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Vorfabrikation – Préfabrication

archithese Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur Revue thématique d’architecture

2.2003 Offene und geschlossene Bausysteme Plattenbau als Gesellschaftspolitik in der DDR Die Metamorphosen der Platte Entwerferisches Potenzial der Vorfabrikation heute Struktur und Tektonik des Betonelementbaus Planung und Realität: Göhner-Siedlungen, revisited Bauen mit Computern Individualisierte Serienfertigung im Bauwesen Digital geplante Fertighäuser in den USA Vorfabrizierte Einfamilienheime in Japan Modulare Schulhäuser in der Schweiz Herzog & de Meuron Laban Dance Centre, London Burkhalter/Sumi Wohnhäuser, Altendorf

archithese 2.2003

März/April

Vorfabrikation Préfabrication

mit Leserdienst 119


EDITORIAL

Vorfabrikation Die Geschichte der Vorfabrikation umfasst mehrere Jahrtausende. Die Steinblöcke der ägyptischen Pyramiden, die tragenden Teile des Parthenons in Athen wurden im Steinbruch hergestellt und vor Ort montiert; die Römer verschifften ganze Tempel inklusive Bodenplatten, Säulen und plastischem Schmuck. Auch im Holzbau hat sich Vorfertigung wiederholt als besonders sinnvoll erwiesen: Bereits im Japan des 12. Jahrhunderts existierten zerlegbare, auf zwei Handkarren transportierbare Holzhütten, und im 17. Jahrhundert konnte man in Moskau auf dem Markt vorgefertigte Blockhäuser kaufen. Von Leonardo da Vincis zerlegbaren Gartenpavillons für Isabella Sforza über die englischen Lazarettbaracken des Krimkriegs bis hin zum balloon-frame System von George W. Snow – komplett vorgefertigte Holzbauten bewährten sich für höfische Vergnügungen, im militärischen Bereich und im Wohnungsbau. Die neuen Technologien, Energiequellen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Industrialisierung animierten ebenso zu Experimenten wie die neuen Baustoffe Glas, Stahl oder Beton. In den meisten Fällen waren jedoch neben Fragen der rationellen Herstellung und neben ökonomischen Überlegungen auch ästhetische und soziale Visionen im Spiel: Walter Gropius und Le Corbusier sahen im industriellen Bauen nicht nur eine Chance, die anfangs des 20. Jahrhunderts herrschende Wohnungsnot zu lindern, sondern suchten auch neue Impulse für die moderne Architektur; die Staaten des ehemaligen Ostblocks verfolgten mit der Forcierung der Vorfabrikation auch sozial- und wirtschaftspolitische Ziele. Umgekehrt beeinflussten die Umstände, die zur Erstellung von industriell vorgefertigten Gebäuden führten, deren Wahrnehmung: Namentlich Wohnbauten in Betonelementbauweise haben in der Regel keinen besonders guten Ruf, obwohl sie zum Teil eine hohe technische und architektonische Qualität aufweisen und obwohl diese Konstruktionsweise immer noch viel gestalterisches Potenzial besitzt – allzu oft werden sie mit jenen sozialen Missständen assoziiert, zu deren Beseitigung sie hätten beitragen sollen. Auch die heutigen digitalen Technologien bleiben nicht ohne Einfluss auf die Vorfabrikation. Der Einsatz des Computers in Planung und Fertigung ermöglicht es, Sonderteile zum gleichen Preis herzustellen wie Standardelemente. War eine grosse Anzahl gleicher Bauteile bisher Voraussetzung für die Rentabilität der Vorfabrikation – was ihr nicht selten den Vorwurf der monotonen Wiederholung eintrug –, kann heute freier variiert werden. Dies erlaubt beispielsweise eine Anpassung der Gebäude an individuelle Wünsche der Auftraggeber. Der Kreativität werden immer weniger Grenzen gesetzt. Doch diese Gestaltungsfreiheit, die bei gewöhnlichen Konsumgütern mit Enthusiasmus begrüsst oder mit Achselzucken hingenommen wird, hat in der Architektur schwerwiegende Konsequenzen. Die technischen und finanziellen Rahmenbedingungen, die Entwurf und Realisation bisher reguliert haben, sind abrupter und grundlegender gelockert worden als je zuvor; hinzu kommen, zumal in westlichen Gesellschaften, die Erosion verbindlicher ästhetischer Konventionen und starke Individualisierungstendenzen. Die neue Freiheit bedeutet daher auch neue Herausforderungen: Nicht zuletzt muss die Frage nach dem Verhältnis von Regel und Ausnahme, die nicht nur in der Vorfabrikation, sondern auch in Architektur und Städtebau von fundamentaler Bedeutung ist, neu gestellt werden. Redaktion

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Individualisierte Massenproduktion Schalung für ein Element, mit einer computergesteuerten Maschine in extrudierten Polystyrol gefräst: Das digitale Modell des gewünschten Elementes kann direkt umgesetzt werden. (siehe Manufactured Housing)


Figurative Flächen und strukturorientierte Ansätze Auch in der Schweiz hat die endlose Aneinanderreihung phantasieloser Bauten der schweren Vorfabrikation einen schlechten Ruf eingebracht. Die Untersuchung architektonisch interessanter Beispiele zeigt jedoch, dass das entwerferische Potenzial dieser Bauweise bei weitem nicht ausgeschöpft wurde und dass sie auch heute noch inspirierende Fragen aufzuwerfen vermag.

DIE DISZIPLINIERUNG DES BETONS Text: Gian-Marco Jenatsch Motivation dieses Artikels und der zugrunde liegenden Forschungsarbeit über die Vorfabrikation aus Beton sind entwerferische Interessen.1 Die Untersuchung führt weg von der «Platte» hin zu figurativen Flächen, zu Formteilen und zu strukturorientierten Ansätzen. Besonderes Interesse gilt den Sonderfällen, um anhand der architektonisch interessanten Ausnahmen spezifische Fragestellungen zu verdeutlichen, Aussagen über gestalterische Möglichkeiten zu treffen und das entwerferische Potenzial der schweren Vorfabrikation auszuloten. Mit kritischer Neugier werden historische Beispiele untersucht; mittels einer Aufarbeitung sowie deren Projektion auf die Gegenwart sollen Erkenntnisse und Hinweise auf mögliche Entwicklungen dieser Bauweise an der Nahtstelle zwischen Technologie und ästhetischer Wirksamkeit gewonnen werden. Die fundierte Kenntnis ermöglicht einen bewussten und, im speziellen Fall der schweren Vorfabrikation, vielleicht auch pragmatischeren, weniger ideologischen Umgang mit dieser Bauweise. Diese könnte wiederum das Feld architektonischer Themen – im Bewusstsein der entwerferischen Möglichkeiten – ausweiten und einen heutigen zeitbedingten Kanon aufbrechen. Verschiedene Aspekte rücken das Thema der schweren Vorfabrikation wieder in den Fokus der Architekten: das andauernde Interesse an den sixties und damit – nach bereits rezyklierter Mode und gecoverter Musik – an der Architektur der Sechzigerjahre; und, weniger spektakulär, die Aktualität der inhaltlichen Fragen, die damals aufgeworfen wurden und teilweise bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben. Es sind Fragen nach Stadt und Peripherie, nach neuen Wohnformen, nach industrialisierten Baumethoden – und damit nach der Vorfabrikation – und nicht zuletzt nach dem Umgang mit diesem baulichen Erbe.

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Modernism (re)rediscovered

«Normalfall» – typisch für die Schweizer Agglomeration und

Der allgemeine Verstädterungsprozess der Sechzigerjahre

haben, mit der dazugehörigen Atmosphäre, einen eigentlichen

führte in der Schweiz zu einem Wandel der Siedlungsent-

Lifestyle geprägt.

wicklung von der auf zentrale Orte konzentrierten, sich vom

Die Göhner-Siedlungen rund um Zürich, in Volketswil,

«Land» klar abgrenzenden Bebauung zur dezentralen, netz-

Greifensee oder Adlikon, wurden in Grossplattenbauweise,

artigen Besetzung des Territoriums. Dieses grossstädtische

einem von der französischen Firma Camus übernommenen

«Patchwork» prägt das Bild der Schweiz bis heute.

System, errichtet. Architektonisch wenig ergiebig, geprägt

In diesem Prozess kam dem Wohnungsbau eine zentrale

von einer gewissen Banalität, können diese Überbauungen

Rolle zu. Aufgabe der städtischen Wohnbauprogramme der

als städtebaulich-soziologisches Phänomen gelesen werden.

Vierziger- und Fünfzigerjahre und deren privater Fortsetzung

Die Beschränkungen, die mit den oftmals starren, kartenhaus-

in den Sechziger- und Siebzigerjahren war es, die grosse

ähnlichen Plattensystemen einhergingen, und der Wunsch

Lücke in der Wohnungsproduktion zu füllen und neuen Wohn-

nach Gebäuden mit frei nutzbarem Grundriss – Flexibilität als

raum für die wachsende Zahl der vom Land in die Städte und

weiteres Schlagwort der Zeit – liessen ein Studium von Alter-

deren Agglomerationen ziehenden Bevölkerung bereitzustel-

nativen als notwendig erscheinen. Besonderes Augenmerk

len. Zudem hielt der Wohnungsbau eine qualitative Schlüs-

galt dabei neuen Baumethoden, offenen Platten- und Skelett-

selfunktion inne hinsichtlich der Wiederaufnahme und teil-

systemen, sowie einem strukturellen Entwurfsansatz, der oft

weisen Realisierung architektonischer und städtebaulicher

schon im Hinblick auf eine industrielle Fertigung gedacht

Theoreme der Vorkriegsmoderne – etwa der Trennung der

war.4

Funktionen, der Dezentralisierung und Durchgrünung der Wohnquartiere oder dem Topos der

Industrialisierung.2

Das Bauen geschah unter Schlagworten wie Rationalisierung, Standardisierung und Normierung; «Häuser wie Autos»

1 Claude Paillard, Peter Leemann, Siedlung Grüzefeld, Winterthur, 1965 – 1968 2 James Stirling, Studentenwohnheim der Universität St. Andrews, 1964 3 Miguel Fisac, Edificio Dolar, Madrid, 1974

Die im folgenden diskutierten Siedlungen und Gebäude sind solche Projekte. Sie sind nur bedingt beispielhaft für ihre Zeit, weisen aber aufgrund der ihnen eigenen inneren Kohärenz Qualitäten auf, die untersucht werden sollen.

war der Traum, der den Protagonisten vorschwebte. Mit Hilfe technologischer Methoden hoffte man, die akute Wohnungs-

Grüzefeld – Die Kunst der Fuge

not und damit das Problem des Massenwohnungsbaus zu lö-

Die Siedlung Grüzefeld in Winterthur (1965 –1968) von Claude

sen. Wachstumsprognosen, die von 10 Millionen Einwohnern

Paillard und Peter Leemann entstand in der Zeit der grössten

im Jahre 2000 ausgingen, liessen die Vorfabrikation als ideale

Produktionstätigkeit der Ernst Göhner AG.

Lösung erscheinen und zu einem dominierenden Thema des

Der Entscheid für die Vorfabrikation, für ein System aus

Wohnungsbaus der Sechzigerjahre werden. Mechanistisches

Betonsandwichplatten, erfolgte erst nach Vergleichsrech-

Denken und die Fokussierung auf die Technik, verbunden mit

nungen in der Planungsphase. Standardisierung und grosse

der diesem Jahrzehnt eigenen Fortschrittsgläubigkeit, droh-

Serien identischer Elemente als erste Voraussetzungen indust-

ten den Blick auf architektonische oder soziologische Aspekte

rieller Vorfabrikation waren nicht gegeben. Das Projekt be-

des Wohnungsbaus zu

verstellen.3

ruhte jedoch auf einem repetitiven Grundmuster von übereck

Im Zusammenhang mit der Siedlungsstruktur, die das Bild

gestellten Wohneinheiten. Ausgangspunkt für die verschie-

der Schweiz prägt, sind die Bauten der Ernst Göhner AG – als

denen Kombinationen war der Normalgrundriss mit der An-

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NEUTRALITÄT UND AUSDRUCK

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Strukturale Tendenzen im Betonelementbau Unklare Raumprogramme und die Forderung nach Nutzungsneutralität sind ein

Text: Thomas von Ballmoos, Bruno Krucker Struktur als wesentliches Entwurfsthema ist in der Architekturgeschichte nicht neu. Allein die Architektur des 20. Jahr-

Grund dafür, dass viele Architekten ihren Entwurf weitgehend auf die äussere Erscheinung des Gebäudes beschränken. Doch eine

hunderts zeigt eine enorme Palette von Ansätzen. Als Beispiel für eine Kongruenz zwischen Struktur und Charakter

qualitätsvolle Fassade und zurückhaltende, neutrale Räume kön-

kann etwa Frank Lloyd Wrights Laborgebäude für Johnson

nen auch aus einer starken inneren Struktur resultieren – und zwar

Wax (1943 – 50) genannt werden: Es besteht aus einer einzi-

so, dass Fassade, Raum und Struktur eine Einheit bilden. Gerade komplexe strukturelle Elemente eignen sich besonders gut für

gen, raumhaltigen, baumartigen Stütze, die den ganzen Entwurf konstituiert und mit umwickelten Glasröhren als Klimahülle zu einem direkten Ausdruck des Gebäudes führt.

die Vorfabrikation. Einige Überlegungen und zwei AnwendungsbeiEin anderes Beispiel für das entwerferische Potenzial der

spiele aus der Praxis.

Struktur sind die Produktionsgebäude von Owen Williams in Beeston, England (1930 – 32), die stark von statischen und ökonomischen Optimierungen bestimmt sind. Dadurch entsteht der spezifische Charakter der Bauten: Die achteckigen Pilzstützen treten direkt nach aussen und bestimmen über ihre strukturellen Merkmale das Äussere des Gebäudes. Hier hat die ungewohnt konsequente Durchführung der inneren Regelhaftigkeit nicht eine schematischen Wirkung zur Folge, sondern die Erkennbarkeit und die Identität der Gebäude.

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1 Owen Williams, Boots Packed Wets Goods Factory, Beeston/Nottingham, England, 1930 – 32 Die Tragstruktur mit ihren achteckigen Stützen bestimmt den Ausdruck des Gebäudes. 2 Mies van der Rohe, Projekt für ein Bürohaus aus Beton, Perspektive, 1923 Die Direktheit der inneren Struktur bestimmt den Charakter des Gebäudes im urbanen Kontext. 3 Japanische Holzverbindung Der komplexe innere Aufbau der Teile bleibt nach der Montage zugunsten einer einfachen, klaren Erscheinung der Struktur verborgen.

Das zurzeit im Allgemeinen eher geringe Interesse an strukturellen Themen und die vorrangige Bearbeitung der Hülle von Gebäuden mag als Reaktion auf die Unbestimmtheit mancher Gebäude-Programme plausibel sein. Die Verselbständigung der äusseren Hülle und die damit verbundene Reduktion auf die Oberfläche führen allerdings oft zur Trennung von innerem Aufbau und äusserer Erscheinung – und letztlich von Inhalt und Form. Diese Rückzugsstrategien auf die äussere Wirkung eines Gebäudes bringen zudem eine

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beträchtliche Reduktion der Kompetenz und der Kontrolle des Architekten über das Gebäude als gesamtes Gebilde mit sich, welches immer mehr durch komplexe, disziplinübergreifende Systeme bestimmt wird. Unsere Reaktion auf diese Tendenz ist der Anspruch, Eigenheiten des Entwurfes aus den tektonischen Mitteln heraus-

sondern zu fördern – und Unreinheiten als «korrumpierte»

zuarbeiten, die dem Bauen eigen sind: Mit der Re-Validierung

Systematik zur Sichtbarmachung der zugrunde liegenden ent-

der Struktur gelingt es, äussere Anforderungen – wie urbane

werferischen Themen einzusetzen.

Haltung und räumliche Situierung – mit dem inneren Aufbau

Dieses Vorgehen hat uns beim Projekt für die Erweiterung

zusammenzuführen und daraus den Charakter des Gebäudes

der ETH Zürich Hönggerberg dazu geführt, an den Ecken und

zu erzeugen. Ausgehend von einzelnen Themen wird im Folgenden das

Rändern des Gebäudes aus der inhärenten Regelhaftigkeit der gerichteten Struktur heraus Ausnahmen zu erzeugen, die

Potenzial von strukturellen Ansätze in unterschiedlichen Be-

fähig sind, unterschiedliche Themen des Entwurfes auf einer

reichen erörtert. Zwei Projekte – der e-Lab für die ETH-Zü-

strukturell-konstruktiven Ebene zu widerspiegeln. Dank sol-

rich und das Betriebs- und Bürogebäude EWB, Buchs – sollen

chen – auf den ersten Blick irritierenden – Stellen können die

die Überlegungen illustrieren und aufzeigen, dass sich die

spezifische Situation und die Konstituierung des Gebäudes

Vorfabrikation komplexer struktureller Elemente besonders

bewusst gemacht werden. Die Unreinheiten der strukturellen

anbietet.

Ordnung bringen hier die vielschichtigen Eigenschaften des Entwurfs zum Ausdruck. Das direkte Nach-aussen-Treten die-

Regel – Ausnahme

ser Eigenschaften erzeugt die «Fassade», verstanden als Ort

Eine Folge des strukturellen Denkens ist die Wiederholung

des Übergangs, als Rand der inneren Struktur. Im Gegensatz

von gleichen Massen und Teilen, die eine Ordnung etablieren,

zur anfangs erwähnten Hüllenthematik können hier die inhä-

welche den inneren Aufbau eines Gebäudes prägt. Im Bereich

renten Qualitäten der Struktur zur Erzeugung von Charakter

der Fassade, also an den Rändern von durchgehend struk-

und Ausdruck für das ganze Gebäude eingesetzt werden,

turierten Feldern, kann es von Interesse sein, entstehende

ohne Repräsentation gewissermassen, von den Innenräumen

Ausnahmen und Unregelmässigkeiten nicht nur zuzulassen,

bis zur äusseren Präsenz.

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ACHTUNG : DIE VORFABRIKATION Die Göhner-Siedlung Sonnhalde, Adlikon-Regensdorf, 1973 «Göhner » gilt in der Deutschschweiz als Inbegriff des Bauwirtschafts-

heit von Autoverkehr innerhalb der Siedlung. Auf diese Weise entsteht ein weitläufiger Freiraum als Begegnungsort für die Erwachsenen und als geschützter Spielraum für die Kinder.

funktionalismus;«Adlikon» steht für den Versuch des Schweizerischen Werkbundes, ja einer ganzen Generation von Architekten, einen «besseren Göhner» zu machen – ein (fast) fiktiver Fotoroman.

Aus heutiger Perspektive interessieren vorwiegend zwei Themen: der bauliche Zustand der nunmehr 30 Jahre alten Siedlung und die Konsequenzen der weit greifenden sozioökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Er-

Text: Reto Gadola, Klaus Spechtenhauser

staunliches ist in Bezug auf den Zustand der Bausubstanz

In der Deutschschweiz sind Plattenbau, Spekulation und Bauen

festzustellen: Die in schwerer Vorfabrikation gefertigten Be-

auf der «grünen Wiese» noch heute synonym mit dem Begriff

tonsandwichelemente sind auch nach 30 Jahren in einem

«Göhner». Während der Hochkonjunktur der Sechzigerjahre

tadellosen Zustand – und sogar die Fugen weisen keine nen-

wuchsen in zahlreichen Gemeinden des Mittellands die cha-

nenswerten Schäden auf. Die Schallschutz- und Wärme-

rakteristischen Wohnblöcke in Elementbauweise aus dem

dämmstandards der damaligen Zeit entsprechen freilich in kei-

Boden. Die Konsequenzen des industrialisierten Bauens mit

ner Weise den heutigen Anforderungen. Derzeit werden die

einem hohen Grad an Standardisierung und Typisierung sind

Wohnblöcke mit einer hinterlüfteten Fassade «eingepackt»,

bekannt: identische Wohngrundrisse, gleichförmige Baukör-

was zwar zu einer energetischen Verbesserung führt, ästhe-

per, wenig bis gar keine Anpassung an die lokale Topografie.

tisch jedoch äusserst fragwürdig ist. Weniger überraschend

Seit jeher bietet diese städtebauliche Langeweile genügend

sind die soziologischen Entwicklungen. Zu wesentlichen Ver-

Angriffsfläche für ausgedehnte Kritik. Monotonie, Ortsbild-

änderungen führte Mitte der Achtzigerjahre der Strukturwan-

und Landschaftsverschandelung, aber auch ausgemachtes

del innerhalb der Bewohnerschaft: Ein Grossteil der enga-

Profitdenken und sozialpolitisches Kalkül lauten die Vorwürfe.

gierten «Pioniergeneration» zog weg, meist in ein neu erwor-

Rationalisierung und Typisierung waren in der Zwischen-

benes Eigenheim. Parallel dazu wurde das Angebot des

kriegszeit programmatische Forderungen an zukünftiges

Einkaufszentrums als Folge geänderter Einkaufs- und Kon-

Bauen, doch erst im Bauboom der Sechzigerjahre wurden die

sumgewohnheiten stetig vermindert. Heute sind nur noch

Vorkriegsexperimente in grossem Stil umgesetzt. Industriali-

das Restaurant und die Poststelle in Betrieb; der vormalige

siertes Bauen wurde zur Grundlage für die Errichtung von

Ort der Begegnung ist von einer zunehmenden Verwahrlo-

Grosssiedlungen – auch in der Schweiz. Als die Firma Ernst

sung gezeichnet. Die Bemühungen des Werkbunds zeitigten

Göhner AG die Siedlung Sonnhalde in Regensdorf-Adlikon

schliesslich nur geringe Wirkung; vielleicht auch deshalb,

lancierte, wurde das Engagement des Schweizerischen Werk-

weil der Ansatz, mit architektonischen Mitteln gesellschaftli-

bunds (SWB ) konkret. Eine Arbeitsgruppe mit namhaften

che Reformen zu erzielen, seit jeher ein höchst problemati-

Vertretern wie Lucius Burckhardt, Jacques Schader und Wal-

scher ist. Die Architektur spielt dabei eine sekundäre Rolle.

ter M. Förderer definierten in einer umfangreichen Studie das

Von zentraler Bedeutung ist die grundlegende Bereitschaft

typologische, wirtschaftliche und soziologische Anforderungs-

des Menschen zu derartigen Reformen; auch in «schlechter»

profil an eine SWB-Siedlung «Typus Göhner». Die Positionen

Architektur kann «gut» gewohnt werden. – Die folgenden

waren somit abgesteckt: auf der einen Seite die idealistische

Aussagen zur Sonnhalde zeigen, dass Wohnqualität durchaus

Vorstellung von einem «besseren Göhner», auf der anderen

auch in Göhner-Siedlungen kein Fremdwort ist.

Seite die harte Realität der profitorientierten Bauwirtschaft. Ein Konsens schien nicht absehbar. Die Siedlung wurde schliesslich als rigorose Zeilenbebauung ausgeführt und war 1973 bezugsbereit. Die gesamte Anlage ist überzeugend in die Topografie des Geländes eingebettet. Wesentliche Charakteristika der einzelnen Wohnzeilen sind die Abtreppung der Baukörper und die auf der Westseite vorgesetzten Balkonelemente. Beides trägt mit der modulierten Geländegestaltung dazu bei, dass die Monotonie der Elementbauweise relativiert wird und aus der Perspektive praktisch nicht mehr wahrnehmbar ist. Prägend für das Gesamtbild der Anlage sind die grosszügigen Grünflächen mit künstlich aufgeschütteten Hügeln zwischen den Wohnblöcken und die völlige Abwesen-

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Vorprojekt SWB-Siedlung, 1966 – 68: Arbeitsgruppe: Lucius Burckhardt, Basel, Walter M. Förderer, Basel, Emil Rütti, Zürich, Jacques Schader, Zürich, Peter Steiger, Zürich; Mitarbeit: Urs Hettich, Bern, Martin Steiger, Zürich, Willy Walter, Zürich, Max Lechner, Zürich, Alexander Henz (Metron AG ), Brugg Ausführungsprojekt, 1968 – 73: Bauherr und Generalunternehmer: Ernst Göhner AG; Architekten: Steiger Architekten und Planer, Zürich, Walter M. Förderer, Schaffhausen; Ingenieur: Walter Böhler, Rapperswil; Gartenarchitekt: Christian Stern, Zürich Autoren: Reto Gadola ist Architekt und führt ein eigenes Büro in Zürich. Klaus Spechtenhauser ist Kunsthistoriker. Beide sind Assistenten von Arthur Rüegg an der ETH Zürich.


Normalwohnungen mit 3, 4 und 5 Zimmern, Projektstand 1968 Die ausgedrehten Aufzüge wurden aus wirtschaftlichen Gründen anders ausgeführt.

«Damit sich die Salzteigbilder meiner Frau ohne Bohrmaschine aufhängen liessen, verkleidete ich das Wohnzimmer mit Holztäfer. Mit dem warmen Holz wurde es auch viel gemütlicher. Natürlich haben die über 300 Dübellöcher des Täfers beim Auszug viel zu flicken gegeben! Aber es hatte sich gelohnt, wir haben ja über 25 Jahre lang glücklich in unserer Wohnung gelebt.» Hanspeter L., 56, Versicherungsagent

«Als der Mieter auszog, hatte ich Bedenken, dass es hinter dem Täfer schimmeln würde. Erstaunlicherweise hatte sich aber nirgends Schimmelpilz gebildet.» Ernst G.,48,Verwalter «Mit dem Holztäfer vor dem Beton ist es wie bei den getäferten Bruchsteinmauern in alten Bauernhäusern: Wenn die relative Luftfeuchtigkeit im Luftraum der Schiftlattung ansteigt, absorbiert die Rückseite des Täfers einen Teil der Feuchtigkeit und vermeidet einen Anstieg auf kritische Werte. Dadurch entstehen keine Feuchteschäden.» Robert M., 42, Bauphysiker

«Wir waren unter den Ersten, die hier einzogen. Bald gründeten wir den ‹Club junger Familien›, tauschten Kinderkleider, organisierten Spielnachmittage. Uns gefiel vor allem das viele Grün und die modernen Wohnungen.» Margrit L., 55, Hausfrau «Den Fluglärm höre ich schon lange nicht mehr.» Erna B., 67, pensionierte Coiffeuse

«Am Anfang wohnten in unserem Haus noch zwei Architekten, ein Bauingenieur und ein Maschineningenieur. Wir hatten ähnliche Interessen und verstanden uns sehr gut. Im Kellergeschoss gab es für die Hausbewohner fünf Hobbyräume und einen Gemeinschaftsraum, die im Mietzins inbegriffen waren. Dort feierten wir gemeinsame Feste, und die Kinder konnten sich bei schlechtem Wetter für ihre Spiele ins Haus zurückziehen.» Rosmarie C., 58, Hausfrau

«Der Garten vor unserer Wohnung war mein liebstes Hobby. Die Verwaltung liess mich unter der Bedingung gewähren, dass die Pflege garantiert war.» Max D., 64, Prokurist «Was enorm stört, ist der Lärm der Familie von oben. Die Leute haben keine Teppiche auf dem Boden. Das Gepolter der Kinder und die laute Musik sind extrem. Ich habe mich schon mehrmals beschwert – ohne Erfolg. Rücksichtnahme ist heute ja ein Fremdwort.» Lisa S., 37, allein erziehend, Verkäuferin

«Als mein Bruder und ich älter waren, mieteten unsere Eltern eine zweite Wohnung dazu. So hatten wir unsere eigenen vier Wände. Ins Wohnzimmer kam der Billardtisch, einen Raum nutzten wir als Gästezimmer. Gegessen wurde natürlich bei den Eltern.» Thomas K., 36, Buschauffeur

«Die grosszügigen Wandflächen machten die Wohnung gut möblierbar. Besonders grosszügig wirkte die 12 m lange Wand im Wohnzimmer; als jedes Kind ein eigenes Zimmer brauchte, zog ich hier eine Wand ein. Vor allem aber schätzten wir den ungewöhnlich grossen Balkon. Dann gab es auch einige praktische Details: ein Reduit, das separate WC und das Badezimmer mit Fenster.» Karl-Heinz H., 61, Bauingenieur

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ZWERGHAUSEN, VORGEFERTIGT

Zur Präfabrikation von Einfamilienhäusern in Japan Trotz horrender Bodenpreise ist Japan ein Land von Eigenheimbesitzern. Die meisten Einfamilienhäuser sind technisch raffinierte, ästhetisch anspruchslose Produkte der Fertighausindustrie – ein Ergebnis des seit dem Krieg unaufhaltsam steigenden Raumbedarfs und der traditionellen Offenheit für modulare Bauweisen. Es gibt aber auch Versuche, architektonisch befriedigendere, massgeschneiderte Fertighäuser zu entwickeln. Text: Wilhelm Klauser Zwerghäuser – damit fing es an, als der Krieg in Japan zu Ende war. Damals gab es massive Bevölkerungsbewegungen: Rückkehrer aus den Kolonien kamen an, ein unerhörter Babyboom war zu verzeichnen, die Landbevölkerung wanderte ab. Innerhalb weniger Jahre drehte sich die Bevölkerungsverteilung in Japan um; 1972 lebten 70 Prozent der Menschen in Städten. Das machte die Industrialisierung des Wohnungsbaus unausweichlich – der Bedarf liess sich gar nicht anders befriedigen. Was anderes als Industrialisierungsträume waren die Strukturen, die die Metabolisten ersannen, und die Idee, ganze Wohnräume nur noch in vorgefertigte Gerüste einzufügen? 1960 trat die Betonindustrie als ein Hauptsponsor der Planer auf, und es entstanden tatsächlich einzelne Versuchsbauten, die ausserordentliches Aufsehen erregten. Aber es musste gar nicht immer so massiv zugehen; es gab andere Konstruktionen, die vielgliedrig waren, sich daher ungleich erfolgreicher in die Stadträume Japans einfügten und diese bis heute nachhaltig prägen.

Erste Fertighäuser Die ersten Fertighaussysteme wurden in Osaka entwickelt. Zunächst war es eigentlich nur darum gegangen, den ausserordentlich schnell wachsenden Raumbedarf von Schulen zu decken. Eine kleine Firma in Osaka, Daiwa, hatte eine Idee für die Verbindung von Stahlrohren patentiert. Das System kam zum Einsatz: Stahlgerüste wurden einfach mit verschiedenen, grossflächigen Materialien abgedeckt. Als aber mit wachsendem individuellen Vermögen auch der Wunsch nach individuellen Räumen aufkam, gab es kein Halten mehr. Die Industrie entwickelte 1959 das Midget1

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bauart Architekten: Schulpavillons Züri-Modular Bei der Entwicklung vorgefertigter transportabler und modularer Bausysteme hat Holz als Material schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Die Holzsystembauweise schafft nicht nur für zeitlich beschränkte Anlässe Raumhüllen, die leicht auf- und abzubauen sind, sie ermöglicht überdies seit geraumer Zeit eine rationelle und individuelle Vorfertigung ganzer Häuser und Wohnanlagen. Die Erforschung und Anwendung der Leichtbauweise bestimmt das Œuvre der Berner Architektengruppe bauart, deren Projekte konsequente und überzeugende Möglichkeiten der Vorfertigung aufzeigen.

MIT MODULEN GEGEN DIE RAUMNOT Text: Beat Aeberhard

in Bezug auf Fertigungstechniken seit jeher äusserst fort-

Präfabrikation und serielle Fertigung gelten als Vorausset-

schrittlich war. Aufgrund der schnellen Besiedlung des Lan-

zungen für kostengünstiges Bauen. Zwar scheiterten die Pro-

des spielte die Mobilität eines Hauses, dessen Transport und

tagonisten des Neuen Bauens wie Walter Gropius, Ernst May

einfache Errichtung eine wesentliche Rolle. Wie Sigfried Gie-

oder Le Corbusier noch angesichts technischer Schwierigkei-

dion darlegt, basiert die Entwicklung des amerikanischen

ten oder der Opposition des Handwerkerstandes, der sich in

balloon frame hauptsächlich auf zwei Voraussetzungen: dem

der Zeit der Weltwirtschaftskrise in seiner Existenz bedroht

Mangel an qualifizierten Handwerkern zum einen und von

sah. Doch dieselben Architekten reüssierten bereits mit ers-

der industriellen und kostengünstigen Herstellung grosser

ten Umsetzungen, die selbst unter heutigen Gesichtspunkten

Mengen von Nägeln zum anderen. «Der balloon frame ist der

durchaus noch als avantgardistisch zu bezeichnen sind. Le

Wendepunkt, an dem die Industrialisierung den Hausbau zu

Corbusier formulierte seine Vision vom industriellen Haus

durchdringen begann.» Anders als in den Vereinigten Staa-

bereits 1920: «il faudra que les maisons surgissent d’un bloc,

ten konnte die industrielle Holzbauweise hierzulande nur ver-

faites avec des machines-outils, en usine, montées comme

einzelt Fuss zu fassen, und die wenigen Beispiele vermögen

Ford assemble sur ses tapis roulants les pièces de ses auto-

selten genug zu überzeugen. Die präfabrizierten Gebäude

mobiles.» Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten

wirken oft provisorisch, barackenhaft und banal und wider-

gilt es des Weiteren zu bedenken, dass es lange Zeit nicht ge-

sprechen zudem in ihrem durch Vorfertigung hervorgerufe-

lang, die neuen konstruktiven Möglichkeiten in eine überge-

nen Charakter des Ephemeren den Interessen etlicher Bau-

ordnete Realität angemessener architektonischer Ausdrucks-

herren, die ihr Heim als Ausdruck von Dauerhaftigkeit und

formen einfliessen zu lassen. Erst Konrad Wachsmann und

Repräsentation verstehen.

Walter Gropius brachten es in den Vierzigerjahren fertig, ihre vor dem Weltkrieg in Deutschland gemachten Erfahrungen in

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Möglicher Ausweg aus der Krise

den USA zum «General Panel System» weiterzuentwickeln,

Diesem Dilemma stellte die Berner Architektengruppe bau-

einem modularen Konstruktionsprinzip, das sich beliebig drei-

art mit dem 1999 als Prototypen realisierten smallhouse.ch

dimensional erweitern liess und auch ästhetischen, aus der

eine vielversprechende Alternative gegenüber. Trotz der ver-

Berücksichtigung sämtlicher das Bauen bestimmenden Para-

gleichsweise bescheidenen Wohnfläche von lediglich 63 Quad-

meter abgeleiteten Ansprüchen genügte. «Zum Unterschied

ratmetern bietet der zweigeschossige Holzkubus ein Mass an

von handwerklich hergestellten Objekten, muss das Massen-

räumlicher Grosszügigkeit, das manches auf Imponiergehabe

produkt abstrakten modularen Koordinationssystemen ent-

geschnittene Einfamilienhaus effektiv übertrifft. Dadurch,

sprechen, um in fast unbegrenzten Kombinationsmöglichkei-

dass Erd- und Obergeschoss nur durch eine offene Küche und

ten [ . . . ] in einer Verfeinerung zu resultieren, die bisher un-

die Nasszelle unterteilt werden und eine offene Treppe die

bekannt und unmöglich zu erreichen war.» Dass Wachsmann

beiden Etagen verbindet, entsteht ein Raumkontinuum, das

und Gropius ihre Nachforschungen zur industriellen Leicht-

scheinbar beiläufig vier Raumzonen ausbildet. Diesen ist je-

bauweise in den USA betrieben, verwundert nicht, blicken

weils ein grossflächiges, geschosshohes Fenster zugeordnet,

die amerikanische Fertighausindustrie und damit auch der

das den Innenraum nach aussen hin entgrenzt und eine licht-

Holzhausbau als solcher auf eine lange Tradition zurück, die

durchflutete Wirkung erzeugt. Einzusetzen wäre das für rund


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1 – 3 smallhouse, Grundrisse Ober- und Erdgeschoss, Längsschnitt, 1 : 200 4 smallhouse, Aussenansicht 5 smallhouse, Innenansicht Erdgeschoss 6 smallhouse, Fabrikation

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innen heraus leuchtet. Ein eigentlich banales und

ARCHITEKTUR AKTUELL

überdies kostengünstiges Material verwandelt das

Luft von anderen Planeten

robuste Gebäude mit seinem leicht zeltartigen Betondach in eine Preziose inmitten des Niedergangs.

Kontinuität des Ausdruckstanzes Rudolf von Laban (1879 – 1958) gilt – wie auch der Genfer Emile Jaques-Dalcroze – als einer der Pioniere des Ausdruckstanzes. Berühmtheit erlangte er durch seine Schule auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona, bevor er über Zwischensta-

HERZOG & DE MEURON LABAN DANCE CENTRE, LONDON

tionen in Stuttgart und Mannheim nach Hamburg

1997– 2003

gelangte, wo er das Konzept des (auch für Laien zugänglichen) chorischen Gemeinschaftstanzes weiterentwickelte. Mit mehreren hundert Darstellerinnen und Darstellern gerieten Labans Darbietungen mehr und mehr zum Massenspektakel und fanden zunächst auch in der Gemeinschaftsideologie des NS-Staats ihren Platz. Allerdings verschärfte sich der ästhetische Dissens zwischen der politischen Führung und dem Tanzorganisator anlässlich der von diesem geplanten Eröffnungschoreografie für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, so dass Laban nach Paris emigrierte und El

dann nach England übersiedelte. In Manchester

Su b Sta

gründete er das «Art of Movement Studio», das später nach Surrey verlegt wurde. Massgeblich der Laban-Schülerin Marion North ist in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung des Instituts zu verdanken, das als «Laban Centre for Movement and Dance» seit 1974 in New Cross und damit unweit vom heutigen Standort ansässig war. So ist denn auch der frenetische Jubel zu verstehen, der die alte Dame anlässlich der Einweihung des Neu-

1

baus umfing. In der Tat: Ohne Marion North gäbe

In einer städtebaulichen Problemzone im

Sechzigerjahren sowie Brachgelände. Entlang der

Südosten der britischen Kapitale ist mit dem

ständig verstopften Creek Road sind es nur weni-

es kein neues Laban Dance Centre, dessen Ent-

Neubau des Laban Dance Centre ein kultu-

ge Schritte, die von der «Cutty Sark» an den Dept-

wurf aus einem internationalen Wettbewerb des

reller Magnet entstanden, der nicht nur Tanz-

ford Creek führen, einen vor sich hin modernden

Jahres 1997 hervorging.

interessierte aus dem gesamten London

Seitenarm der Themse. Spätestens hier, wo sich

anlockt, sondern überdies auf die Nachbar-

die britische Kapitale von einer ihrer unwirtlichsten

Eine Stadt im Haus

schaft ausstrahlen soll. Herzog & de Meu-

Seite zeigt, ist das Pathos des «Britannia rules the

Erscheint das neue Tanzzentrum aussen als ein

ron entwarfen ein magisches, bald schimmern-

waves» vergessen. Und auch die Türme des nach

kompaktes Volumen, so gliedert es sich im Inneren

des, bald leuchtendes Gebäude, das durch

Jahren der Stagnation unter Tony Blairs «New La-

in eine Vielzahl von Räumen, Korridoren, Studios

räumliche Komplexität ebenso überzeugt wie

bour» boomenden Canary Wharf, im Abendlicht

und Sälen, die über Rampen und Treppen mitein-

durch den Umgang mit Farbe und Material.

jenseits der Themse funkelnd, wirken hier nur

ander verbunden sind. Zentrum dieser Stadt im

noch wie eine surreale Verheissung, wie eine Fata

Haus ist ein Theatersaal mit 300 Plätzen; die Höhe

Der Kontrast zwischen Greenwich und Deptford

Morgana.

des Schnürbodens bestimmt das Volumen des zu den Aussenmauern des Gebäudes abgeböschten

könnte kaum grösser sein: Hier die grandiose, sich

Kaum weniger fremd erscheint in diesem

zur Themse öffnende Architektur des Greenwich

Ambiente das Laban Dance Centre, das seinen

Dachs. Schwarz gestrichenes Holz umgibt die Zu-

Royal Palace, das Marinemuseum mit dem fein de-

Standort auf dem Gelände einer Mülldeponie, un-

schauer während der Darbietungen; Herzog & de

taillierten Bau von Inigo Jones in der Mitte und der

mittelbar am Ufer des Deptford Creek gefunden

Meuron folgten hier der Idee einer black box, wäh-

die Höhen über dem Fluss erklimmende Park mit

hat. Ringsum mit zum Teil Limonengrün, Magenta

rend die Tanzstudios helle, möglichst neutrale

den berühmten Observatorien; dort marode Ge-

und Türkis gefärbten, transluzenten Polycarbonat-

Farbtöne aufweisen: weisse Wände, Sichtbeton,

werbebetriebe in verkommenen Ziegelbauten, aus

elementen verkleidet, beginnt das Gebäude des

silbriges Gewebe. Leichte Farbakzente setzen le-

der Pflege entlassene Wohnkomplexe aus den

Tags zu schimmern, während es in der Nacht von

diglich die leicht farbigen Schleier der äusseren,

78

archithese 2.2003


2

1  Situationsplan

3

2  Laban bei Dämmerung (Foto: Merlin Hendy) 3  Blick über den Deptford Creek (Foto: Hubertus Adam)

79

archithese 2.03 - Vorfabrikation / Préfabrication  
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