Page 9

CHANGE we can believe in? Obama und der Mut zum Wandel Hope! Change! Yes, we can! Dies waren einige von Obamas Schlagworten im Kampf um das wohl wichtigste politische Amt der Welt – und nach einem in diesem Ausmaß unerwarteten Erdrutschsieg scheint es, als ob nach acht Jahren George W. Bush der im Koma liegende American Dream wieder Lebenszeichen von sich gibt. America is back back! Aber gibt es in Obamas „neuem“ Amerika Platz für Homo-, Bi- und Transsexuelle?

vor den Wahlen einen mutigen Artikel für das bekannte amerikanische LGBT-Magazin „The Advocate“ geschrieben hatte, auf der anderen Seite der Republikaner John McCain mit der radikal evangelikalen und homophoben Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin an seiner Seite, die – unter dem Deckmantel des „Schutzes der Familie“ – immer wieder für die Beschneidung fundamentaler Bürgerrechte eintrat. Im Wahlkampf zählte nicht zuletzt deshalb die LGBT-Community zu den größten Befürwortern Obamas, und ohne die intensive Unterstützung der vielen lesBiSchwulen Aktivisten wäre sein Sieg vielleicht gar nicht möglich gewesen.

Als George W. Bush 2001 das Weiße Haus bezog, konnte er dies nicht zuletzt aufgrund der hetzerischen Aktivitäten religiöser Fundamentalisten, die den demokratischen Kandidaten Al Gore, der offen für die Homo-Ehe eintrat, als Anti-Christen beschimpften und Bush nicht nur mit „Gebeten“, sondern vor allem mit gigantischen finanziellen und personellen Mitteln unterstützten. Die Homo-Ehe, so scheint es, kostete Al Gore den Sieg. Im letzten Wahlkampf war die Homo-Ehe nur mehr ein Randthema, dem beide Kandidaten immer wieder geschickt auszuweichen schienen. In Zeiten wie unseren, so wurde in den Wahlkampfbüros immer wieder gepredigt, gäbe es wichtigere Probleme. Doch die Signale an die Community waren unmissverständlich: auf einer Seite Barack Obama, Symbolfigur der Überwindung von Rassengrenzen und brennender Verfechter der Civil Rights, dessen Frau Michelle Obama noch

Dass Obama keine Berührungsängste hat, bewies er eindrucksvoll in seiner weltweit übertragenen Siegesrede am 4. November 2008 in Chicago. Er möchte, so rief er vor tausenden jubelnden Anhängern, Präsident sein für „young and old, rich and poor, Democrat and Republican, black, white, Hispanic, Asian, Native American, gay, straight, disabled and not disabled“ disabled“. Allein schon der Sprachgebrauch lässt auf den Anbruch einer neuen Ära hoffen: George W. Bush hätte das Wort “homosexuell” nur zitternd über die Lippen gebracht, mit Schweißperlen auf der Stirn – Amerikas neuer Präsident verwendet selbstbewusst das Wort „gay“. Doch Obama scheint sich nicht nur auf Worte beschränken 16

zu wollen. Sofort nach seinem Amtsantritt veröffentlichte er auf der offiziellen Seite des Weißen Hauses seine Regierungsagenda, die im Kapitel„CivilRights“(www.whitehouse.gov/agenda/ civil_rights) optimistisch stimmenden Konzepten zur Unterstützung der LGBT-Community einen prominenten Platz einräumt: Ausweitung der Gesetze gegen Hass-Verbrechen, Bekämpfung vvon Diskriminierungen am Arbeitsplatz, Unterstützung voller Zivilpartnerschaften und Zuerkennung aller Bundesrechte für LGBT-Paare, Bekämpfung von Verfassungsänderungen zum Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen, Ausweitung der Adoptionsrechte, Unterstützung der AidsPrävention, usw. – Ziele, für die den meisten österreichischen oder italienischen Politikern eindeutig der Mut und die Weitsicht fehlen würden. „Obwohl wir seit den Stonewall-Krawallen 1969 einen weiten Weg gegangen sind, gibt es noch viel Arbeit zu tun. Zu oft wird das Thema der LGBT-Rechte von jenen ausgenutzt, die danach streben, uns zu spalten. Aber es ist der Kern dieses Themas, der uns als Amerikaner definiert. Es ist die Frage, ob diese Nation dem Gleichberechtigungsversprechen ihrer Gründung gerecht wird, indem sie alle ihre Bürger mit Würde und Respekt behandelt.“ – nicht die Worte eines Homoaktivisten, sondern des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, eines Präsidenten, für den die Stonewall-Krawalle, bei denen Lesben, Drag Queens, Schwule und Transexuelle Seite an Seite mehrere Tage lang im New Yorker Greenwich Village ihr Leben im Kampf gegen die homophoben Schikanen von Armee und Polizei riskierten, einen berechtigten ersten Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung darstellen – ein Weg, an dessen Ende nicht nur Rasse und Geschlecht, sondern auch die sexuelle Orientierung eines Menschen kein Hindernis mehr sein sollte, ins Weiße Haus zu ziehen: eine schwarze lesbische Präsidentin als ultimativer American Dream.

Religionsgemeinschaften enorme Geldsummen in hasserfüllte homophobe Kampagnen geflossen waren, stimmten in Kalifornien 52,3 % der WälerInnen für Proposition 8, mit der die dort schon eingeführte Homo-Ehe wieder abgeschafft werden sollte und die Zukunft der bereits über 18.000 geschlossenen Homo-Ehen in Frage gestellt wurde. Ob es wirklich so weit kommt, muss nun der Oberste Gerichtshof entscheiden – und thematisiert dabei ein Grundproblem der Demokratie: darf eine Mehrheit über die Rechte einer Minderheit bestimmen? Bereits in der Vergangenheit gab es vergleichbare Referenden, die trotz großer Zustimmung vom kalifornischen und amerikanischen Supreme Court wieder aufgehoben wurden – z.B. Proposition 14, die 1964 den Zuspruch von 65% der kalifornischen WählerInnen fand und es Wohnungsbesitzern erlaubt hätte, Mieter allein wegen ihrer Hautfarbe abzulehnen. Der republikanische Gouverneur Arnold Schwarzenegger, der mehrmals sein Veto gegen eine Öffnung der Ehe eingelegt hatte, zählt mittlerweile zu den Verfechtern der Homo-Ehe. Auch Jerry Sanders, der Bürgermeister des kalifornischen San Diego, war bis 2007 ein erbitterter Gegner von Homo-Rechten – erst das Coming-out seiner eigenen Tochter änderte seinen Standpunkt. Der „Change“, von dem Barack Obama voller Überzeugung spricht, kann nicht nur von oben kommen – Wandel beginnt in der Gesellschaft selbst. Jedes Outing baut Vorurteile ab und macht aus einem „Homo“ plötzlich einen „Menschen“. Eine pauschale Verdammung von Schwulen und Lesben wird, wenn die eigenen Kinder, Enkel oder Nichten zu ihrem Schwul- bzw. Lesbischsein stehen, schwer. Christliche Fanatiker mögen „die Homosexuellen“ hassen und bekämpfen, doch wenn „der Homosexuelle“ plötzlich ein Gesicht hat, könnte vielleicht doch das „christliche Mitgefühl“ in ihnen siegen. „If a bullet should enter my brain” brain”, so der von einem Homohasser erschossene erste offen schwule Politiker Amerikas Harvey Milk, “let that bullet destroy every closet door.” Egal wie die Politik Barack Obamas in den nächsten Jahren aussehen wird – bereits jetzt haben seine Worte an vielen Türen gerüttelt und manche geöffnet. Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle sind für Obama Teil des American Dream. > Conny Cossa

Doch all den positiven Aussagen Obamas haftet ein bitterer Beigeschmack an. Zeitgleich mit den Präsidentschaftswahlen kamen nämlich auf Staatsebene eine Reihe von Referenden zur Abstimmung, von denen einigemit erschreckenden Mehrheiten die Rechte von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen beschnitten. Nachdem monatelang vor allem aus fundamentalistischen 17

Profile for Arcigay Aosta

Centaurus Magazine 04  

Rivista lgbt in italiano e tedesco dell'Alto Adige. La redazione Vi augura una lettura interessante e stimolante, come è stato per noi il l...

Centaurus Magazine 04  

Rivista lgbt in italiano e tedesco dell'Alto Adige. La redazione Vi augura una lettura interessante e stimolante, come è stato per noi il l...

Advertisement