Vorzüge: „Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die Leute an das vorgegebene Thema herangehen. Es ist ein bisschen wie ein Gesamtkunstwerk, alle Gedichte zu einem Thema am Ende gesammelt anzuschauen.“ So spannt die neue Art der Alltagslyrik ein weites Netz aus Verbindungen zwischen Schreibern und Lesern. Sie lässt uns die Schönheit der Sprache mit ihrem Rhythmus, ihren Metaphern und ihrem Witz erleben – „das kleine Leuchten“, wie meine Freundin sagen würde.

EIGENTLICH EIN COMEBACK

In einem Buch ist das Gedicht deshalb nicht so richtig gut aufgehoben. Fanden die Menschen vor Jahrhunderten auch. „Dichtkunst ist schon immer multimedial gewesen“, erklärt Kila van der Starre. „Bereits im Mittelalter wurden Verse auf Hausfassaden und Türrahmen gemalt. Die Menschen bestickten Schuhe oder Kleidung mit Sprüchen, verzierten Wandfliesen damit.“ Es ist also mehr ein Comeback als eine neue Idee, wenn wir jetzt auf Kissenbezügen, Postern oder Zetteln im Portemonnaie wieder ein paar Verse in den Alltag einflechten. Und mit dem Internet sind noch mehr Möglichkeiten dazugekommen – zum Lesen und zum Schreiben. Glauninger sagt: „Ich habe vor rund zehn Jahren noch einen klassischen Gedichtband veröffentlicht. Das würde ich heute 78

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Live

mindfully

MEHR GEDICHTE LESEN? ✻ Arezu Weitholz: Ein Fisch wird kommen. Kleine Fischkunde mit Gedichten ( Kunstmann) ✻ Judith Holofernes: Auf ihrer Website judith-holofernes.de veröffentlicht die Musikerin ebenfalls Gedichte ✻ Jan Wagner: Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001—2015 (Hanser); Jan Wagner ist einer der renommierten deutschen Gegenwartslyriker, seine Gedichte handeln von alltäglichen Dingen wie Wolken oder Seife

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SPOIL YOURSELF


Raubtiere, die mit der Flasche aufgezogen werden, können sehr zutraulich sein. Im Tierpark Artis konnte man sich früher mit ihnen fotografieren lassen, wie es diese Frau im Sommer 1961 getan hat. Mittlerweile undenkbar, für die Besucher gilt außer im Streichelzoo “ Hände weg!”.

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Handlettering von Frau Annika – die in ihrem Buch Handlettering. Die Kunst der schönen Buchstaben (Topp, 15,99 Euro) anhand zahlreicher Beispiele und verschiedener Projekte (von der Glückwunschkarte bis zur Buchstabengirlande) zeigt, wie du deine eigenen Entwürfe gestalten kannst. Die Designerin macht auch Illustrationen für Kinderbücher oder Zeitschriften. frauannika.de

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SPOIL YOURSELF Zeit für eine kleine Verwöhnpause

Lecker, Limo

Alle mal herschauen Vorfreude ist bekanntlich die beste Freude. Und wer die auf den Urlaub richtig schön schüren will, guckt sich am besten Fotos an. Das fanden britische Neurowissenschaftler heraus. Sie testeten, wie Probanden, die gerade eine Reise gebucht hatten, auf Gerüche, Geräusche, Geschmäcker und Bilder reagieren, die sie an das Urlaubsziel erinnern. Klarer Gewinner unter den verschiedenen Sinneseindrücken waren die optischen Reize, also die Fotos.

Wie schön das zischt, so eine kühle Limonade an einem heißen Sommertag. Und sie lässt sich ganz leicht selber machen, etwa eine prickelnde Apfel- IngwerLimo (Bild). Dazu 450 ml Apfelsaft mit 1 TL frischem, fein gehacktem Ingwer mischen, 10 Minuten ziehen lassen und durch ein Sieb abgießen. Kurz vor dem Servieren 550 ml gekühltes sprudelndes Mineralwasser dazugeben und mit 8 Biozitronenscheiben garnieren. 99 weitere Mixgetränke, viele davon vegan, findest du in dem Buch Alkoholfreie Drinks von Eva Derndorfer und Elisabeth Fischer, Brandstätter, 25 Euro

Charmante Holzköpfe In Dänemark, wo sie Ende der 1960er-Jahre von dem Designer Gustav Ehrenreich entworfen wurden, gibt es in fast jedem Haushalt einen Hoptimisten. Und auch wir räumen für Mitbewohner wie Vogel Birdie oder Frosch Kvak (Bild), die uns so charmant zum Schmunzeln bringen, zu Hause gern ein Plätzchen frei. Die Figuren wurden 2009 von Bo und Lotte Steffensen in Aarhus wieder aufgelegt und sind in den verschiedensten Varianten zu haben. Besonders edel kommen sie wie hier aus Eichen- oder Walnussholz daher. Birdie ab 36,95 Euro, Kvak ab 49,95 Euro, über hoptimist.com

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Spoil yourself


Story des Tages Wenn das keine gute Idee für eine kleine Auszeit ist: Die App A Story A Day liefert dir jeden Tag eine Kurzgeschichte von Autoren wie Kirsten Fuchs, Marc-Uwe Kling oder Jochen Schmidt auf dein Smartphone. Mal ist sie zum Schmunzeln, mal zum Lachen oder sie regt zum Nachdenken an. Die ersten fünf Texte sind kostenlos. 30-Tage-Abo 3,59 Euro für Android, 3,99 Euro für iOS. a-story-a-day.de

Vom Säen und Ernten Sie ist eine unserer Lieblingsillustratorinnen und bringt farbenfrohe Welten zu Papier wie keine Zweite. Nun macht Elisandra auch Gartenfreunde glücklich. Inspiriert von Ausflügen ins Grüne, hat die Berliner Künstlerin das Buch Blumen sind die Sterne des Tages (ars edition, 9,99 Euro) gestaltet, das ihre lebendigen Illustrationen mit poetischen Zeilen zum Pflanzen, Gärtnern und Wachsen verbindet. Platz für eigene Ideen bieten handliche Notizbücher, deren blühende Cover ebenfalls aus Elisandras Feder stammen. Blanko oder liniert erhältlich.

Faire Bikinis Ganz schön schwer, einen Bikini zu finden, der schlicht, schön und praktisch ist. Das fand auch die Designerin und passionierte Surferin Mareen Burk und fing an, selbst Bademode zu entwerfen. Mit tollen Schnitten, nachhaltig und fair produziert. Oberteil (ab 110 Euro) und Hose (ab 70 Euro) lassen sich frei kombinieren und sogar wenden. Ja, die Teile haben ihren Preis, dafür hat man lange was davon. mymarini.com

ASLA TEX Dem Glück auf der Spur

Was macht uns glücklich? Dieser Frage ging zehn Jahre lang der in den USA lebende Österreicher Stefan Sagmeister nach. Er erforschte, ob man das Glücklichsein trainieren kann und welche Bedeutung Religion, Geld, Ehe und Sex dabei spielen. Dafür unternahm er verschiedene Selbstversuche: Er meditierte, erlernte Konzentrations- und Entspannungstechniken, machte eine Verhaltens therapie und konsumierte stimmungsaufhellende Pharmazeutika. Die Ergebnisse seiner Suche zeigt Sagmeister bis zum 25. September in der Ausstellung The Happy Show im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main (museumangewandtekunst.de). Die Ausstellung zeigt nicht nur Infografiken, Drucke und amüsante Filme, sondern animiert Besucher mit interaktiven Installationen auch zum Mitmachen. Wer es nicht nach Frankfurt schafft oder schon mal vorab wissen willst, was ihn erwartet, schaut hier: thehappyshow.tumblr.com

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WEB SHOPPEN Egal wo man lebt – die schönsten Dinge sind nur einen Klick entfernt

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Scheidenpilz soll keine Ferientage kosten

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Pina Bausch 1966. Statt eines Hutes trug sie auf der BĂźhne eine durchlĂścherte Scheibe

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Porträt

Das bewegte Leben der

PINA BAUSCH Sie hat mit ihren Choreografien Menschen weltweit berührt. Ihre Idee, im Ballett tiefe Gefühle auszudrücken, statt nur körperliche Höchstleistungen zu zeigen, hat sich nach und nach durchgesetzt. Doch der Weg dorthin war kein federleichter Tanz

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Ganz links: Auf dem Theaterfestival Avignon mit dem französischen Choreografen Bartabas, 2000 Links: Pina Bausch im Jahr 2007, damals war sie 67

So konsequent wie sie hat wohl kaum jemand am Theater auf Emotionen gesetzt. Für ihre Stücke gab es keine Vorlagen, oft hatte sie nur ein Gefühl im Kopf, das sie darstellen wollte. Pina Bausch sah viel von dem, was die Menschen bewegt: ihre Ängste und Nöte, ihre Wünsche und Sehnsüchte. Passende Worte fand sie dafür nie. Ihre Sprache war der Tanz. Sie brach mit allen Konventionen des klassischen Balletts, und ihre Stücke sind so anders, voller Wucht, so ergreifend, dass sie auf der ganzen Welt geliebt werden. Auch ihr Schaffensdrang war unvergleichlich: Als Pina 2009 im Alter von nur 68 Jahren starb, hinterließ sie fast 50 Produktionen, 7500 Videos und ein zutiefst trauerndes Ensemble. Sie wird als Revolutionärin des modernen Tanzes gefeiert.

Beim Ballett war ihr Talent unübersehbar. Eine der Tanzlehrerinnen nannte sie „Schlangenmensch“. Und so durfte Pina bereits mit 14 Jahren ein Tanzstudium an der Folkwang-Hochschule in Essen beginnen. Hier bekam sie zwar eine klassische Tanzausbildung, lernte aber auch Schauspiel, Musik und Malerei kennen. „Wir lebten zusammen, sahen und hörten einander zu“, beschrieb sie diese Zeit, und die Nähe aller Künste hat sie geprägt. Unbefangen band sie später Gesang oder Sprechtheater in ihre Stücke ein, was damals un gewöhnlich war. Doch indem sie Tanz und Theater vermischte, etablierte sie eine Form, die vorher allenfalls in Nischen existiert hatte. Auf der Hochschule Folkwang lernte Pina auch ihren ersten Mann kennen, den Grafiker Rolf Borzik.

Ihre Eltern hatten eine Gaststätte. Pina bekam dort früh mit, was Menschen bewegt

KNEIPENTISCHE UND SCHWEBEBAHN Dabei war Pina eine stille Frau, fast schüchtern und stets von Selbstzweifeln geplagt. Ihr Lebensweg war keinesfalls vorgezeichnet. Sie wurde 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, in Solingen geboren. Ihre Eltern hatten dort eine Gaststätte mit Hotelbetrieb. Wenn die kleine Pina abends nicht ins Bett wollte, versteckte sie sich unter den Tischen, lauschte den Gesprächen über Liebe und Verlassenheit, kleine und große Hoffnungen. So bekam sie schon früh eine Ahnung von den großen Themen. Sie war ein fantasievolles, zappeliges Kind. Die Eltern schickten sie auf Anraten von Gästen ins Kinderballett. Das tat Pina gut, und schon bald trat sie in Kinderstücken in Wuppertal auf. Wenn sie zum Unterricht fuhr, mit ihrem Rucksack in der Schwebebahn saß, konnte sie durch die Fenster in die Häuser schauen, in fremde Wohnzimmer, bekam flüchtige Eindrücke aus dem ganz privaten Alltag der anderen. Auch diesen Blick ins Private griff sie in ihren Stücken auf.

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Eine große Liebe. Die beiden leben und arbeiten zusammen. Er entwirft alle Bühnenbilder und Kostüme für ihre Stücke, kleidet die Tänzer ein, schafft eine unverwechselbare Atmosphäre für die Pina-Stücke. Doch das Paar hat nur wenig gemeinsame Zeit: Mit 36 Jahren stirbt Rolf an Krebs. ZWISCHEN NEUGIER UND ANGST Nach dem Studium tanzte Pina in New York an der Metropolitan Opera, unterrichtete bald selbst an der Folkwangschule. Der Wuppertaler Intendant Arno Wüstenhöfer will das „Wunderkind“ unbedingt als Choreografin an sein Theater holen, denn Pina hatte angefangen, erste Stücke selbst zu entwickeln. Wüstenhöfer ahnte, welche Kraft ihre Choreografien entfalten könnten, wenn man sie dazu bekäme, weiter daran zu arbeiten. Aber Pina hat


Pinas Ensemble im Stück Vollmond, 2007

Nelken, Stück für 21 Tänzer, uraufgeführt im Jahr 1982 – diese Aufnahme ist von 2010

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Mit 27 Jahren beim Training an der Essener Folkwangschule

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Pina Bausch während einer Probe des Wuppertaler Tanztheaters 1988 – mal ohne Zigarette

Pina tanzt ihr berühmtes Stück Café Müller, hier in Avignon 1995

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Pina, ein Film von Wim Wenders aus dem Jahr 2011. Wenders drehte mit dem Ensemble zum Teil mitten in Wuppertal, in Parks und auf Industriebrachen

Angst vor der Aufgabe und sagt ab. Erst als Wüstenhöfer nicht locker lässt, gibt sie nach: „Ich kann’s ja mal probieren.“ Da ahnte noch niemand, dass sie ihr Leben lang bleiben würde. Die Furcht vorm Scheitern verließ sie trotzdem nicht. „Vor jedem Stück wieder dieselbe Angst“, klagte sie. Jedes entwickelte sie auf eigene Art. Sie setzte sich mit ihren Tänzern zusammen, sie führten intensive Gespräche. Pina rauchte und fragte: „Wie hast du dich als Kind gefühlt, wenn …“ Oder: „Was kann man Gefährliches mit einem niedlichen Gegenstand machen?“ – „Wir erkunden etwas, lachen über uns selber, versetzen uns in die Gefühle anderer“, erklärte sie ihr Probenprinzip. Doch trotz ihres Mutes, assoziativ zu arbeiten, fürchtete sie, zu versagen. Mehrmals versuchte sie, Premieren zu ver schieben. Gelang das nicht, weigerte sie sich, dem Stück einen Namen zu geben – um dessen Unfertigkeit zu betonen.

Große Bühnen hätten sie gern engagiert, aber Pina wechselte nie. Wuppertal bot den Schutzraum, in dem sie so sein durfte, wie sie wollte, man sie walten ließ, wie sie es sich wünschte.

TE UNGEWOHNT VIEL GEFÜHL UND VIEL VERTRAUEN Die Angst vor den Reaktionen des Publikums war zudem nicht unbegründet. Auf die ersten Stücke reagierte es empört: Türenknallend verließen die Leute den Saal, schimpften, Pina soll sogar Drohanrufe bekommen haben. Das, was sie zeigte, kannte man in den 70er-Jahren so noch nicht. Tanzstücke waren meist klassische Ballette, die Tänzer trugen Tutus und eine unbewegte Miene. Bei Pina findet man keine Tutus – höchstens als Gag an einem männlichen Darsteller. Dafür gehörte das Alltägliche bei Pina auf die

Sie fragte die Tänzer:

"

Was

kann man Gefährliches mit einem

niedlichen Gegenstand machen?“

Bühne. „Mich interessiert nicht, wie sich Menschen bewegen, mich interessiert, was sie bewegt“, sagte sie einmal. Um das zu zeigen, setzte sie ungeniert Hilfsmittel ein: Manchmal ließ sie ihre Tänzer durch knöcheltiefes Wasser laufen. Oder sie sprangen gegen Wände, sangen oder lachten laut. „Ist das noch Tanz?“, fragten die Leute damals. Heute würde das jeder bejahen. Aber wohl nur, weil es Pina Bausch gab. Die Reaktionen des Publikums trafen Pina – sie wollte nie provozieren. „Es hat mich traurig gemacht“, sagte sie später, „aber nie verbittert.“ Vielleicht ahnte sie, dass die meisten überfordert waren, mit ihren eigenen verdrängten Gefühlen und Sehnsüchten konfrontiert zu werden. Darum war sie in Wuppertal gut aufgehoben: Das Ensemble stand hinter ihr.

Diesen geschützten Rahmen bot sie auch ihren Tänzern. Nur so konnten sie all das Private, Intime, ihre Verletzlichkeit hervorholen. „Es geht um Vertrauen“, sagte Pina einmal, „man muss sich jeden Blödsinn leisten dürfen. Und dafür muss man sich geliebt fühlen.“ Pina kritisierte ihr Ensemble nie. Und sie schenkte den Tänzern ein in der Branche ungekanntes Sicherheitsgefühl, indem sie teilweise jahrzehntelang mit ihnen arbeitete. Zu alt – das gab es für sie nicht. So konnten Stücke entstehen, die so echt waren, dass sich jeder Zuschauer darin wiederfinden konnte – ob in Indien oder in den USA. Anfang der 80er hatte sich ihre neue Sprache dann etabliert, und sie wurde mit Preisen überschüttet. Die Wuppertaler gaben Gastspiele in ausverkauften Häusern weltweit. Auf einer dieser Reisen lernte Pina ihren zweiten Mann kennen, den chilenischen Schriftsteller Ronald Kay, der zu ihr zieht. Als Pina 41 Jahre alt ist, bekommt das Paar einen Sohn. Sie nennen ihn Rolf Salomon, nach Pinas verstorbener Liebe. Pina arbeitet weiter, ihr Mann kümmert sich um das Kind. Kommt sie abends aus dem Theater, essen sie zusammen. Dann geht sie wieder an die Arbeit, sieht bis in die Nacht Notizen durch.

So sehr lebte sie für den Tanz, dass sie wohl nicht merkte oder merken wollte, dass sie schon länger krank war. Kurz nach ihrer letzten Premiere, im Juni 2009, erfährt sie, dass sie Lungenkrebs hat. Fünf Tage später stirbt sie. Sie geht so, wie sie gearbeitet hat: dezent, fast still. Doch ihr Weltruhm bleibt. Zu Recht, findet ihr alter Freund Wim Wenders: „Niemand konnte die Menschen so lesen wie Pina. Sie hatte einen einzigartigen Blick. Und mit ihren Stücken hat sie einen liebevoll an die Hand genommen und in die Lage versetzt, selbst auch anders zu gucken.“ ●

Mehr sehen? Der Bildband Pina Bausch backstage: Photographien (Nimbus, 39,80 Euro) zeigt die Anfänge von Pina Bauschs Arbeit in Wuppertal Mitte der 70er-Jahre

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Heute essen wir

DRAUSSEN Bei dem Wetter wollen wir raus – ein lauschiges Plätzchen, wo man seine Decke ausbreiten kann, findet sich immer. Und die passenden Rezepte fürs Picknick liefert uns die Wiener Köchin Julia Kutas

Zitronen-OrangenEisteesirup

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Rezepte

Caesar Salad mit Rosenkohl & Parmesantalern

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Gefüllte Feigen mit Karamellnüssen

FÜR DAS DRESSING: 2 El Dijonsenf ✻ 2 El frisch geriebener Parmesan ✻ 100 ml Olivenöl ✻ Saft von 1/2 Zitrone ✻ 1 El Weißweinessig ✻ Salz ✻ Pfeffer Ciabatta grob würfeln. Mit Olivenöl, Kräutern und Fleur de Sel auf einem Backblech im vorgeheizten Backofen bei 200 Grad 5–10 Minuten goldbraun rösten. Zur Seite stellen.

Zitronen-Orangen-Eisteesirup ZUTATEN FÜR CA. 300 ML SIRUP:

2 Biozitronen ✻ 3 Bioorangen ✻ 2 Handvoll Minze 200 g Gelierzucker ✻ 1/2 l Wasser ✻ 2 Tl Kardamom

Rosenkohl putzen und halbieren. Das Chiliöl in einer Pfanne erhitzen und den Rosenkohl darin scharf anbraten, bis er an einigen Stellen Farbe annimmt. Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Parmesan in ca. 2 x 2 cm großen Häufchen darauf verteilen, dabei genug Abstand lassen. Im vorgeheizten Ofen bei 200 Grad 5–10 Minuten backen, bis die Hügelchen zu Talern werden. Abkühlen lassen, wenn die Taler fest werden, und vom Backpapier ablösen.

Zitronen- und Orangenschalen abreiben, Früchte auspressen. Saft mit allen angegebenen Zutaten in einem Topf aufkochen und ca. 45 Minuten bedeckt köcheln lassen. Dann den Sirup je nach Belieben durch ein Küchentuch sieben oder ungefiltert heiß in aus gekochte Flaschen füllen.

Für das Dressing alle Zutaten mit dem Stabmixer cremig verrühren. Römersalat putzen, waschen, trocken schleudern und in Vierecke schneiden. In einer Schüssel mit dem Rosenkohl mischen und mit dem Dressing gut marinieren.

Für einen Eistee 2 El Sirup, 1 Zweig Minze und Eiswürfel in ein Glas füllen und mit ca. 150 ml gekühltem Schwarztee aufgießen.

Zum Transport Ciabatta, Parmesantaler und Salat getrennt einpacken. Vor dem Servieren Salat mit Würfeln und Talern toppen.

Tipp: Der Sirup kann auch mit Prosecco aufgespritzt oder als Kuchenglasur verwendet werden. Ich liebe auch GrünteeEistees; Rooibos- oder weißer Tee eignen sich ebenso gut.

Gefüllte Feigen mit Karamellnüssen ZUTATEN FÜR 4 PORTIONEN:

Caesar Salad mit Rosenkohl & Parmesantalern

1 Handvoll Walnüsse ✻ 100 g Puderzucker 2 El Butter (zimmerwarm) ✻ 50 ml Sahne (zimmerwarm) ✻ 4 Feigen ✻ 1 Prise Fleur de Sel 100 g Ziegenfrischkäse

ZUTATEN FÜR 4 PORTIONEN:

2 Scheiben Ciabatta ✻ einige Spritzer Olivenöl 1 El getrocknete Kräuter der Provence ✻ 2 El Fleur de Sel ✻ 200 g Rosenkohl ✻ 2 El Chiliöl ✻ 200 g frisch geriebener Parmesan ✻ 1 großer Römersalat

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Walnüsse im Ofen oder in einer Pfanne rösten. Puderzucker in einer Pfanne schmelzen lassen, dabei mit einem Kochlöffel ständig rühren. Immer wieder von der Flamme nehmen, wenn er zu schnell schmilzt. Wenn keine Klumpen mehr da sind, zu


Mini-Limettencheesecake

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Prosciutto-Tarte mit Zucchini & getrockneten Tomaten

Prosciutto-Tarte mit Zucchini & getrockneten Tomaten ZUTATEN FÜR 1 BLECH:

FÜR DEN MÜRBETEIG: 250 g Mehl ✻ 125 g Butter ✻ 1 Ei 125 ml eiskaltes Wasser ✻ 1 Prise Salz FÜR DEN BELAG: 1 Zucchini ✻ Olivenöl zum Anrösten 100 g Prosciutto ✻ 100 g getrocknete Tomaten in Öl 2 Eier ✻ 3 El Ricotta ✻ Rucola zum Garnieren

einem Schneebesen wechseln. Butter und Sahne hinzufügen und gut verrühren. Von der Flamme nehmen. Wenn der Karamell leicht abgekühlt ist, Salz hinzufügen und Walnüsse einrühren. Auf Backpapier auskühlen lassen. Am oberen Spitz der Feigen über Kreuz einschneiden. Mit Ziegenkäse füllen und jeweils 1 karamellisierte Walnuss aufl egen.

Mini-Limettencheesecake ZUTATEN FÜR 20 STÜCK:

500 g Frischkäse ✻ 70 g Zucker ✻ 200 ml Sahne 2 Eier ✻ 2 Tl Limettensaft ✻ 1 Packung VanillePuddingpulver ✻ 5 El Zitronen-Orangen-Sirup (Rezept siehe Seite 102) ✻ Minze zum Dekorieren Puderzucker zum Bestreuen Frischkäse, Zucker, Sahne, Eier, Limettensaft und VanillePuddingpulver gut miteinander verrühren und in kleine Papierbackförmchen in ein Muffi nblech füllen. Ca. 45 Minuten bei 170 Grad im vorgeheizten Ofen backen, bis ein Zahnstocher hineingepikst und wieder herausgezogen werden kann, ohne dass Kuchenreste daran haften. Kurz abkühlen lassen und mit dem Sirup bepinseln. Mit Minze dekorieren, mit Puderzucker bestreuen.

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Alle Teigzutaten schnell verkneten und dann den Teig 30 Minuten im Kühlschrank ruhen lassen. Teig ausrollen, auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech legen. Im Kühlschrank nochmals durchkühlen lassen (wenn das Blech zu groß ist, Teig auf dem Backpapier in den Kühlschrank legen). Zucchini in Scheiben schneiden und von beiden Seiten in einer Pfanne in etwas Olivenöl anrösten. Den Teig mit Zucchini, Prosciutto und getrockneten Tomaten belegen. Eier und Ricotta verrühren und mit einem Löffel darüber verteilen. Ca. 50 Minuten bei 200 Grad im vorgeheizten Ofen backen, mit Rucola garnieren. Schmeckt warm oder kalt. ●

LECKERES (NICHT NUR) TO GO Julia Kutas betreibt in Wien zwei Restaurants (hiddenkitchen.at), wo man auch gefüllte Picknickkörbe zum Mitnehmen erwerben kann. In ihrem Buch City Picknick (Brandstätter, 25 Euro) finden sich neben tollen Rezepten auch Ideen für ein Movie-Dinner mit Freunden oder ein Sonntagsfrühstück im Bett.

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Sojade - Bioprodukte bringen Farbe in Ihren kulinarischen Alltag

– Illustrat Mit Sojade entscheiden Sie sich nicht nur für sämtliche Vorteile, die Ihnen eine biologisch-pflanzliche Ernährung bietet, oder für herrlich-kreative Rezepte mit Soja, Reis und sogar Hanf – sondern auch für ein traditionsbewusstes Familienunternehmen, das seit vielen Jahren mit verlässlichen Biobauern zusammenarbeitet, damit bei Ihnen einfach nur das Beste auf den Tisch kommt: Natürliches Essen, das immer genauso gut schmeckt, wie es aussieht.

Im Biofachhandel und in Reformhäusern erhältlich.

PFLANZLICHE REZEPTE www.sojadebio.de

VOLLER KREATIVITÄT


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Inspiration

Wohnen und arbeiten

AUF DEM WASSER Die Designerin Roos Brancovich lebt auf einem 100 Jahre alten Amsterdamer Hausboot â&#x20AC;&#x201C; mit ihrer Familie und einer Tonne Indigo. Mit der bearbeitet sie antike Stoffe und ist immer wieder fasziniert, wie unterschiedlich die Farbe ausfallen kann

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Mein Fass mit 60 Litern Indigofarbe steht in “ der Schlafkajüte. Ich mag den Geruch der Farbe“ 4

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Das Kartoffelschiff „Catootje“ hat ein respektables Alter: Mit 101 Jahren ist es als Frachtschiff längst in Rente, bietet nun jedoch Roos Brancovich (37), ihrem Mann Leo (42), Tochter Charlie (4) und Sohn Saul (2) ein Dach über dem Kopf. „Mein Fass mit Indigofarbe steht in der Schlafkajüte“, erzählt Roos. „Das Indigo, das ich benutze, ist nicht irgendeine Farbe. Es ist wichtig, sie richtig zu behandeln. Wenn es ihr gut geht, schwimmt eine Blume darauf, ein Kreis aus dunkelblauem Schaum. Das Indigo muss jeden Tag umgerührt werden, seine Temperatur sollte so konstant wie möglich sein. Darum steht das Fass im Schlafzimmer. Wo jetzt unser Bett ist, war früher der Motor. Am Anfang roch man noch das Öl, aber jetzt hängt immer ein Hauch von Indigo in der Luft. Ich mag das, und dennoch hoffe ich, irgendwann ein eigenes Atelier zu haben. Meine Manufaktur heißt ,Toile de Chine‘, nach dem indigoblauen Stoff, aus dem man bereits im alten China Arbeitskleidung machte. Die Franzosen brachten ihn im 17. Jahrhundert nach Europa und verwendeten ihn zum selben Zweck, weil er robust war und nicht schnell schmutzig wurde. Später stellten sie den Stoff in Nîmes selbst her. Daraus entstand der Name Denim: von ,de Nîmes‘.“ SAMMELWUT „Ich bin ausgebildete Modedesignerin. Meine Faszination für Denim entstand, als ich für Marly Nijssen arbeitete. Sie hat lange Kollektionen für Diesel und andere Marken entworfen und ist mein Denimguru. Inspiriert von Marly, habe ich während meiner Dienstreisen immer nach besonderer Kleidung von früher Ausschau gehalten, insbesondere aus der Zeit von 1900 bis 1950. Das artete schließlich in eine Sammelwut aus. Ich interessierte mich mehr und mehr für Dinge, die Menschen selbst hergestellt hatten, wie Quilts oder Kissen, und

beschäftigte mich mit alten Techniken, etwa der japanischen Shashiko-Stickerei. Sie wurde verwendet, um alte Kleidung auszubessern und gleichzeitig zu verzieren, da man mit dickem weißem Garn verschiedene Muster stickte. Ich interessiere mich auch für gestickte Symbole: ,Semamori‘, Amu7 lette, die auf die Rückseite von Kinderkimonos gestickt wurden, um die Kinder gegen das Böse zu beschützen. Und ich färbe eigene Muster und Motive in alte Stoffe. Am liebsten jedoch tauche ich schöne alte Kleidungsstücke in das Indigofass. Je tiefer man sie eintaucht, desto intensiver wird die Farbe. Häufig verwende ich auch die Itajime-Shibori-Technik: Man nimmt ein Stück Stoff und klemmt es zwischen zwei Formen, sodass an bestimmte Stellen keine Farbe gelangt. Dadurch entstehen beim Färben wunderschöne Muster.“

1. Den Holzofen gab es schon auf dem Boot 2. „Einige meiner alten Scheren. Ich habe sie schleifen lassen und benutze sie wieder“ 3. Akzente gegen das Blau setzt Roos mit Hinguckern: zum Beispiel dem Babyfoto ihrer Tochter Charlie … 4. … oder mit einem Paar knalliger Schuhe 5. „Ob es dem Indigo gut geht, erkennt man an der Schaumblume, die darauf schwimmt“ 6. Die Farbe muss jeden Tag umgerührt werden

LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK „Leo wollte gern auf einem alten Kahn wohnen. Als wir ,Catootje‘ sahen, haben wir uns sofort in sie verliebt. Leben auf dem Wasser ist etwas Besonderes. Wir sind mitten in der Stadt, aber auch mitten in der Natur. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann mal wieder auf dem Land zu wohnen. Schon allein das leichte Wiegen des Bootes würde ich sehr vermissen.

7. Roos’ Tassensammlung: Reisemitbringsel und Familienstücke. Natürlich fast alle in Blau

In meinem idealen Zuhause sollte es viel Vintageleinenwäsche, französische Arbeitskleidung und antike Spitze geben. Und seidene Unterwäsche und Nachthemden mit gestickten Initialen; dazwischen

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Ich liebe alles, was schon ein “ Leben hinter sich hat“

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hübsche, abgenutzte Denimstoffe. Ich selbst mag abgetragene Jeans; darüber ein schönes Hemd mit farbigem Akzent, schon wirkt es weiblicher. Dieser Stil findet sich auch auf unserem Boot. Von außen ist es dunkelblau, aber drinnen leuchtet es in knalligem Rosa und Orange; Farben, die auch in meiner Kleidung vorkommen. Für mich müssen die Dinge ein gewisses Extra haben. Es darf gern alles etwas durcheinander wirken. Wir mögen Krimskrams, Bildersammlungen an den Wänden, alte Lampen, verwitterte Kisten. Alles, was ein Leben hatte, bevor es zu uns kam. Mit Kleidung geht es mir genauso. Einen alten Kimono, der aufgearbeitet wurde, finde ich interessanter als einen neuen.

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1. „Es ist immer wieder spannend, zu sehen, ob ich den Stoff häufi g und tief genug in das Indigo getaucht habe. Wenn nicht, wird die Farbe nach dem Trocknen zu hell“ 2. Auch die Etiketten stickt Roos von Hand 3. „Einige der Stoffe kommen aus Japan und sind schon 100 Jahre alt. Manchmal benutze ich sie für Ausbesserungen, aber am liebsten mache ich gar nichts damit und schaue sie mir nur an“

MYSTERIÖSE SYMBOLE 80 Jahre alte Stoffe aus Leinen sind meist immer noch sehr schön. Es ist schwer, sie zu finden, aber wenn ich welche entdecke, macht mich das glücklich. Genau wie aufgearbeitete Kleidungsstücke: All die kleinen Ausbesserungen – eine schöner als die andere. Und wenn man sich erst die japanischen Stickereien ansieht, mit all den mysteriösen Symbolen! Es scheint, als sei dort jeder ein Perfektionist. Ich glaube, auch bei uns gab es früher viele schöne Dinge, denen man die Fachkenntnis und Konzentration ansah, mit denen sie hergestellt wurden. Denn selbst wenn so ein Objekt abgenutzt ist – die Qualität ist

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noch erkennbar. Ich versuche, das Gefühl für diese Art der Qualität wiederzubeleben, auf meinem Boot und in meiner Arbeit. Ich möchte handgemachte Produkte verkaufen, die nicht aus grauer Vorzeit stammen, aber trotzdem mit alten Techniken hergestellt wurden – jedes für sich ein Unikat. Außerdem versuche ich, alter Arbeitskleidung neues Leben einzuhauchen. Diese Arbeit verschafft mir während des gesamten Prozesses große Befriedigung, gerade weil sie so intensiv und zeitaufwendig ist. Wie die Quilts, die ich seit einiger Zeit herstelle, inspiriert von dem Buch The Quilts of Gee’s Bend. Gee’s Bend ist ein isoliertes afroamerikanisches Dorf in Alabama. Die Frauen dort stellen schon seit dem 19. Jahrhundert Quilts in einem sehr eigenen Stil her, mit groben abstrakten Formen und fantastischen Farben. Meinen Quilts gebe ich einen Dreh, indem ich alte Denimstoffe für sie benutze. Manchmal bin ich wochenlang mit einem Quilt beschäftigt. Erst schneide ich Stoffstreifen zu, die ich lose auf dem Boden anordne – wie ein Puzzle. Hat jedes Stück Stoff seinen Platz gefunden, fotografiere ich das Bild und nähe alles zusammen. Anschließend besticke ich den Quilt. Das erfordert viel Aufmerksamkeit; oft geht es um Details. Es hat etwas Therapeutisches, so konzentriert an etwas zu arbeiten.“ ● ✻ toiledechine.com

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MAKE IT SIMPLE


Ein Tierpfleger im Amsterdamer Artis 1951, Zeitung lesend neben dem Gehege seines SchĂźtzlings. In der Gegenwart wird auf deutlich mehr Abstand geachtet, die Tiere sollen so naturnah leben, wie in einem Tierpark mĂśglich. Der Kontakt mit Menschen bleibt deshalb bewusst sehr begrenzt.

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Je länger man lebt, desto deutlicher sieht man, dass die einfachen Dinge die wahrhaft größten sind. Romano Guardini, Theologe (1885–1968)

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MAKE IT SIMPLE Es muss gar nicht so kompliziert sein

Wenn ein “ Problem gelöst werden kann, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Wenn nicht, sind Sorgen si n n los.“ Dalai Lama

Zackig ausgebügelt Ärgere dich nicht länger über den Fleck, der sich so hartnäckig an dein Lieblingsshirt klammert. Gib ihm lieber eins drüber – ein Quadrat, ein Parallelogramm, ein Dreieck oder was sich noch so unter den mehr als 100 grafischen Stickern in der Bastelbox „Create me“ findet. Mit den schwarzen, goldenen und silberfarbenen Textilbügelbildern bezwingst du aber nicht nur Soßenspritzer und kleine Löcher. Du kannst mit ihnen auch richtig kreativ werden und schlichte Hemden, Hosen oder Handtaschen zu kantigen Unikaten „umbügeln“. Wenn das nicht spitze ist … Über humade.nl, 21 Euro

Herei n, bete! Die „kleinste Form eines spirituellen Raumes“ hat der Künstler Oliver Sturm erfunden: den Gebetomaten. In ihm kann man wie fürs Passfoto Platz nehmen und sich eines von 300 Gebeten in 65 Sprachen anhören. Gesprochen von Anhängern der fünf Weltreligionen wie auch kleinerer Glaubensrichtungen, etwa der Sikhs. In Berlin, Frankfurt und an weiteren Orten. gebetomat.de

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Spülgefühl Entspannen? Geht in einem Abwasch. Und das ist wörtlich gemeint: Geschirr per Hand zu spülen ist laut Psychologen der Florida State University gut gegen Stress. Für eine Studie baten sie Studenten, in der Küche klar Schiff zu machen. Diejenigen, die dabei achtsam dem Geruch des Spülmittels oder der Wärme des Wassers hinterherspürten, fühlten sich danach um 27 Prozent weniger nervös und um ein Viertel inspirierter. Sauber!


Am Wasser gebaut Die Füße vom Steg baumeln und den Blick über den See schweifen lassen reicht dir nicht? Unsere Kollegen von Walden verraten in ihrer neuen Ausgabe, wie man ein Paddel schnitzt, eine Angel baut und welche Abenteuer am Wasser auf dich warten. waldenmagazin.de, 7,50 Euro.

Alles ist erleuchtet Bloß nichts wegwerfen: Das Sammelsurium im Küchenschrank eignet sich für originelle DIY-Ideen. So werden alte Teekannen kurzerhand zur Vase, bunte Teller zur Etagere (Bausatz über koalaplan.com) – und aus Omas blumigem Untertässchen lässt sich dank der „Holden Isolde“ leicht ein Kerzenleuchter zaubern. Der schlichte Halter glänzt in acht Farben, 12,90 Euro, dekoop.de

Wie gemalt! Kein Schnappschuss der Skyline, kein Selfie am Strand. Die New Yorkerin Lauren Hom reist gerade ein Jahr lang durch Südamerika, Europa und Asien – mit dem festen Vorsatz, kein einziges Foto zu machen. „Statt die Welt durch eine Kameralinse zu erleben, will ich meine Erlebnisse altmodisch festhalten, mit Skizzen und Schriftzügen“, sagt die Illustratorin. Auf ihrem Blog nophotosplz.com doku mentiert sie, wie das aussieht: Dinge, die sie auf dem Markt von Montevideo entdeckt, Klamotten, die im Koffer stecken, Gefühle, die sie fern der Heimat übermannen, all das gibt es von ihr – hübsch gescribbelt und ohne Filter.

TEX Che bello!

Wer bei „bello“ zuerst an einen kläffenden Hund denkt, ist womöglich reif für Babbel: Die App hat Kurse in 14 verschiedenen Sprachen in petto, für Anfänger wie Fortgeschrittene und in kleinen, spielerischen Lektionen. Die sind ideal, um sich zwischendurch die Zeit zu vertreiben. Und korrigieren sogar die Aussprache. Wau, äh, wow!

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BLUMEN MAL ANDERS

Wir umgeben uns gern mit Blumen, immer wieder zaubern sie uns ein Lächeln aufs Gesicht. Und es gibt so viele MÜglichkeiten, sie zu arrangieren: in Schalen, mit Masking-Tape an der Fensterscheibe oder in Form von Gesichtern. Inspiration haben wir bei Bloggern und auf Instagram gefunden

Eine Blumendeko aus dem Buch Wohnen mit Blumen, das Holly Becker gemeinsam mit der Stylistin Leslie Shewring gemacht hat

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Inspiration

1. Nimm ihn auseinander „Was ich mache, wenn Gäste kommen: Blumenstiele kurz schneiden und mit Masking-Tape ans Fenster kleben“ Manchmal muss man die ausgetretenen Pfade verlassen, um etwas Schönes zu schaffen, meint die Autorin, Stylistin und Bloggerin Holly Becker. „Ich nehme gebundene Sträuße einfach aus einander und arrangiere die Blumen beispielsweise nach Arten. Das Bindegrün werfe ich weg. Das, was in Sträußen so oft verwendet wird, mag ich nicht, weil es meist etwas künstlich aussieht. Stattdessen verwende ich frische Minze oder Blätter, die ich im Wald gefunden habe. Ich sortiere das gesamte Material, breite es vor mir aus und überlege mir interessante neue Kom binationen.“ Die Amerikanerin Holly, die inzwischen mit Mann und Baby in Hannover wohnt, hat sich als Einrichtungsberaterin und mit ihrem Designblog decor8 einen Namen gemacht. Schon als Kind hat sie ihrer Mutter, einer Floristin, gern im Garten geholfen. Holly hat mehrere Bücher über Wohnen geschrieben, darunter auch Wohnen mit Blumen (Callwey). Aber zurück zu den Blumensträußen, die sie neu sortiert: „Es macht sich gut, wenn du die Blumen einzeln oder in kleinen Sträußchen in schönen Vasen, Töpfen oder Bechern in der ganzen Wohnung verteilst. So hast du in jedem Zimmer Freude an ihnen.“ Pfi ngstrosen, Clematis, blühender Kirschbaum – Holly arbeitet mit allem, was zur Verfügung steht. Die einzigen Pfl anzen, die sie nicht so gern mag, sind Orchideen im Topf („In jedem Haus in Deutschland steht so ein Topf im Fenster“) und die klassische rote Rose („klischeehaft und einfallslos“). Noch ein weiterer Tipp von Holly: „Was ich häufi g mache, wenn Gäste kommen, zum Beispiel zum Brunch: Ich schneide Blumenstiele ziemlich kurz und klebe die Blüten mit Masking-Tape im Esszimmer an das große Fenster. Die Blumen bleiben ungefähr vier Stunden schön aufrecht. Danach schneide ich die Blütenköpfe ab und lege sie in eine mit Wasser gefüllte Schale, die ich auf den Tisch stelle.“ Holly Becker schreibt nicht nur auf ihrer eigenen Website decor8blog.com. Du findest ihre Beiträge auch in verschiedenen anderen Blogs und amerikanischen Magazinen wie Good Housekeeping und Sweet Paul oder dem britischen Mollie Makes. Daneben veranstaltet sie auch Workshops.

2. Entscheide dich für eine Farbe „Ich liebe alle Blumen, aber am liebsten arbeite ich mit Blumen aus meinem eigenen Garten“ Stylistin und Bloggerin Stéphanie Lhérété bezeichnet sich selbst nicht als Expertin oder Floristin. „Ich spiele einfach mit Blumen.

Wichtig ist es für mich, Wildblumen oder Saisonblumen zu verwenden. Sie vermitteln mir ein Gefühl von Freiheit. Ich entscheide mich immer für eine Grundfarbe, denn ich fi nde es nicht gut, wenn mehrere kräftige Farben nebeneinanderstehen. Außerdem liebe ich Zusammenstellungen, die ein bisschen ungewöhnlich sind. Ich kombiniere dann zum Beispiel große Blumen wie etwa eine Pfi ngstrose mit Eukalyptus.“ Die Französin wohnt mit ihrer Familie im Südwesten Frankreichs, in einem kleinen Ort am Meer in der Nähe von Biarritz. Da überrascht es auch nicht, dass sie die etwas wildere Flora aus ihrer direkten Umgebung so sehr liebt. Stéphanie hat Kunst und Bildhauerei studiert und in einem Antiquitätenladen gear beitet, wo sie sich auf Restaurierung spezialisiert hat. Ihr Blog Minimom sprüht nur so vor Inspiration: leckere Rezepte (zum Beispiel für Haselnuss-Schoko-Creme), Reisefotos, die Fernweh wecken, und natürlich: ihre Blumenarrangements. Damit hat sie vor zwei Jahren begonnen, als sie in ein Haus mit einem großen verwilderten Garten zog. „Da blühten die schönsten Blumen. Alles war schon da, ich musste einfach nur etwas damit machen. Die Natur inspiriert mich sehr, weil sie lebt und eine bestimmte Feinheit und Poesie in sich birgt. Eigentlich liebe ich alle Blumen, aber ich arbeite am liebsten mit denen aus meinem eigenen Garten: Ranunkeln, Anemonen, Kamille … Die Möglichkeiten sind unendlich, und die Freude, die du mit Blumen erleben kannst, ist grenzenlos.“ Mehr über Stéphanie Lhérété und ihre DIY-Ideen gibt es auf Facebook (Pomverte x minimöm), Instagram (@pomverte), Pinterest (pomverte) oder ihrem eigenen Blog (minimomblog.wordpress.com). In Stéphanies Onlineshop (minimom.fr) findest du schöne Sachen für die Wohnung.

3. Schau genau hin „In der Natur neigen sich Pflanzen und Blumen in alle Richtungen. Warum nicht auch in der Vase?“ Philippa Stanton ist in der Kunstszene vor allem für ihre Blumenbilder – abstrakte Ölgemälde – bekannt. Mindestens so populär wie die Malerin ist allerdings ihr Alter Ego 5ftinf, unter dem sie auf Instagram täglich ein Foto ihres Tisches postet. Immer dabei: eine Tasse mit englischem Tee, alltägliche Utensilien, etwa Büroklammern oder Buntstifte, sowie frische Blumen. Philippa rät: „Schau dir Blumen, Pfl anzen und Blätter genau an. Folge ihren natür lichen Linien und Formen. Lass dich auf sie ein, anstatt ihnen deinen Willen aufzuzwingen. Ihre Schönheit verrät dir, was du mit ihnen tun kannst. Es darf auch wild sein – in der Natur neigen sich Pfl anzen und Blumen ja auch in alle Richtungen, warum

Etwas andere Dekoideen mit Schnittblumen hat auch Franziska von Hardenberg, Gründerin des Blumenversands bloomydays.com, in ihrem Buch versammelt (GU, 14,99 Euro)

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sollte das dann in einer Vase nicht erlaubt sein?“ Ihre Tischarrangements und anderen Blumen kreationen sind ein riesiger Erfolg, inzwischen folgen Philippa mehr als 450 000 Leute. Dabei begann alles als Scherz. „Ich habe mit der App einfach ein bisschen rumgespielt“, sagt die Künstlerin. Dass die Fotos so beliebt sind, kann sie aber gut verstehen: „Ich vermute, dass die Wiederholung einer Idee mit der kons tanten Veränderung in jedem Bild die Faszi nation ausmacht. Ich denke mir nie etwas im Voraus aus. Es spricht die Leute einfach an, dass ich nur an meinem Tisch sitze und Gegenstände hin und her schiebe, während ich eine Tasse Tee trinke, und zwar genau in dem Moment, in dem diese Leute ebenfalls ihren Tee trinken.“

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Blumen und Zweige für ihre Arrangements pfl ückt sie meist in ihrem eigenen Garten, im Winter kauft sie sie aber auch mal im Laden. Und Philippa will noch lange so weitermachen. „Ich liebe es, einfach nur zu beobachten, ohne an etwas Besonderes zu denken, etwa den Abwasch oder die Bügelwäsche. Und ich genieße es sehr, mit etwas zu arbeiten, das unter freiem Himmel wächst. Das gibt mir ein bisschen ein Gefühl von Demut.“ Philippa Stanton wohnt im englischen Brighton. Sie liebt es, Listen zu machen und mit Soundtrack-Musik von schlechten Western im Ohr zu joggen. Mehr von ihrer Arbeit findest du unter 5ftinf.blogspot.co.uk oder unter @5ftinf auf Instagram.

4. Trau dich, etwas auszuprobieren „Eine Blume ist einfach zum Genießen da“ Alles ist möglich, so könnte das Motto von Designerin Justina Blakeney lauten. Sie geht beim Arrangieren von Blumen und Pfl anzen immer wieder neue Wege: „Die Grenzen haben wir selbst gezogen. Aber warum eigentlich? Mein Tipp: Schau mal über den Tellerrand. Viele Leute sehen eine Blume und denken: Die sieht schön aus in der Vase. Aber du kannst mit ihr viel mehr machen. Ich ziehe Blumen auseinander, zerreiße die Blätter, schneide sie in Stücke. Trau dich einfach, etwas auszuprobieren.“ Justina stylt, entwirft, erfi ndet und macht so gut wie alles auf dem Gebiet Wohnen und Lifestyle. TV-Produzenten klopfen bei ihr an, wenn sie für eine Show eine besondere Ausstattung wünschen. Internationale Magazine beauftragen sie mit Stylings, und Firmen wie Microsoft oder eBay schätzen ihre Arbeit, weil ihr Ansatz immer frisch und kreativ ist. Ihr Stil gilt als originell, eklektisch und persönlich. Für ihre Stylingjobs verwendet Justina natürlich häufi g Blumen, und nach dem Fotoshooting sind die schönen Blumen dann immer übrig. Irgendwann fragte sie sich: Was könnte man eigentlich noch mit ihnen anfangen? „Ich saß in meinem Garten und spielte mit

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1. Ein Tischarrangement von Philippa Stanton 2. Stéphanie Lhérété verziert Zitate mit Blumen 3. Tipp von Holly Becker: Schneide Blumen recht kurz ab und kleb sie mit Masking-Tape an die Wand oder ans Fenster 4. Justina Blakeney macht Gesichter aus Blumen. Ihr Projekt Face the Foliage inspiriert Menschen auf der ganzen Welt 5. Sabine Sansey beschreibt mit zarten Blümchen die Schönheit des Alltäglichen

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Blättern, Stielen und zarten Zweigen. Da kam ich auf die Idee, Gesichter daraus zu machen. Ein neues Projekt war geboren: Face the Foliage. Das Besondere ist, dass jedes Gesicht eine ganz eigene Persönlichkeit besitzt.“ Justina freut sich darüber, dass inzwischen auf der ganzen Welt Blumengesichter gemacht werden. Sie bekommt von überallher Mails von Leuten, die sie inspiriert hat. Mittlerweile werden die bunten Gesichter in Sommercamps, Schulen und auch in Behinderteneinrichtungen gebastelt. Der Schneeballeffekt überrascht Justina nicht: „Die Arbeit mit Blumen und Pfl anzen hat eine therapeutische Wirkung. Ich beginne jeden Tag damit – es ist für mich wie Medi tation. Blumen regen alle unsere Sinne an: Sie duften angenehm, sehen schön aus, und manche schmecken


schätze aber auch die Schönheit von Allerweltsblumen. Ich rate jedem dazu, sie selbst zu pfl ücken. Man bekommt dabei ein Gefühl für die Blumen und für das, was man alles mit ihnen tun kann“, sagt die Stylistin und Bloggerin.

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Nach ihrem Studium an der Kunstakademie hat Sabine 15 Jahre lang als Dozentin für grafi sche Gestaltung gearbeitet. Vor einem Jahr wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und kann sich nun mehr auf ihre persönlichen Designprojekte konzentrieren. Irgendwann hat Sabine aus einer Laune heraus ein Wort aus Blumen gestaltet. Dafür erhielt sie auf ihrem Instagram-Account so viele Likes, dass sie fortan noch viel mehr mit Blumen gestaltete. Inzwischen hatte sie Aufträge für Flow, die chinesische Elle und andere Magazine und arbeitet an einem Buch. Sie ist auch als Fotografi n gefragt. Auf ihrem Blog fi nden sich unter anderem inspirierende DIY-Ideen und Fotos von ihrem Atelier und ihrer Arbeit. Aber die Liebe zu Blumen bleibt. „Ich liebe ihren Duft so sehr, weil er immer Erinnerungen in mir weckt. Und ich genieße es, mit den Formen und Farben zu spielen. Am liebsten mag ich Pfi ngstrosen, auch wenn ich sie nicht für meine Blumenworte verwende; die Blüten sind dafür leider zu voluminös. Die Blumen und Sträucher, die ich verarbeite, ziehe ich am liebsten selbst, in meinem eigenen Garten. Auch aus dem Garten meiner Eltern nehme ich mir immer mal etwas mit.“ ● Sabine Sansey ist in Bordeaux geboren und wohnt dort heute noch. Auf Instagram findest du sie unter @miss_etc und auf ihrem Blog miss-etc.com gibt sie nicht nur zahlreiche Tipps, sondern führt auch einen Webshop. Pardon! Eine Boutique.

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sogar gut. Sie gehören zu den wenigen Dingen, die ausschließlich zum Genießen da sind.“ Mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter wohnt Justina Blakeney in den Hügeln oberhalb von Los Angeles. Schon ihr Haus („The Jungalow“) ist eine starke Inspirationsquelle, wie man auf ihrer Website justinablakeney.com erkennen kann. Du findest Justina auch auf Instagram unter @justinablakeney und auf pinterest.com/justinablakeney.

✻ Blumen selbst pflücken? Überall im Land gibt es Felder, auf denen du das nach Herzenslust tun kannst. Google “ Blumen selbst pflücken“ und deine Gegend, und du erhältst überraschend viele Treffer ✻ Alles, was du für einen schönen Garten brauchst, findest du hier: shopgartenzauber.com ✻ Es lohnt sich, diesen Leuten auf Instagram zu folgen: @amy_merrick (Amy kommt aus New York und fotografiert Blumen auf der ganzen Welt); @ruby_marylennox (Ruby ist eine tolle Floristin mit einem Laden in Berlin); @putnamflowers (die Blumenarrangements von Darroch und Michael, ebenfalls aus New York, sehen aus wie gemalt)

TEXT ANNE BR 5. Pflücke selbst

„Der Duft von Blumen weckt immer Erinnerungen in mir“ Die Blumen, mit denen Sabine Sansey arbeitet, pflückt sie grundsätzlich selbst. „Ich genieße es, schöne, besondere Exemplare zu suchen. Blumen, die man im Alltag nicht so häufi g sieht. Ich

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DREI GESCHENKTÜTEN mit schönen Mustern Sie erinnern uns ein wenig an früher, diese hübsch bedruckten, knisternden Tütchen aus Packpapier. Und sie sind perfekt für kleine Geschenke: Einfach auffalten, Geschenk reinstecken, ein Kärtchen dranheften und fertig

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HELFEN FÜRS HERZ Ehrenamtliche soziale Arbeit gibt uns ein gutes Gefühl, das haben wir schon gewusst. Aber sie ist außerdem noch gesund. Diese überraschende Entdeckung machte die Psychologin Hannah Schreier in einer Studie der Universität von British Columbia

WIE KAMEN SIE AUF DIE IDEE, DASS EHRENAMTLICHE ARBEIT SICH POSITIV AUF DIE GESUNDHEIT AUSWIRKEN KÖNNTE? Nun, bisherige Forschungen zeigten bereits, dass ehrenamtlich tätige Menschen oft das Gefühl haben, ihr Leben hätte einen Sinn, und selten unter Depressionen leiden. Helfen stabilisiert also die Psyche. Und die wiederum hat einen Einfluss auf die körperliche Gesundheit. Das führte mich zu der Frage, ob ehrenamtliche Arbeit möglicherweise auch direkt förderlich für die Gesundheit sein könnte. Und noch eine Sache wollte ich herausfinden: Bisher hatten Forscher beim Thema Ehrenamt hauptsächlich Personen über 60 Jahren untersucht. Ich wollte gucken, wie sich Helfen auf junge Menschen auswirkt. WIESO HABEN SICH DIE FORSCHER DENN BISHER NUR FÜR ALTE MENSCHEN INTERESSIERT? Vor allem aus pragmatischen Gründen: Es sind oft eher ältere Leute, die sich engagieren. 20-, 30- und auch noch 40-Jährige sind meist zu sehr in Beruf und Familie eingespannt. Aber gerade weil bisher so wenige Studien auf diesem Gebiet existierten, fanden wir es interessant, junge Leute zu untersuchen. Wir stellten eine Gruppe von 106 Highschool-Schülern zusammen. Die eine Hälfte der Gruppe brauchte nichts zu tun. Die andere Hälfte arbeitete zehn Wochen lang ehrenamtlich. WAS WAR DAS FÜR EINE ARBEIT? Die jungen Erwachsenen betreuten an einem Nachmittag pro Woche Grundschüler aus ihrer Nachbarschaft bei deren außerschulischen Aktivitäten. Sie spielten mit den Kindern Fußball, machten anderen Sport oder halfen ihnen bei den Hausaufgaben.

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WIE KONNTEN SIE MESSEN, WELCHE AUSWIRKUNGEN DAS AUF DIE GESUNDHEIT HATTE? Wir haben zunächst alle Versuchsteilnehmer gemessen und gewogen, sodass wir jeweils ihren Body-Mass-Index berechnen konnten. Außerdem wurden Blutwerte erhoben und auf Risikofaktoren für Herz- und Gefäßkrankheiten untersucht – etwa anhand des Cholesterinspiegels. Das Ergebnis war eindeutig: Vor Beginn der ehrenamtlichen Tätigkeit gab es medizinisch keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Doch als wir sie zehn Wochen später untersuchten, waren die Werte der Jugendlichen, die den Kindern geholfen hatten, wesentlich besser. Sie hatten einen niedrigeren Body-Mass-Index, weniger Cholesterin und Entzündungsmarker im Blut. Ihre Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren deutlich reduziert. DAS IST EIN UNGLAUBLICHES ERGEBNIS. WAREN SIE ÜBERRASCHT? Ja und nein. Wenn wir geglaubt hätten, dass die Untersuchung nichts bringen würde, hätten wir sie nicht durchgeführt. Wir wussten allerdings nicht, ob zehn Wochen Ehrenamt ausreichen würden, um messbare Ergebnisse zu erzielen. Außerdem ist ein Einsatz pro Woche auch nicht gerade viel. Vor und nach der Studie ließen wir die Jugendlichen zudem Fragebögen ausfüllen, in denen wir uns nach ihrer Stimmung erkundigten, und erhoben, wie oft sie nun auch sonst Mitgefühl zeigten und anderen halfen. Die Freiwilligen hatten das in den zehn Wochen ihrer Tätigkeit häufiger getan, die anderen Jugendlichen nicht. Und je mehr die Freiwilligen für andere getan hatten und je besser sie sich in sie hineinversetzen konnten, desto deutlicher hatte sich das Risiko für Herzkrankheiten verringert.


Forschung

HABEN SIE EINE ERKLÄRUNG FÜR DIESEN EFFEKT? Allerdings. Aus früheren Untersuchungen wissen wir, dass eine negative Lebenseinstellung und ein Mangel an Empathie eine Rolle bei der Entstehung von Herzkrankheiten spielen. Durch die ehrenamtliche Tätigkeit hat sich beides bei den Jugendlichen zum Positiven verändert – mit den entsprechenden günstigen Auswirkungen auf ihre Gesundheit. WELCHE REAKTIONEN BEKAMEN SIE AUF IHRE ERGEBNISSE? Viele Leute fanden unsere Studie interessant, doch es stellte sich auch heraus, dass sie zugleich viele Fragen aufwarf. Die Leute waren gespannt, wie es weitergehen würde. Die Schlüsselfrage ist ja tatsächlich, wie lange der positive Effekt auf die Gesundheit anhält. Und was passiert, wenn man das Ehrenamt wieder aufgibt. In unserer Studie war es uns nicht möglich, die Versuchspersonen später noch einmal zu testen, aber das wäre natürlich bedeutsam. Auch eine Untersuchung mit älteren Menschen wäre nun interessant, da diese ja ohnehin ein erhöhtes Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten aufweisen. Außerdem würde ich gern wissen, ob andere Formen ehrenamtlicher Tätigkeit ebenso große Auswirkungen haben wie die in unserer Studie. Unsere Versuchsteilnehmer betreuten ja Kinder, hatten also viel menschlichen Kontakt. Es bleibt völlig offen, ob auch ehrenamtliche Hilfe, die nicht unmittelbar mit Menschen zu tun hat, positiven Einfl uss auf die Gesundheit hat. Ich würde gern eine Studie mit Jugendlichen durchführen, in der ein Teil der Gruppe freiwillig etwas mit Kindern macht und die anderen zum Beispiel in einer Bibliothek aushelfen.

Allerdings hoffe ich, dass die Leute nun nicht nur damit anfangen, weil es gut für die Gesundheit ist, sondern weil es ihnen Spaß macht, Menschen zu helfen. WIE HABEN DIE JUGENDLICHEN VERSUCHSTEILNEHMER DENN DIE EHRENAMTLICHE ARBEIT ERLEBT? Am Ende gab es ein kleines Abschlussgespräch. Dort erzählten mir viele, wie froh sie darüber gewesen seien, dass sie diese Erfahrung gemacht haben. Einige von ihnen haben ihr Ehrenamt weitergeführt, nachdem das Projekt beendet war. Darunter waren sogar Jugendliche, die von der Teilnahme an unserer Studie anfangs nicht unbedingt begeistert waren. WELCHES FAZIT ZIEHEN SIE AUS DER UNTERSUCHUNG? Anderen zu helfen ist buchstäblich gut fürs Herz. Natürlich schützt es nicht vor sämtlichen Krankheiten, aber es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

TEX HABEN SIE SELBST INZWISCHEN AUCH EIN EHRENAMT ÜBERNOMMEN? Ich habe mich schon ehrenamtlich betätigt, bevor ich mit dieser Studie anfi ng. Eine Zeit lang habe ich Migrantinnen Englischunterricht gegeben und lange für ein Kino gearbeitet, das nur von Ehrenamtlichen betrieben wird. Ich fi nde es schön, zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zu wechseln. Ich hoffe, dass meine Untersuchung auch andere dazu anregt. Natürlich ist es schwierig, sich neben dem hektischen Alltag noch freiwillig zu engagieren. Aber wenn man es will, dann gelingt es auch.

Ein amerikanischer Forscher beschrieb das Gefühl, das man empfindet, wenn man anderen freiwillig Gutes tut, als helper’s high“. Es entsteht durch das Hormon Dopamin, das auch bei gutem Essen oder Sex ausgeschüttet wird "

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MEIN HAUS, DEINE FERIEN! Ab und an zahlende Gäste zu beherbergen ist viel mehr als eine Einnahmequelle – es ist auch eine tolle Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. Aber wie fühlt sich das an, wenn Wildfremde zu Hause ein und aus gehen? Christiane Würtenberger hat es ausprobiert und erzählt

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Ausprobieren

„Ella, Ella“, ruft das Mädchen mit einem so kehligen L, dass unsere Hündin den Kopf schräg hält. Dann fliegt der Tennisball durch den Garten, Ella springt, und fortan sind die beiden ein Herz und eine Seele. Ich sitze auf der Terrasse und beobachte die kleine Tatjana. Sie kommt aus der Ukraine, hat blonde Haare und will Eis prinzessin werden. Mit ihren Eltern wohnt sie für eine Woche bei uns, und gleich am ersten Tag fragten die, ob sie den Garten mitbenutzen dürften. Haben wir beim Vermietportal Airbnb nicht geschrieben, dachte ich, aber: Ja, na klar. DIE ZEIT WAR REIF Vor vier Jahren haben wir in Potsdam ein altes Haus mit Garten gekauft, das im Dachgeschoss zwei Extraräume mit Dusche hat. Erst dachten wir, die Kinder würden sich da oben ihr eigenes Reich einrichten. Doch für die war alles so neu, dass sie ihre Zimmer lieber bei uns haben wollten. So hatten wir Platz übrig. Die erste Zeit waren wir mit unserem neuen Leben beschäftigt. Aber irgendwann begannen wir, Pläne zu schmieden. Wie wäre es, wenn wir die Zimmer an Gäste vermieten würden? Möbel hatten wir übrig, eine Küchenecke ließ sich einbauen. Wir hatten Lust, Gastgeber zu sein. Also statteten wir die Räume mit allem aus, was wir in vergangenen Urlauben wo anders geschätzt oder vermisst hatten. Dann stellten wir bei Airbnb und FeWo- direkt Fotos und Texte ein und gingen online. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ist nicht wegen des Geldes gewesen. Was wir durch das Vermieten einnehmen, können wir im Urlaub ausgeben. Aber es "

ist nicht nur deshalb. Es geht uns auch darum, Menschen kennenzulernen. Wir lieben unser Zuhause, die Nähe zu Berlin und die vielen Seen. Und wir freuen uns, wenn’ s anderen auch gefällt. Sicherlich sind wir auch vom Zeitgeist beeinfl usst: Seit ich in Potsdam lebe, gehe ich auf Klamotten-Tauschpartys. In unserer Straße ist es normal, sich gewisse Dinge auszuleihen, anstatt sie zu kaufen. Der Nachbar hat die Ausziehleiter, wir den Häcksler. Und dann ist da Ella, die Australian-Shepherd-Hündin. Sie ist unser quicklebendiger Beweis, dass auch Dog-Sharing mit einer anderen Familie funktionieren kann. Kurzum, die Zeit war reif für den nächsten Schritt: das Zuhause teilen. Als Erstes meldeten sich Marek und seine Frau bei uns, ein Pärchen aus Polen. Wir waren aufgeregt, schauten, seit wann die beiden bei Airbnb Mitglieder waren und ob es schon Bewertungen gab. Doch Marek war, wie wir, neu bei dem Portal. Nachdenklich starrte ich auf den Bildschirm mit der Anfrage. Vorab hatte sich alles gut angefühlt, doch jetzt wurde mir etwas fl au im Magen. Was, wenn diese oder die nächsten Gäste uns nicht wohlgesinnt wären? Waren wir komplett naiv? Plötzlich war ich nicht mehr so cool wie beim Planen. Wollte ich das wirklich? Bed ohne Breakfast spielen? Wir würden fremden Leuten unseren Hausschlüssel geben. Am Ende sagten wir zu, und die beiden entpuppten sich als freundliches, sehr zurückhaltendes Ehepaar Mitte 50, das zu einer Hochzeit in Berlin eingeladen war. Marek erklärte bei der Begrüßung sofort, dass seine Frau kein Deutsch spreche – während sie schon mal schüchtern an uns vorbeiflüchtete, das gemeinsame Treppen-

Ich möchte Menschen um mich haben, die durch Zufall in mein Leben purzeln und voller Absicht bleiben“ (unbekannter Autor)

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„Wir werden lockerer, beim Ab- wie beim Zusagen. Mittlerweile können wir uns sogar vorstellen, mit einer anderen Familie das Haus zu tauschen“

haus hinauf. Ich wollte den beiden alles zeigen, sie lehnten ab. Ich schluckte und fühlte mich um irgendetwas betrogen. Aber nach drei Tagen, in denen wir uns kaum gesehen hatten, rissen die zwei plötzlich das Fenster oben auf, weil sie uns im Garten entdeckt hatten. Sie winkten fröhlich herunter und Marek rief, wie schön es in Potsdam sei – und dass sie ein tolles Fest gehabt hätten. ÜBERRASCHUNGEN GEHÖREN DAZU In den kommenden Wochen erlebten wir viele lustige, herzerwärmende und skurrile Sachen. Da war Vivian aus Schottland, die klopfte und sich bei uns etwas Olivenöl abzapfen wollte. Thomas brauchte Ausstecher, um Kekse zu backen. Es

gab Gäste, die uns zum Essen einluden. Und zwei aalglatte Businesstypen aus Ungarn, die etwas eingeschnappt waren, weil wir ihnen bei uns in der Küche kein Frühstück servieren wollten. Das Schlimmste, was uns passierte, waren Gäste aus den USA, die einfach ausblieben – ohne abzusagen. Alles war geputzt. Wir warteten stundenlang. Da wir keine Kreditkartenzahlungen annehmen können, hatten wir über FeWo-direkt Barzahlung bei Anreise ausgemacht. Pech gehabt. Am Telefon war für uns keiner mehr zu sprechen. Künftig wollten wir besser auf unser Bauchgefühl hören, denn der Familienvater war vorab schon durch blöde Fragen und einen barschen Ton aufgefallen.

TIPPS & TRICKS ✻ SICH ZEIT NEHMEN: Wer schöne Fotos macht und eine freundliche, ausführliche Beschreibung online stellt, bekommt in der Regel mehr Angebote. ✻ AUF DEN BAUCH HÖREN: Dafür braucht man ein Bild von den Gästen. Gibt es ein Foto oder eine aussagekräftige Selbstbeschreibung? Ist der Tonfall der Anfrage nett und persönlich? Leider kann man bei Airbnb nicht miteinander telefonieren, bevor die Buchung bestätigt ist. Aber chatten geht. Andere An bieter wie FeWodirekt verdienen nicht bei jeder Vermittlung, sie verlangen eine Jahresgebühr von den Gastgebern. Deshalb werden die Kontaktdaten gleich veröffentlicht. Und um die Bezahlung des Zimmers muss man sich selbst kümmern. ✻ ALLES FEIN MACHEN: Einen Tag sollte man sich schon Zeit nehmen, um einmal ordentlich durchzuputzen, Persönliches wegzuräumen, Stauraum zu schaffen. Tipp: Nachbarn Bescheid geben, dass man Gäste hat oder hatte. Die können dann Alarm schlagen, wenn einmal etwas nicht in Ordnung zu sein scheint. ✻ GUTE ORTE TEILEN: Eine Liste mit dem Lieblingsitaliener, der Bar ums Eck und dem Bäcker, der sonntags auf hat, ist Gold wert. Auch ein Infoblatt hilft weiter. Wie funktioniert die Espressomaschine? Wo steht das WLAN-Passwort? Wie kurbelt man die Jalousie herunter? Am besten auch auf Englisch aufschreiben.

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Make it simple

Von meiner Freundin Sabine lernte ich, dass man besser nicht allzu schnell zusagt bei Anfragen. Sabine hat eine große Altbauwohnung in München, und seit ihre Söhne ausgezogen sind, vermietet sie ein Zimmer. Sie erzählte mir, dass sie zu Anfang mal aus Freundlichkeit einer ganzen Familie zugesagt hatte. Also waren vier Leute eingezogen und stapelten sich nun in einem Schlafraum. Am Ende wurde Sabine noch gefragt, ob sie nicht abends aus ihrer Küche verschwinden könne – man wolle dort gern mal in Ruhe kochen. Seit diesem Erlebnis mailt Sabine immer erst ein paar Mal, bevor sie ihr Okay zu einer Buchung gibt. „Ich frage die Leute zum Beispiel, was ihre Pläne für München sind. Und ich checke ihre FacebookSeiten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wer in meiner Wohnung übernachten möchte. Wenn meine potenziellen Gäste sich nicht die Zeit nehmen, eine nette E-Mail zu schreiben und auch ein bisschen von sich zu erzählen, haben sie das Prinzip von Airbnb nicht verstanden. Dann sollen die ins Hotel gehen.“ Ich finde, sie hat recht. Über Airbnb werden mittlerweile zwar auch anonyme Ferienappartements angeboten, aber die Idee ist schon, dass man Menschen bei sich zu Hause beherbergt. Man öffnet ihnen also die Tür ins Private. Freundlich, aber bestimmt haben wir deshalb zwei 16-jährigen Mädchen abgesagt, die bei uns ohne Eltern Silvester feiern wollten. Wir hatten selbst eine Reise geplant und fürchteten, dass die beiden zu wenig Erfahrung haben könnten, um unbeaufsichtigt mit sich und unserem Haus klarzukommen. Auch einen Gast, der sich von Anfang an


hauptsächlich für die Stornierungsbedingungen interessierte und insgesamt unsympathisch wirkte, lehnte ich ab. SCHÖNE HERAUSFORDERUNG Wir werden lockerer – beim Ab- wie beim Zusagen. Mittlerweile können wir uns sogar vorstellen, auch mal unsere eigene Wohnung zu vermieten. Oder mit einer anderen Familie während der Sommerferien das Haus zu tauschen. Für drei Wochen kostenfrei in Florida leben? Auf ein Haus in der Provence aufpassen? Das könnte uns gefallen. Was uns bislang noch davon abhält, ist vor allem der Aufwand, den das mit sich bringt. Im v ergangenen Sommer haben wir schon mal einen Testlauf gemacht. Gute Freunde wohnten bei uns, während wir im Urlaub waren. Die Chaos-Ecken bekamen sie nicht mehr zu Gesicht. Mein Mann reparierte die Deckenlampe im Flur, ich sortierte angeschlagene Teller aus. Ein Teil unserer Klamotten verschwand auf dem Dachboden. Als das Taxi zum Flughafen eintraf, waren wir nervlich am Ende. Aber wir fühlten uns auch gut, weil wir

mal so richtig Ordnung gemacht hatten. Seitdem wissen wir: Es ist eine Herausforderung, vor dem Urlaub nicht nur jobmäßig alles abzuschließen und Koffer zu packen, sondern auch noch ein tipptopp sauberes Zuhause zu hinterlassen. Weniger schlimm ist für uns die Vorstellung, dass fremde Leute ihre Nase in unsere privaten Sachen stecken. Da sind wir ziemlich entspannt. Außerdem waren wir mittlerweile selbst Gäste in einer sehr stilvoll und persönlich eingerichteten Wohnung in Amsterdam – und haben uns dort respektvoller verhalten als in einem x-beliebigen Feriendomizil.

selbst gepflückte Blumen auf dem Tisch. Und wenn sie abends anreisen, sorgt mein Mann für ein kühles Bier im Kühlschrank. Wer bei uns wohnt, muss andererseits aushalten können, dass unsere Kinder hin und wieder durchs Treppenhaus poltern. Wir beschweren uns aber auch umgekehrt nicht, wenn morgens um fünf über unserem Schlafzimmer die Füße kleiner Gäste über den Holzboden tippeln. Wir haben es so gewollt, es ist schwer was los bei uns. Nur im Winter wird’s ruhiger. Dann machen wir zu Hause Urlaub, Urlaub von Airbnb – und freuen uns auf die Gäste der kommenden Saison. Für die stehen, seit Tatjana und ihre Eltern bei uns waren, auch Tisch und Stühle draußen unter dem Apfelbaum.

TEXT EIN GEFÜHL VON ZUHAUSE Man macht eben so seine Erfahrungen, mit sich und mit anderen. Ein junges Pärchen sagte uns zum Abschied, dass das Schönste am Urlaub nicht die Ausflüge gewesen seien, sondern das Zuhausegefühl, das sich bei uns von der ersten Minute an einstellte. Also werden wir so weitermachen, einen Tick privater eben: Bei uns erwarten Gäste im Sommer meist

SELBER (VER-)MIETEN?

✻ airbnb.de ✻ fewo-direkt.de ✻ homelink.de (Haus-/ Wohnungstausch)

Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, meldet sich bei dem Portal couchsurfing.com an: Hier übernachten die Gäste kostenlos bei einem zu Hause — umgekehrt funktioniert das aber genauso

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Ein einzigartiges

NOTIZBUCH Wir lieben schöne Notizbücher. Deshalb hat uns dieses DIY-Projekt besonders gefallen, das dir zeigt, wie du sie ganz einfach selber binden kannst. Mit einem Umschlag nach Wunsch und so vielen leeren Seiten, wie du brauchst – für alle deine Träume, Pläne, Ideen, Skizzen oder Geschichten

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Selber machen

Du brauchst: ✻ DIN-A4-Papier für die Innenblätter ✻ DIN-A4-Papier oder Tonpapier für den Umschlag ✻ Vielzweckklammern ✻ Falzbein ✻ Lineal ✻ Cutter ✻ Bleistift ✻ Ahle ✻ Radiergummi ✻ Zwirn ✻ Nähnadel

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So geht’s: 1. Wähle ein Papier, das du verwenden möchtest – wir haben DIN-A4-Bogen genommen. Der Einband sollte aus Tonkarton oder einem Papier bestehen, das fester ist als die Innenblätter. 2. Den Einband mit dem Falzbein in der Mitte knicken.

3. Alle Innenblätter mit dem Falzbein falten. 4. Alle gefalzten Papierbogen ineinanderlegen und den Einband darüberstülpen. 5. Den Stapel gefalteter Bogen wieder öffnen und mit Vielzweckklammern an allen vier Ecken zusammenstecken. 6. Gleichmäßig verteilt drei Punkte entlang

der gefalzten Mittellinie markieren. 7. Den Radiergummi unter das Papier legen und an den markierten Stellen mit der Ahle vorsichtig Löcher stechen. 8. Den Zwirn einfädeln. Die Nadel zuerst von innen nach außen durch das mittlere Loch (B) stechen.

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„ Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ SUSAN SONTAG, AMERIKANISCHE SCHRIFTSTELLERIN (1933–2004)

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ECHT BINDUNGSFÄHIG In leicht verständlichen Schritt-für-SchrittAnleitungen werden in dem Buch Bind it yourself. Buchbinden leicht gemacht (Haupt Verlag, 24,90 Euro) verschiedene Bindearten vorgestellt. Ob mit Gummibändern, mit Faden gebunden oder gefalzt, vom Leporello übers Notizbuch bis hin zur Fächermappe: So verleihst du deinen ständigen Begleitern aus Papier und Pappe eine ganz persönliche Note.

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9. Dann den Zwirn durch das untere Loch (C) wieder nach innen ziehen, dabei darauf achten, dass der Faden genügend Spannung hat. 10. Die Nadel erneut durch Loch B von innen nach außen stechen. 11. Nun den Zwirn von außen nach innen durch das obere Loch (A) ziehen. 12. Wie im Foto gezeigt, den Zwirn unter dem zuvor genähten Spannfaden durchziehen. 13. Den Zwirn doppelt verknoten und sehr straff ziehen, damit sich die Bogen nicht verschieben. 14. Überschüssigen Zwirn abschneiden. Und schon ist dein handgenähtes Notizbuch fertig! ●


SCHÖNES

VON FLOW Flow, ein Magazin,

das sich Zeit nimmt. Wir feiern die Kreativität,

das Unperfekte und das Glück im Kleinen.

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Alles über Flow & Abonnements INSPIRATION - IDEEN - EINBLICKE - ANSTÖSSE - INSPIRATION - IDEEN - EINBLICKE

EXTRAS ✻ 1000-FRAGENBÜCHLEIN ✻ 3 GESCHENKTÜTEN

Wohin gehen wir? Immer nach Hause. NOVALIS (1772 –1801)

ACHTSAMKEIT Was uns dabei hilft, ein wenig weiser zu werden INSPIRATION Wie Gedichte unseren Alltag schöner machen DIY Ein Notizheft selber binden

THEMA: TROST BEI SICH FINDEN

BIST DU BEREIT FÜR FLOW? In jedem Heft stellen wir einen bunten Strauß an Inspirationen, Ideen und Lesenswertem mit viel Liebe zu sammen. Wenn du dich für ein Abo entscheidest, bekommst du die Papiergeschenke jeder Ausgabe doppelt. Bestelle es (pro Ausgabe zum Preis von 6,95 Euro) telefonisch unter (040) 55 55 78 00 oder online. Und schon liegt Flow ab der nächsten Aus gabe in deinem Briefkasten. Natürlich kannst du dein Abo jederzeit wieder kündigen. www.flow-magazin.de/abo

SCHREIBT UNS! Wir möchten euch kennenlernen, eure Wünsche an Flow, eure Ideen und was euch im Leben bewegt. Lasst es uns wissen und mailt uns an: redaktion@flow-magazin.de

DU WILLST FLOW VERSCHENKEN? Dann gib uns telefonisch Bescheid unter (040) 55 55 78 00. Oder bestell das Geschenkabo (8 Ausgaben) für 55,60 Euro direkt online unter www.flow-magazin.de/geschenkabo

HIER FINDEST DU UNS Wir haben eine Website mit allem, was es über Flow zu wissen gibt: vom Blick ins Heft bis zur Ankündigung der nächsten Ausgabe. Außerdem könnt ihr hier ausgewählte Artikel online lesen. www.flow-magazin.de WIR SIND AUF FACEBOOK Hier erzählen wir euch, was wir gerade machen, zeigen euch nette Dinge aus dem Magazin und was wir sonst noch schön finden. Und wir freuen uns immer über eure Kommentare. facebook.com/flow.magazin.deutschland TWITTER, INSTAGRAM, PINTEREST Unsere Lieblingsseiten im Heft, inspirierende Sprüche, all das posten wir auf Instagram. Die vielen schönen Dinge, die wir im Netz finden, könnt ihr auf unseren PinterestBoards anschauen. Und wir zwitschern auch bei Twitter … twitter.com/FlowMagazin instagram.com/flow_magazin pinterest.com/flowmagazine

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Ferienbuch DAS FLOW-FERIENBUCH 2016 KOMMT

Für nur SOMMER

SPEZIAL € 12,95

FERIENBUCH

Am 28. Juni erscheint unser neues Flow-Ferienbuch. Auch diesmal ist es wieder randvoll mit schönen Ideen, Einsichten und Geschichten: Wir haben zum Beispiel unsere Illustratoren und Autoren gefragt, was sie nach ihrem Urlaub in ihrem Leben verändern wollen oder wie sie sich Auszeiten vom Alltag schaffen. Außerdem erzählen wir aus den faszinierenden Lebensläufen dreier berühmter Frauen, stellen tolle Rückzugsorte auf vier Rädern vor und servieren leckere vegane Grillgerichte. Und natürlich findest du wie immer tolle Illustrationen im Heft sowie viele besondere Extras zum Basteln, Beschreiben und Ausmalen. DAS IST DRIN: ✻ Urlaubstagebuch ✻ Eisdiele zum Basteln ✻ ein SchattenspielTheater zum Ausschneiden ✻ Stickerbögen ✻ Postkarten mit Rezepten für Sommerdrinks ✻ Musterpapier ✻ Ausmalbilder Das Flow-Ferienbuch kannst du für 12,95 Euro vorbestellen unter www.flow-magazin.de/ferienbuch, es wird dann ab dem 28. Juni automatisch an dich verschickt

LESEN, AUSSCHNEIDEN, KLEBEN ✻ Was Urlaub Wundervolles mit uns macht

✻ Erinnerung fürs Leben: die Sommerliebe ✻ Wie reist man mit wenig Gepäck? Plus: Urlaubstagebuch, Eisdiele zum Basteln, Postkarten mit Rezepten, Ausmalbilder, ei n Schattenspiel-Theater und noch vieles mehr "

Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt"

Wo hast du heute Kaffee getrunken?

Welche Tiere hast du in diesen Ferien schon gesehen?

TAG FÜR TAG

ERNST FERSTL (ÖSTERREICHISCHER SCHRIFTSTELLER)

Für den Urlaub gibt es zwei " Erfolg versprechende Rezepte: Er muss ganz anders sein als sonst — oder er muss genauso sein wie immer"

Urlaubstagebuch Was war aufregend neu für dich heute?

Wie sehen die Bäume und Blumen in deiner Umgebung Das hat mir heute die Augen

HEINZ RÜHMANN (DEUTSCHER SCHAUSPIELER, 1902 – 1994)

aus? Wonach riechen sie?

geöffnet:

Was war wunderbar vertraut?

Dein Tag in einem Satz:

Dein Tag in einem Satz:

guter Kaffee Restaurant schlechte Laune lustiger Tag fauler Tag

Zugfahrt Naturerlebnis Cocktail/Drink Strand Regen

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WAS

Vor ein paar Jahren mieteten wir in Ablenkung fehlt, nimmt man ErPortugal ein Häuschen mit weit- fahrungen besser auf. Das Geläufigem, verwildertem Grund- dächtnis funktioniert wie ein Restück. Wir durften uns aus dem korder, der alles registriert. Man Garten holen, was wir wollten. Der entdeckt neue Landschaften, beUrlaub war eine Idylle. Wir fau- gegnet unbekannten Menschen, lenzten mit der Familie am erkennt auch Bekanntes, VertrauSchwimmbecken, lasen, gingen tes wieder, aber in einem anderen spazieren, hingen versonnen un- Kontext. Deswegen kann man sich seren Gedanken nach, aßen gut, auch so gut daran erinnern, dass fühlten uns einfach wohl. So ist es man damals auf dem Campingoft im Urlaub: Er ist wie ein erhöh- platz Weißbrot mit Kleehonig geter Fluchtpunkt auf einer belebten gessen hat – weil das Licht so hell Straße: man steht still, rührt sich und das Gedächtnis klar und aufnicht – und alle Hektik gleitet von nahmefähig war. einem ab. Endlich hat man Zeit für sich, den Partner und die Familie. Oft kommt dazu, dass man mehr Vielleicht ist dieses Zusammen- mit den Elementen lebt. Was man sein das Schönste an den Ferien: den Tag über tut, wird stark von Die selbstverständliche Nähe von Licht und Wetter bestimmt. Man Familie oder Freunden. So erinne- schaut morgens als Erstes in den re ich mich noch ziemlich genau Himmel und überlegt dann, was daran, wie ich früher mit meinen man unternimmt. Auch später am Eltern, meinen Schwestern und Tag schaut man öfter nach oben – unserem kleinen Bruder wochen- und sieht so auf einmal, was sich lang in einem Segelboot hauste. über unseren Köpfen abspielt. DaDie Ausstattung war einfach, aber hintreibende Wolken, das Geäst gemeinsam auf kleinem Raum zu der Bäume und das faszinierende leben, gab uns ein Gefühl der Ge- Spiel von Licht und Schatten ... borgenheit und es entstand eine ganz besondere Beziehung zwi- Wenn wir früher mit dem Segelschen uns allen. boot in einem Hafen lagen, gab der Rhythmus der Gezeiten komLICHT UND SCHATTEN promisslos die Ruhezeiten vor. Bei Im Urlaub hinterlässt sowieso je- Ebbe entstand vor unseren Augen des Gefühl und Erlebnis einen tie- eine eigene Landschaft aus Sandferen Eindruck. Weil die alltägliche bänken voller kleiner Pfützen,

URLAUB SCHÖNES BRINGT Warum nur fühlen wir uns beim Reisen gleich so anders? Weit weg von Zuhause haben wir auf einmal ein Auge für Kleinigkeiten, Muße für schöne Momente und einen freien Kopf. Mariska Jansen hat versucht herauszufinden, was eine Auszeit in uns anstößt

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POST FÜR DICH

Wasserläufe, Vögel und Krebse. auf die Zugfahrt mit, aber dann le- geistiger Freiheit, das eng mit Solche intensiven Sinneseindrü- se ich doch meistens nicht, son- dem Reisen verknüpft ist. Und mit cke verkleinern unser Blickfeld dern lasse mich von der Abfolge jedem Urlaub, den man woanders und vergrößern gleichzeitig das der Bilder da draußen einnehmen. verbringt, wächst die WahrscheinWahrnehmungsvermögen. Das Oft kommen mir bei dieser stillen lichkeit, dass man auch Zuhause funktioniert auch andersherum: Einkehr dann Lösungen für Prob- weniger schwarz-weiß malt und Wir sehen neue Landschaften, die leme, über die ich manchmal wo- sich eher zurückbesinnt auf die uns die Weite unserer Welt deut- chenlang gegrübelt habe. Oder es Erfahrungen, die man in der Fremlich machen und uns daran erin- fallen mir tolle Ideen für die Arbeit de gemacht hat. Auf den geistigen nern, wie unbedeutend wir für den ein, ganz ohne Anstrengung. Die- Schatz, den man nun in sich trägt Lauf der Geschichte eigentlich ser Leerlauf im Kopf, das sich Ein- und der einen darin bestärken sind – und das hat etwas sehr Be- lassen auf den Moment, die Ruhe, kann, auch dem eigenen Alltag ruhigendes. Erich Kästner be- das alles hilft meinem Denken. Da freier zu begegnen. Doch leider schreibt es sehr schön in seinen wundert es auch nicht, dass der fühlt man sich, wenn man zurückMemoiren Als ich ein kleiner Jun- englische Schriftsteller und Philo- kommt, ja höchstens nur ein paar ge war. Darin erzählt er, wie er soph Alain de Botton in Kunst des Tage wie ein neuer Mensch. Zu zum ersten Mal die Ostsee sah: Reisens, schreibt: „Reisen sind die schnell fällt man in alte Muster zu„Eine Stunde später stand ich, Hebammen unserer Gedanken. Es rück und erkennt sich nicht wievom Strandhafer zerkratzt, zwi- gibt nur wenige Orte, die so för- der. Wenn ich wieder gestresst schen den Dünen und sah aufs derlich für innere Monologe sind meine Kinder anmeckere, frage Meer hinaus. Auf diesen atembe- wie sich fortbewegende Flugzeu- ich mich jedenfalls schon: „Ist das raubend grenzenlosen Spiegel aus ge, Schiffe oder Züge.“ der Mensch, der im Urlaub so geFlaschengrün und Mancherleiblau duldig und freundlich war?“ Und und Silberglanz.“ Aber nicht nur das Reisen an sich dann sehne ich mich nach mei– also das Überwinden einer Stre- nem Ferien-Ich. EIN GEFÜHL VON FREIHEIT cke – sondern vor allem der AufReisen bedeutet aber auch in vie- enthalt in der Fremde funktioniert WO DAS GRAS GRÜNER IST lerlei Hinsicht, zur Ruhe zu kom- wie ein Augenöffner. Ich stelle im- Der Philosoph Ruud Welten meint, men. Etwa, wenn man den Zug mer wieder fest, dass ich im Ur- es sei darüber hinaus die Sehnoder den Bus für eine längere laub die Dinge (und Menschen) sucht nach dem reinen, authentiStrecke nimmt. Ich bin jedes Mal weniger schnell einordne, ihnen schen Leben, die uns dazu treibt, aufs Neue erstaunt darüber, wie mehr Zeit gebe, mich mehr für in den Urlaub zu fahren. Wir stelsehr mich auf einer Fahrt der Blick das, was hinter der Fassade len uns zu gern vor, das wahre Leaus dem Fenster beruhigt, die vor- steckt, interessiere. Durch die ben liege anderswo. „Im Urlaub beiziehenden Landschaften, die ganzen neuen Eindrücke wird man suchen wir nach einem Ort, der Tiere, die auf den Weiden grasen. offener und kann Sachen anders besser und schöner aussieht als Zwar nehme ich immer ein Buch bewerten. Es ist ein Gefühl von zu Hause. Wir glauben, dass

Im Urlaub hinterlässt jedes Gefühl und Erlebnis einen tieferen Eindruck als sonst.

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Früher gehörte das Verschicken von Ansichtskarten zum Urlaub wie der Geruch von Sonnenmilch. Heute machen wir das nur noch selten – obwohl es so schön ist, eine Karte im Briefkasten zu finden. Und: sie zu schreiben. Warum lassen wir diese Tradition eigentlich nicht wiederaufleben?

XXXXXXXXXXXXX Ich bin nach wie vor eine leidenschaftliche Kartenschreiber- und verschickerin – und mittlerweile in meinem Freundes-und Familienkreis fast die Einzige. Alle anderen posten bei Facebook oder schicken Bildchen über Whatsapp. Mich wundert es ehrlich ge-

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ZUR AUFMUNTERUNG Wir sind es gewohnt, kritisch zu sein, vor allem gegenüber uns selbst. Die Amerikanerin Kristin Neff hat dieses Verhalten untersucht: „Häufig identifizieren wir uns so stark mit unserem inneren Kritiker – jener Stimme in uns, die immerfort etwas auszusetzen hat, der du es nie recht machen kannst –, dass wir den Schmerz, den wir uns selbst damit zufügen, überhaupt nicht bewusst spüren.“ Glücklicherweise können wir dem etwas entgegensetzen: Selbstmitgefühl. Neff: „Selbstmitgefühl bedeutet, dass du freundlich zu dir bist. Es bedeutet auch, dass du dich aktiv unterstützt. Versuche also, dich bewusst aufzumuntern, wenn du traurig bist oder dich schlecht fühlst.“ BEI SICH ANFANGEN Der Philosoph André van der Braak meint, Selbstmitgefühl ist die Grundlage dafür, dass du auch mit anderen mitfühlen kannst. „Im Buddhismus heißt es: ‚Du musst gegenüber allen Wesen mitfühlend sein.‘ Dazu gehörst du selbst also auch. Wenn du zu dir nicht milde sein kannst, ist es auch schwierig, gegenüber anderen großherzig zu sein. Wer wirk lich Mitgefühl für sich selbst empfinden kann, hat meistens auch kein so starkes Bedürfnis mehr, von anderen anerkannt und bestätigt zu werden.“

sagt, dass man unterwegs überhaupt noch so viele Kartenständer findet. Und die anderen wundern sich über mich. Freuen sich aber dann doch, wenn wieder einmal eine Karte aus Frankreich, New York oder Norderney bei ihnen im Briefkasten landet. Denn das Versenden von Karten hat ja so etwas wunderbar Altmodisches. In meiner Familie wurden jedenfalls schon immer Karten geschrieben, sogar, wenn man nur kurz über das Wochenende vereist war. Einfach um den Daheimgebliebenen zu zeigen: ‚Ich denke an euch. Und ich möchte euch gern teilhaben lassen, an dem, was ich hier erlebe.’ Auch meine Kinder sind schon Postkarten-infiziert. Als sie noch nicht schreiben konnten, malten sie ihren Kindergartenfreunden oder Großeltern ihre Erlebnisse einfach auf. Heute schauen sie sich begeistert die oft absurden, lustigen und kitschigen Motive an, die auf den Kartenständern in den Touristen-Orten findet. Und sind begeistert, wenn sie auf den Fotos die Plätze wieder entdecken, die sie vor Ort schon selbst gesehen haben. Deswegen

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genug machst. Sprich stattdessen freundlich zu dir selbst: „Wie schade, du hast dein Bestes gegeben. Aber morgen ist ein neuer Tag.“ KOMPLIMENTE ANNEHMEN Angenommen, neun Personen sagen etwas Anerkennendes zu dir und eine Person sagt etwas Kritisches. Meistens fokussierst du dich dann auf jene negative Bemerkung und ignorierst den gesamten positiven Input. Gestehe dir zu, die positiven Bemerkungen wirklich zu hören und sie nicht zu übergehen. Schwäche ein Kompliment also nicht ab, sondern bedanke dich und versuche, es zu genießen. ÄNGSTE GEHÖREN DAZU Manchmal ist es wichtig, sich auch Angst, Ärger, Schmerz und Eifersucht einzugestehen. Du bist schließlich nicht die Einzige, die zu kämpfen hat. Wir alle sind verletzlich und bei Weitem nicht perfekt. Wenn du dich den unangenehmen Dingen stellst, erkennst du, was du brauchst. So wirst du deinen Bedürfnissen gerecht.

MORGEN IST EIN NEUER TAG Du kannst dich darin üben, etwas milder zu werden im Urteil gegen dich selbst. Zuerst ist es wichtig, dass du dir deine Selbstkritik überhaupt bewusst machst. Gehe einen Schritt zurück, um innezuhalten und zu überlegen, was du denkst und fühlst. Welche Gedanken spuken dir im Kopf herum? Was empfindest du dabei? Versuche, die kritische Stimme durch eine freundliche Stimme zu ersetzen. Behandle dich so, wie du eine gute Freundin behandeln würdest. Gehst du mit ihr auch so streng um, wenn sie einen schlechten Tag hat? Versuche, die Gedanken zu stoppen, die dir suggerieren, dass du vieles nicht gut

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Eine vergilbte Karte aus den 70er-Jahren mit einem Bouillabaisse-Rezept für die Freunde, die so gern kochen. Ein lachender alter Bauer für die Oma. Ein toller Strand für die Eltern. Ein muskelbepackter Schönling im knappen Höschen für die beste Freundin, die diese Art des Humors teilt. Ein großer Teil des Vergnügens eine Ansichtskarte zu verschicken, besteht für mich schon im Aussuchen des richtigen Motivs. Auch das Schreiben am Campingtisch oder abends im Restaurant gehört dazu. Eine Urlaubskarte ist so viel mehr als eine kurze Nachricht aus der Fremde. Und daher finde ich es wirklich verwunderlich, dass sie – die in vielen Familien und Freundeskreisen sehr lange eine feste Tradition hatte – so schnell von SMS und Email abgelöst wurde.

160 _ Ferienbuch Auf der Website selfcompassion.org kannst du noch mehr über das Thema Selbstmitgefühl lesen _ 159

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WENIGER IST MEHR Wer weniger besitzt, hat mehr Platz im Kopf. Das hat die Soziologin Jeanine Schreurs in einer Studie über Downshifting belegen können. Das bedeutet, mit weniger auszukommen, unabhängig vom Einkommen. Schreurs hat beobachtet, dass sich Downshifter nicht so stark an Materielles gebunden fühlen und dem, was sie haben, größeren Wert beimessen: „Ihre Lebensqualität stieg dadurch, sie empfinden weniger Stress, mehr Ruhe und haben das Gefühl, ein abenteuerliches und kreatives Leben zu führen.“ KLEINE FREUDEN GENIESSEN In seinem Buch Trost der Philosophie erläutert Alain de Botton: Etwas zu kaufen erscheint uns häufig als Lösung für Bedürfnisse, die wir gar nicht durch- Flow-Autorin Merle Wuttke findet es dort mindestens schauen. Statt Ordnung in unserem Kopf zu schaf- so schön wie im luxuriösen Ferienhaus: „All das fen, gehen wir shoppen. „Es mangelt nicht an verfüh- ‚Muss ich noch‘, das sonst meinen Alltag beherrscht, rerischen Bildern von Luxusartikeln“, schreibt de existiert dort nicht. Wir erledigen die Sachen dann, Botton, „leider werden zu selten die alltäglichen Situ- wenn wir darauf Lust haben. Kommt sowieso nicht ationen und Menschen abgebildet. Wir werden nicht darauf an. Man ist wie ausgesperrt aus seiner andeermuntert, unser Glück in den kleinen Freuden zu ren Welt – im positiven Sinne. Das ist echte Freiheit.“ suchen – dem Gespräch mit einem Freund, einem Nachmittag in der Sonne, frischem Brot mit Butter.“ VORFREUDE AUSKOSTEN Untersuchungen haben ergeben, dass es sich schon positiv auf die Stimmung auswirkt, wenn ein Mensch OFFLINE-MOMENTE EINPLANEN Der US-Philosoph Richard B. Gregg (1885 – 1974) nur an etwas Schönes denkt, das in absehbarer Zeit erläuterte bereits im Jahr 1935 in einem Essay sehr ansteht. Das muss gar kein ganzer Urlaub sein, es anschaulich, dass die Fokussierung auf Materielles reicht die Aussicht auf ein Essen im Restaurant, ein einem sinnvollen Leben im Wege steht. „Wir überse- Treffen mit einer Freundin oder ein warmes Bad. Wie hen, dass unsere Faszination für Geräte unser inne- wäre es, wenn du dir eine kleine Liste mit den Dingen res Gleichgewicht und unser Gefühl für das Wichtige machst, auf die du dich freuen kannst? im Leben stört. Die Zeit, die wir dank moderner Technik sparen, ist dann keine Entspannung mehr und DREIMAL MIT AUFMERKSAMKEIT wird zu einer bedeutungslosen Zeit.“ Den Essay fin- Achtsamkeit bedeutet, sich dem unmittelbaren Augenblick zu widmen, ohne ihn zu werten. Das ist dest du unter soilandhealth.org. gar nicht so einfach. Du kannst diese Haltung üben, indem du täglich drei Dinge auswählst, die du mit EINE AUSZEIT GANZ IN DER NÄHE Immer mehr Menschen schwören auf einen Mini- ungeteilter Aufmerksamkeit ausführst: Zähne putzen, Urlaub in ihrer Laube oder im Campingbus. Auch duschen, die Treppe hinunterlaufen.

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Kochbuch

Für nur

12,95 €

KENNST DU SCHON UNSER FOOD-SPEZIAL? Es ist ein Kochbuch und noch viel mehr als das: In unserem dicken Extra findest du nicht nur 40 tolle Rezepte zum Schwelgen und Nachkochen, wir zeigen auch die besonderen Menschen, die sie erdacht haben, und liefern dir dazu jede Menge inspirierende Geschichten rund ums Genießen. Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit dem Glück vom achtsamen Essen, stellen tolle Ideen wie Supperclubs und den International Restaurant Day vor. Wir gehen der Frage nach, warum die Küche der schönste Ort der Wohnung ist, und zeigen Kunst werke mit Früchten und Gemüse aus mehreren Jahrhunderten.

Unser Kochbuch: 40 Rezepte und noch viel mehr

UND DIESE TOLLEN PAPIER-EXTRAS SIND DRIN: Sticker für Selbstgemachtes ✻ Bastelbögen für Eis aus Papier ✻ Einladungs- und Dankeskarten ✻ zwei Poster ✻ Papierbögen mit Vintagemotiven und Mustern ✻ Büchlein mit Rezepten, die du mit Ruhe kochen kannst ✻ eine Donut-Wimpelkette und vieles mehr

Couscous-Erdbeer-Spinat-Salat mit Schafskäse und Nüssen

GUTES IM GLAS

REZEPTE

Die einen bringen Souvenirs aus dem Urlaub mit, bei Karin Stöttinger war es die Idee für ihr erstes Kochbuch. Darin schichtet sie kunterbunte Salatzutaten in hübsche Gläser – gut geschüttelt mit einem Dressing der perfekte Lunch to go

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ILLUSTRATION TM PEZ AG

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Links: Paprika und Schwärmer heißt diese Zeichnung der Naturforscherin Maria Sibylla Merian aus dem Jahr 1726

Hunger ist nicht gleich Hunger. Es kommt darauf an, zu spüren, was unser Körper verlangt und was er braucht

Rechts: Der französische Maler PierreJoseph Redouté war und ist für seine Aquarelle berühmt

an wie harsche Kritik. Die Freude am Kochen stellt sich nicht ein.“ Ist das nicht jammerschade? Und wäre ich vielleicht eine gelassenere Gastgeberin, wenn ich in der Küche ein wenig achtsamer wäre? Wenn ich all die Dinge, die ich am Kochen so mag, bewusster wahrnehmen würde, statt zu versuchen, möglichst viel auf einmal hinzubekommen?

DAS GLÜCK VOM ACHTSAMEN

ACHTSAM IN DER KÜCHE Michael Pollan, US-amerikanischer Foodjournalist und Autor mehrerer Sachbücher zum Thema Essen, ist davon überzeugt. Auch er musste erst lernen, was

ESSEN

es bedeutet, sich beim Kochen Zeit zu nehmen, also achtsam zu kochen. Denn obwohl er ein ausgewiesener Experte ist, verstand er erst bei der Recherche für sein Buch Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation, dass es dabei vor allem um drei Dinge geht: Geduld, Aufmerksamkeit und Übung. All das wurde ihm klar, als eine seiner Lehrerinnen ihm beibrachte, etwas vermeintlich Unwichtigem wie Zwiebelnanschwitzen volle Beachtung zu schenken – und nichts anderes zu tun. Eine halbe Stunde lang briet der Autor von nun an Zwiebeln an. Eine halbe Stunde!

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Es gibt nichts Schöneres, als etwas Leckeres zu essen und sich und

✻ Jan Chozen Bays erklärt in ihrem Buch nicht nur genau, was achtsames Essen bedeutet, sondern sie listet auch zahlreiche Übungsmöglichkeiten auf, wie man selbst lernt, besser zu erkennen, welche Art von Hunger einen gerade antreibt. Auch auf der Website des Arbor-Verlages findet man weitere interessante Informationen zu dem Thema. Jan Chozen Bays: Achtsam essen (Arbor, 18,80 Euro)

andere mit etwas Selbstgekochtem zu verwöhnen. Doch oft sind wir nicht so ganz bei der Sache, die Freude will sich nicht recht einstellen, hat Merle Wuttke beobachtet. Und probiert es jetzt mit Achtsamkeit

✻ In seinem Buch erklärt ein Psychologe, wie wir unser Bauchgefühl wiedergewinnen und sinnvoll einsetzen können. Thomas Frankenbach: Somatische Intelligenz. Hören, was der Körper braucht (Koha, 14,95 Euro)

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Für Pollan, einen ungeduldigen Menschen, war dies eine völlig neue Erfahrung, und ich konnte mir sofort vorstellen, wie schwer es für ihn zunächst gewesen sein muss. Auch ich neige dazu, beim Kochen nebenbei noch andere Dinge zu tun, telefonieren, Mails checken. Das funktioniert nie besonders gut, oft brennt mir etwas an oder ich bin noch genervter als vorher. Seit der Lektüre von Pollans Buch jedoch versuche ich, mich dem Kochen wirklich voll und ganz zu widmen, ganz aufmerksam zu sein. Und tatsächlich verändert es etwas, wenn es mir gelingt. Dann sorgt die Arbeit in der Küche – das Schneiden der Zutaten, der Geruch der Gewürze, das Waschen von Gemüse –, diese volle Konzentration auf das, was ich tue, dafür, dass mein Kopf ganz leicht wird. Dann ist es, als würden sich Hände und Herz auf magische Weise miteinander verbinden.

International Restaurant Day

EINE STADT TISCHT AUF In Helsinki veranstalten die Bürger der Stadt mehrmals im Jahr den International Restaurant Day. Dann verkaufen sie aus ihren Fenstern heraus, auf der Straße oder im Park ihre selbst gemachten Köstlichkeiten – sozusagen im eigenen Restaurant. Wir haben uns durch die Stadt probiert

KUNST AUS DER NATUR

Auch der Buddhist und Meditationstrainer Andy Puddicombe (headspace.com) findet: „Kochen schafft eine wundervolle Möglichkeit, gegenwärtig zu sein, achtsam und aufmerksam – im Gegensatz zu abgelenkt, gestresst oder überwältigt. Es ist eine Möglichkeit, den Geist zu trainieren, zu verstehen, was es

Ob es Orangen, Feigen oder Rosen sind – botanische Illustrationen gefallen uns sehr. Die zarten Zeichnungen und akademischen Studien bringen uns die Schönheit der Natur nah und damit auch den Zauber, der in Kräutern, Früchten und Gewürzen steckt. Zum Sattsehen

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ACHTSAMKEIT

ILLUSTRIERT VON HELEN DARDIK UND CAROLYN GAVIN

ALLES ÜBER ACHTSAMKEIT FÜR ANFÄNGER, FORTGESCHRITTENE UND NEUGIERIGE Warum Mindfulness heute so guttut Sauer, ängstlich, neidisch? Es ist okay Freundlicher sein - zu dir selbst EXTRAS: Schöne-Momente-Kärtchen, Tagebuch für einen Gedanken pro Tag, Achtsamkeits-Heft zum Rausnehmen, Postkarten und vieles mehr

WÜNSCH DIR WAS: Warum Lebensträume gut sind — selbst wenn sie nie Realität werden ✻ EIN INSPIRIERENDES LEBEN: Malerin Sophie Taeuber-Arp ✻ BEZIEHUNGEN: Manchmal funkt es gleich, manchmal gar nicht. Wie kommt das? UNSERE PAPIERGESCHENKE: ein Büchertagebuch und tolle Urlaubspostkarten

FLOW #19: 19.JULI 2016 Manchmal ändern wir unsere Pläne, finden etwas noch Besseres, etwas noch Schöneres. Darum kann es sein, dass die nächste Ausgabe ein bisschen anders aussieht, als wir es hier ankündigen.

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