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drei bedeutende Plattenkonzerne veröffentlichten das „Lila Lied“, und der Song wurde ein großer kommerzieller Erfolg. Von Bällen und Tanzabenden war das „Lila Lied“ mit seinem kämpferischen und hoffnungsvollen Text nicht wegzudenken.

DER KLANG DER FREIHEIT

vom „Lila Lied“ zur „Entar teten Musik“

warben selbstbewusst um lesbische und schwule Kunden. Die berühmten Berliner „Tuntenbälle“ wurden in New York und Paris nachgeahmt, und nach dem Vorbild des deutschen „Bund für Menschenrechte“ wurden 1922 mit der „Schweizerischen Freundschaftsbewegung“ die erste Hom osexuellenorganisation der Schweiz und 1924 mit der „Society for Human Rights“ die erste der Vereinigten Staaten von Amerika gegründet.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Fall der alten Monarchien begann für homosexuell liebende Menschen der Traum einer neuen Freiheit: im ganzen Deutschen Reich schlossen sich Homosexuelle zu Vereinen zusammen, und neben Wanderbünden, Religions-, Jugendund Freizeitgruppen entstand mit dem „Freundschaftsbund“ (gegründet 1920, seit 1923 „Bund für Menschenrechte“) erstmals in der Geschichte eine organisierte homosexuelle Massenbewegung im August 1924 zählte der „Bund für Menschenrechte“ bereits über 48.000 Mitglieder! 1919 kam mit „Anders als die Anderen“ der erste Film mit homosexueller Thematik in die Kinos, Magnus Hirschfeld setzte sich mit seinem „Institut für Sexualwissenschaft“ für Aufklärung und politische Gleichstellung ein, und innerhalb weniger Jahre entstand in vielen deutschen Großstädten eine weit verzweigte und vernetzte schwule und lesbische Gemeinschaft. Allein in Berlin gab es in den sogenannten „Goldenen Zwanzigern“ gleichzeitig über 100 explizit schwule und lesbische Lokale, eigene Verlage wurden gegründet, und homosexuelle Zahnärzte, Frisöre oder Schuhmacher

Die „Hymne“ des lesbischen und schwulen Selbstbewusstseins und der neuen Freiheit war das enorm erfolgreiche „Lila Lied“. Der Komponist Mischa Spoliansky versteckte sich hinter dem Pseudonym „Arno Billing“, der Text stammte von Kurt Schwabach, der bis in die 1950er Jahre viele erfolgreiche Schlager, etwa für Zarah Leander oder Freddy Quinn, schrieb. Gewidmet war das Lied „dem unermüdlichen Forscher und Freund Herrn Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld (…)“. Die Noten erschienen im Herbst 1920 im Verlag Carl Schulz, und bereits im Dezember desselben Jahres waren aufgrund der großen Nachfrage fünf Auflagen gedruckt worden. Mindestens 36

verboten und vergessen. Einst bekannte Lieder wie „Sex Appeal“, „Wenn die beste Freundin“, „Raus mit den Männern“, „Adieu mein kleiner Gardeoffizier“, „Mein Liebster muss Trompeter sein“, „Heinrich wo greifst du denn hin?“ oder „Maskulinum - Femininum“ durften nicht mehr gespielt werden, ihre Komponisten wurden mit Berufsverbot belegt oder verfolgt. Der hoffnungsvolle Text der letzten Strophe des „Lila Liedes“ schien wie der ferne Hall einer vergangenen besseren Welt:

Nach der Machtergreifung Hitlers wurde aus dem kurzen Traum von Freiheit jedoch ein Albtraum: Die Aktion „sauberes Reich“ zerschlug alle Verbände Homosexueller, die Lokale wurden gesperrt, im Mai 1933 wurde Magnus Hirschfelds Institut geplündert, zerstört und der Grossteil der berühmten Bibliothek öffentlich verbrannt. Die systematische Verfolgung und Vernichtung Homosexueller begann. Einst selbstbewusste Lesben und Schwule waren gezwungen, zum Überleben in den Untergrund oder die Verleugnung abzutauchen, alles, was homosexuell war oder schien, musste verschwinden. Ein Erlass verbot das Tanzen unter Männern, und hunderte Lieder mit – auch nur angedeutet – homosexuellen Texten wurden als „entartete Musik“ abgestempelt,

Doch bald, gebt acht, wird über Nacht auch uns’r ’ e Sonne scheinen. ’r Dann haben wir das gleiche Recht erstritten, wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten!

> Conny Cossa

Einen Blick in das immer wieder überraschend mutige und selbstbewusste lesbische und schwule Berlin der Zwanziger Jahre gibt das Konzert „Angels over Berlin – Spirits of the Berlin Cabaret from 1920 to today“ der bekannten Chansonniere Ute Lemper am 17. April 2009 im Stadttheater Bozen. Auf ihrem Album „Berlin Cabaret Songs“, das vielen vergessenen Songs der „Goldenen Zwanziger“ neues Leben einhaucht, interpretiert Ute Lemper das „Lila Lied“ und einige andere Perlen der „Entarteten Musik“. Eine Reihe spezialisierter CD Anthologien mit Originalaufnahmen aus den 1920ern sind im Handel erhältlich, hingewiesen sei z.B. auf die folgenden CDs: „Schwule Lieder 1 und 2 – Perlen der Kleinkunst“ „Die schwule Plattenkiste - vom Hirschfeldlied zum Lila Lied. Schwules und lesbisches in historischen Aufnahmen 1908 – 1933“ „Wir sind, wie wir sind! Homosexualität auf Schallplatte – Aufnahmen 1900 bis 1936“

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Centaurus Magazine 04  

Rivista lgbt in italiano e tedesco dell'Alto Adige. La redazione Vi augura una lettura interessante e stimolante, come è stato per noi il l...

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