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Bauen in China – Construire en Chine

archithese Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur Revue thématique d’architecture

6.2004 Notizen aus Peking und Shanghai Chinas Suche nach einer nationalen Form Shanghai: 2010 – How to ruin a city The Urban Planning Exhibition Hall, Shanghai Revitalisierung traditioneller Baustrukturen Die Aktivitäten des Developers SOHO Interview mit Jacques Herzog Pragmatismus und Vision: Albert Speer im Gespräch Rem Koolhaas’ Stadt der erbitterten Gegensätze Bauten und Projekte: agps, Burckhardt und Partner, Burkhalter Sumi Architekten, Herzog & de Meuron, Otto Steidle, Steven Holl Riken Yamamoto Beijing Jian Wai SOHO Toyo Ito & Associates Performing Arts Centre, Matsumoto Kurt Lustenberger & Jörg Condrau Gemeindehaus Ebikon

archithese 6.2004

November/Dezember

Preis: 28 CHF/18 Euro

Bauen in China Construire en Chine

mit Leserdienst 126


EDITORIAL

Bauen in China Kein Chinese habe die Mao-Jacke ausgezogen, auch wenn die Revolution vorüber sei, liess der 1956 in Tsingtao geborene Künstler Sui Jianguo vor einiger Zeit wissen. Am Rande Pekings, auf dem Gelände einer ausgedienten Fabrik für Militärelektronik, die seit wenigen Jahren als Kulturzentrum umgenutzt wird, steht Suis Plastik Mao Jacket: eine gegossene, erstarrte Mao-Jacke, die ihre Form bewahrt, aber ihres Inhalts längst verlustig gegangen ist. Die Hülle, behelfsmässig durch Keile gestützt, ist erstarrt, als sei ein neuer Träger schon vorhanden, bloss unsichtbar. So ist die Plastik ein einprägsames Bild für ein Land, für eine Gesellschaft in Transformation, die gleichwohl die Gespenster der Vergangenheit kaum gebannt hat. Ohne Zweifel sind die Wandlungsprozesse der vergangenen Jahre ebenso atemberaubend wie faszinierend und erschreckend, und doch ist das Ziel der hemmungslosen Dynamik nicht recht zu fokussieren. China mit seiner Legierung aus Marxismus und Marktwirtschaft kann als das effizienteste Beispiel der neuen Boom-Staaten gelten, die sich innerhalb kürzester Frist in die Zukunft katapultieren. Wie lange dieser Prozess anhält, ist nicht vorauszusagen. Für Architekten aus dem Westen wurde China in den vergangenen Jahren nachgerade zum gelobten Land. In einer Zeit, da im alten Europa die Aufträge rar und die Städte gebaut sind, avanciert das Land der Mitte zum Hoffnungsträger, zumal das Interesse für qualitätsvolle Architektur wächst. Unkritische Euphorie ist nicht das Ziel des Heftes; es will dem zeitgenössischen Bauen in China auf mehreren Ebenen nahe kommen. Worin besteht für hiesige Architekten der Reiz, in einem Land zu bauen, in dem die Spielregeln ständig neu definiert werden und man gewahr sein muss, nach der ersten Runde das Feld zu verlassen? Was erwarten die chinesischen Auftraggeber von ihren westlichen Zulieferern? Wie entwickelte sich das chinesische Baugeschehen in den letzten Jahrzehnten, was sind die Verluste der Modernisierung? In einer Serie von Fotografien aus dem Jahr 1995 sieht man, wie der Künstler Ai Weiwei eine zweitausend Jahre alte Han-Vase fallen lässt. Ohne Regung, als geschehe nichts. Redaktion

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Ai Weiwei: Dropping a Han Dynasty Urn, 1995


TRANSFORMATIONEN ALLERORTEN

Text: Hubertus Adam Wir haben Glück an diesem Tag in Shanghai. Von der Seepromenade des Bund aus, die von den Bauten der Kolonialzeit gesäumt wird, fällt der Blick über den Huangpu River hinüber auf Pudong, den Stadtteil, der Chinas Aufbruch in ein neues Zeitalter symbolisiert. Wir haben Glück, weil kein Nebel und kein Smog den Blick trübt und sich das Panorama so darbietet, wie es inzwischen zur Ikone geworden ist. China sieht Shanghai gerne in der Rolle eines Manhattan des Ostens – doch davon, ein wirklich lebendiger Stadtteil zu sein, ist Pudong noch weit entfernt. Ohnehin ist das Konzept, einen High-Rise-Bürostadtteil als Satelliten zu errichten, eher La Défense oder den Londoner Docklands verwandt. Nach Vorplanungen in den Achtzigerjahren veranstaltete die Stadtregierung von Shanghai 1992/93 einen Wettbewerb, zu dem auch Massimiliano Fuksas, Toyo Ito, Dominique Perrault und Richard Rogers eingeladen wurden. Den Sieg trug schliesslich das Team des Shanghai Urban Planing and Design Institute davon, das sich, positiv ausgedrückt, bei seinem Entwurf von Ideen der internationalen Prominenz inspirieren liess. Inzwischen ist der TV-Tower, mit seinen Kugeln ein Derivat aus Atomium und Berliner Fernsehturm, zum Wahrzeichen geworden, hinter dem sich die Hochhausketten von Pudong gruppieren. Erst aus der Nähe wird erkennbar, wie locker das Arrangement ist; wäre der Central Business District (CBD) stärker verdichtet, so würde er eher überzeugen. Auch architektonisch hat Pudong bislang wenig zu bieten. Die Ausnahme stellt der Jin Mao Tower von SOM dar – mit 421 Metern das höchste Gebäude in China. Die Form ist von der Eisenglanz-Pagode in Kaifeng inspiriert, das Hochhaus kann als eines der wenigen guten Beispiele für eine Legierung aus westlicher und östlicher Formensprache gelten. In den Geschossen 53 bis 87 befindet sich das von dem Büro Tatrone aus Miami eingerichtete Grand Hyatt mit 555 Zimmern, das sich um ein spektakuläres Atrium gruppiert. *** Zwischen dem Jin Mao Tower und dem Fernsehturm liegt eine gewaltige Shopping Mall. Hier, aber auch an anderen gut besuchten öffentlichen Orten, stehen aufgeständerte Kugeln. Man wirft eine 1RMB-Münze ein, blickt durch die Okulare in das Innere und sieht – jeweils für einige Sekunden – auf insgesamt zehn Bilder von Urlaubslandschaften. Auch wenn die kleinen Projektionskugeln in der Binnenwelt der Mall simpel, fast schon archaisch wirken, so sind sie doch gerade bei einem jugendlichen Publikum beliebt. Farbiges Licht spielt in China eine wichtige Rolle, gerade in Shanghai. Die Nanjing Road, Hauptgeschäftsstrasse der Stadt, mit ihren nächtlichen Leuchtreklamen entspricht den Vorstel-

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Notizen aus Peking und Shanghai Die wirtschaftliche Entwicklung in China konzentriert sich vor allem auf die küstennahen Regionen

lungen einer lebendigen asiatischen Stadt, und in der Nähe ist vor wenigen Jahren auch ein eigenes Chinatown enstanden – in Häusern mit glühbirnenbesetzten Pagodendächern. Blickt man abends vom Bund aus hinüber nach Pudong, so sticht die

im Osten des Landes, und hier vor allem auf die grossen Städte. Peking

Fassade des Aurora-Hochhauses hervor. Eine 17 Geschosse

und Shanghai zählen zu den Metropolen der Welt. Notizen von einer

überspannende Fläche wird als gigantischer Projektionsschirm

Reise nach Pudong, nach Luchao und zur ersten Architekturbiennale,

verwendet, dem gegenüber auch der Times Square verblasst.

die in diesem Jahr in Peking stattfand. 8

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***


1986 legte die Stadtverwaltung den Comprehensive Plan of

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erstellten Business-Komplexen. Es dämmert, der Bus wird

Shanghai 1983–2000 vor, den ersten Stadtentwicklungsplan.

immer leerer, und nach zweieinhalb Stunden Fahrtzeit haben

Dieser umfasste die Verkehrsinfrastruktur, die Brücken über

wir das ungute Gefühl, fern der Zivilisation in einem Be-

den Huangpu, die Entwicklung Pudongs als CBD. Inzwischen

triebshof die Nacht verbringen zu müssen. Doch dann errei-

liegt ein neues Planwerk vor, der in den Neunzigerjahren aus-

chen wir ein kleines Dorf, und die Fahrerin bedeutet uns aus-

gearbeitete Comprehensive Plan of Shanghai 1999–2020. Die

zusteigen. Irgendwie gelingt es ihr, uns zu vermitteln, dass

wichtigste Entscheidung bestand darin, die Kernstadt durch

wir in Luchao sind und der nächste Bus Richtung Shanghai

elf «New Towns» zu erweitern, zu denen noch 21 kleinere

am Morgen um sieben fährt. Wir laufen etwas verunsichert

«Central Towns» kommen. Zehn der Satelliten umgeben die

durch den Ort – hier fällt man als Europäer noch richtig auf.

Stadt in Ringform, der elfte wird auf Chongming Island im

Von der Grossbaustelle ist nichts zu sehen, auch vom Meer

Mündungsdelta des Yangtse angelegt. Inzwischen wurde

nicht. Eine Brücke führt über einen kleinen Fluss, unten

eine Reihe von Wettbewerben durchgeführt: Atkins Interna-

ist eine Reihe hölzerner Schiffe vertäut. Vor einem Restaurant

tional aus Grossbritannien entwarfen den Masterplan für

steht ein Portier und salutiert. Wir fragen nach einem Taxi,

Sengjiang, Gregotti Associati den für Pujiang und von Ger-

und der Portier weist zu einem Mann, der in einem Auto sitzt.

kan, Marg und Partner den für Luchao, das als Hafenstadt südwestlich von Shanghai errichtet wird. Ohne Zweifel ist das Projekt für Luchao, das einmal 300 000 Einwohner aufnehmen soll, das eindrucksvollste und symbolkräftigste aller

1 Blick vom Jin Mao Tower über den Hangpu River und über Shanghai (Fotos 1– 4, 7+8: Hubertus Adam)

neuen Städte. Dem Bild eines Wassertropfens folgend, der konzentrische Ringe entstehen lässt, entwarfen die Hamburger Architekten die Stadt rings um einen kreisrunden, mit

2 Blick vom Bund in Shanghai auf Pudong

dem Meer verbundenen See. Büro- und Geschäftsnutzungen finden sich in dem inneren Ring, der den See flankiert, die einzelnen Wohnviertel, auf Grundrissen in Form von Quadratrastern organisiert, liegen weiter ausserhalb. gmp ist mit mehr als hundert Projekten das ausländische Architekturbüro, das sich am stärksten in China engagiert. Die dortigen Aktivitäten begannen 1998, als die Hamburger den ersten Preis im Wettbewerb für die Deutsche Schule in Peking gewannen. *** Wir haben uns im Hotel das Wort Luchao auf chinesisch aufschreiben lassen und zeigen es der Busfahrerin, die ein zustimmendes Zeichen gibt. Von Pudong aus geht es durch eine endlose Peripherie aus Fabriken, Wohnsiedlungen und neu

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SHANGHAI : 2010

world. Shanghai is ranked 2nd in China, just behind Beijing, but higher than many other international cities including Paris, Sydney, Los Angeles, Chicago, Taipei, and Singapore. In terms of real estate, this difference is even more acute. While Shanghai ranks below the benchmark city New York in terms of total cost of living, it is more expensive in terms of

How to ruin a city in five years We stand at a crossroads in history. Having arrived in the city of today, we must be critical of the path

real estate. A 200-square-meter furnished apartment in the eastern metropolis Shanghai, for example, rents at 9 400 U.S. dollar a month. This is higher than 7 500 U.S. dollar in New York.

we took to get here. For only in this criticality is it possible to generate optimism for the future. By studying negative trends in Shanghai’s

What we see from this ranking is that prices in Shanghai, and the costs of everything – including and especially real es-

urban development, we open the door to positive and interesting

tate – are certainly on par (and in many cases well over par)

trajectories, new solutions, and new dreams for the city of tomorrow.

with global cities. Shanghai has achieved international standard prices. As to whether these prices reflect in the quality,

Text: Thomas Chow

however, is another question.

Ever since 1949, when Mao Zedong outlined his first 5-year plan, modern China has planned its economic and policy as-

3. QUALITY: LOOKING GRIM

pirations, dreams, and ambitions in 5-year increments. At the

Has all this sheer quantity and wealth created a better living

dawn of what promises to be an explosive era of urban de-

environment? In contrast with costs of Living, Shanghai and

velopment in Asia, it seems only prudent to take a long, hard,

other Chinese cities rank at the bottom of the list in the Mer-

look at the path we took to get here, as well as reflect upon

cer Quality Living Index 2004. Compared with 30 nations with

the possible trajectories that lay before us on our road to

over 20 million people, China ranks 16th in terms of quality of

building the cities of tomorrow.

living – below Philippines, India, South Africa, Thailand and Malaysia. In the city ranking, Shanghai is at the bottom of the

Countdown to 2010 With the clock ticking and five years remaining until the 2010

list, ranked 107th in a list of 144 cities. This is a disappointing outcome after years of solid, dou-

World Expo, Shanghai’s running out of time to meet and achieve

ble-digit economic growth, massive urban development and

her loftiest aspiration; to embody the theme described in fol-

investment, and skyrocketing real estate prices. What can

lowing four mysterious words: better city, better life.

we, as designers, do to improve this condition? Isn’t the

I would like to examine Shanghai’s recent urban history in re-

whole rhyme and reason behind design as a discipline to in-

spect to four major factors: Quantity, Cost, Quality, and Design.

crease the quality of our existence? Where have we gone so terribly wrong?

1. QUANTITY: BOOM! Shanghai as one of the foremost cities of China’s development

4. DESIGN: DREAM OR NIGHTMARE?

has experienced in recent years, what can only be described

China has become the architectural playground for interna-

as unprecedented growth – an architectural building boom

tional architects and developers, with Olympic projects in

which in sheer quantity has been unprecedented in the his-

Beijing to Skyscrapers in Shanghai, with new real estate and

tory of human development. In the last five years, there has

architectural opportunities hatched every minute of every

been 20 million square meters of new housing development

day in the board rooms of corporations as well as on the back

within Shanghai’s inner ring road alone.

of envelopes of countless entrepreneurs.

One only has to look at Pudong: In the past 15 years (or

Has all this become an architectural dream come true, or

just three short five-year plans) Pudong has developed no

simply an urban nightmare of mass densification? How can

less than 75 skyscrapers and millions upon millions of square

all the building activity contributed over the past 10 years re-

meters of stuff – office towers, apartments, villas, and super-

sult in an urban condition of such mediocre quality?

brand malls. The rest of Shanghai is no different. There have

To be fair, quality of living is a standard that comes a bit

been 2 000 skyscrapers constructed in Shanghai in the past

slower than sheer development. Hardware is more easily

decade, more than there exist in total in the entire west coast

learned and absorbed, while software, design, ideas – cre-

of the United States.

ativity – take a longer period of digestion. The principle

At the end of all this, one has to ask: What has all this hard

crisis, however, is that the urban condition is a living cata-

work produced? Surely we must be much better off today

logue of those successes and failures. While attitude can

than we were a decade ago?

change in a heartbeat, steel and concrete can not; long after we have learned the error of our ways, our urban condition

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2. COST: SKY HIGH PRICES ALONG WITH SKYSCRAPERS

and the city around us are quite literally set in stone, con-

Among 144 international cities, Mercer’s 2004 Cost of Living

crete, steel and glass. Most buildings live much longer than

Index ranks Shanghai as the 16th most expensive city in the

most ideas do.


Otto Steidle : Wohnungsbau, Beijing Image, Peking, 2003 Der Entwurf des im letzten Jahr verstorbenen Architekten Otto Steidle für ein Wohnquartier im Westen von Peking versucht, chinesische Tradition und die westliche Vorstellung vom Wohnen zu vereinen. Lofts schaffen Raum für Wohnen und Arbeiten. Der in Peking spärlich vorhandene öffentliche Raum wird ergänzt. Verschiedenfarbige Türme, Hofbauten und Riegel bilden eine Einheit und werden zum Orientierungspunkt in einem eher strukturlosen Gebiet, das sich aus Autobahnkreuz, Quartierzonen und Grünraum zusammensetzt.

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HÖFE, RIEGEL, TÜRME

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1 Situationsplan Eine in Nord-SüdRichtung verlaufende zweigeschossige Arkade erschliesst das ganze Quartier für Radfahrer und Fussgänger 2 Gesamtansicht Die Wohnanlage befindet sich an der westlichen vierten Ringstrasse auf dem Grundstück einer ehemaligen Textilfabrik. Die geforderte hohe Dichte erreicht das Projekt durch vier- bis neungeschossige Zeilen, die durch höhere Quergebäude miteinander verbunden sind. So entsteht eine lebendige, urbane Siedlung mit Wegen, Höfen und Plätzen (Fotos 2, 5 –7: Franziska von Gagern)

Text: Otto Steidle

Beeindruckt hat mich die Direktheit, mit der weitläufige

Meine Eindrücke von Peking waren vielschichtig. Wir euro-

Strassenzüge von grossen Bauten gefasst sind und so neue

päischen Architekten suchen immer das Spezielle und Unter-

grossstädtische Räume entstehen lassen. Diese Strassen, sel-

schiedliche zu unserer Kultur, zu unserer Stadt, zu unseren

tener Plätze, die einer Metropole entsprächen, sind an eini-

Häusern. Dabei sind es besonders die flächigen Strukturen

gen wenigen Stellen erkennbar und zeigen eine Strategie,

der Altstädte und Dörfer, die wir lieben, denen wir nachtrau-

mit der die vielen baulichen Aktivitäten der Stadt zu einem

ern, wenn wir sie nicht mehr finden. Die Lebendigkeit und

Grossen und Ganzen gefügt werden könnten.

Vielfalt, Buntheit und Gleichförmigkeit. Im Kontrast dazu die

Stadt ist nicht nur eine Ansammlung von einzelnen archi-

prächtigen Tempel, Klöster und Paläste mit ihren weit aus-

tektonischen Leistungen. Stadt ist das Ergebnis vieler Kräfte,

ladenden Dächern und Gesimsen, ihren Materialien und far-

die eine grössere Idee, ein grösseres Gefüge hervorbringen.

bigen Teilen. Diese Vorstellungen verbinden wir mit der Ar-

Dort kann Peking, können die grossen Städte Chinas an die

chitektur und Kultur Chinas, obwohl wir wissen, dass sie aus

Tradition der westlichen Metropolen anschliessen, aber auch

Epochen mit ganz anderen sozialen und kulturellen Hinter-

an ihre eigene Tradition. In ganz anderem Massstab kann das

gründen stammen.

räumliche Gefüge der Altstadt auch mit den neuen grossen

Wie aber steht es mit der Architektur der letzten 50 Jahre, die zuerst geprägt wurde von der sozialistischen Architektur

Bauten korrespondieren. Mein eigener Entwurf für Peking-Image, von mir Peking

der Sowjetunion und den Bauten, die in den letzten Jahren

Drachen genannt, stellt den Versuch dar, mehrere Aspekte der

unter westlichem Einfluss entstanden sind?

Tradition und des Fortschritts zu integrieren: die Tradition

Beiden Epochen konnte ich mehr Sympathie entgegen-

des Raumes und der Südausrichtung, die Zuordnung zum Hof,

bringen, als ich angenommen hatte. Die sowjetisch beeinfluss-

die starke Form- und Symbolfreude. Die Figur des «Drachen»

te Wohnbau-Architektur, insbesondere jene Bauten mit ihren

wechselt zwischen der Anordnung von Wohnhöfen und weit-

langen Fronten horizontaler Gliederung, verglasten Südseiten

räumigen Gärten. Jedes Haus hat Anteil an beidem. Die süd-

und einfacher Farb- und Materialwahl, haben mich in dieser

seitigen Wohnbereiche der jeweiligen Höfe sind vier- bis fünf-

kollektiven Stärke, oft auch in ihrem Massstab und ihrer Glie-

geschossig, die nordseitigen sieben- bis elfgeschossig. So ver-

derung beeindruckt. Die neueren Bauten der grossen Banken,

mitteln die Gebäude zwischen unterschiedlichen Massstäben

Hotels, Kauf- und Bürohäuser, aber auch manche Wohnhäuser

und Situationen. Eine alle Einheiten verbindende Diagonale

und Wohntürme vermitteln etwas von dem ungeheuren Po-

(zweigeschossige Arkade) erschliesst das gesamte Quartier.

tenzial Chinas, das die soziale und ökonomische Geschichte

Der durchgehende dunkelrote Sockel und die unterschiedlich

erahnen lässt. Auch wenn das Land noch nicht zu einer eige-

gefärbten oberen Bereiche akzentuieren und charakterisieren

nen architektonischen Kultur gefunden hat, schaffen diese

die einzelnen Häuser. Mein erster Aufenthalt in Peking von nur

neuen Bauten einen Eindruck von der ökonomischen Ent-

einer Woche war kurz. Er hat gereicht, um die Eindrücke, die

wicklung, von dem sozialen Gefüge und von dem Wunsch

historischen und die neuen, aufzunehmen, und sie zu einer

nach Schönheit und Pracht dieses Landes und dieser Städte.

korrespondierenden Entwurfsidee zu formen. Entwurfsziel

Oft sind es eigenwillige Mischlinge aus westlichem Fort-

war kein sentimentaler Rückgriff, aber auch keine rein westli-

schrittsgeist und chinesischer Zeichenhaftigkeit.

che Fortschrittsgläubigkeit.

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1

CHINA IM SPIEGELGLAS

Rem Koolhaas’ Stadt der erbitterten Gegensätze Rem Koolhaas’ Untersuchungen der zeitgenössischen Stadt haben seit den Neunzi-

Text: Marc Angélil Ist Rem Koolhaas der neue Marco Polo, der als Reisender in die Heimat zurückkehrt und von Städten berichtet, die nur

gerjahren den Diskurs zum Urbanismus geprägt – sowohl hinsichtlich der behandelten Inhalte als auch der Form ihrer Präsentation. Dass

wenige kennen? Seine Ausführungen erinnern an Italo Calvinos Roman Die unsichtbaren Städte, in welchem Marco

dabei China eine zentrale Rolle einnimmt, mag aufgrund der markt-

Polo, im Gespräch mit dem Mongolenherrscher Kublai Khan,

wirtschaftlichen Öffnung des Landes und der damit einhergehenden

Städtebilder von unterschiedlicher Beschaffenheit entwirft:

atemberaubenden Entwicklung chinesischer Metropolen kaum überraschen. Die vorbehaltslose Aufnahme westlicher Werte und deren

ephemere und ortsgebundene Städte, solche aus Stein und Marmor oder mit Schiessbuden und Karussells; prekäre Städte, die durch beschränkt belastbare Seile vor dem Ab-

Übersteigerung im Kontext der chinesischen Kultur führt jedoch dazu, sturz bewahrt werden müssen; begüterte Städte, die ihren

dass diese – im Sinne eines Ricochet-Effekts – auf den Westen wie-

Wohlstand an den täglich wachsenden Müllbergen messen;

derum zurückgeworfen werden. China dient Koolhaas als Spiegel, um

oder selbst eine Stadt, deren Sinnbild sich durch das Ebenbild

über unsere Städte zu reflektieren.

ihrer Spiegelung im Wasser ergibt.

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Aus der Sicht des Okzidents wurde der Orient immer mit

gestopft mit Türmen aus Glas und Stahl», die an New York

Reisen assoziiert, Reisen in andere Welten, die den Zauber

oder – aus heutiger Sicht – an Shanghai erinnern, oder Agglo-

einer uns fremden Kultur evozieren und dabei die Kategorien

merationen, deren Raster «ohne Anfang und Ende» der form-

unseres Denkens herausfordern, wie es die von Jorge Luis

losen Gestalt Los Angeles’ Konkurrenz erweisen.7

Borges zitierte chinesische Enzyklopädie impliziert, in wel-

Wenngleich Calvinos Parabel nicht übermässig bean-

cher phantastische Kreaturen in unkonventionelle Gruppie-

sprucht werden soll, eröffnet sie hinsichtlich Koolhaas’ Ana-

rungen unterteilt werden.1 Denn China stehe – in der Art, wie

lyse urbaner Phänomene eine Reihe von Erkenntnissen. Auf-

es innerhalb der westlichen Kultur wahrgenommen wird – für

grund seiner Untersuchungen in China erarbeitet Koolhaas

das Bild des Anderen, dessen Kategorien einen Raum bele-

eine Konzeption der Stadt, die im Sinne eines Modells auf an-

gen, schreibt Michel Foucault, «der völlig mit komplexen

dere Städte übertragen werden kann. China bildet die Folie,

Figuren, verflochtenen Wegen, seltenen Plätzen, geheimnis-

die ihm als Hintergrund dient, um die Stadt der Gegenwart zu

vollen Passagen und unvorhergesehenen Kommunikationen

ergründen – unabhängig ob in Asien, den Vereinigten Staa-

Ebenso scheint die von Calvino erdachte,

ten oder Europa. Je weiter er sich in den unbekannten Bezir-

fabelhaft anmutende Berichterstattung Marco Polos dem

ken des Morgenlands verliert, umso mehr beginnt er, die ihm

überladen

ist».2

Charme exotischer Schilderungen zu verfallen. Jedenfalls ist

scheinbar vertrauten Städte des Abendlands zu verstehen.

nicht gesagt, dass Chinas Kaiser alles glaubt, was er vom

Mit einer Fülle von Konzepten, deren Terminologie jene der

Venezianer zu hören bekommt: «Deine Städte existieren

Erzählungen Calvinos in mancher Hinsicht übertrifft, entwirft

nicht. Warum verschwendest Du deine Zeit an tröstliche Mär-

er ein Bild der Stadt, das die «Vertrautheiten unseres Den-

chen? Ich weiss wohl, dass mein Imperium dahinfault wie

kens» in Unruhe versetzt.8

eine Leiche im Sumpf.»3 Und so versucht Kublai Khan aus den spezifischen Eigen-

Die Forschung: Harvard Project on the City

arten der ihm geschilderten Städte ein allgemeingültiges

Auslöser des Unterfangens ist die Harvard Universität. Mitte

Stadtmodell zu erarbeiten, von dem «sämtliche möglichen

der Neunzigerjahre nimmt Koolhaas eine Einladung der Gra-

Städte abzuleiten sind». Dieses Modell, so der Kaiser, «ent-

duate School of Design an, im Rahmen der Thesis Studios zu

hält alles, was der Regel entspricht», wobei er von den

unterrichten, wobei der Fokus der Lehre auf aktuelle Ent-

Sonderfällen absieht, um den Normfall zu ermitteln. Marco

wicklungen städtischer Territorien gelegt werden soll. Leit-

Polo erwidert: «Auch ich habe mir das Modell einer Stadt

motiv ist die Vorstellung, dass die Hochschule bedingungslos

ausgedacht, von dem ich alle anderen ableite; es ist eine

ihren Aufgaben nachgehen kann, dass nichts ausser Frage

Stadt, die nur aus Ausnahmen, Ausschliessungen, Gegen-

stehen darf.9 Insbesondere sollen die vom Architekturdiskurs

sätzlichkeiten, Widersinnigkeiten besteht.»4

ausgeschlossenen Domänen beleuchtet und einer Überprü-

Während der Lektüre bemerkt der Leser, dass Calvino, der

fung unterzogen werden. Statt in einem traditionellen Sinne

China nie besucht hatte, aber die überlieferten Aufzeichnun-

zu unterrichten, werden neue Studienformen erprobt, in wel-

gen von Marco Polos Reisen kannte, ein Bild von Städten zu

chen Lehre und Forschung zueinander in Wechselwirkung

skizzieren beginnt, die unseren zunehmend entsprechen.5

stehen. Die Entwurfslehre wird von ihrer tradierten Fixie-

«Jedesmal, wenn ich dir eine Stadt beschreibe, sage ich et-

rung auf das architektonische Objekt gelöst und im Bereich

was über Venedig», lässt Calvino seinen Protagonisten be-

der Recherche situiert.

kennen.6 Allerdings steht Venedig wiederum für andere

Und so beginnt die Arbeit, deren Vorgehensweise wo-

Städte, die der Kaiser und Marco Polo in einem Atlas zu er-

möglich an Robert Venturis und Denise Scott Browns Analyse

kunden versuchen. Hier treffen sie auf Orte, die von keinem

von Las Vegas anknüpft, mit der Betrachtung von Fallbei-

Kartografen erfasst wurden, da der Atlas die sonderbare

spielen, woraus Erkenntnisse für ein Verständnis der Stadt

Eigenschaft besitzt, besiedelte Gebiete darzustellen, «die noch

der Gegenwart gewonnen werden sollen. Gleichsam als Kul-

keine Form und keinen Namen haben»: Metropolen, «voll-

turanthropologen streifen Koolhaas und seine Mitarbeiter

1 Sui Jianguo: Mao Jacket, Dashanzi 798, Peking (Foto: Hubertus Adam) 2 Rem Koolhaas: Pearl River Delta, Präsentation auf der Documenta 5, 1997

2

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ARCHITEKTUR AKTUELL

Neue Urbanität

RIKEN YAMAMOTO & FIELDSHOP : JIANWAI SOHO, PEKING, 2000 – 2007

Zunächst mag die Grundrissfigur des von Yamamoto entworfenen Wohn-, Büro- und Geschäftskomplexes stereotyp und schematisch anmuten. Doch ein Besuch vor Ort zeigt, dass hier eines der wenigen neuen Quartiere Pekings entstanden ist, das den öffentlichen Raum zum Thema macht.

1 Blick auf den öffentlichen Bereich und die Stadtvillen zwischen den Wohnhochhäusern (Foto: Tomio Ohashi) 2 Situationsplan

1

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Zwei architektonische Trends dominierten das

Peking. In der Tat zeigt der Situationsplan Hoch-

Baugeschehen in China, äusserte Pan Shiyi un-

häuser von identischem quadratischem Grund-

längst, zusammen mit seiner Frau Zhang Xin Be-

riss, die auf Basis eines Rasters über das zur

sitzer von SOHO China Ltd. Da seien zum einen

Verfügung stehende Areal verstreut sind. Dieser

private Developer, die ihre Bauten mit missver-

Raster weicht – aus Gründen der Belichtung – um

standenen, verspätet-postmodernen Zitaten anrei-

25 Grad von dem für Peking charakteristischen or-

cherten. Und dann gebe es die staatlich gesteuer-

thogonalen Nord-Süd-Raster ab. Wer jedoch die

ten Unternehmen, welche – ohne nach heutigen

fertig gestellte östliche Hälfte des Bauensembles

Bedürfnissen zu fragen – die Rezepte aus der Zeit

besucht, wird eines Besseren belehrt. Es ist wahr-

der alten Planwirtschaft weiterhin anwendeten.

lich nicht Monotonie, welche Jianwai SOHO prägt,

SOHO versucht sich seit einiger Zeit an Alter-

im Gegenteil: Wenn Yamamoto davon spricht,

nativen, und mit der Fertigstellung der ersten Pha-

sein Ziel sei es, ein «urban environment» zu er-

se von Jianwai SOHO Ende 2003 ist in der Tat ein

zeugen, so ist ihm genau das gelungen.

Stadtviertel entstanden, das innerhalb des derzeitigen Baubooms als exzeptionell einzustufen ist. Nach ersten erfolgreichen Versuchen mit dem

SOHO New Town ist in einen der Hauptstrasse zugewandten, eher öffentlichen Teil mit Geschäftsnutzungen im Sockel sowie einen privaten,

Wohnkomplex SOHO New Town Ende der Neunzi-

parkartigen, den Bewohnern vorbehaltenen rück-

gerjahre entschieden sich Zhang und Pan, das

wärtigen Teil differenziert. In Jiangwai hat man ge-

Konzept flexibel nutzbarer loftartiger Wohnungen,

nau diese Trennung aufgehoben: Erdgeschoss

so genannter «small offices home offices», in einen

sowie erstes und zweites Obergeschoss sämt-

noch grösseren Massstab zu übertragen. Dafür

licher Wohnhäuser werden kommerziell genutzt –

wurde ein früheres Industrieareal gefunden, das

von Büros, aber auch von Clubs, Cafés oder Re-

attraktiv am Rande des neuen Central Business

staurants. Dadurch gewinnen die Freiflächen zwi-

District liegt und im Süden an den Tonghui River

schen den Gebäuden nicht einen parkartigen,

angrenzt. Noch im Jahr 2000 wurde ein Wettbe-

sondern einen urbanen und öffentlichen Charak-

werb zwischen Rocco Design aus Hongkong sowie

ter. Ihre Attraktivität wird verstärkt durch die Ver-

den japanischen Architekten Arata Isozaki und Ri-

bannung des Autoverkehrs in das Untergeschoss.

ken Yamamoto ausgeschrieben; Yamamoto trug

Zugegeben, Tiefgaragen sind Standardelemente

den Sieg davon. Schon acht Monate später war

von Wohnkomplexen seit der Spätmoderne. Doch

Baubeginn für den Gesamtkomplex mit einer Ge-

hier besteht die Ebene der Autoabstellplätze nicht

schossfläche von insgesamt 700 000 Quadratme-

aus endlosen, schwach beleuchteten Betonhallen,

tern.

sondern ist eine zweite öffentliche Zone, die über

Ein erster Blick auf das Konzept von Yamamo-

weite Öffnungen und diverse Treppen und Auf-

to mochte den Verdacht nähren, hier entstünde ein

gänge an die Erdgeschossebene angebunden ist.

neuerliches stereotypes Quartier wie allerorten in

Permeabilität tritt hier an die Stelle von Trennung, und selbst Geschäfte, Sportanlagen und Restaurants funktionieren auf dem tieferen Niveau.

Anti-hierarchisches Stadtquartier Yamamoto konnte damit einmal mehr das Konzept einer zellulären, nicht-hierarchischen Stadt umsetzen, das auch seinen japanischen Projekten zugrunde liegt (vgl. archithese 6.00). Grundelemente werden repetiert, diverse Verbindungen wie Treppen, Brücken, Wege schaffen die Möglichkeit für informelle, beiläufige Kontakte. Ergänzt wird das Ensemble der bisher errichteten neun Wohnhochhäuser durch zwei Büroblöcke über rechteckigem Grundriss, die das Areal auf der Ostseite zum viel befahrenen dritten Ring hin abriegeln und am Strassenraster der Stadt ausgerichtet sind, sowie durch vier luxuriöse Stadtvillen, die sich in den Quadratraster der Bebauungsstruktur einfügen. Mit den plastischen Dachaufbauten und den die öffentlichen Zonen überspannenden Brücken entstehen auf der Ebene des dritten Obergeschosses 2

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archithese 6.04 - Bauen in China / Construire en Chine