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Blick vom Gebäude G auf das Gebäude E, links, und die Gebäude A, B, C und D, rechts, Sechzigerjahre View from building G towards building E, left, and buildings A, B, C and D, right, 1960s

Gabriele Detterer

Rationalität und Kreativität Das Schulbaukonzept für die Allgemeine Gewerbeschule Basel von Hermann Baur Für Architekten stellt es eine grosse Herausforderung dar, Schulgebäude zu entwerfen, die den Bildungsauftrag der Gesellschaft, Bedürfnisse von Schülern und Lehrerschaft und Bauvorschriften gleichermassen erfüllen. Im besten Fall spiegeln Form und Inhalt neu entstehender Schulbauten nicht nur die gegenwärtige Erwerbsgesellschaft wider, sondern bereiten der künftigen Wissens- und Kulturgesellschaft den Weg. Zu diesen Schulen, die sich mit einer durchdachten architektonischen Raumorganisation dem Wandel von Gesellschaft und Arbeitswelt anpassen, zählt die von Hermann Baur geplante, 1961 errichtete Allgemeine Gewerbeschule Basel (AGS). Schulquartier im Wohnquartier Pädagogischen Anspruch in Architektur zu überführen – das gelang Hermann Baur mit einem Entwurf, der an die Stelle traditioneller, mächtiger Lehranstalten eine aufgelockerte Gesamtanlage aus mehreren Gebäuden schuf. Auf dem 2,65 Hektar grossen Grundstück zwischen Riehenstrasse, Peter Rot-Strasse und Vogelsangstrasse entstand ein zu den drei Strassenseiten hin offen zugängliches Schulquartier. Von der Strasse zurückgesetzt und begrünt, bettet sich die heterogene Struktur der AGS in den Umgebungsraum ein und beweist mit der Integration in den urbanen Kontext von Wohnviertel, dem historischen Landgut Sandgrube und der Basler Mustermesse städtebauliche Qualität. Das äussere Erscheinungsbild 12

des Gebäudeensembles lässt verschiedene Nutzungen durch unterschiedliche Schulsparten


Die Position der Gebäude im Stadtumfeld – am Horizont ist das Münster sichtbar, 2010 The position of the building in the urban surroundings, with the cathedral visible on the horizon, 2010

Gabriele Detterer

Rationality and Creativity Hermann Baur’s School Building Concept for the Allgemeine Gewerbeschule Basel The design of school buildings which fulfi l the educational mandate of society, the needs of the students, the faculty and the building codes represents a great challenge for architects. Ideally the form and content of newly erected school buildings do not just reflect the contemporary working society, but should prepare the way for the future knowledge and culture society. Among those schools which adapt to the changes in society and the working environment with a well-thought-out architectural organization of space is the Allgemeine Gewerbeschule Basel (AGS), designed by Hermann Baur and built in 1961. School district in a residential district In place of the traditional, imposing institutions of learning, Hermann Baur succeeded in transferring the pedagogical requirements into architecture with a design in the form of a loosened up building ensemble. A school district accessible from three street sides was created on a 2.65 hectares plot between Riehenstrasse, Peter Rot-Strasse and Vogelsangstrasse. Set back from the street in green, the heterogeneous structure of the AGS is embedded in the surroundings, showing urban developmental quality with the integration in the urban context of residential district, the historical Sandgrube country estate and the Basel Fair. The appearance of the building ensemble reveals the various uses of the different sections of the school. Separated but linked, three building types –

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Bruderholzschule Basel, Sicht auf die Schultrakte, 2011 Bruderholzschule Basel, view of the school grounds, 2011

Zusätzlich zur schwierigen Bauaufgabe, verschiedenste Ausbildungszweige zu zentralisieren und gleichzeitig baulich zu differenzieren, hatte die lange Verzögerung der Realisierung des Schulneubaus den Architekten auf eine wahre Geduldsprobe gestellt. Pionier des modernen Schweizer Schulbaus Bereits 1939 war ein Architekturwettbewerb für den Neubau der Allgemeinen Gewerbeschule ausgelobt worden. Die Entwurfsidee von Hermann Baur hatte die Jury überzeugt. 1940 gewann der seit 1927 mit einem eigenen Büro in Basel tätige Architekt den ersten Preis. Prämiert wurde damit ein Pionier des modernen Schweizer Schulbaus, dem soziale Aufgabenstellungen der Architektur ein Anliegen waren. In Theorie und Praxis widmete Hermann Baur sein professionelles Engagement der Modernisierung des Bauwesens unter dem Aspekt humaner Konstruktionen. Die Verpfl ichtung auf dieses Leitmotiv schlug sich neben Schulbauten im familiengerechten Siedlungsbau, in der Innovation des Klinikbaus wie auch in der Erneuerung der Sakralarchitektur nieder.1 Rationalität und Sachlichkeit der Schweizer Baumoderne paarten sich im architektonischen Denken von Baur mit einer engen Beziehung zur bildenden Kunst. Beim Entwerfen eines Baukörpers die Schöpfungen von Künstlern mitzudenken – das praktizierte der Architekt mit der künstlerisch-kreativen Ader konsequent. In dieser Hinsicht hatte ihm die Hospitanz beim Begründer der Schweizer Baumoderne, Karl Moser, an der ETH Zürich (1918–1919) den Weg gewiesen. Auf welche Weise sich Hermann Baurs Haltung zur Kunst baulich manifestierte, zeigt die Zusammenarbeit mit Hans Arp und Armin Hofmann zur künstlerischen Gestaltung von Freiflächen, Fassade und Innenraum der Allgemeinen Gewerbeschule. Wenige Jahre vor der Planung des Neubaus hatte sich Hermann Baur mit dem Entwurf der 16

Basler Pavillonschule Bruderholz (1935–1939) als Protagonist einer Architektur, die schüler-


Bruderholzschule Basel, Pausenhof mit Laubengang, 2011 Bruderholzschule Basel, school yard with pergola, 2011

In addition to the difficult task of centralizing and at the same time differentiating the most varied training areas, the long delay of the realization of new school building was a true ordeal for the architect. A pioneer for modern Swiss school buildings A call for an architecture competition for the new construction of the Allgemeine Gewerbeschule had already been issued in 1939. Hermann Baur’s idea for the design convinced the jury. In 1940, the architect, who had been working in Basel in his own office since 1927, won the fi rst prize, which thereby acknowledged a pioneer of modern Swiss school buildings featuring the social task for architecture. In theory and practice Hermann Baur focussed his professional involvement in the modernization and humanization of architecture. In addition to school buildings, the commitment to this leitmotif extended to the construction of family-oriented housing, innovation in the construction of clinics as well as the renovation of religious architecture.1 In Baur’s way of thinking, the rationality and objectivity of modern Swiss architecture are combined with a close connection to the visual arts. The architect with the artistic creative vein rigorously includes the creations of artists in the design of a building. In this regard the internship with the founder of modern Swiss architecture, Karl Moser, at the ETH Zurich (1918–1919) showed him the way. Hermann Baur’s attitude to art is evident in his collaboration with Hans Arp and Armin Hofmann in the artistic design of open space, façades and interiors of the Allgemeine Gewerbeschule. A few years before designing the new building, in the design of the Basel Pavillonschule Bruderholz (1935–1939) Hermann Baur had emerged as a protagonist of an architecture, which implemented a student appropriate pedagogy in architectural concepts. The Bruderholz school was the fi rst

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Maurerhalle Westfassade, 2010 Masons’ Hall west façade, 2010


Maurerhalle in Betrieb, Sechzigerjahre Masons’ Hall in operation, 1960s

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Oben: Aula nach Westen, 2010 Top: Auditorium to the west, 2010 Rechts: Vorplatz vor der Aula, 2010 Right: Forecourt in front of the auditorium, 2010

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Oben: Aula nach Osten mit Relief von Walter Bodmer, Sechzigerjahre Top: Auditorium to the east with relief by Walter Bodmer, 1960s Links: Aussenseite Aula, 2010 Left: Auditorium exterior, 2010

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edition archithese 8 - Sachlichkeit in Beton / Objectivity in Concrete  

Hermann Baur (1894–1980) gehörte zu den bedeutendsten Architekten der Schweizer Vor- und Nachkriegsmoderne. Die Bauten der Allgemeinen Gewer...

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