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Eine Vorführstunde:

100 Jahre Frevo Mariangela Valença Illustrationen: Ítalo Cajueiro


Eine Vorführstunde

100 jahre Frevo Mariangela Valença Illustrationen: Ítalo Cajueiro


TEXT Mariangela Valença ILLUSTRATION Ítalo Cajueiro ÜBERSETZUNG INS DEUTSCHE Cornelia Parisius REVISION IN PORTUGIESISCH Haidée Camelo Fonseca PÄDAGOGISCHE BEGLEITUNG Rossana Rameh PRESSEKONTAKT Christianne Galdino PRODUKTION Mariangela Valença Jorgeany Baracho GRAPHIK DG Design Gráfico Dulce Lôbo/ Germana Freire DRUCK FacForm Gráfica V152c

Valença, Mariangela, 1972Eine Vorführstunde : 100 jahre frevo / Mariangela Valença; illustrationen: Ítalo Cajueiro. – Recife : Verlag des Autors. 2011. 40p. : il. 1. KINDER- UND JUGENDFIKTION – PERNAMBUCO. 2. FREVO (TANZ) – PERNAMBUCO – FESTE. 3. FREVO (TANZ) – KINDER- UND JUGENDLITERATUR. 4. FOLKLORETÄNZE – RECIFE (PE) – KINDER–UND JUGENDLITERATUR  I. Cajueiro, Ítalo. II. Title. CDU 869.0(81)-93 CDD 808.899 282

PeR – BPE 13-151


Ich widme dieses Buch ALLEN Kindern, insbesondere meinem Patenkind, meinen Nichten und Neffen, die über Blut und Herz mit mir verwandt sind und meinen kleinen Cousinen und Cousins. Für André Madureira, der mich gelehrt hat, durch das Universum der pernambukanischen Kultur zu wandeln. Für Anna Miranda, mit der ich die ersten Frevoschritte gelernt habe. Für Meister Spok, für “Frevo” (Giba) und das ganze Orchester, dessen Fan ich bin. Für Zeneide Silva, die mir gezeigt hat, daß ich dazu fähig bin, ein Buch zu schreiben.

Ich danke ALLEN, die immer an meiner Seite waren, die mir geholfen und an mich geglaubt haben, die mir Kraft und Energie gaben, die Geduld hatten, die Vorschläge gemacht haben und mir ihre Zärtlichkeit und Liebe zeigten, insbesondere Enaldo, Zany und Leopoldo França, Rossana Rameh, Jorgeany Baracho und Zeny Valença.


─ Hallo! Ich heiße MariFrevo. Ich bin eine Passista, eine Frevotänzerin. Weißt Du, was eine Frevotänzerin ist? Was Frevo ist? Nein??!! Also, das ist ganz einfach! Um es zu erfahren, musst Du nur die Seite umblättern...

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chon wieder! – rief Stefane voller Empörung aus.

– Genau ... und dieses Mal haben sie die Wasserpumpe der Schule geklaut, jetzt kommt kein Tropfen mehr aus dem Wasserhahn – klagte Andrey ebenso empört. – Ach, beim heiligen Wassertropfen!! Ich fühle mich hier wie in der Caatinga. (Dürregebiet im Nordosten Brasiliens, Anm.d.Ü.)!! – Hör auf, rumzunörgeln, Stefane! Gehen wir am besten gleich auf den Sportplatz der Schule! Da beginnt gleich die Vorführungsstunde über die 100 Jahre Frevo mit der Lehrerin MariFrevo. Man sagt, sie sei echt nett und die Stunde mache Riesenspaß. Los komm, dann vergessen wir den Durst. 8


– Heureka! – rief Stefane, mit einem Lächeln auf den Lippen. – Hä?!! Was für ein Schimpfwort ist das denn ?! – Ganz ruhig... ich habe gerade eine Idee... Schau mal... bei so vielen Problemen hier in der Schule, mit dieser Bibliothek, die nur ein Buch für alle hat... weißt Du, was wir machen könnten? Eine Arbeit über die 100 Jahre Frevo, so eine Art Lehrbuch für die anderen Schüler, und dafür interviewen wir die Lehrerin!! – Fantastische Idee! Und diese “Eureca”, was hat die mit dem ganzen zu tun? – Was, Du kennst das Wort nicht? Das kommt aus dem Griechischen und heißt so was wie “Ich hab´s!” oder “Gefunden!” So, und nun laß uns gehen! Gehen wir sofort auf den Sportplatz! Ich wette, es sind schon alle da! Sie drehte sich um und lief davon. Andrey lief ihr hinterher.

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tefane Capibaribe da Silva und Andrey José Arrecifes sind Schüler einer öffentlichen Schule in Recife. Eine Schule, in der es einen überdachten Sportplatz gibt, auf dem immer ein angenehmes Lüftchen weht ... ideal für ein großes Fest.

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Wie es sich Stefane schon gedacht hatte, waren schon viele Menschen in der Sporthalle. Die Lehrer befanden sich auf verschiedenen Posten, um die Dekoration fertig zu stellen. Es gab ein riesiges Plakat mit Sätzen und Bildern, die mit Frevo zu tun hatten, glitzernde und bunte Glitterstreifen am ganzen Dach, Masken und Luftballons auf allen Seiten. Riesenkarnevalsfiguren aus Olinda und die Wappen verschiedener Karnevalclubs schmückten den Raum. Einige Schüler und Lehrer waren verkleidet. Sie warfen in der ausgelassenen Stimmung mit Konfetti und Luftschlangen um sich. Einige Musiker aus der Nachbarschaft waren gekommen, um Frevomusik aufzuspielen. Man spürte in der Luft, daß das Fest wunderschön werden würde. Genauso, wie es der Frevo verdient. – Laß uns ganz noch vorne gehen, ich will alles mitkriegen – sagte Stefane.


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er Stundenzeiger der Uhr zeigte auf drei. Das Fest konnte beginnen. Etwa dreihundert Kinder zwischen sieben und dreizehn Jahren befanden sich auf dem Sportplatz, in heller Begeisterung. Obwohl es wegen der fehlenden Wasserpumpe kein Wasser gab, um den Durst zu stillen, h端pften sie unentwegt zur Musik des FrevoOrchesters des Viertels, das zwar


klein war, jedoch mit voller Inbrunst spielte. Die Stimmung war außergewöhnlich, ansteckend. Die Menge folgte aufmerksam allen Zurufen der Lehrerin, die die Tanzschritte vorgab. Obwohl die Sonne noch in einem kleinen Winkel des Sportplatzes zu sehen war, war sie schon so schwach, daß ihre Wärme nicht mehr störte. Nachdem die Lehrerin und einige passistas zur Musik eine kleine Vorführung gemacht hatten, wie man Frevo tanzt...

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– Hallo allerseits! Guten Tag!! – begrüßte die Lehrerin überglücklich und mit lauter Stimme die Kinder. – Hallo!! – antworteten alle überschwänglich.


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ch heiße MariFrevo und ich bin heute zu Euch gekommen, damit wir zusammen 100 Jahre Frevo feiern, diesen brasilianischen Rhythmus, der in Pernambuco geboren wurde. Sein Geburtstag ist der 9. Februar. Wißt Ihr, warum? Weil es an diesem Tag im Jahr 1907 geschah, daß zum ersten Mal in der damaligen “KLEINEN ZEITUNG” von Recife das Wort FREVO erwähnt wurde. Manche sagen, daß der Name FREVO von den großen, alten Kochtöpfen herrührt, in denen früher auf den Zuckerrohrplantagen die Melasse aus dem Zuckerrohr gekocht wurde. Die Leute auf dem Land, die ihre eigene Sprechweise hatten, setzten das “r” in einem Wort oft an eine andere Stelle, also sagten sie z.B. anstelle von “ferver” (kochen) “frever”. Und so entstand das schöne Wort “Frevo”, um damit dieser “aufkochenden” Musik einen Namen zu geben, diesem siedenden Rhythmus, der die Leute so zum Tanzen bringt. Und heute, am 9. Februar 2007, wurde der Frevo nicht nur 100 Jahre alt, sondern er wurde auch offiziell anerkannt als ein immaterielles Weltkulturerbe von Brasilien! – Siehst Du, Andrey, wie die beiden Füße der Lehrerin nach innen gebogen sind? – fragte Stefane, mit aufgerissenen Augen, als sie den Tanzschritt “Bailarina” (Tänzerin) während einer weiteren kurzen Vorführung sah. – Das sah ja fast so aus, als ob sie abbrechen würden! – Na sowas! Haste das gesehen?... Dieser Schritt, wie sie so eingeknickt läuft und die Füße abwechselnd auf dem Boden schleift! – rief auch Andrey erstaunt aus, als er den Tanzschritt “Patinho” (Entchen) sah. – Bist Du verrückt, ich werde es doch niemals schaffen, Frevo zu tanzen – sagte Stefane, immer noch verblüfft über das, was sie gesehen hatte.


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nd heute ist dieser Rhythmus schon Teil unserer kulturellen Identität und es ist eine Pflicht für jede Bürgerin und jeden Bürger von Pernambuco, ihn zu bewahren – hob die Lehrerin hervor, während sie ihren Vortrag fortsetzte. – Wußtet Ihr, daß Frevo ein Lebenselixier ist? Ich zum Beispiel tanze Frevo von Kindheit an und kann heute auf ein 72-jähriges Leben voller Freude zurückblicken! – Ooooh!! – riefen alle auf einmal aus, als wären sie ein Chor. Die Schüler staunten nicht schlecht, denn die Lehrerin sah höchstens wie 25 aus und hüpfte besser als ein Zirkusfloh... – 72 Jahre!! Das glaube ich nicht!! – sagte Stefane mißtrauisch. – Pssscht .. Paß auf! Halt die Klappe! – flüsterte Andrey.


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brigens, es ist gut zu wissen, daß Frevo der Name der Musik ist, und wer die passos (“Schritte”) des Frevo tanzt, heißt passista – erklärte die Lehrerin. – Jeder Schritt des Frevo wird mit der Zehenspitze und mit der Ferse gemacht, der einzige Schritt, der davon abweicht, ist der “Abre-alas”, denn die Füße verharren flach auf dem Boden und die Arme wirbeln im Kreis, um in der Menge Platz zu schaffen (“Abre-alas” , wortwörtlich: “öffne die Flügel” bezeichnet normalerweise die Spitze eines Karnevalszugs in Brasilien, Anm.d.Ü.). – Ich hab´s Dir doch gesagt!! – stichelte Andrey – Frevo ist die Musik! – Ja, aber den Tanz “Frevo” zu nennen, ist auch nicht völlig verkehrt und das wird ja auch akzeptiert – gab es ihm Stefane sofort zurück. 18

– Du bist echt ein Dickkopf! Die Lehrerin sagt gerade, was richtig ist und Du erzählst hier was von “nicht völlig verkehrt”. Willst Du nun was lernen oder nicht?


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nd der Schirm? – fragte MariFrevo in die Runde und jonglierte dabei mit einem bunten Schirm. – Er ist immer beim passista dabei, um ihm Gleichgewicht zu geben und den Bewegungen mehr Anmut zu verleihen. Aber das soll nicht bedeuten, daß Ihr ohne Schirm nicht tanzen könnt. Das wichtigste ist, daß alle Frevo tanzen, wann immer sie Lust dazu haben und ohne sich um die Requisiten oder die Kleidung zu kümmern. Denn nur so wird das Herz des Frevo, das im Zweivierteltakt schlägt, niemals aufhören zu schlagen. Bis heute weiß man nicht, wer zuerst geboren wurde.... der Frevo (die Musik) oder der Schritt (der Tanz). Ich glaube, sie wurden zusammen geboren! Einige Kinder waren als passista gekleidet, mit Kleidungsstücken, die sie aus wiederverwertbarem Material gebastelt hatten: Röcke aus Papier, Schirme aus Plastikflaschen und Kopfschmuck aus Glanzpapier. Sie stiegen auf die Bühne und bewiesen, was die Lehrerin in allen Unterrichtsstunden immer sagte: “Jeder kann Frevo tanzen; manchmal weiß man nur nicht, daß man es kann!” – Wie wunderbar! Das Klima hier kocht (“está frevendo”, mit vertauschtem “r”, Anspielung auf das Wortspiel, das den Ursprung von Frevo bildet, Anm.d.Ü.) das ist FREVO!! – scherzte MariFrevo und freute sich.


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ommen wir zurück zum Unterricht... – sprach die Lehrerin und blickte in die glänzenden Augen der Schüler –, vor über hundert Jahren spielten an den Feiertagen immer die Militärkapellen auf und zogen durch die Straßen. Manche Leute, die sich in der Menge der Zuschauer befanden, machten sich den Spaß und begleiteten die Militärkapelle spontan mit ihren Capoeira-Tänzen. Capoeira ist Teil der brasilianischen Volkskultur, eine Mischung zwischen Kampf, Spiel und Tanz, der früher von den Sklaven aus Afrika mitgebracht wurde. Diese Tänze waren gesellschaftlich nicht besonders geachtet, denn sie stammten von armen Leuten und häufig

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entstand sogar Streit zwischen verfeindeten Gruppen von Tänzern. Die Militärkapellen begannen dann, einfach schneller zu spielen und dies führte zur Entstehung der ersten Frevoschritte. Heute ist es unmöglich zu sagen, wieviele Frevoschritte es schon gibt, weil fast jeden Tag ein anderer Schritt erfunden wird, aber nicht jeder erfährt davon. Mit Sicherheit sind es schon mehr als zweihundert. – Boah, mehr als zweihundert!! – rief Andrey aus. – Ich wäre schon glücklich, wenn ich wenigstens drei lernen würde. – Ha, ha, ha, ha, ha... – Stefane lachte sich schief über ihren Freund. – Du bist echt ein Weichei. Ich will die zweihundert lernen und noch hundert dazu erfinden! – Was für einen Quatsch erzählst du da! – ärgerte sich Andrey. – Wollen wir wetten?! – forderte ihn Stefane heraus.

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ie wichtigste Eigenschaft eines Passista ist seine Einzigartigkeit. Jeder macht es auf seine Weise – fuhr die Lehrerin fort. – Daher können wir mit Sicherheit sagen, daß es nicht richtig oder falsch gibt, es gibt nur die Lust und das Tanzen. Ihr müßt auch wissen, daß es durchaus vorkommt, daß ein bestimmter Schritt verschiedene Namen hat. Zum Beispiel: den Schritt “Cossaco” (Kosake) nennen einige “Trem bala” (Schnellzug); den “Barquinho” (Schiffchen) nennt man auch “Faz que vai, mas não vai” (tut so als kommt er, kommt aber nicht); den “Martelo aberto ou fechado” (offener oder geschlossener Hammer) wird auch “Tesourão aberto ou fechado” (großer offener oder geschlossener Schatz) genannt, und vielleicht gibt es auch weitere Namen für diese Schritte, die nicht mal ich kenne. Hingegen ist es bei der Musik anders. Man erkennt leicht, ob sie richtig oder falsch gespielt wird. Der Frevo als Musik entstand aus der Verbindung von fünf verschiedenen Rhythmen: Modinha, Quadrilha, Dobrado, Maxixe und Polka. – Und diese Geschichte mit den verschiedenen Namen für einen Schritt – führt das nicht zur Verwirrung? – fragte Stefane wißbegierig. – Kein bisschen! – rief MariFrevo aus. – Das entscheidende ist nicht, die Schritte zu benennen, sondern sie zu tanzen. Der Frevo lädt einen nicht zum Tanzen ein, sondern er reißt einen mit! Die Luft und das Klima wurden immer


mehr angesteckt von der Mikrobe Frevo und die Kinder waren überwältigt von der Vielfalt der Schritte: Saci-pererê, Tesoura, Ponta-de-pé-calcanhar, Trocadilho, Dobradiça, Ferrolho, Engana povo usw. Die Verzauberung war so groß, daß die Schüler der Sonderklasse für Gehörlose die Schritte, die die Lehrerin ihnen beibrachte, perfekt nachahmten. Wer diese Szene beobachtete, konnte nicht glauben, daß sie nichts hören konnten. In Wirklichkeit konnten sie “hören”. Denn der Frevo ist ein Zweivierteltakt, so wie die Herzschläge, und so schlug die pure Essenz des Frevos in den Herzen dieser Kinder.

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er Frevo ist genau so: er geht in den Kopf hinein, dann breitet er sich im ganzen Körper aus, bis in die Füße hinein und wieder zurück. – scherzte MariFrevo lächelnd mit den Kindern. – Aber jetzt kommen wir zum Schluss der Stunde.... – Ooooh!! – riefen alle traurig. – Aber warum denn jetzt schon?! – jammerte Stefane. – Zunächst möchte ich nochmal alle Schritte sehen, die Ihr gelernt habt. Wer möchte auf die Bühne kommen? – fragte MariFrevo. – Ich!!! – schrien die Kinder gleichzeitig. – Ich will nicht die, die am besten tanzen, sondern die, die beim Tanzen am meisten Lust, ein schönes Lächeln und Frevo im Herzen zeigen – forderte die Lehrerin auf. – Und noch etwas: ich muss Euch alle darauf aufmerksam machen, daß mein Schirm Zauberkräfte hat, wer ihn einmal hält, hört erst nach einer Woche wieder zu tanzen auf, wacht jeden Tag mit Frevotanzen auf und geht jeden Tag mit Frevotanzen schlafen.. – lachte MariFrevo. – Seid Ihr dafür bereit? Nun ja, leider konnten nur zehn Kinder nach oben kommen... Die Lehrerin fragte sie nach ihren Namen. Schau mal! Da tanzen doch tatsächlich Stefane und Andrey auf der Bühne!! Wie schön! Diese Mikrobe von Frevo hat´s wirklich in sich... Zum Schluss bekamen alle eine DVD geschenkt mit einer Stunde Frevounterricht.

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ein Vater wird es kaum glauben! – sagte Andrey, außer Puste, mit ganz feuchten Augen und weinte fast vor soviel Glück. – Wieso wird es Dein Vater kaum glauben? – fragte Stefane ganz neugierig. – Weil ich sehr schüchtern bin und auf die Bühne gekommen bin, um Frevo zu tanzen! Ich habe diese Musik gehört und ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ehe ich mich versah, stand ich schon da oben. – Ha, ha, ha, ha, ha...!! – lachte Stefane und freute sich für den Freund. – Vorbei ist es mit dem Montagsstress! – Oh Mann!! Wie cool! Das ist eine DVD mit der man Frevotanzen lernen kann!! – sagte Andrey und hüpfte vor Freude. – Genau...!! – stimmte ihm Stefane zu. – Jetzt hält mich keiner mehr beim nächsten Karneval, ich werde zuhause trainieren und mich in die Menge schmeißen! – Es gibt einen link: www.aprendafrevo.com.br – merkte Andrey an. – Noch heute werde ich mal bei der Nachbarin einen Blick drauf werfen... Sie hat einen Computer... und ich nicht.... – Lauf schnell, Andrey, die Lehrerin geht weg!!

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ie Beteiligung von allen war sehr rege gewesen. Zum Schluss der Stunde sangen sie dem “Geburtstagskind” ein Ständchen in seinem Rhythmus und bliesen hundert Geburtstagskerzen aus. Unter den Schülern wurde ein 12 Kilo schwerer Kuchen und Becher mit köstlichem Wasser und Maracuja-Saft verteilt. Ach ja! Was das fehlende Wasser in der Schule angeht, so kann man nur hoffen, daß der Bürgermeister eine neue Wasserpumpe für die Schule kauft. Und daß er sie dieses Mal mit Ketten und Schlössern befestigt. – Frau Lehrerin, Frau Lehrerin! – das war Stefane, die fast außer Atem rief und los rannte, und Andrey, der hinterher lief. – Hallo! Wie geht´s Euch?

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– Könnten Sie vielleicht ein bisschen mit uns reden? – fragte Stefane schüchtern. – Ja klar! Aber lass dieses merkwürdige “Sie” weg, Ihr könnt ruhig “Du” zu mir sagen... Die beiden erröteten leicht, mit schüchternem Lächeln, und wußten nicht mal recht, was sie mit ihren Händen anfangen sollten. – Wissen Sie was? – Stefane nahm ihren ganzen Mut zusammen und legte los. – Wir wollten nämlich ein Interview mit Ihn...ich meine, mit Dir machen. Es soll für eine Schularbeit sein, über die 100 Jahre Frevo. – Wie wunderbar! Es ist mir ein Vergnügen, Euch ein Interview zu geben!


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ber vorher möchten wir noch eine Sache klären..... – sagte Stefane ziemlich aufgeregt. – Zwei.... – sagte Andrey, so leise, daß man es fast nicht hören konnte. – Legt los. Ich bin für Euch da. Und Du brauchst Dich nicht zu schämen, Andrey. Ich versichere Dir, daß ich nicht beißen werde – sagte die Lehrerin lächelnd. – Ich zuerst, zuerst ich!! – rief Stefane und hüpfte. – Ich wollte wissen, ob der Frevoschirm immer so bunt und so klein war?

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– Hervorragende Frage, Stefane! – sagte die Lehrerin bewundernd. – Ganz am Anfang, als die Passistas und der Frevo entstand, tanzte das Volk vor den Militärkapellen, wie ich Euch erzählt habe. Damals gab es noch keine Frevo-Orchester, so wie wir sie heute kennen. Es gab sehr viel Rivalität zwischen einigen Capoeira-Gruppen und Streithähnen. Daher entstand mitten im Trubel immer wieder Streit. Um diejenigen zu schützen, die nicht zum Streiten aufgelegt waren, hat die Polizei verboten, daß die Leute Taschenmesser und Stichwaffen mitbrachten. So haben also einige Leute einen Holzstock benutzt und auch einen Regenschirm, der nicht nur vor Regen und Sonne schützte, sondern auch als Waffe benutzt wurde.


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annomann! Das war ja ganz schön gefährlich damals, vor den Militärkapellen zu tanzen – überlegte Stefane. – Ja. Es war ganz anders als heute. – Und wo ist jetzt der kleine Schirm mittendrin geblieben? – fragte Andrey, mit gerunzelter Stirn. – Nun, die Jahre zogen ins Land, das Feiern nahm immer mehr zu und die Streits nahmen ab. Dabei kamen die Wettbewerbe für Frevo und für die Schritte auf. Und um die Akrobatik besser ausüben zu können, haben die Passistas damals die Schirme allmählich verkleinert. Seitdem hat jeder eine neue Mode erfunden: sie statteten die Schirme in verschiedenen Farben oder mit Stickereien aus oder hängten kleine Anhänger zur Dekoration daran. – Toll! Das heißt, daß ich einen Frevoschirm in der Größe oder Art herstellen kann wie ich will – bemerkte Stefane, ohne die Augen und die Hände von dem Schirm der Lehrerin zu lassen. – Genau! Ihr seid aufgeweckte Schüler, Ihr lernt schnell – sagte MariFrevo, mit einem breiten Lächeln und fuhr fort. – Es gibt auch den “Schmetterlingsschirm”. Er bestand nur aus dem Regenschirmgestell und war verziert mit daran gehängter Dekoration. Er sah wirklich aus wie ein Schmetterling mit geöffneten Flügeln.

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ch denke schon darüber nach, wie ich meinen Schirm für diesen Karneval schmücken kann. Keiner wird so einen haben wie ich. – Während Du darüber nachdenkst, wie Du Deinen Schirm machen wirst, stelle ich meine Frage – nahm Andrey seinen Mut zusammen. – Ist es wahr, daß Du 72 Jahre alt bist? – Ha, ha, ha, ha, ha.... Ja. Ich bin 72 fröhliche Jahre alt! – antwortete die Lehrerin mit einem herzlichen Lachen. – Aaaah....jetzt mal ganz im Ernst!! – äußerte Stefane ihre Zweifel. – Wenn man etwas tut, was einen sehr, sehr glücklich macht, dann kommt es einem vor, als ob die Zeit verfliegt, oder? – fragte die Lehrerin. 36

– Genau... – stimmte ihr Andrey zu. – Immer wenn ich Videospiele spiele, ist der Tag ruckzuck vorbei und meine Mutter regt sich die ganze Zeit über mich auf: “Junge, nun geh doch mal vom Fernseher weg!”.


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as kommt daher, daß die Freude die Zeit schneller vergehen läßt. Lass uns was abmachen: in hundert Jahren Freude treffen wir uns hier am gleichen Ort. Du – sagte sie und blickte zu Stefane –, kommst bitte mit einem ärmellosen roten T-Shirt und einem bunten Band um den Kopf; und Du – sie blickte zu Andrey – kommst mit einem eleganten Hut und einem blauen T-Shirt. So werde ich Euch sofort wiedererkennen können! – In hundert Jahren, da bin ich ja hundertzehn Jahre alt! – sagte Andrey erstaunt. – Und ich werde hundertelf Jahre alt sein! – sagte Stefane, ebenfalls verwundert. – Sehr gut! – antwortete die Lehrerin glücklich. – So werden wir den Karnevalszug “Ewiger Frevo” bilden. – Wie sollen wir das anstellen, Frau Lehrerin? – hakte Stefane nach, ohne recht verstanden zu haben. – Ich habe ja schon während der Vorführung gesagt.... man muss die Schritte mit richtiger Lust, mit einem schönen Lächeln im Gesicht und mit Frevo im Herzen machen. Die Ewigkeit ist nicht die unendliche Zeit; sie ist die Aufhebung der Zeit.

So, nun ist es an Euch, LERNT DIE SCHRITTE... UND ES LEBE DER FREVO!!

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Wer will mehr über den Frevo wissen? Hand hoch!

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twa in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde der Frevo in drei verschiedene Arten unterteilt: frevo-de-rua – er hat keinen Text; frevo-de-bloco – (dieser hat Texte) er umfaßt ein Orchester mit Gitarren, Ukulelen, Mandolinen, Geigen und Trommeln und wird von einem Frauenchor begleitet; und der frevo-canção – der eine Mischung aus den beiden ist, weil er zunächst mit einer Einleitung beginnt, die rein instrumental ist, aber auch den Sanftmut der Verse des frevo-de-bloco hat. – Ach so! Das bedeutet also, daß der “Passo de Anjo” (Engelsschritt), von Meister Spok und João Lira, ein frevo-de-rua ist! – rief Andrey aus. – “Oh! Bela” (Oh, Schöne”) von Capiba ist ein frevo-canção – fügte Stefane hinzu. – Und “Evocação nº 1 (Anrufung Nr.1)” von Nelson Ferreira ist ein frevode-bloco – schloss Andrey. – Sehr gut, Kinder, genau so ist es! – sagte die Lehrerin, äußerst zufrieden mit der aufmerksamen und begeisterten Teilnahme der Schüler. – Und es gibt noch mehr. Am 5. Dezember 2012 wurde der Frevo zum Immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit erklärt (http://www. fundarpe.pe.gov.br/frevo-e-eleito-patrimonio-cultural-imaterial-dahumanidade)! Ich möchte, daß Ihr als Hausaufgabe andere Beispiele für die verschiedenen Frevo-Arten herausfindet. Ich gebe Euch einen Tipp: auf der site www.frevo.pe.gov.br, werdet Ihr echt tolle Sachen finden. Abgemacht?

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AUTORIN UND WERK Seit ich klein bin, sagte ich zu meinen Eltern, daß ich Sängerin und Künstlerin (“atrista” – hier hat sie als Kind auch das “r” an die falsche Stelle gesetzt – statt “artista” sagte sie “atrista”, Anm. d. Ü.) werden will. Die Sängerin hat ihre Stimme nur im Badezimmer rausgelassen, aber der andere Traum wurde schließlich wahr. Immerhin sind wir alle Künstler. Lebenskünstler! Ich bin in Pernambuco (Bundesstaat im Nordosten Brasilien, Anm.d.Ü.) geboren, aber ich hätte nie gedacht, daß ich mich so sehr mit unserer Kultur identifizieren würde. Ich kann sagen, daß ich sehr privilegiert bin, denn der Vater im Himmel hat in meinem Leben immer die richtigen Personen an den richtigen Ort geschickt. Sie lehrten mich jedesmal, den richtigen Weg zu wählen, der am besten dazu führt, in Würde aufzuwachsen. Ich bin Choreographin, Tänzerin, Schauspielerin, Radiosprecherin, Kulturproduzentin und Psychologin. Vor allem bin ich verliebt in diesen brasilianischen Rhythmus, der in Pernambuco geboren wurde und offiziell zum Immateriellen Kulturgut Brasiliens erklärt wurde. Er spielt eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben. Im Jahr 2002 habe ich als erste eine Video-Unterrichtsstunde für Frevo herausgebracht (www.aprendafrevo.com.br). Und jetzt, obwohl ich weiß, daß es schon Kinderbücher über Frevo gibt, habe ich mich entschlossen, dieses hier vorliegende Buch zu produzieren. Ich glaube, daß es wichtig ist und seinen Platz in der Kinderliteratur einnehmen wird. Es unterscheidet sich von den anderen durch eine Besonderheit: es ist ein Buch, das die Geschichte wieder aufleben läßt und erstmalig als Version in Blindenschrift für Kinder erscheint. Es wurde bereits ins Französische, Englische, Italienische, Spanische und Deutsche übersetzt. Das Buch gibt ein bisschen von meiner mehr als zwanzigjährigen Arbeitserfahrung mit der pernambukanischen Kultur wieder. Ich habe es mit viel Liebe und Hingabe geschrieben. Ich bin sicher, dass die Leser, seien es Erwachsene oder Kinder, Spaß dabei haben werden, etwas zu Lachen haben und unglaubliche Dinge entdecken werden mit Hilfe der Tanzlehrerin MariFrevo und mit Stefane und Andrey. Wie die Tanzlehrerin so schön sagt: “Jeder kann Frevo tanzen; manchmal weiß man nur nicht, daß man es kann! Denn um nach diesem Rhythmus zu tanzen, muss man kein Geheimnis entschlüsseln. Man muss nur die Schritte mit richtiger Lust machen, mit einem schönen Lächeln im Gesicht und mit Frevo im Herzen!”

Mariangela Valença


Eine Vorführstunde: 100 jahre Frevo Weißt Du, was Frevo ist? Und was “Passista” bedeutet? Nein?! Also solltest Du jetzt beginnen, dieses Buch zu lesen. Ich bin sicher, daß es Dir mit der Tanzlehrerin MariFrevo und mit Stefane und Andrey Spaß machen wird. Du wirst immer wieder etwas zu Lachen haben und unglaubliche Dinge entdecken. Wie die Tanzlehrerin so schön sagt: “Jeder kann Frevo tanzen; manchmal weiß man nur nicht, daß man es kann! Denn um nach diesem Rhythmus zu tanzen, muss man kein Geheimnis entschlüsseln. Man muss nur die Schritte mit voller Lust, mit einem schönen Lächeln im Gesicht und mit Frevo im Herzen machen!” Mariangela Valença ist Choreografin, Tänzerin, Schauspielerin, Kulturproduzentin und Psychologin. Und vor allem ist sie verliebt in die pernambukanische Kultur. Mit ihrem Debüt als Schriftstellerin widmet sie ihr Werk dem Kinderpublikum. Und das Thema konnte natürlich kein anderes sein als der Frevo, ihre große Leidenschaft. Ítalo Cajueiro ist Werbefachmann, Filmemacher, Illustrator, Animateur, Drehbuchautor und Programmierer für visuelle Kommunikation. Mit seinen Animationsfilmen, die bereits in verschiedenen Ländern gezeigt wurden, gewann er bisher 47 Preise auf Filmfestivals in Brasilien und weltweit. Dies ist das zweite Kinderbuch, das er illustriert.

Aprenda Frevo | Alemão  
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