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Front Deutscher Ă„pfel Das Buch zur Bewegung


Max Upravitelev (Hg.)

Front Deutscher Ă„pfel Das Buch zur Bewegung


Inhaltsverzeichnis Einleitung

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Aufbaujahre der Bewegung CHRONIK 03. Oktober 2004 Muttergau Leipzig: Die Apfelfront als Intervention im Demospektakel Veronika Darian: Früchte des Demos. Oder: Die ballistische Flugbahn einer performativen Haltung MANIFEST Das Manifest des großen Apfels! (2005)

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CHRONIK 13. Februar 2005 BRIMBORIA Institut: Nationalismus (I). Über gesunden und ungesunden Nationalismus Marcel H. Pernik: „Frei, sozial und National.“ Nazis und Systemkritik

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CHRONIK 01. Mai 2005 Robin May: Satirische Aktionen auf Demonstrationen. Demoguide zum Umgang mit derPolizei Muttergau Leipzig: Die gezielte Produktion besserer Bilder ÖFFENTLICHE ERKLÄRUNG Erklärung. Spiel, Satz, Sieg: 3:1 für uns!

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Propaganda und Organisation CHRONIK 22. April 2006 Nationales Frischobst Deutschlands: Die Arbeitsweise der Leipziger Apfelfront Politik und Schabernack: Im Gespräch mit Tilman Loos

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CHRONIK 15. August 2006 Sebastian Jabbusch: Erste Gaugründung in Mecklenburg-Vorpommern Im Gespräch mit dem boskopistischen Traditionsgau Bayern Gau Bamberg: Schlacht um Bäm-Berg Mein Mann, der Neonazi

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CHRONIK 21. Juli 2007 Fernando Wawerek: Wraith‘s Chronic. Eine Geschichte über fortwährendes Versagen und peinliche Pleiten.

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Marsch auf Berlin CHRONIK 06. Oktober 2007 MANIFEST Der nationale Gau-Knigge (2007) Muttergau Leipzig und Tom Rodig: Das erste Gautreffen

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CHRONIK 15. März 2008 Tom Rodig: Marsch auf Berlin Im Gespräch mit Markus Ohm, Henry Rudolph und Alf Thum: Die Anfänge der Apfelfront

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Operation Klassenfahrt Der Fluch der vergangenen Weihnacht

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,Ungarn erwachse! Oder: Die Rückkehr der Front Deutscher Äpfel

CHRONIK 15. Juni 2009 Im Gespräch mit Tom Rodig: Identifizierung und Über-Identifizierung DEPESCHE Selbstermächtigung zur Gaugründung (2010)

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CHRONIK 13. Januar 2011 Armin Langer: (Un-)Gern in Ungarn. Erfahrungen eines systemkritischen Aktivisten Ruben Pfizenmaier: Elemente und Ursprünge der Knoblauchfront. Ein Kurzportrait des Gründers Armin Langer: Die Geburt der ungarischen Knoblauchfront. Von Übersetzungen und Erfolgen MANIFEST THE 13+1 STANDPOINTS of the HUNGARIAN GARLIC FRONT

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Die wahre Leipziger Schul e CHRONIK 22. Juli 2005 Alain Bieber: Die Geschichte, wie ich die Polizei einmal persönlich durch meine Ausstellung führte Linnéa Meiners im Gespräch mit Tom Rodig und Max Upravitelev: Das subversive Potential der Apfelfront CHRONIK 13. Februar 2009 BRIMBORIA Institut: BRIMBORIA Kongress – Die subversive Strategie des Fake

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CHRONIK 07. August 2012 BRIMBORIA Institut: Ein Abend ohne Christian Worch Dieter Daniels: Künstlerische Praxis des politischen Gedenkens heute als ‚Realitäts-Test’ für zeitgenössische Kunst

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CHRONIK 15. Februar 2013 Gregor Zocher: Nazistück BRIMBORIA Institut: „Nazis rein.“ Kommentar zur Absetzung des Nazistücks

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CHRONIK 11. März 2013 Die Front Internationale: DADA siegt! MANIFEST Front-Manifest (2013)

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CHRONIK 11. September 2013 Im Gespräch mit Martin Sonneborn: 10 Jahre PARTEI-Arbeit „Die Apfelfront braucht starke Gegner!“

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CHRONIK 22. November 2013 COMPOST-Komitee und Ruben Pfizenmaier: Nationalismus (II). Die Apfelfront erklärt der Kartoffel (Tarnname: Erdapfel) den Krieg Im Gespräch mit Leo Fischer: Über Komik und Kritik. THESEN über Satire als angewandter Punkrock

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Autorinnen/Autoren Danksagung Impressum

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EINLEITUNG Kameradinnen und Kameraden! Bereitet euch vor auf einen Ritt entlang wilder Zitate und wüster Metaphern. Seid bereit, mit einem Füllhorn aus dem Metkessel des Germanentums zu schöpfen. Sammelt Thors Sturmwolken über euch, erhebt eure genialischen Häupter. Denn allein durch striktes Befolgen unserer klaren und genauen Anweisungen könnt ihr zu eurer Bestimmung kommen und Teil einer wahrhaft nationalen Bewegung werden! Aber zunächst zu etwas komplett anderem. Im Anschluss an eine geleerte Flasche Schnaps ziehe ich im Spätherbst 2006 mit einem Freund durch die Leipziger Innenstadt, nur um mal wieder unverhofft in eine kleine Schlägerei zu geraten. Das war nicht ungewöhnlich. Unser Freundeskreis hatte immer wieder Auseinandersetzungen mit rechten Hools, Nazis, testosterongeladenen Atzen – also mit weißen, schlecht gelaunten, jungen Männern, die man in der ostdeutschen Provinz so findet. Mit diesem Umstand wuchsen wir auf und nahmen ihn mehr oder weniger hin. Etwas dagegen tun konnten wir sowieso nicht, und wegen der Gefahr, eine aufs Maul zu bekommen, prominente Gebiete der Stadt nicht mehr zu betreten, kam als Lösung natürlich nicht in Frage. So begeben wir uns auch an diesem Novemberabend zu unserem Stammlokal in der Innenstadt. Fünf Typen, die bis eben vereinsamt in der Mitte einer leicht erhobenen Wiese rumsaßen, kommen uns entgegen und sprechen uns an. Sie fragen, wo wir denn eigentlich hin wollen. Ich beginne zu antworten und werde unhöflicherweise durch einen Tritt in mein Gesicht unterbrochen. Ich falle rücklings auf den Boden und blicke zu meiner Begleitung. Auch er kassiert einen beherzten Fußtritt und folgt mir in die ebenerdige Position. Mein Freund stellt sich allerdings noch unbeholfener an als ich: Er setzt während des Falls einen Fuß zurück und stolpert über sich selbst. Mir gleich liegt er nun auf dem Rücken, seinen Rucksack unter sich, wie ein Käfer. Ich fange an zu lachen. Er blickt zu mir rüber und fängt ebenfalls an zu lachen. Unsere Angreifer sind verwirrt. „Ey Scheiße, ich glaube die haben die Bullen gerufen!“, mutmaßt einer von ihnen. Sie rennen davon. Das war das erste Mal, dass Humor uns ganz lebenspraktisch davor bewahrte, noch weiter auseinandergenommen zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte unser Freundeskreis bereits seit zwei Jahren mit der Front Deutscher Äpfel Erfahrungen gesammelt, wie gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontativ mit Humor begegnet werden kann. *** Wir haben die Front Deutscher Äpfel nicht erfunden. Aber wir trugen entscheidend dazu bei, dass aus einer einmalig geplanten Aktion eine Bewegung wurde. Eine Bewegung, die nun im Jahre 2014 ihr zehnjähriges Bestehen feiert, auf eine ruhmreiche Geschichte zurückblickt und sich über Ableger in anderen Staaten freut. Aus diesem Anlass erscheint nun dieses Buch, das sich in selbstkritischer Absicht dieser Zeitspanne widmet und die Erfolge und Niederlagen auswertet. Durch eine

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theoretische Aufarbeitung zeigt es, was wir uns eigentlich dabei gedacht haben, und untersucht darüber hinaus, was man aus unserer Erfahrung lernen kann. Dies erfolgt ganz konkret durch die Rubrik „Frontbefehle“: Kurze Einschübe, die Praxistipps versammeln. Der Aufbau des Buches Die Front Deutscher Äpfel ist ein aktionskünstlerisches Format, das selbst laufen lernte und unerwartet in allen möglichen Gegenden für Nachwuchs in Form von Ortsgruppen sorgte. Bevor die Apfelfront aber zum Selbstläufer wurde, musste Dokumentieren Sie alles! sie ihre eigentliche Form finden. Diesem Prozess widmet sich das erste KapiSie wollen nicht erst alles tel, Aufbaujahre der Bewegung. Es skizziert chronologisch die ersten Meilenzusammensuchen müssteine, um sie anschließend auf unterschiedlichen Wegen auszuwerten. Ein sen, wenn Sie nach zehn Jahren an einem Buch Prinzip, welches das gesamte Buch bestimmt. Das erste Kapitel widmet sich über Ihre Bewegung der eigentlichen Situation, für welche die Apfelfront ursprünglich bestimmt arbeiten. war: Inmitten von Protestierenden, die einen Naziaufmarsch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbinden wollten. Einzelne Akteure einer solchen Situation werden beschrieben, um anschließend ihr Verhalten und ihre Denkweise zu betrachten. Die Aufbaujahre der Bewegung verdanken sich natürlich nicht nur unserem Interesse, das Konzept der Apfelfront weiterzuführen, sondern vor allem auch der Bereitschaft der beiden Hauptakteure der ersten Apfelfrontgeneration – Markus Ohm und Alf Thum – eine Horde von spätpubertierenden Teenagern politisch zu adoptieren. Wir freundeten uns an und begannen, neben der Apfelfront auch innerhalb anderer Formate zusammenzuarbeiten. Das Konzept der Apfelfront verlor für uns zunehmend an Bedeutung, während es zeitgleich bundesweit unerwartete Bekanntheit erlangte. In allen Ecken der Republik sprossen Ortsgruppen aus dem Boden. Mit einigen dieser Ortsgruppen standen wir von Anfang an in Kontakt und tauschten uns regelmäßig aus. Die meisten waren uns aber völlig unbekannt. Wir blickten auf Photos aus der halben Bundesrepublik, die junge Menschen in schwarzer Garderobe mit Apfelfront-Armbinden zeigten – wer sich dahinter verbarg und ob das Konzept tatsächlich überall angekommen war, ließ sich für uns nicht erkennen. Das zweite Kapitel, Organisation und Propaganda, ist diesen Jahren der ungeplanten Expansion gewidmet. Einerseits begrüßten wir diese Entwicklung ausdrücklich, andererseits wurde sie uns ab einem bestimmten Zeitpunkt unheimlich. Spätestens nach Berichten über interne Grabenkämpfe um Führungspositionen innerhalb von Ortsgruppen wurde uns klar, dass es auch Menschen gab, die dieses Format viel zu ernst nahmen.

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Aufbaujahre der Bewegung

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Wir fragten uns, ob wir nicht aus Versehen ‚Die Welle‘ losgetreten hatten und versuchten, diese Herausforderung durch große Treffen künstlerisch zu lösen. Diesen Ereignissen und der Frage nach der gewollten Identifizierung und der ungewollten Über-Identifizierung mit einer aktionskünstlerischen Bewegung widmet sich das dritte Kapitel, Marsch auf Berlin. Im Zuge dieser Debatten löste sich die ursprüngliche Formation der Leipziger Apfelfront fast vollständig auf. Was blieb, war das Interesse an der Theorie und Praxis subversiver Kunst. Hieraus ergaben sich einige Projekte, die ebenfalls das Thema ‚Nazis‘ künstlerisch bearbeiteten. Sie teilten sich das Schicksal, von den jeweiligen ausführenden Instanzen – Kunst-Werke Berlin und Spinnwerk Leipzig – wegen fehlendem Arsch in der Hose im letzten Moment aus dem Programm genommen zu werden. Im vierten Kapitel, Die wahre Leipziger Schule, werden diese Projekte ausführlich beschrieben. Zudem wird an dieser Stelle eingehend behandelt, was unter subversiver Kunst eigentlich zu verstehen ist. Im Jahre 2011 war die Apfelfront eigentlich Geschichte. Bis uns der Kuss der Erweckung erreichte: Die Nachricht über die Gründung der Ungarischen Knoblauchfront. Auf Recherchereisen beschäftigten wir uns ausführlich mit den ungarischen Verhältnissen und waren fasziniert, wie gelungen sich das Front-Konzept in einen anderen nationalstaatlichen Kontext übersetzen ließ. Was in Ungarn und Deutschland möglich war, musste auch anderswo funktionieren. Und so nahmen wir unsere Arbeit wieder auf, um auf dem gesamten Erdball Front-Ableger zu provozieren. Über diese jüngste Entwicklung gibt das fünfte und letzte Kapitel, ‚Ungarn erwachse‘ oder: Die Rückkehr der Front Deutscher Äpfel Auskunft. Dieser Absicht verdankt sich auch dieses Buch. Wie andere Dokumente der jüngsten Zeit soll es in Zukunft zumindest teilweise ins Englische übersetzt werden. Zunächst richtet es sich aber an ein deutschsprachiges Publikum, indem es noch einmal genau auseinandernimmt, was die Apfelfront ist – und was nicht. Das Buch dient auch dazu, satirische Formate auf europäischer und internationaler Ebene zu denken. Dokumentarisches Handbuch und Chronik der Bewegung Dieses Buch versteht sich als dokumentarisches Handbuch. Was dieses Format sein soll, lässt sich anhand dreier literarischen Vorbilder erklären. 1988 erschien The Manual – How to Have a Number One the Easy Way von The KLF, einer prominenten britische Elektro-Combo, die mit ihrem Buchprojekt zeigen wollte, wie jeder, aber auch wirklich jeder, eine eigene prominente Elektro-Combo aufmachen konnte. Mit diesem Werk teilt sich sich dieses Apfelfront-Buch die Herangehensweise: Es gilt zu zeigen, wie sich innerhalb der bestehenden Aufmerksamtkeitsökonomie subversive

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Kunst betreiben lässt, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen und krampfhaft eine Einmaligkeit des eigenen Schaffens behaupten zu wollen. Das, was wir gemacht haben, ist wiederholbar, es ist verbesserbar und nur eine künstlerische Methode unter vielen. Andere Methoden versammelt das Handbuch der Kommunikationsguerilla der Automen a.f.r.i.k.a. Gruppe, eine wunderbare Zusammenstellung künstlerischer Mittel, um mit vergleichsweise wenig Aufwand politisch zu intervenieren. Wie das Handbuch ist aber auch das vorliegende Buch nicht nur an den Mitteln interessiert: Eine Intervention ist kein emanzipatorisches Unternehmen per se. Es muss klar sein, in welche Situation interveniert wird, und warum. Dementsprechend sind im vorliegenden Band viele theoretische Reflexionen versammelt, die sich nicht nur dem Wie und Wann, sondern vor allem auch dem Warum widmen. Die dritte Inspirationsquelle ist der Doku-Roman Raven wegen Deutschland von Torsun & Kulla. Dort beschreibt der Protagonist aus der Ich-Perspektive seine Erinnerungen an einen feierwütigen Sommer. Seiner Erzählung wird in Form zusammengetragener Interviews mit seinen Wegbegleitern, den „Partnern im Rausch“, immer wieder widersprochen. Im Gesamtbild wird aber deutlich, wie völlig irrelevant die auszuwertenden Streitpunkte für die Erzählung sind: Die Geschichte ist so oder so denkbar und das, was sie ausdrücken soll, wird auch so gezeigt. Mit diesem Buch teilt sich das vorliegende die Auffassung bezüglich Erzählfiktion und Wirklichkeit. Es hat nicht den Anspruch, eine lückenlose Aufklärung aller Vorgänge zu liefern, es ist selbstverständlich nicht DIE Geschichte – es ist EINE Geschichte. Eine Geschichte einer als einmalig geplanten Intervention, die zur Institution wurde. Dementsprechend ist das Buch geschrieben und zusammengestellt aus der Perspektive der zweiten Apfelfront-Generation. Ich möchte mich also gleich am Anfang bei allen um Entschuldigung bitten, die sich eventuell falsch verstanden oder gar ausgelassen fühlen und möchte sie dazu anregen, entsprechende Richtigstellungen zu veröffentlichen. Ein Verfahrensvorschlag zur Güte: Lassen wir über die Wahrheit die Historiker von morgen entscheiden – und nicht die Anwälte von heute. Für jede Richtigstellung sollten allerdings zwei Gerüchte in die Welt gesetzt werden. Wir wollen es der zukünftigen Geschichtsschreibung nicht zu einfach machen.

Max Upravitelev Berlin, 16. Mai 2014

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Aufbaujahre der Bewegung

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03. OKTOBER 2004 Unser erstes Aufeinandertreffen mit der Front Deutscher Äpfel fand am 3. Oktober 2004 nach den Protesten gegen eine Nazidemo statt. Am Ende eines langen Demotages, als der Pulverdampf sich bereits legte, sprachen wir die Apfelfront nach ihrem Auftritt an und tauschten Kontaktinformationen aus. Heute wissen wir, dass diese Aktion eigentlich als einmalige Intervention geplant war. Damals kam es uns überhaupt nicht in den Sinn, dass alles schon wieder vorbei sein sollte. Dafür fanden wir die Herangehensweise einfach zu spannend, zu witzig und vor allem hochgradig souverän. Und an Souveränität fehlte es uns schmerzhaft. Die Gegendemonstration zum Naziaufzug an diesem Tag war nicht unsere erste. Wir sind mit den Protesten groß geworden, an denen wir seit 2001 teilnahmen. In diesem Jahr begann der Berufsnazi Christian Worch seine Truppe zweimal jährlich in Leipzig zusammenzutrommeln. Für uns war das nicht hinnehmbar und seine Ankündigung, diese Aufzüge bis 2014 fortzusetzen, machte es nicht besser.

Die Party-Löwen Nummer 1 in der Stadt Im Winter dieser dreisten Ansage entdeckte unser Freundeskreis den Ort für sich, den Worch nun regelmäßig erreichen wollte: Das Völkerschlachtdenkmal. Von nun an trafen wir uns jeden Freitagabend auf dem Vorplatz dieser monumentalen Scheußlichkeit und tranken Unmengen an halbgefrorenem Bier. Unsere Treffen sprachen sich schnell herum. Die Teilnahmezahlen an den regelmäßigen Abstürzen wuchsen stetig. Es bildete sich mit der Zeit ein ganzes Netzwerk zwischen verschiedenen Schulen heraus, das sich völlig analog über die Festnetztelefone der Elternhaushalte organisierte und sich jeden Freitagabend am „Völle“ versammelte. Über die Jahre erwuchs so eine kleine Szene, die es dank ihrer Vorliebe für Krawall sogar ab und an in die Lokalnachrichten schaffte. Niemand von uns war auch nur ansatzweise politisch organisiert, auch subkulturell waren wir ein sehr diffuser Haufen. Aber uns verband zumindest ein gemeinsamer Nenner, und das war Punkrock. Jeden Freitagabend grölten wir mit 56k-Modems mühsam heruntergeladene und anschließend auswendig gelernte Songs in die Nacht, palaverten über „Große Zeiten, Ambitionen, Politik und Emotionen, Trunkenheit und Freudentaumel ohne Zahl.“ Was uns politisch vereinte, war der Protest gegen Nazis. Wir nutzten das entstandene Netzwerk, um uns auf anstehende Demos vorzubereiten und uns über die Leipziger Szene auszutauschen. Während der Gegenproteste sammelten wir die ersten Erfahrungen mit Demoabläufen, Blockadeversuchen und prügelnden Polizisten. Zwischen den Naziaufmärschen beschäftigten wir uns immer mehr mit den Strukturen und der Ideologie der Nazis. Es lässt sich wohl ohne weiteres behaupten, dass Christian Worch – ohne es zu wollen – eine ganze Generation von antifaschistischen Aktivistinnen und Aktivisten in Leipzig hervorgebracht hat, die erst durch die Gegenmaßnahmen zu seinen Aufzügen politisch aktiv geworden sind. Wir waren ein Teil davon.

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An die Naziaufmärsche hatte sich Leipzig 2004 schon längst gewöhnt. Nach der Wende entdeckten sowohl Freie Kameradschaften als auch die NPD den Osten der sorglos vereinten Bundesrepublik als Spielwiese und führten mit geheuchelter Ausdauer ihren ‚Kampf um die Straße‘. Am diesjährigen Tag der Wiedervereinigung sollte sich der gewohnte Ablauf ändern. Kurz zuvor zog die NPD in den sächsischen Landtag ein und wurde zu allem Überfluss mit fulminanten 9,2 % zur viertstärksten Kraft. Christian Worch war beflügelt und änderte zum ersten Mal seine Strategie: Anstatt wie gewohnt zum Völkerschlachtdenkmal zu ziehen, sollte nun der linksalternative Süden der Stadt von ihm bespielt werden. Eine Provokation sondergleichen, die unserem Freundeskreis in diesem Ausmaß allerdings noch gar nicht bewusst war. Der politische Status des Südens war uns unbekannt; wir verbanden Naziaufmärsche mit dem Osten Leipzigs, dessen Völkerschlachtdenkmal wir selbstermächtigt zu unserem autonomen Jugendzentrum erklärt hatten. Dieses Mal mussten wir mit einer uns völlig unbekannten Demosituation rechnen, allein aufgrund des unbekannten Terrains. Umso überraschter stellten wir an diesem Tag fest: Die Gegenproteste zu Worchs Wanderzirkus wurden zu einem städtischen Großereignis.

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DIE APFELFRONT ALS INTERVENTION IM DEMOSPEKTAKEL Muttergau Leipzig

Bei einem Event wie diesem sind unterschiedliche Akteure auf der Bühne:

friedliche Gegenproteste wie am besagten 3. Oktober 2004 von der Presse als linksautonome Chaostage präsentiert, rückt der Naziaufmarsch als eigentlicher Grund für die Proteste in den Hintergrund.

DIE NAZIDEMO Der eigentliche Anlass für das gesamte Spektakel. Nach innen dank der schlechten Aussichten auf einen erfolgreichen Aufmarsch mies gelaunt und zerstritten. Nach außen hin geschlossen, martialisch und aggressiv im Auftreten, dabei aber betont legal. Juristisch zweifelhafte (Armhebe-)Handlungen und das Zurschaustellen von verfassungsfeindlichen Kennzeichen werden widerwillig, aber konsequent, vermieden.

KONSERVATIVES WUTBÜRGERTUM Ist selbst beim Spektakel nicht anwesend, engagiert sich aber umso mehr mit Schmackes in der öffentlichen Auswertung danach. Stützt sich dabei auf die politisch nahestehenden Rezensionen aus der Presse. Macht sich mit Vorliebe Gedanken darüber, was geht und was nicht – und scheut sich selten vor historischen Vergleichen („Früher hätte es das nicht gegeben!“).

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DIE GEGENPROTESTE Ihr Ziel ist es, die Nazidemo zu verhindern. Sie sind alles andere als homogen, setzen auf verschiedene Protestformen und zeigen unterschiedliche Grade an Entschlossenheit – angefangen beim ‚Luftballonblasen gegen Rechts‘ bis hin zur Nutzung der städtischen Einrichtung als Blockadematerial.

Vorsicht bei Verallgemeinerungen! Das Denken in Kollektiven ist nur ein Werkzeug, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen und kein endgültiges Urteil über Vertreter einer bestimmten Gruppe.

Häufig werden die Nazidemos seitens der Stadt untersagt. In diesem Fall klagen gut ausgebildete Nazianwälte die geplante Demonstration bis in das eigentliche Gefecht hinein und durch die juristischen Instanzen hindurch, um auf jeden Fall marschieren zu können. Meist sprechen ihnen die Gerichte die Demonstrationsfreiheit zu. Abgewogen wird, ob die Polizei in der Lage sei, den Aufmarsch und seine Begleiterscheinungen im Zaum zu halten. Zumindest die Versammlungen am Aufmarschort funktionieren meistens. Ob die Versorgen Sie sich mit Nazis laufen können, ist eine Kartenmaterial und stuandere Sache. Der tatsächliche dieren Sie es! Ortskenntnis spart viele Blasen an Beginn der Nazidemo verzögert den Füßen. sich so eigentlich immer. Damit beginnt auf allen Seiten das große Warten. Ein derart angespanntes Großereignis erfordert bei allen Beteiligten viel Fingerspitzengefühl. Die Situation kann jeden Moment kippen. Es kann aber durchaus passieren, dass man stundenlang an einem Ort festhängt. So wie an besagtem spätsommerlichen Oktobertag.

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DIE POLIZEI Eingesetzt, um allen Beteiligten das Recht auf Versammlung zu gewährleisten und eine Konfrontation der Gruppen zu vermeiden. Sie ist Akteurin im Geschehen und führt zugleich Regie. Entscheidet über den Erfolg der jeweiligen Seite, indem sie zum Beispiel den polizeilichen Notstand ausruft und damit die gesamte Veranstaltung für beendet erklärt. Genauso liegt es aber auch in ihrer Hand, ob für eine Nazidemo trotz großer Proteste, die Route freigeprügelt wird. MEDIALE BERICHTERSTATTUNG Beobachtet das Spektakel und liefert die Rezension, entscheidet also aktiv über die nachfolgende Auswertung der Ereignisse in der Öffentlichkeit. Werden beispielsweise überwiegend

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*** Der erste Anblick der Szenerie war überraschend – schon allein die schiere Masse an Menschen, die sich Worch in den Weg stellen wollten, bot

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ein ungewohntes Bild. Seine Aufzüge im Osten der Stadt provozierten auf der Gegenseite fast ausschließlich die Mobilisierung der linken Szene. Dieses Mal schien es, als wäre der halbe Süden der Stadt auf der Straße. Worch und seine Truppe mussLesen! Zum Aufstieg und ten angesichts dieser Menge grandiosen Scheitern den ganzen Tag in der prallen dieser Gestalt: Fernando Sonne auf einem Parkplatz in Wawerek: „Wraith’s Chronic. Eine Geschichte der Nähe des Wilhelm-Leuschüber fortwährendes ner-Platzes verharren. So erVersagen und peinliche freulich dieser Ausgang auch Pleiten“. In diesem Band war: Die Proteste wurden damit ab Seite 93 zur Geduldsprobe. Die Spielstätte hatte gerade mal einen Umkreis von einem Kilometer, im Zentrum des Geschehens saßen die Nazis fest. Die Blockaden mussten gleichmäßig um sie herum positioniert werden, damit die Polizei keine Lücken nutzen konnte, um die Nazis spontan durchzulassen. Ab und zu brannte in der Peripherie das Hauptaustragungsortes eine Mülltonne, ansonsten blieben die Proteste friedlich, erfolgreich und – nun ja – auch ein bisschen langweilig. Wir, obschon einigermaßen demoerprobt, litten während solcher Veranstaltungen an der eigenen Ohnmacht. Militante Herangehensweise war nicht unser Stil. Die Demonstrationsroute der Nazis mit brennenden Mülltonnen zu blockieren fanden wir zwar zweckdienlich, hatten aber mit so etwas keine Praxiserfahrung. Die bürgerlichen Protestformen waren für uns ebenfalls uninteressant. Warum sollte man den ganzen Tag an einem DGB-Stand rumstehen, Bratwurst essen und sich Nicht verzagen, andere Reden anhören, während die fragen! Quatschen Sie Nazis unbehelligt marschieren? Leute an, die etwas Wir krankten an der eigenen Besonderes tun. Wahrscheinlich lieben sie Passivität und Planlosigkeit. Aufmerksamkeit und sind Umso beindruckender war es, mitteilungsfreudig. den ersten Auftritt der Front Deutscher Äpfel zu erleben. Diese Menschen stellten sich einfach über alle Beteiligten des Demospektakels. Sie provozierten

das Bürgertum mit ihrem martialischen Auftreten und nutzten dabei satirische Mittel, die den politischen Gegner zwar angriffen, aber körperlich unversehrt ließen. Und vor allem strahlten sie Souveränität aus, denn für solch ein Auftreten muss man verdammt viel Demoerfahrung und vor allem Haltung mitbringen. Wir waren überzeugt, endlich ein Protestformat gefunden zu haben, das wie maßgeschneidert für uns war.

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ZENTRALFORDERUNGEN DER FRONT DEUTSCHER ÄPFEL

Der erste Front-Flieger, auch bekannt als Aktionsflyer.

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FRÜCHTE DES DEMOS. ODER: DIE BALLISTISCHE FLUGBAHN EINER PERFORMATIVEN HALTUNG Veronika Darian

Demonstrationen erweisen sich als außerordentlich geeignete Versuchsfelder für Kollektiv-Forscher: Sie sind temporäre Erscheinungen von Gemeinschaft. Hier sind Rituale und Uniformierungen zu beobachten, Plakate und Parolen unterstreichen das Geforderte, der Verweis auf Traditionslinien und gemeinsam eingeübtes Verhalten dienen der Legitimation. Demonstriert wird kollektiv und codiert. Im Zuge einer Gegendemonstration – im gedachten Fall vornehmlich links vs. rechts ausgerichtet – treffen dementsprechend mindestens zwei Gruppen mit gegensätzlichen Interessen, Zielen und Codes aufeinander, meist vom direkten Zusammenprall abgehalten durch den staatlichen Schutz einer aufgefädelten Polizeikette. Aber das Versuchsfeld der (Gegen-)Demonstration hält durchaus auch Zwischenräume bereit für die unbeteiligte Beobachtung, den sympathisierenden Besuch – oder ein irritierendes Gastspiel, das die demonstrierten Standpunkte und die angenommene Einigkeit zu erschüttern vermag. Als ein solches Interludium können die Auftritte der Front Deutscher Äpfel (FDÄ) betrachtet werden, die seit nunmehr zehn Jahren auf den wiederkehrenden rechten Demonstrationen und linken Gegendemonstrationen – längst schon nicht mehr nur in Leipzig – in Erscheinung tritt. Eine überschaubare Gruppe (keine Masse!) von uniform schwarz gekleideten, mit einer schwarz-weiß-roten Armbinde versehenen jungen Frauen (weniger) und Männern (mehr) scharen sich um ihren (An-)Führer, der durch ein Megaphon die Praxis der satirischen Deeskalation ein- und ausübt. Von Anbeginn waren die Aktionen der Apfelfront offensichtlich geprägt durch eine Mischung aus dem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber unhinterfragten Mustern innerhalb der Demonstrationskultur(en) und einer inhärenten Medienkritik. Daraus erwuchs eine kreative Protestpraxis. Die Apfelfront startete

im eigentlichen Sinne als eine Antwort auf die Suche nach alternativen Protestformen jenseits des Lagerkampfes und der Vermeldung des bereits Eingeübten. Entgegen ihrem Namen war sie nie auf Frontstellung, auf Kon-Frontation aus, sondern suchte vielmehr den Raum zwischen den Fronten. Sie speiste sich von vornherein aus der Lust am kreativen Protest und der Weigerung zur Eingliederung ins Gewohnte. Dabei war die genaue Beobachtung des zu Kritisierenden die Basis: Fundierte Kritik in Form einer Verschiebung und Parodie des Gewohnten setzt sehr genaue Kenntnisse voraus. So entzog sich die Apfelfront ausdrücklich nicht der Griffigkeit bestimmter Parolen und Codes, sondern nahm sie durchaus ernst und für sich in Anspruch. Das Schwarz-Weiß-Rot auf den Armbinden, Plakaten und Handzetteln erinnert an die Farben des Deutschen Reiches und seiner Vorläufer. Die Form des Emblems (schwarzes Zeichen in weißem Kreis auf rotem Grund) ruft schon von weitem Assoziationen an die Hakenkreuz-Symbolik des Nationalsozialismus wach und wird erst bei näherem Hinsehen als das namensgebende Obst erkennbar. Der Sprachduktus, die Insignien, die Uniformen, die hierarchische Struktur sind allesamt dem nazistischen Vokabular entlehnt. Wer die eigentlichen Adressaten sind, wird auf den ersten Blick – und im Echo der Presse sowie linker Diskussionsforen im Internet – einvernehmlich festgelegt: die gemeinschaftlich zu verachtende Ideologie der Rechten und der schleichende bürgerliche Nationalismus. Für ein Heimspiel sind die verwendeten Codes jedoch zu heterogen, entwendet aus den Arsenalen der verschiedenen Lager: Nicht nur rechte Symbolik wird parodiert, auch linke Parolen werden verfremdet. Aus eindeutigen Statements wie „Nazis, verpisst euch, keiner vermisst euch!“ werden da mitunter verbale Stolpersteine, wenn rhythmisch skandiert wird: „Was gibt der deutschen Jugend Kraft? – Apfelsaft! Apfelsaft!“

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Darüber hinaus werden die eingenommenen Posen stets auch auf ihre Medientauglichkeit hin überprüft. In wachem Bewusstsein für die Wirkmacht des Nachrichtenbildes einer brennenden Mülltonne wird die „Politik der Bilder“ (Jacques Rancière), denen wir tagtäglich Glauben schenken, selbst politisiert. Bilder sind ideologische Produkte, umgekehrt funktioniert keine Ideologie ohne repräsentative Bilder. Die Apfelfront hat ihre eigene Bild- und Symbolsprache entwickelt, die auf Vergangenes rekurriert und gleichzeitig die mediale Bilderhast bedient. Damit deutet sie mit ausgestrecktem Finger auf die problematische Verfertigung von Gemeinschaft durch die Sprache und das Bild. Wie nebenbei werden dadurch Fragen des Politischen aufgeworfen, das sich eben nicht in unhinterfragten Wiederholungen des allgemein Anerkannten erschöpfen darf, sondern im Fall der Apfelfront auf die Verfremdung des Bekannten setzt. Dabei begegneten die Apfelfrontler dem Vorwurf des ‚Kostümfaschismus‘ mit der irritierenden Haltung der ‚Über-Affirmation‘. Diese Strategie ist nicht neu, man kennt sie beispielsweise aus den Praktiken der Kommunikationsguerilla oder von den provokant inszenierten Auftritten der slowenischen Band Laibach, die sich als musikalische Abteilung der „Neuen Slowenischen Kunst“ präsentiert. Als die Mitglieder von Laibach mit ihren martialisch anmutenden Bühnenshows, ihrem faschistoiden Duktus und ihrem rollenden R in den 1980er Jahren die „Geburt einer Nation“ oder „Leben ist Leben“ besangen, wurde der wohlige Schrecken beim mitwippenden Publikum nicht zuletzt auch durch die Tatsache befördert, dass es sich beim ersten um eine Coverversion von Queens Lied „One Vision“, beim zweiten um das Cover von „Life Is Life“ der Gruppe Opus handelte. Die vermeintlich harmlose Popkultur verlor darin ihre Unschuld und zeigte ihr ideologisch überformtes Gesicht. Überaffirmation bedeutet also im ersten Schritt, sich an den ‚Feind‘ anzupassen. Die Subversivität dieser Strategie liegt im nächsten Schritt darin, „Codes zu entstellen, anstatt sie zu zerstören“ (Roland Barthes): Apfel statt Hakenkreuz, Parodie anstelle der

Aufbaujahre der Bewegung

Parole. So weit zur Produktion. Längst nicht so eindeutig verlief die Rezeption. Die Bandbreite der Reaktionen auf den uniformierten, fahnenschwenkenden Block reichte von der strikten, verständnislosen, bisweilen angstbesetzten Ablehnung über das Abtun als harmlose, weil ja nur künstlerische Aktion, bis hin zu vorsichtigen, neugierigen Fragen oder später gar der freundlichen Begrüßung durch die jeweiligen Ordnungshüter, mit denen man nach den ersten Interventionen bereits bekannt war. Wohlüberlegt fordern die ausgelösten Irritationen unmissverständlich eine Haltung ein – und das sowohl bei den ‚Mitläufern‘ wie auch bei den Beobachtern. Es handelt sich eben nicht um Aktionen auf Abstand, die quasi anonyme Adressaten in ihrem Konsum-, Medien- oder Sozialverhalten aufrütteln. Auch eine Beschreibung als Aufführung, bei der man als Fan vor der Bühnenrampe zu verweilen hat und sich auf Distanz mit den Akteuren im Scheinwerferlicht identifizieren oder auch von ihnen distanzieren kann, verfehlt die Sache. Mit der schwarz-weiß-roten Armbinde der Apfelfront ist man im Gegenteil gekennzeichnet, geschützt und exponiert zugleich: sowohl Teil der temporären Protestgemeinschaft als auch Mitglied einer nicht ganz geheuren, obskuren Vereinigung. Indem zielsicher das Klischee der jugendlichen Krawalltruppe („Sind das jetzt Nazis?“) aufgesucht und zugleich unterlaufen wird („der bestangezogenste und friedfertigste Schwarze Block“), kehren die Stereotype jeglicher Herkunft zu denjenigen zurück, in deren Köpfen sie als solche scheinbar bereits in Vergessenheit geraten sind. Was als mehr oder weniger einmalige Intervention begann, wurde bald zu einem erwarteten Zwischenspiel, sozusagen zum unterhaltsamen Demo-Kessel-Management. Bevor das jetzige „Front Manifest“ das „Manifest des großen Apfels“ ersetzte, fand sich darin folgende Passage: „Wir sind Multifunktionalisten und Dienstleister. Wir werden auf den öden Passagen einer Demo, einer Blockade, des politischen Protestes immer die Haltung der Unterhaltung einnehmen. [...] Weil wir an die revolutionäre

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Kraft des Witzes glauben.“ Der auf allen Demonstrationen geschmetterte Kraft-Saft-Leitspruch hat es mittlerweile in der Kategorie Antifaschismus unter in der Rubrik Demosprüche sogar auf die Website Anarchopedia.org geschafft. Die Früchte (hier: Äpfel) des Demos (Volk oder Gemeinde, ursprünglich die kleinste Einheit eines staatlichen Verwaltungsbezirks im antiken Griechenland) haben sich als äußerst anschlussfähig erwiesen, was nicht nur der ‚Jungvolk‘-Zuwachs und die Apfelfront-‚Gaue‘ deutschlandweit und darüber hinaus (siehe Ungarische Knoblauchfront) belegen, sondern auch die Akzeptanz bei anderen Demonstrationsgängern. Im besten Sinne erweisen sich die Aktionen der Apfelfront als wortwörtliche Demonstrationen, als Anzeiger des Protests, als performative Geschosse, als Herausforderungen einer politischen Haltung durch künstlerisches Handeln.

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Das Manifest des großen Apfels 2005 Warum ist das Universum gekrümmt? Hat es sich vor Lachen irgendwann einmal gebogen? Womöglich über uns? Wie auch immer: Die Front Deutscher Äpfel ist der politische Urknall in Permanenz! Nur in unserem Bund ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile! Wir sind die späteste Frucht des Paradieses – daher der Apfel! Oder glaubtet ihr etwa, wir machen Namenswitze? Wir hassen Nazis nicht, wir begreifen sie! Sie sind Gewächse, die aus den Saaten der Staaten sprießen. Solange wir den Acker noch nicht umgepflügt haben, ist Lachen das Pestizid gegen dieses Kraut. Wir sind die Vorhaut der Spaßgesellschaft und ziehen uns erst zurück, wenn es ernst wird! Wir lehnen Gewalt ab, weil sich das besser liest. Wenn wir auftreten, tragen wir Anzug oder – für die Damen – seriösen Chic. Wir tragen Schwarz und sind damit der bestangezogenste schwarze Block aller Zeiten! Die Wahrnehmung von Bürgerrechten ist manchmal Karneval, also verkleidet euch anständig!

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Wir sind Multifunktionalisten und Dienstleister. Wir werden auf den öden Passagen einer Demo, einer Blockade, des politischen Protestes immer die Haltung der Unterhaltung einnehmen. Weil wir wissen, dass verkrampfte Typen nur verkrampfte Sachen hervorbringen. Weil wir an die revolutionäre Kraft des Witzes glauben. Wir sind die Hofnarren der Verhältnisse. Wohlgemerkt „Verhältnisse“, nicht der „Herrschaft“. Man mag uns zahnlose Tiger schelten, aber mit unseren Megafonen und unseren Losungen erreichen wir mehr als manches Plenum, als mancher Arbeitskreis, als mancher Demagoge. Wir sind in der Situation die Macht! Wir sind Situationisten! Nach dem Erfolg werden wir unsere Aktivitäten ausbauen. Ihr müsst mit uns rechnen. Wir können dem Verfassungsschutz nur empfehlen, sich jetzt einzuschleusen. Frühes Erscheinen sichert die besten Plätze! Zwei Knaben stiegen auf einen Baum, Sie wollten Äpfel runterhaun; Am Gipfel drobn wurd‘s ihnen klar; Daß das a Fahnenstange war. (K. Valentin)

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13. FEBRUAR 2005 Tatsächlich bestanden die meisten Demoerfahrungen in unserem Freundeskreis darin, sich von der Polizei durch Hinterhöfe jagen zu lassen und ständig Platzverweise zu kassieren. Als wir zum ersten Mal wirklich in unmittelbare Sichtweite einer Nazidemo kamen, waren wir bereits unter der Apfelfront-Fahne unterwegs. Es war der 13. Februar 2005 in Dresden. Dieser Tag markierte den zweiten Auftritt der Front Deutscher Äpfel. Von Anfang an geplant war er nicht. Der Aufschlag in Leipzig war immerhin als einmalige Nummer angelegt gewesen. Niemand hatte damit gerechnet, dass diese Show eine dazugehörige Jugendorganisation zutage bringen würde. Als die Größe der erwarteten Nazidemo in Dresden absehbar wurde, entschieden wir uns, ebenfalls hinzufahren. Zum sechzigsten Mal jährte sich 2005 die Bombardierung Dresdens kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Unterschiedliche Gruppierungen hatten Gedenkveranstaltungen angemeldet. Nicht nur das Bürgertum gedachte der Bombardierung, auch Nazigruppen meldeten eine Demonstration an. Sie sprachen vom ‚Bomben-Holocaust der Alliierten‘ und drehten die Opferzahlen ins Unermessliche. Wer den Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte, spielte für sie freilich keine Rolle. In diesem Punkt unterschieden sie sich übrigens nicht sonderlich von den bürgerlichen Gedenkveranstaltungen: Die ganze Stadt schien fest entschlossen, sich ihrem Opfermythos zu widmen, anstatt den historischen Kontext zu betrachten. Dementsprechend klein fiel die Beteiligung an den Gegenprotesten zur Nazidemo aus. Die Nazis konnten ungestört laufen. Nach den üblichen Scharmützeln mit der Polizei standen wir am späten Nachmittag auf den Elbterrassen im Zentrum Dresdens, unweit von Semperoper, Frauenkirche und Residenzschloss. Mit uns fand sich hier eine Menge von vielleicht 500 Menschen zusammen, an der über 7000 Nazis vorbeizogen. Wir blickten auf das andere Ende der Brücke und warteten, bis der Demonstrationszug seinen Abschluss fi nden würde. Aber das tat er nicht. Jedenfalls nicht für eine ganze Weile. Über eine Stunde standen wir in der klirrenden Kälte und zählten die unterschiedlichsten Fahnen von Nazis und Faschisten aus der ganzen Welt. Als die Nazis endlich vollzählig auf unserer Seite der Elbe angekommen waren, wurde ihre Demo für beendet erklärt. Die Polizei zog ihre Einsatzkräfte ab und überließ alle Beteiligten ihrem Schicksal. Die ganze Stadt war mit einem Schlag voller übermütiger Nazis, die in größeren Gruppen von 50 bis 60 Menschen umherzogen. Und wir mittendrin. Ohne Ortskenntnis, ohne Kontakte – dafür mit einem weiten Weg zu unseren Fahrzeugen. In dieser Situation zu sein, war wohl das Unangenehmste, was unserem Kollektiv in Bezug auf direkte Begegnung mit Nazis jemals passiert ist. Im gleichen Jahr wurde ein Nazi-Forum gehackt und ins Netz gestellt, das wir natürlich umgehend studierten. Dort fanden wir einen Eintrag über uns, in dem auch die Büroadresse gepostet wurde. Das war allerdings auch schon das höchste der Gefühle. Ansonsten konnten sie mit uns wohl nicht allzu viel anfangen. Später lasen wir in anderen Foren, wie sie sich in Nebensätzen immer wieder über uns ärgerten. Wahrscheinlich waren wir aber

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einfach doch zu friedlich, um als Angriffsziel zu dienen. Aber auch zu dreist, um ignoriert zu werden. Die Erfahrung, eine gefühlte Ewigkeit lang mehrere tausend Nazis ohnmächtig vor der eigenen Nase vorbeiziehen zu lassen, blieb jedenfalls hängen und erzeugte viele Fragezeichen. Warum laufen deutsche Nazis mit anderen Nazis aus der ganzen Welt zusammen, wie funktioniert das? Müssten sie sich nicht gegenseitig ausschließen? Wurden wir Zeugen einer Nationalistischen Internationale? Ihre Denkweise wies offensichtlich verbindende Elemente auf. Nach der Erfahrung in Dresden begannen wir uns stärker mit ihrer Ideologie zu beschäftigen und stellten fest: Was sie eint, ist die Verbindung von Nationalismus mit einer verkürzten, personifi zierten Systemkritik der kapitalistischen Gesellschaft.

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DEMOFLYER AB DRESDEN 2005

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NATIONALISMUS (I). ÜBER GESUNDEN UND UNGESUNDEN NATIONALISMUS BRIMBORIA Institut

Nationalismus wird hier schon von der Pike auf erlernt. Und dann hat man die Bösen, die es angeblich übertreiben, die heißen dann NPD, und es gibt dann die Guten – die heißen dann … na, die Namen der bürgerlichen Parteien. Es gibt den gesunden und den ungesunden Nationalismus. Das ist so ein bisschen die Trennung. Über beides erheben wir uns natürlich, denn wir heißen Nationalismen generell nicht gut. [Alf Thum, Boskopismus] Seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 traut sich das Wort ‚Nation‘ wieder prominent in die bundesrepublikanische Öffentlichkeit. Und weil niemand so recht weiß, was daran wieder gut sein soll, nennt man diese Erscheinung gerne „entspannt“. Sie sei so natürlich wie die Liebe zur eigenen Familie: Wer will es einem verwehren, dass man sich freut, wenn die eigene Fußballnationalmannschaft gewinnt? Es wird gern behauptet, dass dieser neu entbrannte Nationalismus kaum mehr als ein Freizeitvergnügen ist. Aber dass gerade die Liebe für elf Fußballer und einen Trainer so viele Menschen vor die Bildschirme und Leinwände in Wohnzimmern, Kneipen und auf öffentlichen Plätzen bringt, zeugt vom Gegenteil: Selbst zusammengenommen würden die Fußballmannschaften, für die die einzelnen Spieler sonst spielen, keine solche Begeisterung erzeugen. Das ‚eigene Team‘ – Team Deutschland – ist keine Gruppe von Fußballern, sondern eine Projektionsfläche für ein Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland: zur Nation. Was ist überhaupt eine Nation? Nationen fallen nicht vom Himmel und so sehr wir uns anstrengen, wir werden sie nicht entdecken, ob während eines Ausfluges in den Schwarzwald oder beim Bernsteinsammeln am Ostseestrand. Sie sind nichts Naturgegebenes, nichts Angeborenes, sondern ein Produkt der Vergesellschaftung. Auch wenn gern etwas anderes behauptet wird, wenn es darum geht, der eigenen Nation zu einer ruhmreichen Vergangenheit zu verhelfen.

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Ein Beispiel: Angela Merkel, immerhin Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, lässt in ihrer Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS. 2000 Jahre Varusschlacht im Mai 2009 folgenden Satz fallen: „Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, dass wir heute glücklicherweise in einer friedlichen Zeit leben. Allerdings haben wir das als Germanen eben auch nicht aus eigener Kraft geschafft, sondern es hat des europäischen Gedankens bedurft.“ Hier wird implizit ein kontinuierlicher Zeitstrahl behauptet, der ‚die Geschichte der Deutschen‘ mindestens bei ihrem glorreichen Sieg über das Römische Reich anfangen lässt. Schon damals hätte man sich erfolgreich gegen Fremdeinflüsse gewehrt. Auch wenn zu loben ist, dass Merkel in diesem Zitat auch auf Zeiten anspielt, in denen ihre Nation einen Weltkrieg nach dem anderen vom Zaun brach: Es gibt keinen vernünftigen und historisch stichhaltigen Grund dafür, sich in eine Traditionslinie mit irgendwelchen germanischen Barbaren zu stellen, die sich erfolgreich gegen eine römische Zivilisierungsmission verteidigt haben. Die blöden Römer mit ihrem Straßenbau und ihrer Kanalisation – Monty Pythons Das Leben des Brian lässt grüßen. Die Bestimmung der Nation Dabei ist es bemerkenswert, wie jung dieses Phänomen – das Denken und Einteilen der Menschheit in Nationen – tatsächlich ist. Es

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gibt sich selbst so, als würde es die Tradition von tausenden Jahren im Rücken haben. Dabei entfaltete die Idee der Nation erst im Zuge der bürgerlichen Revolutionen in den USA (1776) und in Frankreich (1789) ihre massentaugliche Wirkung. Ihr Aufkommen ist eng geknüpft an den Begriff der VolkssouveräLesen! Eric Hobsbawm: nität: Eine gesellschaftliche Nationen und Klasse beanspruchte, ihre poNationalismus. Mythos litischen und ökonomischen und Realität seit 1780, Frankfurt/New York: Geschicke selbst in die Hand zu Campus Verlag 2004 nehmen. Die Etablierung dieses Konzeptes hatte also zunächst durchaus emanzipatorische Züge. Es ging um Selbstbestimmung, um die Unabhängigkeit von einer höheren Instanz – egal ob sie nun König oder Kolonialmacht hieß. Diese – nennen wir sie mal innenpolitische – Bestimmung von ‚Volk‘, impliziert also zuerst eine aktive Abgrenzung gegen Fremdbestimmung von oben. Damit hört die Abgrenzung aber freilich nicht auf – viel eher entfacht sie eine Dynamik, die sich schwer stoppen und kaum kontrollieren lässt. Mit dem Konzept der Nation wird eine politische Einheit geschaffen. Ein Verwaltungsraum, in dem sich der Volkssouverän politisch organisiert. Wie kam es dazu, dass aufgrund einer eigentlich administrativen Grenzbestimmung nur knapp ein Jahrhundert später Millionen von Menschen im Namen der Nation bereitwillig in den Ersten Weltkrieg zogen, um sich mithilfe modernster Massenvernichtungswaffen gegenseitig abzuschlachten? Die Vorstellung der Nation unterteilt immer in zwei Gruppen von Menschen: Das eigene ‚Volk‘ und das ‚Ausland‘. Ein ‚Wir‘ und ein ‚die Anderen‘. Nationales Denken heißt, in verschiedenen nationalen Einheiten zu denken. Um diese vermeintliche Verschiedenheit zu bestimmen, bedarf es identitätsstiftender Momente, über welche die ‚eigene‘ Nation definiert wird. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass diese

Momente immer mehr oder weniger willkürlich zusammengewürfelt sind. Der Versuch, eine natürliche Bestimmung der Nation herbeizufabulieren, endet natürlich nicht bei der Suche nach ethnischen Wurzeln in der Geschichte. Ein anderes beliebtes Beispiel ist der Verweis auf eine gemeinsame Sprache. Wiederum zeigt das Beispiel Deutschland, welche Schwierigkeiten so eine Bestimmung mit sich bringt: Eine einheitliche, verbindliche Sprache musste in einem zusammenhangslosen Verbund unzähliger deutschsprachiger Einzelstaaten erst einmal konstruiert werden. Man mag sich gar nicht ausmalen, welchen Anfeindungen regionalsprachlicher Konservativer Konrad Duden und seine Gang ausgesetzt waren, als sie im 19. Jahrhundert ankündigten, eine allgemein gebräuchliche Rechtschreibung der deutschen Sprache zu formulieren. Was hätten wir noch? Eine gemeinsame Kultur wird gern Lesen! Benedict heranzitiert, um eine imaginier- Anderson: Die Erfindung te Gemeinschaft zu errichten. der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Auch wenn sich die Mitglieder Konzepts, Berlin: dieser Gemeinschaft niemals Ullstein Verlag 1998 persönlich kennenlernen werden, können sie sich immerhin auf eine Art gemeinsame Leitkultur beziehen, die generationsübergreifend verstanden wird. Sie dient in erster Linie dazu, sich abzugrenzen: In diesem Fall gegen vermeintlich integrationsunwillige Minderheiten. So wird den Marginalisierten die Schuld an ihrer eigenen Misere zugeschoben und gesellschaftlich bedingte Faktoren als die eigentliche Ursache verdeckt. 2:0 für die nationale Mehrheitsgesellschaft. Dabei fällt aber auch auf: Junge Menschen aus französischen Plattenbausiedlungen wie den Pariser Banlieues haben mit ihrem sozioökonomischen Alltag und ihren subkulturellen Codes mehr mit Jugendlichen aus deutschen Plattenbausiedlungen wie Bremen-Tenever gemein, als

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mit der vielgerühmten französischen Koch- und Esskultur. Sie teilen die fehlenden Aussichten auf ein gelingendes bürgerliches Leben mit jungen Menschen aus den Projects in Baltimore und identifizieren sich mit sehr ähnlichen Vorstellungen, wie sie mit diesem Umstand umgehen sollen. Deswegen werden bei den ab und zu auftretenden sozialen Unruhen in solchen ‚urbanen Brennpunkten‘ überall die gleichen Sportschuhe geklaut: Sie verkörpern überall auf der Welt dasselbe falsche Versprechen auf Teilhabe am Leben der gutverdienenden, privilegierten Teile der Gesellschaft.

Was spricht eigentlich dagegen, sich die Menschheit global zu denken? Als eine gemeinsame politische Einheit, in der die Zersplitterung in hunderte von Nationen keine Rolle mehr spielt? Es gibt eine globale Wirtschaft, aber keine globale staatliche Organisation, die diese regulieren könnte. Die Produktionsverhältnisse stehen jedem Aufkommen von globalem Denken sogar im Weg, schließlich beruhen sie in ihrer politischen und ökonomischen Ausprägung auf einem Konkurrenzdenken: Unter dem Stichwort ‚Konsumentenrivalität‘ kämpfen Menschen um die letzte Flasche Wein von der anderen Seite der Erde im Regal, Firmen konkurrieren um Absatzmärkte und Produktionsmittel auf der ganzen Welt und Nationalstaaten konkurrieren untereinander, welche Volkswirtschaft am besten Kapital akkumuliert: ‚Nicht, dass die Chinesen uns mal abhängen!‘ Das Denken in ‚nationalen Einheiten‘ ist nichts, was Nazis für sich gepachtet hätten. Sie hängen ihre Argumentation an einer ideologischen Finte auf, die tief in der bürgerlichen Gesellschaft verwurzelt ist. Sie denken den Konkurrenzkampf der Nationen konsequent zu Ende und erklären sich selbst zur ‚Herrenrasse‘, deren Bürde es ist, den Konkurrenzkampf in ihrem Sinne anzuführen und zu gewinnen. Um überhaupt in die Position zu kommen, diesen Kampf zu führen, rufen sie auf zur nationalen Revolution. Und so ist es nicht weiter widersprüchlich, wenn Nazis aus aller Welt sich versammeln, um geeint zu marschieren – wie am 13. Februar 2005 in Dresden. Sie stimmen darin überein, verschieden zu sein. Sie eint die gleiche Ideologie, sie haben die gleichen Feindbilder und die gleichermaßen verbreitete Begriffsschwäche: Selbstverständlich ist mit der nationalen ‚Revolution‘ nicht etwa der Umsturz aller bestehenden Verhältnisse gemeint. Wenn Nazis von etwas nun wirklich überhaupt keine Ahnung haben, dann ist es das kritisches, systematisches Denken, welches ein vernünftiger Revolutionsbegriff voraussetzt.

Nationalismus in einer globalisierten Welt Das Konzept Nationalismus bis hierher noch einmal zusammengefasst: Jeder einzelne Bürger ist Bestandteil einer größeren Einheit, der Volksidentität. Diese ist nicht nur nicht selbst gewählt, sondern führt auch noch einen Zwang zum Bekenntnis mit sich. Und alle Menschen, die diese Identität kritisieren oder gar ablehnen, würden nur sich selbst verleugnen und damit in letzter Konsequenz der gesamten Nation als Schicksalsgemeinschaft schaden. Selbst wenn die Welt als bunter Flickenteppich gedacht wird, auf dem jede Nation ihren gleichwertigen Platz bekommen soll, so bleibt damit die Grundstruktur erhalten: Wir sind wir – die Andern sind anders. Und das von Anbeginn. Ein vollkommener Wechsel der Nationalität scheint so unmöglich wie die Veränderung der Muttersprache, obwohl beides nicht von Geburt an feststeht. Auch diese vermeintliche Toleranz der Gleichwertigkeit der Nationen schafft ein Raster, das für den Einzelnen unüberwindlich erscheint: „Die Deutschen sind pünktlich, die Spanier feiern laut“. Der Glaube an die Nationszugehörigkeit ist letztlich der Glaube an eine alle Zeiten überdauernde Instanz, die ein konstruiertes Volk auf irgendeine Art und Weise verbindet – und es vom Rest der Welt trennt. Diese Denkweise mag unterschiedliche Schattierungen haben, letztlich verlaufen sie aber graduell: Es gibt nicht den gesunden und den ungesunden Nationalismus.

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„FREI, SOZIAL UND NATIONAL.“ NAZIS UND SYSTEMKRITIK Marcel H. Pernik

„Kapitalismus tötet!“ steht groß auf einem Auf- geschaffenen Meisterwerken getauscht. Und kleber. Er klebt neben vielen anderen an einer anscheinend hat sich damit auch das typische Laterne in Berlin-Friedrichshain. In der unteren Themenspektrum von Rassenkunde, NS-Verrechten Ecke sieht man auch aus der Ferne zwei herrlichung und Hass auf alles Andersartige übereinanderliegende Fahnen, die man von erweitert: An den Laternen und im Nazi-Webvielen Antifa-Aufklebern kennt. So weit, so be- store findet man Plakate, Patches und Aufkleber kannt für dieses Viertel mit seiner Vergangen- zu Umweltschutz, Tierschutz, Globalisierungs-, heit als Hort der Hausbesetzer in der Nachwen- Zensur- und Kapitalismuskritik – alles unter dezeit. Doch ein zweiter Blick lohnt sich. Kleiner dem Banner des ‚Nationalen Sozialismus‘. Aber unter der Überschrift liest man nämlich weiter: was meint das eigentlich? „Nur die Nation kann der kapitalistischen GloIn der Schule lernte man, dass der Nationalbalisierung Grenzen setzen!“ Und die Verfasser sozialismus im letzten Jahrhundert ein ideolonennen sich nicht Antifa, sondern ‚Nationale gischer Kampfbegriff der Faschisten war, um Sozialisten‘. Nazis also – man zückt den Schlüs- auch die eher kommunistische und sozialdemokratisch eingestellte Arbeiterschaft für einem sel und entfernt den Aufkleber. An Irritationen durch die Übernahme von reaktionären Umsturz der Weimarer Republik früher links konnotierten Symbolen durch und die Umwandlung in einen faschistischen Nazis hat man sich in den letzten Jahren oh- Staat zu begeistern. Auch über dessen heunehin gewöhnen müssen. Es ist ein typisches tiges Wiederaufleben liest man in politikwisBild geworden, dass sich auf Blockaden von senschaftlichen Büchern und Berichten ÄhnliDemonstrationen Rechtsradikaler Menschen ches: Mit ihrem rebellischen Image und einer mit Palitüchern und Che-Guevara T-Shirts sozialen Maske würden die Rechten versuchen, gegenüberstehen. Was an der Ampel in Fried- durch einfache Antworten bei Wendeverlierern richshain zutage tritt, ist aber weit mehr als und aufbegehrenden Jugendlichen zu punkten. die bloße Aneignung einzelner Symbole. Seit Kurz gefasst: Sie seien menschenverachtende einigen Jahren gibt es eine an Popularität ge- ‚Rattenfänger‘, damals wie heute. Als Strategie gegen nationalsozialistische winnende Strömung innerhalb der Naziszene, die ihren Ursprung in Friedrichshain hat. Hier Ideologie ist diese Dämonisierung falsch. Sigründet sich – gerade im subkulturell-links cher, die Adaption linker Protestkultur ist eine geprägten Berliner Kiez – im Jahr 2000 die Ka- Strategie, um gerade bei einem pubertären meradschaft Tor, deren Mitglieder sich als ‚Auto- Publikum mit diffusem Drang zur Rebellion annome Nationalisten‘ bezeichnen und im großen zudocken. Aber die Erklärung des Nationalen Stil linke Ästhetik und subkulturelle Formen in Sozialismus als bloße Propaganda ist zu simihr Auftreten übernehmen. Die Bewegung, die pel. Wer die Argumentation der Nazis einfach sich in den Folgejahren entwickelt, hat heute ignorieren will, bezeugt eine Angst vor einer schätzungsweise 1200 Anhänger. Sie bedienen Sogwirkung, die faschistische Argumente entsich neben Kleidungs- und Musikstilen auch an fachn könnte und gibt den Nazis damit – und anderen Strategien der Linken. Neben dem Auf- besonders in deren Augen – schon halb Recht. treten der Autonomen auf Demos finden diese Diese Nazis haben tatsächlich etwas gegen Nazis beispielsweise auch Gefallen an Graffitis Kapitalismus, Zensur und Globalisierung und und HipHop, um ihre Inhalte zu verbreiten. Auf gleichzeitig gegen eine kritische Analyse der Homepages werden Skizzen und Bilder von den gesellschaftlichen Verhältnisse. Ob einmal in

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ihre Ansichten verrannte Jugendliche mit Argu- mer kann man an einer Posse der letzten Jahre menten überzeugt werden können oder nicht: erkennen: Die mit ihren modernen Designs bei Nazis verstehen lernen, heißt, sie bekämpfen einem rechtsradikalen Publikum ökonomisch lernen. Und kompliziert sind ihre Argumentati- recht erfolgreiche Kleidungsmarke Thor Steionen nicht gerade. Schnell wird deutlich, dass nar, die durch die MediaTex GmbH vertrieben sie vor Widersprüchen bald auseinanderfallen, wird, begeisterte mit ihrem Image die Szene wenn man sie nur genauer anschaut. Denn ob- – alle Produkte sind Qualitätsware, werden in wohl sich vieles in der Außendarstellung dieser Deutschland produziert und weiterverarbeitet. Nazis verändert hat, bleibt ihr Kern doch der- Echte deutsche Wertarbeit – man gönnte der selbe. Das kann an einigen Beispielen schnell Firma die Verwirklichung des amerikanischen – vor Augen geführt werden. äh ... – deutschen Traumes. Als 2009 bekannt wurde, dass sich der Inhaber für eine weitere Nazis mit grünem Daumen Expansion ausländische, ja arabische InvesDie Nazis haben sich so ziemlich alle Themen toren angelacht hatte, war das Gezeter in der angeeignet, die vor einigen Jahren noch vor- Szene groß, es wurde nach Boykott geschrien. nehmlich den linken oder globalisierungskri- Freilich nicht wegen der kapitalistischen Expantischen Bewegungen vorbehalten waren. Ein sion, sondern wegen der Investoren. besonders obskures Beispiel dafür sind wohl die Daran zeigt sich, dass es nicht der (liebe, Umwelt- und Tierschützer unter ihnen. Während deutsche) Kapitalismus ist, der abgelehnt wird. sie Phantasien für einen neuen Genozid an Mus- Das Problem liege vielmehr darin, dass der limen im Internet verbreiten, entdecken auch gute, deutsche Kapitalismus von jenen kaputt Nazis ihr Mitgefühl für industriell gezüchtete gemacht werde, die im Hintergrund die Stricke und geschlachtete Tiere: so etwas sei einfach in der Hand halten würden: den Bankern. Sie unmenschlich. Und auch die großen Freunde seine es, die aus purer Bosheit und Raffgier den der NS-Kriegsindustrie werden zu Umweltschüt- erwirtschafteten Reichtum dem deutschen Volk zern. So heißt es auf Flyern: „Umweltschutz und vorenthielten – auf dessen Kosten. Obwohl sie Naturschutz ist Selbstschutz für uns Menschen“. selbst nicht ‚dazugehören‘ würden, spannten Aber es zeigt sich schnell, was hier gemeint ist. sie hinterhältig die ‚Volksgemeinschaft‘ vor In einer ähnlichen Kampagne der NPD unter dem ihren Karren. Den üblen Strippenziehern steht Titel „Umweltschutz = Heimatschutz“ erklären die ehrliche, unschuldige Volksgemeinschaft sie, dass es die „deutschen Kulturlandschaften“ gegenüber, dem ‚schaffenden Kapital‘ – ganz zu schützen gelte – solange die Natur nur ander- ähnlich wie im Kleinen ABC des Nationalsozianorts zerstört wird, interessiert sie das kaum. listen von Goebbels – das ‚raffende Kapital‘ der Denn diesen Landschaften fehlt ohnehin, was Börse. sie schützenswert macht: die deutsche Kultur. Und obwohl sie in Überschriften gerne nur allgemein Amerika als imperialistische VorVerkürzte Kapitalismuskritik macht der kapitalistischen Globalisierung anEin ähnliches Bild zeigt sich in ihrer Kapitalis- greifen, zielen sie damit auf Amerika als Ausmuskritik. Sie fordern einen ‚Sozialismus‘ – aber gangspunkt der ‚Zinsknechtschaft‘. Der Kritik sie lehnen die Globalisierung, den Kapitalismus am globalisierten Finanzkapitalismus liegt und deren Folgen nicht deswegen ab, weil sie in keine Analyse des Finanzhandels und der groder Analyse der Wirtschaftsweise, im Verhältnis ßen Investorengruppen und deren Interessen von Menschen, Kapital, Arbeit und Konkurrenz zugrunde. Dass auch Staats- und Rentenfonds, eine überwindbare Unmenschlichkeit entde- die auf nationaler Ebene sozialen Zielen folgen cken würden, sondern weil die Falschen unter mögen, international strategisch auf Rendite den Folgen leiden: die Deutschen. Ihre Sympa- zielen, ohne die sozialen Folgen ihrer Kapithien für den ehrlichen deutschen Unterneh- talverschiebungen zu beachten, ist für Nazis,

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wenn sie es überhaupt bedenken, bestenfalls Aber es lohnt sich, ihr Lamento gegen die ‚Meiein Randphänomen. Für die Ausbeutung ist – nungsdiktatur‘ genauer zu betrachten. Denn für die heutigen wie für die damaligen Nazis – es mutet doch etwas absurd an, dass gerade nicht das ‚produktive Kapital‘ verantwortlich, diejenigen gegen eine ‚Diktatur‘ aufbegehren, also Firmen wie Siemens und Thyssen-Krupp, die alles vernichten wollen, was ihrer Vorsteldie von Instrumenten der Pränataldiagnos- lung einer ‚Volksgemeinschaft‘ widerspricht. tik bis zur Panzerfaust alles produzieren, was An der beklagten ‚Zensur‘ stört sie nicht die das Leben blühen lässt. Nein – das ‚internati- Einschränkung der Meinungsfreiheit. So foronale Finanzjudentum‘ sei schuld, weil es nur dern sie: „§86A + §130 abschaffen!“, also die investiere, um die Gewinne sofort wieder ab- Abschaffung der Paragraphen gegen gruppenzuschöpfen. Dieser Aspekt des Antisemitismus bezogene Menschenfeindlichkeit und gegen lässt sich historisch auf die Ständeordnungen die Verherrlichung des NS-Regimes sowie die im feudalen Europa zurückführen, die es Ju- Verwendung seiner Symbole. Die Nazis stört den untersagte, im Handwerk tätig zu sein und es nicht, wenn die Meinung von Menschen unChristen aus religiösen Gründen verbot, Zinsen terdrückt werden soll, solange es sich um die zu nehmen. Daher waren wohlhabende Juden von religiösen Minderheiten, Nicht-Heteroseim Handel diejenigen, die als Investoren und xuellen, Migrantinnen oder Migranten handelt. Geldleiher auftreten konnten bzw. sogar muss- Hinter ihrer Feindschaft gegenüber dem parlaten, da ihnen andere Berufe verwehrt blieben. mentarischen System steht das Ziel der imagiDas religiöse Tabu des Zinsnehmens wurde mit nierten ‚deutschen Volksgemeinschaft‘, die alle der Auflösung des Verbotes bald säkularisiert Probleme mit Zauberhand lösen soll. und die Juden wurden zum fortlebenden Bild dieses unbewussten Tabus. In dieser antisemi- Antimoderne, autoritäre Rebellion tischen Systemkritik wird die allgemeine Gewin- Bei einer Analyse fallen trotz des subkulturellen norientierung des Kapitalismus auf eine Gruppe, Flairs der neuen Nazis schnell antisemitische, die Juden, projiziert und dem ‚unschuldigen antimoderne Erklärungsmuster auf. Das selbst eigenen Volk‘ entgegengestellt, das zum Opfer auf den poppigsten Flyern wachgerufene Idyll stilisiert wird und das es zu befreien gelte. An- der ‚glücklichen, rein deutschen Familie‘ vertisemitismus und völkisches Denken bilden so sprüht eine vor Weltflucht nur so strotzende zwei Seiten einer Medaille in der Systemkritik Spießigkeit, die auch der Bezug zum angesagder Nazis. testen Lifestyle nicht zur zeitgemäßen Systemkritik stilisieren kann. Es ist die typische PersoVolksgemeinschaft nifizierung von gesellschaftlichen Verhältnissen, statt Politik und Zensur die die Schuldigen gesellschaftlicher MissstänIhre Kritik an der angeblichen Fremdbestim- de im Charakter des böswilligen Einzelnen sucht mung in der Politik geht in die gleiche Rich- und nicht in den Formen der gesellschaftlichen tung. Auf ihren Flyern liest man: „Befreit Euch Vermittlung. Im Gegenzug werden kulturelle von den Fesseln der Meinungsdiktatur! Für Unterschiede als Wesensunterschiede gedeutet: Familie, Volk und Heimat!“ Ihre Systemfeind- es liege im Wesen der ‚echten Deutschen‘, ehrschaft bezieht sich dabei auf ein Wahnkonstrukt lich und solidarisch (gegenüber anderen Deutaus korrupten Politikern, von ‚linken Spießern‘ schen) zu sein. Im Wesen der Juden dagegen und ‚Juden‘ manipulierten Medien und dem ‚jü- liege es, sich raffgierig und böse zu verhalten. disch kontrollierten Finanzkapitalismus‘. Einer Nicht selten wird der Grund dafür offen rasdurch wirtschaftliche Interessen gelenkten Po- sistisch in den Genen gesehen. Die Erklärung litik stellen sie keine partizipative Demokratie dafür, dass es bestimmten Interessengruppen entgegen, sondern die autoritäre, imaginierte besser gelingt, ihre Interessen durchzusetzen, wird nicht in den ökonomischen Bedingungen ‚Volksgemeinschaft‘.

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ihrer Mitglieder gesucht, sondern darin, dass sich die wenigen Mächtigen im Hintergrund gegen das ‚ehrliche Volk‘ verschwören würden. Verschwörungstheorien statt einer Analyse der Kräfteverhältnisse und Interessenlagen, der politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Verhältnisse. Und das ohne Scheu vor hanebüchenen Widersprüchen. Während einerseits die Leugnung des Holocausts in der Szene noch ein beliebter Sport ist, kokettiert man gleichzeitig mit ihm. So drohen sie auf sozialen Plattformen in Form von Witzen und Memes mit einem weiteren Genozid an Muslimen, indem sie darauf hinweisen, dass die derzeit vier Millionen Muslime in Deutschland weniger sind als die sechs Millionen getöteten Juden in der Vergangenheit. Die alte Sündenbock-Leier wird also noch fleißig gedreht. Die dünne Schicht von Systemkritik und Rebellion wird in der Analyse jedoch schnell fadenscheinig und die altbekannte Mischung der nationalsozialistischen Ideologie aus Projektion und Ressentiment erkennbar: sie ist völkisch, antisemitisch, rassistisch und autoritär, aber sicher nicht kritisch und modern.

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01. MAI 2005 Bereits im Vorfeld versprach der 1. Mai 2005 ein großes Fest zu werden. Auch dieses Mal wollte Worch mit seiner Truppe durch den Süden Leipzigs ziehen. Die Berichterstattung war sich schon vor dem eigentlichen Ereignis sicher: Der traditionell krawalllastige 1. Mai in Berlin würde in diesem Jahr in Leipzig ausgetragen werden. Vielleicht das erste Mal, dass ‚Hypezig‘ als das neue Berlin verkauft wurde. An diesem ‚Tag der Arbeit‘ ereignete sich unser erster gemeinsamer Auftritt in Leipzig. Und auch wenn die Erfahrung von Dresden noch etwas schwer im Magen lag: Diesmal versprach es, anders zu werden. Wir hatten Heimvorteil, kannten die Szene und verfügten über ausgiebige Kontakte. Zudem wurden wir durch den Filmemacher Witja Frank bei der Vorbereitung und Durchführung unserer Aktionen filmisch begleitet – was unser Engagement zusätzlich anheizte. Aus diesen Aufnahmen entstand der legendäre Boskopismus-Film. Zu sehen sind in diesem preisgekrönten Kurzfilm unter anderem unsere Konfrontationen mit den polizeilichen Einsatzkräften. Die erste Begegnung fand bereits am Vorabend des 1. Mai statt. Wir zogen in unserer Kampfmontur durch den Süden der Stadt und inszenierten einen Fackelmarsch durch das Leipzig zeigt Courage!-Festival am Völkerschlachtdenkmal – beides Spielorte, an denen Christian Worch immer wieder gescheitert war. Noch in der Leipziger Südvorstadt hinderte uns die Polizei am Weitergehen. Grund dafür war die Frage, ob wir mit unserem Outfit gegen das Uniformierungsverbot verstoßen würden. Wir wurden fotografiert und warteten, bis die zuständige polizeiliche Stelle sich äußerte. Nach längerer Wartezeit wurde der weitere Weg freigegeben und wir bekamen die Bestätigung, dass wir zumindest keine verbotene Organisation sind. Hurra. Am nächsten Morgen, dem Tag der Demonstration, begaben wir uns auf den Weg in Richtung Hauptbahnhof, wo der Naziaufzug beginnen sollte. Wir kamen keine 500 Meter weit, bis wir von zwei Dutzend Einsatzkräften gestoppt wurden. Sie wussten schlicht nicht, in welche Richtung sie uns schicken sollten – zu Worchs Truppe oder zur Gegendemo. Nach einer kurzen Unterbrechung ging es weiter. Das Ergebnis auch hier: Kunstfreiheit sticht nicht nur das Uniformierungsverbot, sondern auch die Deutungshoheit des staatlichen Gewaltmonopols. Unser Ziel war es, so nah an die Nazis heranzukommen, wie nur möglich. Sie sollten uns sehen und, noch besser: Hören. Auch wenn wir nicht so nah herankamen, fanden wir doch eine würdevolle Stelle für die erste Verlautbarung. Am Georgring trennte die Polizei die Nazis, die am Vorplatz des Hauptbahnhofes standen, von der Gegendemo. Tausende von Menschen waren anwesend. Bereits der Aufmarsch am zurückliegenden 3. Oktober 2004 mobilisierte mehr Gegendemonstrierende als je zu vor. An diesem Tag sollten es noch mehr werden. Die Einsatzleitung der Polizei ließ sich nicht von dieser Überzahl beeindrucken und drängte die Gegendemo den Georgring hoch in Richtung Augustusplatz. Der Ring spaltet sich dort in Fahrbahnen links und rechts der

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Straßenbahngleise. Es war klar, dass die Nazis auf einer der beiden Seiten marschieren würden. Eine Seite wurde bereits von den Gewerkschaften blockiert. Allerdings war diese Blockade eine eher, seien wir mal wohlwollend, symbolische Aktion, denn die andere Straßenseite blieb immer noch frei. Dank Alf Thums Koordinationstalent am Megaphon gelang es uns, eine zweite Sitzblockade auf der eigentlichen Marschroute anzuschieben. Der überwiegende Teil der Apfelfront fand sich in den ersten Reihen des Blockadeversuchs wieder. Nach dem üblichen Vorgeplänkel mit Ansagen seitens der Einsatzleitung wurden wir geräumt. Die Räumung verlief völlig unverhältnismäßig und sorgte im Nachgang für eine kritische Auswertung auf Landesebene. Immerhin war die Sitzblockade selbst vollkommen friedlich. Als die ersten Wasserwerfer anfi ngen, in die Luft zu schießen, war die Szenerie sogar fast idyllisch. Der erste Maitag in diesem Jahr fiel außerordentlich heiß aus, das Publikum freute sich über die Warnschüsse der Wasserwerfer, die über ihren Köpfen herunterrieselten. Die Stimmung änderte sich schnell, als die Spritzanlagen direkt gegen die Sitzblockade gerichtet wurden. Die Demonstrierenden hakten sich ein und schrien: „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ Die Polizei zerbrach unsere Fahnenstangen, Pfefferspray machte sich in der Luft bemerkbar und die Einsatzkräfte begannen unsanft, die Blockade Person für Person zu entfernen. Einige Meter weiter wiederholte sich das Spiel, bis die Polizei endgültig den Weg für die Nazis freiprügeln konnte. Sie ließ den Nazi-Marsch noch 500 Meter laufen, nur um dann umgehend den polizeilichen Notstand auszurufen und die Demo aufzulösen. Warum das martialische Auftreten überhaupt notwendig war, liegt bis heute völlig im Dunkeln. Auch bei den nächsten Demonstrationen kam es immer wieder zu Handgreifl ichkeiten der Polizei gegen unsere Leute. Allmählich sprach sich aber auch in deren Kreisen herum, dass wir in gespannten Situationen auf Demos eine deeskalierende Wirkung entfalten. Unsere Strategie war es schließlich, sich nicht von der Polizei provozieren zu lassen, und ihr keine Anlässe zu bieten, friedliche Blockaden zu räumen.

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SATIRISCHE AKTIONEN AUF DEMONSTRATIONEN. DEMOGUIDE ZUM UMGANG MIT DER POLIZEI Robin May

Egal, ob Sie sich als Satiriker, Spaßguerilla oder Schauspieler verstehen: die Außenwahrnehmung von satirischen Aktionen ist oft anders als die Eigenwahrnehmung. Wenn zum Beispiel die Apfelfront als geschlossener schwarzer Gucci-Block aufmarschiert, kann das zu Verwirrungen nicht nur bei den Passanten und Demonstranten führen. Auch manche Inhaber des Gewaltmonopols können die Situation im ersten Moment nicht deuten. Die Apfelfront wird zwar in internen Polizeischulungen behandelt und es kann auch passieren, dass die vermeintlichen Gesetzeshüter Sie mit „Heil Boskop“ verabschieden, aber nicht alle Beamten können sich die Fülle an Antinazi-Gruppen mit ihrem jeweiligen Gefahrenpotenzial merken. Daher ist immer große Umsicht geboten! Satirische Aktionen auf Demonstrationen sind immer mit Fingerspitzengefühl für die Situation zu behandeln. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Satire den richtigen Kontext bzw. Rahmen benötigt. Wenn der nicht gegeben ist, funktioniert die Satire auch nicht. Die Front Deutscher Äpfel sah oft aufgrund geänderter Rahmenbedingungen davon ab, ihre geplanten Aktionen in die Tat umzusetzen. Das ist nicht schlimm, sondern gehört dazu. Wenn die vermeintlichen Gesetzeshüter Sie als Apfelfront erkannt haben, haben Sie in ruhigen Situationen oft mehr Freiheiten, als zum Beispiel Personen, die dem Schwarzen Block zugerechnet werden. Sie können sich freier bewegen und unter anderem aus Kesseln schlüpfen. Dies kann sich aber schnell ändern, wenn die Situation kippt. Daher ist auch hier Weitsicht angeraten. Obwohl es in diesem Staat viele Gesetze zum Schutz der Person und der Demonstrationsfreiheit gibt, heißt das nicht, dass diese auch immer gewährt werden. Vergessen Sie nicht: Die vermeintlichen Gesetzeshüter sind keine

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Juristen, sondern führen nur blind Befehle aus. Die Legalität dieser Befehle kann immer erst im Nachhinein festgestellt werden. Daher bringt Argumentieren oder Beschweren vor Ort meistens nichts. Auch bei Anzeigen gegen vermeintliche Gesetzeshüter müssen Sie vorsichtig sein, da Sie in der Regel eine Gegenanzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte bekommen. In ungefähr 90% der Fälle wird Ihre Anzeige eingestellt und im Sinne der Polizei gehandelt. Daher sollten Sie sich immer gut überlegen, ob Sie Rechtsmittel nutzen wollen. Facts: 1. Das Auftreten in schwarzen Anzügen mit den FDÄ-Armbinden ist keine Uniformierung (diese wäre auf Demonstrationen verboten). Das wurde gerichtlich festgestellt. 2. Mitgebrachte Äpfel können von den vermeintlichen Gesetzeshütern als Wurfgeschosse bezeichnet und damit konfisziert werden. 3. Das klassische Apfelfront-Logo ist nicht verboten und darf offen getragen werden. Die mitgebrachten Megaphone lassen sich außer zu humoristischen Ansprachen auch gut zur allgemeinen Informationsweitergabe nutzen oder um größere Menschenmassen zu koordinieren (beispielsweise für Blockaden). 4. Die Beschallung durch Megaphone wird von den vermeintlichen Gesetzeshütern oft als Körperverletzung diffamiert. Das stimmt aber nur, wenn Sie das Megaphon gezielt auf die Köpfe von Personen richten. In den meisten Fällen wollen sie einfach ihre Ruhe haben und Sie als Störer loswerden. 5. Sitzblockaden sind eine juristische Grauzone – mal sind sie legal, mal wieder nicht, je nachdem, mit welchem Fuß der Richter


aufgestanden ist (oder eher: welches Partei- von in Gewahrsam genommenen Personen und buch er besitzt). Fakt ist: Wenn Sie sich auf überprüft, ob alle zeitnah wieder freigelassen eine friedliche Sitzblockade einlassen, müssen werden (daher nochmals anrufen, wenn Sie Sie mit körperlichen Zwangsmaßnahmen und wieder entlassen sind). Ist das nicht der Fall, gegebenenfalls einer Geldbuße wegen einer schicken sie meist juristischen Beistand. Ordnungswidrigkeit rechnen. Oft passiert auch einfach gar nichts und Sie können in aller Ruhe 4. Wenn Sie länger in Gewahrsam genommen mit Ihrem Arsch am Beton festfrieren (das zei- wurden, verlangen(!) Sie zu telefonieren. Rugen Erfahrungen aus Dresden). fen Sie den EA an und verlangen(!) Sie nach einem Anwalt. Geht gar nicht: 1. Das Mitbringen von Gegenständen zu Demonstrationen, die als Waffe benutzt werden können. Und das umfasst alles von der Nähnadel bis zum Tierabwehrspray (frei verkäufliches Pfefferspray).

5. Weitere Hinweise finden Sie bei der Roten Hilfe (Achtung: Diese wird lustigerweise von vielen Verfassungsschutzämtern beobachtet, denn irgendwie müssen die ja ihren Soll bezüglich ‚Linksextremismus‘ erfüllen).

2. Auch wenn satirische Aktionen unter dem Einfluss von Drogen noch mehr Spaß machen, ist auf Demonstrationen davon abzusehen.

Die Bewegung wünscht Ihnen ein erlebnisreiches Protestspektakel!

Wenn es brennt: Trotz Ihres Feingefühls haben die vermeintlichen Gesetzeshüter Sie festgenommen. Wir plädieren für: 1. Machen Sie keine Aussagen und folgen Sie dem Slogan „Anna und Arthur halten‘s Maul“. Rein rechtlich müssen Sie nur die Daten angeben, die auf Ihrem Personalausweis stehen und Ihren Beruf preisgeben. Danach gilt das Recht auf Verweigerung der Aussage. 2. Die Polizei kann Sie ohne große Umstände bis zu 24 Stunden festhalten. Macht sie aber nur selten. Bei längeren Aufenthalten müssen Sie mit einer ‚Leibesvisitation‘ rechnen. Hier gilt aber: Frauen dürfen nur von Frauen und Männer nur von Männern durchsucht werden. 3. Die linke Szene stellt einen Ermittlungsausschuss (EA) bereit, die entsprechenden Telefonnummern werden vor der Demo bekannt gegeben (am besten mit einem wasserfesten Stift auf dem Arm notieren). Dort melden Sie sich, wenn Sie oder ein Mensch aus Ihrer Gruppe sich im Arrest wiederfindet. Der EA sammelt Daten

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DIE GEZIELTE PRODUKTION BESSERER BILDER Muttergau Leipzig

Die Medien und das konservative Wutbürgertum

beschweren, von der Polizei hart angefasst zu werden. Dagegen kämpften wir an, indem wir den Medien interessantere Bilder boten: Auftritte der Front Deutscher Äpfel. Wir rissen die Bildgewalt an uns. Wo vorher eine brennende Mülltonne als Symbolfoto für einen Beitrag über eine Anti-Nazi-Demo herhalten musste, grinsten nun wir gut gelaunt mit unseren Fahnen den Tageszeitungslesern entgegen. Wir zeigen Proteste als Orte, die Spiel, Spaß und Spannung für die ganze Familie bieten. Für Konservative schien es dagegen angebrachter zu sein, gar nicht erst gegen Nazis zu demonstrieren. Schenkt ihnen niemand Beachtung, so pflanzen sie sich auch nicht in den Köpfen fort – so die naive Kalkulation. Das war und bleibt natürlich absoluter Unsinn.

Am 1. Mai 2005 stellten wir fest, wie hilfreich es war, Medienvertretung dabei zu haben. Die Polizei agiert anders, wenn ihr jemand mit Presseausweis auf die Finger schaut. Aber auch wenn die Apfelfront sich irgendwann zum Medienliebling mauserte: Die Beziehung begann ganz anders. Das rabiate Vorgehen der Polizei an diesem Tag fand in der Presse kaum Beachtung. Stattdessen wurde ein Bild krawallgeladener Proteste gemalt, das bereits vor der eigentlichen Demo herbeigeschrieben wurde. Klassische Medien waren damals genauso wie die Polizei noch lange nicht vom Verlust ihrer Deutungshoheit bedroht wie dies heute der Anschauen! Krieg der Fall ist. Mittlerweile musste Welten - Chaostage sich die Polizei daran gewöh- Konfrontation vs. Verdrängung Hannover 1995. nen, dass jede Provokation und Es gibt zwei Möglichkeiten, mit Problemen Überschreitung der Kompetenzen innerhalb von umzugehen: Verdrängung und Konfrontation. Sekunden mit Smartphones aufgenommen und Dazwischen gibt es nichts. Auch das zeitliche Aufschieben einer Konfrontation ist nichts anverbreitet werden kann. Das gleiche gilt für das Hochstilisieren von deres als Verdrängung. Wenn ein Problem nicht überwiegend friedlichen Gegendemos zu Kra- konfrontiert wird, entwickelt es sich in der verwall-Events erster Klasse. 2005 war davon noch strichenen Zeit weiter. Und wächst. nichts zu spüren. Wie die Öffentlichkeit solche Diese Binse aus den psychologischen WisAnlässe aufnahm, war auch in Leipzig zu einem senschaften lässt sich wunderbar auf den realgroßen Teil von Medien wie BILD und LVZ (Leip- politischen Umgang mit Nazis übertragen. Bei ziger Volkszeitung) bestimmt. Jede nur ein biss- jedem Naziaufzug gibt es immer wieder Stimchen angekokelte Mülltonne konnte umgehend men, man möge die Nazis doch einfach laufen als Anzeichen der anstehenden Machtübernah- lassen und ihnen keine weitere Beachtung me durch ‚Linksextremisten‘ verkauft werden. schenken. Wenn ein Haufen Nazis im IndustrieDavon profitierten zwei politische Lager: gebiet schreit, hört sie dann überhaupt jemand? Einerseits konnten sich Nazis als Opfer stilisie- Aber selbstverständlich: 1. Sie sich selbst. 2. ren, die von bösen Linken an der Ausübung ihrer Ihre Szene. 3. Die mediale Berichterstattung. demokratischen Grundrechte gehindert wurden. Versetzen wir uns einmal in die Lage von KaAndererseits wurden solche Berichte mit offe- merad Müller aus dem sächsischen Zwickau, der nen Armen beim konservativen Wutbürgertum heute extra zu einer Nazidemo in Leipzig angeempfangen, das sich über jede Gelegenheit fahren ist. Er freut sich über 200, sagen wir 300, freut, gegen das emanzipatorisch-progressive Gleichgesinnte und lästert mit ihnen über das Lager Stimmung zu machen. Die Gegendemos dreckige linke Pack, das natürlich auch dieses bekamen den Anstrich der Illegalität. Wer dort Mal den Aufzug verhindern will. Und tatsächlich: hinging, durfte sich anschließend nicht darüber Dank der Beteiligten auf der Gegenseite kommt

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unser Kamerad Müller auch heute nicht beson- zwei Redaktionspraktikanten der Lokalzeitung ders weit. Stattdessen steht er sich über sechs waren vor Ort, zufälligerweise hat sich sogar jeStunden die Beine in den Bauch und lässt sich mand von Spiegel Online zur Demo verirrt. Auf vom lästigen Oktoberregen durchnässen. allen Kanälen jubelt es. Die Kameraden freuen Nach einem harten Tag kommt Kamerad Mül- sich über die vielen interessierten Anfragen auf ler wieder nach Hause. Er ist frustriert. Er will den eigenen Webseiten, endlich tue mal jemand doch nur das Beste für Deutschland, aber das etwas. Die Bewegung wächst. Das nächste Mal versteht niemand. Die Gegenseite war nach mo- sind wir bestimmt genug. Dann können uns natelanger Mobilisierung auch dieses Mal zah- auch die blöden Linken nicht aufhalten, wenn lenmäßig überlegen und die blöde Apfelfront wir durch die Innenstadt marschieren, denkt hat schon wieder dafür gesorgt, dass die Presse, sich Kamerad Müller. statt der üblichen brennenden Mülltonen, lieEntschlossenes Entgegentreten und souveber sie als Symbolbild für die Demo nimmt. Was räne Konfrontation sind der einzige Weg, eines für ein Reinfall. Versagen auf ganzer Linie. Die Problems habhaft zu werden. Konfrontation ist blöden Linken verstehen nicht, warum man die selbstbestimmt. Verdrängung führt dazu, die deutsche Identität vor der Globalisierung und Kontrolle über unbewusst gewordene Konflikte dem ganzen bösen Finanzkapital retten muss, zu verlieren. Oder anders: Hat man Nazis nicht das das deutsche Volk vor sich hin knechtet. mehr auf dem Schirm, hören sie nicht auf, Nazi Und die eigene Bewegung kriegt nichts geba- zu sein, sondern verbreiten sich ungestört weicken. Kamerad Müller juckt es in den Fingern, ter. Das gilt es zu verhindern. er schreibt sich seine angestaute Wut von der Seele: Als erstes eine böse Mail an den eigenen Destruktion der Symbole Verteiler, dann eine paar kritische Kommen- und Entmystifi zierung tare auf Altermedia und schließlich die rege „Was die können, können wir schon lange!“ Teilnahme an der wichtigsten Diskussion auf - Tilman Loos, Boskopismus allen Kanälen: Wer hat es eigentlich schon wieder verkackt? Schnell wird klar, dass es so nicht Das medial vermittelte und gerade beim konweitergeht, dass das Land eine neue nationale servativen Wutbürgertum beliebte Bild von Bewegung braucht – und so spaltet sich die Sze- Nazis beruhte in den 2000ern auf zwei Thesen, ne bis zur Bedeutungslosigkeit. die sich nach Form und Inhalt unterteilen lasEin anderes Szenario: Dieses Mal geht es sen: Erstens sehen Nazis scheiße aus und sind für den Kameraden Müller aus Zwickau in das in der Regel in Horden von dümmlichen GlatzIndustriegebiet von Leipzig-Schkeuditz. Die De- köpfen in Springerstiefeln und Bomberjacken mos finden hier einmal im Monat statt. Es hat anzutreffen. Zweitens vertreten sie nicht ein sich mittlerweile eingepegelt: 30 Nazis finden ideologisch verblendetes Weltbild, sondern das sich zusammen und stehen 150 Gegendemons- Urböse überhaupt. trierenden gegenüber. So läuft das schon seit Was die Form angeht, erkannten Nazis einem halben Jahr und die Gegenseite lässt selbst, dass ihr in den Neunzigern erprobter spürbar nach. Kamerad Müller freut sich, denn Style mehr schadet als nützt. Sie begannen, er weiß: Dieses Mal wurde in ganz Ostdeutsch- subkulturelle Codes aus der politischen Linken land mobilisiert. Und tatsächlich: Dieses Mal zu übernehmen. Freilich betraf das vor allem sind es nicht 30 Kameraden, sondern 400. Sie Symbole, die eine nationalistische Interpretakönnen ungestört durch die Gegend ziehen und tion in ihrem Sinne hergaben. Sie trugen also starten sogar auf dem Heimweg euphorisierte vermehrt Pali-Tücher und Che-Guevara-Shirts. Spontandemonstrationen in anderen Orten. Der ‚nationale Befreiungskampf der PalästiNach einem erfreulichen Tag kommt Müller nenser‘ und der ‚nationale Revolutionär Che‘ wieder nachhause. Er ist hocherfreut. Nicht nur waren Motive, die eine gewisse Verwegenheit

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ausstrahlten und vor allem mit der Ideologie auf dieser Ebene setzte die Apfelfront an. Wir griffen die Inhalte der Nazis direkt an, indem in Einklang zu bringen sind. Später übernahmen die Autonomen Natio- wir die Schlüsselbegriffe ihrer Agitation durch nalisten nicht nur den kompletten Kleidungsstil alberne Obstmetaphern ersetzten und sie so ad links-autonomer Gruppen, sondern auch gewisse absurdum führten. Durch die Strategie der Entrhetorische Bezüge. Auf den mystifizierung wollten wir den magischen Bann Studieren Sie die Bannern waren sie gegen Staat der Nazis brechen, der sie zu umgeben schien Geschichte der und Kapital, in ihren Beiträgen und sie als das darstellen, was sie waren: Menemanzipatorischen blieben sie den altbekannten schen, die ihr Weltbild auf unnützen Dogmen Bewegungen! Sie werden Erstaunliches zu Gesicht Lösungen treu: Nation, Antise- aufgebaut haben und das eine völlig vertrackte Denkweise zur Folge hat. bekommen und vielleicht mitismus und Germanentum. sogar Ihr Che-Shirt Nun unterschieden sie sich in Nazis sind nicht böse. Nazis liegen falsch. weggeben wollen. ihrem Auftreten nicht mehr vom Und das muss denen doch mal jemand sagen, schwarzen Block, kleideten sich den armen Tölpeln! Sie bauen ihr Weltbild auf komplett schwarz und verhüllten sich mit Kapu- unsinnigen Grundannahmen auf, die hinterzen und Sonnenbrillen. Der neue Style hieß Re- fragt werden müssen. Unser Beitrag war es, bellion – und so verwundert es kaum, dass sich ihre Argumentationsmuster aufzuzeigen und sogar erste Graffiti-Crews und HipHop-Bands in der Lächerlichkeit preiszugeben. der Naziecke gründeten. Die Apfelfront war eine Reaktion auf diese Selbstkritik der Antifa-Szene Entwicklung. Mit ihr wurde ein Modeformat ge- In der Vorweihnachtszeit des Jahres 1968 beschaffen, das Nazis nicht einfach übernehmen trat das Kunstkollektiv King Mob, die britische konnten, obwohl es eigentlich genau dem ent- Sektion der Situationistischen sprach, wofür sie politisch eintraten. Mit dieser Internationale, ein belieb- Worüber eine GesellStrategie unternahm die Front Deutscher Äpfel tes Kaufhaus. Ein Mitglied schaft lacht – oder nicht den Versuch, das gesellschaftliche Bild von Na- kam verkleidet in einem San- lacht – ist entscheidendes Symptom ihrer politizis zu korrigieren. Nazis konnten sich so ver- ta-Claus-Kostüm und begann, schen Befindlichkeit. kleiden, wie sie wollten: Am Ende standen sie wahllos Geschenke an anwetrotzdem für Uniform und Armbinde. sende Kinder zu verteilen. Dafür nahm er das, Der Bezug zu subkulturellen Rebellionsfor- was er gerade in den Regalen des Kaufhauses men war letztlich ein Versuch, sich im Rahmen fand, verschenkte also letztlich die Warentheke. der Legalität zu bewegen. Nazis nutzten alle Das Treiben musste von der Polizei beendet vorhandenen Mittel, um sich zu gesellschaftli- werden. Santa Claus wurde in Handschellen che Outlaws aufzuspielen, dabei aber ja nicht zu abgeführt, den Kindern die Geschenke wieder direkt die eigenen Inhalte preiszugeben. entrissen. Ein einfach konstruiertes Bild, das Die bürgerliche Gesellschaft arbeitete die- keiner der Beteiligten so bald Beachten! Nicht alle ser Strategie gekonnt zu. Nazis wurden nicht vergessen wird. Die Produktion von besseren, Menschen wollen gefilmt als politisch bekloppt wahrgenommen, sondern vielmehr als Abgesandte des sagenum- wirkungsvolleren Bildern als werden. Das Engagement innerhalb bestimmter wobenen Urbösen, das jede Logik übersteigt. Reaktion auf das Imageproblem Aktionsformate bringt Oder sie wurden gar nicht erst als Symptom für des Antifaschismus war einer der das Gebot der Anonymigesellschaftliche Probleme betrachtet, sondern Gründe, warum die Front Deut- tät mit sich, auch um schlicht als frustrierte, minderbemittelte Ein- scher Äpfel auf Demonstrationen sich vor dem politischen Gegner und der Polizei zelpersonen, die durch martialisches Auftre- deeskalierend wirken wollte. Der zu schützen. ten und Männlichkeit persönliches Versagen Strategie lag keineswegs eine kompensieren. Jede inhaltliche Konfrontati- grundsätzlich pazifistische und gesetzestreue on wurde somit gleich im Keim erstickt. Auch Ausrichtung zu Grunde. Um Himmelswillen.

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Es war aus unserer Sicht schlicht nicht im Interesse eines antifaschistischen Protestes, den Medien Bilder zu liefern, mit deren Hilfe sie die Proteste weiterhin als halbkriminelle Veranstaltungen hinstellen konnten. Die Folge davon war nicht nur ein härteres Eingreifen der Polizei, die sich so in ihrem Auftreten bestätigt sah. Dank eines so medial vermittelten Bildes kamen schlicht weniger Menschen zu Gegendemonstrationen und es wurde für Nazis immer wahrscheinlicher, ungestört laufen zu können. Damit war die Front Deutscher Äpfel auch eine Selbstkritik des eigenen politischen Lagers. Die üblichen Protestformate auf Anti-Nazi-Demos schienen uns zu begrenzt, Erweitern Sie das insbesondere im Bereich der Spektrum ihrer Protest- Informationsvermittlung. Sie formen! Nichts macht bestanden aus langen Redeweniger Laune als eine immer gleiche Aktion. beiträgen und noch längeren Flyertexten. Und ja, man kommt wohl nicht darum herum, diesen Ausdruck zu bemühen: Sie waren uns zu spaßbefreit. Die linke Szene in allen Ehren, aber sie neigt auch heute noch dazu, sich zu verbissen und zu ernst mit sich selbst zu beschäftigen. Eine politisch bedeutende Strahlkraft leidet immer wieder an der eigenen Verkrampfung. Natürlich muss es die textwütigen Flyer geben, genau wie jeden inhaltlichen Redebeitrag. Aber der antifaschistische Methodenkoffer darf damit nicht erschöpft sein – es müssen auch Formate erdacht und erprobt werden, die eine konfrontative, aber dennoch inhaltlich geladene Auseinandersetzung ermöglichen. Unser Vorschlag war und bleibt die Anwendung satirischer Aktionsformate.

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Erklärung. Spiel, Satz, Sieg: 3:1 für uns! Wir sind Bewohner irgendeiner Südvorstadt auf dieser Welt, wir leben und arbeiten hier, daher haben wir uns selbst ermächtigt, als FDÄ. – Front Deutscher Äpfel – die Proteste gegen die Worch-Gruppe voranzutreiben. Wir sind die nationale Kraft hier und Worch, horch: In dieser Stadt ist nicht genug Platz für zwei! Der geplante Marsch durch den Süden war und wird auch am 1. Mai 2005 Provokation, keine Frage. Was soll provoziert werden? Wer die Veröffentlichungen des so genannten nationalen Widerstands liest, weiß es: schlechtes Benehmen und Rechtsbrüche! Ihre Demos, ihre Aktionen wollen Krawall provozieren, damit unsere Freunde vom „nationalen Widerstand“ als die moralisch Guten, Rechtstreuen und Gesitteten hervortreten. Das können wir besser, daher sind gewitzigte Disziplin, Ironie, Satire, luzide Haltung und gute Kleidung unsere Waffen gegen den Worchismus. Wir sind die neue Kraft. Die Aktionsmittel der Antifa der letzten Jahre erklären wir für veraltet, wir läuten eine neue Dimension in der Auseinandersetzung mit dieser Spezies ein. Ihr müsst nicht mehr den Hass gegen sie dokumentieren und ausleben; ihr müsst sie nicht mit Steinen bewerfen; ihr müsst nicht mehr Barrikaden bauen. Merkt es doch mal! Sie werden immer „legaler“; ihr verbleibt in euren Formen militanten Widerstands „illegal“. Daher: Ironie, Verfremdung. Satire als Waffe: Nicht zu verbieten. Das wird sie aufreizen, wieder illegal zu werden. „Lacht sie tot!“ ist das Motto. Gewalt ist Mittel, d.h. wir fi nden Gewalt als Selbstzweck langweilig. Wir akzeptieren das staatliche Gewaltmonopol. Allen, auch unseren jungen ungezogenen Freunden, sei gesagt: Gewalt verabreicht man allenfalls in homöopathischen Dosen! Sie ist als „Darbietung“ nützlich, Entschlossenheit zu zeigen oder Zwecke zu bebildern. Weder ist eine kokelnde Mülltonne Vorschein der Weltrevolution, noch die ballistische Flugbahn eines Pfl astersteins die Befreiung!

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Man kann ja nun über die fleischgewordene Erscheinung des Gewaltmonopols der Staaten denken wie man will, es gibt sie nun mal und ihre Funktion ist uns bekannt und wir wissen sie zu nutzen. Den Worchlingen schicken wir ein kerniges „Kommt bald wieder!“ hinterher. Der Spaß war auf unserer Seite und wird es auch weiterhin sein. Allen anderen – Einsatzleitung, BlackBlock und Medien – sei gesagt: Wir sind auch beim nächsten Mal wieder dabei. Dann sind wir noch mehr, dann haben wir noch mehr Megaphone, bessere Chorsprüche, bessere Lieder, noch bessere Informanten und sind noch besser gekleidet. Ihr werdet begeistert sein! Den Medien auf den billigen Plätzen sei noch mitgegeben: Gehen Sie präziser mit den Begriffen um, gewinnen Sie Ihren abhandengekommenen Realitätssinn zurück! Während Sie in Ihren Reservaten waren und nur Ausschnitte sahen, waren wir überall. Schwere Ausschreitungen am 03. Oktober in Leipzig? Das war Bonsai! Jedes Bundesligawochenende produziert weitaus mehr zahlbare Kollateralschäden als dieser Tag in Leipzig. Sollten sich in nächster Zeit nicht Fortschritte in der Realitätsdichte der Medienberichterstattung erkennen lassen, kündigen wir jetzt schon für Leipzig 2005 offensiv an, eine unserer schärfsten Waffen einzusetzen: Es wird massiv zurückgelogen!

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22. APRIL 2006 Völlig durchnässt steht ein Aktivist der Apfelfront an einem improvisierten Bürotisch im Leipziger Friedenspark. Schon längere Zeit im Einsatz, verabschiedet er eine Gruppe junger Menschen, die gerade seine Station besucht haben. Als Quiz-Master ist er mit ihnen den Einbürgerungstest durchgegangen, den Menschen seit dem Jahr 2008 bestehen müssen, um eine deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Er bekommt einen Anruf: Das nächste Team ist bereits auf dem Weg zu ihm. Sollte es seine Fragen beantworten können, darf es zur nächsten Station weiterziehen. Wenn nicht, wird es aufgefordert, umgehend das Land zu verlassen. Außerdem werden unserem Aktivisten ein trockenes Handtuch und eine Thermoskanne mit heißem Tee vorbeigebracht. Das ‚Ausbürgerungs-Büro‘ war eine der vielen Stationen der Veranstaltung Politische Schnitzeljagd: Jag‘ das Schnitzel. Im April 2006 ließ das Nationale Frischobst Deutschlands (NFD) – ein für dieses Ereignis improvisiertes und ansonsten weitgehend bedeutungsloses Label – vier Gruppen junger Menschen gegeneinander antreten und schickte sie durch ganz Leipzig. Einzelne Stationen wurden entwickelt und narrative Stränge gesponnen. Ein wiederkehrendes Moment war das Thema Überwachung. An jeder Station waren Leute von uns aufgestellt, die die Spielenden beobachteten und die Zentrale mit Informationen über sie fütterten – mit diesen wurden die Spielenden wiederum telefonisch konfrontiert. Die einzelnen Stationen führten durch politische Institutionen und Info-Punkte im urbanen Raum, die jeweils politische sowie subkulturelle Themen behandelten. Zielpunkt des Spieles war eine gemeinsame Party auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei. Als hochkarätige Prämien wurden Kinofreikarten in Aussicht gestellt – die wir bis heute zu besorgen versäumt haben. Aber darum ging es bei dieser Veranstaltung nicht. Wie auch beim Aktionsformat Apfelfront war es das Ziel, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen zu lassen. Für alle Beteiligten stand das spielerische Moment im Vordergrund: Der ungewohnte Zugang zur eigenen Stadt und ihren Strukturen, die zur Spielwiese erklärt wurden.

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INTERNE ERKLAERUNG

APFELFRONT SCHNITZELJAGD 2. März 2006

Kameradinnen und Kameraden, Freundinnen und Freunde! Wie ihr wisst, hat die Apfelfront es sich zur Aufgabe gesetzt, die lokale und gaufremde Jugend bildungspolitisch voranzutreiben. Schließlich ist sie die Avantgarde der Zukunft. Darum werden wir einige Projekte durchführen. Ursprünglich waren Arbeitsläden ( neuddt.: ‚Workshops‘) geplant, da jene aber doch – vor allem für den Anfang – etwas trist und nüchtern sind, hat die Kaderleitung des NFD die Idee Alf Thums, unseres heißgeliebten und untersetzten Führers, eine antifaschistisch-alternativ-atemberaubende Schnitzeljagd durchzuführen, einstimmig und ohne jeden Widerspruch angenommen. Die Pfadfinder, Enkelkinder, FDJler und HJler unter den Kameradinnen und Kameraden werden es noch kennen: Ein Wettstreit verschiedener Burschen und Mädel, bei dem es darum geht, durch das Sammeln von Hinweisen und Lösen von Aufgaben verschiedene Stationen zu besuchen, um letztendlich das eigene Bataillon als erstes zum Ziel zu führen. Die von uns für junge Menschen, hauptsächlich Schülerinnen und Schülern, zu organisierende Schnitzeljagd hat viele Ansprüche. Die Beteiligten sollen die Möglichkeit haben, sich in verschiedenen, vor allem politischen, Bereichen des Lebens selbst zu bereichern. Dabei müssen sie die Informationen nicht in sich hineinstopfen, vielmehr stellen wir nur den Apfelbaum. Die Früchte zu pflücken, um anschließend die wohlschmeckendsten zu verspeisen, obliegt allein der betreffenden Person. Da Äpfel immer vorzüglich schmecken, werden in den Köpfen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zahlreiche neue Bäumlein wachsen. Wichtig ist zudem der spielerische Effekt. Wer spielt, stellt Fragen. Wer spielt, findet Gefallen, in unserem Fall vielmehr Interesse. Wer spielt, gewinnt. Hitler beispielsweise hat nie gespielt. Die Schnitzeljagd schickt die Teilnehmer in eine andere Welt, und dennoch in die Stadt, in der sie leben. Entscheidend ist, dass es für den Sieg unausweichlich ist, jedes noch so unwichtig erscheinende Detail zu beachten. Immense Bedeutung messen wir dem kommunikativen Element zu. Mobiltelefone (ugs.: Handys), internationales Netz, Flaschenpost und Telegramme werden emsig genutzt werden müssen. Die von uns favorisierte Teilnehmerzahl liegt bei circa 50 Personen. Wir planen, diese zufällig zu mischen und in sechs Bataillone aufzuteilen. Diese durchlaufen jeweils circa sieben Stationen. Stationen können sich punktuell überschneiden, jedoch muss sichergestellt sein, dass die Bataillone sich an selbigen nicht treffen. Somit gehen wir von mindestens 20 benötigten Stationen aus. Die hochgeschätzte Führung von FDÄ und NFD hat sich, ihrer Vorbildfunktion bewusst, bereits Gedanken gemacht. Folgend werden einige Vorschläge genannt, umrissen oder gar schon präzisiert:

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Die folgende Liste enthält teilweise Stations-/Übergangsideen, Orte aus denen sich etwas machen ließe, präzisierte Ideen und reine Themenvorschläge.

* - Diverse Dönerläden:

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Viele essen Döner, jeder war schon einmal drin, in einem Dönerladen. Doch kaum jemand weiß wirklich viel über diese von allerlei Kundschaft besuchten Dönermänner/-innen. Darum sollen einige Bataillone ein paar Dönerläden besuchen, um herauszufinden: Woher sind diese Leute, seit wann leben sie hier, haben sie Probleme usw. usf. - Skarabäus: Ebenso Kontakt mit Immigranten und aktives Befassen mit selbigen. - Behindertenwerkstatt - Stasimuseum: Versteckte Hinweise - Mrs. Hippie - Straßenbahn: Thema (organisiertes) Schwarzfahren - Conne Island: Palituch und antideutsche Debatte - LinXXnet: Div. Möglichkeiten, u.A. z.B. Rassismus in Stadien uvm. - Rathaus - Obdachlose(r): Jemand verkleidet sich und gibt Informationen weiter - Kameraüberwachung: Lauf- und Versteckspiel, Teilnehmer dürfen in einem Gebiet nicht gesehen werden (Posten mit Feldstecher) - Friedhof: Rosen verteilen und begründen an wen, bzw. Gräber finden, mögl. am Ende der Jagd - Burschenschaften: Dazu Stura (Studienrat, wie Schülervertretung für Studenten) befragen - Rote Hilfe: Vor allem bezogen auf Demoverhalten und Rechtliches auf Demos - Prostituierte/-r: Fragen hat jeder - Gefängnis - 1. FC Lokomotive Leipzig - Bullenrevier

Wie oben genannt, sind einige Teile reine Themen-/Ortsvorschläge. Alle bis jetzt als besonders wichtig erachteten Vorschläge sind mit einem * gekennzeichnet. Viele der Ideen, darunter auch einige *-Ideen, sind nicht konkretisiert. Konkret abgesichert ist, mangels eines Termins, noch keine. Ebenso wichtig wie die Stationen selbst sind die Übergänge von einer Station zu nächsten. Eure und vor allem deine Aufgabe ist es, Stations-/Übergangsideen vorzuschlagen, bestehende zu präzisieren und zu bereichern und eventuell zu ihnen Stellung zur beziehen. Wir als alte Kämpfer, aufstrebende Kader und Allwissende werden die Bataillone beschatten, überwachen und ihnen notfalls über moderne Kommunikationsmittel Auskunft geben. Zudem obliegt es uns, voraussichtlich auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei, die gigantoide Abschlussparty, welche auch das Ziel aller Bataillone darstellt, zu organisieren.

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Außerdem müssen wir die Werbung (neuddt.: Marketing/PR) organisieren, um genügend Teilnehmer zu gewinnen. Bei diesem großen Projekt ist jede/-r Einzelne gefragt, Ideen und Vorschläge einzubringen, sich an Organisation und Durchführung zu beteiligen. Wer nichts macht, wird weder beschimpft, noch bestraft, noch ausgeschlossen – er erhält Bierverbot. Auf, auf zur Arbeit, Kameradinnen und Kameraden, in diesem Sinne: Kölle allaaf!

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DIE ARBEITSWEISE DER LEIPZIGER APFELFRONT Nationales Frischobst Deutschlands

Die politische Schnitzeljagd diente in erster denen anschließend das Gesehene beherzt disLinie dazu, neue Mitglieder zu mobilisieren. kutiert wurde. Was die Auftritte der Apfelfront Nicht, weil wir unbedingt weiter wachsen woll- anging, arbeiteten wir aktionsorientiert. Wenn ten – das war nur ein netter Nebeneffekt. Junge eine Demonstration der Nazis anstand, wurden Menschen sollten auf die Gegen-Demo am 1. Mai Treffen organisiert und Ideen für Gegenaktiogehen, die Worch auch 2006 wieder angekün- nen gesammelt. digt hatte. Aus diesem Kreis sollte schließlich Diese bierschwangeren Treffen provozierdie dritte Generation der Front Deutscher Äpfel ten viele Anlässe für kontroverse Diskussionen. Dabei wurde immer wieder reflektiert, was die Leipzig ersprießen. Die Idee zur Politischen Schnitzeljagd lie- Apfelfront eigentlich ist – und was nicht. Alf und ferte Alf Thum, die Gesamtkoordination über- Markus gestalteten die Auseinandersetzungen nahm Tilman Loss, der bereits in jungen Jah- aktiv mit, sahen sich aber zumeist eher in der ren eine ausgesprochen ausgeprägte Vorliebe Rolle des Korrektivs, falls der Rest mal wieder für Excel-Tabellen an den Tag legte. Das Pro- abschweifte und bei Methoden landete, die gramm selbst wurde kollektiv nicht in das Konzept passten. In diese KategoNo judgment while brain- erarbeitet und umgesetzt. Die rie fielen zum Beispiel ferngesteuerte Rauchstorming! Gehen Sie Konzeptionsphase des Projektes bomben, falsche Bombenmeldungen, Butterzu Beginn in die Breite, verlief strukturell vergleichbar säureanschläge oder auch die Inszenierung von spinnen Sie Ideen und sammeln Sie. Das Rea- mit den ersten Punkkonzerten: angeblichen Demototen. Man kann nicht oft gelitätsprinzip wird schon Jeder, der drei Akkorde spielen nug betonen, wie jung und politisch unerfahren früh genug zuschlagen. konnte, durfte auf die Bühne die meisten von uns zu diesem Zeitpunkt waren. Heraus kamen aber stets gehen und sie zum Besten geben. Wer bei uns eine Idee für eine Station, ein brauchbare Pläne. Die Requi- Kontext, Kontext, Spiel zwischendurch oder eine Möglichkeit zur siten wurden komplexer, wir Kontext: Geht Ihr Verwirrung der Spielenden hatte, warf sie in die bauten Worch-Hampelmänner Aktionsformat in Serie, muss es von Auftritt zu Runde. So ging es weiter, bis sich ein tatsächli- und Sänften für unseren Füh- Auftritt neu angepasst ches Konzept zusammenmorphte und sich nach rerdarsteller. Auch die inhaltli- werden, um nicht in der und nach ein stimmiges Gesamtbild ergab. che Auseinandersetzung mit der ständigen Wiederholung Zu keinem Zeitpunkt war irgendjemand von Naziideologie nahm zu. Es galt des gleichen Witzes zu versacken. uns formell politisch organisiert. Allgemein nun, sich nicht nur allgemein deutete schon damals die politische Organisa- über Nazis lustig zu machen, sondern anlassbetion von jungen Menschen sehr deutlich auf das zogen herauszuarbeiten, warum sie sich dieses noch heute andauernde Verbandssterben hin. Mal ganz besonders doof anstellten. Politische Partizipation verlief zunehmend innerhalb zeitlich begrenzter Interessengemeinschaften und nicht innerhalb von Strukturen, in denen man verbindlich Mitglied wird. Insofern lagen wir mit unserer Organisationsform am Puls der Zeit. Wir trafen uns regelmäßig, ob in einer heruntergekommenen Kneipe namens Knolle – einer Art Betriebskantine der Bewegung, das Bier 1,20(!) Euro – im Büro der Visionauten oder auch bei Alf zuhause. Er lud uns immer wieder zu Filmabenden ein, auf

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POLITIK UND SCHABERNACK IM GESPRÄCH MIT TILMAN LOOS

Wie würdest du dich selbst im Herbst 2004 politisch einschätzen? Welche Erfahrungen hattest du bereits, insbesondere auf Demonstrationen? TILMAN LOOS Ich wurde schon früh politisiert und interessierte mich stark für das aktuelle Tagesgeschehen. Dann kam die Sache mit den ganzen Nazidemos. Anfangs wusste man noch nicht wirklich, worum es geht – nur, dass Nazis scheiße sind, weil sie gegen verschiedene Mitmenschen sind. Die Nazidemos waren damals mit einem großen Spektakel verbunden: Ihre Aufmärsche waren groß, die Polizeieinsätze waren entsprechend umfangreich und auch die Gegendemos waren riesig. Entsprechend hart ging es zur Sache. Die Neunziger lagen ja auch nicht so weit zurück. Das habe ich mir schon relativ frühzeitig angeguckt, so auch 2004. Ich war gemeinsam mit Freunden aus dem schulischen Umfeld unterwegs. Das war ganz ehrlich eine doppelbödige Sache: Einerseits war man überzeugt und fand es wichtig, etwas gegen die Nazis zu tun. Und andererseits hat es natürlich auch sehr viel Entertainment versprochen. Politisch würde ich mich bereits in dem Alter als links einschätzen, wenn auch in vielen Fragen natürlich noch ganz anders als jetzt. Ich war ein ganzes Stückchen mehr auf Pathos getrimmt, auf Idealismus, aber auch noch ein ganzes Stückchen mehr auf einfache Weltbilder ausgerichtet, also Gut und Böse. Was hat dich beim ersten Aufeinandertreffen mit der Front Deutscher Äpfel am meisten gereizt? TILMAN LOOS An diesem Tag war unfassbar wenig los. Die Nazis standen eingekesselt am Wilhelm-Leuschner-Platz rum. Es war natürlich total gut, dass sie zum Rumstehen gezwungen waren. Aber das erfüllte nicht den Entertainment-Faktor. Dann sind dort irgendwann diese Apfelmenschen aufgetaucht und hatten offensichtlich eigens kreierte Sprüche mit dabei, die heute bekannt klingen. Damals kamen sie aber zum ersten Mal und stießen damit, gerade in dieser Aufmachung, beim Publikum auf viel Belustigung. Das war spannend. Ich glaube das Faszinierende war das Neue, das Komische. Wir wollten damals sofort mitmachen. Eigentlich war die Aktion der Apfelfront aber als einmalige Geschichte geplant. Durch unser Zutun bekam diese einmalige Aktion aber auf einmal eine Jugendorganisation. Wie hast du das in Erinnerung, war die Apfelfront genervt, als auf einmal regelmäßig eine Horde junger Menschen in ihre Büros einfiel und das Bier leertrank? TILMAN LOOS Ich glaube nicht, dass die Leute wirklich genervt waren von uns. Und wenn doch, dann haben sie sich nichts anmerken lassen. Ich glaube, das war ein ganz entscheidender Faktor. Wenn man sich ständig mit seinen Eltern auseinandersetzen musste und die Auseinandersetzungen aufgrund der Machtverhältnisse häufig verlor, obwohl man Recht und die besseren Argumente hatte, war es hier nicht so. Hier wurde man tatsächlich ernst genommen.

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Der erste gemeinsame Auftritt in Leipzig war zur 1. Mai-Demo 2005. Hier entstand der Film Boskopismus von Witja Frank, in dem du auch an der Nähmaschine zu sehen bist. Wie verlief diese Demo? Wir haben diese Demo ganz gut vorbereitet und haben zum Beispiel neue Flyer aufgesetzt. Und auch wenn die Apfelfront in Leipzig und Dresden bereits aufgetreten war, war sie noch nicht etabliert. Am 1. Mai in Leipzig hatten wir weitaus mehr Material als in Dresden dabei und waren auch mehr Leute. Woran ich mich wirklich sehr gut erinnern kann, war die Sitzblockade am Augustusplatz. Dort verlaufen entlang der Bahnschienen auf jeder Seite mehrspurige Straßen. Auf der einen Seite saßen die Gewerkschaften. Auf der anderen Seite saßen wir und weiteres durchmischtes Publikum. Wir saßen in den ersten Reihen der Blockade. Die Räumung war relativ unschön. Die Polizei entriss uns die Fahnen und räumte mit Wasserwerfern, Pfefferspray und den ganzen bekannten Qualgriffen, die die Polizei so hat, unsere Straßenseite frei. Die andere Straßenseite nicht. Von diesen Gewerkschaftsleuten, die dort saßen, kam nichts. Möglicherweise kommt von daher meine nicht vorhandene Sympathie für Gewerkschaften. Dieses unfassbar unsolidarische Verhalten: Uns gnadenlos abtransportieren lassen, nicht dazwischen gehen. Als unsere Seite der Blockade geräumt wurde, sind sie sogar freiwillig aufgestanden. Das war armselig. Im Jahr 2006 hast Du maßgeblich die Politische Schnitzeljagd mitorganisiert und mitgestaltet. Kannst du kurz erklären, wie diese zustande kam? TILMAN LOOS Ich nehme an, dass die Idee zur Schnitzeljagd auf dem Mist von Alf gewachsen war. Wie viele anderen Ideen ja auch. Überhaupt fanden etliche Treffen bei Alf in der Bude statt. Das war so ein bisschen wie Opa erzählt vom Krieg, aber Opa ist auf einmal Alliierter und bringt auch noch Bier mit. Jedoch wurde die Umsetzung der Schnitzeljagd sehr stark durch uns gestaltet. Wir hatten ein großes Team, das einzelne Stationen erdachte und bei der Umsetzung betreute. Ich habe in der Vorbereitung an der Gesamtkoordination gearbeitet und nur eine Station betreut. Und das war spannenderweise das linXXnet. Das war damals tatsächlich mein Anknüpfungspunkt. Ich bin aber erst zwei Jahre später in DIE LINKE eingetreten. Dass diese Schnitzeljagd überhaupt so funktioniert hat, ist irre. Unsere Leute waren ja auch total verschieden. Leute mit guten Ideen trafen auf Leute, die diese Ideen auch umsetzen konnten. Es hat alles hingehauen. Die letzte große Aktion der Leipziger Front Deutscher Äpfel fand 2007 im S-Bahnhof Leipzig-Stötteritz statt, zur letzten Demo von Christian Worch. Wie lief diese ab? TILMAN LOOS Aus unserer Sicht war es wirklich enttäuschend, was sich Christian Worch an dem Tag geleistet hat. Ich war bei der Planung und Durchführung der Aktion dabei. Es gab vorher bei uns Debatten, die sich um den Einsatz von Wurfeiern, Buttersäure und falschen Sprengstoffmeldungen drehten. Diese Debatten wurden sehr intensiv und sehr erbittert geführt. Heraus kam, dass man zumindest sehr nah

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an die Nazis ran wollte, um dort Aktionen zu machen. Leute von uns haben sich das ehemalige Bahnhofshäuschen der S-Bahn-Haltestelle Stötteritz angeschaut. Genau hier sollte die Nazidemo losgehen. Dieses Häuschen war umzäunt, stand aber komplett leer. Wir dachten uns: Wenn man hier rechtzeitig reingeht und wartet, bis sich die Nazis versammelt haben, kann man aus den Fenstern des Gebäudes eine Gegenkundgebung starten, mit Fahnen und Reden. Wir haben es tatsächlich in dieses Häuschen reingeschafft, wenn auch zeitlich denkbar knapp. Hier haben wir einige Stunden verbracht und alle wurden natürlich nervös. Das Haus war extrem hellhörig und knirschte. Man bekam alles mit und war damit beschäftigt, über Fensterspalten die Polizei draußen zu beobachten. Deutlich nach Beginn der Nazidemo standen dort immer noch gerade mal 37 Leute. Worch stand da mit einem schäbigen Kombi mit einer kleinen Lautsprecheranlage und dem kleinen Haufen Nazis. Mehr nicht. Natürlich haben wir uns darüber gefreut und dachten uns: Oh Gott, der hat es ja dieses Mal richtig verkackt. Aber das Strategische Entschei- war eben kein Erfolg des Antifaschismus, sondern einem Bruch in der Nazisdungen müssen auch zene geschuldet. Wir hatten eine gute Aktion vorbereitet, die wir angesichts mitten im Einsatz getrofdieser Situation abgebrochen haben, weil es sich nicht gelohnt hätte. Das fen werden: Entwickeln Publikum hat einfach gefehlt. Sie ein Gespür dafür, ab

Frontbefehl

welchem Zeitpunkt sich die Umsetzung einer Aktion nicht mehr lohnt und abgebrochen gehört!

Nach diesem vernichtenden Reinfall sagte Worch alle Demos in Leipzig ab, die er bis 2014 angemeldet hatte. Im Zuge dessen erlahmte auch die Aktivität der FDÄ in Leipzig, da schlicht der Hauptgegner weggebrochen war und wir uns an dem Apfelfrontkonzept selbst bereits etwas überfressen hatten. Gleichzeitig wurden wir bundesweit so bekannt wie noch nie, es sprossen überall ‚Gaue‘ und wir veranstalteten ein erstes großes Gautreffen, um die Leute mal kennenzulernen.

TILMAN LOOS Stimmt, man kann vielleicht sagen, dass der Kern angefangen hat zu faulen, aber der Pfirsich von außen so reif aussah wie noch nie und die Medien sich darauf gestürzt haben. Der Hype von außen war ziemlich groß, während von innen die Fäulnis anzusetzen begann. Das Problem mit den anderen ‚Gauen‘ war, dass sie einfach Witze witzig fanden, die wir schon seit Jahren kannten. Bei Satire ist es so, dass man sie weniger witzig findet, wenn man sie schon mal gehört hat. Wir luden also Leute ein, die alle der Meinung waren, uns etwas Neues zu erzählen – wir das aber eben schon sehr lange kannten und es zunehmend überhaupt nicht mehr witzig fanden, sondern eher anstrengend. Was auch ein Problem war: Als wir uns damals trafen, häufig bei Alf und mit viel Bier, sind wir niemals darauf verfallen, uns gegenseitig zu agitieren, uns mit irgendwelchen blöden Apfelsprüchen gegenseitig anzureden. Wir haben Aktionen geplant und uns überlegt, was man machen könnte. Bei diesem Gautreffen ist es aber andauernd vorgekommen, dass teilweise überhaupt kein vernünftiges Gespräch mit Leuten geführt werden konnte – auch nicht, um sie kennenzulernen, weil sie tatsächlich nur noch in ihrer Rolle waren. Und Alf nicht mehr mit „Alf“ angesprochen haben, sondern mit „erhabener Führer“ und ständig in einer total verklausulierten und unwitzigen Apfelsprache gesprochen haben. Der Spagat war nicht einfach. Man hatte auf einmal total viele Leute, die auch bundesweit vernetzt waren, aber kein Innovationspoten-

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tial mehr. Jedenfalls nicht vom Kern her. Es gab zwar auch danach noch Aktionen, die gut waren. Aber eigentlich war die Idee für einige Menschen in unseren Kreisen tot. Es hat auch aufgehört, bei uns zu funktionieren, weil das Schmiermittel Bier zwar da war, es aber an einer Bürokratie gefehlt hat. Auch wenn es nach außen hin so gewirkt haben mag, als wären wir eine Organisation: Unsere Gruppe bestand letztlich aus verschiedenen Freundeskreisen. Umso schwieriger war es, Menschen, die man überhaupt nicht kannte, in dieses Format zu integrieren. Bist du nicht zeitgleich in DIE LINKE eingetreten? TILMAN LOOS Ja. Das war aber eher ein Zufall. Zu diesem Zeitpunkt gab es eine sehr große Beitrittswelle. Ich war ein Teil davon. Aber das Bedürfnis danach, organisiert und stringent zu arbeiten, ist schon durch die Apfelfront bei mir geweckt worden. Ich glaube, dass so etwas wie die Apfelfront irgendwann absterben muss. Das ist immer ein schwieriger Tod, weil man damit konfrontiert ist, dass neue Leute dazukommen, für die das neu ist, was intern schon überholt ist. So entwickelt sich ein Widerspruch zu den Leuten, die das alles schon lange kennen. Aber ich glaube, man kann mit solchen Sachen die Leidenschaft für Witze und Satire wecken. Und tatsächlich auch für nichtalltägliche Formen der politischen Auseinandersetzung. Was hast du von der FDÄ für deine politische Arbeit gelernt? Ist innerhalb des alltäglichen Politikbetriebs überhaupt Platz für Schabernack? TILMAN LOOS In meinen Augen ist Schabernack die diplomatischste Form der schärfsten Konfrontation. Scharfe Konfrontation kann auch Ausrasten bedeuten, oder Denunziation. Ich glaube, dass Schabernack – und somit auch Satire – die diplomatischste, gesündeste und zugleich auch die netteste Form der Konfrontation ist. Wenn man ein schabernackiger Geist ist, kommt man nicht umhin, auch mal über sich selber oder das eigene politische Lager Witze zu reißen. Man kann einen Dissens klar formulieren und auf diesen hinweisen. Aber da gibt es im klassischen Politikbetrieb auch schnell das Moment der Verleumdung. Da ist eine satirische Zuspitzung immer netter. Ich glaube nicht, dass Satire dazu in der Lage ist, Personen fertigzumachen. Jedenfalls nicht so wie andere gängige Mittel der Auseinandersetzung. Satire als Mittel übertreibt und ist als solche Übertreibung auch erkennbar. Das größere Problem ist, dass Satire auf vorhandenen Denkmustern aufbauen muss. Wenn sie das nicht tut, versteht sie niemand, dann funktioniert sie nicht. Wie vertragen sich Humor und linke Politik? TILMAN LOOS Ich bin der festen Überzeugung, dass der Anteil der Humorlosen bei keinem politischen Lager so groß ist wie in linken Kreisen. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass der Anteil guter Humorproduzenten nirgends so groß ist wie unter Linken.

Das Gespräch führte Max Upravitelev

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15. AUGUST 2006 Der fulminante Einzug der NPD in den sächsischen Landtag muss sie selbst außerordentlich überrascht haben. Jedenfalls stellte sich die Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit unfassbar doof an. Sie tauchte ab und zu wegen kleinerer Provokationen und Skandälchen in der Presse auf, arbeitete ansonsten aber primär an der Außenwirkung als planlose Chaostruppe. Außerdem schien die NPD krankhaft an Personalmangel zu leiden: 2005 verließen die ersten Mitglieder die Fraktion, weil ihnen plötzlich die Nähe der Partei zum Nationalsozialismus auffiel. Bis Ende 2006 verlor die Partei weitere Mitglieder durch Todesfälle, Veruntreuung von Finanzen und sogar Verdacht auf Besitz von Kinderpornographie – ein gerade in Nazikreisen überhaupt nicht gern gesehener Vorwurf. Bis zum Ende der Legislaturperiode sollte die Fraktion nur noch sechs von ursprünglich zwölf Abgeordneten zählen. Die Freien Kameradschaften schwächelten ebenfalls. Christian Worch gab den Plan auf, durch den Süden Leipzigs zu laufen. Stattdessen bespielte er vor allem wieder Gebiete im Osten Leipzigs – also in die Bezirke, die er bereits vor seinem gescheiterten Ansturm auf den Süden regelmäßig abgeklappert hatte. Seine Aufzüge blieben erfolglos. Dafür sorgte Worch unfreiwillig selbst, schließlich wurden die Gegenproteste zu seinen Demos erst dann wirklich groß, als er seine neue Strategie erproben wollte. Und nun standen selbst dort, wo Nazis vor dem 3. Oktober 2004 verhältnismäßig ungestört laufen konnten, tausende Menschen aus unterschiedlichsten politischen Zusammenhängen im Weg. Ambitioniert gestartet, lief Christian Worchs politische Karriere auf ein baldiges Ende zu.

„Deutschland erwächst!“ Gleichzeitig war die Front Deutscher Äpfel auf einmal so bekannt wie nie zuvor. Die Presse schien sich endgültig auf unsere Seite geschlagen zu haben und berichtete ständig über uns. Die Folge war die Gründung von Ortsgruppen in ganz Deutschland. Überall, wo Nazis aktiv waren, schien es eine Nachfrage nach neuen Formen des Protestes gegen sie zu geben. Damit wurde die Apfelfront endgültig zum Selbstläufer. Die erste Ortsgruppe wurde am 15. März 2006 von Sebastian Jabbusch in Mecklenburg-Vorpommern eröffnet. Hier begann auch die Tradition, Ortsgruppen als ‚Gaue‘ zu bezeichnen, die über die Jahre beibehalten wurde.

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ERSTE GAUGRÜNDUNG IN MECKLENBURG-VORPOMMERN Sebastian Jabbusch

Sollte ich morgen sterben, würde ich im Rückblick sagen, dass die Apfelfront das Provokativste, Lustigste, Erfüllendste, aber vor allem auch Sinnvollste war, was ich in meinem Leben bis heute getan habe. Doch beginnen wir am Anfang. Im Sommer 2006 erfuhr ich im Politikseminar „Der Landtagswahlkampf der NPD“ von Professor Buchstein an der Uni Greifswald, wie erschreckend hoch Rassismus und Vorurteile in Vorpommern verbreitet sind und wie dramatisch sich die NPD hatte ausbreiten können. Angeregt von der Festivalgruppe Gristuf suchte ich nach einer kreativen Aktionsform, die noch vor der Landtagswahl im September 2006 wenigstens einigen Bürgern die Augen öffnen könnte. Auf dem Rügener Jugendfestival Prora06 lernte ich im Juli bei einer Filmvorführung schließlich einen Haufen ziemlich verrückt gekleideter Typen kennen: die Apfelfront. Ich war sofort vom Konzept begeistert und überzeugt, nicht so jedoch meine Freunde von Gristuf. „Zu extrem“ und „missverständlich“ sei dies. Ich musste es also alleine starten. Naiv hängte ich einige A4-Zettel an verschiedenen Gebäuden in der Uni Greifswald aus: „Gründung eines Straßen-Satire-Projekts gegen Rechtsextremismus namens Front Deutscher Äpfel“, inklusive Ort und Datum. Es kamen fünf Personen zum Gründungstreffen. Einer war in Begleitung von zwei bulligen Kerlen und stellte seltsame Fragen. Leicht irritiert klärten mich die zwei anderen nach deren Verschwinden darüber auf, dass der Kerl einer der bekanntesten Neonazis der Stadt gewesen sei, der bereits wegen Körperverletzung verurteilt worden war. „Du hast Glück gehabt, dass Du hier nicht alleine warst“. Ein Schock, der dazu führte, dass ich nie wieder Treffen oder Aktionen der Apfelfront öffentlich ankündigte. Erste Aktionen Die Anfangszeit war hektisch – galt es doch, noch vor der Landtagswahl aktiv zu werden.

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Statt öffentlicher Ankündigungen wurde ich nun im näheren Freundesumfeld aktiv, wo ich zu meiner eigenen Überraschung viel Unterstützung fand, die mich bis heute noch begeistert. Ein Google-Group-Mail-Verteiler wurde eingerichtet, zwei erste Fahnen und Armbinden von meiner Freundin handgenäht. Gristuf setzte uns, als sie von den Nazis gehört hatten, vor die Tür. Zunächst wurden die geheimen Treffen zu mir, später in einen Raum einer christlichen Gemeinde verlegt. Am 15. August kam es zur ersten Aktion: Schwarze Anzüge, ein ausgeliehenes Megaphon (danke an die Gewerkschaften!), fünf Leute, einige ‚Flugzettel‘. Es gab kein großes Konzept, eigentlich ‚marschierten‘ wir nur etwas aufgeblasen die Haupteinkaufsstraße entlang und skandierten Sprüche wie „Alle Bürger stimmen ein, Apfelsorten bleiben rein“. Da sich niemand anderes meldete, übernahm ich die Rolle des Sprechers. Der ‚Führer‘ der Apfelfront war zweifelslos Alf Thum, so erklärte ich mich kurzerhand zum ‚Gau-Leiter‘. Die (Lokal-) Presse hatten wir im Chaos der Vorbereitung ganz vergessen, doch schneller als gedacht war sie da, und wir hatten am nächsten Tag unseren ersten Mini-Bericht über 16 Zeilen mit Foto. Schon am Morgen danach klingelte das Telefon. Vom Radio bis zum NDR Fernsehen wollten nun alle wissen, wann unsere nächste Aktion stattfände. „Vorpommern braucht Euch!“, sagte mir ein Journalist. Über Nacht waren wir zum spektakulärsten NPD-Schreck aufgestiegen, nach dem sich die Medien die Finger leckten. Leider vor allem ein Zeugnis dafür, dass in Vorpommern, neben der ‚bösen‘ Antifa und einigen ‚langweiligen‘ Christen, kaum jemand gegen Nazis aktiv war. Es galt also, die nächste Aktion besser vorzubereiten. Das taten wir und suchten uns den Besuch von Claudia Roth (damals Vorsitzende von Bündnis 90/die Grünen) in der NPD-Hochburg Anklam aus. Dort sollte es zudem am selben Tag einen NPD-Wahlkampfstand geben. Mit fast zehn Aktivisten, einem an das Megaphon ange-


schlossenen MP3-Spieler mit (sozialistischer) Mecklenburg-Vorpommern, bei mir am Telefon. Marschmusik, eingeübten Tänzen, einer Kiste Er bat darum, mich zu dem Termin bei der Polivoller Äpfel, ordentlich gezöpften Frauen-Fri- zei begleiten zu dürfen, was ich höchst erfreut suren und einem strammen Marsch stahlen wir zusagte. den wenigen Nazis in Anklam erfolgreich die Einige Tage später fuhren ein Jurastudent, Show. Die Aktion wurde mit großen Berichten der Verfassungsrichter und ich gemeinsam nach in Print, Internet und einer fast dreiminütigen Anklam und trafen uns bei Kaffee und Keksen Reportage im NDR belohnt. Das Deutschland- mit dem Polizeipräsidenten. Dieser wiederholradio berichtete sogar bundesweit und die NPD te die Haltung der Polizei. Wir stellten unsere fühlt sich zu einer Erwähnung auf ihrer Website Verteidigung dar: genötigt, in der man uns als ‚Clowns‘ bezeichne(1) Die Apfelfront ist eher eine Kunstform te. Verarscht fühlte sich jedoch auch die Polizei- denn eine echte Demonstration. Einschränkundirektion, die in Anklam ihren Hauptsitz hatte. gen der Kunstfreiheit sind jedoch nur zulässig, Unsere Aktion führte dort zu zahlreichen An- wenn andere Rechte mit Verfassungsrang berufen und einem überforderten Polizisten, der droht sind, etwa das Recht auf Leben. unseren Auftritt vor der laufenden Kamera des (2) Aber selbst wenn: Armbinden und Abzeichen sind explizit vom Uniformierungsverbot NDR dann doch nicht stoppen wollte. ausgenommen, also erlaubt. Reaktionen der Behörden (3) Schwarze Anzüge, auf die die Polizei sich Stattdessen erhielt ich wenige Tage später ei- dann im Laufe des Gesprächs versteifte, sind nen Aufruf zum ‚formlosen Gespräch‘. Hinter- keine Uniform, zumal manche auch nur dunkle grund des Gesprächs war, dass man uns darüber Pullover trugen. Die Polizei würde ja auch nicht in Kenntnis setzen wollte, dass weitere Aktio- Ratsversammlung wegen ihrer Anzüge auflösen. nen in schwarzen Anzügen nicht mehr toleriert Verfassungsrichter Wolf bestätigte unsere würden und zur Strafanzeige führen würden, es Haltung und brachte noch jede Menge juristigelte schließlich das Uniformierungsverbot bei sches Fachwissen in die Debatte ein. Er kritiDemonstrationen. Die schwarzen Anzüge wür- sierte die Haltung der Polizei als Einschüchteden zudem die Bürger verängstigen. Eine Stelle, rungsversuch und machte klar, dass eine solche bei der ich lachen musste, da der gute Mann aus Anzeige spätestens auf seinem Tisch scheitern einer Stadt anrief, die von der NPD im Würge- würde. Das Uniformierungsverbot sei ins Gegriff gehalten wurde. Man riet mir am Telefon, setz geschrieben worden, um die Verbreitung die nächste Aktion – geplant auf dem Greifswal- von Angst und Terror durch Aufzüge SS-ähnlider Marktplatz – abzusagen. Die Polizei hatte cher Organisationen zu verhindern, keinesfalls ausnahmsweise davon Kenntnis erlangt, da wir jedoch um offensichtlich humoristische, kossie beim Ordnungsamt als Demonstration an- tümierte Meinungsäußerung zu unterbinden. gemeldet hatten. Wenn ich die Aktion dennoch Doch es half alles nichts und Einsicht war nicht durchführen wolle, sei man „leider zu einer An- zu erkennen. Nach fast zwei Stunden sagte der Polizeipräsident, dass das alles sein möge, wir zeige gezwungen“. Schockiert von so viel Einfalt fragte ich aber ja wohl auch nicht mit Sicherheit sagen Freunde und Mitstreiter um Rat. Ich hatte Glück. könnten, wie der Gesetzgeber das UniformieDie Präventionsbeauftragte gegen Gewalt der rungsverbot gemeint habe. Darauf folgte meiStadt Greifswald war genauso entsetzt wie wir, ne Lieblingsstelle im Gespräch. Herr Wolf gab dass die Polizei die einzige Anti-Nazi-Demo Vor- bekannt, dass er selbst an der Ausarbeitung des pommerns am Tag vor der Wahl de facto stoppen Gesetzes im Ministerium beteiligt gewesen war wollte. Auch sie fragte herum, und einen Tag und daher sehr genau wisse, wie der Gesetzspäter meldete sich Helmut Wolf, der damalige geber das Gesetz gemeint habe. Nach einem Vizepräsident des Landesverfassungsgerichts Moment der Stille und Überraschung besann

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sich der Polizeipräsident und bat uns nun, zu der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern beläsgehen. Es blieb dabei: Würden wir am nächsten tigt. Im Gegenteil: Wie ich später erfuhr, gab es Tag in schwarzen Anzügen erscheinen, dann eine landesweit verschickte Mitteilung, die alle müssten alle Personen in schwarz mit einer An- Dienststellen über uns aufklärte. Fortan wurden zeige rechnen. Wir sollten doch einfach bunte wir sehr zuvorkommend behandelt. T-Shirts tragen. Eine der Ursachen für diese grundsätzlich Der Druck war nun ziemlich groß, da wir positive Einstellung uns gegenüber war, dass keinesfalls Gelder für ein teures juristisches wir uns von Anfang an für eine Klarnamen- und Verfahren hatten. Doch absagen wollen wir Gesicht-Zeigen-Strategie entschieden hatten. diese Aktion auf keinen Fall. Am nächsten Tag Niemand in der Gruppe wurde jedoch gezwunstanden wir mit etwa zehn Leuten auf dem gen, an die Öffentlichkeit zu gehen, meist wurGreifswalder Markt. Die Polizei fuhr daraufhin de nur mein Name genannt. Nach der zweiten mit zwei großen Mannschaftswagen direkt vor Aktion entfernte ich jedoch die Postadresse uns auf, aus denen rund fünfzehn bewaffnete von meiner privaten Website. Etwas später und Einsatzkräfte stiegen. In diesem Moment er- für einige Zeit auch den Namen von Klingel und schien Helmut Wolf – zu unserer Überraschung Briefkasten. in einem schwarzen Anzug. Aber nicht nur er. Er Die NPD zog einen Tag später, am 17. Septemhatte Freunde mitgebraucht. Die Präventions- ber 2006, in den Schweriner Landtag ein. Wir beauftragte der Stadt Greifswald, Mitglieder der fuhren vor Ort auf und machten unsere üblichen Greifswalder Bürgerschaft, der CDU-Landtags- Aktionen. Den Einzug der nationalistischen abgeordnete Egbert Liskow und der ehemalige Splittergruppe kritisierten wir scharf, waren wir Landtagspräsident Hinrich Kuessner (SPD), alle doch die einzig wahre nationale Fruchtobstbeebenfalls in schwarzen Anzügen. „Wenn Sie sie wegung. Unsere Präsenz in Schwerin brachte anzeigen wollen, müssen Sie uns auch anzei- uns nun auch in die Abendnachrichten von ZDF, gen“, sagte Wolf. Der Einsatzleiter griff zum RTL, N24, Kabel1 und Pro7. Bei letzterem SenTelefon und hielt offenbar Rücksprache. Als er der hatte man uns jedoch zu Nazis erklärt, sich Anstalten machte, sein Vorhaben weiter durch- später für diese Verwechslung aber immerhin zuziehen, wurde es einem Mitglied der Greifs- entschuldigt. walder Bürgerschaft zu bunt. Er rief den mit ihm befreundeten, ebenfalls in Greifswald wohn- Etablierung und neue Gegner haften, damaligen Justizminster Erwin Selle- Danach begann eine fast dreijährige Arbeit, bei ring (SPD) an, der nun ebenfalls im schwarzen der wir viele Dinge ausprobierten. Wir nahmen Anzug zum Markplatz eilte. Während Wolf die an vielen Anti-Nazi-Demos teil, etwa in NeuPolizei diskutierend in Schach hielt und immer- brandenburg, Rostock oder Schwerin. Dabei hin erreichte, dass sie uns nur von der anderen gründeten sich neue Apfelfront-Ableger. Die Straßenseite ‚bewachte‘, konnten wir unsere Rostocker Gruppe soll dabei zeitweise über 20 Aktion durchführen. Als Sellering eintraf, griff aktive Mitglieder gehabt haben. 2007 bewarben wir uns als Projekt gegen er schnell zum Handy und rief als nächstes den damaligen Innenminister Gottfried Timm (SPD) Rechtsextremismus um einen kleinen, vieran. 20 Minuten später konnten wir beobachten, stelligen Förderbetrag beim Innenministerium, wie der Einsatzleiter einen Anruf erhielt, über der uns auch gewährt wurde. Eine Entwicklung, dessen Inhalt ich bis heute nichts weiß. Kurz die dem Polizeipräsidenten von Anklam sicher darauf zogen sich die zwei Einsatzwagen und übel aufstieß. Mit dem Geld kauften wir unser die Polizisten auf die andere Seite des Markt- erstes eigenes Megaphon, investierten aber platzes zurück, von wo man uns bis zum Nach- auch in bessere Kostüme, Flyer und Fahnen und mittag filmte und fotografierte. Für uns ein konnten uns erstmals Fahrtkosten – zumindest großer Sieg. Danach wurden wir nie wieder von teilweise – erstatten lassen. Unsere Aktionen

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– in der Zwischenzeit hatten wir es bis ins holländische Fernsehen geschafft – wurden für ihre Reichweite und Kreativität gelobt und unsere Förderung wurde 2008 verlängert. So schön es war, etabliert und anerkannt zu sein, so schnell wurde es auch langweilig. Immer dieselben Demos, immer dieselben Sprüche. Die Menschen wussten inzwischen, wer wir waren und der Überraschungseffekt war nach einiger Zeit verflogen. Wir suchten uns daher im Laufe des Jahres 2007 neue Ziele. Neben der NPD wollten wir nun auch gegen die nationalistischen Burschenschaften in Greifswald angehen und gründeten mit der Malumnia Grypwaldensis unsere eigene. Wir provozierten mit der ersten öffentlichen Mensur seit den 30iger Jahren und protestierten farbentragend gegen die Erwähnung einer Burschenschaft auf einer Uni-Gedenktafel. Dank Medienaufmerksamkeit sah sich die Uni gezwungen, die Burschenschaft tatsächlich von der Unitafel zu streichen. Einen ähnlichen Erfolg konnten wir beim einzigen Nobelpreisträger der Universität Greifswald vorweisen: Bei der Gedenktafel für den Physiker Johannes Stark hatte man ‚vergessen‘ zu erwähnen, dass dieser auch Anhänger der sogenannten ‚Deutschen Physik‘ und glühender Verehrer Hitlers war. Erneut vorgeführt, rüstete die Universität eine Tafel nach, die auch über die ‚dunkle‘ Seite des Nobelpreisträgers informierte. Ein weiterer Aspekt, den wir aufgriffen, waren die sogenannten Freien Kameradschaften. Diesen setzen wir die FAK (jaja, die guten Vulgärwitze!) entgegen, die Freie Apfel Kameradschaft. Im Rahmen einer Veranstaltung der Apfelfront an der Uni (wie gesagt, wir waren ziemlich etabliert) ließen wir diese wilde Truppe, stilecht in Tarnmasken, in den Hörsaal stürmen. Sie riefen dabei: „Radikaler Boskopismus – jetzt, jetzt, jetzt“, „Fak Pommern, Fak Pommern, Fak Pommern“; „Frei boskopisch – heimisch und nicht tropisch”. Die FAK erklärte daraufhin die ‚konservative‘ Apfelfront mit sofortiger Wirkung für abgesetzt. Wir ließen es dann zu einer kleinen Hörsaalschlacht zwischen Apfelfrontlern und FAKlern kommen. Später wurde mir von ei-

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nigen Zuschauern erklärt, dass diese Inszenierung vielen im Saal richtig Angst gemacht hätte. 2009 lief das Projekt langsam aus. Hintergrund war unter anderem mein eigener Uni-Abschluss und mein geplanter Umzug nach Berlin. Insgesamt war es eine extrem inspirierende, unglaublich kreative und spaßige Zeit. Das Beste aber waren die vielen Kommilitonen, die eine irre Menge an Zeit und Energie in das Projekt investiert hatten. Auch wenn ich als Gesicht eine hohe Präsenz in den Medien hatte, so kamen fachliche Expertise, ‚Feindbeobachtung‘, finanzielles Management, Antragstellung, Pressearbeit und kreativer Input aus dem ganzen Team. Ein erfüllendes Projekt, für das ich den Leipziger Erfindern sehr dankbar bin.


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IM GESPRÄCH MIT DEM BOSKOPISTISCHEN TRADITIONSGAU BAYERN Wie lief der Aufbau eures Gaues ab? VERONIKA KOPF Die Gründung des Gaus Süd-Ost-Bayern war April 2007 in Töging, da zwei der Gründungsmitglieder (in dem Fall die treibenden Kräfte) aus der Gegend kamen, dazu eine Freundin und ich aus einem Ort an der Grenze zum Münchner Landkreis. Es wurde beschlossen, mit Tarnnamen zu agieren, obwohl die anderen beiden bei den örtlichen Nasen schon – unter anderem – durch parteipolitische Aktivitäten bekannt waren. Ich wurde als Klara Wurzel zur Gauleiterin auserkoren, was ich bis 2009 blieb. Aufgrund der Größe des Gebietes und gleichzeitig der oft nur kleinen Ortsgruppen haben wir uns für die ‚Gau-Kringel-Struktur‘ entschieden: Traditionsgau Bayern als Dach und darunter die ‚Kringel‘ (als Anspielung auf Landkreise) in den jeweils aktiven Orten. Eine Zeit lang hat das auch recht gut funktioniert. Dabei war München immer Zentrum – hier waren einfach die meisten Aufmärsche, gegen die wir demonstrieren konnten. Nachdem ich mit dem Umzug nach Eichstätt nicht mehr ohne weiteres unter der Woche in München sein konnte, wollte ich ab 2009 das Gauleiteramt loswerden und habe es an den Münchner Gauleiter abgegeben, um die Gaue wieder zusammenzuführen. Inzwischen waren aber viele der Kringel aufgrund von Wegzug fürs Studium usw. eingeschlafen. 2010 habe ich mich dann endgültig zurückgezogen und den Gau Bayern der Münchner Führung überlassen. ULRICH BERGER Im Februar 2008 machten sich die Mitglieder in München als Gau München selbstständig. Neben der weiten Entfernung zwischen den Mitgliedern und persönlichen Verwerfungen spielten auch unterschiedliche künstlerische Vorstellungen, wie zum Beispiel das Verhältnis von Humor zu Satire, eine Rolle. In der Folge schliefen die Aktivitäten außerhalb von Großstädten in Bayern weitestgehend ein. Das war schade, da es interessant gewesen wäre, weitere Entwicklungen der FDÄ im ungewohnten ländlichen Umfeld zu beobachten. Die Tendenz war zumindest anfangs klar: Die Aktivisten um Altötting sahen sich eher in der Tradition einer Spaßguerilla, die Nazis auch außerhalb vom Demonstrationskontext entgegentritt. So wurden zum Beispiel ein NPD-Aufsteller, der auf Privatgelände stand, mit dem FDÄ-Logo übermalt oder eine FDÄ-Fahne im Treppenhaus des NPD-Kreisvorsitzenden hinterlassen. VERONIKA KOPF In diesem Punkt muss ich Ulrich leicht widersprechen: Die Gründungsmitglieder im Raum Altötting haben sich nicht primär als Spaßguerilla verstanden, auch wenn das im ländlichen Raum ein wichtiger Teil war. Klar gab es gerade in der Anfangszeit Aktionen außerhalb von Demonstrationen, was aber zum einen daran lag, dass es im ländlichen Raum keine Nazi-Demos gab (sehr wohl aber Nazis), und zum anderen daran, dass man die Aktivität der Gruppe nicht nur auf Demos in München oder anderen Städten beruhen lassen wollte, da diese viel zu selten anstanden und eine Gruppe ohne Aktionen dazwischen einschläft. Ein reines Treffen, um einmal im Monat gemeinsam Apfelschorle zu trinken, lässt die Gruppe zum Stammtisch werden ...

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Insgesamt hat der Traditionsgau Bayern in erster Linie gegen Nazis demonstriert, aber im ländlichen Raum auch andere Aktionsformen zugelassen, da hier die ‚Angriffsfläche Demo‘ einfach nicht gegeben war. Dafür gab es jedoch auch immer andere Anlässe, um aktiv zu werden, wie zum Beispiel einen neuen Spruch auf dem Aufsteller und ein Zeitungsbericht über den Hofbesitzer oder ein Interview mit dem NPD-Kreisvorsitzenden in einer Zeitung. Grundsätzlich habe ich persönlich immer ‚alternative Aktionen‘ unterstützt, dort aber auch stets Grenzen gesehen. Einbruch oder Landfriedensbruch zum Beispiel wären mit mir definitiv nicht gegangen. SANDRO ODAK Ich kam 2007 zum Traditionsgau Bayern, nachdem ich im Fernsehen einen Bericht über die Front Deutscher Äpfel gesehen hatte. Die Organisation war damals noch im Aufbau und eher ein loser Verbund von Gegnern des Rechtsextremismus. Alle paar Wochen fanden Treffen statt, mit der Zeit formte sich aus dem losen Bund eine richtige Struktur. Wir kümmerten uns um die Finanzierung von Bahnkarten, verkauften Buttons und Armbinden zum Selbstkostenpreis und wollten später sogar einen Verein gründen, um Demonstrationen anzumelden, Gelder offiziell empfangen zu können und auch abseits von Demonstrationen öffentlichkeitswirksam gegen Rechts aufzutreten. Allerdings kam es in der Zeit zum Umbruch. Viele Apfelfront-Aktivisten aus München, meist Schüler oder Studenten ohne eigenes Auto, konnten nicht mehr regelmäßig an den Treffen im bayerischen Umland teilnehmen. Weitere persönliche Verwerfungen führten dann dazu, dass sich ein Münchner Kringel bildete. Im typischen FDÄ-Jargon stilisierten wir den Bruch zu einem Putsch auf, ich selbst übernahm als Kringelleiter die Macht in München. Hinter den Kulissen brach die Kommunikation natürlich nie ab. München und Bayern verständigten sich auch weiterhin kollegial und wir unterstützten uns gegenseitig auf Demonstrationen. Über ein paar wenige Treffen kam die Gruppe jedoch nie hinaus. Weil die straffe organisatorische Führung fehlte, zerbrach die Gruppe schlussendlich. Ich selbst stieg 2011 aus und verfolgte die FDÄ und rechte Demonstrationen fortan durch das Objektiv einer Kamera. Mein hauptberufliches Engagement als Journalist verschaffte mir immer häufiger Zugang hinter die Absperrungen der Polizei, weshalb ich das Demonstrieren anderen überließ und lieber zum Berichterstatter wurde. De facto ist der Münchner Kringel heute noch unter einem neuen Kringelleiter aktiv. Die Organisation ist jedoch sehr lose aufgebaut und meist scheitert ein gemeinsames Auftreten an personellen Schwächen. Das mag auch an den schwachen rechten Strukturen in München liegen – das kameradschaftliche Treiben stagniert dort schon seit Jahren, große Aufmärsche gibt es nicht. Wir haben das öffentlichkeitswirksam als Verdienst der FDÄ in München gefeiert, tatsächlich liegt dies aber an internen Strukturschwächen bei den Rechten. Deren Gruppierungen sind anscheinend so stark auseinandergedriftet, dass keine konzertierten Aktionen mehr möglich sind. Wie sah die regionale und überregionale Organisationsstruktur aus? VERONIKA KOPF Das Verhältnis zum Gau Franken war freundschaftlich. Im Sommer 2007 wurde mal spaßeshalber an eine ‚Zweckehe‘ auf schauspielerischer Ebene gedacht, um die Gaue Bayern und Franken zu vereinigen – Franken konnte jedoch mit seinem Angebot an männlichen Kandidaten nicht punkten (Bayern war immer weiblich dominiert – nicht nur wegen mir als Gauleiterin, auch was die Aktiven anging).

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Im Gegensatz zu München gab es in den Kringeln mehr oder weniger regelmäßige Treffen, um die Gruppe am Leben zu halten, gemeinsam Reden zu schreiben, Buttons zu entwerfen, Aktionsideen für Demos zu finden etc. Gauweite Treffen des Gaus Bayern gab es aber ab ungefähr 2008 nicht mehr (außer zu Demos), da die Gruppen zu weit auseinanderlagen – die meisten überregionalen Aktionen wurden über das Internet kommuniziert und organisiert. SANDRO ODAK Regional gab es mindestens monatliche Treffen in der Zeit des Traditionsgaus Bayern, alle weitere Kommunikation verlief online. Die Treffen bis 2008 waren allesamt sehr penibel protokolliert worden. Nach den Treffen ging eine Abschrift per E-Mail an die Mitglieder. Wir versuchten uns in diesem Zeitraum auch inhaltlich etwas zu professionalisieren. Zwischen 2007 und 2009 etablierte sich der Traditionsgau Bayern auch als eine Art IT-Dienstleister für die anderen Gaue. Da eines unserer Gründungsmitglieder eine IT-Firma mit Serverkapazitäten hatte, konnten wir schon früh eigene halbwegs professionelle und sichere Seiten aufbauen. www.boskopisten.de (Name angelehnt an das damalige Social Network lokalisten. de, das vor allem in Bayern bekannt war) und www.boskopedia.de gehörten zu den bekanntesten FDÄ-Seiten, letztere konnte sogar ansehnliche Abrufzahlen generieren. Die Boskopedia war ein FDÄ-Lexikon, das ähnlich humoristisch Fakten parodierte wie die Stupidedia. ULRICH BERGER Spätestens ab 2008 reisten zu allen größeren Nazidemonstrationen Aktivisten aus ganz Bayern an. Nach außen traten der Gau München und der Gau Bayern dann als Traditionsgau Bayern auf, die Vertreter des Gau Franken wurden als Ehrengäste vorgestellt. Die örtlichen Aktivisten übernahmen in der Regel die Leitung und Verantwortung für den Apfelfront-Auftritt. Außer für Demonstrationen und deren Vorbereitung gab es zumindest in München kaum FDÄ-Treffen. Auf den Aufbau einer Struktur wurde bewusst verzichtet. Es war erwünscht, dass sich die Aktivisten noch in anderen Zusammenhängen engagieren und nicht nur für die Aktionen unter dem FDÄ-Label agieren. Die Arbeit war reaktiv: Kündigten die Nazis eine Demo an, wurde die Apfelfront aktiv. Die Absprachen mit anderen FDÄ-Gruppen geschahen formlos und spontan. Was für Anlässe gab es, aufzutreten? SANDRO ODAK Wir schlossen uns in den meisten Fällen als Front Deutscher Äpfel zusammen, wenn irgendwo Rechtsextremisten zu Trauermärschen, Demozügen und Fackelmärschen zusammenkamen. Nach einer eigenen Demonstration im bayerischen Altötting stellten wir fest, dass die Apfelfront ohne den ‚Gegner‘ nicht funktioniert. Die Leute verstehen nicht, wieso da Leute mit Apfel-Armbinden rumlaufen, wenn nicht im gleichen Moment auch echte Rechte aufmarschieren. Von da an traten wir nur noch selektiv auf Veranstaltungen ohne klaren Gegner auf, und nur dort, wo ein Auftreten der FDÄ auch sinnvoll war. Wir wollten nicht nur humorvolle Aktionen gegen Rechtsextremisten durchführen, sondern auch Aufmerksamkeit schaffen. Denn von außen sehen Demonstrationszüge meist sehr martialisch aus. Bürger sehen schwergepanzerte Polizisten, vermummte Demonstranten und von den eigentlich Rechten bekommen sie gar nichts mit. Für die Beobachter ist das Demonstrationsgeschehen

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drumherum meist ärgerlicher, als der eigentliche Demonstrationsanlass. Indem wir die Thesen der Rechten parodierten, mit Wortwahl und Aussehen aneckten und deren Irrsinn pointiert auch nach außen trugen, konnten wir aufzeigen, gegen was hier eigentlich demonstriert wurde. ULRICH BERGER Von November 2007 bis März 2008 gab es allein vier Nazi-Demonstrationen im nahegelegenen Augsburg, an deren Gegenaktivitäten sich der Gau München beteiligte. Dazu kamen die 1. Mai-Demonstration der NPD in Nürnberg und ihr Bundesparteitag im selben Monat in Bamberg. In München gab es mehrere Nazi-‚Mahnwachen‘, die von der FDÄ erfolgreich gestört wurden. Im November 2008 gab es einen ‚Trauermarsch‘. Während die Nazis daran scheiterten, einen Kranz auf einem Soldatenfriedhof niederzulegen, schaffte es die FDÄ, mehrere Kranzniederlegungen mit Apfelring-Eucharistie durchzuführen. VERONIKA KOPF Dazu kam dann noch der Marsch auf Berlin, zu dem wir mit dem Wochenendticket und Regionalzügen aus München angereist sind: Freitagnacht nach Mitternacht los, Samstagmittag/-nachmittag in Berlin, nach dem Abendessen und einem Drink wieder über Nacht mit dem Wochenendticket zurück. Wie sahen die Naziaktivitäten zur Zeit des Bestehens des Traditionsgaus Bayern aus? ULRICH BERGER In München gab es durch die Freien Nationalisten München eine recht aktive Kameradschaftsszene, deren Führungsebene aus in Ungnade gefallenen JN-Funktionären bestand. Das hinderte sie nicht daran, auch außerhalb von Demonstrationen mit der NPD zusammenzuarbeiten. So unterstützten sie Karl Richter und seine „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ 2008 beim Einzug in den Stadtrat. Später gingen die Freien Nationalisten München in anderen Nazi-Strukturen auf, vier ihrer Führungskader waren ihnen aus verschiedenen Gründen abhandengekommen. SANDRO ODAK Zu Beginn unserer aktiven FDÄ-Zeit in Bayern und München gab es eine aktive rechte Szene, die jedoch mit der Zeit ähnlich abflaute wie die Front Deutscher Äpfel. Auf bürgerlich-rechter Seite konnte die NPD zwar einen Stadtrat in München installieren, politisch hatte der jedoch keinerlei Bedeutung. Operativ war die Szene mit der Zeit am Boden. Als Martin Wiese, ein verurteilter Terrorist, der ein Bombenattentat in der neuen Münchner Synagoge geplant hatte, aus der Haft entlassen wurde, befürchteten wir ein neues Erstarken der Szene. Das blieb jedoch glücklicherweise aus. Natürlich gibt es nach wie vor Rechtsextremismus in München – organisiert kann man den jedoch nicht nennen. Wie reagierten Bürgertum und Polizei auf euch? ULRICH BERGER Von bürgerlicher Seite gab es nur positive Reaktionen; die Apfelfront war bei Gegendemonstrationen stets willkommen. Eine Anbindung an die lokale Antifa-Szene gab es leider nicht. Nachdem die Polizei FDÄ-Aktivisten wegen eines vermeintlichen Verstoßes gegen das Uniformierungsverbot verhaftet hatten, waren wir auf Führungsebene bekannt. Zumindest in München gab es danach keine weiteren Probleme.

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VERONIKA KOPF Es gab zu 99% positive Reaktionen – aber auch vereinzelt negative („Mit so etwas spaßt man nicht!“) – das eine oder andere entsetzte Gesicht älterer Mitbürger habe ich durchaus gesehen, auf Nachfrage hin fanden nicht alle uns uneingeschränkt toll ... Eine Anbindung an die Antifa gab es in den Kringeln meist nicht, teils aber lokale Treffen, zum Beispiel im Raum Altötting, wobei hier auf engere Zusammenarbeit verzichtet wurde. Wir hatten beim Traditionsgau Bayern ein ‚Polizeialbum‘. In dem durften sich einzelne unserer Freunde von Team Green und Team Blue eintragen: Name/Alter/ Standort/Familienstand/Lieblingsapfelsorte. Das erste ist leider einem Hausbrand zum Opfer gefallen, im zweiten ist fast nichts mehr drin. Es gab auch immer wieder mal Polizei, die uns falsch eingeordnet hat und uns zu den Rechten schicken wollte. In Dresden müsste das gewesen sein, als wir mit einer kleinen FDÄ-Gruppe von den anderen getrennt wurden und auf der Straße waren, als die Nazis schon in Sichtweite anmarschiert sind – man hat uns erst im letzten Moment geglaubt, dass wir auf die andere Seite der Absperrung gehören. Ansonsten gab es das ein oder andere Mal ‚Fast-Anklagen‘ wegen des Tragenes verfassungsfeindlicher Symbole – da konnten wohl manche Polizisten den Apfel nicht vom Kreuz unterscheiden ... Eingekesselt zu werden haben wir immer kreativ für Spiele genutzt. Einmal, als der Führer dabei war, wurden uns Äpfel verboten. Sie wurden als angebliche Wurfgeschosse deklariert, also wurden die mitgebrachten Exemplare umgehend nach dem Führerbefehl „Sofortige Vernichtung, da nur 100g Apfel pro Person erlaubt sind“ alle aufgegessen. Daraufhin haben wir nur noch Apfelringe auf Demos mitgebracht. SANDRO ODAK Ich persönlich entschied mich eben wegen der guten Resonanz von Bürgertum und Polizei zu einer Teilnahme an der Front Deutscher Äpfel. Mit den satirischen Einlagen und pointierten Thesen konnten wir den getarnten Rechtsextremismus als solchen entlarven. Wer uns auf Demos in den schwarzen Anzügen und mit roten Armbinden sah und durchschaute, war meist begeistert von der Aktion. Gegenstimmen haben wir nur selten gehört. Ich bin zwar häufiger aus der Rolle als Apfelfront-Aktivist herausgetreten, wenn es zum Beispiel darum ging, lebensälteren Menschen zu erklären, um was es uns geht, aber auch die haben meist positiv reagiert. Das tolle an der Apfelfront war aber: Auch wenn man nicht nah genug dran war oder nicht verstanden hat, um was es geht – wir haben trotzdem unser Ziel erreicht. Die Leute sahen uns von weitem und dachten „Oh Gott, eine Nazidemo! Und dann sehen die auch noch so aus! Das sollte nicht erlaubt sein, das ist falsch!“ Ulrich, du hast den Satz „Wir können über die Abschaffung des Humors nachdenken, sobald wir ernsthafte Alternativen haben.“ geprägt. Kannst du abschließend kurz erläutern, innerhalb welcher Debatte dieser Satz zustande kam? ULRICH BERGER Eigentlich waren es zwei Debatten: eine zum Verhältnis von Satire und Humor, die andere zu der Frage, ob wir in unseren Aktionen den Rahmen der Legalität verlassen wollen. Das wurde teilweise sehr emotional diskutiert, gewissermaßen in Form der Frage „Was ist die Apfelfront?“. Unter ‚Humor‘ wurde dabei alles verstanden, was nicht direkt dem Ziel der Demaskierung der Nazis diente, also zum Beispiel ‚Hitlersport‘, ‚Fahnen-Limbo‘ und dergleichen. Ein paar Aktivisten wollten auf Humor komplett verzichten und nur durch Satire schockieren. Gleichzeitig wollten

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sie gerade im ländlichen Raum Aktionen im Stil von ‚Wir brechen in die Gartenlaube eines Nazikaders ein und ersetzen seine Reichsfahne durch eine Apfelfrontfahne‘ durchführen und vielleicht noch weiter gehen. Ich war zwar auch der Meinung, dass die Satire wieder stärker betont werden sollte, aber die Grundvoraussetzungen dafür waren schlicht nicht gegeben. Klar muss Satire wehtun, aber gerade in Franken und Augsburg hatte die Apfelfront einen hohen Bekanntheitsgrad. Spätestens bei der dritten Demo innerhalb von zwei Monaten war einfach niemand mehr von der FDÄ geschockt. Außerdem waren Großdemonstrationen wie der 1. Mai in Nürnberg nach einer Weile vor allem durch eines geprägt: Langes Rumstehen außerhalb von Hör- und Sichtweite der Nazis, teilweise mehrere Kilometer entfernt. Während sich in Leipzig die Apfelfront zwischen Polizisten und Demonstranten schmiss, erfüllte der gescholtene ‚Humor“ der FDÄ hier eine andere Funktion: Er verhinderte Langeweile. Denn Langeweile führt zu Wut, Wut führt zu Flaschenwürfen und Flaschenwürfe führen zu unsäglichen Schlagstockeinsätzen. Mein Satz „Wir können über die Abschaffung des Humors nachdenken, sobald wir ernsthafte Alternativen haben“ bezog sich auf dieses Dilemma. Solange niemand ein schlüssiges Konzept vorlegt, wollte ich nicht darauf verzichten, mit dem ‚Humor‘ wenigstens zur Deeskalation beizutragen. Die anderen vorgeschlagenen Aktionen lehnte ich ab, da ich es für eine offene Satire-Gruppe für zu gefährlich hielt, Nazis so persönlich direkt zu konfrontieren. Solche Aktionen sah und sehe ich eher als Aufgabenbereich von geschlossenen Antifa-Gruppen.

Das Gespräch führte Max Upravitelev

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SITZUNGSPROTOKOLL

Betreff: Ämtervergabe Auszug vom 24.Juni 2007

1) Gauleiterin: Klara Wurzel 2) NFD-Ministerin: Petra Kaitl 3) Propagandaminister: Carlos Aventura 4) GehAPo (Geheime Apfelpolizei): Paul Brettstein 5) Schriftführerin: Elke Reimann / Cidre 6) Finanzministerin: Laura Krone 7) Reichsbildberichterstatter: Sven Manz 8) Kultur- und Bildungsminister, Direktor der APoLA, Regimentsführer: Horst Zassel 9) Polizeiminister (zuständig fürs Polizei-Album): Thomas Marschmann 10) Gaumaler: Pavel Picassi 11) Ernährungsministerin DAK (Deutsche Apfelküche): Maximiliane Buchleitner 12) Musik- und Subkulturminister: Hermann Smith 13) Apfelminister für Äußeres: Itzhak Stern 14) Apfelhirtin: Linda Müller 15) Reichsspitzel: Michael Josef Gräfensteiner (vormals: Boskop) 16) MBGA (Militanter Block Granatäpfel): Alfred Überlauf, Peter Enis, Gunnar Falkenfelser

SITZUNGSPROTOKOLL

Betreff: Umstrukturierung Auszug vom 17.November 2007

Carlos Aventura – Ministerium für Gausicherheit (MfG) Absprache mit der Polizei Sämtliche Rechtsangelegenheiten IT-Verwaltung (zusammen mit Pavel Picassi) IT-Sicherheit (zusammen mit G. Hilf) Ausforschung von Nazis (zusammen mit G. Hilf) Verhinderung von Infiltration (zusammen mit G. Hilf) Überwachung von Kringelmitgliedern (zusammen mit G. Hilf) Reden halten und schreiben (zusammen mit B. Kopancek) Pavel Picassi – Minister für Kommunikation (MfK) Nachrichten/Artikel verfassen für boskopisten.de Internetverwaltung (zusammen mit C. Aventura) Boskopedia Netzmeisterei, Sekretärsarbeiten, Kontaktformular für boskopisten.de Kommunikation im Allgemeinen Absprache mit Parteien, Verbänden, etc. Buttonsproduktion, Auftragsannahme und Versand Spaß/Mitgliedermotivation/Kuschel (zusammen mit J. Kerner)

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Gotthard Hilf – Mitarbeiter des Ministeriums für Gausicherheit (MMfG) IT-Sicherheit (zusammen mit C. Aventura) Ausforschung von Nazis (zusammen mit C. Aventura) Verhinderung von Infiltration (zusammen mit C.Aventura) Überwachung von Kringelmitgliedern (zusammen mit C. Aventura) Überwachungsstaat fördern (zusammen mit J. Kerner (Kerner zeigt auf Nazis, G. Hilf macht platt))) Jürgen Kerner – Mitarbeiter des Ministeriums für Gausicherheit und Spaß (MMfGS) Bildberichterstattung Überwachungsstaat fördern (zusammen mit G. Hilf) Spaß/Motivation/Sexuelle Belästigung (zusammen mit P. Picassi) Absprache mit Antifa Elke Reimann – Ministerium für Pressearbeit (MfP) Berichterstattung Protokollführung Briefe an Polizei und allgemein Flieger schreiben Armbinden und Fahnen Horst Zassel – Minister für Ordnung und Finanzen (MfOF) Ordnung von Sitzungen Buchhaltung Aktionen/Inszenierung auf Demos (zusammen mit B. Kopancek) Stadtpläne, Nazirouten, Marschrouten Bernhard Kopancek – Gauleitung und Außenminister Musik Dresscode Kommunikation mit anderen Gauen und Leipzig (zusammen mit K. Wurzel) Reden halten und schreiben (zusammen mit C. Aventura) Vertretung gegenüber der Öffentlichkeit Plakate, Banner Klara Wurzel – Gauleitung und Innenministerin interne Kommunikation Terminorganisation Kommunikation mit anderen Gauen und Leipzig (zusammen mit B. Kopancek) Reiseplanung

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GAU BAMBERG: SCHLACHT UM BÄM-BERG Blogeintrag Apfelfront Bamberg, 28. Juli 2008

Die Idee an sich war ja nicht dumm: schnittlichen Jahrmarkt für eine Runde GeisUm dem drohenden Bankrott zu entgehen, terbahn mit anschließendem Besuch des Grusetzte die NPD eine Kleinstveranstaltung in selkabinetts zahlen muss. der Bamberger Kongresshalle an, die Miete soll Doch es geht auch anders: Wieder einmal mit staatlichen Parteifördergeldern beglichen zeigte die FDÄ, bekannt für unterhaltsames worden sein. Die geladenen Mitglieder dieser Auftreten, wie man – ungleich kostengünstiger selbsternannten Partei, welche auf eigene – in kürzerer Zeit mehr erleben und dabei auch Kosten anreisen mussten, wurden am Eingang noch zehn Euro sparen kann. gleich einmal um zehn Euro erleichtert. Soviel Unterstützt wurde die Ortsgruppe (OG) Bamzum Thema ‚Nationaler Sozialismus‘. Bei etwa berg von den – mittlerweile sehr routinierten 600 Teilnehmern (die Zahlen schwanken, kaum – Kameraden der OG Erlangen, den Verbündeten einer der Teilnehmer traute sich, zu seiner An- des Gaus München, und sogar der Berliner Gauwesenheit zu stehen) kam so ein nettes Sümm- leiter scheute die weite Anreise nicht, um der Einladung aus der wunderschönen fränkischen chen zusammen. Zum Vergleich: zehn Euro entsprechen in Domstadt Folge zu leisten. Auch ein Schnupetwa dem Betrag, den man auf einem durch- perkommando aus Schweinfurt war anwesend.

„Hier marschiert der nationale Obstbestand!“

Treffpunkt Gabelmo

Marsch zur Weide

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So einen Aufmarsch hatte Bamberg noch nicht gesehen! Nach einem ausgefeilten Angriffsplan wurde der Sturm auf die Innenstadt durch die OG Bamberg eingeleitet. Unterwegs stießen die OG Erlangen und die Berliner Delegation hinzu, um nun mit vereinten Kräften die Operation Bämberg zu beginnen. An der Weide angekommen, und nach einem ersten herzlichen „Hallo“ durch den Oberbürgermeister und aus Hessen herangeschaffte Ordnungskräfte – letztere wurde die besondere Ehre zuteil, das Polizei-Poesiealbum der OG Bamberg zu deflorieren –, war es an der Zeit, eine kurze Vorstellung für die Öffentlichkeit zu geben.

Eintreffen an der Weide

„Eine Rede!“

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Eine zufällig anwesende Bühne wurde kurzerhand gestürmt und eine Verlautbarung verkündet. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag fanden auf Wunsch des Volkes weitere Ansprachen und Aktionen statt. Spätestens nach dem Eintreffen des Gaus München wurde es dem wenige Meter entfernten Fallobst unterdessen so mulmig, dass es in Panik gegen seinen Vorsitzenden meuterte, um ihn kurze Zeit später, einer Herde verängstigter Schäflein gleich, erneut als Bandenchef haben zu wollten. Dieses Verhalten ist wohl als Synthese aus der Einsicht zu werten, dass A: nichts Besseres nachkommt, und B: es nicht mehr schlimmer kommen kann.


Alternative Führungsangebote, welche als Geste des Mitleids von verschiedenen, teils hochrangigen FDÄ-Funktionären unterbreitet wurden, schlug man leichtfertig in den Wind. Selbst schuld! Mt einer legendären Kombination aus Propagandarede und Volkssport ging es nun weiter. Die komplette Bamberger Innenstadt sollte an diesem Wochenende Zeuge der Aktionen der FDÄ werden, die Straßen waren fest in der Hand der Apfelfront! Fesche Schwarzhemden, wohin das Auge auch blickte. Die bereits in der Nürnberger Maischlacht erprobten Brüller wurden, um einige neue erweitert, aus dem mittlerweile in Dienst gestellten Brülleralbum feierlich verlesen. Nicht ohne Wirkung: Gleich mehrere

der Fallobstanhänger kamen winselnd aus der Kongresshallen gekrochen und flehten auf Knien um ein Ende des Verbalterrors! Am Sonntag war es dann soweit: Nachdem Späher das NPD-Hauptquartier ausfindig machen konnten, wurde es durch einen Truppenverband aus Bambergern, Berlinern und Münchnern erfolgreich gestürmt und eingenommen. Leider war es inzwischen, ihr grausamer Ruf war der FDÄ vorausgeeilt, verlassen worden: Das braune Fallobst war feige getürmt! So konnte die FDÄ aber zumindest einen symbolischen, auf jeden Fall aber moralischen Sieg für sich verbuchen. Die Achse BambergMünchen hatte sich erneut bewährt!

Eintreffen und protokollgerechte Begrüßung des Gaus München

Treffpunkt Gabelmo

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„Aufstellung, und los!“

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Gruppenfoto für künftige Geschichtsbücher

Mit vereinten Kräften geht es weiter zum Ort des Geschehens

„Da ist es ja!“

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MEIN MANN, DER NEONAZI „Alter, du glaubst gar nicht, wer gerade bei mir in der Küche saß“, erzählte Alf aufgeregt am Telefon. „Unsere Reichsnähmaschine hat mir gerade ihren neuen Freund vorgestellt: Ein Nazi aus München“. Bei allem erprobten Umgang mit Nazis war diese Vorstellung dennoch schwer verdaulich. Hinter dem Titel ‚Reichsnähmaschine‘ verbarg sich eine Apfelfront-Aktivistin aus Südostbayern. Seit 2006 zog sie im Umfeld von München etliche Ortsgruppen hoch und war auch auf Bundesebene unserer putzigen Bewegung hochaktiv. Der Titel wurde ihr verliehen, da sie neben ihrer unermüdlichen Aktionsarbeit die halbe Apfelfront mit selbstproduzierten Armbinden versorgte. Die Geschichte wurde uns folgendermaßen zugetragen: Nazis müssen in München 2008 recht aktiv gewesen sein, sie veranstalteten fast wöchentlich kleine Demonstrationen. In einer herausragenden Ausdauer des antifaschistischen Protests standen den Nazis jedes Mal auch Aktive aus den lokalen Apfelfront-Gruppen gegenüber. Die Personalausstattung beider Seiten muss numerisch sehr überschaubar gewesen sein; die Apfelfront fiel auf jeden Fall auf. Ein verhältnismäßig charmanter Vertreter der lokalen Naziszene meldete sich eines Tages in unserem Forum an. Er versuchte gar nicht erst zu verbergen, wer er eigentlich ist, und wurde dementsprechend gebührend vom ‚Traditionsgau Bayern‘ empfangen. Es gab ein paar satirische Wortwechsel, seine Aktivität in unserem Forum schlief schnell ein. Aus der Ferne sah es zumindest so aus, als wäre die Geschichte damit beendet. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne wurden Kontaktdaten ausgetauscht. Da man sich sowieso Woche für Woche und getrennt durch eine Polizeikette gegenüberstand, könnte man sich ja auch auf andere Art und Weise politisch auseinandernehmen. Unsere Reichsnähmaschine und das Nazi-U-Boot aus dem Forum trafen sich anschließend, um sich mal richtig die Meinung zu sagen. Und so kam, was kommen musste, wenn zwei junge Menschen leidenschaftlich hitzige politische Debatten über Stunden führen: Sie verliebten sich und wurden ein Paar. Wir fragten uns, wie zur Hölle das eigentlich funktioniert. Worüber redeten die beiden? Konnte man sich tatsächlich so Hals über Kopf verlieben, dass so fundamental unterschiedliche Weltbilder irrelevant werden? Und wie reagierte das Umfeld? Zumindest letztere Frage wurde sehr schnell beantwortet. Und zwar schneller, als es den beiden lieb war. Nicht nur wir fragten uns, wie das Ganze eigentlich funktioniert. Auch bei den Kameraden des JN-Kaders provozierte diese Verbindung viele Fragezeichen im Kopf. Im Gegensatz zu uns waren sie aber weniger an den beziehungstheoretischen Implikationen interessiert. Ihr Vorwurf stand schnell fest. Die Anklage lautete: Hochverrat. Beide beendeten für ihre Beziehung ihr politisches Engagement. Unsere Reichsnähmaschine ließ ihren freiwilligen ‚Ausstieg‘ über unser Forum verlautbaren. Wir waren bedrückt über den Verlust einer hochaktiven Mitkämpferin, an deren antifaschistischer Einstellung im Übrigen zu keinem Zeitpunkt Zweifel bestand (bis heute nicht), und wünschten ihr für ihren weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute. Auch wenn wir uns natürlich fragten, ob so ein Abbruch tatsächlich nötig gewesen wäre. Diese Frage klärte sich sofort, als ihre Geschichte auf einer bekannten Nazi-Seite

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verhandelt wurde. Eine prominente Kommunikationsplattform der Naziszene zu der Zeit war das Thiazi-Forum, das sich im Untertitel als „Gemanische Weltnetzgemeinschaft“ bezeichnet. Am 08. Dezember 2008 eröffnete ein ‚Northman‘ den Thread Aussteiger aus München. Er schrieb: Wie Ihr bereits wissen werdet, hat sich der Ex-Nationalist „Mike Nwaiser“ gegen den Nationalen Widerstand und gegen jeden, der sich für unsere geliebte Heimat einsetzt, gerichtet. Obwohl er knappe vier Jahre aktiv war, hat er sich ohne mit der Wimper zu zucken für eine Liebesbeziehung mit dem Feind und somit gegen all seine ehemaligen Kameraden entschieden. Die Antifaschistin und Deutschlandhasserin Melanie Wübbenhorst hat in den vergangenen Monaten stets und mit einer gar bizarren Motivation versucht, Fuß in den Reihen des Nationalen Widerstandes zu fassen. Hierbei waren ihr alle Mittel und Wege recht. Wie sich jetzt herausstellte, lag ihr Fokus dabei auf alleinstehenden Aktivisten, welche sie gezielt und unter Ausnutzung von emotionalen Schwachpunkten anschrieb, um jenen Personen ein zwischenmenschliches Interesse vorzugaukeln. Mit dem Engagement einer bolschewistischen Kommissarin kroch sie durch alle Foren und versuchte dort, sich selbst und die Gefühle anderer für ihre groteske antifaschistische Arbeit einzusetzen. Normal könnte man meinen, daß diese widerwertige Vorgehensweise maximal ein müdes Lächeln und eine aufheiternde Geschichte für den nächsten Stammtisch hervorbringt, zumal sie versuchte, viele gefestigte und erfahrene Kameraden in ihr Spiel einzubeziehen. Dies führte aber meist dazu, daß es nicht über eine weltanschauliche Diskussion hinausging. So könnte man meinen, daß von diesem Subjekt und ähnlichen Elementen keinerlei Gefahr ausgehen darf, wenn es da nicht Personen gäbe, welche unseren mit Herzblut geführten, Kampf in Sekundenbruchteilen in den Schmutz ziehen. Ohne zu überlegen zerstören diese Personen das Vertrauen, welches man ihnen schenkte, nur um ihre tierischen Triebe kostengünstig auszuleben. Ihr werdet Euch nun fragen, welch‘ aktueller Vorfall dieses Informationsschreiben überhaupt erst nötig macht. Den gefährlichen Verlockungen dieser minderwertigen Antifaschistin erlag nun aktuell die Person „Mike Nwaiser“. Mit Lügen und nicht eingehaltenen Absprachen täuschte „Mike Nwaiser“ uns über Wochen, um sich selbst einen Freiraum für sein Treiben zu erkaufen. Dabei vernichtete er nicht nur sein eigenes Schaffen, welches sich zum heutigen Zeitpunkt als eine wert- und zukunftslose Tatsache entpuppte, sondern brachte auch wissentlich und fahrlässig all die in Gefahr, welche offiziell zu seinem Umfeld zählten. Dies gipfelte während der NPD-Weihnachtsfeier in München am 05. Dezember 2008 in seiner Äußerung, daß eben o.g. Antifa-Aktivistin nicht nur auf dem Weg nach München sei, sondern er ihren zur antifaschistischen Waffe gewordenen Körper in die Wohngemeinschaft guter Kameraden einlassen wird, in der „Mike Nwaiser“ (noch) Untermieter ist. Geschockt von dieser dreisten und normal unglaublichen Mitteilung, mußten wir uns erstmal sammeln und fuhren entschlossen zu eben jener Wohnung, um „Mike Nwaiser“, welcher die Veranstaltung vorzeitig verlassen hatte, zur finalen Rede zu stellen.

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Hoffnungen, da wir bis zur letzten Sekunde noch an einen üblen Scherz geglaubt haben, wurden in dem Moment in unzählige Fragmente zerrissen, als wir den Feind Melanie Wübbenhorst inmitten ihrer ekelerregenden Antifa-Arbeit vorgefunden haben. Sofort zogen wir „Mike Nwaiser“ aus dem Bett und stellten ihn im Nebenzimmer zur Rede. Dabei offenbarten sich uns weitere schäbige Abgründe. „Mike Nwaiser“ gestand, daß es sich hierbei nicht nur um die billige Befriedigung seiner Triebe handelte, sondern daß sich ihr perfider Plan bereits in seiner nebulösen Gedankenwelt manifestiert hat. So glaubt „Mike Nwaiser“ allen Ernstes, daß er diese rote Gefahr bereits am 17. Januar 2009 ehelichen und sich mit ihr in kurzen Abständen vermehren kann, ohne dabei auf den vehementen Widerstand vieler nationaler Aktivisten zu stoßen. „Nwaiser“ unterstrich dabei, daß eben jene Heirat bereits standesamtlich fixiert sowie die Trauringe erworben wurden. Auch schilderte er uns, daß er vor wenigen Tagen den Rückweg von einer Familienfeier dazu mißbrauchte, um sich mit dem führenden Antifaschisten, Gewalttäter und Begründer der „Apfelfront“ Alf Thum bei Kaffee und Kuchen in der Leipziger Brutstätte seiner kranken und deutschlandfeindlichen Ideen zu treffen. Als selbstverständlich sah er es an, seine neue Genossin seiner Familie vorzustellen sowie mit ihr einen der größten Feinde Deutschlands zu besuchen. Ganz nebenbei erwähnte „Nwaiser“ dabei, daß er persönlich auf das Angebot Thums eingehen wolle, an einer öffentlichen Podiumsdiskussion gemeinsam mit den schlimmsten linken Demagogen teilzunehmen. Hier zeigt sich auch eine maßlose Naivität von Seiten „Nwaisers“, als er uns zu überzeugen versuchte, daß man Nationalisten hier eine Plattform und Gehör schenken wolle. Auch fabulierte „Mike Nwaiser“ ständig vom angeblichen Austritt seiner „Verlobten“, welcher zu keiner Zeit bewiesen wurde - im Gegenteil, erst kürzlich trat Melanie Wübbenhorst als engagierte Gegendemonstrantin auf dem erfolgreichen Münchner Heldengedenken in Erscheinung und verteilte eifrig Flugblätter (auf dem ihr Impressum prangerte [sic!]), welche das Ansehen deutscher Soldaten diffamierte. Auf diese dreiste Ausstiegslüge hingewiesen, fand „Nwaiser“ keinerlei Erklärungen. Eine allerletzte Chance, sich für Deutschland zu entscheiden und den volkszersetzenden Feind aus dem Bett, aus der Wohnung und wenn möglich sogar aus dem Land zu verjagen, lehnte Herr „Nwaiser“ ohne mit der Wimper zu zucken ab. Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, schlossen wir – von den Freien Nationalisten München – „Nwaiser“ aus der Gruppe, aus der Kampfgemeinschaft und unserem privaten und sozialen Umfeld aus. Das Mietverhältnis der o.g. nationalen Wohngemeinschaft endet zum baldmöglichsten Termin, wobei die Mitbewohner nicht nur auf die gesetzliche Kündigungsfrist bestehen, sondern ihm nahelegen, das Zimmer sowie unsere Heimat besser heute als morgen zu verlassen. Wir raten Euch und allen anderen Kameraden dazu, jeglichen Kontakt mit „Mike Nwaiser“ zu meiden. Er verstand es mit Bravour seine engsten, ehemaligen Mitstreiter arglistig zu täuschen und so wird er auch keine Hemmungen zeigen, dies bei Euch zu versuchen. Die Freien Nationalisten München distanzieren sich aufs Schärfste von solchen Personen und werden unvermindert den Kampf um unser heiliges Vaterland fortsetzen.

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Meine Damen und Herren, das ist er, der ‚Nationale Widerstand‘. So ticken Nazis. Kein Wunder, dass sie politisch nichts auf die Reihe kriegen. Von ‚germanischer Kameradschaft‘ keine Spur. Stattdessen wird dem armen Typen allen Ernstes nahegelegt, nicht nur seine WG, sondern auch „unsere Heimat besser heute als morgen zu verlassen“. Die ersten Reaktionen auf diesen Beitrag fielen recht verhalten aus. Ein paar User zeigten sogar Verständnis. Es folgte ein weiterer Eintrag: Zusatzinfo: Mike Nwaiser wurde in Berlin-Kreuzberg geboren und entstammt einer Mischlingbeziehung mit palästinenischem Hintergrund. Beim Diebstahl über mehr als 1800€ aus der JN Bayern-Kasse war er ebenfalls beteiligt. Man hatte es also schon immer gewusst! Irgendwann meldete sich der vermeintliche Verräter selbst zu Wort: Ich möchte mich nun zu den Vorwürfen die gegen mich erhoben werden äußern. Als erstes, ich war, ich bin und ich werde immer nationaler Sozialist bleiben. Nur weil man eine Liebe gefunden hat, die persönlich eine andere Weltanschauung vertritt, ändert man seine Meinung dadurch nicht. 1. Ja, sie war bis vor kurzem antifaschistisch sehr aktiv, aber sie hat mir versichert, aus allen antifaschistischen Gruppen auszutreten. 2. Ja, ich war bei Alf Thum (Chef der Apfelfront). Ich persönlich vertrete die Auffassung das man mit allen politischen Feinden reden sollte, um sie dadurch besser verstehen und im Nachhinein besser bekämpfen zu können. Wir haben bei ihm rund vier Stunden über Ideologie, Inhalt und Ziele des NS geredet und ich hab versucht, seine Beweggründe herauszufinden, wieso er gegen Nationalismus und Volk ist. 3. In unserer Beziehung wurde nie über Struktur und Interna der Gegengruppe geredet. Weder Anzahl irgendwelcher Gruppen, Namen von Gruppen oder Personen wurden vollkommen bei unseren Gesprächen verbannt. Niemals würde ich Kameradinnen oder Kameraden verraten! Ich habe mich nicht gegen die Politik entschieden, sondern nur für die Frau, die ich über alles in der Welt liebe. Ich wünschte, man hätte dies zusammen vereinbaren können, da mir der Schritt aus der Politik in keinster Weise leicht gefallen ist. Die Reaktionen, die jetzt über mich und meine alte Kameradschaft FNM hineinbrechen, habe ich leider vollkommen unterschätzt und ich muss mich deswegen bei allen Kameradinnen und Kameraden zutiefst entschuldigen. Denkt man sich den Nazi-Kram weg, erweckt dieser Beitrag sogar etwas Mitleid: Ein junger Mensch steht geläutert vor seinen Richtern und versucht, seine Liebe zu verteidigen. Aber natürlich konnte er die ‚Zusatzinfo‘ von oben nicht einfach stehen lassen. Aus unerfindlichen Gründen sah er sich gezwungen, über seine genetische Herkunft zu fabulieren und schrieb:

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1. Bin ich nicht in Kreuzberg geboren, sondern in Brandenburg (ehem, DDR). 2. Selbst nach dem NS Rassegesetzen wäre [ich] Volldeutscher, da ich nur 1/4 Nichtdeutscher bin. 3. Wurde kein JN-Geld veruntreut. Durch nicht bekannte Satzungsinhalte war ich nicht befügt, Geld aus der Kasse für pol. Aktionen zu verwenden. Totzdem wurde jeder Euro zurückgezahlt. Auch wenn es euch vielleicht egal ist. In meinem Herz schlägt Deutschland und ich werde diese Liebe niemals verraten. Wir verfolgten die Debatte und stellten abschließend selbst eine ausführliche Erklärung in das Nazi-Forum, die abschließend an dieser Stelle dokumentiert werden soll:

ERKLAERUNG

DES FÜHRERS DER FDÄ ZU DEN VORKOMMNISSEN IN MÜNCHEN

Die Front Deutscher Äpfel wünscht sich starke Gegner! Depesche aus der Kanzlei des Führers, 9. Dezember, Leipzig Mit Missvergnügen nehmen Wir die internen Kämpfe im Bereich der Autonomen Nationalisten Münchens zur Kenntnis, in der auch der unbefleckte Name unserer Bewegung genannt wird. Offenkundig wegen Uns wird ein junges politisches Talent der nationalen Denkungsart – nennen wir es Mike – mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt. Es könnte uns völlig gleichgültig sein. Aber nun hat ausgerechnet eine Protagonistin unserer Bewegung, – nennen wir sie Melanie – ein echtes Auge auf dieses Jungtalent geworfen; und er hat zurückgeworfen. Die FDÄ fürchtet nix und niemanden, trotzt allen Widrigkeiten des stürmischen Geschicks und kapituliert nur vor einer einzigen Kraft: der Liebe. Es gehört zum Wesen unserer Haltung, einen strikten Unterschied zwischen der Privatsphäre und der politischen Existenz zu machen. Inquisitorische Schnüffeleien bis hinein ins Schlafzimmer sind uns total fremd, sie kommen uns sogar undeutsch vor. Aber diese Liebe war der Anlass der Eskalation im rechten Lager. Tiefe Gefühle bewegen uns in diesen Tagen. Mit großem Bedauern wird unser Führer dem persönlichen Wunsch der Kameradin Wübbenhorst entsprechen und er entbindet sie hiermit von allen Pflichten, die sie bisher in erstklassiger Weise ausgefüllt hat. Den Führer und die ganze Bewegung befällt Trauer, eine der altgedientesten, tapfersten und kreativsten Kämpferinnen verloren zu haben. Auch wir müssen immer wieder Opfer bringen! Wir danken Melanie für Ihr Engagement, Schreib-, Steh- und Nähvermögen und wünschen Ihr und Ihrer Liebe alles nur erdenklich Gute und möge das Paar in eine lichtere Zukunft ziehen. Natürlich fühlen wir uns auch ein wenig geschmeichelt, denn offenkundig verfügt die FDÄ über rasant attraktive Mitglieder, ob nun mit oder ohne Glied! Es bewegt uns auch das blanke Entsetzen über die mentale Verfassung unserer Gegenüber. Die FDÄ wünscht sich starke Gegner, gegen die zu argumentieren, agitieren und demonstrieren sich lohnt! Mit Stärke ist gemeint: Disziplin, Haltung,

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Integrität, aber auch Augenmaß und ein Hauch Humor. Selbstverständlich sollte Verstand nicht fehlen. Was aber müssen wir sehen: sexualneurotische Motive, Paranoia, Rassenwahn, maßlose politische Selbstüberschätzung, eitle Gehässigkeit - kurzum absolute Charakterlosigkeit der Verfasser der Erklärung der Freien Nationalisten München sowie der vielen Kommentatoren im germanischen Forum. Als erstes gilt es eine Lagebestimmung zu machen: Wer ist mein Feind und wer sind seine Feinde? Warum ist der Feind, Feind und warum können seine Feinde meine Freunde sein? Wir wenden uns direkt an die Freunde des nationalen Lagers und wollen ihnen einmal ein paar väterliche Ratschläge ins Stammbuch schreiben: Wir haben nun seit über 20 Jahren die Gelegenheit, die unterhaltsamen Gehversuche des rechten Rands beobachten zu dürfen. Auch ergaben sich über die Jahre auch immer wieder persönliche Kontakte zu Protagonisten. Uns ist z.B. noch gut die Kühnen-Homo-Debatte erinnerlich. Ihr habt eine ganz großartige neurotische Begabung, aus sexuellen privaten Vorlieben immer einen Skandal zu machen und Eure besten Talente zu köpfen. Befragt mal den Worch, der kann Euch da mit ein paar Erinnerungen gewiss weiterhelfen. Und dann immer diese Paranoia! Glaubtet Ihr wirklich, dass sich unsere Bewegung für Eure Daten interessiert? Haben wir nicht ausreichend deutlich gemacht, dass Hausbesuch-Antifa-Militanz-Style wider unseren Geschmack ist? Glaubtet Ihr wirklich, es krabbelt jemand zu Herrn NwAiser ins Bett oder man sitzt mit ihm in der Küche, um ihn auszuhorchen? Gähn, das sind ja Zustände wie in der ultralinken Szene, die fühlen sich auch dauernd abgehört und hausdurchsucht. In Euren Hirnen dreht sich ein aparter Zirkel: man hält sich selbst für so wahnsinnig wichtig, dass man wähnt, alle seien hinter einem her. Und weil man so wichtig ist, müssen auch die Verfolger wichtig sein. Denn wären die Verfolger völlig unwichtig, womöglich gar keine Verfolger, dann wäre man ja gar nicht wichtig. Aber natürlich bedankt sich die Apfelfront herzlich für die Zuschreibungen und kann nur unterstreichen, Recht habt ihr. Nur weiter so! […] Die FDÄ braucht starke Gegner, daher fordern wir Euch ultimativ auf: REISST EUCH GEFÄLLIGST ZUSAMMEN, SONST DEMONSTRIEREN WIR NIE WIEDER GEGEN EUCH!!! PS: Der Führer wünscht dem Paar nochmals alles Gute und lässt an Herrn Nwaiser ausrichten, dass er zwar einen veritablen politischen Hau habe, aber immerhin Charakter. Respekt.

Zusammengestellt von Max Upravitelev

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21. JULI 2007 Nazis als Hauptgegner der Apfelfront brachen in Leipzig und Sachsen reihenweise weg. Im Sommer 2007 fand außerdem der G8-Gipfel in Heiligendamm statt und wurde von zahlreichen Protesten begleitet. Bereits im Vorfeld gab es in Leipzig allerlei Demonstrationsanlässe. Es gab Berichte über Hausdurchsuchungen in Hamburg, die ganze linke Szene stand unter Generalverdacht. Wir verlagerten unser Interesse auf diese Vorgänge, zogen thematisch weiter. Der letzte Auftritt von Christian Worch in Leipzig versprach außerdem, ein totaler Reinfall zu werden. Die sächsischen Nazis schrieben ihr gemeinsames Versagen vollständig Worch zu und ließen ihn aufl aufen. Ein Auszug aus interner Nazikommunikation, der von der Datenantifa ans Licht geholt wurde, kündigte einen Hinterhalt an: „Worch soll seine Fresse halten. Der Wessi kann nichts und ist nichts, aber will uns erklären, wie das hier gehen soll. Worch wird auf die Fresse fallen, von unseren Kameraden fährt niemand.“ Und tatsächlich: Sage und schreibe 37 Kameraden konnte der einst berüchtigte Nazikader Christian Worch an einem trostlosen Bahnhofshäuschen in Leipzig-Stötteritz zusammentrommeln. Als Reaktion auf diesen Rückschlag gab Worch Leipzig endgültig auf. Eine herbe Niederlage, von der er sich nie wieder erholen sollte. Jedenfalls blieb er Leipzig seit dieser peinlichen Blamage fern.

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WRAITH'S CHRONIC. EINE GESCHICHTE ÜBER FORTWÄHRENDES VERSAGEN UND PEINLICHE PLEITEN Fernando Wawerek

Wer war dieses Gespenst, von dem im schönen Nationalen Sozialismus für das deutsche Volk zu Städtchen Leipzig nur ein unhörbares Echo der erkämpfen. Sie orientierten sich am Vorbild der Vergangenheit bleibt? Keine trüben Schwa- paramilitärischen Sturmabteilung SA der NSDden von Dampf und Rauch lassen mehr darauf AP und waren durch ihre Bereitschaft (zuminschließen, dass es diesen Ort einst mit dem dest notfalls) zum bewaffneten Kampf auf der großen Vorhaben heimsuchte, sich innerhalb Straße anzutreten, gekennzeichnet. Meist für der Mauern der Stadt eine Bastion zu erobern, Verbrechen im Bereich ihrer Propaganda nahm von der aus es seinen Spuk in alle umgebenden Worch, wie in seinem Umfeld üblich, mehrLande kreischen könnte. fach und teilweise mehrjährige Haftstrafen Christian Worch ist, wie uns bereits ein in Kauf: 1980 wanderte er so für drei Jahre in flüchtiger Blick auf seinen Werdegang verrät, den Knast. Die Aktionsfront Nationaler Soziaein recht übler Zeitgenosse. Er hat seine bes- listen wurde wenig später ebenfalls verboten, ten Jahre hinter sich und geht, der Jüngste ist sodass sich das ehemalige Führungsgespann er eben auch nicht mehr, schweren Schrittes auf einigen Nachfolgeorganisationen zuwandte. seinen Sechzigsten zu. Er lebt heute einsam und Das ging bis 1996 ganz gut: Kühnen starb in zurückgezogen im Nirgendwo des ländlichen dieser Zeit, Worch wurde alleiniger Anführer Mecklenburg-Vorpommerns. der ‚Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front‘ Seiner Biografie fehlt es nicht an gewisser wie auch der Nationalen Liste und entwickelte Dramatik, und einen Tiefpunkt seines – wenn prototypisch die auf den politischen Gegner auch nicht ausschließlich, wohl aber von vielen fixierte Anti-Antifa-Arbeit. Anschließend ging Rückschlägen gezeichneten – Lebens, erlebte es für ihn erstmal wieder in Haft, diesmal für er auch im Angesicht der Front Deutscher Äp- das Verletzen des Verbotes der Aktionsfront fel. In deren Gründungsort und seinem Erobe- Nationaler Sozialisten durch den Bundesinrungstraum Leipzig, welches ihn und diese von nenminister vom 24. November 1984. In jener Beginn an zu einer schicksalhaften Feindschaft Zeit, in der viele Neonaziorganisationen von verbunden hatte. Verboten betroffen waren und ihre Mitglieder Wollen wir wissen, wer Worch wirklich war, für Ermittlungsbehörden und Gerichte greifbar dann sollten wir einen Blick auf seine bereits sein mussten, stimmte Worch die Szene auf das erwähnten besten Jahre werfen. Zu großer Be- Prinzip der Freien Kameradschaften ein. Lose rühmtheit gelangte Christian Worch als einer Zusammenhänge statt vereinsähnlicher Verbünder wichtigsten Vordenker und -reiter in der de sollten die neue Grundlage für die nationalOrganisation der militanten neonazistischen sozialistische Bewegung werden. Man beugte Bewegung. Er selbst stammt aus Hamburg, wo sich den Lehren der Vergangenheit und gab auch seine Aktivitäten in der zweiten Hälfte der strikte Organisationsformen auf, um dem Zu1970er ihren Anfang nahmen. Dass er im Umfeld griff des Rechtsstaates in Zukunft zu entgehen. Michael Kühnens als Mitglied in dessen HanIm Westen der Bundesrepublik war dies Mitte sa-Bande, wie auch in der später gegründeten der Neunziger stellenweise nur schwer durch die Aktionsfront Nationaler Sozialisten, aktiv war, zum Teil gut in der Szene etablierten Parteien zeigt, dass wir es mit einem zu tun haben, der NPD und DVU möglich. Der Osten hingegen bot es von Anfang an gänzlich und mit allen Kon- genügend bereitwillige, perspektivlose und sequenzen ernst gemeint hat. All jene Organi- entsprechend eingestellte junge Männer, die sationen bekannten sich klar zu dem Ziel, den scheinbar nur auf solch einen Startschuss für

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den am Gesamtziel orientierten, organisierten Was dann geschah und all dem ein jähes Ende Kampf gewartet hatten. Und natürlich auf je- setzte, ist bei aller Verwunderlichkeit etwas manden, der sagen kann, wie und wo es lang bekanntermaßen szenetypisches: Sie sind zerzu gehen hat. Für Worchs Konzept war dieser stritten. Interne Querelen und Machtkämpfe unbearbeitete Acker das perfekte Feld. Die Ka- stehen an Beginn und Ende einer jeden Ära der meradschaftsszene blühte in den neuen Bun- deutschnationalen Bewegungen. Es wird intridesländern, die Freien Zusammenhänge waren giert und abgesägt. So widerfuhr es auch Herrn hier ein Erfolg auf ganzer Linie. Worch, welcher es sich anscheinend mit den loZur aktiven Szene gehören – so scheint es kal ansässigen Freien Kräften verscherzt hatte. zumindest bisher immer gewesen zu sein – gro- Wahrscheinlich hatten sie genug vom westdeutße Aufmärsche. Auch dafür hatte Worch schon schen Wort- und Befehlsführer, der sie auf stets einen Plan: Großereignisse in der Reichsmes- aussichtslose Marschrouten schickte. Die Kamesestadt – Leipzig. Diese sollte am Tag der Ar- raden lehnten es ab, sich in dieser festgefahrebeit sowie am Einheitsfeiertag Anlaufpunkt für nen Situation weiter von Worch führen zu lassen, bundesweit alle Kameraden werden. Am 1. Mai denn das bedeutete für sie, sich auf der Straße 2001 sollte das erste Mal gezeigt werden, wem wie auch im Politischen immer wieder in die Beder Osten gehört. Ein Aufmarsch, beginnend in wegungsunfähigkeit manövrieren zu lassen. Sie der Leipziger Innenstadt, am Völkerschlacht- entschlossen sich folglich, die alten Strategien denkmal vorbei und zum Zielpunkt im linken zu verwerfen und Worch einfach fallen zu lasLeipziger Connewitz. Es folgten gesamt 17 De- sen. Das Motto für die Demonstrationstätigkeit monstrationen. Begleitet von einer gegen sie der hier Ansässigen sollte von nun an lauten: arbeitenden Stadtverwaltung, überwacht von ‚Sportlich spontan statt stetig stockend!‘ widerständigen Bürgern und mit Blockaden und Die Kameraden aus Ostsachsen organisierBarrikaden konfrontiert, erreichte keine ihr Ziel. ten nun still und heimlich einen Boykott der Im Zuge dieser Demonstrationen feierte nächsten Demo, in dessen Folge Worch mit auch die zu dieser Zeit noch in Gründung und sage und schreibe 37 Teilnehmern den Leipziger Aufbau befindliche Front Deutscher Äpfel ihre Südosten durchwanderte. So der Lächerlichkeit ersten öffentlichen Auftritte. Worch seiner- preisgegeben, warf er das Handtuch. Als einstiseits erklärte sich sogar zu Gesprächen mit die- ger Anführer der organisierten, gewaltbereiten ser bereit – ein Versprechen, welches er viele Neonazigruppierungen musste er nun versteJahre später tatsächlich einlösen sollte.Das hen, dass es im Osten wohl ohne ihn laufen müsalles geschah zu einem Zeitpunkt, an dem sich se und er hier unerwünscht sei. Danach begann jeder bereits fragte, wann ihm denn der Atem Worch einen weitergehenden Rückzug aus der ausgehen würde. Es war bereits 2005, Erfolge Öffentlichkeit, der, wie eingangs erwähnt, nun für Worchs Bestrebungen waren sein Ende in der mecklenburgischen Provinz geLesen! BRIMBORIA aber noch nicht absehbar, trotz funden hat. Gelegentliche Lebenszeichen, die Institut: Ein Abend Ohne des bereits zehnten Versuchs. sogar in der Gründung einer Partei Die Rechte Christian Worch, ab Er plante bereits Jahrzehnte münden konnten, kann bei jeglichem guten Seite 154 in diesem Band voraus, hatte vorsorglich bis Willen keiner ernst nehmen. Abschließend lässt 2014 seine Demonstrationstermine im Kalen- sich wohl sagen, dass der einstigen Berühmtder des Ordnungsamtes eintragen lassen und heit Worch nur noch die Erfolge in der Verganschien trotz all der desaströsen – regnerischen genheit der Bewegung bleiben und vielleicht wie sonnigen – Tage jedes Mal aufs Neue zuver- sein Nutzen, den er als – hoffen wir es nicht sichtlich. Woher er diese Zuversicht nahm, kann – noch gut gerüsteter Geldgeber erfüllen kann. kaum beurteilt werden, doch er hatte sich ihren Bestand, allen äußeren Widrigkeiten zum Trotz, immer noch erhalten können.

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06. OKTOBER 2007 Eine Karte in unserem Büro zeigte das Ausmaß der Ausbreitung: Über 30 bunte Punkte waren über die Fläche der Bundesrepublik und sogar in Polen und Österreich verteilt. Sie repräsentierten Ortsgruppen der Front Deutscher Äpfel, unter anderem: Nordgau Schleswig-Holstein, Gau Franken, Gau Thüringen, Streuobstwiesen Niedersachsen-Bremen, Gau Sachsen-Anhalt, Reichsalkmenengau Mark Brandenburg, Gau Baden - FDÄ SSS. Die Super-Süssen-Süd, Boskopistischer Traditionsgau Bayern, Apfelplantagen NRW, Gau Berlin, Mostgau Großhessen, Gau Erfurt, Wien und Warschau. Diese willkürliche Aufzählung ist nur eine kleine Auswahl der Apfel frontOrtsgruppen, die über die Jahre unter der boskopistischen Fahne aktiv geworden sind. Beinahe täglich erreichten uns Anfragen, ob man nicht Mitglied werden könne. Wir kamen selbst mit der Beantwortung von Presse- und Workshopanfragen kaum hinterher und verwiesen die Neuankömmlinge, wenn überhaupt, auf unser Forum, im Apfelfrontsprech auch als ‚Brett‘ bekannt. Zu Hochzeiten waren dort hunderte von jungen Menschen aktiv, die sich rege über die Apfelfront, andere Aktionsformate und Nazistrukturen austauschten. Die Leipziger Apfelfront stellte dieses Kommunikationstool zwar bereit, nutzte es aber nur sehr sporadisch für zentrale Ankündigungen. Von Zeit und Zeit begaben wir uns in die Recherche und sammelten die aktiven ‚Gaue‘, durchforsteten das Forum und StudiVZ-Gruppen, bauten Mailverteiler auf. Jedes Mal aufs Neue vom Zuwachs überrascht, klebten wir weitere bunte Punkte auf unsere Landkarte. Diese Rechercheausflüge befriedigten aber eher unsere Neugier als das Bedürfnis, die Bewegung in irgendeiner Weise zu bündeln. Stattdessen gaben wir unentwegt den Aufruf zur Selbstermächtigung aus: Wer Bock hatte, etwas mit unserem Label anzustellen, war herzlich dazu aufgefordert, es zu tun. Die Apfelfront sollte stets nur nach außen hin eine Struktur vorgeben; nach innen galt es jeden Anflug einer Hierarchisierung zu vermeiden. Das Prinzip der Selbstermächtigung funktionierte prima. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatten wir plötzlich hunderte Mitglieder. In Anlehnung an die Bezirke des nationalsozialistischen Deutschland bezeichneten sich die meisten Ortsgruppen als ‚Gaue‘. Zu einigen Ortsgruppen wie Greifswald, Bayern oder Franken bestanden sehr gute Kontakte, wir informierten uns gegenseitig über anstehende Aktionen und Ideen. Die meisten anderen Ortsgruppen waren uns jedoch unbekannt. Nach Photos zu urteilen waren sie zwar ausgesprochen freundlich und schienen verstanden zu haben, worum es geht. Zeitgleich häuften sich aber auch Anfragen auf Mitgliedschaft von Menschen, deren politische Ausrichtung uns nicht ersichtlich war. Jede Mail schien darauf zu bestehen,

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uns unbedingt mit „Heil Boskop!“ anzusprechen. Wer sich dahinter verbarg, war nicht zu erkennen. Mit entsprechend gemischten Gefühlen sahen wir dem Gautreffen entgegen, als sich herauskristallisierte, dass tatsächlich über 60 Menschen zwischen 18 und 40 Jahren ihre Teilnahme ankündigten. Uns war klar: Das Treffen kann nur als ein erstes Kennenlernen verstanden werden. So verbrachten wir den Tag mit Produktion von Filmmaterial, Diskussionsrunden und viel Bier.

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Der nationale Gau-Knigge 2007 Anleitung zur Errichtung eines Gaus im Sinne des Führers Im Folgenden befi nden sich die Anforderungen an die Gründung und den Betrieb eines Gaues:

1. Es herrscht das absolute Führerprinzip. Immer.

2. An oberster Stelle steht der Führer selbst. Ihm untersteht die gesamte Organisation, unmittelbar jedoch seine Minister und sein Generalstab. Die Gaue unterstehen dem Generalstab.

3. In den Gauen bestimmen die Gauleiter. Jeder Gauleiter benennt einen Adjutanten. Zu zweit bilden sie den festen Boden, auf dem ihr Gau gedeihen wird.

4. Das Auftreten des Individuums in der Gemeinschaft ist stets gepflegt und elegant. Im vorzugsweise schwarzen und notwendigerweise dunklen Anzug wird die Armbinde am linken Arm getragen. Angriffe auf die körperliche Unversehrtheit anderer Menschen können der Organisation niemals dienlich sein. Das gilt insbesondere für Aufeinandertreffen der Organisation mit ideologisch versprengten Schäfchen. Der Körper ist Spiegel der Gesinnung. Deshalb: Immer Haltung bewahren! Die Gemeinschaft marschiert geordnet in Reih und Glied.

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5. Kommunikation ist das Alpha und das Omega. Auf dem Wege der elektronischen Post kann sie permanent gewährleistet werden.

6. Über geplante Aktivitäten in den Gauen wird das Führerhauptquartier im Optimalfall bereits im Vorfeld unterrichtet. Im Nachhinein muss schnellstmöglich Bericht erstattet werden, damit der Führer ein Gesamtbild seiner Bewegung hat. Siehe dazu „5.“

7. Spenden in Form von Armbinden, Bannern oder anderer Essenzen für unsere Sache sind ausdrücklich erwünscht. Natürlich nutzen wir die propagandistischen Plattformen, die uns andere bieten, für die Ansichten oder den Nutzen Dritter lassen wir uns aber niemals vereinnahmen. Wir agieren unabhängig.

8. Die Reichsexekution droht jedem Gau, dessen Bestreben dem Führer nicht behagt.

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DAS ERSTE GAUTREFFEN Muttergau Leipzig und Tom Rodig

Die rasante Verbreitung von Apfelfront-Ortsgruppen im gesamten Bundesgebiet offenbarte den Vorzug einer Gegenbewegung: Gegen etwas Bestimmtes zu sein spricht weitaus mehr Zielgruppen an, als für etwas zu sein. Der Vorteil einer Gegenbewegung ist ihre Bündnisfähigkeit. Über verschiedene politische Lager hinweg lassen sich Interessengemeinschaften bilden, die gemeinsam gegen etwas eintreten. Auch wenn man sich manchmal den Vorwurf anhören muss, doch auch mal etwas Produktives veranstalten zu sollen und nicht einfach nur dagegen Aufgehäufte Verwal- zu sein. Selbstverständlich ist tungsarbeit kann Sie es aber sehr wohl konstruktiv, zerstören. Planen Sie gesellschaftliche Missstände den langfristigen Einsatz zu thematisieren, unentwegt von Organisations-Tools wie Datenbanken und den Finger in Wunden zu legen Verzeichnissen. Diese und aufzuzeigen, was an dieser müssen übersichtlich Gesellschaft nicht stimmt. Der sein, damit Sie von unterschiedlichen Personen Vorwurf ist oft nur eine rhetorigenutzt werden können. sche Finte, die dazu dient, dem Verteiler gehören geführt eigentlichen Problem aus dem und stets gefüttert! Weg zu gehen. Der Nachteil einer Gegenbewegung ist ihre Kompromissanfälligkeit. Über verschiedene Lager hinweg müssen sich gemeinsame Arbeitsebenen finden und Beschlüsse formuliert werden. Verbandsarbeit eben. Das konnte und wollte die Front Deutscher Äpfel nicht leisten. Wir begrüßten die sprießenden Gaue, wussten aber auch nicht sonderlich viel mit ihnen anzufangen. Die Arbeitsweise der Leipziger Apfelfront funktionierte über Jahre hinweg erstaunlich gut. Aber es war keine Arbeitsweise, die einer bundesweit gestreuten Organisation gerecht werden konnte. Das hatten wir aber auch gar nicht vor. Es war nie unser Ziel gewesen, etwas Vergleichbares auf die Beine zu stellen. Allein schon der bürokratische Aufwand wäre überhaupt nicht unser Stil gewesen. Nein, die Front Deutscher Äpfel sollte keine Partei werden, sondern eine Bewegung bleiben.

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Diesen Gedankengang galt es während des großen Gautreffens zu vermitteln. Für diesen Zweck wurde zum einen der Gau-Knigge erstellt, der satirisch den Hauch einer Strukturierung der Apfelfront Machen Sie sich bewusst, zeigen wollte, um seine Haltung was ihr Projekt sein soll gleichzeitig während der Veran- – und was nicht! Rechnen Sie mit eventuellen staltung zu brechen. Dafür setz- Mitgliedschaftsanfragen ten wir auf kunstpädagogische und sorgen Sie frühzeitig Mittel und unternahmen allerlei für eine passende BearTruppenübungen, die filmisch beitung dieser Anfragen. festgehalten werden sollten. So sollte gezeigt werden, dass es uns vor allem um die Konstruktion eines bestimmten Bildes geht, das – auf welchem Weg auch immer – medial nach außen vermittelt wird und nicht etwa das tatsächliche Leben der Rolle.

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Von ‚Wehrsport‘ und martialischer Ästhetik Dabei kamen uns Erfahrung mit und Wissen um Inszenierungen à la Leni Riefenstahls Triumph des Willens oder Fest der Völker sehr zugute. Bilder und Einstellungen der Filme Riefenstahls gelten Machen Sie sich mit als besonders typisch für die Montagetechniken des Ästhetik des Nationalsozialis- Films vertraut! Wir empfehlen insmus. Unter anderem haben wir besondere das Werk von eine Parodie auf die ‚Kamerad, Sergej M. Eisenstein. woher stammst du?‘-Szene aus Triumph des Willens produziert (FDÄ-Kamerad M. antwortet z. B. im feinsten sächsisch: „Zwiggauw“). Eine Kameradin aus Bayern leitete eine ‚Wehrsportübung‘ an. Alf nahm eine Endlos-Parade von Apfelfrontlern ab, die, nachdem sie an der Kamera vorbei gelaufen waren, sich schnell wieder hinten anstellten und wieder und wieder am Führerdarsteller vorbeimarschierten. All dies bildete eine gute Einstimmung. Im besten jugendpädagogischen Sinne hatten wir etwas gemeinsam produziert. Danach war das Kennenlernen allerdings in ein mehr oder minder fleißiges Biertrinken übergegangen, das die Stimmung lockerte, aber auch die Temperamen-

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te beförderte. Eine ziemlich große Gruppe hatte sen, prinzipielle Fragen der Organisation und es eingeführt, bei jedem Satz, den Alf äußerte, (Nicht-)Struktur zu besprechen. Ein alle zwei ein grölendes „Richtiiig!“ zu rufen. Zunächst Minuten aufbrausendes „Richtiiig!“ war ab eilustig, wurde die permanente Wiederholung nem bestimmten Zeitpunkt nur noch störend. Wir waren auf diese Situation einfach nicht zunehmend nerviger. Für den Abend war eine Zeremonie mit anschließendem Podium ange- vorbereitet gewesen und es sei auch den gesetzt, die Zeit bis dahin wurde mit Socializing meinten Gauen zugestanden, sich von ihrer besüberbrückt. Dabei offenbarte sich eine Krux ten boskopistischen Seite zeigen zu wollen. Wie der Performance-Bewegung: Wann bleibt man ein solcher Rollenpanzer durchbrochen werden in der Rolle und wann nicht? kann und die Diskussion von Selbstinszenierung Ein Beispiel: Die jungen Leipziger der zwei- befreit werden kann, sollten wir erst später heten Generation hatten Alf immer als Schauspie- rausfinden. ler wahrgenommen, der auf Demonstrationen Abends startete der Teil des Treffens, der den Führer spielt und der demnach intern immer für die Vorstellung der einzelnen Ortsgruppen als die Person, die er war, angesprochen wird, bestimmt war. Bei konsequenter Nichteinhalnämlich als Alf. tung der vorgesehenen RedeVermutlich durch die Tatsache begründet, zeiten präsentierten die Dele- Planen Sie interne dass die Apfelfront nach außen einen autoritä- gierten der Gaue ihre Projekte, Treffen mit neuen Mitren Führerkult propagiert, glaubte ein großer gespickt mit Anekdoten und gliedern, muss ihnen klar sein, ob Sie eine perforTeil der zugereisten FDÄler, Alf sei eben auch mit Erfahrungsberichten, zeigten mative oder organisa„Führer“ anzusprechen, begriffen also das ge- ihre Projektmappen – teilweise torische Veranstaltung samte Treffen als Bühne, auf der gespielt werden ganze Ordner voll mit Material durchführen wollen. musste. Beim Dreh der Filmaufnahmen war dies (Fotos, Artikel, Plakate, etc.), auch gut und angebracht. Leider waren einige und überreichten Alf prallgefüllte Präsentkörnicht in der Lage, ihren Modus von Schauspiel be. Allenthalben waren gute Adaptionen der Urvor der Kamera auf Reden über die Apfelfront form zu sehen. Es waren Menschen, die den Spin umzuschalten. Das erschwerte den entspannten in der Sache verstanden hatten und eine formiAustausch von Erfahrungen erheblich und ließ dable Figur dabei machten. Schließlich war und bei uns den Verdacht aufkommen, dass manche ist die Präsenz von Nazis kein Phänomen, das ‚die Bewegung‘ vielleicht wirklich zu ernst nah- sich auf Sachsen beschränkt. Ob München oder men. Es war nie die Absicht gewesen, ‚Die Welle‘ Greifswald, überall marschierten Rechte auf zu reproduzieren. Das widersprach jedem eman- und ab, veranstalteten ‚Gedenkmärsche‘, Dezipatorischen Anspruch der Apfelfront. monstrationen und ‚Mahnwachen‘. Sie fochten einen ‚Kampf um die Straße‘ und die Apfelfront Verlockungen und war genau darauf eine adäquate Reaktion. Risiken der Symbole Eine Aktion von Aktiven aus einem der Natürlich ist das Spiel mit Symbolen verlo- Nord-Gaue hatte allerdings eine gewisse Grenckend: Es macht lange Zeit sehr viel Laune, sich ze überschritten: Es wurden an vorbeigehende in Obstmetaphern zu versteigen. Und sicher Passanten gelbe ‚Judensterne‘ verteilt, um waren einige noch nicht so lange dabei, dass auf einen benachbarten Nazi-Klamottenladen es sie schon langweilte, ausschweifend über aufmerksam zu machen. Es entstand eine aufden Boskop, Apfelkorn und Streuobstwiesen zu geregte Debatte über die Grenzüberschreitung witzeln. Das fanden wir auch völlig in Ordnung. dieser Aktion. Zwar waren die Initiatoren selbst Doch das Gautreffen war dafür bestimmt gewe- nicht einstimmig für das Verteilen gewesen,

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dennoch wurde es durchgezogen. Die Urheber der Aktion ruderten auch alsbald zurück und sahen ein, warum solcherlei Bezugnahme nicht der Apfelfront entsprach: Die Front Deutscher Äpfel macht sich über die Täter und die Ideologie des Nationalsozialismus lustig, aber nicht über deren Verbrechen und niemals über ihre Opfer. Nach der allgemeinen Vorstellungsrunde begann der halb performative, halb ernsthaft diskutierende Auftritt von Alf Thum und Markus Ohm, die zunächst die Anwesenden zu einem sektenhaften „Ommm“ animierten und dann auf ihren – durch flackerndes Kerzenlicht beleuchteten Plätzen – auf dem Podium sitzend verblieben. Von dort aus erzählten sie vom ‚Gründungsmythos‘ und versuchten zu erklären, vor welchem Hintergrund die Gründung geschehen war. Es wurde deutlich, dass auch innerhalb der Leipziger FDÄ Meinungsverschiedenheiten über den Fortgang der Bewegung bestanden. Wir hatten den Aufwand, mit 60 Menschen etwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen, stark unterschätzt. Auch waren die Verwerfungen, die an diesem Tag innerhalb der Apfelfront vorgegangen waren, personell sehr einschneidend. Menschen, die teilweise stark differierende Auffassungen vom Konzept der Front Deutscher Äpfel hatten, waren nun auf einem Haufen zusammengekommen und hatten sich beschnuppert. Oft mit Wohlwollen, streckenweise misstrauisch und fremdelnd. Die Idee Apfelfront hatte sich nun endgültig verselbstständigt – mit ungewissem Ausgang.

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15. MÄRZ 2008 Bereits am Morgen des 14. März starten eine Gruppe von einem Dutzend Leipziger Apfelfrontler sowie der Führer höchstpersönlich mit der Regionalbahn in Richtung Berlin. Nach einem Zwischenhalt in Dessau, der zur Anfertigung von Filmaufnahmen genutzt wird, die das Aufstellen einer Apfelfront-Fahne zeigen (im Stile der amerikanischen Soldaten auf der Pazifi kinsel Iwo-Jima während des Zweiten Weltkriegs), begeben sich die Leipziger weiter nach Berlin. Dort angekommen werden sie von einem Spiegel TV-Filmteam empfangen und begeben sich an den abgemachten Sammelpunkt: einen Jugendkeller in Berlin Mitte. Dort warten bereits 30 weitere Kameradinnen und Kameraden, die aus allen Teilen des Landes angereist sind. Letzte Absprachen erfolgen. Der Führer hält energische Reden, gibt Marschbefehle. Eine hochmotivierte Kohorte betritt am 15. März, den Iden des März, das Feld der Ehre. In diesem Fall: den Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs, mit gutem Blick auf das Kanzleramt. Schon hier herrscht eigentlich Demonstrationsverbot, der Führer hat die Gruppe (mittlerweile 80 Mitglieder) daher als ‚Klassenfahrt‘ angemeldet. Die beigestellten Beamten sind verdutzt, behindern den Zeitplan aber nur unwesentlich. Das Regierungsviertel wird abgelaufen: Kanzleramt, Reichstag und natürlich das Brandenburger Tor. Der Führer wird zeitweise auf einer hölzernen Sänfte herumgetragen und grüßt dabei freundlich das (Touristen-)Volk. Vor dem Kanzleramt wird Aufstellung genommen und auf und ab gehüpft. Der Apfelfront-Kameratrupp filmt die monumentalsten Bilder, die von der Bewegung je produziert wurden. Die Front Deutscher Äpfel hat sich einen Meilenstein ins Stammbuch gelegt. Vom ersten Gautreffen am 6. Oktober 2007 blieb eine Mischung aus Staunen und Erschrecken zurück. Die eingeschworene Leipziger Bande hatte mit den Geistern, die sie unwissentlich gerufen hatte, einen ganz unterschiedlichen Umgang gefunden. Es gab Enttäuschung ob einiger politischer Unbelehrbarkeit. Auch andere Konfl ikte, die schon lange schwelten, kamen zu Tage und wurden energisch ausgetragen. Es gab aber auch Feuer und Flammung, denn neue Gesichter hatten auch in Leipzig angefangen, die FDÄ näher kennenzulernen, den Führer in Aktion zu sehen („Ommmm“) und ein „rotziges Punkertreffen“ (Zitat Alf Thum) mitzuerleben. Man kann diese Gruppe von Menschen, die aus dem befreundeten Umfeld der Leipziger stammten, als dritte Generation bezeichnen. Wir waren angefi xt, so wie die zweite Generation vor uns. Es hatte kaum vieler Worte benötigt. Wir wollten etwas Eigenes auf die Beine stellen. Selbstermächtigung! Vor allem, weil die zweite Generation bereits ErmüdungserscheinunWenn Sie Interesse gen zeigte, prinzipielle Einwände gegen den generellen Ausbau der haben, mit einem frei Bewegung aufkamen und es zum Zerwürfnis des Führer(darsteller)s zugänglichen Aktionsformat zu experimentieren: mit einigen seiner engsten Vertrauten kam. All das hatte sich schon Machen Sie es einfach. auf dem Gautreffen abgezeichnet. Jetzt musste eine Aktion her, die die dritte Generation als würdig und witzig erweisen und ihr endlich auch den Platz in den Geschichtsbüchern sichern sollte. Denn eins war klar: Wir wollten diese eigenartige Bewegung nicht verpassen. Tom Rodig

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MARSCH AUF BERLIN Tom Rodig

Wie schon Lenin fragte: „Was tun?“ Die Ideenfindung muss mit den allwöchentlichen Projekttreffen zur Vorbereitung des Berlin 08-Festivals in Zusammenhang gestanden haben – eines Festivals für junge Politik, an dessen inhaltlichem Programm Thum und Upravitelev in unterschiedlichen Positionen arbeiteten. In dieser Zeit haben wir auch viel über Propaganda, Philosophie, Biertrinken und Marxens Kapital gelernt – und wie all das produktiv zusammengebracht werden kann. Lesen! Ich nehme an, dass das die Michael Heinrich: Kritik Leute von Anfang an im Dunstder politischen Ökonokreis der Gründermenschen der mie. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling Apfelfront gehalten hat, denn Verlag 2007 sie waren geduldig und locker, gleichzeitig streng in der Sache, wenn es darauf ankam. Die Rede davon, „Begriffe scharf zu halten“, hat sich in die Köpfe unseres Kreises fest eingebrannt. Klar waren wir jung und hätten nicht eine Vielzahl unserer Freitagabende über den Zeitraum von fast einem Jahr für die Vorbereitung eines irgendwie doch hochoffiziellen Festivals draufgehen lassen, ohne dafür eine spaßige Gegenleistung zu erhalten. Vor allem Max und Alf haben sich immer bemüht, uns zu fordern und – besonders nachdem die Besprechung der Projekte durch war – den Abend nicht völlig ins postpubertäre Rumgelungere abgleiten zu lassen. In diesem Umfeld entstand die Idee zum Marsch auf Berlin. Schließlich hatte sich eines beim Gautreffen sehr deutlich gezeigt: Diese ‚Bewegung‘ hatte das Potential dazu, eine große Menge junger Menschen auf die Straße zu bringen. Dann auch noch für eine Sache, die neu und frisch war und trotz der Tatsache, dass die Apfelfront gerade ihren dreijährigen Geburtstag gefeiert hatte. Die Mittel und Möglichkeiten waren also vorhanden, um ein großes Vorhaben zu realisieren. Der Marsch auf Berlin der Front Deutscher Äpfel lehnt sich an zwei historische Motive an: Zum einen fand bereits zu Beginn der 1920er Jahre eine Reihe reaktionärer Putschversuche

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statt. Der Kapp-Putsch wurde in Berlin durch einen Generalstreik der Arbeiterklasse im Keim erstickt. Zum anderen war der Hitler-Ludendorff -Putsch von 1923, dessen Ziel ein ‚Marsch auf Berlin‘ war, schon in München an der Gegenwehr der Polizei gescheitert. Einzig Mussolini in Italien hatte seinen ‚Marsch auf Rom‘ erfolgreich durchführen können (dafür aber an anderer Stelle fulminant versagt). Und letztlich steht in dieser Reihe auch das Scheitern der NPD an diesem Vorhaben. Dem allen entgegen steht die erfolgreiche Durchführung durch die FDÄ. Christian Worchs erklärtes Ziel bei den Leipziger Demonstrationen war es immer gewesen, zum Völkerschlachtdenkmal vorzustoßen und im Schatten dieses unförmigen Klotzes die nationale Revolution zu propagieren. Seiner Ansicht nach eine großartige Kulisse für größenwahnsinnige Aufmärsche und bei der Architektur des Denkmals, das in seiner Klobigkeit an einen Flakturm erinnert, durchaus nachvollziehbar, da mit dem ästhetischen Verständnis Worchs und seiner Kameraden absolut übereinstimmend. Nichtsdestotrotz hatte es Worch mit seinen Kameraden im Schlepptau nur selten geschafft, dorthin zu kommen. Die Front Deutscher Äpfel wiederum war bei ihrem dritten Auftritt am 1. Mai 2005 nicht nur an der Blockade des Worch-Wanderzirkus stark beteiligt, sondern auch in der Besteigung des Völkerschlachtdenkmals erfolgreich gewesen. Vor den Stufen ebenjenes Klotzes herab hielt Alf eine flammende Rede, die sich am Ende des Boskopismus-Films genießen lässt. Die FDÄ hatte es also geschafft, an einen Platz zu kommen, den die Nazis bis dato nicht erreicht hatten und wurde dafür zu Recht gefeiert. Neue Herausforderungen: Berlin Für die Wiederholung dieses prächtigen Erfolgserlebnisses – wir, die Apfelfront, demonstrieren an Orten, die die Nazis nie bei Aufmärschen zu Gesicht bekommen würden – lieferte die NPD selbst eine steile Vorlage: Im Jahr 2005 hatte

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die Partei vorgehabt, zum Holocaust-Mahnmal neben dem Reichstag zu ziehen und dort für das Ende der ‚Befreiungslüge‘ zu demonstrieren. Der Marsch sollte das Brandenburger Tor passieren. Dieses Vorhaben wurde von den Berliner Ordnungsbehörden verhindert. Gestattet wurde nur, bis auf einige hundert Meter vor das Brandenburger Tor zu laufen. So war also die NPD am besonderen Schutz des Mahnmals und des Regierungsviertels (in Form einer Bannmeile) gescheitert. Kombiniert mit der Überlegung, dass also schon Hitler (zumindest 1923) und die NPD (mehrfach, zuletzt 2005) daran gescheitert waren, Berlin als Aufmarschort zu etablieren, hatte ich die folgende Vorstellung: Wenn es jemand schaffen könnte, mit einigen hundert Leuten durch das Brandenburger Tor zu laufen, dann wir. An einem der freitäglichen Berlin 08-Treffen erzählte ich Alf von der Idee, und wir sponnen wild herum. In der Beschäftigen Sie sich Brainstormingphase gab es zum mit dem Versagen Ihres Beispiel die Überlegung, ob wir Gegners! Führen Sie nicht wirklich einen Marsch in ihm vor, wie mühelos ihnen Projekte gelingen, die Wege leiten könnten, bei an denen ihr Gegner dem 50 Mitglieder der Apfelgnadenlos versagt. front sich auf den Fußweg nach Berlin begeben, inklusive an HJ-Jugendlager angelehnten Zeltlagern. Diese Idee wurde schnell verworfen, dafür waren wir schlicht zu faul. Doch solche Bilder zu produzieren klang interessant. Daher überlegten wir, einfach mit dem Zug zu fahren und unterwegs an irgendwelchen Provinzbahnhöfen Halt zu machen, kurz in die Pampa zu laufen, Bilder zu machen und weiterzufahren. Letztlich blieb von diesem Plan der Zwischenhalt in Dessau übrig – dort musste sowieso umgestiegen werden, also war Zeit, ein paar Filmaufnahmen zu machen, die man als ‚Bezwingung Dessaus‘ bezeichnen konnte. In jedem Fall war Alf dem Plan gegenüber sehr aufgeschlossen, allerdings überließ er es uns, das Projekt voranzutreiben. Im Laufe der

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nächsten Wochen und Monate begann ich, das Berlin 08-Büro auch als FDÄ-Büro zu nutzen und erneut große Mitglieder-Inventur zu machen, wie es schon vor dem Gautreffen der Fall gewesen war. Nur kamen eben immer mehr Leute dazu, sich zumindest im Forum oder in sozialen Netzwerken als Apfelfrontler zu bezeichnen und einen Ableger zu gründen. Im Vorfeld des Marschs auf Berlin habe ich sicherlich auf die Hälfte der Mails, die ich an Apfelfrontler geschrieben hatte, keine Antwort bekommen. Die Tatsache, dass es so leicht ist, sich als Front Deutscher Äpfel zu bezeichnen, war eben auch die Krux. Keiner konnte sagen, ob es sich bei einem Ableger um eine Einzelperson handelte, die betrunken spätnachts einen Gau gegründet hatte, oder ob 20 hochengagierte Menschen dahintersteckten, die nur darauf warten, angeschrieben zu werden und vom Führer den Segen zu erhalten. Es war höchst diffus, und im Grunde bis kurz vor Start des Marsches völlig unklar, ob die Veranstaltung nicht am Ende mit 20 Leipzigern stattfinden würde. Doch es kamen auch Antworten zurück, und zwar aus allen Teilen der Republik. Teilweise schwer begeisterte Nachrichten, welch fabelhafte Idee es doch sei, der etwas ruppig verlaufenen, aber doch letztlich motivierenden Zusammenkunft in Leipzig eine wirklich umfangreiche Aktion in Berlin folgen zu lassen. Es deutete sich also bereits an, dass sich ein Haufen spaßfixierter Nazigegner auf große Fahrt machen würde. Wir mussten dementsprechend Übernachtungsmöglichkeiten ausbaldowern, eine Grundversorgung an Nahrung und Bier organisieren und uns überlegen, was wir alles mit den Leuten anstellen wollten. Naheliegend war es, die Anreise bereits für den Freitagabend anzusetzen, denn allein die Münchner hatten eine zig-stündige Fahrt zurückzulegen. Und außerdem war es gut zu wissen, dass alle bereits am Vorabend eingestimmt und aufeinander abgestimmt waren.

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Ein entscheidender Punkt in der Vorbereitung war das allgemeine Demonstrationsverbot im Regierungsviertel. Grund dafür Erkundigen Sie sich nach ist wohl die Sicherstellung der den Befindlichkeiten Arbeitsfähigkeit aller Abgeder lokalen Polizei. Im ordneten und Mitarbeiter des Vergleich zu bayerischen Einsatzkräften sind zum Bundestages. Es ließ sich nicht Beispiel ihre Berliner wirklich genau sagen, wie strikt Kollegen beinahe locker. die Berliner Polizei dieses Verbot durchsetzen würde. Einzig die Kunstfreiheit schien auf unserer Seite, und wir begriffen uns ja auch zum großen Teil als theatrale Straßenkünstler. Doch würde es reichen, sich vor Ort auf die Kunst zu berufen? Dies schien uns zu unsicher.

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Als Klassenfahrt die Bannmeile sprengen Erst eine Woche vor dem Marsch kam die rettende Idee – eine durchaus gewagte Idee, aber sie sollte am Ende ihren Dienst Seien Sie kreativ, wenn tun: Alf kontaktierte die Polies um die offizielle zei in Berlin und meldete den Anmeldung einer Aktion Aufzug als Klassenfahrt einer geht. Fragen Sie sich auch, ob es manchmal Kunstklasse an. Also keine ‚Denicht zweckdienlicher monstration‘, sondern eine Bilist, um Vergebung zu dungsmaßnahme. Gegen diesen bitten, als um Erlaubnis hehren Anspruch konnte auch zu fragen! das Ordnungsamt nichts einwenden. Am 14. März 2008 erhielt ich diese Mail unseres lieben Führers:

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mitgenommen wurde. Außerdem im Schlepptau befand sich der befreundete Filmemacher Frank Just. Er sollte später aus dem dort gefilmten Material den ersten wirklichen Spielfilm der Apfelfront machen. Besorgen Sie die DokuEs muss für Außenstehende ein mentation! Mit eigenem wahrlich befremdliches Bild Filmtrupp hat man die Deutungshoheit in der hergegeben haben: ein Trupp in Tasche. schwarzen Anzügen und roten Armbinden, mit vielen Fahnen, kleinen Fähnchen, Standarten und einem Pulk an Journaille, der einem Herren in den besten Jahren folgt, der von seinen Jüngern auf einer Sänfte durch das Zentrum der Macht getragen wird. Die Route führte vom Hauptbahnhof über das Kanzleramt und bis zum Reichstag – monumentale Bilder allesamt. Zwar hatten wir keine Gegner – also Nazis – auf die wir uns bezogen, doch das schien es uns wert. Im Fokus standen die Bildproduktion, das Spiel mit der Staatsgewalt (ihrer Bannmeile) und den Medien (Spiegel TV). Alle wurden aufs Beste unterhalten und wir hatten unsere Bilder bekommen.

Kameraden! Geschlagen 7.32 Uhr ruft mich die Berliner Polizei an. 7.32 Uhr! In Worten siebenuhrzweiunddreissig. Und fragt mich, ob sie mich geweckt haben... Und wünschen uns viel Freude bei unserem Marsch! Wir kriegen auch nen Begleiter gestellt. Lieb, gell! Das nächste Mal arrangiert IHR das, damit ihr mal wisst, wie das ist, so um 7.32 Uhr in Deutschland... Die Weichen waren also gestellt und wir konnten uns frohen Mutes auf fröhliche Klassenfahrt begeben. Noch im Vorfeld hatten wir in Handarbeit eine hölzerne Sänfte gebaut, die nach Berlin

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DIE ANFÄNGE DER APFELFRONT IM GESPRÄCH MIT MARKUS OHM, HENRY RUDOLPH UND ALF THUM

Wie begann die Apfelfront eigentlich? Der Gründungsmythos kreist um einen ominösen Grillabend kurze Zeit vor dem 3. Oktober 2004. MARKUS OHM Das war zwei Tage vor der alljährlichen Oktoberdemo der Nazis. Wir saßen bei Büronachbarn von uns auf der Dachterrasse und haben gegrillt. Wir waren damals durchaus politisiert, aber auch ein Stück weit bürgerlich. Christian Worch hatte zum ersten Mal angekündigt, er wolle durch den Süden Leipzigs laufen. Das war für uns der Punkt zu sagen: „Nee, wir arbeiten im Süden, wir wohnen alle hier, und der Arsch will durch unser Wohnzimmer laufen.“ Eine Provokation, die so nicht hinnehmbar war. Wir saßen in dieser Runde zusammen, die aus Leuten bestand, die alle beruflich etwas mit Kommunikation, also der Vermittlung von Inhalten, zu tun hatten. Mit ihnen haben wir Ideen entwickelt – da waren schon absurde Sachen dabei. Wie sahen diese Ideen aus? MARKUS OHM ‚Ein Haufen gegen Rechts‘ war eine Idee, also die Aufforderung an alle Leipziger Hundebesitzer, mit ihren Hunden die Demostrecke entlang zu laufen und ihre Hunde dorthin kacken zu lassen. Oder transportable Dixi-Klos ohne Boden, die auf der Strecke immer weiter verrückt werden. Ganz wilde Sachen. Ich krieg es nicht mehr ganz zusammen, wie es sich ergeben hat. Aber am Ende stand genau diese Idee: Die Front Deutscher Äpfel. Im Hinterkopf natürlich Charlie Chaplins Der große Diktator. So angesoffen wie ich war, bin ich am selben Abend rüber in mein Büro gegangen und habe diesen Urflyer mit dem Logo und den Zentralforderungen gebaut. Am 3. Oktober trafen wir uns früh in unserem Hof und waren ausstaffiert mit Anzug und damals noch Papierarmbinden. Dort sind wir los und bereits an der ersten Kreuzung kamen Anfeindungen. Da kamen Leute, die anfingen uns zu belegen, weil sie dachten, wir wären irgendwelche Rechtsradikalen. Was der Idee ja soweit Recht gegeben hat. Das Ziel war ja, Leute aufzuregen. Aufreger, Hingucker zu schaffen, Verwirrung zu stiften. Auch, weil man über so eine Verwirrung mit Leuten ins Gespräch kommt. Das hätte natürlich auch richtig ins Auge gehen können, ganz klar. ALF THUM Wir hatten beim ersten Aufmarsch auch tüchtig Angst vor der Polizei, die an dem Tag an jeder Kreuzung mit Wannen rumstand. Und ja, an diesem Grillabend hatten wir angefangen mit lauter abstrusen Ideen, aber eins war uns immer klar: Uns den normalen Gegendemonstrationen einfach anzuschließen, kam nicht in Frage. Es waren etliche solcher Gegendemos angemeldet, was nicht nur einer Strategieänderung Worchs geschuldet war, sondern vor allem dem Wahlerfolg der NPD in Sachsen. Wir wollten uns auf jeden Fall nicht zur Masse hinstellen. MARKUS OHM Auf den Punkt gebracht dachten wir uns: Demo muss auch Spaß machen. ALF THUM Genau. Es musste mal was passieren, was das übliche Demoangebot erweiterte, das damals vor allem eins war: Nicht lustig.

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MARKUS OHM Dann sind wir losgelaufen und es ging relativ schnell. Es sprach sich zügig rum und wir wurden im Verlaufe des Tages sogar auf einmal freundlich begrüßt. Man muss natürlich auch sagen: Das Ding wäre ohne Alf völlig anders gelaufen. Er hatte mit seiner extrovertierten Art, die ich zum Beispiel gar nicht habe, eine Schlagfertigkeit in dieser Situation, wodurch immer die passenden Sprüche kamen. Das hat dafür gesorgt, dass die Aufmerksamkeit bei uns war – und auch ein Stück weit Vertrauen. Und natürlich auch die Anerkennung der breiteren Masse dafür, dass mal etwas anderes als sonst passiert. So kam es dann auch zum ersten Treffen mit euch. ALF THUM Die Situation am Leuschner-Platz war ja, dass Worch dort auf einer Brachfläche mit seinen Leuten festsaß und alle Zugänge irgendwie durch mehr oder minder entschlossene Leute blockiert waren. Wir sind den Tag über durch verschiedene Stationen rund um diesen Platz gelaufen und konnten mit Megaphon und komischen Faxen einige Leute ziehen, die uns folgten und einfach schauen wollten, was wir als nächstes machen. Wir hielten zum Beispiel Ausschau nach Stellen, die vielleicht noch stärker blockiert werden mussten.

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Megaphone versorgen Sie mit Autorität! Vor allem in Verbindung mit Uniformen fühlen sich Ihre Zuschauer an das staatliche Gewaltmonopol erinnert und gehorchen gern.

MARKUS OHM Wir hatten natürlich auch einen Informationsvorteil, da wir Menschen mit Presseausweis dabei hatten. Es kamen auf jeden Fall sehr viele positive Faktoren zusammen. ALF THUM Genau. Es gab eigentlich nur eine schwierige Situation. Wir waren natürlich gut ausgerüstet, weil wir darauf aus waren, Massen zu erzeugen. So verteilten wir unsere Armbinden in der Menge. An einem Punkt wurde es brenzlig, als wir sahen, wie Leute vermummt, aber mit unserer Armbinde, Müllcontainer umschmissen. Von militantem Widerstand kann man ja halten was man will, aber zumindest hatte es in dem Moment überhaupt nicht in unser Programm gepasst. Deswegen haben wir die Armbinden von ein paar Leuten auch wieder eingezogen. MARKUS OHM Man muss natürlich auch dazu sagen, dass wir als Gruppe alles andere als homogen waren. Das Ganze war ja ein Schnellschuss mit gerade mal zwei Tagen Vorbereitung. Wir waren alle Büronachbarn, die sich normalerweise vielleicht mal über Arbeit ausgetauscht haben, ansonsten war Politik aber kein Thema. Aber die Intention hinter der Aktion war dieselbe und wir waren uns auch einig, wo die Grenzen liegen. Ich persönlich würde keine Mülltonne umschmeißen, es ist nicht meine Form des Protests. Aber ich würde es auch nicht verhindern, solange es nicht unter unserem Label passiert. ALF THUM Die ganze Aktion war ein richtig schönes Blindflug-Unternehmen, wir konnten nichts vorher berechnen. Mittendrin waren wir dann positiv überrascht, weil es auf einmal auch Spaß gemacht hat und man

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Stellen Sie sich vor eine Polizei-Reihe und kommunizieren Sie den Spieltitel als gleichzeitige Spielanweisung. Sollte sich keiner der Einsatzkräfte bemüßigt fühlen, auch nur zu Schmunzeln, behaupten Sie einfach selbiges und schauen Sie den Beamten zu, wie sie das Lachverhalten ihrer Kolleginnen und Kollegen gegenseitig überprüfen.


sah, dass es auch anderen Menschen um uns herum Spaß macht. Mohm, du hast ja dann dieses Spiel mit der Polizei angefangen ‚Wer zuerst lacht, hat verloren‘, oder? MARKUS OHM Ja. Die Polizei wollten wir natürlich auch bespaßen. Auch wenn ich schon genug Auseinandersetzungen mit der Polizei auf Demos hatte – die Pfefferspray-Ladung auf einer Demo werde ich nicht so schnell vergessen; auf einer anderen haben sie mir einen Zahn rausgehauen –, aber am Ende des Tages waren das halt auch nur Menschen, die an diesem Feiertag da rumstanden. Und wir haben ihnen deutlich gemacht, dass wir auf alle Seiten deeskalierend wirken. Ein Teil der von euch begeisterten Menschen waren wir und sprachen euch an, ob wir nicht eigentlich mitmachen dürften. Wie habt ihr das aufgenommen? ALF THUM Die Demo war eigentlich gegessen, es war schon Absackerstimmung. Die Leute gingen langsam nach Hause, die Polizei räumte ihre Sachen zusammen und dann kam durch euch – wie wir heute wissen – die eigentliche Befruchtung. Eine Befruchtung ist ja immer Eizelle und Samenzelle: Der Nukleus, wir, waren da, und hatten uns vorher nie darüber unterhalten, ob wir das eigentlich nochmal machen. Und dann kamt ihr, das Spermium, und fragtet, ob ihr mitmachen könnt. Und einige Zeit später wurde die Bewegung geboren.

MARKUS OHM Begünstigend kam natürlich dazu, dass wir in dem Moment das Berlin 05 – Festival für junge Politik vorbereitet haben. Das passte also ohnehin wie Arsch auf Eimer, dass man auch sowas durchaus zum Thema erheben kann. ALF THUM Das stimmt, durch dieses Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung waren wir natürlich auch jugendaffiner. Wer weiß, was passiert wäre, wenn wir gerade ein Kommunkationsprojekt für ein Stahlwerk gemacht hätten. MARKUS OHM So hatten wir aufgrund dieses Projektes auch ein großes Projektbüro, in dem wir euch aufnehmen konnten. Das waren alles Faktoren, die unser aller Zusammentreffen erheblich begünstigt hatten. Wir hatten es in dem Moment gar nicht für möglich gehalten, dass die Apfelfront eine einmalige Aktion seine könnte und wollten mitmachen. Der Anfang verlief aber von eurer Seite aus relativ zögerlich, oder? ALF THUM Ihr seid dann irgendwann vorbeigekommen, an einem Donnerstag oder so. Wir fragten uns, wie viele von euch überhaupt kommen und rechneten eigentlich

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auch nicht mit einer großen Beteiligung. Ich entsinne mich noch, wie ich oben im Büro stehe, und es kommen eins, zwei, drei, vier, irgendwann 15 Leute. Alf Thum (an Markus Ohm): Alter, kannst du dich erinnern? Wir saßen da bei uns am Tisch und die alle um uns herum, teils auf einer Feuertreppe. Und wir dachten uns: „das ist jetzt aber abgefahren.“ Wir wurden ja auf der Straße angesprochen: Ob „wir mal vorbeikommen könnten.“ Was dieses ‚Wir‘ war, davon hatten wir keine Ahnung und dann sitzen da plötzlich 15 bis 20 Leute und alle starren uns an und sagen: Das ist eine tolle Idee, wir wollen mitmachen! Und ich war völlig überrascht, wie viele das sind. Wir hatten gar nicht abgesprochen, was wir mit denen überhaupt an diesem Abend machen wollen, weil wir nicht dachten, dass mehr als zwei oder so kommen. Der erste Auftritt war echt beeindruckend. Das war das erste Treffen und Kennenlernen. Unser erster gemeinsamer Auftritt war in Dresden, im Februar 2005. Dazwischen gab es einige gemeinsame Treffen, die es uns gemeinsam ermöglichten, auf eine Ausnahmedemo zu fahren. Wie verlief diese Zwischenzeit? MARKUS OHM Die wurde, wie gesagt, enorm durch das Festivalprojekt begünstigt an dem wir gerade gearbeitet hatten, was ganz viele Sachen erleichterte. Wir konnten das Apfelfront-Projekt letztlich auch in das einbinden, woran wir beruflich gearbeitet hatten. Deswegen war es für uns eigentlich gesetzt, dass wir dran bleiben. Wir haben mit euch schon früh ausgemacht, dass es eine Präsentation des Projektes auf dem Festival gibt. Und ihr hattet ja auch viel Lust drauf. ALF THUM Ich würde sagen, auf die Idee, nach Dresden zu fahren, wären wir nicht von allein gekommen. Der Impuls kam von euch. Ihr wolltet mitmachen. Ein ganzes Jahr zu warten, bis Worch wiederkommt, dauerte zu lange. Dresden dagegen stand vor der Tür. Also sind wir hin. Wobei die Bedingungen alles andere als optimal waren: Schließlich hatte niemand von uns Ortskenntnis oder wusste, was zu Winterdemos verlangen warme Kleidung! Im erwarten war.

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Es war für euch mit Risiko verbunden, euch nicht nur auf diese Situation, sondern auch auf uns, einzulassen. Es muss also schon einiges an Vertrauen zwischen uns geherrscht haben.

Zweifel vorher den Uropa fragen, wie sich das damals an der Ostfront angefühlt hat.

MARKUS OHM Das sehe ich nicht so problematisch. Wir hatten uns ja vorher schon etliche Male gesehen und dieser ganze Pulk von euch, das waren ja alles vernunftbegabte Menschen. Also klar: Wenn jemand mit 17, 18 Jahren mal über die Stränge schlägt, ist das normal. Aber wenn es mal hieß: Das ist jetzt überhaupt keine gute Idee, dann war damit dann auch Schluss. Das Risiko war nicht, mit euch unterwegs zu sein. Es war das Risiko, in einer anderen Stadt unterwegs zu sein, die keiner von uns kennt. ALF THUM Dazwischen sind einige vertrauensbildende Maßnahmen gelaufen, bei den Treffen bei uns im Büro. Wir hatten die Inszenierung verschiedener Bilder ausprobiert, es gab auch Filmabende, bei denen wir z. B. Triumph des Willens geschaut haben. Danach werteten wir die Filme gemeinsam aus. Das funktionierte immer sehr gut; ihr hattet ein ganz schönes Bedürfnis, über das Gesehene zu reden und damit

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rumzuspielen. Den neuen Flyer für Dresden mit dem Text zur Geschichtsdarstellung hatten wir mit euch zusammen gemacht. Die Demo war an sich eher stressig und ungemütlich. Nicht nur wegen des Wetters – es war die Gesamtsituation. Gerade bei mangelnder Was uns schwer beeindruckt hatte, war der Marsch der Nazis, den wir von Ortskenntnis: Immer an den Elbterrassen aus beobachteten, gemeinsam mit den anderen 500 bis den Heimweg denken! 600 Gegendemonstranten, mehr waren es nicht. Auf der Gegenseite liefen ungefähr 8.000 Nazis mit großen Lautsprechern und wir dachten uns: Ach du Scheiße, sind das viele.

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MARKUS OHM Das war in der Tat deprimierend. Als wir nach Hause fuhren, war ich auch etwas geknickt. Das war unser erster gemeinsamer Auftritt und man dachte sich schon, dass es auch beim zweiten Mal in Leipzig, trotz allem, ähnlich ablaufen könnte. Die Performance funktionierte überhaupt nicht. Weil ich schon glaube, dass so eine Performance vom Gesamtergebnis lebt. Aber das, was in Leipzig verhindert werden konnte, wurde in Dresden Realität. Die Nazis liefen ungestört, ungeachtet der Faxen, die wir machten. Wenn man den 13. Februar 2005 in Dresden als verkackte Generalprobe betrachtet, war der 1. Mai 2005 in Leipzig dagegen ja ein voller Erfolg. ALF THUM Ich hatte das Gefühl, dass wir uns gerade durch die negative Erfahrung noch mehr eingegroovt hatten. Ihr hattet immer noch Bock drauf, wir wollten dieses Mal außerdem einen Film produzieren und vor allem war es wieder Leipzig, das heißt: Heimvorteil. Man merkte, dass die Mobilisierung gegen die Demo wieder sehr stark werden würde, es also nicht in einem Debakel wie in Dresden enden sollte. MARKUS OHM Das war schon eine ähnliche Situation wie am 3. Oktober des Vorjahres. Es ist natürlich auch ein Leipzig-Phänomen gewesen: Diese Demos waren ein eingespieltes Ritual. Dazu kam, dass man uns schon kannte und wir dank euch auch zahlenmäßig stärker aufgetreten sind. Der Spruch „Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft! Apfelsaft!“ entstand auch im Vorfeld des 1. Mai desselben Jahres. ALF THUM Was richtig die Welle gemacht hat und unser Konzept in die Welt trug, war der diesem Tag und unserer Rolle gewidmete Film Boskopismus von Witja Frank. An dem Tag fühlte ich mich auch zum ersten Mal in meine Rolle als Führerdarsteller eingespielt. Das war in Dresden noch nicht der Fall. Den Abend vor diesem Auftritt veranstalteten wir für die Filmaufnahmen, unter anderem einen Fackelzug durch das Gelände des Leipziger Courage Zeigen-Festivals. Wir hatten im Vorfeld das Angebot von der Festivalorganisation bekommen, dort auf die Bühne zu gehen. Das kam für uns nicht in Frage. Stattdessen gab es die Videoaufnahmen davon, wie wir die Menge von der Seite aus bestrahlten. MARKUS OHM Ich erinnere mich dunkel an die Diskussionen. Es ging um die Frage, inwiefern man sich durch so einen Auftritt vereinnahmen lässt. Dieses Festival selbst war ja nichts anderes als eine Latschdemo. Da finden sich alle zusammen im Streichelzoo, klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und freuen sich, wie sehr sie

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gegen Nazis sind. Das war eine Veranstaltung für das gute Gewissen. Leute gehen hin, stellen sich fünf Bier rein und verschlafen anschließend die eigentliche Demo. Es war nie unser Ziel, sich für sowas verhaften zu lassen. ALF THUM Unsere Frage war: Wenn wir auf der Bühne ihres Festivals stehen – werden wir dann ein Werbeelement für die? Das wollten wir nicht, wir wollten ein Werbeelement für uns selbst sein. Das Festival Berlin 05 hatte zu unserem weiteren Ruhm beigetragen. In diesem Sommer hatten wir auch unseren ersten Auftritt innerhalb der von Alain Bieber kuratierten ABC-Ausstellung in Berlin. Das war ein vollkommen anderes Feld für uns. ALF THUM Alain hatte uns wahrscheinlich über den Boskopismus-Film kennen gelernt und wir passten gut in sein Programm, Stichwort ‚Umkodierung von Symbolen‘ und so weiter. Die Location war sehr interessant, weil die Anne-Frank-Stiftung damals in einem völlig unsanierten Haus in Berlin Mitte saß. Ich hatte den Eindruck, die Veranstaltung wollte durch uns etwas ‚Bambule‘ erzeugen. Mir kam das auch ganz passend vor, um zum einen auf die Ausstellung hinzuweisen und zum anderen natürlich auch auf uns. Es wurde selbstverständlich weiter gefilmt. Die Boskopismus-Welle rollte und unser Konzept wurde medial weiter verarbeitet und ergab eine Art virales Setting, das auch ganz gut in die Ausstellung reinpasste. Unsere Demo war eine heikle Nummer, wir hatten keinen Counterpart, mit dem wir irgendetwas anfangen konnten und liefen einfach durch den Stadtraum und verwirrten die Leute. Aber am Ende ist alles gut ausgegangen, weil viele der zur Ausstellung gehörenden Künstler mitliefen und sich für das Format interessierten. Apfelfront ist kontextlos immer schwierig, aber lief innerhalb dieses Rahmens eigentlich ganz gut. Ein anderer Auftritt von uns war im selben Sommer während eines Antifa-Festivals in Pirna.

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MARKUS OHM Das war der Punkt, an dem ich anfing, es scheiße zu finden. Fängt Ihr Aktionsformat Die Grundidee, die Subversion hinter dem Konzept, ging so irgendwann ver- an Fäulnis, anzusetzen, loren. Wir hatten ja auch intern etliche Debatten. Ich glaube, Satire läuft haben Sie zwei Optionen: Das Projekt mit einem sich tot, wenn man immer wieder dasselbe macht. Satire lebt vom Tanz auf großen Knall beenden, der Klinge. Das muss immer hart an der Grenze sein, manchmal ein bisschen oder es still und leise drüber, aber auch nicht zu viel, und dieser Akt ist extrem schwierig. Dafür auslaufen lassen, wähgibt es auch kein Rezept. Die Apfelfront lebte immer aus der Situation her- rend Sie sich anderen Dingen zuwenden. aus, es gab kein festes Setting. Irgendwann ist das verloren gegangen und wir wurden zu einem rumgereichten Instrument. Ich dachte mir irgendwann, ich bin doch nicht in einer Folklore-Truppe, die einen Volkstanz aufführen soll. ALF THUM Ich würde es gerade rückblickend nicht ganz so negativ sehen. Ein wesentliches Moment der Apfelfront wart ihr, also die zweite Generation. Dann nach Stettin zu fahren, nach Ansbach zu fahren, in der Gegend rumzufahren: Auch wenn man da als Folklore auf irgendwelchen Festivals rumsprang – ich hatte den Eindruck, dass euch Stadtflunsen mit eurer Leipziger Bunkermentalität so etwas auch Spaß

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macht. Deswegen haben wir diese Angebote meistens sehr gern kollektiv angenommen, uns regelmäßig eine Viertelstunde vor dem Auftritt die Fingernägel abgekaut und uns gefragt, was wir denn da oben nun machen. Wir waren ja auf die Straße programmiert und nicht auf die Bühne. Für eure Alterskohorte also: Warum Subversion, Irritation, nicht. Das andere war natürlich, dass durch die mediale Aufmerksamkeit eine Verwirrung funktionieren maximale Überforderung da war, weil eben dauernd alle möglichen Leute nicht mit Einladung. angefragt hatten. Wir hatten in dem Moment dafür nicht das Personal und Ohne Überraschungsmoment sind sie ihrer trotzdem die Frage, ob man die Apfelfront nun als bundesweite Organisation wesentlichen Funktions- mit einem einheitlichen Styleguide aufstellt. Diese Aufgabe ist nie gelöst weise beraubt. worden und meines Erachtens ist das auch gut so. Wir wissen ja, was da zum Teil für Charaktere an uns rangespult wurden. Das Ganze pädagogisch und bundesweit aufzuziehen, das Ganze zu steuern, sodass es immer noch autonom und nach dem Prinzip der Selbstermächtigung funktioniert, hätte vor allem künstlerisch nicht gelöst werden können. Dafür waren wir nicht da.

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[Henry Rudolph betritt den Raum] MARKUS OHM Nehmt es mir nicht übel, aber für mich war es endgültig vorbei, als ich hörte, dass Leute unter dem Label der Apfelfront einen Stand neben einer Gewerkschaft aufgebaut hatten. Das ist einfach nicht witzig. Das Konzept lebt von Subversion, lebt von Überraschung, lebt von plötzlichen Reaktionen und einem Widerwillen. Spätestens ab da war ich dafür, das Projekt einzustellen. Und habe mich dann ja auch irgendwann verabschiedet. HENRY RUDOLPH Man muss aber auch sagen: Wir hatten einen anderen Entwicklungsstand als die Leute, die über die Medien auf uns aufmerksam wurden. Der ganze Apfelsprech, der uns zum Hals heraushing, musste ja bei denen auch erst mal eingeprobt werden. Wie bei uns auch. Dieses Prinzip der Selbstermächtigung bringt vielleicht auch viele Beispiele, die möglicherweise bürgerlich und nicht subversiv sind. Aber hin und wieder kamen ja auch schöne Aktionen. MARKUS OHM Keine Frage. Diese Ungarn-Nummer finde ich zum Beispiel hammergeil. Das sind aber auch Leute, die es begriffen haben. Die begriffen haben, wie es funktioniert. Andere hatten es nicht begriffen. Klar kann man jetzt sagen, dass es solche und solche Leute gibt. Aber das Prinzip, das damals auf dieser scheiß Dachterrasse entwickelt wurde, war ja: Wir gehen da raus, wir schockieren Leute und wollen eigentlich von ihnen blöd angemacht werden, um dann zu sagen: „Nö, es ist alles ganz anders.“ Subversion ist Kern des Geschäfts. Und wenn man anfängt, aus diesem Kern rauszugehen und das gesetzte Lager zu bearbeiten, wird es nichts. ALF THUM Der zentrale Widerspruch ist doch: Wenn man es so gemacht hätte, wie du es beschreibst, hätten wir keinen Film gedreht, nichts weiter gemacht. Es wäre bei einer Aktion geblieben. Wir haben aber gesagt: Wir wollen doch, dass es Leute mitkriegen, darüber reden. Und das führt automatisch dazu, dass alle möglichen Leute anklingeln und mitmachen wollen. Das tun sie dann je nach ihrem Verständnis. Hätten wir eine ästhetische Strategie entwickelt, die zum Beispiel auf Castor-Behälter abzielt, wäre allen klar: Diese Sache kann man nur einmal im Jahr in Gorleben

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machen. Nicht in Kassel, nicht in Berlin, nicht in Rostock, nirgendwo. Wir hatten aber ein Thema, dass das gesamte Land betraf. Naziaufmärsche gab es ja überall, also gab es auch überall das Bedürfnis, etwas Neues zu machen – ob in Neubrandenburg, in Strelitz, in Greifswald, in München, in Ansbach oder sonst wo. Hätte man das Ding als Kunstwerk scharf abtrennen wollen, dann hätte man alle Anfragen Niemals ein Aktionsformat vorzeitig öffentlich abweisen müssen.

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MARKUS OHM Ja, das war so meine Idee. Klar fand ich es gut, dass die Herangehensweise in die Breite getragen wurde. Aber meine Aussage war: Die Apfelfront ist ein Beispiel für eine schräge Idee und ihre Umsetzung. Man kann von der Haltung lernen, muss aber nicht unbedingt den gleichen Witz einfach nochmal erzählen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man das Projekt nach zwei bis drei Jahren beendet.

für tot erklären! Man weiß nie, was noch kommt. Schlafende Hunde können geweckt werden – oder sterben von allein, wenn ihre Zeit gekommen ist.

HENRY RUDOLPH Ich denke auch, dass sich die Apfelfront immer weiterentwickelt hat. So viele Fehltritte und Querschläger es gab – auch wir haben daraus gelernt und unseren eigenen Blick verfeinert. Dadurch sind wir über die Jahre immer besser geworden. Es wäre außerdem und zum Beispiel auch nie dazu gekommen, dass es die Ungarische Knoblauchfront gibt. Oder Berichte über 20-jährige, die allein Nazidemos hacken und Sprüche in Anlehnung an uns hochhalten. Aber nochmal zurück in der Timeline: Von unserer Seite gab es auch durchaus Versuche, den Style an andere Aktive zu vermitteln. Deswegen haben wir unter anderem das Gautreffen 2007 in Leipzig veranstaltet. ALF THUM Das Gautreffen in Leipzig passte auch mit seinem schwierigen Ausgang völlig ins Programm. Hätten wir es perfekt gemacht, hätte es dazu geführt, dass all diese eingeladen Gaue wie Güterzüge auf uns zugefahren wären, damit wir für sie das organisieren. Wir haben uns dagegen präsentiert als ein versoffener, verlotterter, punkiger Haufen … HENRY RUDOLPH Der wir ja auch waren. [lacht] ALF THUM … insofern fand ich es ok, dass einige Leute enttäuscht zurückfuhren. Aber was war denn daran die Enttäuschung gewesen? Dass die Führer nicht die Führer sind? In der Situation war es doch eher die Herausforderung, auf einmal 60 Leute vor sich zu haben und mit denen nichts anderes anfangen zu können, als Bilder zu produzieren. Als wir an dem Tag noch halbwegs nüchtern waren, haben wir nichts gemacht, außer zu drehen. Damit war zumindest der ‚pädagogische Auftrag‘ gescheitert. Daraus entstand ein neuer Film, mit dem wir aber endgültig selbstreferentiell wurden. ALF THUM Aber an dem Punkt war es doch schon so weit, dass man sich mit einer Einszu-Eins-Betreuung hinsetzen und die Leute jeweils hochcoachen gemusst hätte. Das produzieren von Bildern ist eine Prozedur, die ausdrückt: Du bist hier nur Staffage. Genauso, wie ich für dich jetzt und in dieser Situation des Interviews nur Staffage bin.

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Und das ist in Ordnung; alles andere wäre auf das Bestrahlen der Leute hinausgelaufen, um sie auf eine Linie einzuordnen. Es sollte doch aber verfickte Scheiße jeder selbst nachdenken und etwas machen. Und das ist ja auch passiert. MARKUS OHM Ich glaube, wir hätten ab irgendeinem Zeitpunkt eine Sekte daraus machen sollen. Die Überlegung hatten wir auch! Stattdessen haben wir den Operation Klassenfahrt-Film gedreht. ALF THUM Das muss ich auch nochmal sagen. Auf der Ebene der Widersprüche, die wir damals in der politsch-ästhetischen Kategorie hatten: Einerseits wollten wir öffentlich sein und Leute erreichen, anderseits wollten wir aber auch niemanden sozialpädagogisch bearbeiten. Auf dieser Ebene war der Film die Antwort. Das war der Versuch, 2008 den Sack zuzumachen und den ganzen Hype zu brechen.

Das Gespräch führte Max Upravitelev

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OPERATION KLASSENFAHRT Die Apfelfront als Strategie der Entmystifi- Wir sehen Aufnahmen von ihm in der Rolle seines zierung von Nazis krankte an ihrem eigenen Lebens, als Führerdarsteller der Front Deutscher – wachsenden – Mythos. Der Umgang mit diesem Äpfel. Problem führte zu einigen Zerwürfnissen: Man Zeitgleich im Führerhauptquartier: Der wahbeziehe sich ohnehin nur noch auf die eigene re Führer befiehlt Generalstabsadjutanten Tom Performance, habe den subversiven Biss verlo- Rodig, unverzüglich mit den Vorbereitungen der ren, sei zahnlos und handzahm geworden – und Operation Klassenfahrt zu beginnen. Er hat zwei ließe sich selbst einfach zu gern feiern. Oben- Stunden Zeit drein lagen uns viele Berichte aus den Gauen schwer im Magen: Leute würden das Format zu ernst nehmen, sich über Gauleiterposten streiten und andere Ortsgruppen aktiv anfeinden. Unsere Antwort war der VerSobald Ihr Werk draußen such, mit einem Spielfilm einen In einem Nebenraum des Führerhauptquartiers in der Wildbahn rumgeis- Beitrag zur eigenen Entmystifi- trifft sich die Leitung der Operation. Neben Tom tert, haben Sie keinen zierung zu liefern. Dafür muss- Rodig finden sich Davina Plätzer und Christoph Einfluß mehr auf die Rezeption. Aber Sie kön- te die Rolle ‚Alf Thum‘ und ihre Neubauer pünktlich zur Besprechung ein. Der einzige, der fehlt, ist Thum. „Er ist bestimmt in nen nachjustieren und Interpretation als allwissende neue Werke produzieren, Führerfigur, die sowieso eher irgendeiner Dixi-Toilette eingeschlafen“, spedie auf sie eingehen und ein ungewolltes Nebenprodukt kuliert Rodig. punktuell berichtigen und/oder konkretisieren. darstellte, zerstört und aktiv umgeschrieben werden. Wir verwendeten die bombastischen Aufnahmen des Marschs auf Berlin, um dafür eine Rahmenstory zu liefern. Der Film Operation Klassenfahrt portraitiert Verspätet betritt Thum endlich den Raum, verdas Leben des ‚Führers‘ außerhalb seiner Rolle. schwitzt und fertig. Seine Kameraden sind nicht Er wird zum ‚Führerdarsteller‘ erklärt, der ab- glücklich. Sie kritisieren das würdelose Auftreseits seiner seriösen Auftritte eine eher bemit- ten, das fehlende Engagement. Er ist moralisch leidenswerte Figur ist (ungewaschene Erschei- zerrüttet; „Was soll ich denn machen? Ich bin nung, cholerisch und zugleich weinerlich, von doch nichts weiter als ein scheiß Führerdarstelder Frau verlassen, offenbar stark alkoholaffin). ler!“, spricht die existentielle Krise aus ihm. Währenddessen agiert der wirkliche Führer im Rodig ist entnervt und erklärt den Anlass des Hintergrund nur per Befehl an seinen General- Treffens: „Wir planen den Marsch auf Berlin. Der stab (dieser ist im Film nur von hinten zu sehen). Führer hat befohlen, dass du – er hat scheinbar Letztgenannter kümmert sich dann um die Um- keinen anderen erreicht – uns den Führer masetzung des Marsches. chen sollst!“ Wir sehen Aufnahmen vom GauSchlussendlich funktioniert der Film als treffen: Die Kameraden bereiten sich auf die Persiflage auf den Führerkult und zeigt parallel lange Marschstrecke nach Berlin vor. „Am Ende machen wir das ja eh für diese dazu die Epik des ‚Marschs auf Berlin‘: Alf Thum wird vorgestellt als versoffenes, Pressefuzzis“, sagt Rodig. Thum scheint sich zu verlottertes Stadtmobiliar. Er freut sich über entspannen, er lacht: „Wir haben ja auch nie ein Sternburg in seiner Hand und erzählt der etwas anderes gemacht.“ Kamera, das schöne Rot auf dem Etikett erinnere ihn an ein Projekt, das er mal gemacht hätte.

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Hauptbahnhof auf einer Sänfte in Richtung Regierungsviertel getragen. Begleitet durch eine Masse an jungen Kameradinnen und Kameraden. Es folgt ein Monolog, direkt an die Kamera gerichtet. Thum ist auf der Straße, außer sich und schreit in die Kamera: „Mein Leben ist euch doch scheißegal, ist doch völlig scheißegal was ich mache und wie ich lebe. Ihr wollt doch immer nur Bilder haben, Bil- Vor dem Kanzleramt springen 100 Apfelfrontler der, Bilder, Bilder! Nur um eure verschissenen gleichmäßig in die Luft, dirigiert von Alf Thum. blöden Zeitungen und eure verfickten Kanäle Am Reichstag angekommen erklärt er: „Wir havollzumachen. ben es uns zu einer großen Aufgabe gemacht, Ihr habt es nämlich geschafft, so viele Kanä- immer an die Orte zu gehen, an die die NPD und le und so viele Zeitungen zu gründen, dass ihr diese anderen nationalistischen, rassistischen, jetzt jedes, aber auch wirklich jedes, beknackte ekelhaften Gruppen immer hinwollen, aber nie Phänomen – und sei es auch nur eine pissige hindürfen. Und wir schaffen das, immer der Jugendgruppe aus Leipzig – nehmen müsst, um Reihe nach. Auch heute, hier in der Bannmeile.“ es irgendwie in diese Kanäle reinzupacken. Weil Ein Sprung zurück ins Führerhauptquartier: sonst die Kanäle leer sind! Und wer will denn Thum und die Operationsleitung freuen sich schon schwarzes Rauschen senden? Keiner! diebisch über ihren Plan, die Aktion als KlasNatürlich nicht! Warum? Weil für schwarzes senfahrt und Dreharbeit zu deklarieren. „Wir Rauschen kriegt man keine Werbeeinnahmen! werden Bilder produzieren, die uns die Medien Es geht hier nicht um Inhalte. Hier geht’s ja aus den Händen reißen werden.“ überhaupt um gar nichts mehr. Absolute Leere. Absolutes, totales Vakuum – geistiges totales Vakuum!“ Zurück im Hauptquartier. Thum hat sich abgeregt, unsere Kameraden gehen zusammen die Operation Klassenfahrt durch. Ein Marsch Rodig eilt zum wahren Führer, den das Publikum durch das Regierungsviertel, angemeldet als auch dieses Mal nicht in seiner eigentlichen GeKlassenfahrt mit Thum als Klassenleiter – um stalt zu Gesicht bekommt. Der Marsch auf Berlin das Demonstrationsverbot in der Bannmeile zu kann losgehen. umgehen.

Unter martialischer Musik werden uns Aufnahmen des Marsches gezeigt: Thum, in seiner Rolle völlig aufgegangen, wird vom Berliner

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DER FLUCH DER VERGANGENEN WEIHNACHT Die Schlachten waren geschlagen, alle Sprüche geklopft, alle denkbaren Bühnen bearbeitet. Ende 2008 ging der Leipziger Apfelfront endgültig die Luft aus. Es mangelte an neuen Ideen. Und vor allem an neuen Herausforderungen. Der letzte großangelegte Versuch, unter dem Apfelfront-Label etwas Neues zu erschaffen, war das Projekt ‚Apfelfront-Weihnachtsshop‘. So wurde es zu einer kleinen Tradition, Jahr für Jahr einen Online-Shop zu konzipieren und anzukündigen. Nur um sich jeweils zum Ersten Advent bewusst zu werden, dass er aus unterschiedlichsten Gründen doch nicht realisierbar war. Der erste öffentliche Aufschlag sollte 2007 erfolgen. Im November publizierten wir die erste Ankündigung:

OEFFENTLICHE KUNDGABE

Erklärung der FDÄ zum Weihnachtsfest 2007

Die Vorsehung hatte im Jahre 2004 ein kleines malerisches Städtchen namens Leipzig auserkoren, die Wiege einer geradezu unglaublich wichtigen Bewegung zu werden. Die Front Deutscher Äpfel, einzig wirklich nationale Kraft, erblickte das Licht der Welt – und das Licht lächelte zurück. Drei Jahre Kampf, Spiel, Spaß, Spannung und Abenteuer auf Deutschlands hartem Pflaster, immer die Nase hart am Wind des rechtsextremen Tobowahuhu, welches die Landstriche und die Hirne verheert. Drei Jahre nichts als Erfolge, in allen Regionen folgten Massen an jungen, intelligenten und gut aussehenden Menschen unserem Weckruf. Drei Jahre schmiedete unser genialer Führer auf dem Amboss der modernen Kommunikationsgesellschaft oder wie das hier heißt, eine Elite, wie sie elitiger gar nicht auszudenken wäre! „Gesegnet ist die Zeit, die auf uns gewartet hat“ – sagte unser Führer anlässlich des großen GAU-Treffens unserer Bewegung. Und gab uns in einer sechsstündigen Rede eine Orientierung für die nächsten 250 Jahre. Doch in was für einer Zeit leben wir denn eigentlich? Richtig! In der Vorweihnachtszeit! Hiermit kündigen wir die große FDÄ-Weihnachtsoffensive an! Steh nicht abseits, der Kampf um die bunten Teller beginnt bald! Trotz langer Produktionsnächte, zahlreicher Artikelideen und viel Textarbeit scheiterte dieser Weihnachtsshop letztlich aus banalem Zeitmangel. Aber zumindest kamen dabei ein paar schöne Basteleien heraus. Das Jahr darauf sollte anders laufen. Immerhin hatten wir einen eigenen Film produziert, an dessen Distribution wir unseren ganzen Laden ausrichten konnten. Frohen Mutes kündigten wir den nächsten Weihnachtsshop an:

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OEFFENTLICHE KUNDGABE

ERKLÄRUNG DER FDÄ ZUM WEIHNACHTSFEST 2008

Liebes Volk! In langen Monaten der streng vertraulich gehaltenen Vorbereitung und Vortäuschung von Untätigkeit im Muttergau weilte nur ein Gedanke in unseren Köpfen: Die Weihnachtsoffensive 2008! Dieses unheidnische Fest, das sich scheinbar immer noch großer Beliebtheit erfreut und riesige Kaufkraft im deutschen Volk hervorzurufen vermag, macht sich die Front Deutscher Äpfel erstmalig zu Nutze und wird für die boskopistische Sache gewerbetreibend. Am ersten Dezember beginnt die Offensive mit der Eröffnung des elektronischen Versandhandels auf der Apfelfrontheimseite. Bekanntermaßen geht besonders zur Weihnachtszeit eine große Anziehungskraft und Ausstrahlung von den bildübertragenden Volksempfängern aus. Um den treuen Boskopisten und ihren Familien die wahre frohe Botschaft in die Wohnzimmer zu bringen, haben sich die Kameraden schon seit ungezählten Arbeitsstunden mit der Fertigung einer ‚Treue-Kameraden-Sammler-Edition‘ befast. Sie enthält die Kinoversion des neuen Propagandafilms, sowie andere, streng limitierte Beilagen. Erwartet in seliger Vorfreude das Große-Augen-Angebot der Apfelfront Weihnachtsoffensive! Viele spannende Produkte in unserem Sortiment, deren Erlös zu 100% direkt an die Kameraden im fünften Kriegswinter gehen wird! Kinder, Kinder, ‘s wird was geben … Frohes Julfest und geheiligte Weihnacht wünscht die Apfelfront Aber auch dieser Anlauf war zum Scheitern verurteilt: In das Büro unseres Filmemachers Frank Just wurde eingebrochen. Dabei wurden sämtliche externen Festplatten entwendet, unter anderem auch das gesammelte Roh- und Schnittmaterial von Operation Klassenfahrt.

Frontbefehl Digitales Material gehört

Nach dem erneuten Scheitern des Weihnachtsshops schlief die Leipziger Apfelfront weitestgehend ein. Dafür erwuchs im Nachfolgejahr im benachbarten Halle ein Ableger der Front Deutscher Äpfel, an den die Fackel weitergereicht wurde. Ihr ideologischer Ziehvater war der FDÄ-Aktivist Tom Rodig.

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15. JUNI 2009 Die Gründung der Front Deutscher Äpfel Halle hatte sich bereits einige Monate vorher im Geheimen vollzogen. Bis dato waren aber weder genügend Menschen im Verteiler, noch war ein Anlass gegeben für einen öffentliche Auftritt. Das änderte sich Anfang Juni 2009, als der Bildungsstreik 09 in Halle begann. Dieser stellte einen Magnet für alle möglichen freien Radikalen der politischen Sphäre dar. Als in diesem Zuge ein Vortragsprogramm organisiert wurde, war die Gelegenheit günstig, neue Mitglieder für die FDÄ zu akquirieren. Und auch ein anderer Anlass für eine FDÄ-Aktion tat sich zeitgleich auf: Der traditionelle Aufmarsch der Halleschen Nazis am 17. Juni, welcher von den üblichen Vorbereitungen zu Gegendemonstrationen begleitet wurde. Wir überredeten Alf, schon am 15. Juni zu einer Propagandaveranstaltung in einem der Hörsäle der Universität Halle zu kommen. Der Führerdarteller betrat das mittlerweile besetzte Gebäude mit den Worten: „Das ist hier besetzt? Dann ist doch auch die Hausordnung außer Kraft, oder? Dann kann ich hier ja rauchen.” Wir öffneten erste Biere und rauchten am Fenster mit Blick auf das Camp des Studierendenprotests. Alf hielt ausschweifende Reden und erläuterte die Front Deutscher Äpfel. Die Veranstaltung war gut besucht, wir waren glücklich, leicht angetrunken und hatten 40 Mailadressen gesammelt. Damit hatten wir auch genug Menschenmaterial für den 17. Juni zusammen und wir konnten sehr erfolgreich performen: Nachdem wir eine SPD-Demo in die Nähe des Aufmarschortes der Nazis geführt hatten, nahmen wir 200 Zivilisten ins Schlepptau, die mehr Lust auf Chaos als auf sozialdemokratisches ‚Bockwurstessen gegen Nazis‘ hatten, und zogen mit ihnen aufs Feld der Ehre. Genauer: In die Südstadt Halles, in der die Nazis aufmarschieren wollten. Wir stifteten massiv Verwirrung bei der Polizei und auch der Naziaufmarsch konnte an diesem Tag verhindert werden. Ein famoser Einstieg in die langjährigen Aktivitäten des FDÄ-Karree Halle.

Tom Rodig

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IDENTIFIZIERUNG UND ÜBER-IDENTIFIZIERUNG IM GESPRÄCH MIT TOM RODIG

Wie genau bist du zu Front Deutscher Äpfel gekommen? TOM RODIG Du hast mich damals zu einer FDÄ-Aktion auf einer Gegendemo mitgeschleppt. Das war eine meiner ersten Demoerfahrungen. Ich war vorher schon etwas demoaktiv gewesen, aber eher normalbeteiligt, als Latschdemonstrant. Damals habe ich die Idee in den Kopf gepflanzt bekommen, dass auch andere Formate möglich sind. Das war die Apfelfront, die neu und fresh und irgendwie spannend, ja, unbekannt war. Warst du bereits im Vorfeld politisch aktiv? TOM RODIG Politisch organisiert war ich nicht, interessiert aber auf jeden Fall. Gleichzeitig aber von Vereinen oder ähnlichen Organisationsformen nie wirklich begeistert. Die wirkten auf mich immer geschlossen und dadurch abschreckend. Mein politisches Interesse bezog sich gerade auch auf die Nazipräsenz in Leipzig, die mich echauffierte. Daher sah ich auch guten Grund, um auf die Straße zu gehen und sich damit auseinanderzusetzen. Was genau hat dich am Aktionsformat Front Deutscher Äpfel gereizt? TOM RODIG Ich hatte ein paar Demoerfahrungen, die sich auf den üblichen Aktionsradius beschränkten: Auf einer Demo rumstehen und dadurch etwas ausdrücken. Das hat zwar Symbolgehalt, reichte mir damals aber nicht. Das fand ich nicht besonders wirksam. Ich dachte mir: Nun gut, das können auch andere machen. Was die Apfelfront dann verändert hat, war eine Andersartigkeit in der Herangehensweise – man ist nicht einfach so in normalen Klamotten auf die Demo gegangen, man hat sich beinahe theatral zurechtgemacht. Man hat Kostüme angezogen. Man hat sich vorbereitet und sich Witze überlegt. Ich selbst am Anfang natürlich weniger, ich guckte eher zu. Das wurde aber im Laufe der Zeit mehr. Gerade das Sujet des ‚Dritten Reiches‘ und dessen Ästhetik hat ein gewisses spielerisches Interesse in mir geweckt, weil es am Anfang nicht selbstverständlich war und vom Publikum kritisch betrachtet wurde. Kann man darüber jetzt Witze machen oder nicht? Dann stellen sich irgendwo 30 Leute hin und tragen Armbinden. Und auch die Haltung der Leute selber war mir sehr angenehm. Also ein bisschen rotzig, ein bisschen mutig, das auch so durchzuziehen. Nicht davor zurückzuschrecken. Das war das Reizvolle an der Apfelfront – und das Fehlen dieser Haltung bei anderen Organisationsformen, die mich nicht dauerhaft politisch gebunden hätten. Welchen Eindruck hattest du von der Organisationsform? TOM RODIG Die Apfelfront machte auf den ersten Blick den Eindruck eines Verbands. Es war aber so, dass die Apfelfront schon immer befreit war von diesem Verbands-

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mief. Man hat sich nicht in einem DGB-Haus getroffen und in Seminarräumen ein Gruppenmeeting nach dem anderen gemacht. Man traf sich in einem privaten Büro, hat sich dort mit Unterstützung von ausreichend Bier in die richtige Laune versetzt und ließ sich auch nicht von irgendwelchen Redezeiten oder anderen Regelungen beeinflussen. Und es trug ja niemand einen Titel, der besonders ernstzunehmen war. Da stand der Propagandaminister neben dem Führer rum und es war ganz ersichtlich, dass das alles nur gefaked ist. Ich hab das grundsätzlich als sehr offene Geschichte wahrgenommen, weil solche Hierarchien eben nicht vorhanden waren. Es sei denn, sie seien durch – so blöd es klingt – Leistung erbracht worden: Wenn jemand gute Ideen hatte und gute Reden schwingen konnte oder die Lage strategisch gut einschätzte, dann wurde der auch gehört. Und demnach dachte ich mir: Ja gut, ich kann vielleicht auch selbst Ideen einbringen. So hatte ich zum Beispiel Ende 2007 die Idee für den Marsch auf Berlin. Das kam durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, die sich dadurch auch noch einmal verstärkte. Und je besser man sich mit dem Material auskennt, desto bessere Pointen kann man auch landen. Wer Bock hatte, etwas zu gestalten, konnte es auch sofort tun. Wer was machen wollte, hatte damit auch schon die Berechtigung dazu. Die Schnitzeljagd der Apfelfront in Leipzig fand kurz vor der Demo am 1. Mai 2006 statt und diente unter anderem auch dazu, neue Leute zu rekrutieren. Das war damals dein Erstkontakt mit uns. Wie lief das ab? TOM RODIG Die Schnitzeljagd habe ich gar nicht so sehr als FDÄ-Veranstaltung wahrgenommen, erst auf der Zielgeraden. Bei dieser Schnitzeljagd wurde man nicht stino durch ein bestimmtes Areal geschickt. Man konnte unterschiedliche Subkulturen kennenlernen, Szeneinstitutionen besuchen, an Diskussionsveranstaltungen teilnehmen. Das war auch noch mit coolen Gimmicks verbunden. Dadurch begriff ich, wie viel man auch als Mensch in jungen Jahren auf die Beine stellen kann. Und dass die Apfelfront eine recht schlagfertige Organisation darstellt. Dass man dort mit kompetenten Menschen zusammenarbeitet – was ja auch wichtig ist, um in so einer Struktur anzukommen. Und wie hast du unsere erste gemeinsame Demo in Erinnerung? TOM RODIG Sie ist mir sehr stark in Erinnerung geblieben, weil sie mir die Funktionsweise der FDÄ nochmals verdeutlichte. Auf einer Straße sollten eigentlich die Nazis aufmarschieren und es fand nun eine Blockade statt. Und wie es bei solchen Veranstaltungen so ist, gibt es auch Menschen, die eher erlebnisorientiert sind und die die Polizeikette, die dort aufgebaut war, mit Worten angriffen und versuchten, die Menge dazu zu bewegen, diese Kette zu durchbrechen. Da war die FDÄ ziemlich gut aufgestellt, da wir die einzigen waren, die ein Megaphon hatten und dementsprechend besser auf die Leute eingehen konnten als jemand, der in die Menge brüllt. Dort einfach sitzenzubleiben, war nach wie vor die richtige Lösung, anstatt Stunk zu machen und von der Polizei verscheucht zu werden. Die FDÄ als strategische Schaltstelle der Demo verfügte auch über Scouts, die in der Gegend rumgurkten und hatte deswegen auch stets gute Informationen über die Lage.

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Du hast also das strategische Mitbestimmen eines Demonstationsablaufes kennengelernt? TOM RODIG Wir haben uns – wie die anderen an der Gegendemonstration Beteiligten – mit der Naziroute auseinandergesetzt, uns die einzelnen Wege und Blockademöglichkeiten angeguckt, wie viele Bullen wohl wo stehen werden und so weiter. Das war auch notwendig. Das Aktionsformat ‚Apfelfront‘ erfordert eine gute Bühne. Deshalb mussten wir vorher auch wissen, wie und wo man am besten aufschlägt. Dort, wo die Action ist. Da, wo man die Fahne am besten in die Kamera halten kann und so weiter. Die Demo vom 1. Oktober 2006 war dein zweiter großer Auftritt. Wie hast du den in Erinnerung? TOM RODIG Wir waren mit einem Pulk an Medienvertretern unterwegs. 3sat Kulturzeit und noch andere Kamerateams waren am Start. Allerdings war es dieses Mal für uns relativ peinlich. Wir hatten ausnahmsweise eben nicht die besten Informationen und die besten Wege. Stattdessen landeten wir in einem Kessel und durften dort rumstehen. Zwar haben wir innerhalb des Kessels performt, also das übliche In-Formation-Laufen und Schabernack-Machen und die Menge bei Laune halten. Von Alf kam die Ansage, man hätte jetzt und hier die Kesselschlacht zu schlagen. Das war motivierend [lacht]. Man hatte ja wenigstens ein paar Kameras dabei, um das Geschehen für die Nachwelt festzuhalten. Das alles endete aber sehr unspektakulär mit Platzverweisen – und dann war die Nazidemo auch schon vorbeigezogen. Das war ernüchternd, aber auch irgendwie nicht schlimm, weil es halt auch mal dazugehört, dass man in die falsche Nebenstraße geht, wo man am Ende in einen Kessel landet. Aber es war auch eine sinnvolle Erfahrung, was Medienarbeit angeht. TOM RODIG Das ist das Schöne an der Apfelfront. Wenn sie anfängt, die Bildgewalt an sich zu reißen. Die Auftritte waren immer medial vermittelt und stahlen den Nazis die Show. In der Berichterstattung waren nicht sie zu sehen, sondern wir. Wir haben uns intern aber auch sehr oft darüber gestritten, inwiefern einige Aktionen einzig zur Bespaßung der Medien produziert wurden. Die Nummer für den Comedian Paul Merton 2009 war so ein Beispieleinem: in diesem Falle produzierten wir etwas für die BBC. Es kamen zwar auch ein paar Nazis vorbei, die uns einschüchtern wollten – aber ansonsten war es schon reiner Selbstzweck, oder? TOM RODIG Die Vorbereitung war ganz klar medientechnisch geprägt. Es sollte dort völlig offensichtlich ein Bild gebaut werden, um in das Format der Sendung zu passen. Man sieht in diesem Beitrag, wie Paul Merton ganz zufällig um die Ecke kommt und sich selbst sagt: „Was ist das denn? Da geh ich mal hin!“ Vorher Wenn der politische wurde auch mit dem Produktionsleiter hin und her geschrieben, der dann Gegner nicht zu Ihnen auch vor Ort die Regie übernahm und die Apfelfrontler aufforderte, grimmi- kommt, kommen Sie zum politischen Gegner! ge Gesichter zu machen und Alf, dazu eine Rede zu halten. Währenddessen wurde im Vordergrund Henry Rudolph mit seinen tatsächlich ausgezeichneten Englischkenntnissen interviewt. Das war im besten Sinne inszeniert und meiner Meinung

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nach eine ganz geile Sache, weil Paul Merton immerhin ein gewisses Standing und eine hohe Reichweite mit sich bringt. Man hatte endlich mal etwas auf Englisch, was über den Äther ging. Das zum allgemeinen Setting. Der Dreh, der aber eigentlich dabei rauskam, war unsere Aktion unter dem Titel Reiß dich zusammen, Du, NPD Du! Das war schon zu diesem Zeitpunkt ein Problem für uns, dass die NPD sich nicht wirklich clever angestellt hat – was wir ja prinzipiell gut finden, uns aber auch Performanceanlässe nimmt. Dies war dann unsere erste Aktion vor der NPD-Bundeszentrale in Berlin-Köpenick, mit vorhandener Nazipräsenz und einer anschließenden Demonstration unsererseits um den Block und an der NPD-Zentrale vorbei. Und das unter Rufen von „Schließt Euch uns an!“ – da wurde also das Narrativ nochmals bedient, dass wir die einzig wahre nationale Kraft in diesem Lande sind, und sie nichts.

Dann war es also doch nicht nur für die Medien produziert, sondern mit einer Demonstration vor dem Haus der NPD verbunden?

Frontbefehl Nutzen Sie politische

TOM RODIG Wir sind an dem Haus vorbei und haben Feindkontakt gehabt, ja. Alf trumpfte außerdem dadurch auf, dass er, als er reden sollte und wir mit Großveranstaltungen in ernster Miene lauschten, ausschließlich über Taubenzucht sprach und GeIhrer Nähe, um Mitkämpschichten von seiner Mutti erzählte. In dem erwähnten Interview mit Henry fer für Ihre Sache zu mobilisieren! Rudolph passierte im Hintergrund also reines Dada-Zeug. Alfs Aussage dazu war: „Da sieht man, wie die Medien die Realität konstruieren.“ Das war dann für uns lehrreich, den Umgang mit Medien auf diese Art und Weise zu erkennen. Eine Lektion in Wirklichkeitsbeugung.

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Im gleichen Jahr war der Bildungsstreik in Halle. Im Zuge dessen habt ihr euch als Gau Halle gegründet. Wie viele wart Ihr? TOM RODIG Der Gau Halle war zu diesem Zeitpunkt ein Zusammenschluss von 20 bis 30 Leuten, die aus unterschiedlichen, eher linksalternativen, politischen Kontexten kamen und an der Uni Halle studierten – und sich größtenteils beim Bildungsstreik 09 kennenlernten. Wir hatten keine regelmäßigen Treffen oder dergleichen, Mit wenig Aufwand sondern agierten anlassbezogen. Es gab einige Aktionen vor dem lokalen lassen sich Alltags- Thor-Steinar-Laden. Weitere Anlässe lieferten regelmäßig die ansässigen gegenstände zu rechten Burschenschaften. Es gab einige Nazidemonstrationen in Halle, gewindigen Requisiten umgestalten, die Ihre gen die wir ebenfalls ankämpften. Das klassische Feindbild der Apfelfront Auftritte bereichern. war also vorhanden. Hier haben wir auch ein neues Aktionskonzept auf die Beine gestellt, die Fahradstaffel: Fahrräder wurden ähnlich der Symbolik des Afrikakorps der Wehrmacht geschmückt: Mit einem Apfel in der Mitte einer Palme versehen. Die Fahrräder erlaubten uns einen hohen Grad an Flexibilität auf Demonstrationen. Außerdem war es geil, auf Fahrrädern mit dem „Ritt der Walküren“ über die Megaphone an Polizeiketten vorbeizuradeln. Von Halle aus entstand auch der Kontakt nach Ungarn, als Robin May erstmalig nach Budapest aufbrach, um dort Armin Langer, den Begründer der Ungarischen Knoblauchfront, kennenzulernen.

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Was mich nochmal speziell an Halle interessiert: Es ist nicht nur eine schöne Geschichte, wie das FDÄ-Konzept von Leipzig aus weitergetragen wurde. Gerade in Halle gab es aber auch große Auseinandersetzungen mit Menschen, die sich als Apfelfrontler begriffen, die wir aber gar nicht kannten. Die solche Posten wie Gauleiter etc. sehr ernstnahmen, eigentlich schon zu ernst. TOM RODIG Ja, das ist richtig. Wir hatten uns nach unserer Gründung ganz blauäugig den Namen Gau Halle gegeben. Als wir erstmalig in Erscheinung traten, die ersten Presseberichte folgten und auch andere Leute mitbekamen, dass da Sachen unter

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dem FDÄ-Label passieren, haben wir gemerkt, dass vor allem Leute aus Magdeburg darüber ganz und gar nicht begeistert waren. Ich hatte dann Mailkontakt zum ‚Gauleiter‘ Sachsen-Anhalts aufgenommen, der monierte, dass wir uns Gau nennen würden, was uns als Stadt ja gar nicht zustünde. Wir sollten uns ‚Kringel‘ nennen. Außerdem wurden wir angewiesen, unser gesamtes Material in die Gauhauptstadt zu überführen, dort könnten wir dieses auf Anfrage dann wieder leihen, sofern wir es für Aktionen bräuchten. Eine andere Ansage erreichte uns zwei Jahre später, 2011. Ich kann das mal kurz vorlesen: „Ich habe gestern Abend mitbekommen, wie ihr neues Bildmaterial auf DeineRöhre hochgeladen habt. Nun ist mir aufgefallen, dass ihr ja euren eigenen Kanal dort eröffnet habt, obwohl die gesamte Apfelfront dort bereits einen besitzt, der von Niedersachsen verwaltet wird. Nun, da ich und die Gauleiter aus Hessen und Niedersachsen versuchen wollen, die Apfelfront wieder zu zentralisieren“ – man achte auf die Wortwahl! – „sprich: versuchen wollen, alles wieder auf die Hauptseiten, wie Apfelfront.de und den Apfelfront-Kanal zu konzentrieren, bitte ich Euch, die Videos wieder zu entfernen und sie an uns zu übermitteln.“ Solche albernen Debatten verfolgten uns über Jahre.

2009 erschien ein kritischer Artikel von Sebastian Brux beim NPD-Blog mit dem Titel „Heil Hitler“ darf ich doch als Linker sagen! oder? In diesem Artikel kam Brux auch auf die FDÄ zu sprechen und meinte sinngemäß, die FDÄ hätte ihre Aktivitäten zu dem Zeitpunkt einstellen müssen, als der erste Schüler mit unserer Armbinde über den Schulhof gelaufen ist. Hier klang ein Vorwurf an, den wir ja über die Jahre öfter gehört haben: Dass wir mit der Apfelfront den eigenen kleinen Hitler in uns ausleben würden. Wenn man sich die Beispiele oben anguckt, kann man das ja auch nicht so ganz von der Hand weisen, oder? Wir haben es ja auch nie geschafft, zu diesen Leuten durchzudringen. Auch nicht nach etlichen Erklärungen, dass wir nicht wirklich so etwas wie eine Gaustruktur besitzen würden. TOM RODIG Vielleicht gibt es da zwei Ebenen. Zum einen: Ja, es gab häufiger den Vorwurf des Kostümfaschismus. Ich habe selbst aber nie mitbekommen, dass massenhaft Leute angefangen hätten, faschistisches Gebaren unter unserem Label auf die Straße zu bringen und glaube auch nicht, dass Faschismus durch das Tragen einer satirischen Armbinde seine Kraft entfaltet. Ich glaube nicht an irgendeine mystische Magie, die dem Faschismus innewohnen würde und gerade junge Leute reihenweise einem charismatischem Führer verfallen lässt. Faschismus lebt immer von einer bestimmten Erklärung der Welt. Das es sich dabei um eine absolut barbarische und gleichzeitig absolut konsequente Sicht handelt, fällt dabei meist zu wenig ins Gewicht. Zum anderen sind wir Künstler und müssen daher auch damit rechnen, dass unser Werk missverstanden wird, also nicht gemäß unserer Intention. Es gibt eben auch Leute wie diese Magdeburger damals, die tatsächlich anfingen, so eine Vereinsmeierei zu betreiben. Das ist nicht zu verwechseln mit: Die wollten eine Kameradschaft hochziehen. Die nahmen das halt sehr ernst und wollten die Wirksamkeit der Apfelfront erhöhen, indem sie sie zentralisierten und konzentrierten. Und sie mochten vielleicht auch mal ihren Anteil vom großen Fame-Kuchen abhaben, bundesweite Erfolge vorweisen usw. Die Leute, über die wir reden, waren ja auch teilweise aktiv bei der Grünen Jugend, den Jusos etc. Das waren schon Demokraten und sie sahen die Apfelfront auch als Mittel, um gegen Antidemokraten vorzugehen.

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Nun hatten sie aber leider die Apfelfront etwas falsch verstanden, weil es sich bei ihr im Grunde eben nicht um eine Organisation handelt, sondern um ein Aktionsformat und dementsprechend auch die Devise gilt: Wer etwas machen will, soll etwas machen – und kann damit die Früchte des Erfolges ernten. Wenn jemand auch mal persönlich Gewinn aus einer solchen Aktion zieht: Warum nicht – wenn es ihn dazu bringt, weiter gegen Nazis aktiv zu sein. Ich würde solche Leute nicht als verkappte Nazis bezeichnen. Die nehmen einfach den vereinsmeierischen Organisationswillen zu ernst. Auf jeden Fall zu ernst für unseren Geschmack. Dafür sind wir unter uns einfach zu egalitär, als dass für so etwas Platz wäre. Es gibt ja glücklicherweise nicht allzu viele ähnliche Beispiele in der Geschichte der Apfelfront. Die meisten haben das Format verstanden. Ich muss aber trotzdem nachhaken: Die These von Brux war ja letztlich, wir hätten aus Versehen ‚Die Welle‘ losgetreten und sollten deswegen das Format einstampfen. Aber wenn eure Aktionen vom irgendeinem ‚Gauleiter‘ als unwichtig abgestraft werden und euch befohlen wird, euch in diese Struktur einzugliedern: Ist der Vorwurf einer protofaschistischen Denke wirklich so fern? TOM RODIG Da schwingt auf jeden Fall ein autoritäres Moment mit. Aber wenn man das denn so bezeichnen will, dann ist es auch nicht protofaschistischer als es bei den Jusos ist [lacht]. Ich habe über persönliche Kontakte auch Einblick in solche Strukturen bekommen und da gibt es eben auch Karrieristen. Was da allein schon auf Landesebene in Sachsen-Anhalt an teilweise dreckigen Angriffen gegen Mitglieder der eigenen Organisation gefahren wurde ... Und auch autoritäre Maßnahmen von wegen „Ihr macht das so NICHT, weil das der höheren Sache schadet“ – dieses Moment findet man lustigerweise in allen möglichen Gruppen. Und es hat sich eben auch bei der Apfelfront wiedergefunden. Weil man meinte zu wissen, wie der Laden zu laufen habe und entsprechend lauthals Forderungen gestellt hat. Wir haben uns davon aber nie beeindrucken lassen. Insofern würde ich bei meiner These bleiben. Autoritäres Gebaren: Absolut. Das ist uns auch immer übel aufgestoßen. Wir haben uns aber dagegen immer verwehrt und tun das seit Jahren auch erfolgreich. Zum Abschluss: Wie siehst du die Zukunft der Apfelfront? TOM RODIG Abgesehen von einer rauschenden Feier des zehnjährigen Bestehens denke ich, dass viel Potential im europäischen Gedanken der neuesten Entwicklung der Apfelfront liegt. Es ist noch viel Luft nach oben. Das Beispiel der Ungarischen Knoblauchfront hat gezeigt, wie sich unser Konzept in andere nationalstaatliche Narrative übersetzen lässt. Und das lässt sich garantiert auch anderswo wiederholen. Es gibt auf dieser Erde definitiv genug Nationalkonstrukte, die man mit unserer Strategie angreifen kann. Als nächstes retten wir also Europa – und dann den Rest der Welt.

Das Gespräch führte Max Upravitelev

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Depesche: Selbstermächtigung zur Gaugründung 2010 Depesche aus dem Büro des Heiligen Führers, Führerhauptquartier Betreff: Selbstermächtigung zur Gaugründung

Kameraden und Hausfrauen, nach nunmehr sieben Jahren harter Arbeit an der boskopistischen Machtübernahme können wir, die Front Deutscher Äpfel, auf große Werke, auf ganz und gar heldenhafte Taten, zurückschauen. Bekannt wie bunte Hunde treiben wir das Fallobst, die Medien und die ganze Soße im Schweinsgalopp vor uns her. Das braune Mus erzittert, jeder Redakteur geifert nach den weisen Worten des heiligen Führers. Jene Recken und Reckinnen, die diese große und gute Bewegung so groß und gut gemacht haben, seien vom Führer gesegnet bis in die neunte Generation ihrer Söhne. All ihr, die ihr so fleißig Blut und Schweiß gelassen habt, fühlt euch mit Dank und Ehre überschüttet. Aber haltet ein! Bevor ihr feierfreudig der Apfelkornfl asche anheimfallt, denkt an die Tage, die noch kommen und die Schlachten, die noch gewonnen werden müssen. Denn unsere Bewegung ist in keinem Falle so groß, wie sie sein könnte. So immens, wie sie über Jahr und Tag gewachsen ist, soll das hier und jetzt nur eine kurze Zwischenstation zu Weltmacht und Weltruhm sein. Ihr Wachstum muss sich weiterhin exponentiell beschleunigen! Daher ruft der Große, Heilige, Unfehlbare Führer den Vierjahresplan zur Machtergreifung aus. Dieses ambitionierte und darum richtige Vorhaben ist der persönliche Wunsch des Führers. Er ruft dazu alle bereits etablierten und alle potentiellen Erfüllungsgehilfen auf, sich in die Startlöcher zu begeben, um folgende erste Maßnahmen des boskopistischen Meisterplans umgehend umzusetzen: Es wird eine Rückbesinnung zu den alten, ursprünglichen Werten der Apfelfront befohlen, jenen Ideen, die unsere glorreiche Bewegung so groß und mächtig gemacht haben: Das Prinzip der Selbstermächtigung gilt als das zentrale Ordnungsprinzip. Es muss erneut öffentlich ausgesprochen und betont werden, um baldig einen zügellosen Obstansturm zu entfesseln. Der ganzen Welt muss die naturgemäße Notwendigkeit vor Augen geführt werden, dass das

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Schicksal selbst es vorherbestimmt, an der national-boskopistischen Revolution teilzunehmen. Um diese Annektierung von Menschenmaterial zu erreichen, muss das Volk Anknüpfungspunkte haben, muss schnell und zielgenau die Tätigkeit aufnehmen können, muss mit offenem Schoß empfangen werden. Es ist der Wille des Führers, dass dazu umgehend die vollständige Aufhebung der Gau-Struktur erfolgt. Angelehnt an die Tradition der Altgermanen, Vandalen und Hottentotten (Deutsche Äpfel auch aus dem Kongo!) wird hiermit die Autonomie frisch geschmiedeter Neuboskopisten gestählt. Die (Traditions-)Gaue sind somit formal den neugegründeten Gruppierungen, deren Form und Benennung ab nun den Gauen gleichgestellt (respektive Kringeln, Landsapfelschaften, Freigauen oder wie auch immer – nennt euch doch, wie ihr lustig seid). Natürlich sollen altgediente Recken und Reckinnen der Sache durch erfahrenen Rat, organisatorischen Überblick und einer Menge Kriegsverletzungen zum Zeigen weiterhin gut zuarbeiten. Altgediente sind freilich vorgemerkt für gutbezahlte Bauchkraul-Pöstchen, Mittel sind für die Zeit nach der boskopistischen Revolution bereitgestellt. Damit kann die Machtübernahme kommen. Beschwerden, Hinweise und ‚konstruktive Verbesserungsvorschläge werden vom Amt für Befehlsverweigerung aufgenommen (netzmeister@apfelfront.de).

Nationaler Boskopismus – jetzt, jetzt, jetzt. Auf die kommenden 994 Jahre! i.A. Hl. Führer der Front Deutscher Äpfel

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Leipziger


22. JULI 2005 Der Marsch auf Berlin war Ausdruck einer Debatte, die innerhalb der Leipziger Apfelfront bereits seit einigen Jahren vor sich hin brodelte: Die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Kunst. Gemeinsam mit unserem Film Operation Klassenfahrt deutete diese Aktion bereits die zukünftigen Entwicklungen an. Der vordergründig an politischer Intervention interessierte Flügel sah keinen Anlass mehr, die Apfelfront überhaupt am Leben zu erhalten. Schließlich sei die eigentlich intendierte Schockwirkung ohnehin nicht mehr möglich. Die Apfelfront als provokantes Aktionsformat auf Demonstrationen war eigentlich Geschichte. Der eher an der Inszenierung interessierte Flügel entfernte sich ebenfalls vom ursprünglichen Aktionsformat und begann, sich verstärkt und allgemein mit künstlerischen Mitteln auseinanderzusetzen. Das ursprüngliche Format wurde letztlich zu einem Mittel unter vielen. Die ersten Berührungen mit subversivem Kunstkontext erfolgten für die meistens von uns mit der ABC-Ausstellung von Alain Bieber im Sommer 2005 in Berlin. Dort waren wir erstmals im Rahmen einer Ausstellung zu sehen – oder besser gesagt: außerhalb. Unsere Aufgabe war es, als Front Deutscher Äpfel in Berlin Mitte aufzumarschieren. So sollte einerseits auf die Ausstellung hingewiesen werden – und andererseits auf uns. Das fanden wir natürlich super und sagten gern zu. Die Ausstellung war auch das erste Mal, dass uns in voller Konsequenz klar wurde, dass auch die Apfelfront nicht nur einen realpolitischen, sondern auch einen künstlerisch-historischen Entstehungskontext hat und welcher künstlerischen Mittel sie sich eigentlich bedient. Alain versammelte im Rahmen der Ausstellung weitere Beispiele, die sich diesen Mitteln zuwandten und zumindest wesensverwandt zu uns schienen. Durch diese Ausstellung verschob sich zum ersten Mal unser eigener Fokus auf die Tätigkeit der Apfelfront: Von nun an war die FDÄ nurmehr ein weiteres Beispiel gelungener Interventionsarbeit. Und es gab noch viel zu entdecken. Wir waren beflügelt.

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DIE GESCHICHTE, WIE ICH DIE POLIZEI EINMAL PERSÖNLICH DURCH MEINE AUSSTELLUNG FÜHRTE Alain Bieber

Ich erinnere mich noch ganz genau: Es war eines meiner ersten Ausstellungsprojekte, eine Gruppenausstellung mit den Namen THE ABC. Zur Semiotik des Widerstandes und fand vom 22. Juli bis 19. August 2005 im Berliner Projektraum Neurotitan statt. Es gab Filme, Workshops, Lesungen, Performances und Werke von Künstlern wie 0100101110101101.ORG, Hans Bernhard/ubermorgen.com, Influenza, Matt Siber und der Front Deutscher Äpfel zu sehen. „Die Ausstellung fragt nach alten und neuen Widerstandsformen, es geht ihr um Dada und Situationismus wie auch um Urban Art oder Culture Jamming“, schrieb damals die Tagezeitung taz. „In Zeiten, da das Reale und das Symbolische auf vertrackte Weise interagieren, wird vor allem auf die Macht der Zeichen geschaut.“ Es ging mir darum, zu zeigen, dass uns in diesem Reich der Zeichen, die uns täglich aus allen Kanälen entgegenströmen, eine künstlerische und politisch-aktivistische Möglichkeit des Widerstandes in der Rückeroberung der Zeichen bzw. in der Produktion eigener Zeichen liegt. Am Beispiel der Front Deutscher Äpfel bedeutet dies zum Beispiel, auf der Ebene von Symbolen zurückzuschlagen, da diese mit ihrer Optik und ihren ironischen Forderungen das Terrain neu bespielen. Ich war damals schon ein großer Fan der Theorien und Beispiele des Handbuch der Kommunikationsguerilla und suchte aktiv nach Künstlern und Gruppierungen, die sich an eben dieser Schnittstelle von Kunst, Politik und Kommunikation/Sprache/Symbolik bewegen. Zur Eröffnung der Ausstellung sollte die FDÄ eine partizipative Performance realisieren, geplant war ein ‚Heil-Boskop-Marsch‘ im Viertel. Pünktlich und in voller Montur – schwarze Kleider, Fahnen, und die berüchtigte rote Armbinde mit dem schwarzen Apfel – erschienen rund ein halbes Duzend Vertreter der Front, gemeinsam mit einigen anwesenden Künstlern am ausgemachten Treffpunkt. Der Marsch begann, Alf

Thum propagierte als Rädelsführer einige Slogans wie „Südfrüchte raus“ – und in kürzester Zeit, vielleicht gerade einmal zehn Minuten später und ein paar Häuserblocks weiter, stoppte uns bereits eine aufgeregte Polizeistreife. Deren erste Mutmaßung: Hier hat sich eine Gruppe Nazis spontan versammelt und marschiert auf das Brandenburger Tor zu. Dann das juristische Problem: Wir hatten keine offizielle Genehmigung, wir hatten die Demonstration nicht angemeldet. Wir erklärten dann den Ordnungshütern, dass es sich um ein Kunstprojekt im Rahmen einer Kunstausstellung handelt. Unsere Personalien wurden aufgenommen und im Anschluss wollte die Polizei noch gerne die Ausstellung sehen und die weiteren Ausstellungsstücke begutachten. Und so führte ich die Polizei, kurz vor der offiziellen Eröffnung, durch die Ausstellung, erklärte ihnen das Konzept und konnte sie davon überzeugen, dass es sich hier um zeitgenössische, engagierte Kunst handelte – und keine verfassungswidrige Agitation stattfindet. Ich war natürlich stolz. Es fühlte sich nach einem gelungenen Auftakt an. Und so eine Aktion war natürlich auch gute Werbung für die Ausstellung. Und was die FDÄ an diesem Tag lernte, war, dass die Narrenfreiheit, wenn man sich im Kunstkontext bewegt, viel größer ist als im politisch-aktivistischen Milieu. Man spürte damals förmlich das Aufatmen der Ordnungshüter, die zu denken schienen: „Zum Glück keine Autonomen bzw. Nazis, sondern nur ein paar durchgeknallte Künstler.“

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DAS SUBVERSIVE POTENTIAL DER APFELFRONT LINNÉA MEINERS IM GESPRÄCH MIT TOM RODIG UND MAX UPRAVITELEV

Der geliebte Führer der Front Deutscher Äpfel hat bei seiner Kultur- und Kriegsministerin Linnéa Meiners ein Dossier in Auftrag gegeben, um den Begriff der Subversion anhand seiner Bewegung ein für alle Mal zu klären! Subversion ist ein viel diskutierter Begriff und wird in diesem Text nicht vollständig geklärt werden können. Dennoch ist der Versuch der Einordnung der Front Deutscher Äpfel in dieses – gerne übertheoretisierte – Feld durchaus wichtig, um auf die Schlagkraft einer satirischen Bewegung eingehen zu können. Das Wort Subversion stammt vom lateinischen ‚subversio‘. Die ursprüngliche Bedeutung ist die des Umkehrens und Umstürzens, im Speziellen in Bezug auf den Ackerbau, wo Samen nach dem Umgraben mit Erde bedeckt werden (so ganz lapidar das Historische Wörterbuch der Philosophie). Hier finden wir auch den eindeutig positiven Wortursprung, da ein Samen bei umgehobener Erde zwar zunächst nicht mehr sichtbar ist, jedoch in anderer, gewachsener Form – als Keimling – wieder auftaucht. Was die heutige Verwendung angeht: Der Begriff hat sich entwickelt und beschreibt, ganz grob gefasst, eine Tätigkeit, die die bestehende staatliche Ordnung untergräbt, ohne dies auf den ersten Blick erkennen zu lassen. Sie ist also eine Form des Widerstandes, der politische Verhältnisse zu ändern sucht. Ausgehend vom Ursprung des Wortes zeigt sich, dass der gesellschaftspolitische und ökonomische Widerstand mit dem Wiedererwachsen bestimmter Ideen kombiniert ist. Das Verständnis von Subversion wandelte sich allerdings mehrfach und ist demnach in verschiedenen Kontexten unterschiedlich konnotiert. Der Literaturwissenschaftler Thomas Ernst spricht von vier Bedeutungskategorien, die sich für ‚Subversion‘ seit Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt haben.

Die erste Kategorie, der Begriff der „politisch-revolutionären Subversion“, bezieht sich auf die Fremdbenennung von Gruppierungen durch die Staatssicherheitsdienste zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Sicherheitsdienste nahmen dabei Bezug auf Gruppen, die revolutionäre Ziele gegen das herrschende System mit Gewalt oder Massenprotesten durchsetzen wollten. Wer so gegen die bestehende Ordnung handelte, war aus ihrer Sicht subversiv. Bei der zweiten Kategorie handelt es sich um den „minoritären“ oder auch „UntergrundBegriff der Subversion“. Dieser geht davon aus, dass von der Lesen! Thomas Ernst Gesellschaft diskriminierte Min- u.a. (Hg.): SUBversion. derheiten durch ihre anderen Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Lebensweisen und/oder Slangs Gegenwart, Hamburg: gesellschaftliche Strukturen transcript Verlag 2007. von Grund auf ändern können. Der „dekonstruktivistische Subversionsbegriff“, die dritte Kategorie, steht im Gegensatz zum minoritären Begriff der Subversion: Hier wird davon ausgegangen, dass die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen erst durch vorheriges, aktives Aufbrechen von Diskriminierungsmechanismen möglich ist. Die vierte Kategorie ist der „künstlerischavantgardistische Begriff“ der Subversion. Dieser bezieht sich auf die Bildung einer künstlerischen Avantgarde, welche Anfang des 20. Jahrhunderts zuerst in der Form der DADA-Bewegung und des Surrealismus auftrat und sich über die Situationistische Internationale ab den 1950er Jahren bis hin zu aktuelleren Ansätzen der Kommunikationsguerilla entwickelte.

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Und mit dem Begriff der künstlerisch-avantgardistischen Subversion kommen wir der Front Deutscher Äpfel schon näher. Auf welche Weise bewegt sich die Front Deutscher Äpfel im Spannungsfeld von Politik und Ästhetik? Franziska Schößler, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an


der Universität Trier, hat hierfür ein hilfreiches Modell parat. Sie unterscheidet mehrere Stufen, die zwischen den Polen Ästhetik und Politik verortet sind. Die Stufe, die am nächsten am Pol der Politik zu finden ist, ist die des realen politischen Eingreifens. Dies geschieht durch organisierte politische Aktionen und das Begehen von Tabubrüchen, um Kritik an etwas kundzutun. Die nächste Stufe in Richtung der Ästhetik ist die der Fusion von Leben und Kunst. Damit ist ein stark an die ersten Avantgarde-Bewegungen angelehnter Begriff gemeint, nach welchem die Autonomie der Kunst gegen ihre Verwendung im gesellschaftlichen Alltag eingetauscht wird. Kunst-Orte öffnen sich den Praktiken des Alltags und verändern durch Alltagsnähe strukturell die Wahrnehmungen der Öffentlichkeit. Die dritte Stufe, welche sich innerhalb des Spannungsfeldes zwischen Politik und Ästhetik noch näher in Richtung Ästhetik bewegt, ist die Subversion als Institutionsreflexion. Auch hier kann Bezug zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts genommen werden, die Kunst als autonome Institution innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft begriff und diese wiederum zum Gegenstand ihres eigenen Schaffens machte. Diese Art der Reflexion kann auch auf andere Institutionen übertragen werden. Die Stufe, die in nächster Nähe zur Ästhetik steht, ist die rein immanent-ästhetische Subversion, also subversive Ausschreitung innerhalb eines begrenzten Raumes, dem der Ästhetik. So kann zum Beispiel der spielerische Umgang mit Zeichen oder Sprache durch das Auslösen von Irritationen innerhalb der Institution Kunst subversiv sein. Es geht um Zeichenspielerei, die Aufnahme von Codes und deren Umkodierung und natürlich auch um das Überschreiten der Grenzen zumeist bürgerlicher Mimosen. Spielräume werden auf überraschende Weise ausgelotet und Menschen durch scheinbar eindeutiges Auftreten irritiert und aus dem Alltag gerissen. Ein Anlass zum Nachdenken, könnte man sagen. * * *

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Diese noch recht abstrakten und skizzenhaften Ausführungen sollen nun durch eine Diskussion über die verschiedenen Ausführungen und Selbstverständnisse der Apfelfront mit konkretem Inhalt gefüllt werden. Dafür stellen sich Tom Rodig (Generalstabsadjutant des Führers), Max Upravitelev (Herausgeber dieses Bandes und Propagandaminister), und meine Wenigkeit, Linnéa Meiners (Kultur- und Kriegsministerin) einer Befragung der REICHSABTEILUNG FÜR AUSGEARTETE KUNST. Was ist die Apfelfront überhaupt? Wir haben uns intern auf ‚Aktionsformat‘ geeinigt – vor allem wohl deshalb, weil der Begriff in etwa so vielsagend ist, wie ‚Feature‘ im Radiojournalismus. Könnte man den Begriff enger fassen? Was sind wir denn – ein Fake? Eine Strategie der Überidentifizierung? Straßentheater? TOM RODIG Die Apfelfront war schon immer ein Hybrid, oder wohlklingender: ein Bastard. Wir haben uns nie eine Beschränkung auferlegt, die uns davon abgehalten hätte, bestimmte Formate beizubehalten und auf andere zu verzichten. Zumindest keine formalen. Natürlich muss das Format auf den Zweck passen, es muss mit einer bestimmten Form auch konkreter Inhalt reflektiert werden. Wenn ich mich recht erinnere, enthielt das Handbuch der Kommunikationsguerilla, das sich in unseren Köpfen als ‚FDÄ-Zettelkasten der Aktionsformate‘ über die Jahre zusammengesetzt hat, immer eine Vielzahl an Optionen. Natürlich faken wir. Natürlich ist die Rhetorik (deren Inhalt nun mal aus doofen Obstanalogien besteht) eine Strategie der Überaffirmation. Natürlich waren wir auch immer mit theatralen Mitteln bewehrt. Wenn ich nach einer Klassifizierung gefragt werden würde, müsste ich sagen: Wir faken Nazis auf formale Art, indem wir überaffirmierende Stücke auf der Straße aufführen. Kommen wir zu den Kategorien von Schößler. Inwiefern greift die Apfelfront direkt ins das politische Geschehen ein?

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MAX UPRAVITELEV Geht man vom natürlichen TOM RODIG Lasst mich kurz etwas einwerfen: Habitat der Apfelfront aus, dann greift die Wir sollten die Apfelfront eher als Projekt seApfelfront in erster Linie in das Demonstra- hen, das sich einer vorhandenen Wahrnehmung tionsgeschehen ein. Damit ist sie eine direkte bedient, nämlich der des ‚Dritten Reiches‘ und politische Intervention. seiner Würdenträger, Farbcodes etc. Wir greifen auf eine alte Sehgewohnheit zurück TOM RODIG Allerdings gehen die Aktivitäten und schaffen nichts genuin Neues, so wie es die der Apfelfront mittlerweile über das reine The- Avantgarden mit ihrer Aufhebung bezwecken ater auf Demonstrationen hinaus. Gingen sie wollten. Ist die Apfelfront damit eigentlich schon immer. Wie wir aus einem Manifest der Avantgarde? FDÄ entnehmen können, rühmte sie sich schon früh ihrer Fähigkeit, besonders gut informiert MAX UPRAVITELEV Darüber kann man streiten. zu sein, und gleichzeitig das lauteste Organ zu Ich glaube, das Aufbrechen von gewohnten haben (ein Megaphon). Diese Kombination ist Rezeptionsmustern war bei den historischen auf jeden Fall schlagkräftig, damit lässt sich Avantgarden eher Mittel zum Zweck, nicht entscheidend in den Demoverlauf eingreifen Hauptziel. Das gilt meines Erachtens auch für und auch politische Intervention betreiben. Wir neue Sehgewohnheiten. wissen alle, wie heiß die ‚gelaufenen Nazi-MeJedenfalls kann man die Apfelfront durchaus ter‘ am Ende zusammengerechnet werden. Ideal mithilfe der Debatten um die für uns: 0 Meter. Avantgarden leichter einordnen. Arbeiten Sie mit promiDarüber hinaus hat die FDÄ sich spätestens Es gibt ja auch sehr eindeutige nenten Farbmustern. ab 2008 auch dem Medium ‚Spiel/Propaganda- Bezüge. Alf Thum hat die Stra- Das Spiel mit SchwarzWeiß-Rot funktioniert Film‘ verstärkt angenommen. Der Film Marsch tegie immer mal als das Beibe- auch deshalb, weil auf Berlin zeigt einen abgehalfterten Führer- halten der äußeren NS-Form die Kenntnis dieser Darsteller, der mit nicht-ironischen, ungebro- und das Ersetzen der inhaltli- Kombination überall auf chenen politischen Analysen um sich wirft. Das chen Schlüsselbegriffe durch der Welt vorausgesetzt werden kann. ist vielleicht nicht die „Politische Intervention“ Obst-Dada bezeichnet. Außerdie Schößler meint. Ehrlich gesagt finde ich, dem steht im ersten Manifest sogar direkt: „Wir dass es sehr, sehr schwierig ist, den Begriff sind Situationisten!“. Ob das eine tatsächliche ‚Intervention‘ so eng zu fassen, weil auch ein historische Selbsteinordnung darstellt oder YouTube-Video durchaus in die Richtung ‚Inter- eine weitere (selbst-)ironische Ebene, sei mal vention‘ gehen kann. dahingestellt. Auf jeden Fall finden sich viele eindeutige Referenzpunkte, die einen Vergleich Ist die Apfelfront als Beitrag zur „Fusion nahelegen. von Leben und Kunst“ im Sinne von Bürgers Das Verschwimmen der Gren- Beschäftigen Sie sich ze von Kunst und Lebenspraxis mit Theorie und Praxis Theorie der Avantgarde zu begreifen? kann man aber auch in einem von Dadaismus und Situationismus. Sie sind MAX UPRAVITELEV Könnte man den Begriff ‚Fu- sehr kritischen Sinne interpre- keinesfalls nur historision‘ im Sinne von Peter Bürgers Theorie der tieren: Es gab im Laufe der Jahre sche Inspirationsquellen: Avantgarde auch durch “Aufhebung von Kunst- tatsächlich immer wieder Aktive Ohne die Vorarbeit und Lebenspraxis” ersetzen? Diese Beschrei- in der Apfelfront, die offenbar dieser Bewegungen wäre zum Beispiel die Front bung ist besser geeignet, da sie das Prozesshaf- Kunst und Realität nicht mehr Deutscher Äpfel nicht te dieses Vorgangs betont. Ein Prozess, der aus auseinander halten konnten denkbar. gesellschaftstheoretischer Perspektive inner- – denen man ernsthaft erklären halb der heutigen politisch-ökonomischen Ver- musste, dass wir nicht wirklich so etwas wie eine hältnisse nur eine zielgebende Norm sein kann, hierarchische Struktur haben, dass das alles nur deren Verwirklichung bisher nicht erfolgt ist. Show ist. Leute, bei denen man nicht wusste,

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ob sie sich in ihrem Privatleben auch als „Gau- Allerdings ist es heikel, etwas als immanent-äsleiter“ vorstellen. thetisch anzusehen, wenn es doch so viel GeAber natürlich handelte es sich dabei immer bundenheit in der Historie hat. Deshalb würde nur um Einzelfälle, es war zu keinen Zeitpunkt ich sagen, dass es schwierig wäre, wenn man die so, als hätten wir ‚Die Welle‘ losgetreten. Diese Zeichen komplett sich selbst überlassen würde. Menschen haben einfach nicht begriffen, dass die Apfelfront ein Kunstkollektiv und keine Ver- TOM RODIG Wir haben schon immer kritisiert, Nazis nur per Augenschein („Aha, eine Bomberbandsstruktur ist. jacke“) als Nazis zu identifizieren. Denn dann Wird anhand dieses Aktionsformats die autovergisst man, sich mit der Ideologie der Nazis auseinanderzusetzen. Die Apfelfront bedient nome Institution Kunst reflektiert? sich dieser Ideologie, oder legt sogar offen, MAX UPRAVITELEV Auch hier würde ich vor- wie stark und auf welche Weise die Symbolik schlagen, die Apfelfront als Post-Dada, als an- des ‚Dritten Reiches‘ in die Wahrnehmung der gewandten Dadaismus, zu bezeichnen. Die Ins- Menschen eingebrannt ist. Beispielsweise lässt titution Kunst wird nicht nur reflektiert, sie wird sich mit Apfelfrontfahnen schon aus der Ferne ausgenutzt und dient der Selbstermächtigung: sowohl für die bürgerliche Mitte als auch für „Wir dürfen das jetzt machen, weil: Das ist Kunst. linke Kreise ein Gefühl der BeAlso lassen Sie uns jetzt gefälligst durch, Herr drohung erzeugen. Obwohl es Jedes Zeichen hat seine Wachtmeister!“ sich ja nur um eine rote Fahne Ursprünge und löst – ob mit weißem Kreis handelt, in Sie es wollen oder nicht – bestimmte Assoziationen Was leistet die Apfelfront im Bereich der dem etwas Schwarzes, Unre- und Reaktionen aus, die immanent-ästhetischen Subversion? gelmäßig-Hakeliges abgebildet Sie nie vollständig und ist. Wir waren immer gegen die im Vorfeld kalkulieren MAX UPRAVITELEV Ich denke, vor allem das Be- Konzentration auf diese Labels. können. kenntnis zu Spiel und Improvisation mit Codes Wir sind quasi gegen Nazi-Lookism von Seiten und Zeichen. Alles ist freigegeben. Es darf sich der Bürger und Linken. Wenn die Apfelfront ihr überall bedient werden, um etwas Neues zu Logo verwendet, kann sie meines Erachtens das kreieren. Zeichen selbst korrumpieren. Und der Effekt: Die Leute müssen stärker nachdenken, was die Die ästhetische Wahrnehmung der FDÄ ge- Nazis eigentlich zu Nazis macht. schieht zuallererst durch den historischen Kontext der Symbolik. Die Farben Rot, Schwarz und TOM RODIG Ja! Voll und ganz. Man denke an die Weiß, die Armbinde, das Motiv im weißen Kreis wirklich ernsthaft verwirrten alten Leute, die sind Zitate der nationalsozialistischen Symbo- Alf mal ein Bein gestellt haben. Ich kann mich lik. Das ist der Raum der Ästhetik, in dem sich zudem an eine Szene in Halle erinnern, bei der die FDÄ abspielt. Das Aufgreifen und Spielen mit wir wirklich fies von einer ziemlich jungen Frau der Konnotation, die der Apfel birgt, provoziert angequatscht wurden. Die meinte zu uns, wir dort. Es gibt viele Ebenen, die hier aufgegrif- sollten uns mal neue politische Aussagen ausfen werden: Der Nationalsozialismus vor und denken! Wir seien ja wie die Anderen. Da war während des Zweiten Weltkriegs, die (nicht ich selbst auch verwirrt, insbesondere weil wir unbedingt öffentliche) Weiterverwendung der ja eigentlich so gar nicht wie „die Anderen“ sind. Farben und Formen innerhalb nationalsozialis- Und absolut: die rot-schwarz-weiße Farbcodietischer Strukturen nach 1945 und deren Wie- rung erschreckt jeden ‚anständigen Deutschen‘. deraufgreifen durch Satire. In diesem Verbund Vielleicht ist es sogar wichtig, dieses Moment steht die Ästhetik im Vordergrund und hat eine zu bedienen. neu zusammengefügte Aussage.

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Ich gebe dir da absolut Recht. Es gibt ein Ver- Intervention sprechen. Die Apfelfront wurde im wirrungsmoment, wenn man in der (durchaus Laufe der Zeit zu einer Institution, die ein Stück adretten) Farbkombi auf der Straße rumrennt. weit genauso wie die Nazis, Polizei, Medien etc. Allerdings würde ich nochmal ein paar Sachen zum zu erwartenden Spektakel einer Demo dadifferenzieren und überlegen: Wer wird irritiert zugehört. Wenn wir tatsächlich weiterhin mit so und wer soll irritiert werden? etwas wie Interventionen und unter dem Label Überrascht sind ja auf jeden Fall die mehr Apfelfront arbeiten wollen, brauchen wir neue oder weniger ‚anständigen Deutschen‘. Kontexte. Wir hatten ja ein paar Erfahrungen Menschen durch alle möglichen Sinus-Mili- im Kunstumfeld, anderen politischen Konsteleus und Szenerien hindurch bis zum konserva- lationen als Deutschland oder auch innerhalb tiven Bildungsbürgertum gucken zweimal hin, gänzlich anderer Formate als Gegendemos, wie weil’s auf den ersten Blick – nun ja, ihr wisst auf neurechten Kongressen. In diese Richtunschon – so nazi wirkt. gen sollte man weiter arbeiten. Es gibt ebenso Irritation auf Seiten der Nazis. Die wissen auch erst mal nicht, was sie denken TOM RODIG Klar, wenn Satire nicht mehr wehsollen. Ihr seht, ich spreche hier vom ersten tut, dann macht man sie nicht richtig. Darum Moment der Verwirrung. Nach diesem würde kann man auch in der Apfelfront eine Tendenz mich die Reaktion interessieren und auch der zur fortschreitenden Ausforschung der Mittel zeitliche Rahmen. Denn die FDÄ ist ein bekann- beobachten. Wir haben auf Demos angefangen teres Phänomen geworden, gerade durch ihre und uns über Filme, PARTEI-Kolzeichenschwangere Provokation. Ich will jetzt laborationen bis hin zu Kollabo- Sie müssen sich nicht nicht sagen, dass jeder die FDÄ auf der Straße rationen mit der Knoblauchfront auf ein einziges Format erkennt, aber auf einer linken Demonstration in Ungarn weiterentwickelt und versteifen. Sie können mit ihrer erprobten wird nicht mehr die Faust in der Tasche geballt, die Punkte gesucht, an denen Methodik auch andere wenn wir auftauchen. Deshalb ist die Prozess- es schmerzhaft wird. Und Un- gesellschaftliche haftigkeit dieser Bewegung auch eine Sache, garn ist nach deutscher Maß- Einzelphänomene die inhaltlich das Moment der Irritation weiter- gabe wirklich sehr schmerzhaft. angreifen. trägt (siehe COMPACT-Konferenz): Solange die Auch unsere COMPOST-Konferenz ist die Suche Front aktiv an ihren Darstellungs- und Aktions- nach Orten, die wir noch nicht bespielt haben, formaten arbeitet, kann sie selbstverständlich die aber gleichzeitig nicht unwichtig sind, geweiterhin überraschen. Tut sie das ausschließ- rade wenn dort ein aggressiver Nationalismus lich auf Demonstrationen in altbekannten Mus- und fiese Homophobie im flauschigen Pelz der tern, so schwindet vorhersehbarerweise auch Bürgerlichkeit aufgetragen werden. das Aha-Moment. Grundsätzlich bedeutet für mich die Apfelfront nicht das Ende allen satirischen Schaffens MAX UPRAVITELEV Ich würde in die gleiche in dieser Richtung, sondern eher ein Format, Richtung argumentieren wie Linnéa: Nach 10 das verdeutlicht, wie satirisch mit gesellschaftJahren Aktivität – nein, eigentlich schon viel lichen Gegebenheiten umgegangen werden früher – hat die Apfelfront jede Möglichkeit kann – und muss. der Schockwirkung verloren. Zumindest auf unserem eigentlichen Terrain, auf Demos. Klar gibt es noch Einzelfälle, in denen man sich über uns verwundert zeigt. Aber es hat sich recht schnell in der Szene rumgesprochen, wer wir sind. Sobald man irgendwo auftaucht und mit Freudenrufen und Beifall empfangen wird, kann man eigentlich nicht mehr von einer

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13. FEBRUAR 2009 „Ich bin nicht kreativ, das ist nur Notwehr“ [Funny van Dannen, „Alle müssen was tun“] Im Februar 2009 begleiteten wir wiederholt als Apfelfront die Gegenproteste zur Nazidemo in Dresden. Nach der Demo nutzten wir die Gelegenheit, und schauten bei Andreas Ullrich in seiner Stickerdruckwerkstatt vorbei. Im Verlaufe des Abends kamen wir auf verschiedene Projektideen; Andreas machte uns auf das EU-Förderprogramm Jugend in Aktion aufmerksam. Wir nahmen diesen Hinweis begeistert auf und formulierten im Verlaufe der nächsten Monate unterschiedliche Konzepte. Ein Format musste her, das sowohl unser Interesse an subversiver Kunst als auch unser immer weiter anwachsendes Bedürfnis an theoretischer Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit befriedigte. Wir verstanden uns als ideologiekritische Pop-Linke mit großem Hang zu satirischem Schabernack in Aktion. Chaos und Verwirrung zu stiften fanden wir grundsätzlich begrüßenswert. Andererseits erkannten wir aber auch, wie diese Methoden zunehmend von den falschen Leuten eingesetzt wurden. Das falsche Versprechen an die Web-2.0-Generation lautete zugespitzt, es könne jede und jeder vom Angestelltendasein zu einem selbstbestimmten Leben aufsteigen – ob man nun Anzeigen auf seinem Blog über die Welt der Fleischpasteten schaltet, Strickwaren auf eBay vertickt oder sich eben selbstständig im Bereich Marketing bewegt. Mit der sogenannten ‚digitalen Bohème war eine riesige kreativwirtschaftliche Reservearmee entstanden, die beschäftigt werden wollte. Mit wenig Mitteln musste ein größtmöglicher Effekt erzielt werden. Der Begriff ‚guerilla marketing‘ war geboren, um wenig später mit dem des ‚viral marketing‘ vervollständigt zu werden. Werbung sollte aufregend, spannend, rebellisch sein und so wirken, als hätten sie treue coole Fans selbst hervorgebracht und nicht etwa eine gutbezahlte Werbeagentur. Selbst Nazis und bürgerliche Rechte entdeckten irgendwann die Mittel der Kommunikation für sich, die eigentlich und ursprünglich im Bereich der subversiven Kunst erprobt worden waren. Die Konservativ-Subversive Aktion störte mit Flash-Mobs linke Veranstaltungen; anderswo übten sich Nazis in der ‚Wortergreifungsstrategie‘. Kurzum: Die Mittel der subversiven Kunst entpuppten sich als das, was sie eben sind: Mittel zum Zweck und nicht per se emanzipatorisch. Wollte man sie für politisch progressive Zwecke einsetzen, so bedurfte es nun einer verstärkten Reflexion des gesellschaftlichen Kontextes, in dem beispielsweise Interventionen stattfi nden. Subversive Form musste mit subversivem Inhalt einhergehen, um politisch tragbar zu sein. Um diese These weiter zu erforschen, gründeten wir das BRIMBORIA Institut. Unser erster öffentlicher Aufschlag war der BRIMBORIA Kongress – Die subversive Strategie des Fake im April 2010. Mit diesem Projekt wollten wir Kunstschaffende dazu animieren, sich verstärkt mit kritischer Gesellschaftstheorie auseinanderzusetzen.

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Programmflyer BRIMBORIA Kongress – Die subversive Strategie des Fake, Leipzig, 16. bis 18. April 2012

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BRIMBORIA KONGRESS – DIE SUBVERSIVE STRATEGIE DES FAKE BRIMBORIA Institut

Wir hatten den Eindruck, dass subversive Praxis ligkeit dieser Veranstaltung zu leiden – und um und ihre Theorie in der Regel voneinander ge- uns natürlich selbst größer zu präsentieren, trennt stattfinden. Dieser Eindruck verstärkte als wir waren – gründeten wir im Vorfeld das sich umso mehr nach dem Besuch der Subversiv- BRIMBORIA Institut, welches sich zum Ziel setMesse in Linz im Mai 2009. So großartig diese ze, subversive Kunst inhaltlich aufzuarbeiten. Veranstaltung auch war: Theorie und Praxis Das war natürlich ein bloßes Spiel mit Labeln blieben hier sogar räumlich voneinander ge- und ermöglichte uns ein halbwegs souveränes trennt. Während ein Sammelsurium von Akti- Auftreten, obwohl dieses Projekt letztendlich vistinnen und Aktivisten aus der ganzen Welt unser Erstlingswerk darstellte. die Haupthalle mehr und mehr in einen riesigen Die Intention des Kongresses war die VerteiSpielplatz der subversiven Kunst verwandelten, digung der recht naheliegenden These: „Bevor lief außerhalb der Sicht- und Hörweite in einem eine Intervention durchgeführt wird, muss Nebenraum eine Konferenz, die letztlich am sel- zuerst geklärt werden, wo sie eigentlich interben Gegenstand mit anderen Mitteln arbeitete. venieren soll.“ Die Debatten Beide bekamen voneinander nichts mit, es fand um Subversion begleiteten uns Kuratieren Sie inhaltkein Austausch statt. zu diesem Zeitpunkt schon seit liche Veranstaltungen, Von diesem Bild inspiriert, entschlossen wir einigen Jahren und wir zwei- empfiehlt es sich, das Gesamtwerk jederzeit mit uns, einen Kongress zu inszenieren. Klar hatten felten immer mehr daran, ob einem Satz oder einer wir bis dato aufgrund zahlreicher anderer Pro- subversive Kunst tatsächlich Frage zusammenfassen jekte innerhalb der politischen Bildung bereits das emanzipatorische Potential zu können. ein ganz gutes Bild davon, wie solche Veran- in sich trug, das wir ihr zusprastaltungen normalerweise ablaufen und hatten chen. Der Kongress sollte dazu dienen, diesen durchaus auf dem Schirm, dass es sich hierbei Zweifel künstlerisch aktiven Menschen vorzuum ein sehr straightes Format zur Vermittlung setzen und ihnen gleichzeitig von Inhalten handelt, welches nicht viel Raum mit dem Programm eine Option Lesen! Michael für künstlerische Inszenierung bietet. Aber wir aufzuzeigen, wie eine inhalt- Schwandt: Kritische wollten es zumindest versuchen. liche Auseinandersetzung mit Theorie. Eine Einführung, Stuttgart: Schmetterling Wie durch die Apfelfront gelernt, hatten wir der eigenen Praxis aussehen Verlag 2010. vor, auch auf diesem unbekannten Terrain eine könnte. Diese Option hieß für Situation zu erschaffen: Eine Situation mit un- uns in erster Linie die Beschäftigung mit kriterschiedlichen Akteuren, die tischer Theorie, namentlich vor allem mit den Lesen! autonome in einem Raum zusammenge- Werken von Karl Marx, Theodor W. Adorno und a.f.r.i.k.a.-gruppe: bracht werden. Auch wenn sich Peter Bürger. Dementsprechend Handbuch der Komhier die grundsätzliche Heran- formierten sich die einzelnen Lesen! Gesamtausgabe munikationsguerilla, „testcard. Beiträge zur Hamburg/Berlin: gehensweise dadurch auszeich- Veranstaltungen des KongresPopgeschichte“, Mainz: Assoziation A 2001. nete, dass wir unsere Situation ses, die sich dem Hauptthema Ventil Verlag. gänzlich neu bauen mussten mit unterschiedlichen Heranund nicht in eine bereits vorhandene interve- gehensweisen widmeten. nieren konnten. Bei der Inszenierung wurden wir dankensDas Format stand fest. Nach einem Blick in werterweise unterstützt durch die essential das Handbuch der Kommunikationsguerilla fi- existence gallery (Leipzig), rebel:art (Hamxierten wir unseren Themenschwerpunkt: Der burg) sowie stickma (Dresden), die jeweils BRIMBORIA Kongress – Die subversive Strategie die Außenwahrnehmung und das Programm des Fake war geboren. Um nicht an der Einma- des Kongresses mitbestimmten. Das Ergebnis

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war ein Kongress, den wir selbst nur zu gern deiktische Verfahren: Das definitorische erklärt besucht hätten. Wie er in der unmittelbaren einen Gegenstand, es fasst ihn begrifflich; das Rezeption wirkte, können wir allerdings nicht deiktische zeigt. Theorie erklärt, Kunst zeigt. sagen, da wir währenddessen nahezu vollstän- So einfach und banal die Erkenntnis. dig mit Produktionsaufgaben beschäftigt waren Und das Zeigen war es schließlich, was uns und über sie hinaus kaum etwas mitbekamen. ursprünglich am meisten interessierte. Bei Zum Glück wurde der Kongress durch die ehren- aller Liebe zur Theorie, der wir letztlich auch amtliche Initiative Westfernsehen festgehal- unsere bürgerlichen Studiengänge widmeten: ten und kann immer noch auf unserer Website Die Kunst war es, wofür wir brannten. Mit Hilfe (www.brimboria.net) begutachtet werden. unseres inhaltlichen Backgrounds hatten wir Am Ende war das Projekt ein Experiment, ein die Werkzeuge, um reflektierte und kritische Testballon auf der Suche nach unserer eigenen Kunst zu produzieren – so unsere damalige Verortung zwischen emanzipatorischer Kunst Auffassung. Wir wollten uns am ‚Zeigen‘ ausund Politik. Ob wir das rübergebracht haben, probieren und hatten auch schon. bald die Gewas wir rüberbringen wollten, kann natürlich legenheit dazu, als wir von Artur Zmijewski für in Frage gestellt werden. Zumindest schafften die 7. Berlin Biennale eingeladen wurden. wir es nicht im Entferntesten, die spielerischaktivierende Stimmung der Subversiv Messe einzufangen: Unser Ergebnis war letztlich ein akademisch-verbissener Kongress, der keine Zielgruppe wirklich zufrieden zurückgelassen hat. Das war aber auch nicht unser Ziel. Wir waren glücklich, wenn jemand den Kongress mit neuen Fragestellungen und Anregungen verließ. In den Folgejahren trafen wir immerhin in unterschiedlichsten Zusammenhängen auf unsere ehemaligen Kongressgäste, die uns dankbar erklärten, wie die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit Theorie ihre Kunst beeinflusst hatte. Jedenfalls hatten wir danach nicht wirklich Lust, uns in nächster Zeit nochmals an solchen Formaten zu versuchen. Wir beschäftigten uns weiterhin mit den betreffenden Lesen! Theodor W. Themen, wenn auch nun wieder Adorno: Nachgelassene in geschlossenen Kreisen. Nach Schriften. Abteilung der Lektüre von Adornos VorleIV: Vorlesungen – Band sungen zur Ästhetik fiel es uns 3: Ästhetik (1958/59), Frankfurt am Main: dann wie Schuppen von den AuSuhrkamp Verlag gen: Unser Kongress war falsch aufgezogen gewesen. Kunst und Theorie sind beides Verfahren zur Bestimmung eines Gegenstandes – keine Gegensätze, die durch zwei dahergelaufene Youngsters wie uns zusammengebracht werden müssten. Das heißt ganz konkret: Es gibt zwei Wege, einen Gegenstand zu fassen. Das definitorische und das

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07. AUGUST 2012 .

„What‘s the next step?“, wiederholt Artur Zmijewski Zmiejewski bei unserem ersten Aufeinandertreffen im August 2011. Er kuratiert die 7. Berlin Biennale, die unter dem Slogan „Forget Fear“ laufen soll und Kunst zum Gegenstand hat, die sich selbst als soziale Praxis versteht. Da wir unsere eigene Arbeit genau diesem Thema widmeten, weckten wir Arturs Interesse. Sein Team arrangierte ein erstes Kennenlernen. Wir stellen unser BRIMBORIA Projekt vor und erklären, warum wir es für notwendig halten, theoretische Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis innerhalb politisch aktiver Kunstkreise zu fördern. „Yes. But what‘s the next step?“, bohrt Artur nach. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir gingen in das Gespräch mit der Erwartung hinein, für ein theoriefokussiertes Rahmenprogramm eingeladen zu werden. Entsprechend verwundert sind wir, als klar wird, dass wir als Kunstschaffende an der Biennale teilnehmen sollen. Zunächst weisen wir darauf hin, dass wir auf dieser Ebene keine Praxiserfahrung haben und uns in unserer Theorieecke auch ganz gut aufgehoben fühlen. Durch die immer wiederkehrende Frage nach dem nächsten Schritt motiviert uns Artur, uns auf seine Vorstellung einzulassen. Wir schildern unsere bescheidenen Erfahrungen im Kunstbetrieb, die allesamt der Apfel– front geschuldet sind. Artur macht allerdings unmissverständlich klar, dass er nicht an politischem Humor interessiert ist. Dennoch fi ndet er unsere Berichte über den Umgang mit Nazis in Deutschland interessant und fragt uns am Ende des Gesprächs an, ein Projekt für die Biennale zu entwickeln.

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EIN ABEND OHNE CHRISTIAN WORCH BRIMBORIA Institut

Nazis auf bundesdeutschen Bühnen tischer Veranstaltungen übernahmen. Sie beImmerhin hatten wir zum Thema ‚Nazis in suchten bürgerliche DiskussionsveranstaltunDeutschland‘ ausreichend Expertise und gen und warteten darauf, unentdeckt einen wussten auch, wie das Bürgertum darauf re- Redebeitrag abliefern zu dürfen. Dann legten agiert. Grundsätzlich gibt es zwei Strategien, sie los und spulten ihre einstudierten Vorträge gesellschaftlichen Problemen zu begegnen: ab. Die Gegenwehr beschränkte sich in solchen Verdrängung oder Konfrontation. Das betrifft Fällen meist auf die Aktivierung der Hausauch Nazis. Entweder sie werden zum absoluten security. Weder Veranstalter noch Publikum Bösen stilisiert, das am Liebsten von der Öffent- sahen sich in der Lage, Nazis in solchen Fällen lichkeit ferngehalten werden soll – womit jede entschlossen entgegenzutreten. Stattdessen Notwendigkeit einer aktiven politischen Aus- hielt man sich die Ohren zu, schaute beschämt einandersetzung negiert wird. Oder man tritt weg und wartete, bis der braune Spuk wieder ihnen entschlossen entgegen, indem man sie vorbei war. Für uns war dieses Verhalten unbeund ihre Ideologie öffentlich angreift. Uns inte- greiflich. Diesen Gefallen muss man Nazis nun ressierte selbstredend die Konfrontation. Dank wirklich nicht tun. Von diesem Mythos der Unangreifbarkeit unterschiedlicher Apfelfrontprojekte waren wir nährte sich ihre ganze Bewegung. Sie stilisierdarin auch einigermaßen geschult. ‚Nazis in der Öffentlichkeit‘ war ohnehin ein ten sich als Rebellen, die die Wahrheit verkünhäufiges Thema in Apfelfront-Kreisen. Damals den und es als Bestätigung verkauften, wenn war der Stand wie folgt: Zunächst hatten sie das politische Gegenüber ihnen argumentativ in der Öffentlichkeit bereits einen Platz einge- nicht begegnete – was leider bis auf wenige nommen. Es gab natürlich nicht nur die NPD, die Ausnahmen die Regel war. mit ‚seriöser Radikalität‘ ihr Image aufpolieren Unser Anliegen war es, diesen Märtyrerstawollte. Nazis hatten längst begriffen, wie sie tus zu zerstören. Das Interesse unseres Prodas Spiel mit der Illegalität für sich nutzen jekts galt der unmittelbaren Konfrontation. Es konnten. Sie lebten von ihrem Outlaw-Image herrschte ohnehin eine fragwürdige Trennung und wussten jede Absage an eine Auseinander- der Begegnungsanlässe. Nazis im Live-Fernsesetzung mit ihrer Ideologie gegen die demokra- hen waren damals scheinbar in Ordnung. Die tische Gesellschaft zu wenden. Es häuften sich Vanity Fair veröffentlichte ein Interview von völlig ungelenke Auftritte von Moderatoren Michel Friedman mit Horst Mahler, das auf ganim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die nach zen 16 Seiten Mahler ungekürzt zu Wort komWahlerfolgen der NPD urplötzlich junge Kame- men ließ. Erst bei der tatsächlichen Begegnung raden vor dem Mikro hatten und davon schlicht zeigte sich eine Grenze auf, die eine Auseinanüberfordert waren. Es kam zu Skandalen, Stu- dersetzung in Echtzeit unmöglich machte. Nazis diogäste verließen Bühnen und Podien. Solche wurde die magische Kraft zugesprochen, jeden Auftritte waren ein gefundenes Fressen: Strate- gestandenen Demokraten unweigerlich in ihren gie der Nazis war es schließlich geworden, ihre mystischen Bann zu ziehen, sobald sie vor PubPropaganda auf legalen Kanälen zu platzieren. likum auch nur den Mund aufmachten. Sobald Studiogäste ihretwegen den Raum verSo schwierig ist es aber gar nicht, mit Naließen, hatten sie gewonnen und freuten sich zis zu diskutieren. Sie haben ein denkbar einüber Mailfächer voller Mitgliedschaftsanfragen. geschränktes Weltbild und wenn man sich mit Analog funktionierte auch die ‚Wortergrei- dessen Säulen auch nur im Ansatz auseinanderfungsstrategie‘: Wiederholt wurde berichtet, gesetzt hat, lässt sich ein souveräner Umgang wie Nazis die Wortgewalt während demokra- mit Nazis erlernen: Sie lassen sich überführen.

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Es ist eine Sache des Argumentationstrainings. Unsinn gleichberechtigt mit anderen Positio. Artur Zmijewski, Kurator der 7. Berlin Bienna- nen verbreiten dürfen. Aber es muss möglich le, und wir waren uns einig, dass die Berlin sein, Nazis zum Gegenstand einer Debatte zu Biennale ein geeigneter Raum machen. Und es muss möglich sein, VeranstalLesen! Wie schräg Nazis für dieses Training sein könnte. tungen durchzuführen, die einzig und allein der ticken, lässt sich anhand Ein geeigneter Ort, um Nazis zu Aufgabe gewidmet sind, diesen Gegenstand des Kapitels „Mein Mann, entmystifizieren und ihnen so in Echtzeit argumentativ zu zerlegen. Es war der Neonazi“ und andeihr heißgeliebtes Propaganda- also niemals unser Anliegen, Nazis salonfähig rer Beiträge in diesem Band nachvollziehen. werkzeug wegzunehmen. Wir zu machen. Im Gegenteil: Es ging uns um ein teilten Arturs Auffassung, dass souveränes Entgegentreten für den Fall, in dem der Kunstraum in der bürgerlichen Gesellschaft sich Nazis selbst auf Podien einladen. Erproben sehr wohl für gesellschaftliche Experimente ge- wollten wir dies, indem wir mit einem Nazi vor nutzt werden kann und muss. Kunst als Selbst- Publikum über das Verhältnis von Kunst und Pozweck, gefangen im ‚white cube‘, empfanden litik diskutieren. Natürlich steht und fällt ein solches Vorhawir als belanglos. Was uns interessierte, war Kunst mitten im „Handgemenge der Realität“ ben mit einem fähigen Moderator, der das Ge(Alf Thum) – also dort, wo es potentiell weh tut. spräch leitet und immer wieder auf die richtige Spur zurückführt, wenn sich unser ready-maDie erste Konzeptentwicklung de-Nazi zu sehr in nationalistische HirngeDiese Überlegungen waren der Anstoß für das spinste abseits des Themas verrennt. Für diese erste Konzept. Wir wussten, dass die Vorberei- Rolle konnten wir Alf Thum, seines Zeichens tung dieser Biennale mit einer offenen Aus- Mitgründer der Apfelfront, gewinnen, der uns schreibung begann. Kunstschaffende konnten fortan auch beratend zur Seite stand. ihre Werke einreichen und sollten dabei stets mit Im Januar 2012 trafen wir wieder auf Artur angeben, wie sie sich politisch verorteten. Mit in den Kunst-Werken Berlin, einer der AustraDebatten um politische Kunst verbindet man ge- gungsstätten der Biennale. Mit dabei war dieses nerell das emanzipatorische Lager. Wir fragten Mal auch die für uns abgestellte Projektbetreuuns: Was passiert, wenn der Spieß umgedreht ung. Die Stimmung war schlecht, Artur kam wird? Was passiert, wenn ein Nazi reaktionäre verspätet. In der Zwischenzeit erklärte uns die Kunst produziert – und wie sieht diese dann ei- Mitarbeiterin, dass die Lage gerade hochgradig gentlich aus? Zufälligerweise fiel uns ein alter angespannt sei. Ein Vorprojekt der Biennale Bekannter der Front Deutscher Äpfel ein: Chris- produzierte nichts als Ärger. Ein Künstler rief tian Worch wurde in der Presse schon mehrfach dazu auf, Sarrazin-Bücher einzuschicken und im Zusammenhang mit seinen literarischen Er- kündigte deren Weiterverarbeitung in Kunstgüssen erwähnt. Der Typ war bekannt für seine werke an. Der Aufschrei der RechtskonservatiScience-Fiction-Literatur. Davon war kein Werk ven war immens. Von ‚Bücherverbrennung‘ war öffentlich zugänglich, aber es hatte sich rum- die Rede, Zensurvorwürfe wurden laut. Zum gesprochen, dass die Plots nach Schemata wie ersten Mal wurde uns bewusst, wie sehr auch ‚Weißer Ritter rettet die Erde vor einfallenden Rechtskonservative diese Argumentation liefremden Geschöpfen‘ gestrickt waren. Natürlich ben. „Man wird ja wohl sagen dürfen, dass ...“ taten sie das. Worum sollte es auch sonst gehen. ist das A und O dieser Agitation. Und auch wenn Das fanden wir spannend und waren überzeugt, es tatsächlich keine Instanz gibt, die in den weidass eine Biennale, die sich um politische Kunst teren Verlauf dieses Satzes eingreifen würde, so dreht, bereichert werden würde durch die Debat- ist das Geschrei um einen Zensurvorwurf gleichte um einen Nazi, der sich als Literat versteht. wohl ebenso groß wie kalkuliert. Nazis haben auf demokratischen Podien Unser Projekt war von diesem Prozess betrofnichts zu suchen. Sie sollten nirgends ihren fen. Offenbar rollten hinter den Kulissen der

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Biennale zu viele Köpfe, als dass ihr Slogan „Forget Fear“ noch irgendeine Bedeutung behalten konnte. Man hätte, so die Mitarbeiterin, an dem Sarrazin-Projekt schon gesehen, dass ein Format wie unseres einfach nicht zu bewerkstelligen sei. Das hätte auch nichts mit Zensur zu tun, man könne einfach nicht einen Nazi über öffentliche Steuermittel finanzieren. Wir bräuchten ein neues Konzept.

Worch does really not come (and that is officially our single preparation) in cooperation with Alf Thum. Because we wouldn’t have to defend paying for a nazi in budget discussion and still have the event as planned. But even in case of the actual absence of Worch it would still work as a protest against not being able to invite him. […] Gespannt warteten wir auf die Antwort. Immerhin schlugen wir vor, an der angespannten politischen und mittlerweile finanziell prekären Lage der Biennale klandestin vorbeizuarbeiten. Die Antwort fiel recht nüchtern aus, war aber positiv:

Don’t mention the German angst Wir wunderten uns über den sprunghaften Wechsel, zeigten aber auch Verständnis. Schließlich verfolgten wir ein politisches Interesse. Es ging uns nicht um Provokation um der Provokation willen, wir wollten etwas erreichen. An dieser Stelle durchzubrechen und mit großem Bohei darauf zu bestehen, dass das Konzept so bleiben sollte, wie es zum damaligen Zeitpunkt war, hätte niemandem genützt. Also entwickelten wir ein neues Konzept. Worch sollte offensiv nicht eingeladen werden, als sogenannte ‚Wink-mitdem-Zaunpfahl-Strategie‘. Wir schickten an das Biennale-Team folgenden Vorschlag: 19.01.2012: […] we elaborated our concept and decided to install another twist. After following the latest events around the Sarrazin project we cannot imagine that paying a nazi for showing up at Berlin Biennale is acceptable for the KSB [Kulturstiftung des Bundes] or the KW [Kunst-Werke Berlin]. Actually it is alright with us since the new concept works better. The basic idea is to non-invite Christian Worch for the event “An evening without Christian Worch” [working title]. The idea works in multiple directions, because we are also going to send a not-invitation to Christian Worch. Furthermore we want to inform him unofficialy about the details of the event and the topics which should be discussed. This might actually cause his “surprising” coming (our favoured option). You could see it as a play with the well-known “Wortergreifungsstrategie” of contemporary nazis. Still we prepare a performance in case

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24.01.2012: […] first of all, thank you very much for the meeting in Berlin. Regarding your spin/shift, this seems to be fine for us, but what we need now is an updated budget – soon: sorry. […] Immerhin, wir waren also tatsächlich immer noch tragbar. Wenige Tage wandelte sich der Ton sogar noch weiter. Aus der produktionsorientierten Nüchternheit wurde auf einmal laute Begeisterung: 03.02.2012: […] Uns allen gefällt euer E-Mail-Vorschlag – … non-invite Christian Worch for the event “An evening without Christian Worch” [working title] … – so gut, dass wir überlegen, diese E-Mail, evtl. als Faksimile, im Katalog abzudrucken. Wäret ihr damit einverstanden? Schön wäre es, wenn ihr in kurzen Worten noch etwas zur Situation der Neo-Nazis in Deutschland schreiben könntet. Es ginge da um ein paar knappe Informationen für Leute, die nicht darüber Bescheid wissen, vielleicht in der Art wie ein Wikipedia-Eintrag: kurz, knapp, gut verständlich und alles Wesentlich zusammengefasst. Meint ihr, ihr könnt uns bis Montag so etwas liefern? Entschuldigt bitte – wir sind spät dran mit dem Katalog, deshalb diese Eile. Falls es bis Montag nicht geht, lasst es mich bitte wissen. […]

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Wir waren schon fast gerührt über so viel unerwartete Unterstützung und politischen Mut und setzten kurzfristig einen Shootingtermin an. „Ein Abend ohne Christian Worch” ist eine performative Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Nazis in der Öffentlichkeit. Hierzu werden die Gäste am 26. Juni 2012 eingeladen, einer Veranstaltung beizuwohnen, zu welcher der führende Kopf der Freien Kameradschaftsszene, Christian Worch, nicht eingeladen wird. So wird dem Publikum die seltene Gelegenheit geboten, sich nicht mit der Theorie der nationalsozialistischen Ideologie auseinanderzusetzen – denn nur wenn man diese nicht nachvollziehbar macht, kann man sie erfolgreich nicht bekämpfen.“ Tatsächlich waren wir nach der Sarrazzin-Geschichte der festen Überzeugung gewesen, dass bei dieser Veranstaltung für uns nichts mehr zu holen sei und eine Institution mit dieser Fallhöhe auf gar keinen Fall ihr kulturpolitisches Standing für Leute wie uns aufs Spiel setzen würde, die nicht einmal einen halbwegs etablierten Namen vorzuweisen hatten. Aber offenbar meinte es die Biennale gut mit uns. Im Programm der Biennale Das Projekt wurde von allen Seiten abgesegnet und wir machten uns an die Arbeit. Jetzt galt es in erster Linie, Christian Worch zu organisieren. Auf unsere erste Mail im April 2012 reagierte er ausführlich und interessiert. Die Nicht-Einladung hatte er natürlich begriffen. In den kommenden Monaten ließ er uns aber mächtig zappeln. Sogar zwei Wochen vor der Veranstaltung stand Worchs Erscheinen immer noch nicht fest, sodass wir ihm als letzten Versuch ein Vorbereitungstreffen anboten. Am 18. Juni 2012 fuhren wir nach Parchim, dem Wohnort von Christian Worch. Das an diesem Tag stattgefundene Gespräch brachte uns nicht nur seine Zusage, sondern auch wertvolle Informationen für unsere Feinkonzeption des

Abends. Die Veranstaltung sollte aus zwei Teilen bestehen, die ihren Fokus jeweils auf Politik und Kunst legen sollten. Der erste Teil sollte Worchs Lebenswerk unter dem Stichwort ‚Scheitern‘ behandeln. Christian Worch hat sein ganzes Leben seiner Bewegung gewidmet – und doch hatte er unterm Strich nichts vorzuweisen. Er wurde von seinen Kameraden aus Leipzig vertrieben, blieb eine höchst unliebsame Figur in der eigenen Bewegung und provozierte mit seinen Demos so viel Gegenwehr, dass unter anderem eine ganze Generation der Leipziger Jugend durch die Gegendemonstrationen politisiert wurde. Obendrein konnte erst durch Worchs Aktivitäten sein ganzes politisches Lager durch die Front Deutscher Äpfel dem Spott preisgegeben werden. Wenn man seine Lebenszeit so richtig verschwenden will, dann so. Das Publikum hätte an dieser Stelle viel Lästerei über andere prominente Nazis gehört und dadurch gelernt, wie unglaublich zerstritten und unfähig diese Szene eigentlich ist. Worch hätte natürlich versucht, immer wieder politisch zu punkten – Anlässe für Argumentationstraining hätte es also mit hoher Sicherheit ausreichend gegeben. Und immer wieder sollte sein Lebenswerk zelebriert werden als das, was es war: Ein Monument des Scheiterns, eines vergeudeten Lebens. Daran anknüpfend sollte der Umstieg zum zweiten Themenkomplex der Frage folgen, warum er eigentlich nicht die Politik an den Nagel hängt und sich auf seine Kunst konzentriert. Wenn er in der Politik so gnadenlos versagt hatte, dann wäre es für ihn doch naheliegend, gerade auch in seinem fortgeschrittenen Alter nochmal umzusatteln und sich ausschließlich der Kunst zu widmen. An dieser Stelle hätte es nach unserer Erwartung knallen sollen. Gar nicht so sehr mit Christian Worch selbst – er hatte auf unsere Bitte hin im Vorfeld tatsächlich sogar einen literarischen Text vorbereitet, den er an dieser Stelle vorgetragen hätte. Es wäre sein erster öffentlicher Auftritt als Künstler gewesen. Das Publikum hätte sich die Frage stellen müssen, ob ein Nazi tatsächlich entpolitisiert wird, wenn er sich in die Blase der Kunstautonomie verzieht. Die Unmöglichkeit

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unpolitischer Kunst wäre fortan das Thema ge- Und tatsächlich, wie aus allen Wolken gefallen, wesen, mit unserem Gegenbeispiel auf der Büh- schien sie davon völlig überrumpelt zu sein: ne. Die mühselige bürgerliche Debatte nach der 24. Juni 2012: […] Deine Mail und Informaunbedingten Trennung von Kunst und Lebenspraxis wäre so in ihrer Absurdität bloßgestellt tionen von gestern sollten wir diskutieren. worden – so zumindest nach einem der mögDass wird sich so nicht in den KW realisieren lichen Verläufe unseres Abends ohne Christian lassen! […] Worch, die wir in unseren Köpfen immer wieder Am Abend vor unserer Veranstaltung wurden wir durchspielten. zu einem Gespräch in die Kunst-Werke geladen. Wenn die eine Hand nicht weiß, warum Bei diesem wurden wir von der Direktorin des die andere mit dem Zaunpfahl winkt Hauses persönlich unterrichtet, dass sie von Das waren die Voraussetzungen und Vorüberle- ihrem Hausrecht Gebrauch macht und unsere gungen unseres Experimentes. Wir hatten fast Veranstaltung hiermit absagt. Auch ein Alternaein Jahr an diesem Konzept gearbeitet und nun tivprogramm anstelle des geplanten Konzeptes, bei dem man die Vorgänge transparent machen war seine Durchführung zum Greifen nahe. Die Arbeitsweise der Biennale gestaltete und diskutieren könnte, wurde uns verwehrt. sich für uns undurchsichtig. Unsere Betreuung auf Seiten der Produktionsstätte wechselte munter. Insgesamt wurde unser Projekt innerhalb weniger Monate von fünf verschiedenen Mitarbeitenden der Kunst-Werke betreut. Es war also anzunehmen, dass unsere aktuelle Betreuung irgendwas nicht mitbekommen hatte. Da wir nun die feste Zusage von Worch hatten, wollten wir ihr diese Neuigkeiten deswegen mitteilen: 23. Juni 2012: […] wir hatten jüngst nochmal eine ausführliche Debatte die Security betreffend und das allgemeine Umfeld der Veranstaltung am Dienstag. Falls es noch nicht zu Dir durchgedrungen sein sollte (keine böse Absicht unsererseits, aber es handelt sich um eine entscheidende Information die gesamte Veranstaltung betreffend), wir werden am Dienstag ein moderiertes Gespräch mit Christian Worch höchstpersönlich durchführen. Artur und Joanna wissen Bescheid, haben das Ganze auch abgesegnet. (Deshalb haben wir auch nicht den Referenten für den Newsletter durchgegeben, da Christian Worchs Name darin nicht erscheinen soll. Dies geschieht aus taktischen Gründen.) […]

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An dieser Stelle möchten wir einen Hinweis an alle nationalistischen Bullshitproduzenten à la Jürgen Elsässer oder Thilo Sarrazin geben: Es wäre natürlich für uns ein Leichtes gewesen, aus dieser Geschichte einen Skandal zu machen und von Zensur zu sprechen. Das taten und tun wir aber nicht. Weil es sich hier nicht um Zensur handelt. Zensur erfordert eine staatliche Gewalt oder Behörde, die in Publikationen und allem, was überhaupt nach unpassender, öffentlicher Verlautbarung riecht, rumstöbert und nach Gutdünken bearbeitet oder gleich verbietet. Zensur geht nur von oben, qua Staatsmacht. Das ist hier nicht passiert. Hier hat eine Kulturinstitution, die im letzten Moment kalte Füße bekam, versagt und war junger Kunst mit kleinbürgerlicher Angst vor dem Bösen begegnet. Damit stärkte sie die rechte politische Realität, indem sie sich nicht groß anders verhielt als die sprichwörtlichen drei Affen und sich nun von uns bürgerlichen Kleinmut vorwerfen lassen muss. So was kann passieren. Dafür gibt es viele Gründe. Zensur ist keiner davon.

Und genauso wenig trifft Zensur euch. Auch wenn ihr immer wieder in euren Zeitschriften und auf Podien die ‚Gesinnungsdiktatur‘ herbeizaubert und euch als Märtyrer der Meinungsfreiheit aufspielt: Eine Zensur findet nicht statt. Deswegen dürft ihr ja auch euren Unsinn öffentlich von euch geben – also hört auf mit eurem Opfergehabe. Das ist doch keine Haltung!

Flyer Ein Abend ohne Christian Worch, 7. Berlin Biennale, Berlin, Juli 2012 (abgesagt).

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KÜNSTLERISCHE PRAXIS DES POLITISCHEN GEDENKENS HEUTE ALS ‚REALITÄTS-TEST’ FÜR ZEITGENÖSSISCHE KUNST Dieter Daniels

Veränderungen der Gedenkkultur seit 1990

verkürzten Gegenüberstellungen nahe. Andererseits erinnern die derzeitigen Kontroversen um die Realisierung dieses Denkmalprojekts in Leipzig in ihrer vielschichtigen Vermischung von politischen, historischen und ästhetischen Fragen an die von 1988 bis 2005 dauernden Diskussionen über das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Diese zieht sich mit den daraus folgenden weiteren Gedenkstätten für die Verfolgung der Homosexuellen sowie der Sinti und Roma bis heute hin. Die erinnerungspolitische Debatte um ein angemessenes Denkmal für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung dauert somit schon ebenso lange wie der realpolitische Prozess der Wiedervereinigung, der 1989 mit der ambivalenten Losung ‚Wir sind ein Volk‘ begann. [...]

In Deutschland entwickelt sich seit 1990 eine neue Debatte um die Gedenkkultur, die unter anderem durch die verschiedenen Formen der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus in der alten Bundesrepublik und der DDR angestoßen worden war.01 Ebenso steht die Erinnerung an den Holocaust als negativer Horizont, gegen den es sich abzugrenzen gilt, im Gegensatz und manchmal auch in Konkurrenz zu dem neuen deutschen Selbstbild: die durch die Friedliche Revolution möglich gewordene Wiedervereinigung. Beispielsweise stellen die derzeit in Berlin und in Leipzig projektierten Freiheits- und Einheitsdenkmale die ungewohnte Herausforderung einer positiven Denkmalsaussage. Der damit einhergehende Wandel der Gedenkkultur führte auch dazu, dass nach dem Strategien des Tabubruchs, politischen Willen der Initiatoren die bisherigen der Irritation und Provokation „Denkmäler der Schande und der Trauer“ durch Nach den Strategien des „counter monument“ eines „des Stolzes und der Freude“ ergänzt wer- als „Memory against itself“,03 die in den 1980er den sollten.02 Die Befürchtung einer erneuten und 1990er prägend waren, finden sich in den ‚Schlussstrichdebatte‘ über die Schuld an Na- letzten zehn Jahren verstärkt Strategien des tionalsozialismus und Holocaust, vergleichbar Tabubruchs, der Irritation und Provokation, dem Historikerstreit 1986/87, liegt bei solch die bewusst gegen eine Beruhigungs- oder Entwarnungsfunktion der Memorialkultur vor-

01 Vgl. dazu den Vortrag von Stefanie Endlich: Formen der Auseinandersetzung mit Gedenk- und Erinnerungsorten zum Nationalsozialismus im Vergleich von BRD und DDR, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig am 6. Januar 2012 sowie Dirk Rupnow: Die Routinen des Gedenkens. Zum Wandel der deutschen Erinnerungslandschaft. In: Ders., Aporien des Gedenkens, Freiburg 2006, S. 143–172. 02 Brief der Initiatoren des Freiheits- und Einheitsdenkmals (Florian Mausbach, Günter Nooke, Jürgen Engert, Lothar de Maizière ) und Basis für den Gruppenantrag im Bundestag vom 6. April 2000. Vgl. Andreas H. Apelt (Hg): Der Weg zum Denkmal für Freiheit und Einheit. Wochenschau Verlag, Schwalbach 2009.

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03 James E. Young: The Counter-Monument: Memory against Itself in Germany Today. In: Critical Inquiry 18:2 (1992), S. 267–296. Gerz’ Harburger Mahnmal gegen Faschismus ist zu einem viel diskutierten Gegenstand akademischer Theoriebildung geworden. Siehe kritisch zu den ‚counter monuments‘ der 1980er und 1990er: Noam Lupu: Memory Vanished, Absent, and Confined: The Countermemorial Project in 1980s and 1990s Germany, History & Memory 15:2 (2003), S. 130–164. Online: http://noamlupu.com/countermonuments.pdf. Für eine historische Einordnung siehe: Mechtild Widrich: Performative Monuments: Public Art, Photography, and the Past in Postwar Europe, Thesis (Ph. D.), Massachusetts Institute of Technology, Dept. of Architecture, 2009.


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gehen, indem sie latent vorhandene historische nerungspotential. Zmijewskis „Missbrauch von Konflikte wieder an die Oberfläche holen, sie Missbrauchsopfern“ Einhalt zu gebieten „kann demonstrativ reinszenieren und damit gezielt nicht Zensur heißen“ folgert Brigitte Werneauf die Stellen verweisen, wo es immer noch burg in der taz.06 Wolfgang Müller, ehemals ‚weh tut’. Frontmann der Künstler- und Musikgruppe „Die . Ein prominenter Vertreter dieser Strategien. ist Tödliche Doris“ vergleicht Zmijewskis Arbeiten der polnische Künstler und Kurator Artur Zmi- sogar mit den Provokationsstrategien der NPD: jewski. Für seine Videoarbeit „80064” (2004) „Mit seinen Grenzüberschreitungen eröffnet überredete er den 92-jährigen Auschwitzüber- der ‚Erlöserkünstler’ eine politische Grauzolebenden Józef Tarnawa zum Nachstechen der ne, in der rechts und links ununterscheidbar verblassten KZ-Nummer auf seinem Arm.04 Die wirken. [...] Verglichen mit dieser Kunst sind . Kommentare von Zmijewski verstärken dabei die zynischen, absolut ekelhaften Grenzüberdie Ambivalenz seiner Arbeit. Er sagt, es ginge schreitungen der Nationaldemokratischen ihm um eine Evokation der Erinnerung an den Partei Deutschlands (NPD) möglicherweise rafMoment der ersten Tätowierung, doch ebenso finierter.“07 Im Vergleich zu diesem Furor mit sieht er sich selbst als Akteur eines Re-enact- Zensurforderungen von Seiten der linken Presse ments der Gewalt.05 Das Video „80064” wurde und Ex-Punks kommentiert Ken Johnson in der ebenso wie sein Video ‚Berek‘ (‚Game of Tag‘, New York Times sehr viel entspannter: „Osten1999) mehrfach aus Ausstellungen entfernt. sibly, renewing the number is a metaphor about [...] memory and history. [...] Was this hackneyed Die Reaktionen der Kritik reichen von Aufruf lesson worth the price of a vulnerable old man’s zu Zensur bis zu Emphase über das große Erin- peace of mind?“08 Und in Frieze sieht Jan Verwoert in dem gleichen Video eine tiefe Wahrheit am Werk: „80064 suggests, to face a problem

04 Siehe das Video unter: http://artmuseum.pl/en/filmoteka/praca/ zmijewski-artur-80064 Ausschließlich zu diesem Video wurde im Januar 2012 ein Diskussionsrunde der Studiengruppe Geschichtspolitik, Gedächtniskultur und Bildgebrauch mit Raphael Gross, Liliane Weissberg und Anda Rottenberg an der Universität Frankfurt abgehalten. 05 „Mit der konventionellen Art des Gedenkens halten sich viele die Erinnerung vom Leib. Da ist die Vergangenheit doch nur erstarrt. Ich wollte der Geschichte dagegen näher kommen, hingehen, sie berühren, die Situation noch einmal aufleben lassen.“ Und: „Ich habe den Mann genötigt und missbraucht. Ich wollte ihn noch mal zum Opfer machen, um diesen Moment zu beobachten, in dem er zustimmt, Opfer . zu sein.“ Beide Zitate in: Gerhard Mack: Artur Zmijewski, in: art – Das Kunstmagazin, 26. Juli 2007, http://www.art-magazin.de/kunst/270. html. Vgl. das ausführliche und differenziertere Gespräch von Miklós . Erhardt mit Arthur Zmijewski, Trafó Gallery Budapest on the 26th January, 2008, http://www.landofhumanrights.eu/de/projekt/budapest/ interview_miklos_eng.pdf

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06 Brigitte Werneburg: Das Kalkül des Schocks, taz 2. Nov. 2011, http://www.taz.de/!81105/ nachdem „Berek“ 2012 aus der Berliner Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ entfernt wurde. 07 Wolfgang Müller: „Terror des Populismus: Die Grenzüberschreitun. gen der NPD und die Kunst des Artur Zmijewski“, Berliner Gazette, 14. April 2012, http://berlinergazette.de/artur-zmijewski-npd/. Vgl. den kritischen Kommentar zum Text von Müller: Andreas Schlaegel: „Mül. lers Wut und Zmijewskis Beitrag“, von hundert, April 2012, http://www. vonhundert.de/indexcb6d.html?id=420&pageID=3 08 Ken Johnson: „An Artist Turns People Into His Marionettes“, New York Times, 29. Nov. 2009, http://www.nytimes.com/2009/11/30/arts/ design/30zmijewski.html?_r=0


means to return to the source of the pain and einer inhaltlichen Offenlegung ihrer Ideologie errelive the body’s state of bare life in which you wies sich als nicht kompatibel mit der Haltung der received your formative injury. [...] I would like Geschäftsführung der Kunst-Werke. Diese spricht to believe that there is another way out and that sich „entschieden gegen einen gleichberechtigten the right words can break the spell and relea- Dialog mit Neonazis im Sinne einer gegenseitigen se you from this cycle of compulsive repetition. Anerkennung der Positionen aus.“12 Demgegenüber But maybe this is wishful thinking on my part. heißt es in der Stellungnahme des BRIMBORIA In. God knows, Zmijewski might in fact be closer to stituts: „Wir meinen, dass wir auch Nazis selbstunderstanding how things are in the end.“09 bewusst gegenübertreten können; wir meinen, 2012 entstand eine polemische Debatte um zur Fortentwicklung gesellschaftlicher Strategien die 7. Berlin Biennale Forget Fear, für die Artur gegen Rechts bedarf es auch dann und wann der . Zmijewski als Kurator mit dem Konzept direkter direkten argumentativen Auseinandersetzung mit politischer Wirksamkeit von Kunst angetreten Funktionären dieses Lagers. Wo sich dann die Frawar. Wie nicht anders zu erwarten, kamen der ge stellt: In welchem Rahmen können wir reden?“13 deutsch-polnischen Geschichte und dem Ho- Möglicherweise wäre die geplatzte ‚Vorführung‘ locaust dabei eine zentrale Bedeutung zu. Doch von Worch im Kunstkontext in die gleiche Falle . die Strategien des Tabubruchs, die Zmijewski als der Aufmerksamkeitsökonomie gestolpert wie die Künstler erfolgreich einsetzt, erwiesen sich für umstrittene ‚Ausstellung‘ eines Occupy Camps im seine Rolle als Kurator als weitaus schwieriger.10 Erdgeschoss der Kunst-Werke. Dennoch bleibt die Erwähnt sei an dieser Stelle als relativ margina- berechtigte Frage, wo sonst eine solche Auseinanles Beispiel die am 26. Juni 2012 vom BRIMBO- dersetzung stattfinden kann, wenn nicht im KonRIA Institut für subversive Theorie und Praxis text einer dezidiert politischen Kunstausstellung. (Leipzig) geplante Veranstaltung Ein Abend ohne Christian Worch. Die Veranstaltung wurde Leicht überarbeitete Ausschnitte aus dem Text in: durch die Geschäftsführung der Kunst-Werke Orte, die man kennen sollte. Berlin e. V. abgesagt, als durchsickerte, dass Spuren nationalsozialistischer Vergangenheit in Christian Worch, einer der führenden Köpfe Leipzig, Ausstellung und Texte, deutscher Neonazis, doch persönlich anwe- Hg. Dieter Daniels, Torsten Hattenkerl, Leipzig send sein würde. Zuvor hatten ihn die Vertre- 2014 ter des BRIMBORIA Instituts Worch in Parchim getroffen und. ihm ihr Projekt erläutert.11 Der vom Kurator Zmijewski gebilligte Versuch einer kulturell-kritischen Auseinandersetzung im direktem Kontakt mit Rechtsradikalen und

09 Jan Verwoert: „Game Theory“, in: Frieze, Ausgabe 114, April 2008, https://www.frieze.com/issue/article/game_theory/ 10 Vgl. exemplarisch die vehemente Kritik zum Umgang der 7. Berlin Biennale mit Geschichte: Sven Lütticken, „Let’s fake history“, Texte zur Kunst, Heft 86, Juni 2012, http://www.textezurkunst.de/86/propaganda-der-tat/ 11 In einer Selbstdarstellung des BRIMBORIA Instituts heißt es: „die künstlerisch-subversive Methodik (...) gestattet Eingriffe in die gesellschaftliche Lebenswelt bei teils geringem Aufwand und mithin beachtlichen Ergebnissen.“, http://bewegung.taz.de/organisationen/ brimboria/ueber-uns

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12 Stellungnahme der KW Institute for Contemporary Art: http://www. berlinbiennale.de/blog/allgemein/absage-der-veranstaltung-des-brimboria-instituts-31415 13 Stellungnahme des BRIMBORIA Instituts: http://www.berlinbiennale. de/blog/allgemein/„ein-abend-ohne-christian-worch”-31406

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15. FEBRUAR 2013 27.02.2012: „Der Gang der Dinge ist krass/tragisch, jedoch auch journalistisch gesehen genial – ihr habt den Spektakelcharakter der diesjährigen Berlin Biennale ungewollt enthüllt. Sie ist (spätestens) mit der Absage eurer Veranstaltung in ihrem Ansatz gescheitert. Terroristen, Occupy Leute etc. dürfen im Rahmen der Kunst auf der Biennale auftreten. Nazis jedoch nicht. Denn hier scheint der diskursive Schutzraum Kunst nicht angebracht zu sein. […] Die Kunst-Werke/die diesjährige Berlin Biennale haben ihren scheinbar revolutionären und radikalen Charakter hiermit eigenständig als hohle künstlerische Pose und lächerliche Marketingstrategie entlarvt.“ Diese Mail von Sophia Gräfe, einer befreundeten Medienkulturwissenschaftlerin der Medienkultur, erreichte uns wenige Tage nach unserem abgesagten Abend ohne Christian Worch. Unsere Teilnahme an der 7. Berlin Biennale zeigte im Ergebnis zwar nicht das, was wir eigentlich wollten – aber immerhin die mangelnde politische Standhaftigkeit im Kunstbetrieb. Der Beginn unseres Abends wäre folgendermaßen abgelaufen: Nach ein paar einführenden Worten über die Geschichte der Freie Kameradschaftsszene und Worchs Werdegang hätte der Moderator in die Menge gesagt: „Damit herzlich willkommen bei unserem Abend ohne Christian Worch. Eigentlich wäre es ja ganz praktisch, mit Worch direkt zu reden. Ihn als Zeitzeugen einer Bewegung wahrzunehmen, die hochzerstritten, politisch schräg und bedeutungslos vor sich hin dümpelt. Vielleicht fi nden wir ja jemanden im Publikum, der die Rolle übernehmen könnte. Hat jemand Lust?“ Das wäre das Stichwort für Worch gewesen, sich auf die Bühne zu begeben. Natürlich hätten wir nicht aufgelöst, ob es sich hierbei um einen erstaunlich gut vorbereiteten Schauspieler oder um einen tatsächlichen Nazi handelt. Eine gute Voraussetzung, um endlos Schindluder mit dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion zu treiben. Im Leipziger Apfelfront-Umfeld entstand ein weiteres Projekt, welches sich der Nazithematik in Form eines Theaterstücks widmete. Wir teilten die gleichen inhaltlichen Vorüberlegungen, setzten aber auf unterschiedliche Mittel. War unser Nazi eine reale Person, so waren die Nazis dieses Stücks Charaktere einer Geschichte. Auch dieses Projekt scheiterte an der ausführenden Instanz, für die es eigentlich produzierte wurde. Es handelt sich um das Nazistück von Gregor Zocher.

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NAZISTÜCK Gregor Zocher

„Demokraten bringen uns den Volkstod. Denn euer Ausbeutungs-Kapitalismus zerstört bedingungslos alles, was den wirklichen Bedürfnissen des Menschen in seiner gegebenen Umwelt entspricht. Doch wir lassen uns nicht BRD-igen. Und nein, wir sind schon lange nicht mehr die Extremen, wir sind die Mitte, wir sind Deutschland und wir kämpfen.“ Der Nazikader Jörg Reiger wird an einem Galgen erhängt gefunden. Auf dem Schreibtisch neben ihm ein Abschiedsbrief. Jörgs Kameraden bezweifeln, dass der Multifunktionär und Finanzier der rechten Szene Selbstmord begangen hat. In der Aufklärung um den Tod Reigers, einer Schlüsselfigur der Neonaziszene, werden in der Eigenproduktion von Gregor Zocher Fragen aufgeworfen: Wie viel ,Nazi’ existiert in einem Menschen und in der Gesellschaft? Neben der beschönigenden Auseinandersetzung mit dem Alltagsrassismus rücken interne Facetten des Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus in den Vordergrund, die dem Kern der Gesellschaft entspringen. [Auszug aus dem Programmheft des Centraltheaters Leipzig, Januar 2013] Der Aufhänger Im Zuge meines Studiums, welches sich dank Projekten wie der FDÄ, Berlin 08, p.ART und vielen mehr zur Nebenbeitätigkeit entwickelte, absolvierte ich Ende 2010 ein Praktikum im Zentrum für demokratische Bildung der Stadt Leipzig. Veranlasst durch die täglichen Diskussionen über Neustrukturierung und Zersplitterung der rechten Szene und eingehender Recherchearbeit – einschließlich grausiger bis belustigender Funde – wollte ich mich in einem anderen Format mit dem Neonazismus auseinandersetzen. Die Idee: In einem Theaterstück den plumpen, baseballschwingenden, springerstiefeltragenden Glatzkopfstereotyp durch zeitgemäße, heterogene und realitätsnahe Nazis ersetzen. Anstatt nur ihre scheinbar blinden Taten zu zeigen, wollte ich ihre Logiken und Gedanken zum Ausdruck bringen. Als ich dann auch noch über verschwörungstheoretische Berichte zum Tod Jürgen Riegers – bedeutsamer Anwalt, Politiker und Geldgeber der rechten Szene – stolperte, hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes den Aufhänger für das Stück gefunden. Während Jürgen Rieger 2009 an einem Schlaganfall (andere vermuten eine heimtückische Vergiftung) verstarb, sollte meine Figur Jörg Reiger erhängt aufgefunden werden. In der ersten Konzeption war das Stück noch sehr auf ein Kriminal-Kammerspiel rund

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um den Tod – oder doch etwa Mord? – der Figur Reiger fokussiert und spielte mit der Angst vor der Aufdeckung von V-Männern. Im Entwicklungsprozess und besonders im Hinblick auf die Enthüllung der NSU-Morde verschoben sich der Blickwinkel und damit veränderte sich auch das Stück. Entstehung im theaterpädagogischen Raum Bis zum Ende der Intendanz Sebastian Hartmanns am Schauspiel Leipzig bzw. Centraltheater Leipzig existierte auf dem schönen Gelände der alten Baumwollspinnerei das Spinnwerk, eine generationsübergreifende Theaterwerkstatt unter theaterpädagogischer Leitung, die eng an das Centraltheater gekoppelt war. Insgesamt inszenierte ich dort über vier Jahre und wirkte in dieser Zeit an diversen Produktionen und Aufführungen mit. Meine letzte Inszenierung war das Nazistück. Schon bei einer Auftaktveranstaltung, bei der die verschiedenen Produktionen vorgestellt und um Interessierte geworben wurde, war das Nazistück auffällig: Ein kurzer Filmeinschub zeigte Jörg Reiger, wie er einen Brief schreibt. Das nächste Bild: Reiger hängt leblos am Galgen. Währenddessen marschiert eine vermummte Person mit schwarzer Schirmmütze und schwarzer Bauchtasche auf die Bühne,

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hält einige Sekunden ein NPD-Plakat in die Auf Geschehnissen im NPD-Zentrum von LeipLuft und trägt danach in rap-ähnlichem Duktus zig-Lindenau in der Odermannstraße oder auch einige Zeilen vor, in denen Nazis enttabuisiert auf bekannt gewordene Reudnitzer Nazi-WGs werden. Danach verlässt die Person die Bühne wurde angespielt. In der späteren Prozessphase und nur das NPD-Plakat, welches tatsächlich lehnte sich das Bühnenbild mit seinem komplett kein NPD-Mitglied, sondern mich und meinen schließbaren Wellblechkasten auch eindeutig Namen daneben zeigt, bleibt zurück. Darunter an das NPD-Zentrum in Leipzig-Lindenau an, steht: „Ich sage, was Sie denken.“ Nach der Ver- von dem sich viele fragen, was darin eigentlich anstaltung erreichten mich viele Fragen, denen passiert. Eine weitere nennenswerte Anlehnung ich vor allem viel Unsicherheit gegenüber dem sind die Routenplanungen der ‚Stücknazis‘ auf Thema entnahm, wobei sich vier Schauspieler der Leipziger Stadtkarte. Während drei der Rouund zwei Schauspielerinnen dieser Unsicherheit ten die tatsächlich angemeldeten Demonstrastellen wollten. tionszüge 2010 in Leipzig darstellten, fügten Da das Vorwissen und der Umgang mit die ‚Stücknazis‘ noch eine vierte Route hinzu, dem Thema innerhalb des Ensembles sehr he- und mit nicht viel Phantasie zierte ein leicht terogen waren, umfasste die Produktion des verschobenes Hakenkreuz die Landkarte. Theaterstücks vor allem Recherche, eine Auseinandersetzung mit rechten Gedankenwelten Mit Brechen und Biegen und deren gemeinsame Reflexion – und endete Nazis im Theater sind kein neues Phänomen, oft in Diskussionen. Wir versuchten, auf die doch werden sie viel zu leichtfertig als PerVeränderungen innerhalb der rechten Szene zu siflage der Ewiggestrigen oder des Bösen reagieren. Wir wollten neue Nazistereotypen dargestellt. Der Kern ihres Denkens und ihre mit neuen Attributen als Figuren für das Stück Argumentationsstruktur werden dagegen nur generieren, wie zum Beispiel den aktionsorien- selten beleuchtet. Aus diesem Grund setzte ich tierten, autonomen Nationalisten; den bürger- von Anfang an auf eine sehr naturalistische Darnahen parteitreuen Hemdträger; die engagierte stellungsform: Das, was gesagt wird, wird von nationale Frau der Bewegung; den traditionel- den Figuren auch gemeint. Keine Zuspitzung, len Germanen oder auch den Künstler in seiner keine Satire. politischen Dimension. Um diese Figuren zu Die naturalistische Darstellungsform, die einen, diente uns der verstorbene Kader Reiger eher ein filmisches Element ist, wurde durch die und dessen Haus, in dem alle zusammenkamen. Nutzung einer Live-Kamera und Übertragung Neben den geschaffenen Figuren wurden auch auf zwei Fernseher links und rechts der Bühne vermehrt Ereignisse der rechten Szene, wie der zusätzlich verstärkt. Die Figuren auf der Bühne schon erwähnte Tod Jürgen Riegers, in verfrem- brachen, wie es heutzutage im Theater sonst oft deter Form aufgegriffen. So mussten die Nazis üblich ist, nicht komplett aus ihren Rollen aus, im Nazistück – auch dies ist von Jürgen Riegers sondern waren in sich kohärent. Dennoch gab Wirken inspiriert – um die Auflösung ihres Na- es, besonders nach der zweiten Verschiebung zizentrums fürchten, da der Immobilieninhaber der Premiere, kurze kleinere Brechungen im nun eben verstorben war. Besonders die Büh- Stück. Am auffälligsten waren die sogenannte nenbilder spielten auf tatsächliche Begeben- Fascho-Fashion-Show, in der die verschiedeheiten im Leipziger Raum an. Auf den ehema- nen ‚Stücknazis‘ umherstolzierten und ihre ligen Standort des Ladens „Fighting Catwalk“, Kleidungen und Symbolik modenschauähnlich welcher die bei Nazis beliebte und von ebensol- und enthusiastisch erklärten und eine Textchen vertriebene Marke Thor Steinar verkaufte. projektion zum Thema Tabuisierung rechten

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Gedankenguts auf dem geschlossenen Wellb- Programmheft. Aus der Sicht des Centralthealechkasten. Die Kastenförmigkeit der Bühne ters durfte dieser zwar abgedruckt werden, aber – am Ende des Stückes war diese total geschlos- nur versehen mit einem großen Querstempel: sen – erzeugte eine Trennung zwischen den Na- „Wie viel Nazi steckt ihn dir?“ Trotz der kurzfriszis auf der Bühne und dem Publikum davor, dem tigen Premierenveschiebungen fand aber 2013 Wir und den Anderen, den Guten und den Bösen und dank vieler weiterer helfender Hände und und bot dem Publikum so einen Einblick in eine der pädagogischen Leitung des Spinnwerks die unbekannte Welt. besagte Premiere statt. Der Rassismus, der in 60 Minuten auf der Am nächsten Tag die komplette Absetzung. Bühne dargestellt wurde, reichte von schein- Es folgte ein privates Gespräch zwischen dem bar banalen Stammtischgesprächen bis zur Ensemble und der Leitung des Centraltheaters, Holocaustleugnung und war der Nährboden, bestehend aus dem Intendanten Hartmann um von der anfänglichen Trauerbewältigung und dem Chefdramaturgen Uwe Bautz, welches und dem Zorn über den Verlust bis zum Zusam- die Absetzung des Stücks erläutern sollte. Die menhalt und der Neustrukturierung der Gruppe hauptsächliche Kritik bestand darin, dass die innerhalb des Stücks zu gelangen. Dank des ge- Inhalte des Stücks kaum bis gar nicht gebrochen schlossenen Wellblechkastens war dieser letz- werden würden und somit der gespielte Rassiste Abschnitt des Stücks nur noch via Kamera mus nicht als Spiel erkennbar sei. Dies könne zu begutachten und endete mit einem lauten eine Gefahr für das Publikum darstellen, da der „Sieg Heil“ und darauf folgendem Gekicher der Rassismus nicht gefiltert werde. Hartmann könSchauspielenden. Das Publikum applaudierte ne daher nicht hinter diesem Stück stehen und bei der Premiere nicht. sehe sich gezwungen, es abzusetzen. Die Absetzung

Das Nachspiel

Die ausverkaufte Premiere am 15. Februar 2013 Durch die Absetzung war plötzlich überall von besuchte auch der Intendant des Centralthea- dem Stück zu lesen, welches kaum jemand ters, Sebastian Hartmann, leider aber nicht das gesehen hatte. Somit konnte zumindest in gleichwertige Publikumsgespräch, eine abso- Diskussionsrunden die ursprüngliche Idee der lut notwendige Ergänzung zum Stück. Neben Aufschlüsselung, Enttabuisierung und DarstelFragen nach unseren eigenen politischen Aus- lungsform rechten Gedankenguts auf der Bühne richtungen und Fragen zu den Hintergründen aufgegriffen werden. einiger Szenen, trat das Publikum vor allem Zynisch und interessant ist jedoch zu erwähselbst ins Zentrum der Diskussion und ertapp- nen, dass sich die ‚Stücknazis‘ zum Ende hin te sich vereinzelt in Reflexionen des eigenen selbst als Opfer inszenieren, da ihnen jegliche Alltagsrassismus. Wir fühlten uns bestätigt. Bühnen und Räume strittig gemacht wurden – Doch am nächsten Tag und unmittelbar vor der die Absetzung des Stücks bestätigt diese Logik. nächsten Vorstellung wurden alle Aufführungen abgesetzt. Die Absetzung war für das Nazistück nichts Neues, kam aber dennoch unerwartet. Bereits 2012 sollte das Nazistück zweimal uraufgeführt werden und wurde jeweils nur Tage davor verschoben bzw. abgesetzt. Offiziell ließ das Centraltheater verlautbaren, dass die Arbeit am Stück noch nicht abgeschlossen sei. Auch vor den Premierenversuchen gab es Schwierigkeiten mit dem Abdrucken des obigen Textes für das

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„NAZIS REIN.“ KOMMENTAR ZUR ABSETZUNG DES NAZISTÜCKS BRIMBORIA Institut

bene Drehbuch zu werfen oder einer einzigen Probe beizuwohnen? Wir möchten hier nicht näher auf die Implikationen eingehen, was diese Handhabe über das theaterpädagogische Feingefühl der Leitung des CT aussagt – bei dem Team des Nazistück handelt es sich um junge Erwachsene, die viele Monate Arbeit in Konzeption, Recherche, Charakterzeichnung, Bühnenbild und Ausführung gesteckt haben. Unbezahlte Laien, nicht Profis, die mit dem Anspruch in die Produktion gegangen sind, ihre Fähigkeiten inhaltlicher Die Intendanz des Leipziger Centraltheaters und schauspielerischer Natur zu fördern und (CT) hat die Aufführung des Nazistücks ausge- vor Publikum zu beweisen. Und nun: Zwei Jahre setzt. ‚Verschoben‘ und ‚abgesagt‘ wurde die Arbeit für eine einzige Vorstellung? „Unhöflich“ Aufführung bereits im Mai 2012. Die Begrün- wäre eine sehr höfliche Umschreibung. dung damals: das Stück sei nicht eindeutig genug zum dargestellten Denken und Handeln Der Kunstbetrieb hat ein Naziproblem von Nazis in Opposition gegangen. Fast zehn Monate später, nach einer Generalüberholung in Sachen Dramaturgie, findet die Premiere am 15. Februar 2013 statt. Doch statt drei weiterer Vorstellungen folgt die Ansage von ganz oben: „Die Produktion Nazistück wird bis auf Weiteres vom Spielplan des Spinnwerk genommen.“ Sie wussten von nichts Nun muss sich zunächst die Frage stellen, warum ein Stück, welches zu uneindeutig/grenzwertig/kontrovers für eine Premiere ist, erst um eine Spielzeit verschoben wird, nur um dann nach einer einzigen Aufführung abermals abgesetzt zu werden. Hat sich tatsächlich keine leitende Stelle auch nur ansatzweise mit den Änderungen im Drehbuch und der Dramaturgie vor der Premiere befasst? Augenzeugen berichten, Sebastian Hartmann, der Intendant des CT, habe die Premiere besucht, um nach der Aufführung unstet durch den Vorraum des Spinnwerk zu tigern, offensichtlich zutiefst beunruhigt über das Gesehene. Waren zehn Monate nicht genug Zeit, um einen Blick in das umgeschrie-

Die Dünnhäutigkeit von Intendanz und Chefdramaturgie rührt natürlich nicht allein von der reinen Qualität des Stücks her. Einem Jugendtheater können und dürfen Schnitzer in der Ausführung durchaus nachgesehen werden. Und man soll schon handwerklich schlechtere Aufführungen am Spinnwerk gesehen haben. Nein, das Problem ist das Material, dessen sich die Beteiligten angenommen haben: Nazis, und zwar in idealtypischer Darstellung, in ihrem natürlichen Habitat (das Stück spielt in einem Nazizentrum, angelehnt an die Odermannstraße 8 in Leipzig-Lindenau). Der Zuschauende wird mit eindeutig nationalsozialistischen Aussagen beschallt. Der fragwürdige gesellschaftliche Konsens aber lautet, Nazis keine Bühne zu bieten. Wir möchten nicht unterschlagen, dass das BRIMBORIA Institut bereits in eine ähnliche Bredouille geraten war, als wir 2012 zur 7. Berlin Biennale eingeladen wurden und unser Nazistück der Unsouveränität des Kunstbetriebes zum Opfer fiel. Hier nun also: same procedure as every year. Der Kunstbetrieb in Deutschland scheint vor Ehrfurcht ergriffen, wenn es um die

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Behandlung der rechten Ideologie geht. Nämlich Ideologie in Form der künstlerischen Darstellung ihrer Träger, der Nazis selber. Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass ein erfolgreicher Kampf gegen Nazis auch die direkte Konfrontation mit Naziideologie braucht. So zu tun, als wären Nazis nur hirnvermummte Irre, die dank ihrer auratischen Wirkung jeden schwachen Geist sofort in ihren mystischen Bann ziehen, ist eine billige, bürgerliche Ausrede und spielt Nazis von vorn bis hinten in die Hände. Die Waffen der Kritik Nach der Vorstellung sitzen fast alle Besucher in der anschließend abgehaltenen Publikumsdiskussion, in Anwesenheit der Darstellerinnen und Darsteller sowie der Regie und haken nach. Es kommen Fragen nach der politischen Haltung der Mitwirkenden. Diese verneinen nachdrücklich, irgendeinen Gefallen an rechter Denke gefunden zu haben. Es wird nach den Bezügen im Stück zu realen Begebenheiten in Leipzig gefragt – eine Vielzahl an Anspielungen und Zitaten wird erläutert. Es kommen Fragen zum Frauenbild der Rechten und warum Nazis eigentlich Kapitalismuskritik üben. Verweise auf weiterführende Literatur werden gegeben, schon der Blick ins Programmheft gibt Hinweise auf viele Baustellen. Die Leute diskutieren über die Inhalte des NS. Diskussionen, die bis jetzt weitestgehend ausgeblieben sind, trotz NPD-Verbotsdebatte und irrer NSU-Abartigkeiten. Das Stück warf die Fragen auf, der Rahmen gab Antwortansätze. Die Diskussion zeigte Verständnis und Wissenslücken, auch das Interesse, letztere zu schließen. Doch natürlich hat nicht jeder die Zeit, solchem Schnickschnack beizuwohnen, denn was zählt, ist ja das reine Werk. Oder wie sehen Sie das, Herr Hartmann?

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,Ungarn erwachse! oder: Die Rückkehr der Front Deutscher Äpfel

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Hier könnte Ihr satirisches Protestsymbol stehen


13. JANUAR 2011 Die Aktivitäten der Apfelfront waren im Jahre 2011 weitestgehend eingeschlafen. Auf lokaler Ebene gab es hier und da noch Aktionen, die meisten uns bekannten Gaue hatten sich aber schon längst aufgelöst. Einzig Halle hielt nach unserer Kenntnis noch immer regelmäßig die Fahne in die Höhe und stellte sich in halb Ostdeutschland bei jeder Gelegenheit Nazis entgegen. Wir waren über diese Entwicklung nicht unglücklich, irgendwann läuft sich so ein Format tot. Die verbliebenen Aktiven aus den ersten Jahren der Apfelfront haben sich in der Zwischenzeit ohnehin anderen Themen und Projekten zugewandt. Für uns wurde die Front Deutscher Äpfel ein mögliches Aktionsformat unter anderen, das man bei Gelegenheit gern reaktivierte, aber auch nicht bedauerte, falls es in der Schublade vom Staub zerfressen werden sollte. Im Januar 2011 erreichte uns unerwartet eine Mail aus Ungarn:

Lieber Alf, lieber Netzmeister, Lass mich kurz vorzustellen: ich heiße Armin Langer, bin Student von Philosophie bzw. Koreanisch aus jüdischer und deutscher Herkunft, der seit Jahren in Budapest wohnt, obwohl in München auf die Welt gekommen ist. Bin Redakteur eines Schwulenmagazins und arbeite als Sekretär für ausländische Angelegenheiten für die Kinderfreunde Ungarn und den Verband der Antifaschisten. Außerdem bin ich auch als Künstler tätig: bisher hatte ich zwei eigene Ausstellungen, und das Dritte ist schon unterwegs. Und was das Wichtigste ist: ich will die Idee des FDAe in Ungarn verbreiten! :-) Ich habe mit der Werbung schon angefangen: bisher hat unsere Gruppe 44 Mitglieder. Sie besteht aus Grünen, Sozialisten, Eurokommunisten, Feministen, Juden, Zigeuners, Schwulen, Lesben usw.: alles Sorten von Aktivisten. Also sind wir eine wirklich bunte Gesellschaft. Wir werden das erste Treffen am Ende Januar haben, so wir unseres erste Performance schon in Februar halten können, wo wir - „übrigens“ – auch Vertreter der FDAe herzlich willkommen. :-) Aber das ist noch die Zukunft... Zuerst habe ich eine heiklere Frage: Bisher stimmt alles, wir haben nur eine Schwierigkeit: Mangel an Geld. Zur Herstellung von Fahnen, Armbinden usw. braucht man schon das. Wie könntet ihr Subvention kriegen? Danke schön für eure Hilfe! Auf eure Antwort wartend: Armin Langer Präsident Ideologische und Propagandistische Abteilung Front Ungarisches Knoblauchs

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Wir hielten die Mail spontan für einen Fake. Es las sich für uns wie eine wirklich gut durchdachte, personifi zierte Spam-Mail: Junger Aktivist aus Ungarn hat alle marginalisierten Menschen um sich versammelt, die er auftreiben konnte, um unser Aktionsformat nach Ungarn zu bringen. Dafür braucht er nur noch etwas Geld, damit es richtig losgehen kann. Na klar. Natürlich wären wir weniger skeptisch gewesen, wenn wir nicht bereits seit Jahren die absurdesten Anfragen aus ganz Deutschland bekommen hätten. Trotzdem entschieden wir uns dazu, seriös zu antworten. Es klang zu gut, um wahr zu sein – aber auch zu realistisch, um nicht wenigstens einmal nachzufragen. Retrospektiv eine sehr gute Entscheidung. Von da an berichtete uns Armin regelmäßig von den Aktivitäten der Ungarischen Knoblauchfront. Über Facebook sahen wir die ersten Photos ihrer Aktionen und staunten über die vielen Gesichter. Bereits in ihrem ersten Jahr versammelte diese Bewegung in Budapest mehr Menschen für Aktionen, als wir zu unseren mitgliederstärksten Hochzeiten. Und all das in Ungarn. In einem Land, das zu dieser Zeit nicht gerade durch emanzipatorische Tendenzen aufgefallen war.

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(UN-)GERN IN UNGARN. ERFAHRUNGEN EINES SYSTEMKRITISCHEN AKTIVISTEN Armin Langer

Am 11. und am 25. April 2010 hat Ungarn abgestimmt. Das Ergebnis schockierte sowohl das ungarische als auch das internationale Publikum. Obwohl es zu erwarten war. Politikwissenschaftler hatten es schon vor Wochen vorhergesagt: Mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten stimmten für eine rechtspopulistische Partei, für Fidesz. Das allein ist schon problematisch genug, aber zur selben Zeit ist als drittstärkste Kraft die größte rechtsextremistische Partei Europas in das Parlament in Budapest eingezogen: Jobbik. Fidesz – dieses Akronym steht ironischerweise für Fiatal Demokraták Szövetsége (‚Bund Junger Demokraten‘) – nutzte ihre im ungarischen Parlament so noch nie gesehene Mehrheit schamlos und umfassend. Und sie machte dies auch der Bevölkerung klar: Direkt nach ihrem Wahlerfolg wurde veranlasst, dass in allen öffentlichen Gebäuden Ungarns die sogenannte ‚Nationale Kooperationserklärung‘ ausgestellt werden muss. Dieses Dokument erklärt die Wahlen von 2010 zu einer nationalen Revolution und alle Vorgängerregierungen zu Verrätern der Nation. Obwohl Viktor Orbán schon einmal Regierungschef in Ungarn war, nämlich von 1998 bis 2002, spricht er immer wieder von den „Sünden der Regierungen der letzten Jahrzehnte“. Selbst die größten Optimisten mussten einsehen: Eine neue Zeit bricht in Ungarn an. Neben den symbolischen Veränderungen – wie zum Beispiel der permanenten Kriegsrhetorik, sowohl gegen die Europäische Union als auch gegen den Internationalen Währungsfond IWF – hat die zweite Orbán-Regierung sehr viele problematische Gesetze erlassen. Den Anfang machte die im August 2010 gegründete NMHH (Nemzeti Média- és Hírközlési Hatóság – ‚Nationale Behörde für Medien und Nachrichtenübermittlung‘). Durch diese neue Behörde werden nicht nur Fernsehkanäle und Zeitungen, sondern auch Online-Blogs überwacht. Die Medien-

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landschaft war seit dem Zerfall des stalinistischen Systems nicht mehr unter so umfassender Beobachtung und so extremen Manipulationsund Zensurversuchen ausgesetzt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Als der grüne EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit die Tätigkeiten der Orbán-Regierung und unter anderem dieses Mediengesetzt kritisierte, wurde dies in den ungarischen Nachrichten als Angriff des „bekannten linksextremistischen Pädophilen Cohn-Bendit auf Ungarn“ bezeichnet. Der verantwortliche Redakteur wurde bald befördert. Das ideologische Brainwashing zielt neben der Kontrolle der Medien auch noch auf ein anderes Feld ab, nämlich die Bildung. Die intellektuellenfeindliche Regierung hat ihre Unterstützung für Sprachschulen minimalisiert – noch nie war die Zahl der abgeschlossenen staatlich anerkannten Sprachprüfungen so niedrig wie im Jahr 2013. 2009 waren es noch 175.000, nur vier Jahre später lag die Zahl bei 120.000. Zur selben Zeit wurden enorme Summen aus den Budgets der Universitäten abgezogen. Mehrere Professoren – besonders die, die sich politisch links positionierten – wurden entlassen. Die Lage in den Grundschulen ist noch schlimmer: Alle Schülerinnen und Schüler sind verpflichtet, einen speziellen Ethikunterricht zu besuchen, in dem ihnen eine nationalkonservative Weltsicht beigebracht wird. Zum Beispiel, dass die größte Ehre darin besteht, für das Vaterland zu sterben. Aber nicht nur die normalsituierten Bürger müssen leiden: Unsere obdachlosen Mitbürger befinden sich seit 2011 in einer tragischen Situation. Die Regierung hat schon Ende 2011 versucht, eine ‚Endlösung‘ für das Problem der Obdachlosigkeit zu finden. Die Kriminalisierung war der einfachste Weg. Fidesz hat ein Gesetz erlassen, das es für illegal erklärt, in öffentlichen Räumen zu schlafen, zu wohnen, zu leben. Wer diese Straftat begeht, muss

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eine Geldstrafe bezahlen – oder ins Gefängnis ‚einziehen‘. Damals hat das Verfassungsgericht dieses ‚Obdachlosengesetz‘ entkräftet. Aber weil die Regierungspartei mit ihrer Zweidrittelmehrheit die Verfassung ändern kann, war bald das Verfassungsgericht selbst entkräftet. Ein Problem weniger. Seit 2013 sind Obdachlose in Ungarn wieder illegal. Die Liste mit Beispielen, wie Ungarn im Sinne von Fidesz umgekrempelt wird, könnte noch fortgesetzt werden. Ungarn, das für viele Deutsche als Vorreiter der Demokratie im ehemaligen Ostblock gilt, stimmte im historischen Wahlgang von 2010 für die Errichtung eines autoritären Systems. Die ungarische ‚Linke‘ trägt die größte Schuld am Fidesz-Erfolg. Vor 2010 herrschten acht Jahre lang Regierungen der sogenannten Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP). Diese sich selbst sozialistisch nennenden orthodoxen Neoliberalen erhöhten das Rentenalter, froren die Unterstützung für Familien ein, schafften hunderte Kilometer von Bahnschienen ab, stellten die Gas- und Fernheizungskompensationen ein und zogen riesige Summen aus dem Hochschul- und Gesundheitswesen ab. Hätte es 2008 keine Volksabstimmung gegeben, dann hätten sie auch Studiengebühren eingeführt und noch mehr Krankenhäuser privatisiert (viele dieser Pläne werden übrigens von Orbán fortgesetzt). Zusätzlich kamen in diesen acht Jahren zwischen 2002 und 2010 so viele Korruptionsfälle ans Licht wie nie zuvor. Die betreffenden Premierminister traten aber erst dann zurück, als ihnen öffentlich Lügen nachgewiesen werden konnten. So geschehen bei Ferenc Gyurcsány im Jahr 2006, der angesichts einer geleakten Audioaufnahme in Bedrängnis kam: „Wir haben die ganze Zeit gelogen”, verkündete er und trat dennoch erst nach drei Jahren zurück. Noch nie hatten wir in Ungarn eine so diskreditierte Regierung wie unter Premierminis-

ter Gyurcsány. Und noch nie hatten wir so viele apolitische bzw. antipolitische Wahlberechtigte wie nach dieser Periode. Diese Verdrossenheit ist besonders stark seit der Wirtschaftskrise von 2008, die auch dazu führte, dass Jobbik bei den Wahlen 2010 18 Prozent erreichte. Schon früher gab es Versuche unterschiedlicher rechtsextremistischer Parteien ins Parlament einzuziehen: Zwischen 1998 und 2002 saß die Partei MIÉP (Magyar Igazság és Élet Pártja – ‚Partei der ungarischen Wahrheit und des [ungarischen] Lebens‘) mit fünf Prozent im Parlament. Allerdings erlaubte sie sich kaum solche Parolen, wie sie bei den Abgeordneten von Jobbik alltäglich sind. Antisemitismus (zum Beispiel wollte der Abgeordnete Gyöngyösi eine Liste aller in Ungarn lebenden Juden zusammenstellen lassen, weil diese ein nationales Risiko darstellen würden), Antiziganismus (‚Zigeunerkriminalität‘ als standardisierter Begriff im Diskurs der Jobbik, auch im Parlament) und Homophobie (Gesetzesvorschlag: ‚homosexuelle Propaganda‘ soll bestraft werden) gehören seit 2010 zu den normalen Anträgen im ungarischen Parlament. Ihren Erfolg hat Jobbik hauptsächlich einer ihr nahe stehenden, paramilitärischen Gruppe zu verdanken, der Ungarischen Garde (Magyar Gárda). Gründer war übrigens der Präsident von Jobbik, Gábor Vona. Heute spielt die Garde zum Glück keine bedeutende Rolle mehr. Jobbik vernachlässigt sie, weil die Partei gegenwärtig versucht, zu den europäischen Rechtsextremisten aufzuschließen. Es war auch ihnen peinlich, als Geert Wilders ankündigte, Jobbik nicht in die vor der Gründung stehende EU-Fraktion der Rechtsextremisten aufzunehmen, weil sie zu barbarisch sei … Woher aber kommt der Rechtsextremismus? Mehrere Statistiken beweisen, dass die meisten Wähler der Jobbik früher die sogenannte sozialistische MSZP unterstützt haben,

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besonders in den ärmeren Regionen in Ostungarn. Es wird klar, dass sich sehr viele Wähler durch die neoliberalen Reformen der MSZP-Regierungen verraten fühlten und darum die kapitalismuskritische Jobbik gewählt haben. Nach einer Studie des Soziologen András Kovács von 2013 sind ‚nur‘ 46% der Jobbik-Wähler antisemitisch. Das ist in Ungarn nicht weiter besonders: unter den MSZP-Wählern trifft dies auf 36% zu. Eine andere, kapitalismuskritische Alternative zu Jobbik war 2010 die von Umweltschutzund Menschenrechtsaktivisten gegründete grüne Partei LMP (Lehet Más a Politika – ‚Politik Kann Anders Sein‘). Die Partei bekam deutlich weniger Medienaufmerksamkeit als Jobbik – auch weil die Grünen keine Privatarmee gegründet haben –, trotzdem erzielten sie mit sieben Prozent ein gutes Ergebnis. Damit haben sie eine wirkliche Alternative aufgezeigt: Zur selben Zeit links und systemkritisch. Denn obwohl die LMP in ihren Äußerungen sehr links ist, würde sie sich nie selbst so bezeichnen. Sie besteht auf ihrer klassischen Selbstdefinition: „Weder links, noch rechts, sondern geradeaus!“ Bald darauf wurde dann auch die erste, ganz offensichtlich linke und systemkritische Partei gegründet, die 4K! (Negyedik Köztársaság Párt – ‚Partei für die Vierte Republik‘). Mit diesem Namen hat es Folgendes auf sich: Seit 2012 haben wir in Ungarn auch eine neue Verfassung. In dieser heißt es nicht mehr „III. Ungarische Republik“, sondern nur „Ungarn“. Ich sehe in diesen jungen linken Parteien die Zukunft. Sie können den korrupten und neoliberalen ‚Linken‘ zeigen, was wahre linke Politik bedeutet. Jetzt, das ist kurz vor den Wahlen von 2014, stellen sich alle neoliberalen Parteien gemeinsam gegen die Regierungspartei – sie kündigen sogar an, dass sie mit dem Teufel paktieren würden, nur um wieder an die Macht zu kommen. Nicht nur wegen eines

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neuen, nicht zufällig unausgeglichenen Wahlgesetzes werden sie verlieren. Die Hälfte der Ungarn geht nie wählen. Sie wartet darauf, dass die Opposition zur rechtsnationalen Regierung linke (und nicht rechtsliberale) Positionen einnimmt.

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ELEMENTE UND URSPRÜNGE DER KNOBLAUCHFRONT. EIN KURZPORTRAIT DES GRÜNDERS Ruben Pfi zenmaier

Sich selbst nennt er einen harmlosen Jungen aus einer Kleinstadt auf dem Lande. Zum Studium zieht Armin Langer 2009 nach Budapest, schon seit Langem interessiert er sich für Politik. Als ich nach Budapest gezogen bin, war mein erster Kontakt die Humanistische Bewegung, eine antikapitalistischen Anti-Kriegsgruppe. Im Laufe einiger Wochen begann ich, als Teil eines Teams, Flashmobs und Demos zu organisieren. Dieser Anfang prägte auch meine Tätigkeiten in anderen Bereichen: Ich wurde Sekretär für Ausländische Angelegenheiten des Kinderhilfswerks Kinderfreunde Ungarn und veranstaltete Podiumsdiskussionen beim Szimpozion LGBT Jugendverein. Dank dieses Engagements wurde ich 2010 von der neugegründeten ökologischen, kapitalismuskritischen Anti-Korruptionspartei ‚Politik Kann Anders Sein‘ als Kandidat bei den Kommunalwahlen aufgestellt: als Direktkandidat im 8. Bezirk von Budapest holte ich sieben Prozent der Stimmen. Es scheint kaum eine linke Gruppierung in Ungarn zu geben, die Armin nicht kennt. Und gefühlt ist oder war er in der Mehrheit dieser selbst aktiv. Nach der Auflösung der Humanistischen Bewegung fing ich an, alternative Demos zu veranstalten (zum Beispiel einen Anti-IWF-Flashmob inmitten einer großen Pro-IWF-Demonstration der liberalen Opposition). Außerdem habe ich das Schreiben für mich entdeckt: In meinen Artikeln äußere ich mich zu vielen Themen, von Feminismus über Obdachlosigkeit bis hin zur liberalen Opposition in Ungarn. Und im Januar 2011 startete ich das Projekt Ungarische Knoblauchfront, die mit Humor und Satire als alternativen Mitteln Jugendliche politisch motivieren sollte und sehr bald bekannt wurde: Antifaschismus in sexy. Es folgen Studienaufenthalte in Israel und Palästina, Engagements in der Palästinensischen

Mission und dem Jüdischen Gemeindehaus Budapests. Armin fängt an, Gottesdienste in der progressiven jüdischen Gemeinde Sim-Schalom zu besuchen und bringt sich und sein politisches Interesse auch hier ein. Wir haben versucht, einige durch ‚Tradition‘ entstandene Konventionen zu ändern, die den entscheidenden ethischen Lehren der Religion widersprechen. So ist mir zum Beispiel ein LGBTQ-freundliches Judentum ein besonderes Anliegen. Mehrmals habe ich Veranstaltungen zu diesem Thema in Budapest geleitet, jedes Mal mit hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ich entdeckte schon bald, dass meine politischen Werte nicht einfach nur stark mit der Bibel vereinbar sind, sondern direkt aus ihr folgen. Nach seinem Studienabschluss im Fach Philosophie an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest im Jahr 2013 beschließt Armin, sich am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam und Berlin für den Studiengang Rabbinat zu bewerben. Und wird angenommen. Heute lebt er in Berlin, als Student der jüdischen Theologie. Bei den ungarischen Parlamentswahlen im April 2014 tritt er als Kandidat der Vierten Republik an. Kurz vor der Wahl sagt er dazu selbst: Nein, ich werde höchstwahrscheinlich nicht als Abgeordneter ins Parlament gewählt werden. Aber ich halte es für äußerst wichtig, die Botschaft zu verbreiten, dass es eine andere Linke gibt. Mit seiner Prognose soll Langer recht behalten: Fidesz wird mit über zwei Dritteln der Stimmen stärkste Kraft. Die liberale gemeinsame Liste erleidet eine schwere Niederlage – kommt aber, ebenso wie die Grünen, die vielen Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt waren, ins Parlament. Die einzige Partei, die stärker wird, ist Jobbik.

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DIE GEBURT DER UNGARISCHEN KNOBLAUCHFRONT. VON ÜBERSETZUNGEN UND ERFOLGEN Armin Langer

Eine Idee findet ihren Weg. Als Sekretär für ausländische Angelegenheiten des Kinderhilfswerks Kinderfreunde Ungarn wurde ich regelmäßig ins Ausland geschickt, um die Interessen dieser NGO zu vertreten. Bei einer internationalen Konferenz habe ich das Projekt Front Deutscher Äpfel entdeckt. Sofort nach meiner Rückkehr habe ich die Entscheidung getroffen, mit Freunden eine ungarische Version zu gründen. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis mir wieder einfiel, was typisch ungarisch ist … Wir haben eine ganze Welt aufNehmen Sie ein gebaut: Eine Führerin, die zwei ideologisches Grund- Jahre alt ist, eine Kampagne gerüst und füllen Sie es gegen chinesischen Importmit Dada auf, bis Sie nicht mehr können. knoblauch, eigene neue Wörter wie zum Beispiel fokhagymagyar (fokhagyma = Knoblauch, magyar = Ungar) oder gerezdember (gerezd = Zäh, ember = Mensch). Nach den Anfängen unserer neuen Zivilisation stand unsere erste Performance am 8. März 2011 an: Ein Aufmarsch am Heldenplatz in Budapest, das Ausrufung der Gründung unserer Front und unserer Forderungen. Wahrscheinlich hat noch niemand in Ungarn Rechtsextremisten parodiert. Hier und ganz anders als in Deutschland gibt es ein paar mehr organisierte Rechtsextremisten, sowohl prozentual, als auch absolut gesehen Lieber Galgenhumor als und besonders auch qualitativ. gar kein Humor! Was die Menschen in Ungarn und was unsere Zielgruppe von unserer Aktion gehalten haben? Unsere Initiative ist zu 100% positiv in den Medien angekommen: Schon unsere erste Vorstellungsperformance wurde von mehreren Kanälen verfolgt. Nach zwei weiteren Aktionen waren wir sogar im größten Fernsehkanal Ungarns in einer ausführlichen Reportage zu bewundern. Aber zuerst einen Schritt zurück. Am Anfang wollten wir nur eine alternative antifaschistische Gruppe gründen, denn der dama-

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lige Antifaschismus in Ungarn war unattraktiv, langweilig, ja sogar hässlich: Kränze an Sowjetdenkmälern niederlegen und sonst nichts. Ganz in der Tradition des Siegs der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Erinnerung an die Toten des Zweiten Weltkriegs, Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen. Nach einer Weile mussten wir aber feststellen, dass unsere Regierung viel zu viel Material für Satire liefert. Wir dachten uns, dass es auf diese absurde Lage in Ungarn keine andere Antwort geben kann. Als wir nicht mehr nur Rechtsextremisten, sondern auch den politischen Mainstream der Regierung anvisierten, haben einige Leute unsere informelle Gruppe verlassen, aber viele mehr sind neu beigetreten. Meine Position dazu war, dass die Regierung an sich schon problematisch genug ist und zudem auch viele Themen von Jobbik übernimmt. Unsere erste Aktion gegen die Regierung Orbán war ein Auftritt auf einer Demonstration der oppositionellen Bewegung Milla, auf der wir als gefakte Gegendemonstratoren für ein strikteres Mediengesetz marschiert sind. Nachdem wir angefangen hatten, mit unseren Aktionen auch auf die Regierung zu zielen, bekamen wir Angebote, an „ernst gemeinten“ Demonstrationen teilzunehmen. So fingen wir an, auf Bühnen vor 5.000 bis 100.000 Demonstranten aufzutreten. Wir haben Reden gehalten und unsere selbstgeschriebenen Lieder und Gedichte gesungen. Zur selben Zeit wollten wir aber unsere Verbundenheit mit der Straße nicht aufgegeben. Wir haben uns nicht ausschließlich auf die Bühnen konzentriert, sondern haben auch viele eigene Kundgebungen organisiert, wie zum Beispiel einen Protestzug gegen die Aufführung des Stückes Tanz der Vampire. Dieser führte auf Facebook zu wahren Schlachten zwischen Fans des Musicals und Anhängern der Knoblauchfront. Oder ein legendärer Protest für die Umbenennung von noch mehr Straßen: Eine

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der ersten Aktionen der Regierung Orbán war es, viele Straßen umzubenennen, die Namen von nicht-konservativen politischen Personen trugen. Im August 2011 haben wir auch das erste Knoblauchfestival veranstaltet, mit Hunderten von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, einem Line-Up mit bekannten Rockbands und Stand-Up-Comedians. Alle haben ehrenamtlich mitgemacht, sogar ein Abgeordneter aus dem Rathaus ist gekommen, um die Gäste im Namen des Bezirkes – äußerst humorvoll – zu begrüßen. Innerhalb eines halben Jahres hatten sich uns mehr als einhundert neue Aktivisten angeschlossen. Und natürlich sind auch die Rechtsextremisten schnell auf uns aufmerksam geworden: mehrere Mitglieder unserer Gruppe, hauptsächlich ich, das Gesicht der Gruppe, wurden auf der Straße angegriffen. Aber das konnte uns den Willen nicht nehmen. Im Gegenteil. Das bedeutet nur, dass es noch immer Faschisten gibt, gegen die wir kämpfen müssen. Nach einer Weile aber wurde der Schwung schwächer, es zündete nicht mehr so richtig. Das lag hauptsächlich daran, dass wir mehr und mehr Reaktionen der Öffentlichkeit bekommen haben, und viele unsere Anhänger – oder ehemaligen Anhänger – forderten, dass wir unsere Energie für ernste Politik verwenden sollten, anstatt nur herumzualbern. Sie argumentierten, dass die Lage in Ungarn jetzt zu ernst sei, um mit Kunst und Satire herumzuspielen. Für einige Zeit fokussierten wir uns deswegen auf unsere Web- und Facebook-Seite, blieben eher bei Internet-Memes und Online-Satire (was natürlich auch schon früher für uns typisch war). Wir haben noch ein paar Aktionen und Flashmobs organisiert, haben dann aber damit aufgehört. Das lag vor allem daran, dass die aktivsten Mitglieder alle angefangen haben, ernste Politik zu machen. Einer von uns wurde PR-Manager der Grünen, ein anderer war Mitgründer eines Studentennetzwerks. Ich selbst fing an, verstärkt

Essays über die politische Lage in Ungarn zu schreiben. Normalerweise realisierten wir unsere Demonstrationen und Aktionen so, dass unsere Kerngruppe, bestehend aus fünf Personen, die jeweils anstehenden Aktionen geplant oder koordiniert haben. Ohne uns ging es nicht weiter. Die Knoblauchfront hatte sehr viele Erfolge zu feiern, wir haben Unglaubliches geschafft, nur durch unsere kreativen und unkonventionellen Methoden. Ohne Geld, ausschließlich durch ehrenamtliche Arbeit hunderter Freiwilliger. Aber worauf ich selbst am stolzesten bin, ist, dass wir sehr viele Jugendliche politisieren konnten. Je weniger aktiv unser Künstlerkollektiv wurde, desto aktiver sind unsere Mitglieder in anderen, seriösen politischen Gruppen, Projekten und Organisationen geworden. Zu unseren Alumni zählen mehrere Mitgründer des erfolgreichen Studentennetzwerkes Hallgatói Hálózat, Redner der Anti-Verfassungsänderungbewegung und Aktivisten in unterschiedlichen Menschenrechtsorganisationen.

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The 13+1 Standpoints of the Hungarian Garlic Front Official brochure of the Hungarian Garlic Front’s Department of Propaganda and Ideology The three eternal verities: I. The Garlic is one, since it has got no plural form. II. The Garlic shan’t be written with a „k”. III. In Garlic Veritas. A Hungarlic stays always a Hungarian Garlic. Those, who had to emigrate, fight for the same Eternal Garlic. We resist the pressure of the Western lila- and Eastern red onion! The true Hungarlic breathes on every Chinese garlic grower and foreign onion! We will stop the spreading of the Chinese garlic! We will not let them plant anymore! Creating our own Garmy! Let’s declare immediately war towards the low world of the onions. We will cooperate with the Arabian celeries. We breathe at the Scentlesses, and their lands shall be hammered by warrior goats. The Hungarlic culture will rise again! We’ll fight against the vampires in the bookshops, theaters and cinemas! National holidays: 11th of February (when the Scentlesses expelled us from Mongolia), 4th of June (World Day of Clovemen), 26th of July (Day of the Garmy)

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We demand to set the original, garlicful Pater Noster back! Garlic water instead of sacred water! Every kippah and turban should have the shape of a garlic! We liquidate everything based in Makó, which has no connection to the garlic! This nation is based on it! Every pensioner should get his/her own garlic-plantation! We give garlics to the starving! We support home birth. Hungarian garlic for the Hungarian toast! The following dishes will receive state funding: French garlic soup, barbecued garlic, garlic with youghourt, lángos with garlic and cream. The garlic pálinka is the new hungaricum! Our mascot is the goat, because it smells. We also like the badger and the swine, but we can’t have three mascots at the same time, so we had to decide. Sorry. Being smelly together with Mongolia! We kill everyone, who is smellier, than we are!

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11. MÄRZ 2013 „Deine Handlungen werden Konsequenzen haben!“, flüstert ein Sicherheitsbeamter einem ungarischen Aktivisten zu, als er mit einem Dutzend Oppositioneller einen Zufahrtsweg zum Parlamentsgebäude blockiert. Der Aktivist hält ein Schild hoch, blickt stumm und stoisch in die Ferne. Die Zufahrt auf der gegenüberliegenden Seite ist längst frei geräumt. Aus einigen Fenstern des Gebäudes hängen schwarze Fahnen. Im ungarischen Parlament wird an diesem 11. März 2013 gerade eine weitere Verfassungsänderung beschlossen. Dieses Mal geht es dem Verfassungsgericht an den Kragen, dem letzten rechtsstaatlichen Korrektiv, das der aktuellen Regierung bei ihren Beschlüssen immer wieder auf die Finger klopfte. Von nun an soll es sich ausschließlich um formelle Angelegenheiten kümmern und nicht mehr inhaltlich mitreden. Zeitgleich werden Erika Steinbach (inzwischen ehemalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen) und Norbert Lammert (Präsident des Deutschen Bundestages) im Parlament empfangen. Die nationalkonservative Regierung Ungarns kündigt an, einen Gedenktag für die Vertreibung von Deutschen nach 1945 einzuführen. Ein bis dahin einmaliger Vorgang. Steinbach ist so aus dem Häuschen, dass sie sich nicht zu doof ist, einen Artikel des nationalistischen Schmierblatts Junge Freiheit auf Twitter zu verbreiten. Der Titel: „Steinbach nimmt Ungarn in Schutz“.

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DADA SIEGT! Die Front Internationale

Zu unserer Überraschung wurde die Ungarische Ausgehend von der Apfelfront Halle wurde 2012 Knoblauchfront keine Eintagsfliege. Im Gegen- das Projekt p.ART (Participation through Art) teil: die Bewegung wuchs und wuchs. Armin gestartet, welches ermöglichen sollte, uns schickte uns regelmäßig Fotos, Videos und endlich einmal kennenzulernen und, natürPresseberichte. lich darauf aufbauend, gemeinsame Aktionen Wir betrachteten die Zusendungen dankbar durchzuführen. und wohlwollend, verstanden wegen der großen Sprachbarriere aber kein Wort. Das Unga- Der erste Ritt rische ist eine derart andere Sprache, dass wir an die Knoblauchfront nicht die leiseste Ahnung hatten, über was in Das erste gemeinsame Treffen in Ungarn fand den Beiträgen geredet wurde. Von Wortwitzen im August 2012 statt und war eine Vorbereitung ganz zu schweigen. Ein schwerwiegendes Pro- des gesamten Projekts gewidmet. p.ART stellte blem für die gemeinsame Arbeit. sich der Aufgabe, das Verhältnis von Satire und So sympathisch uns Armin erschien, so politischer Bildung im europäischen Kontext freundlich uns seine Bewegung auch von den praktisch und theoretisch auszuleuchten. Es Bildern entgegen lächelte: Wir hatten nicht ei- sollte nicht ausschließlich um unsere Fronternen einzigen Anhaltspunkt zu glauben, dass sie fahrungen gehen, das Projekt wollte sich mit politisch auf unserer Seite stehen. Ironischer- Satire im Allgemein beschäftigen. weise fanden wir das Auftreten sogar befremdNach einer Zugfahrt von 14 Stunden kalich. Aber auch faszinierend. Das ganze Projekt men wir in Budapest an und wurden herzlich erzeugte Fragezeichen in unseren Köpfen und empfangen. Zwar war es das so standen wir unter dem Eindruck, den wir ei- Hauptkampfziel einen Plan für Verschwenden Sie nicht gentlich immer bei unserem Publikum auslösen das Projekt zu entwickeln, doch zu viel Zeit mit Namensschließlich wollten wir auch findung! Mit einem guten wollten. Konzept kommen Sie mit Dank eines glücklichen Zufalls war Robin wissen, ob man sich auf einer den schrägsten Namen May, ein Aktivist der Apfelfront Halle, ohnehin Humorebene treffen konnte. Da durch, siehe: ‚no lager aufgrund eines Projekts quer durch halb Ost- lag es nahe, die Front selbst zum halle‘ (aus Halle/Saale) europa unterwegs und konnte Thema zu machen. Und somit oder die ‚Essener Elterninitiative zur UnterstütSie werden mit Aktionsar- in Budapest haltmachen, um hatten wir ausreichend Möglich- zung krebskranker Kinder beit kaum Geld verdienen. Armin und die Knoblauchfront keit, uns unserem Kerngeschäft e.V.‘ mit ihrer Website Also lassen Sie sich förkennenzulernen. Er verbrachte zu widmen. Armin stellte uns www.krebskranke-kinderdern! Erste Anlaufstelle: essen.de www.kulturfoerderung. ein paar Tage in der ungarischen Menschen vor, die sich an der org. Weitere Tipps gibt es Hauptstadt und produzierte Knoblauchfront beteiligten. Sie erzählten uns, auf www.phase0.org sogar Videomaterial, das in wie sie sich kennengelernt und in welchen poHalle zu einem Informations- litischen Zusammenhängen sie darüber hinaus film des Boskopistischen Auslandsamts (BAA) aktiv waren. Wir stellten schnell fest, dass wir zusammengeschnitten wurde. Dieser Film do- nicht nur einen ähnlichen Humor hatten, sonkumentiert das erste Treffen der beiden Fron- dern offenbar auch politisch im Wesentlichen ten. Robin erklärt darin ewige Freundschaft gleich tickten. Gleichzeitig lernten wir die Absurditäten des mit der Knoblauchfront, während er feierlich eine FDÄ-Armbinde übergibt. Armin spielt gut alltäglichen politischen Lebens in Ungarn kenmit und beschwört den ‚historischen Moment‘. nen. Armin zeigte uns noch am ersten Abend Robin konnte also Entwarnung geben: Die Leute in seiner Wohnung einen Brief von Viktor Orsind cool. bán. Das Staatsoberhaupt ließ allen Ernstes

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wöchentlich Propaganda dieser Form an je- Besonders eindrücklich war ein Besuch bei den Haushalt verschicken. Gegenstand waren einigen hochrangigen, aber politisch ohnselbstredend die großen Erfolge der Regierung mächtig gewordenen Sozialisten. Ein der Knoim Namen der Nation. Bei einer Bevölkerung blauchfront assoziierter Soziologe lud uns ein von zehn Millionen kommt da einiges an Porto und brachte uns in eine schon von der Belezusammen. Und das Woche für Woche. gung her merkwürdige Villa: Unter dem Dach Verhältnismäßig günstig muss dagegen der hauste eine nationalistische Bibliothek, auf Import von Protestlern aus Polen ausfallen: Am den mittleren Etagen befand sich eine femi15. März ist ein großer ungarischen National- nistische Vereinigung und im Keller hatten feiertag, die Hauptstadt ist voll mit Hunder- die Sozialisten ihr Büro. Sie hatten sich auftausenden von Menschen auf Demonstrationen. grund der dräuenden Hitze in den Garten des Natürlich lässt es sich die nationalkonservative Hauses gesetzt und empfingen uns herzlich. Regierung an diesem Tag nicht nehmen, die ei- Nachdem wir selbstgebrannten Pálinka (eine gene Souveränität gegenüber dem restlichen wirklich durchschlagende ungarische SpeziaEuropa zu betonen und mächtig Stunk gegen lität) genossen hatten, sprudelten die Fragen europäische Politik zu machen. Um die eigene nur so aus uns heraus: Wie ist es um die MinPosition zu bekräftigen, werden jährlich hun- derheiten in Ungarn bestellt? Warum gibt es derte Menschen aus Polen an diesem Tag ver- keine wirkliche Opposition? Wie kommt man günstigt nach Budapest eingeladen. Sie wer- aus der Misere wieder heraus? Wir sahen uns den mit einem Kurzurlaub in der ungarischen mit viel Ratlosigkeit und wenig befriedigenden Metropole angelockt – man müsse sich nur kurz Aussichten konfrontiert. Immer nichtiger erschienen die Probleme auf einer Demonstration blicken lassen und ein paar Schilder hochhalten. Wie dieses Propag- und Debatten, die wir von der in Deutschland andainstrument finanziert wird, ist ebenfalls aktiven Szene kannten. Auch unsere eigene völlig unklar. satirische Aktionsarbeit wirkte plötzlich wie Während unseres Besuchs in Budapest er- Krawall in der Kinderkrippe. In einem Land, in schloss sich uns die Knoblauchfront immer dem paramilitärisch organisierte Nationalisten weiter. Genaugenommen war ihr Konzept so- trotz halbherziger Verbote regelmäßig aufmargar weiter entwickelt als unser eigenes. Nach schierten und Roma-Dörfer besetzten, in dem über einem Jahr Aktivität beschlossen sie, nicht ein politischer Konsens herrschte, der jede mehr nur gegen Nazis anzutreten, sondern den erdenkliche Diskriminierung von Minderheiherrschenden Nationalismus im Allgemeinen ten zur Staatsräson zu erheben schien, gehört anzugreifen. Ein Schritt, den wir zu dem Zeit- zu konfrontativer Arbeit weitaus mehr als im punkt und in dieser Konsequenz noch gar nicht Deutschland von heute. auf dem Schirm hatten. Auch das Spiel mit der Figur des Vampirs, die anstelle unserer Südfrüchte als Feindbild der Bewegung dient, entpuppte sich nicht als bloße Albernheit, sondern als ein sehr durchdachtes Konzept zur Persiflage des modernen Antisemitismus. Zu einer Zeit, in der es völlig in Ordnung schien, vermeintlich gierigen Bankiers die Verantwortung für die globale Wirtschaftskrise in die Schuhe zu schieben (ohne aber den größeren Rahmen in den Blick zu nehmen) und sie zum Sprung vom Hochhaus aufzufordern, eine ganz wunderbare satirische Projektionsfigur.

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Gründung DADA Budapest Bestimmten bei unserer ersten Reise nach Budapest Erzählungen und Kommentare von politisch aktiven Menschen unser Bild der politischen Realität in Ungarn, sind wir nun selber mittendrin. Dieses Mal reisen wir mit einer größeren Gruppe an. Unsere Arbeitsräume befinden sich in einem der letzten linksalternativen Zentren, dem Sirály, einem kulturellen Szenetreff im 7. Bezirk von Budapest. Es ist der letzte selbstverwaltete Raum, in dem sich alle halbwegs oppositionellen jungen Leute treffen können. Kurze Zeit nach unserer Rückkehr nach Deutschland wird auch dieses Lokal geräumt werden, angeblich wegen nicht beglichener Mietforderungen und Baufälligkeiten. Während unseres Aufenthaltes ist von diesem drohenden Ende noch nicht viel zu spüren. Die Stimmung ist dennoch angespannt; die ungarischen Teilnehmenden verschwinden immer wieder, um Protestaktionen zu besprechen. In die Woche unseres Besuchs fällt nicht nur die Verfassungsänderung, sondern auch der 15. März, der größte ungarische Nationalfeiertag. Im Vorjahr fanden aus diesem Anlass drei Großdemonstrationen statt, jeweils getragen vom liberalen Bürgertum, der nationalkonservativen Regierung und der Jobbik, der ‚Nazi-Partei‘ Ungarns. Auch dieses Jahr sollte sich das Spektakel wiederholen und uns somit eine ideale Spielwiese für satirische Aktionsformate bereitstellen. Auch in der größeren Gruppe stellen wir schnell fest, dass wir eine sehr breite gemeinsame Humorebene haben. Immerhin teilen wir einen ganzen Fundus an popkulDas einzig sinnvolle turellen Referenzen von Monty Kennenlern-/Warm- Python bis hin zu US-Serien Up-Spiel ist und bleibt: und Memes. Aber es zeigen sich Blockadetraining! auch Widersprüche, an denen entlang wir lernen, den politischen Kontext des Nationalfeiertags einzuschätzen, an dem wir intervenieren wollen. So drohte beispielsweise die Stimmung nach einem Spaziergang entlang des Nationalmuseums zu kippen: Im Vorgarten des Gebäudes sind kleine, von Kindern gebastelte Ungarn-Fähnchen aufgesteckt, die von Teilnehmenden aus Deutschland sofort

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eingesammelt werden. Ein Reflex unserer Antifa-Generation, den wir der Fußball-WM 2006 zu verdanken haben: Sobald Fähnchen in Nationalfarben auftauchen, müssen sie umgehend entfernt werden. Dieser Tick stößt bei unseren Gastgebern Auch eigene Gewohnheiauf alles andere als Verständnis. ten ruhig mal in Frage In großer Runde versuchen wir stellen! zu erklären, warum wir Nationalsymbole nicht ernst nehmen. Aber darum geht es offenbar überhaupt nicht. Die ungarische Politik hat einen offensichtlichen Drang zu Verschwörungstheorien, immer wieder wird eine Art Fremdbestimmung herbeifabuliert. Eine Kränkung des ungarischen Nationalstolzes, wie uns erklärt wird. Ungarn sehe sich in der Geschichte zuerst von Habsburgern, später Nazis, Sowjets und nun von der EU kontrolliert. Diese Denke liefert die Grundlage der nationalkonservativen Politik zur Diskreditierung aller oppositionellen Bemühungen, indem diese als ungarnfeindlich, als nicht ungarisch, abgestempelt werden. Nach dieser Debatte wird uns klar, dass es herzlich egal ist, ob wir uns selbst als Europäer, Weltbürger oder was auch immer begreifen: Im derzeitigen Ungarn werden wir in erster Linie als Deutsche wahrgenommen, die entsandt wurden, um Ungarn zu schaden. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Opposition die ungarische Nationalflagge als Vehikel der Selbstbehauptung verwendet. Die Botschaft lautet: Wir sind genauso Teil dieses Staates wie ihr, die ihr uns als ‚nicht wahrhaft ungarisch‘ abstempelt. Solche Debatten verlaufen höchst produktiv und bilden schließlich das ab, was sich jede interkulturelle Bildungsinitiative wünscht: Einen hochwertigen Austausch unterschiedlicher Meinungen und Befindlichkeiten, inklusive Perspektivübernahme des Gegenübers. So hölzern es klingen mag, hatten wir nun doch Verständnis dafür erlangt, wie prekär die Lage der Opposition in Ungarn ist. Währenddessen geht die Ideenproduktion für unseren gemeinsamen Aktionstag weiter. In großer Runde wird immer wieder diskutiert, was wir am 15. März eigentlich anstellen wollen.

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Der entscheidende Vorschlag kommt von Armin. Das Wetter verschlechtert sich zunehmend. Am Wir wollen versuchen, als großer Block jede späten Abend erreicht uns die Meldung: Die einzelne der großen Demos zu hacken: Als ein- ersten Demos werden abgesagt. Weil im ganheitlicher Block in jedem Demonstrationszug zen Land wie verrückt Schnee fällt, wird sogar aufzutauchen – diese Einheitlichkeit wollen wir der Katastrophenfall ausgerufen. Die geplanten durch große Banner und Plakate vermitteln, die Busse mit zigtausend Demonstrationstouristen durch ihre schiere Größe und Menge wahrge- können nicht fahren, weil gerade die Provinzen nommen werden müssen. Die Idealvorstellung Ungarns im Schneechaos versinken. Auch in Bulautet: Bilder produzieren, die medial vermittelt dapest schneit es beständig. Die Organisatoren und nebeneinandergelegt stutzig machen: wa- der Jobbik sagen ihre Demo ab, die Liberalen rum sieht ein Teil der Demos eigentlich über- und die Fidesz tun es ihnen wenige Stunden all gleich aus? Damit soll ausgedrückt werden, später gleich. Am 15. März also keine, gar keine dass es in Ungarn in erster Linie an einer poli- Großdemonstration. Unser sorgfältig vorbereitischen Alternative mangelt, während die drei teter Aktionsplan ist damit Geschichte. Großdemonstrationen ins gleiche Horn blasen Nach anfänglicher Resignation folgt eine und sich höchstens graduell voneinander un- kurze Diskussion und wir entscheiden uns terscheiden. dazu, dennoch auf die Straße zu gehen. Wenn So eine Aktion muss natürlich gut vorbe- die ganzen Weicheier wegen des Wetters lieber reitet werden, allein schon aus Gründen der zuhause bleiben, sollen sie mal sehen, wer die Sicherheit – mit einer Gruppe Menschen, die wahren Ungarn sind! Spät in der Nacht schicken kein Wort Ungarisch spricht, in eine Nazide- wir eine Presseerklärung raus: mo reinzugehen, birgt gewisse Risiken. Dank eines theaterpädagogischen Trainings und PRESSEERKLAERUNG detaillierter Organisation fühlen wir uns dieser WIR WERDEN DA SEIN! Herausforderung aber einigermaßen gewachsen und geben am Vortag des 15. März eine Der 15. März 2013 war geplant als ein Monuspontane Pressekonferenz. DADA Budapest, ment der Ungarischen Nation. Trotz aller Kondie Democratic Artists for a nice Democratic troversen um die umstrittenen VerfassungsAttitude, tritt zum ersten Mal im Schneeregen änderungen sollten am 15. März die Ungarn am Parlamentsgebäude vor einer Handvoll Pres- Geschlossenheit zeigen. Im wahrsten Sinne semenschen in Erscheinung. des Wortes wurde dieser Plan verhagelt. Neben der regierenden Fidesz-Partei sagte auch die offen rechtsextremistische Jobbik-Partei ihre Demonstrationen ab. „Wir werden da sein“ – zu dieser DADA-Aktion sind Sie herzlich eingeladen. Gute Pressebilder und Videomaterial sind garantiert.

Handzettel auf ungarisch und deutsch – für Notfälle während der Demonstration

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Anstatt die Demos zu hacken, versammeln wir uns auf der Straße, um sie zu simulieren. Wir üben gewissermaßen ein Reenactment aus. Mit dieser aus der Not entwickelten Idee können wir sogar 50 Studierende spontan davon überzeugen, sich uns anzuschließen. Damit ist der Demozug auf eine nicht zu verachtende Masse angewachsen, die es sich sogar trauen kann,

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auf den mehrspurigen Hauptstraßen zu laufen. diesem Tag keine Außenveranstaltungen stattWir laufen die ursprünglichen Demopunkte ab, finden würden. Doch: ‚DADA‘ wollte sich dem begleitet von einer unerwartet hilfsbereiten Po- Wetter nicht beugen. Die ungarisch-deutsche Polizei. Der Künstler Daniel Vidos, ebenfalls Mit- litkünstlergruppe ‚Democratic Artists for a nice glied der Ungarischen Knoblauchfront, erklärt Democratic Attitude‘ ersetzte kurzerhand gleich uns das Phänomen der allgegenwärtigen Ag- mehrere Kundgebungen und Demonstrationen. gression in Ungarn. Junge Menschen müssten In den letzten Jahren entfremdeten die etabnicht erst zur Polizei gehen, um sich regelmä- lierten Parteien, allen voran die Nationalkonßig abzureagieren. Somit seien die ungarischen servativen, die Erinnerung an die errungene Ordnungshüter durchsetzt von idealistischen Freiheit der Ungarn. Statt der Revolution Jungspunden, die aus einem Gerechtigkeits- rückten die Nation und ein tagespolitisches bedürfnis diesen Karriereweg einschlügen und Showlaufen in den Mittelpunkt. Wie 1848 stand politisch eigentlich auf der Seite der Opposition für DADA die Kritik an der politischen Herrschaft stünden. im Vordergrund. Das Mittel der Wahl: Satire. Unsere Zwischenkundgebungen halten wir im Stile der jeweiligen Gruppierung ab. Am Hundert politische Künstler ersetzten über Parlament wird wichtigtuerisch von ‚wahren 200.000 nicht anwesende Demonstranten der Ungarn‘ gefaselt (wie die konservative Fidesz), Parteien Jobbik, Milla und Fidesz. Bewaffnet ein Platz wird im Stechschritt betreten und in mit Slogans wie „Wer nicht mit uns ist, ist ein schnarrend-deutschem Kauderwelsch geredet Verräter Ungarns“ und „Es gibt keine Alterna(wie die rechte Jobbik), zum Schluss gibt es tive – außer uns“ startete die einzige Demonsseichte Phrasen und hippieske Verbrüderungen tration dieses Tages am Nationalmuseum, dem (wie die liberale Milla). Während Startpunkt des sogenannten Friedensmarschs. Wenn nichts mehr geht – der ganzen Demonstration neh- Im Geiste der Revolution von 1848 und die Dada geht immer. men besonders die ungarischen letzten Reste der Meinungsfreiheit nutzend, Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Konzept drangen die Aktivisten fast bis zum Zentrum Dada sehr ernst und skandieren Parolen wie der Macht, dem Parlament, vor. Auch der ange„Typografia!“ und „Bratwurst, Bratwurst!“ Me- dachte Abschlusskundgebungsplatz der rechtsdienmenschen werden Bilder geliefert, Inter- extremen Jobbik-Partei am Deák Ferenc tér wurviews werden gegeben und auch wir filmen alles de einbezogen und mit Reden gewürdigt. Unter fleißig mit. dem Applaus der umstehenden Passanten und Nach der erfolgreich durchgeführten Aktion dem Jubel der Polizeisirenen war deutsch-unveröffentlichen wir die nächste Pressemittei- garischer Kauderwelsch zu hören. Höhepunkt lung, die unsere Erlebnisse schildert und pro- bildete die Abschlusskundgebung am Kálvin duzieren innerhalb weniger Stunden ein Video tér, dem Kundgebungsort der Milla. An diesem aus dem Filmmaterial. dürfte dem letzten Mitläufer klar geworden sein, dass nicht nur ein und dieselbe Gruppe PRESSEERKLAERUNG all diese Orte verband, sondern die Persiflage HUNDERT KÜNSTLER DER UNGARISCHeines nationalkonservativen Ungarntums der DEUTSCHEN KOOPERATION DADA ERSETZEN verschiedenen Parteien. PARTEIPOLITISCHE DEMONSTRATIONEN IN BUDAPEST Die erste ungarische Aktion der bilateralen DADA-Kooperation war definitiv der Höhepunkt Traditionell finden am 15. März politische De- dieses Tages. Viktoria Nabro, Mitbegründerin monstrationen und Kundgebungen in Budapest der DADA, machte deutlich, was endlich mal gestatt. Aufgrund des massiven Schneeeinbruchs sagt werden musste: „Nur die wahren Ungarn in Ungarn sah es bis zum Morgen so aus, als ob an bevölkerten die Straßen.“

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Internationale Ausrichtung Nicht nur DADA hat am 15. März 2013 eine binationale Komponente in das satirische Schaffen eingebracht: Auch die Knoblauch- und Apfelfront haben es sich nicht nehmen lassen, den Tag für historische Verbrüderungszeremonien zu nutzen. Am späten Nachmittag startet eine Delegation, in voller Montur, mit Fahnen und Armbinden bewehrt, zum ‚Heldenplatz‘. Dieser wirklich monumentale Platz fungiert Sich auch mal belehren im Normalfall passenderweise lassen! Lernen lernen als Aufmarschort der Jobbik. heißt siegen lernen. Doch auch sie sind vom Wetter verschreckt und somit gehört der ganze Platz uns. Vor dem zentralen Obelisken Aufstellung nehmend und von einem Fernsehteam der Deutschen Welle begleitet, halten Alf und Armin Reden und beschenken sich gegenseitig mit Holzgewehren, einem Globus und Kuchen. Der ‚Führer‘ macht, ganz in deutscher Manier, einen Kniefall am Denkmal der verstorbenen magyarischen Helden. Die Aktion ‚Sturm auf den Heldenplatz‘ markiert die erste produktive Zusammenarbeit der Front über die Landesgrenzen hinaus. Nach unserer Rückkehr aus Ungarn ist der boskopistische Geist in uns wieder erwacht. Das neue Kampfziel: Zuerst Europa, dann die ganze Welt. Was in Ungarn und Deutschland funktioniert, muss auch anderswo fruchten. Wir reaktivieren unsere WeltSoziale Netzwerke netzseite und trauen uns im bringen freilich nicht von Jahre 2013 sogar zum ersten allein die Revolution, sie Mal an soziale Netzwerke heran. sind nur ein Werkzeug – aber ein gutes Werkzeug! Besser zu spät als nie. Der BosInternationale Zusam- kopismus-Film von Witja Frank menarbeit an Aktions- wird auf You Tube mit englischen formaten funktioniert Untertiteln versehen, wir verdank ihnen zum Beispiel bestens. fassen das „Front Manifest“ und übersetzen es ebenfalls ins Englische. Mit diesen Maßnahmen sollen weltweit Bewegungen nach unserem Vorbild provoziert werden. Schon bald meldeten sich die ersten Sympathisanten. In Italien grübelten Menschen über

die ‚Italienische Radicchio Front‘ nach, Japan gründete das ‚Far East Departement of the Apple Front‘. Nur Österreich drückte sich wie immer.

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ÖSTERREICH ERWACHSE! 27. September 2013

Ey, Österreich! Merkste was? Um dich herum sprießen die wahren nationalen Bewegungen, und du stehst mit Pappkameraden wie diesem HC Strache da? Nein, das ist nicht der Nationalismus! Deutschland hat die Front Deutscher Äpfel – Ungarn hat die Ungarische Knoblauchfront. Und was hast du? Nichts! Als hättest gerade du einen vernünftigen Nationalismus nicht nötig! Und jetzt hältst du auch noch am Sonntag Wahlen ab. Du bist ja völlig übergeschnappt! Deine falschen Nationalisten werden die doch gewinnen! Denk doch mal mit, Junge! Wir fragen dich: Wo ist das wahre Österreich? Was ist die Frucht deiner Nation? Wo sind sie, die wahren Österreicher und wann werden sie sich zeigen? Wir fordern dich hiermit auf, sofort eine nationale Bewegung nach unserem Vorbild zu errichten! Wenn du diesem Befehl nicht folgst, wirst du annektiert! Obwohl: Am Ende begrüßt du uns schon wieder mit offenen Armen und wenn mal was schief läuft, willst du von nichts gewusst haben. Nee, Österreich, das machst du schön selbst! Also los, Österreich! Erwachse! Gründe sofort deine eigene Frontbewegung – sonst machen wir es!

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Front Manifest 2013 Junges, kriselndes Europa! Du hast ein Problem. Die Nationen sind in der Krise. Die Nationen sind geknebelt. Ihr Rückgrat der Fähigkeit beraubt, sich selbst zu erkennen. Orientierungslos taumeln die Nationen durch den wirren globalen Äther und liegen faul in deiner ideologischen Hängematte. Die Krise ist die Krise der Nation in der Krise! Du hast Fragen. Ständig werden Antworten gegeben. Von Politik, Journaille und der Psychotherapie. Götzen und falsche Propheten spielen dir übel mit – ihre Antworten korrumpieren Deine nationalen Schicksalsgemeinschaften. Wir aber haben erkannt: Jede Nation hat einen Kern und im Kern ein Herz. Doch SIE treiben einen Dolch in dieses Herz, der die Seele der Nation ausbluten lässt. Die Nation ist die Antwort auf die Krise der Nation. Du wirst belogen. Die wirklich wahre Aufgabe ist es, den wirklich wahren Kern der Nationen zu fi nden und wie einen versunkenen Schatz aus den Tiefen der Völker zu heben. Die Front Deutscher Äpfel hat den Apfel als die ureigenste Essenz des Deutschen erkannt, die Ungarische Knoblauchfront die Knolle. Ein Symbol, ein Schicksal, eine Nation! Nationen ohne Kern sind kernlose Nationen! Was braucht es, um die Heilung der Nationen ins Werk zu setzen? Deinem Siechtum stellen sich die kraftvollen, vitalen nationalen Bewegungen entgegen. Sie vermögen durch Reinheit und Stärke ihre reinigende und stärkende Wirkung auf die Völker zu entfalten und so deinen Untergang und den aller Nationen abzuwenden. Es braucht: Starke nationale Fronten!

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Wie kann die Bewegung im politischen Kampf bestehen? Der Zwist in der politischen Klasse kann nur enden, wenn die Fronten aus dem Einheitsbrei der Europa-Skepsis hervorstechen – und zwar noch skeptischer. Dazu die Worte wie ein Schwert führen! Einfache Antworten geben. Verleumdungen. Populismus. Schmutzkampagnen. Distinktion. Klarmachen, dass es links und rechts der Front nur wieder die Front geben kann. Seht keine Parteien, seht nur die Front! Wie demonstrieren die Fronten ihre Einzigartigkeit? Wie die Front Deutscher Äpfel sich des deutschen Apfels als Symbol bemächtigt hat, müssen auch alle anderen sich ihres nationalen Kerns annehmen. Ein Emblem der Kraft und des Willens zur Macht ist vonnöten. Vereint unter diesem Banner einer rechtschaffenen nationalen Bewegung, wehenden Fahnen und gebügelten Armbinden, marschiert der Weltenlauf in eine Zukunft! Auf diesem steinigen Weg leitet eine charismatische Führerpersönlichkeit zum Triumph! Bis zum letzten Sieg über Übel und Leid – für ein Europa wie es schon immer werden wollte: Ein Haufen irrer Nationalisten! Die Fronten sind einzigartig, so wie alle Fronten! Und nun hinaus in die Welt zur Verbreitung der frohen Kunde, die Gesundung der Völker steht bevor, alles Komplizierte wird einfach werden. Lügen und Probleme – NEIN! NEIN! NEIN! Folgt eurer Bestimmung! Deutsche Äpfel, ungarischer Knoblauch, italienische Tomaten, norwegischer Lachs, griechische Oliven und all die anderen – Fronten, erwachet!

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11. SEPTEMBER 2013 Nachdem sich die Front Deutscher Äpfel in Budapest ausgetobt hatte, wollten wir die Gastfreundschaft erwidern und Berlin im Wahlkampf zum satirischen Spielplatz machen. Dabei kam uns die Tatsache zugute, dass die Partei Die PARTEI (Partei für Arbeit, Rechtstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) zeitgleich ein Wahlkampfbüro in Berlin Kreuzberg betrieb (die sog. ‚Kampa‘). Von dort aus starteten die PARTEI-Leute zum Plakatieren, hielten gemeinsame Abendessen ab und gaben uns die Möglichkeit, eine Veranstaltung auszurichten: Der PARTEI-Abend, zu Gast: die FDÄ und die Ungarische Knoblauchfront. Als Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren Armin Langer von der Knoblauchfront und Alf Thum als Führer der FDÄ auf dem Podium geladen, sowie Nico Wehnemann und Peter Mendelsohn von Die PARTEI. Die Diskussion wurde von mir moderiert. Der Einstieg waren Fragen zum Verhältnis von Satire und Realpolitik (Hintergrund: Die PARTEI hatte im Mai 2013 den ersten Sitz in einem Stadtparlament errungen, woraufhin sich die Frage nach der Beziehung von Realität und Fiktion innerhalb ihrer Inszenierung neu stellte). Der Plan war, das Gespräch auf die europäische Dimension satirischer Arbeit hinzuleiten, doch es verlief stockend. Die Schwierigkeit war, dass einige Diskussionsteilnehmer partout nicht aus ihrer Rolle herauskommen wollten. Das war keine böse Absicht, sondern stellte eben den Normalfall dar. Nach einer halben Stunde brach Alf die verfahrene Gesprächssituation auf, indem er (teils gespielt, teils wirklich) seine FDÄ-Armbinde vom Oberarm abriss und der Scharade lauthals ein Ende machte. Man sei doch hier „unter sich“. Es handelte sich tatsächlich um keine öffentliche Veranstaltung und unser Ziel war genau das gewesen: Rauszufi nden, dass Menschen in Die PARTEI und Front-Zusammenhängen politisch ähnlich ticken. Als BRIMBORIA Institut kamen wir schon 2010 mit Martin Sonneborn in Kontakt, auf unserem Fake-Kongress sprach er mit Alf Thum über das Verhältnis von Fakes und Satire. Im Zuge der Vorbereitung von gemeinsamen Aktionen für die Bundestagswahl 2013 trafen wir ihn erneut, um uns über Europa und Ungarn auszutauschen. Insgesamt verdankte sich das Wiedererwachen der Front Deutscher Äpfel auch der Zusammenarbeit mit seiner Partei Die PARTEI. Die Apfelfront unterstützte sie im Wahlkampf, im Gegenzug bedienten wir uns ausgiebig an ihrem Freibier und erklärten sie zu den Siegern unserer Operation Bundestagswahl.

Tom Rodig

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OPERATION BUNDESTAGSWAHL: DAS FELD IST BESTELLT! 7. August 2013

Kameraden! Unser heiliger Führer ruft zur Bundestagswahl! Der Führer der Bewegung hat sich in seinem unendlichen Großmut und seiner malerischen Weitsicht zum wiederholten Male dazu entschlossen, sein grenzenloses Wissen mit dem eigenen Volk zu teilen. Dieses Mal will er die ganze Welt unterrichten, wie unnötig Wahlen für eine echte boskopistische Volksgemeinschaft sind. Um das zu zeigen, hat er befohlen, erneut eine sogenannte Bundestagswahl ausrichten zu lassen. Denn merkt Euch, Kameraden: Wahlen gewinnen kann jeder – Wahlen machen ist die Kunst! Die willenlosen Erfüllungsbeamten unter der Befehlsgewalt des Bundeswahlleiters (Name entfallen) haben zum 22. September 2013 eine nationale Wahl abzuhalten. Die ganze Nation darf an diesem Spektakel teilnehmen und mal so richtig schön wählen gehen! Um der traditionellen Hilflosigkeit der Massen gegenüber der Überzahl an Wahlmöglichkeiten des politischen Gegners – der sich bestimmt auch dieses Mal einschleusen wird! – entgegenzutreten, ließ unser Führer eine leicht zu merkende Dienstanweisung an sein Volk formulieren: Der FÜHRER befiehlt – am 22. September. Kreuz machen bei ‚Die PARTEI‘! Jener absolut rückgratlose Haufen wird uns bei der heimlichen Machtergreifung nur zu gut zu Pass kommen. Geht wählen: Der Führer will einen willfährigen parlamentarischen Arm!

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10 JAHRE PARTEI-ARBEIT IM GESPRÄCH MIT MARTIN SONNEBORN

Sowohl Die PARTEI als auch die Front Deutscher Äpfel feiern 2014 ihr zehnjähriges Bestehen. Ist das nur ein historischer Zufall, oder war die Zeit einfach reif für eine neue Herangehensweise an politische Auseinandersetzungen? MARTIN SONNEBORN Ich würde sagen, es kamen verschiedene Dinge zusammen 2004. Für die Gründung der PARTEI waren sicherlich drei Umstände entscheidend: Die Politik der etablierten Parteien amerikanisierte sich weiter in Richtung medialer Vermittelbarkeit als oberster Prämisse; zweitens stellte das sogenannte Internet organisatorische Möglichkeiten und solche der Agitation zur Verfügung, die es vorher nicht gegeben hatte: z.B. die ganz banale Möglichkeit, Formulare als PDF zum Herunterladen anzubieten. Drittens gab es keine echte Protestwahlmöglichkeit, es gab z. B. auch noch keine LINKE. Und viertens hatte mich unser Verlagsleiter gebeten, meinen geplanten Abschied als TITANIC-Chefredakteur noch ein Jahr hinauszuschieben. Da ich der Meinung war, ich hatte die mir gegebenen satirischen Formen einigermaßen ausgereizt, entschloß ich mich, die alte Idee der Parteigründung aufzugreifen – und hatte das Glück, dass eine junge, begeisterungs- und einsatzfreudige Redaktion Spaß daran fand. Die PARTEI hat das Zeitalter der Ein-Thema-Parteien eingeleitet. Als die Internetpartei und die Europartei die politische Bühne betraten, hattet ihr euch aber bereits seit längerer Zeit vom Image der ‚Mauerbau-Partei‘ verabschiedet und euch thematisch geöffnet. Wie lief diese Öffnung ab? MARTIN SONNEBORN Erfolglos. Die Menschen verbinden das Mauerthema so stark mit der PARTEI, daß es imageprägend wurde. Deswegen haben wir jetzt einfach eine neue Begründung für den angestrebten Mauerbau gefunden: Wir sind für den Wiederaufbau der Mauer, damit wir in der Zone ein funktionsfähiges kommunistisches Schreckensregime errichten können – als Alternative zum Kapitalismus. Die Zeit krankt ja unter anderem auch daran, daß unser Wirtschaftssystem keinen Gegenspieler mehr hat, der dem unseligen Kapitalismus Schranken setzen könnte. An der Theke der Manyo-Bar in Ostberlin habe ich Gregor Gysi deshalb gefragt, ob er nach der Machtübernahme der PARTEI ein derartiges System im Osten anführen könnte. Er hat lachend abgelehnt und erklärt, daß er lieber im Westen Verantwortung übernähme. Wir haben uns dann darauf geeinigt, daß ich den Osten diktatorisch führen werde und er den Westen. Die Apfelfront hat das Los ausgegeben, dass sie nach dem Prinzip der Selbstermächtigung funktioniert: Wer Bock hat, etwas mit unserem Label anzustellen, kann dies gerne tun. Ein eingetragenes Mitgliederregister oder dergleichen bestand nie. Die PARTEI dagegen hat eine feste Struktur. Wie funktioniert das? Wer hat zum Beispiel die dankbare Aufgabe, über 9.000 Mitglieder zu verwalten? MARTIN SONNEBORN Im Prinzip ist das bei uns ähnlich. Wir setzen natürlich einige Akzente, etwa in Wahlkampfzeiten, aber wir freuen uns auch über alles, was

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die Ortsvereine oder Landesverbände auf die Beine stellen. Für die Verwaltung der inzwischen fast 13.000 PARTEI-Mitglieder beschäftigen wir tatsächlich inzwischen einen sympathischen Nerd, der uns eine Datenbank aufgebaut hat und diese effektiv verwaltet. Zum Glück ist er hochintelligent, hat Humor und kann auch inhaltliche Anfragen beantworten. Politische Verbände und Vereine kämpfen seit Jahren mit Mitgliederschwund. Die PARTEI wächst und gedeiht. Wie erklärst du dir das? MARTIN SONNEBORN Im Gegensatz zu den etablierten Parteien haben wir eine Form gefunden, die offenbar bei Schülern, Studenten und jungen Leuten gut ankommt. Wir sind der beste Beleg dafür, daß es keine Politikverdrossenheit gibt in Deutschland, sondern eine Verdrossenheit den alten Parteien, der politischen Klasse gegenüber. Und natürlich der kapitalorientierten, besitzstandwahrenden Politik, die sich zudem in Zeiten allgegenwärtiger Medien zumeist in schlichter Schauspielerei erschöpft. Eine Erklärung für den erwähnten Mitgliederschwund ist die immer geringere Bereitschaft insbesondere junger Menschen, ein tatsächlich auf Papier festgehaltenes Mitglied einer politischen Bewegung zu werden. Politische Partizipation läuft heute zumeist über zeitlich begrenzte Interessengemeinschaften. Wie geht ihr damit um? MARTIN SONNEBORN Wir akzeptieren das und nutzen die Vorteile. Wir bieten als PARTEI die Möglichkeit, sich auf angenehme und unterhaltsame Weise mit dem politischen System auseinanderzusetzen. Überwiegend nutzen das Menschen, die sich in einer Lebensphase befinden, in der man über reichlich Zeit und Energie verfügt. Viele Ortsvereine werden nach einigen Jahren dann passiv. Engagiertere Köpfe, die Realpolitik machen wollen, gehen dann auch schon mal zur Linkspartei oder in die SPD. Feste Strukturen bringen auch Nachteile wie Vereinsmeierei und Karrieristen, die sich für Posten die Köpfe einschlagen. Solche Grabenkämpfe sind in der Außendarstellung von Die PARTEI bisher nicht angekommen. Ist das erfolgreiche Desinformation der Öffentlichkeit oder hat die Parteiführung ihren Laden einfach viel besser im Griff, als alle anderen Parteien der Bundesrepublik? MARTIN SONNEBORN Die PARTEI ist der politische Arm des Faktenmagazins TITANIC, deswegen haben wir das Glück, daß der Großteil der Mitglieder einfach intelligenter und weniger wahnsinnig ist als in anderen Parteien. Natürlich gibt es auch bei uns Ausnahmen. Die meisten amüsieren uns, weil sie wie eine Parodie auf die Mitglieder etablierter Parteien wirken. Echte Spinner und Karrieristen stoßen bei uns aber schnell an Grenzen – und wechseln dann zu den Grünen. Apropos Medienarbeit: Die Presse liebt Die PARTEI. Die Berichterstattung ist, soweit ich es überblicken kann, durchgehend positiv. Widerspruch hört man im Vergleich zu euren Anfangstagen selten. Wenn man mit so offenen Armen empfangen wird: Gehört man dann nicht schon fast zum erwarteten Spektakel dazu?

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MARTIN SONNEBORN Es gibt leider immer noch eine Menge Medien, die nicht gleichgeschaltet sind: Ich höre dann von FAZ- oder SZ-Redakteuren, daß sie wunderbar finden, was wir machen, aber niemals drüber berichten würden. Grundsätzlich finden wir fast ausschließlich im Feuilleton statt, der Sprung in den Politikteil ist die Ausnahme. Daß wir uns mit existentiellen politischen Fragen auseinandersetzen, wenn wir vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die willkürliche Nichtzulassung zur Bundestagswahl 2009 durch einen überforderten Bundeswahlleiter klagen, wird dabei ausgeblendet. Als die NPD-Plakate mit einem Foto von Udo Voigt auf dem Motorrad und dem Slogan „Gas geben!“ vor dem Jüdischen Museum in Berlin aufgehängt hat und wir das Bild von Voigt durch eins von Jörg Haider und seinem Unfallauto ersetzt haben, war es unglaublich schwierig, das überhaupt publik zu machen. Schematisches Denken, Angst davor, seine Werte zu reflektieren, das politische System in Frage zu stellen, es sich mit den etablierten Parteien zu verscherzen – das alles ist in den Medien ausgeprägter als man denkt. Natürlich mangelt es trotzdem nicht an Publikum, das sich provoziert fühlt. Als besonders humorlos und unsouverän haben sich Nazis herausgestellt. Ich denke da zum Beispiel an die Anzeige der NPD gegen dich aufgrund des Jörg-Haider‚Gas geben!‘-Plakates. Aus welchen politischen Lagern gab es weitere Anfeindungen gegenüber Die PARTEI? MARTIN SONNEBORN Die konservativen Parteien können am wenigsten gut damit umgehen, daß kleine, bunte Parteien am politischen Leben partizipieren. Als wir 2005 unsere Wahlwerbespots für 25.000 Euro an HLX verkauft haben, versuchten Bosbach, Schäuble und Ramsauer, die Gesetze entsprechend zu ändern. Es gab sehenswerte Tobsuchtsanfälle, habe ich mir erzählen lassen. In anderen europäischen Staaten gibt es ebenfalls politische Bewegungen, die gegenüber euren Grundvorstellungen von Politik als wesensverwandt bezeichnet werden könnten. So zum Beispiel die Beste Partei in Reykjavík. Gibt es Pläne für eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene? MARTIN SONNEBORN Nein, ich schätze Jón Gnarr zwar sehr für sein Wahlversprechen, in acht Jahren für ein drogenfreies Parlament zu sorgen, aber Kontakt hatten wir nur kurz einmal, als ich ihn für die heute show interviewt habe. Aber es gibt natürlich PARTEI-Ableger in der Schweiz, in Österreich. Und Kontakte über die Apfelfront nach Ungarn, wo sich gerade ähnliche Gruppierungen gründen. Es mangelt an einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit. Ist es dennoch möglich, das gesamte Europa mit einer Bewegung nach eurem Vorbild politisch einzufangen? MARTIN SONNEBORN Das glaube ich nicht; aber wir werden es natürlich herauszufinden versuchen. Die Öffentlichkeit in Europa funktioniert meistens bilateral. Das hat Nachteile. Wenn zum Beispiel Die PARTEI etwas in Ungarn anstellt, dann wird sie von dort

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ansässigen Nationalisten und Rechtskonservativen grundsätzlich als Agent der Bundesrepublik gelesen, die geschickt wurde, um die Nation zu sabotieren. Während der Georgienreise hat Die PARTEI mit dieser Denkweise gespielt und sich als anerkannte Vertretung Deutschlands in Szene gesetzt. Gibt es noch andere Methoden, damit umzugehen, oder ist man eigentlich immer gezwungen, das Deutschlandbild im ‚europäischen Ausland‘ auf irgendeine Art und Weise zu thematisieren? MARTIN SONNEBORN Unsere Erfahrung zeigt: Es ist eigentlich egal, wie die Verhältnisse sind, man muß nur mit ihnen spielen. Das aber bedarf gründlicher Vorbereitung. Es gibt letztlich zwei politische Strategien: Entweder eine Partei positioniert sich für eine Sache, oder gegen sie. Was überwiegt bei Die PARTEI: das ‚Dagegen-Sein‘ – oder das ‚Für-Etwas -Sein‘? Und warum? MARTIN SONNEBORN Wir sind grundsätzlich und zuallererst einmal gegen alles. Alles, was die anderen Parteien sich auf die Agenda schreiben. Andererseits sind wir mit dieser Linie natürlich auch für etwas: Für Moral, für Humanität, für Komik. Ich bewundere Leute, die Ideale haben und konstruktiv tätig sind. Aber Destruktion macht einfach mehr Spaß!

Das Gespräch führte Max Upravitelev

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„DIE APFELFRONT BRAUCHT STARKE GEGNER!“ Eine Woche vor der Bundestagswahl richteten Berliner PARTEI-Kreise einen Umzug aus – den Karneval der Kulturen in Köpenick. Abgekürzt: KKK. Es galt, den Nazis des Ostberliner Bezirks mithilfe einer satirischen Demonstration etwas entgegenzusetzen. So fand der Abschluss des Umzugs vor der NPD-Bundesparteizentrale statt. Gemeinsam mit der Ungarischen Knoblauchfront nahmen wir teil und nutzten die Gelegenheit, um das Projekt ‚NPD‘ für gescheitert und beendet zu erklären. Wir kündigten uns als Verwaltung des politischen Bankrotts an:

BLOGARTIKEL AM 14. SEPTEMBER: HERAUS ZUR ERNTEZEIT! 11. September 2013 Die Front Deutscher Äpfel bläst gemeinsam mit der Ungarischen Knoblauchfront zur Apfelernte im Umfeld der NPD-Zentrale in Berlin Köpenick. Wie angekündigt werden am 14. September 2013 die letzten Reste des braunen Fallobstes durch uns abgeerntet und zur Stärkung der einzig wahrhaft nationalen Bewegung verarbeitet. Neben der Nutzung dieses Abfallproduktes zur Produktion von Apfelmost arbeiten unsere Spezialisten bereits jetzt an der Destillation einer Duftessenz. Diese wird pasteurisiert und homogenisiert in Form von Duftproben zur Weiterbildung unserer Truppen auf den Markt geworfen. Ziel dieser außergewöhnlichen Bildungsinitiative ist die Unterstützung des Kampfes an der nasalen Front: Möge sich der Feind verkriechen, wir werden ihn ja doch erriechen!

zu verdanken, nicht nur Nazis, sondern Nationalismus im Allgemeinen als Angriffsfläche zu erwählen. Freilich mangelte es auch in Deutschland nicht an nationalistischen Umtrieben. Die bürgerliche Rechte hatte es versäumt, sich in Deutschland politisch zu manifestieren. Es gab zwar einige Anläufe, wie die Partei Die Freiheit oder die Pro-Deutschland-Bewegung, aber diese Erscheinungen scheiterten meistens an sich selbst. Es war jedoch unschwer zu sehen, dass spätestens in Folge der Finanzkrise nationalistische Bestrebungen zugenommen haben, um Sündenböcke im Rahmen einer verkürzten Systemkritik zu suchen. Mit Figuren wie Thilo Sarrazin fand diese Szene schnell prominente Redeführer – es war nur eine Frage der Zeit, bis sich eine neurechte Partei erheben sollte, um politische Erfolge zu verbuchen. Darauf bereiteten wir uns vor und beschlossen, von nun an nicht nur Nazis, sondern Nationalisten im Allgemeinen anzugreifen. Die erste Gelegenheit, ihnen gehörig auf die Nerven zu gehen, bot sich noch im selben Jahr in der Hauptstadt der Bewegung – Leipzig.

Selbstverständlich sollte damit nicht etwa unser Engagement gegen Nazis abgebrochen werden. Aber sie hatten längst jede politische Strahlkraft verloren, die bundesweit bedeutsam wäre. Wir brauchten dringend neue Gegner. Der entscheidende Kuss zur Wiedererweckung der Apfelfront ist der Strategie der Knoblauchfront

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22. NOVEMBER 2013 Samstagmorgen, es ist grau und nebelig. Fröstelnd ziehen Menschengruppen durch ein ackeriges Nirgendwo im Umland von Leipzig. Ziel ist der Veranstaltungsort der COMPACT-Konferenz, welche schon lange vor der Austragung im November 2013 auf breitgefächerten Widerstand stieß. Mit dem Slogan „Für die Zukunft der Familie - Werden Europas Völker abgeschafft?“ wurde die 2. COMPACT-Konferenz für Souveränität beworben. Verantwortlich für diese Veranstaltung zeichnete sich das COMPACT-Magazin. Chefredakteur dieser Zeitschrift ist Jürgen Elsässer, welcher sich seit einigen Jahren dem ‚offenen Diskurs‘ zwischen links- und rechtspolitischen Strömungen widmet, wobei die linken Ansprüche inzwischen mehr als in den Hintergrund getreten sind. Seine Zeitschrift mit ohnehin zweifelhafter Agenda bietet Verschwörungstheoretiker_innen, Anti-Zionist_innen, homophoben Familienrechtler_innen und anderen Durchgeknallten eine obskure Plattform. Vor der COMPACT-Konferenz erschien als visuelle Werbebotschaft die Abbildung von Peter Scholl-Latour, Thilo Sarrazin und Eva Herman als harmonisches Trio. Das Programm der Veranstaltung beinhaltete unter anderem Beiträge von Frauke Petry (Alternative für Deutschland), Béatrice Bourges (in Frankreich aktiv gegen die ‚Ehe für alle‘), Jelena Misulina (Abgeordnete in der russischen Duma; Autorin des dortigen Gesetzes gegen ‚Homo-Propaganda‘) als auch Bernhard Lassahn (Mitautor der Kindersendung Käpt’n Blaubär; spricht sich ebenfalls gegen die Ehe für homosexuelle Paare aus). Früh morgens versammelten sich Gegendemonstrierende, um mit Fahrradstaffeln, bloßer Anwesenheit und Lärm den Beginn der Veranstaltung in der Industriebrache Leipzig-Schkeuditz zu verzögern. Unsere Apfel frontFraktion schloss sich zunächst den Protesten an. Diese verschoben sich mittags in Richtung der Leipziger Innenstadt, da eine Abschluss-Kundgebung des Aktionsbündnisses NoCompact am Augustplatz vorgesehen war. Wir blieben. Am Morgen hatte sich eine Aktivistin unseres Kollektivs mithilfe von Informationen und Geschick in die Konferenz hineinmanövriert. Die Strategie schrie nach Wiederholung. Nach nur wenigen Minuten an einer Autobahn-Raststätte sahen wir nicht mehr nach ‚Gucci-Block‘ aus – Sakko und Röckchen erfüllten nun den Dress-Code von COMPACT. Unsere Methode funktionierte einwandfrei: Vier Apfelfront-Aktivist_innen befanden sich ohne gültige Tickets inmitten der nationalkonservativen Menge. Nach dem ersten Überblick versuchten wir, die Stimmung zu erfassen, hörten uns Beiträge an und ‚plauderten‘ mit den Teilnehmer_innen. Von Anfang an befanden wir uns nahe unserer persönlichen Schmerzgrenzen aufgrund des Publikums und der Inhalte. Leipzigweit bekannte Neonazis saßen in den ersten Reihen, Konservative stöberten auf den Verschwörungsliteratur-Büchertischen, betagte Damen wunderten sich darüber, dass die Duma-Abgeordnete keine konkreten Tipps zum Kampf gegen die ‚Homo-Lobby‘ mitgebracht hatte. Wie es der ebenfalls anwesende VICE-Redakteur Stefan Lauer in seinem Nachbericht ausdrückte: Es war ekelhaft.

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Während des Vortrags von Bernhard Lassahn bot sich uns die perfekte Möglichkeit, zu intervenieren. Die Verteidigung der heteronormativen Ehe verklausulierte Lassahn durch eine Erzählung von Adam, Eva und dem Apfel. Wir hatten uns zwischen den knapp 500 Besucher_innen aufgeteilt, um mehr Schallkraft zu erzeugen. Auf das Stichwort „Apfel“ sprangen wir auf und skandierten: „Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft, Apfelsaft.“ Nach einem sehr zwielichtigen Rauswurf (inklusive des Festhaltens der Aktivistinnen in den COMPACT-Räumlichkeiten durch die Security, einer kleinen Verfolgungsjagd und Körperverletzung seitens eines Gastes, der sich ein paar Monate später als Mitglied der Reichsbürger-Bewegung herausstellte) machten wir uns schleunigst auf den Weg in freundlichere Gefilde.

Linnéa Meiners

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ÖSTERREICH COMPOST-KONFERENZ: KARTOFFELN ZU KOMPOST! 19. November 2013

Baumfeindlichkeit | Früchteabsturz | Alles schlimm Am 23. November 2013 wird die Apfelfront zu Leipzig die COMPOST-Konferenz auf dem Gelände des Globana Handelszentrum (Schkeuditz) abhalten, um über Familie, Fakten und integrationsunwillige Kartoffeln zu debattieren. Die Gerüchteküche brodelt, es gäbe Nachahmer auf dem Gelände. Wir wissen: Die sogenannte Compact-Konferenz ist eine Fälschung! Ihr Thema sei Familienpolitik, doch die FDÄ kennt die Wahrheit: Kartoffeln in schlechten Anzügen wollen ihre falschen Fakten einem schrumpligen Kartoffelpublikum präsentieren. Das darf nicht sein! Hiermit richten wir eine stahlharte Kampfansage an die Ausrichter dieser Konferenz: Halbseidene Kartoffelapologeten und fachfremde Modephilosophen – zu Mus! Die gemeine Kartoffel wurde im 17. Jahrhundert nach Deutschland eingeschleppt und zeigt sich bis heute integrationsunwillig: Anständige Früchte wachsen hierzulande schließlich noch auf Bäumen! Und auch mit dem hinterlistigen Tarnnamen Erdapfel braucht die Kartoffel sich gar nicht erst anzubiedern, die Apfelfront hat sie durchschaut! Glücklicherweise erledigt sich das Kartoffelproblem in naher Zukunft von selbst – die Kartoffel ist alt und schrumpelig. Nicht mehr lange, und sie kommt dorthin, wo sie hingehört: Auf den Komposthaufen der Geschichte. Die Kartoffel wird sterben, damit wir leben können! Dafür wird die FDÄ Sorge tragen. Ab den frühen Morgenstunden des 23. November wird die Front Deutscher Äpfel das Recht auf freie Meinungsäußerung völlig schamlos ausnutzen, um dieser verwirrten, orientierungslosen Gesellschaft einen starken Stamm wissenschaftlich gesicherter Tatsachen angedeihen zu lassen. Um eine maximale Volksnähe zu erzielen, hat die FDÄ keine Kosten und Mühen gescheut und ein mobiles Rednerpult konstruieren lassen. Die beteiligten Raketenforscher aus Westpommern schreiben ihm eine „explosive Außenwirkung” zu. Seien Sie gespannt! Bei der Konferenz nebenan bekommen Sie Ihren Kaffee. Holen Sie sich hier bitte außerdem ihre technischen Hilfsmittel ab (Videoprojektoren, Mikrophone, Audioverstärker, usw.) Pressevertreter und Journaille mögen sich am 23. November ab 8.00 Uhr auf dem Globana-Gelände von der Wissenschaftlichkeit der genannten Thesen überzeugen. Keine Diskussion!

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Flyer zum Hacking der Campac-Konferenz: Compost-Konferenz. 2. Konferenz f체r Souver채nit채t, Leipzig, 23. November 2013

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NATIONALISMUS (II). DIE APFELFRONT ERKLÄRT DER KARTOFFEL (TARNNAME: ERDAPFEL) DEN KRIEG COMPOST-Komitee und Ruben Pfi zenmaier

Von alten und neuen Rechten Ein Grund für die mittlerweile kaum vorhandene Bedeutung von Nazis auf Bundesebene ist zu einem großen Teil ihnen selbst zu zuschreiben: Sie stellen sich schlicht zu ungeschickt an, um auch nur ansatzweise an ihre Erfolge von vor zehn Jahren anknüpfen zu können. Gleichzeitig ist das Thema Nationalismus in ganz Europa, ja auf der ganzen Welt, hoch im Kurs. Die globale Finanzkrise zeigt eindrücklich, wie sehr der gesamte Erdball von ökonomischen Verhältnissen bestimmt ist – und dass sich viele Staaten in Krisenzeiten doch lieber krampfhaft an den eigenen Wohlstand klammern und diesen gegen andere verteidigen, anstatt sich mit ökonomischen Systemfragen herumzuplagen. Gerade innerhalb der EU verzeichnen nicht nur Nazi-Parteien wie die griechische Goldene Morgenröte oder die Jobbik aus Ungarn einen Wahlerfolg nach dem anderen: Auch der bürgerliche Nationalismus scheint das Gebot der Stunde zu sein. Von der Lega Nord in Italien über die FPÖ in Österreich oder der Dänischen Volkspartei bis hin zum französischen Front National finden sich beinahe überall Gruppen, die mit Populismus, Hetze und radikalem Konservatismus versuchen, auf Stimmenfang zu gehen. Das Label dieser Bewegung – die Neue Rechte – ist ein uneinheitlicher Sammelbegriff für rechtsgerichtete Strömungen in verschiedenen Staaten. Gemeinsam ist ihnen der Versuch, jedes progressives Bestreben zu unterbinden, das eine befreite Gesellschaft auch nur andeutet. Der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Gessenharter beschreibt die Neue Rechte als „Scharnier zwischen Neokonservatismus und Rechtsextremismus“. Andere betonen unterschwellige faschistische oder völkisch-nationale Tendenzen. In jedem Fall: Auch gegen diese Form des Nationalismus gilt es anzukämpfen. Was die Knoblauchfront in Ungarn vorgemacht hat, wollen wir übernehmen: Es gilt, nicht nur

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Nazis, sondern auch nationalkonservative Kräfte satirisch zu attackieren und dadurch den Kern ihres Denkens freizulegen – der nichts anders ist, als eben nationalistisch. ‚Europa der Nationen‘ Die COMPACT-Konferenz in Leipzig war unsere erste Konfrontation mit Vertretern dieser neurechten Szene. Diesen nationalistischen Klüngel, im klassischen Stile der Apfelfront ebenso wie Nazis als ‚braunes Fallobst‘ zu bezeichnen, wird der Sache nicht gerecht. Es musste eine neue Metapher her. Wir entschieden uns für die ‚Kartoffel‘, die Fremdbezeichnung für Deutsche. Als einzig wahre nationale Kraft im Zeichen des Apfels konnten wir einen neuen politischen Gegner im Apfelsprech generieren, ohne ihn mit Nazis pauschal gleichzusetzen. Aber wie tickt diese Kartoffel eigentlich und was unterscheidet sie von Nazis? Der Untertitel der COMPACTKonferenz lautete Für die Zu- Um einen Gegner kunft der Familie! Familien- anzugreifen, muss man feindlichkeit. Geburtenabsturz. ihn und seine Ideologie ernstnehmen! Erst dann Sexuelle Umerziehung – man lässt sich herausfinden, gab sich betont offen und be- wie man ihn am besten sorgt um Familienpolitik und nervt. demographischen Wandel. Aus welcher Richtung diese Kritik wehte, verriet aber sogleich die nächste Zeile: „Werden Europas Völker abgeschafft?“ Es ging also mitnichten um ein paar besorgte Konservative, die gemeinsam einen herbeifabulierten Kulturverfall beklagten. Im Vordergrund stand auch nicht Europa als pluralistisches, überstaatliches Bündnis. Auf die Konferenz geladen waren Nationalisten, die sich ihre Welt in völkisch-nationalen Einheiten konstruierten und ein entsprechendes Bild von Europa malten: Nur ein ‚Europa der Nationen‘ sei ein gesundes Europa. Schuld an deren Verfall sollten Menschen sein, die auf-

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grund ihrer sexuellen Identität die Heiligkeit der Familie und damit das Fortbestehen des Volkes behindern würden. Diese Sichtweise ist kaum etwas anderes als ‚Ethnopluralismus‘, eine Theorie aus der radikalen neurechten Szene. Auf den ersten Blick geht es dieser Ideologie um ein friedliches Zusammenleben der Nationen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass nicht das Zusammenleben, sondern das Nebeneinanderleben im Fokus steht. Diese Menschen fordern klare Grenzen und koppeln sie an die Forderung der Reinhaltung von ‚kulturellen Identitäten‘. Ein gemeinsames Europa der offenen Grenzen nach innen wie nach außen steht diesem Denken natürlich im Weg. Vom unveränderlichen Wesen des Menschen ... Dieses Denken übt sich gern in philosophischer Anthropologie, also in der Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen. Sein Fokus liegt dabei aber nicht auf den Gemeinsamkeiten aller Menschen, sondern auf ihren Unterschieden. Diese werden als Verschiedenheiten, also als wesentliche Unterschiede, aufgefasst. Neurechtes Denken beschäftigt sich also nicht mit der Frage, was den Menschen im Allgemeinen von anderen Wesen unterscheidet, was ihn also überhaupt erst zum Menschen macht, sondern was Menschen untereinander und voneinander unterscheidet. Je nach kultureller Herkunft werden einem Individuum Merkmale zu- oder abgesprochen. Vor diesem Hintergrund wird auch die eigentliche Stoßrichtung der COMPACT-Konferenz deutlich: Wenn dort gegen Homosexualität, Feminismus und Gender-Diskurse gehetzt wird, geht es dabei nicht um das Wohl der Kinder oder Fragen der Erziehung. Wenn sich einzelne Staaten nicht nur als administrative Einheiten unterscheiden – die Zugehörigkeit zu einem Volk mehr ist, als der Ausweis – dann steht mit

dem Erhalt deutscher Kinder auch der Erhalt des deutschen Volkes auf dem Spiel. Der Untergang des Abendlandes. Die Neue Rechte sieht das deutsche Volk als von zwei Seiten bedroht. Auf der einen gut ausgebildete, deutsche Akademikerinnen, die die Produktion von Nachwuchs verweigern, stattdessen die traditionellen Geschlechterverhältnisse in Frage stellen und für die gleichgeschlechtliche Ehe eintreten. Auf der anderen Seite Migranten und Hartz-4-Empfänger, die wild gebärend die sozialen Sicherungen ausnutzen. Auch wenn Kulturen nicht bei allen Vertretern des bürgerlichen Nationalismus wie zum Beispiel bei Thilo Sarrazin als genetisch verschieden verstanden werden, so werden sie doch als getrennte Blöcke und Einheiten gedacht. Die Zugehörigkeit zu einer Kultur ist mindestens mit der Muttermilch aufgesogen und steckt so tief in den Knochen, dass sie vollkommen unflexibel und kaum veränderbar ist. Und wo es keine deutschen Säuglinge gibt, da wird zwangsläufig eine andere Kultur die Überhand gewinnen. Wo es keine Vermischung geben kann, da bleibt nur der Sieg des Stärkeren. Die Legitimation der Existenz anderer Kulturen wird dabei nicht per se in Frage gestellt – solange diese in ihrem eigenen Land bleiben ... Diesem Szenario vom ‚Kampf der Kulturen‘ liegt gleich eine ganze Reihe an Denkfehlern zugrunde: Kulturen sind weder in sich geschlossen, noch sind sie nach außen abgeschottet. Und vor allem sind sie eines nicht: unveränderlich. Sprachen, Traditionen und kulturelle Werte unterliegen einem ständigen Wandel, sie haben eine Geschichte und sind erst über Jahrhunderte geworden, was sie heute sind – und werden so nicht bleiben. Nicht erst seit der Globalisierung stehen die verschiedenen Kulturen der Welt in Wechselwirkung.

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In der Mitte der Gesellschaft Die Neue Rechte übernimmt zahlreiche Argumentationsstrategien, die Nazis seit den 2000ern vorgemacht haben: der ewige Kampf gegen linke ‚Mainstream-Medien‘ ebenso wie gegen ‚Gutmenschentum‘. Aber sie perfektionieren diese Strategie. Nazis konnte man immerhin noch recht einfach als solche überführen, wenn man sie beispielsweise nach ihrer Meinung zum Holocaust fragte. Das Einzige, was ihnen in diesem Moment übrig blieb, war ein Schwafeln zur Rechtslage in Deutschland, die ihnen eine Äußerung zu diesem Thema nicht erlauben würde. Wo sich Nazis als Opfer inszenierten, die sich aber letztlich außerhalb des demokratischen Rahmens verstehen, präsentiert sich die Neue Rechte als Stimme der Mehrheit und der Mitte der Gesellschaft. Einer Mehrheit allerdings, die sich unterdrückt und an den Rand gedrängt fühlt: sei es von Migrantinnen und Migranten, alternativen Lebensweisen oder vermeintlich fremden Religionen. Obwohl beispielsweise niemand ernsthaft bestreiten kann, dass Frauen bei gleicher Qualifikation weniger verdienen und die Medien immer noch voller objektivierender Darstellungen von Frauen sind, fühlen sich die Sympathisanten der Neuen und der bürgerlichen Rechten in ihrer Vorstellung von Männlichkeit marginalisiert. Eine ernsthaft paradoxe Situation: der weiße Mainstream fühlt sich in einer Krise – und die Mitschuld an dieser Lage des deutschen Mannes gibt dieser selbst den Medien. Blind vor Toleranz und Multi-Kulti-Integrations-Wahn würden diese nicht mehr die Lesen! In diesem Realität abbilden, sondern eiBand: Marcel H. Pernik: nem Ideal hinterhertaumeln. ‚Frei, sozial und National‘. Interessant ist daran, dass die Nazis und Systemkritik, S. 35 wenigsten Kritiker persönlich Probleme mit Migranten haben. Die Migrantinnen und Migranten aus dem jeweiligen Bekanntenkreis seien lediglich gut integrierte Einzelfälle – die Beispiele für ‚kriminelle Migranten‘ stammen wiederum oft aus den Medien. Es geht um das wage Gefühl einer umfassenden Bedrohung.

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Verschwörungstheorien und personifi zierte Systemkritik Je tiefer man gräbt, desto größer werden die Gemeinsamkeiten zwischen alten und neuen Rechten. Nicht nur das unbedingte Bekenntnis zur Nation vereint beide Strömungen. Auch die völlige Abwesenheit der Fähigkeit zur umfassenden Kritik von politisch-ökonomischen Verhältnissen ist in beiden Szenen gleichermaßen ausgeprägt. Die Antwort auf diese Leerstelle lautet in beiden Fällen: Personifizierte Systemkritik . Das einzige, was Nazis und bürgerliche Nationalisten ideologisch und vor allem auf den ersten Blick trennen mag, ist das Verhältnis zum ‚Dritten Reich‘ und zum Antisemitismus. Eine Holocaustleugnung mag innerhalb der Neuen Rechten vereinzelt vorkommen, ist aber kein dominantes, identitätsstiftendes Moment. Das macht die Szene aber ganz gut wett mit ihrer penetranten Vorliebe für Verschwörungstheorien, die strukturell nicht viel anders funktionieren als moderner Antisemitismus im Allgemeinen, der oft im Gewand vermeintlicher Kapitalismuskritik auftritt. Statt wirtschaftliche Verhältnisse eingehend zu untersuchen, Sozialisation und kulturelle Prägung angemessen in den Blick zu nehmen, wird für jede Entwicklung und jeden Missstand eine konkret bestimmbare Tätergruppe gesucht, die moti- Don’t hate the player, viert handelt und eigene Ziele hate the game! verfolgt. Die Kernthese der Konferenz – Homo-Ehe und Feminismus würden die europäischen ‚Völker‘ abschaffen – lässt sich frei aber direkt in einen Begriff der Naziszene übersetzen: Sie bringen uns den Volkstod. Dieser Begriff wird freilich von bürgerlich-rechten Nationalisten nicht verwendet, trifft aber den Kern der Sache. Er impliziert eine im Verborgenen agierende Kraft, die das eigene Volk unbedingt zersetzen will. Diese Denke offenbart schon allein ihr Begriff der ‚Homo-Lobbys‘. Sie geben marginalisierten Gruppen die Schuld an gesellschaftlichen Entwicklungen wie dem demographischen Wandel, die nicht in ihrem Sinne verlaufen und fangen

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an, überall Machenschaften und Verschwörungen ausfindig zu machen. Nicht das System ist ihr Problem, sondern diejenigen, die ihrer Meinung nach das System wahlweise kontrollieren oder korrumpieren. Statt den Einzelnen als geprägt durch seine soziale Position, seinen Status und seine Rolle anzusehen, werden umfassende Entwicklungen auf das zielgerichtete Handeln einer kleinen Gruppe zurückgeführt. Banker und Manager werden nicht als ausführende Organe eines größeren Apparats verstanden, sondern als Getriebene ihrer eigenen Gier. Es wird nicht darauf geachtet, dass sie in erster Linie im Interesse einer Organisation und nach den Maximen der Marktwirtschaft handeln. Auch das zeigte die COMPACT-Konferenz eindrücklich. Die Innenansicht der Veranstaltungsräume verriet schnell ihre politische Stoßrichtung. Auf ihren Büchertischen liest man entsprechende Pamphlete gegen USA, Medien und Banker, auf der anderen Seite Hetzschriften gegen gesellschaftliche Minderheiten. Dort versammelt liegt so ziemlich alles, was die Verschwörungstheorie-Szene zu bieten hat: ‚Chemtrails‘, ‚Bilderberger‘, ‚9/11 = Inside Job‘ – die Verschwörung der Idioten fand in diesen Konferenzhallen eine Heimat. Und zwischen dem ganzen Käse dann eben doch auch Literatur, die das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellt – womit wir wieder ganz tief im Sumpf der ‚alten‘ Nazis sind. Symptom statt Kern des Problems Wer aber besucht Konferenzen wie COMPACT, wer liest die Bücher von Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci? Was bei der Recherche zu dieser Frage auffällig wird: Viele, die sich in Online-Rezensionen oder Leserbriefen für die genannten Autoren stark machen, haben deren Bücher kaum gelesen und geben dies auch oft zu. Was viele zu Unterstützern dieser kruden Thesen macht, scheint von Angela Merkel unbewusst auf den Punkt gebracht worden zu sein: In einem Fernsehgespräch anlässlich der Bundestagswahl 2013 (ARD-Wahlarena, 9. September 2013) wurde sie von einem offen homosexuell lebenden Mann gefragt, welche Gründe sie gegen

das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften anführen könne. Merkel blieb bis zur dritten Nachfrage unkonkret und äußerte dann folgenden Satz: „Ich mag ja jetzt manch einem etwas veraltet daherkommen, das muss ich jetzt einfach aushalten, ich finde nur, dass ... ich darf auch nicht etwas aus meinem Denken hier einfach verschweigen – ich tu mich schwer damit.“Und bezogen auf die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Ehe: „Ich [bin] nicht die allereinzigste [sic] in Deutschland, die sich damit etwas schwer tut und lassen sie uns bei der Offenheit einfach bestehen.“ Statt Argumenten, Gründen und Belegen nur ein Gefühl des Unwohlseins und besonders der Eindruck, veraltet zu sein. Natürlich wird die Wahlkampfsituation ihren Einfluss gehabt haben, dennoch ist Merkels Äußerung exemplarisch: Was die meisten Sympathisantinnen und Sympathisanten der bürgerlichen Rechten umzutreiben scheint, ist das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein – was früher gut und moralisch richtig war, das kann doch heute nicht falsch sein. Spätestens mit der Diskussion um die rein sozial bedingte Konstruktion von Gender ist für viele das Ende des Verständnisses erreicht. Die Vorwürfe an die Medien, die Kritik an Gender-Diskurs und Feminismus und die Warnung vor Zuwanderung ist letztlich das Symptom eines ganz anderen Problems. Alles, was bisher als feststehend, moralisch richtig oder gar wissenschaftlich unumstößlich gegolten hat, wird fragil – und das auch noch im Zeichen von Moralität und Ethik. Sie sehen sich als Verteidiger von traditionellen Werten und Moral und fühlen sich Angriffen ausgesetzt, die sie eben im Namen der Moral zurückweisen. Die Forderung, als Mitte der Gesellschaft gehört zu werden, hat nicht das Ziel, eine neue oder andere Position in die Debatte einzubringen. Es wird gegen die vermeintliche Propaganda der vermeintlich gleichgeschalteten Medien gehetzt – aber was am Ende steht, ist keine Bereicherung der politischen Debatte und Belebung der demokratischen Streitkultur, sondern die Sehnsucht nach

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Stabilität und Ordnung. Nicht umsonst steht an der Spitze der Alternative für Deutschland (AfD), die zwar nicht direkt Teil der Neuen Rechten ist, sich aber immer schneller in diese Richtung bewegt, ein Professor für Makroökonomie, der mit der Expertise der objektiven Wissenschaft und im Zeichen der Alternativlosigkeit ‚seine‘ Partei quasi autokratisch führt. Ihrem Selbstverständnis nach sind bürgerliche Nationalisten aber keine Nazis und wollen auch nicht als solche behandelt werden. Das sind sie auch nicht – die Unterschiede verlaufen aber letztlich graduell. Wenn Menschen nicht wie Nazis behandelt werden wollen, dann sollten sie nicht genauso argumentieren wie sie und keine Veranstaltungen besuchen, in denen eben jene im Publikum sitzen. Ihre Abgrenzung ist stets rhetorischer Natur – und nicht inhaltlich begründet. Und so ist es tatsächlich auch für einen Sarrazin kein Widerspruch, auf einer Veranstaltung zu reden, deren Veranstalter die NSU-Morde als ‚Verschwörung der BRD‘ verkauft und dem ‚Systemopfer‘ Beate Zschäpe mitleidige Briefe schreibt. * * * Die nationalistische Paranoia fand auf der COMPACT-Konferenz freilich auch im Umgang mit Störenfrieden wie uns ihren Ausdruck. Draußen angekommen mussten wir uns von Konferenzgästen vorwerfen lassen, wir hätten den armen Lassahn in der Ausübung seiner Meinungsfreiheit gestört. Meine Güte, machen diese Menschen viele Kategorienfehler. Sie schreien „Zensur“, wenn jemand Viel Feind – viel Ehr‘! Widerspruch leistet oder eine Suchen Sie sich Angriffs- Rede stört. Man muss schon in flächen, die Ihre Angriffe Verschwörungstheorie fließend zu parieren versuchen. denken können, um auf so etwas zu kommen und um Einzelpersonen vorzuwerfen, sie hätten auf einmal Fähigkeiten, die eigentlich nur von einer staatlich organisierten Macht ausgehen können. Aber ja, getroffene Hunde bellen. Und Nationalisten bellen eindeutig am lautesten. Worüber sie sich mit Vorliebe ärgern, ist alles, was irgendwie europäisch an-

mutet. Damit hat die Front Deutscher Äpfel ihr neues Betätigungsfeld gefunden. Wir kommen wieder, keine Frage! Nächstes Jahr sind Chaostage! Die Erfahrungen in Ungarn, aber auch die Öffnung zu anderen Aktionsformaten wie denen der PARTEI haben die Front Deutscher Äpfel endgültig wiederbelebt. Das vorliegende Buch ist keinesfalls als Versuch zu verstehen, die Apfelfront zu musealisieren, also die Bewegung der Vergangenheit zu überlassen. Es ist ein Zwischenstand, eine Zäsur, auf deren Grundlage wir laut über die Zukunft unserer eigenen Arbeit nachdenken. Ein Ende selbiger ist nicht in Sicht. Es gibt schlicht noch zu viel zu tun. Unsere auch im europäischen Maßstab erfolgreich erprobten Mittel kreisen um Kritik, Komik und das Verständnis von Satire als angewandtem Punkrock. ‚Europa‘ begreifen wir dabei als eine politische Brückentechnologie, die zwar heute Raum für postnationale Identitätsbildung bietet, aber hoffentlich eines Tages aus globalhistorischer Perspektive als obsolet begriffen werden kann. Vielleicht wird dann auch die Apfelfront überflüssig werden und wir werden uns anderen Dingen im Leben widmen können. Derzeit gibt es allerdings keinerlei Anlass, davon auszugehen.

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ÜBER KOMIK UND KRITIK IM GESPRÄCH MIT LEO FISCHER

Was sind normalerweise die dämlichsten Fragen zu Satire, die dir so gestellt werden? LEO FISCHER Die häufigsten Fragen sind moralischer Natur: „Wo liegen die Grenzen der Satire?“, „Tat Ihnen im Nachhinein mal etwas leid?“, „Worüber würden Sie niemals Witze machen?“ Ich versuche, sie jedes Mal anders und vor allem widersprüchlich zu beantworten, aber es klappt leider nicht immer. Und wie oft kommen diese Fragen? LEO FISCHER Je spezifischer das Ausgangsthema, um so seltener. Wenn es ganz allgemein um TITANIC und Satire geht, kommen diese Fragen fast zwangsläufig. Keine meiner bisherigen Antworten hat die Leute befriedigt, daher muß ich mir wohl auch künftig immer wieder Neue ausdenken. Du hast Literaturwissenschaft studiert. Hast du dich in dem Zusammenhang auch mit Satire beschäftigt? LEO FISCHER Eigentlich nicht, wie ich auch in meinen Mußestunden kaum Komisches lese. Ich habe ein Hauptseminar zur Gattung der Parodie besucht, wo auch ein TITANIC-Text gelesen wurde, und meine Magisterarbeit behandelte Jean Paul, der auch Satiren verfaßt hat, aber das stand nicht im Zentrum meines Interesses. Satire war eigentlich immer nur ein schmutziges Hobby. Was ist deine Einschätzung: Gibt es theoretische Auseinandersetzung mit Satire überhaupt? LEO FISCHER Die gibt es schon, doch steht die Forschung in Deutschland, soweit ich sie überblicke, erst am Anfang. Im angelsächsischen Raum wird sie viel selbstverständlicher behandelt. Wie würdest du Satire definieren? LEO FISCHER Als Kritik, betrieben mit den Mitteln der Komik; und Komik, betrieben mit den Mitteln der Kritik. Die Neue Frankfurter Schule bezieht sich mit ihrer Selbstbenennung nicht zufällig auf die kritische Theorie. Wie nimmst du das Verhältnis von Satire zu emanzipatorischer Theorie und Praxis wahr? LEO FISCHER Das läßt sich nicht verallgemeinern; Satire kann, wie jedes literarische Medium, mit Politik jeder Couleur imprägniert werden. Die historisch ersten Beispiele der Satire stammen zum Beispiel von konservativen römischen Schriftstellern,

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und auch in der Nazizeit erschienen Satirezeitschriften. Ich glaube aber, daß eine bestimmte, endgültige, als Kunst betriebene Form von Satire, wie sie auch TITANIC versucht, per se emanzipatorisch ist – einfach in der Wahl ihrer Mittel und ihrer ästhetischen Konsequenz. Die Neue Frankfurter Schule im Speziellen ist nicht zufällig mit der ausgehenden und sich verbürgerlichenden Alternativbewegung entstanden. Die Alternativbewegung glaubte, mit der Kritischen Theorie im Gepäck den Marsch durch die Institutionen antreten zu können. Je länger der Marsch dauerte, um so schwerer wurde das Gepäck, und umso mehr blieb es dann am Wegesrand liegen. Die Neue Frankfurter Schule klaubte es auf und trug es ihr nach, war also im Doppelsinne nachtragend. Die NFS war und ist vor allem ein Projekt linker Selbstkritik – wann immer die Linke in Esoterik, Reformismus oder Selbstzufriedenheit überging, war sie zur Stelle, ihr auf die Finger zu hauen. Die Linken haben es von Seiten der TITANIC immer am härtesten abbekommen, und nicht umsonst kamen die teuersten Prozesse immer von links. Wie kann Satire es vermeiden, zu reinem Entertainment zu verkommen – was ja gerade im Bereich des Kabaretts oft genug geschieht? LEO FISCHER Im Gegenteil scheint mir Kabarett gerade zu wenig Entertainment zu bieten – die Leute wollen ja vor allem für ihre Ansichten beklatscht werden, nicht für ihre Witze. Das Problem an der zeitgenössischen Satire ist vor allem, daß sie die Gesellschaft nicht gründlich genug negiert, immer noch als Besserungsanstalt und Korrektorat der Politik auftritt. Ähnlich ist's mit der Comedy: Da wird zwar nicht das politische Einverständnis gesucht, aber der Comedian möchte sich trotzdem vor allem mit seinem Publikum verbrüdern – statt es zu schockieren oder mit sich selbst zu entzweien. Freud hat die Theorie des „tendenziösen Witzes“ aufgestellt. Demnach ermöglicht diese Art des Witzes den Lustgewinn, den ein Angriff auf einen Gegenstand ermöglicht, ohne diesen tatsächlich physisch zu verletzen. Freud spricht in dem Zusammenhang vom „ersparten Hemmungsaufwand“. Ist Satire eine Strategie der Befriedung der eigenen Aggressionen gegenüber der Gesellschaft? LEO FISCHER Ohne Zweifel ist Satire eine Form der Aggression – aber sie ist viel zu selten wirklich gegen die Gesellschaft gerichtet. Die meisten satirischen Äußerungen kommen aus dem Bauch der Gesellschaft heraus und zielen vielmehr auf die Einzelnen, Wenigen, Schwachen. Satire ist immer eine Reaktion auf etwas. Sie lebt von ihrem gesellschaftlichen Gegenüber, auf das sie kritisch reagiert. Wenn das stimmt: Bräuchte es in einer vernünftig organisierten Welt keine Satire mehr? LEO FISCHER Wenn es in einer solchen Welt kein Bedürfnis nach Kunst mehr gibt, oder jedenfalls nicht mehr nach einer solchen, wie wir sie heute kennen, dann gäbe es natürlich auch keine Satire. Aber ich glaube, in einer solche Welt wäre das, was an Satire heute nur partikular ist – also die Begrenzung ihrer Form und ihres Gegenstands, und auch die Abgrenzung gegenüber ‚ernster‘ Kommunikation –, wirklich

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aufs ganze geistige Leben verteilt. So, wie dann der Unterschied zwischen Arbeit und Kunst aufgehoben wäre, wären Witz, Ironie und sanfter Spott dann wohl selbstverständlicher Teil jeder gedanklichen Erwägung – und bedürften gar nicht mehr ihrer Legitimation als ‚bloß satirischer‘ Äußerung. Das jedenfalls wäre eine Welt, in der ich gerne zu Hause wäre.

Das Gespräch führte Max Upravitelev

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Thesen über Satire als angewandten Punkrock 1. Die Provokation ist in der Krise! Längst von Marketingagenturen adaptiert, versucht sich heute vor allem die bürgerliche Rechte in deren Ausübung und agitiert gegen alles, was vermeintlich politisch korrekt erscheint. Linke Bewegungen haben dagegen das Mittel der Provokation fast vollständig verlernt und beschäftigen sich lieber mit hippieskem Hedonismus und sprachkritischen Zärtlichkeiten. Wir sind die Antwort auf diese Krise!

2. Der Hauptmangel rechter Provokation ist ihre Humorlosigkeit. Bürgerliche Rechte und Nazis sind weder sexy noch witzig. Ihr Kalkül mit vermeintlichen Tabubrüchen ist so durchschaubar wie öde, ihr Geschrei um vermeintliche Zensur erbärmlich.

3. Satirische Provokation im Namen der Emanzipation schießt nicht nach unten. Sie schießt nach oben: Auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Charaktermasken, die sie hervorbringen. Wir blicken nach oben herab und lachen euch in Grund und Boden!

4. Satirische Provokation heißt Angriff – und wenn sie nicht weh tut, macht man etwas nicht richtig. Satire arbeitet destruktiv, sie will den Gegenstand ihres Angriffes vernichten. Um den politischen Gegner an der richtigen Stelle anzugreifen, muss man ihn ernst nehmen! Satireproduzentinnen und -produzenten muss klar sein, wie ihr Angriffsziel tickt.

5. Ist es Aufgabe der Satire, initiative Lösungsvorschläge zu formulieren? NEIN! NEIN! NEIN! Sie ist Kritik. Kritik des Bestehenden ist der Zweck, Satire das Mittel. Gegenvorschläge sollen andere bieten: Die Forderung, nur unter Bezug auf konkrete Alternativen Kritik üben zu dürfen, ist der jämmerliche Versuch, sich der Kritik nicht zu stellen.

6. Gesellschaftliche Veränderung entsteht durch Arbeit an Widersprüchen. Jede Pointe ist eine formulierte Erkenntnis. Satirisch arbeiten heißt, Dinge zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Widersprüche aushalten, sie dem Publikum hinzuwerfen und Widerspruch zu provozieren. Satirische Provokation kommuniziert nicht offensiv, dass sie satirische Provokation ist. Tut sie es, so beraubt sie sich selbst jeder Wirkung.

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7. Satirische Aktionsformate leben von guten Bildern. Bildgewalt bedeutet Öffentlichkeit, bedeutet Wirkung. Zielvorgabe ist stets, in einer Situation das beste Bild zu erzeugen. Auf internationalem Parkett lebt Satire von guten Bildern, die auch ohne Sprache zugänglich sind.

8. Der juristische Handlungsspielraum muss für die Produktion klar sein. Interessant wird es in der Grauzone. Hier gilt es, die Grenzen der Legalität auszuloten. Wird ein Aktionsformat institutionell untersagt, ist dies als Erkenntnisgewinn zu feiern.

9. Die Frage nach den Grenzen von Satire ist nervtötend und langweilig, aber auch ein Indikator des eigenen Erfolgs. Sie kann derzeit, wenn überhaupt, von ihren Produzentinnen und Produzenten beantwortet werden: Die Grenzen unserer Satire sind die Grenzen unserer Geduld. Wenn wir nicht mehr lachen können, dann werden wir eben schreien. Bis es soweit ist, machen wir Satire.

10. Wir rufen unserer Bewegung zu: „Macht euch bereit zum Marsch auf die Institutionen!“ – Macht und Geld sind in dieser Gesellschaft grundsätzlich zu begrüßen, denn sie bedeuten größere Bühnen. Wir rufen vor zur Polizeisperre: „Wir sind Künstler, lasst uns durch!“ Das bürgerliche Sakrament der Kunstfreiheit ist dem Verständnis von Satire als angewandtem Punkrock dienlich. Wir rufen hoch zum Balkon des Hotel Abgrund: „Wenn ihr schon nicht zur Party runterkommt, lehnt euch wenigstens zurück und genießt die Show!“ 11. Die Satiriker haben die Welt nur verschieden persifl iert, es kommt darauf an, sie zu verändern. BRIMBORIA Institut DADA Budapest Die Front Internationale Front Deutscher Äpfel Ungarische Knoblauchfront 2014

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Autorinnen und Autoren ULRICH BERGER Schloss 2014 sein Studium der Islamwissenschaft an der Universität Hamburg mit einer Arbeit zur arabischen Übersetzung von Mein Kampf ab. Er ist Vorsitzender des Vereins liqa e.V., welcher politische Dialogprojekte mit der arabischen Welt realisiert. ALAIN BIEBER Journalist, Autor und Kurator mit Schwerpunkt auf subversiver Kunst. Begründer der Plattform rebel:art – connecting art and activism, Redakteur unter anderem beim ART Kunstmagazin von 2007 bis 2010. Seit 2010 Chefredakteur von ARTE Creative. BRIMBORIA INSTITUT Fragte die Apfelfront: Stimmt es, dass Du was von Kunst weißt? Sie sagte: Ich bewege mich im entsprechenden Dunstkreis. Sagte dann zu Ihr: Komm, wir gehn zu mir. Sie fragte: Um über Kunst zu diskutieren? – seitdem der Diskussion von Theorie und Praxis verpflichtet, so unter anderem innerhalb von Eigenproduktionen (BRIMBORIA Kongress) und Auftragsarbeiten (7. Berlin Biennale). PROF. DR. DIETER DANIELS Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Initiierte und kuratierte zahlreiche Projekte, Ausstellungen und Symposien unter anderem zu Kunst und Musik des 20. Jahrhunderts, zur Medienkunst und zur Erinnerungskultur, zuletzt Orte, die man kennen sollte. Spuren nationalsozialistischer Vergangenheit in Leipzig (Ausstellung und zwei Buchpublikationen 2013/ 2014).

DR. VERONIKA DARIAN Autorin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig. Konzeptionelle Mitarbeit und/oder Leitung zahlreicher Projekte im Bereich Kultur, Theater, Fernsehen und Film. Forscht und publiziert aktuell zu den Themen Theater und Alter sowie Biographie auf der Bühne. LEO FISCHER Studierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Publizistik. Chefredakteur der Titanic von 2008 bis 2013. Seitdem als freier Autor unterwegs, unter anderem für Jungle World und Neues Deutschland. Mitglied des Bundesvorstandes der Partei Die PARTEI. DIE FRONT INTERNATIONALE Als direkte Folge aus der Erhebung der Ungarischen Knoblauchfront hervorgegangen. Seit dem an der Verbreitung des Front Konzeptes überall dort beteiligt, wo es Nationen und Nationalismus gibt. SEBASTIAN JABBUSCH Studierte Politikwissenschaft, tätig in den Bereichen politische Bildung und Social-Media, zuletzt für DuHastDieMacht.de – eine Medieninitiative der Robert Bosch Stiftung und der Ufa Film & TV Produktions GmbH. Darüber hinaus verantwortlich für zahlreiche Eigenproduktionen, wie zum Beispiel der Kampagne Uni ohne Arndt oder dem Satire-Projekt Volksfront gegen Europa. MARCEL H. PERNIK Studierte Philosophie in Halle an der Saale und Berlin. Arbeitet u.a. zu Ideologiekritik und Idealismus. Beteiligt an mehreren politisch-bildnerischen Projekten im bundesweiten und

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europäischen Kontext, so unter anderem p.ART – participation through art. VERONIKA KOPF Nach jahrelangem Engagement in der LandesschülerInnenvertretung Bayern, setzte sie dieses in den Hochschulgremien fort. Im Landesvorstand der Jusos Bayern war neben Gleichstellungs- und Bildungspolitik, ihr Schwerpunkt Rechtsextremismus. ARMIN LANGER Autor und Aktivist. Studierte Philosophie in Budapest, derzeit in Rabbinerausbildung in Berlin und Potsdam. Jahrelange politische Aktivität innerhalb oppositionellen politischen Strukturen in Ungarn und Deutschland, insbesondere in den Themenbereichen LGBTQ, Anti-Nationalismus und Interreligiöser Dialog. TILMAN LOOS Studierte Philosophie und Geschichte an der Uni Leipzig. Aktiv im Jugendverband linksjugend [‚solid] und der Partei DIE LINKE, so unter anderem als jugendpolitischer Sprecher des Landesvorstandes von DIE LINKE. Inoffizieller Mitarbeiter im Sekretariat für Schabernack und der Hauptverwaltung Grober Unfug ROBIN MAY Studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Globale Politische Ökonomie. Seit Jahren im Bereich der politischen Bildung, Kunst und europäischer Integration tätig. Initiierte zahlreiche multilaterale Projekte zur partizipativen Demokratie in Europa. Wurde 2012 als „Junger Europäer des Jahres“ von der Schwarzkopf-Stiftung ausgezeichnet.


LINNÉA MEINERS Studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin mit dem Schwerpunkt Medientheorie, derzeit Studium der Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Präferiert die Beschäftigung mit der Ästhetik des Widerständigen im Kontext experimenteller Kunst. Beruflich im Bereich von (Kurz-)Filmfestivals tätig. SANDRO ODAK War unter seinem Tarnnamen Pavel Picassi von 2007 bis 2009 Kommunikations- und IT-Mann beim Traditionsgau Bayern und bis 2011 Gauleiter im Gau München. Heute ist er Journalist und schreibt für verschiedene Technik-Medien. Demonstrationen begleitet er immer noch, nun aber durch das Objektiv einer Kamera. MARKUS OHM Tätig im Bereich Kommunikation- und Veranstaltungsmanagement. So unter anderem für Projekte der Bundeszentrale für politische Bildung wie Berlin 05 – Festival für junge Politik und Gen Shop Chromosoma. RUBEN PFIZENMAIER Absolvierte einen Bachelor im Studiengang Philosophie-Künste-Medien an der Universität Hildesheim und studierte Philosophie unter anderem am University College Cork (Irland), der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin. Er ist operativer Leiter des gemeinnützig arbeitenden Verlags Fruehwerk. TOM RODIG Studierte Politikwissenschaft und Philosophie in Halle. Seitdem an der Schnittstelle von Kunst und Politik

tätig, unter anderem als Mitbegründer des BRIMBORIA Instituts. Verbindungsmann zur Ungarischen Knoblauchfront. Zuletzt an der Machtübernahme der Partei Die PARTEI als Pressesprecher in Leipzig beteiligt. HENRY RUDOLPH Studium der Medizin. Außerdem an zahlreichen Projekten im Bereich politischer Bildung und Kultur beteiligt. Unter anderem an: refl:ACTION II – European youth encounter on culture and participation; Berlin 08 – Festival für junge Politik; BRIMBORIA Kongress – Die subversive Strategie des Fake; ÜBER LEBENSKUNST.Camp. MARTIN SONNEBORN Studierte Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaft. Redakteur Chefradakteur der Titanic von 1995-2005. Leitet die Rubrik Spam auf Spiegel Online, Außenreporter der heute-show, Grimme-Preisträger für die Serie Sonneborn rettet die Welt. GröVaZ der Partei Die PARTEI und für diese Abgeordneter im Europaparlament. ALF THUM Studierte Philosophie und Soziologie. Seitdem an künstlerischen Projekten im Bereich Freies Theater tätig. Außerdem Leitung Berlin 05 – Festival für junge Politik sowie Programmleitung Berlin 08 im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung. Diverse kulturelle und politische Jugendprojekte im Kontext Rechtsextremismus und europäische Austauschprogramme. Gründungsmitglied der APPD. MAX UPRAVITELEV Studierte Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft.

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Seit 2006 an unterschiedlichen Projekten auf bundesweiter sowie europäischer Ebene im Bereich politischer Bildung und Kultur beteiligt. Künstlerisch und politisch aktiv bei Eigenproduktionen und Projekten im Umfeld der Front Deutscher Äpfel. FERNANDO WAWEREK Studium der Philosophie in Leipzig, Forschungsschwerpunkt: Kritische Theorie und Popkultur sowie Politische Ökonomie. Engagierte sich innerhalb zahlreicher politisch-bildnerischer Projekte, wie zum Beispiel dem Berlin 08 – Festival für junge Politik. Außerdem verantwortlich für Eigenproduktion im Bereich Musik. GREGOR ZOCHER Studium der Soziologie und Erziehungswissenschaften. In zahlreichen Projekten im Bereich der politischen Bildung und der Sozialpädagogik tätig, unter anderem: Berlin 08 – Festival für junge Politik, p.ART oder auch Mitarbeit im Eduventis – Bildung erleben e.V. Darüber hinaus verantwortlich für verschiedene Eigenproduktionen im Bereich Theater (The real fucking benefiz, Nazistück u.a.) und Musik (Sayes, Lick Quarters u.a.).


Danksagung GROSSER DANK GILT Ruben Pfizenmaier und Jakob Franzen vom Fruehwerk Verlag Simeon Reusch und Juliane Ameringer für das Korrektorat Prof. Dominika Hasse und ihrem Seminar für Editorial Design im Sommer 2014 an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim DEN AUTORINNEN UND AUTOREN DES BANDES Ulrich Berger, Alain Bieber, Dieter Daniels, Veronika Darian, Leo Fischer, Sebastian Jabbusch, Marcel H. Pernik, Veronika Kopf, Armin Langer, Tilman Loos, Robin May, Linnéa Meiners, Sandro Odak, Markus Ohm, Tom Rodig, Henry Rudolph, Martin Sonneborn, Alf Thum, Fernando Wawerek und Gregor Zocher. DEN INSPIRATIONSQUALLEN DES BANDES The KLF: The Manual. How To Have A Number 1 The Easy Way autonome a.f.r.i.k.a. gruppe: Handbuch der Kommunikationguerilla Torsun & Kulla: Raven wegen Deutschland Das Gesamtwerk von Richard Huelsenbeck GROSSER DANK GILT ALLEN UNTERSTÜTZERINNEN UND UNTERSTÜTZERN UNSERER CROWDFUNDING-KAMPAGNE BEI STARTNEXT!

DAS BUCH „FRONT DEUTSCHER ÄPFEL. DAS BUCH ZUR BEWEGUNG“ WURDE DURCH FOLGENDE UNTERSTÜTZER ERMÖGLICHT Stickma. Das Portal für Aufkleberdruck Der Postillon HintnerJugend. Der PARTEI-Nachwuchs Minderheiten-Quartett FICKO. Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte.

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Selbstverständlich gilt es außerdem den zahlreichen Menschen zu danken, die die Leipziger Front Deutscher Äpfel erdacht und entwickelt haben:

1. Generation Front Deutscher Äpfel: Samo Darian, Dr. Veronika Darian, Daniel Gollasch, Cathrin Günzel, Torben Jansen, Markus Ohm, Bastian Obarowski, Nicole Ruhl, Sebastian Späthe, Uta Schnell, Max Schochow, Katja Sussner, Alf Thum

2. Generation Front Deutscher Äpfel: Martin Ehms, Luisa Grass, Johannes Häfner, Constanze Hein, Johannes Herbst, Christian Herz, Matthias Jeromin, Raffael Jesche, Sascha Kaiser, Kristina Lammert, Tilman Loos, Maxim Markow, Paul Müller, Christoph Neubauer, Immo Rebitschek, Henry Rudolph, Albrecht Stein, Anton Sattler, Felix Schiemank, Peter Schluszas, Max Upravitelev, Jakob Wiechmann, Fernando Wawerek, Theresa Wust, Siegfried Zötzsche

3. Generation Front Deutscher Äpfel: Hannes Geisler, Sabine Küchler, Davina Plätzer, Tom Rodig, Gregor Zocher Großer Dank gilt selbstverständlich auch all den Ortsgruppen der Front Deutscher Äpfel und der Ungarischen Knoblauchfront: Sie haben allesamt eigene Bände verdient, die hoffentlich noch kommen werden!


Impressum FRONT DEUTSCHER ÄPFEL: Das Buch zur Bewegung Max Upravitelev (Hg.) Fruehwerk Verlag Hildesheim – Berlin – Luzern www.fruehwerk-verlag.de 1. Auflage 2014 ISBN: 978-3-941295-13-1 BILDNACHWEISE Kapitel 1. Aufbaujahre der Bewegung: S. 14–15: unbekannt; S. 16–17: unbekannt; S. 26–27: oben: unbekannt: unten: Veronika Darian; S. 28: unbekannt; S. 41: Witja Frank (Ausschnitte aus dem Film Boskopismus); S. 42–43: Veronika Darian. Kapitel 2. Propaganda und Organisation: S. 59: unbekannt; S. 69– 71: Apfelfront Gau Greifswald; S. 80–81: Apfelfront Gau München; S. 82–85: Apfelfront Gau Bamberg. Kapitel 3. Marsch auf Berlin: S. 95: Thomas Wolf, www.foto-tw.de, S. 107: Erik Hoffmann; S. 108–111: Erik Hoffmann; S. 114: unbekannt; S. 121–122: Frank Just (Filmausschnitte); S. 125: unbekannt; S. 130: unbekannt; S. 131: Front Deutscher Äpfel Halle; S. 134–135: Front Deutscher Äpfel Halle. Kapitel 4. Die wahre Leipziger Schule: S. 142: Alain Bieber; S. 150–151: Felix Schiemank; S. 152: Gestaltung: Matthias Marx; S. 159: BRIMBORIA Institut; S. 166–167: Alexander Schuktuew; S. 169: unbekannt. Kapitel 5. ‚Ungarn erwachse!‘ oder: Die Rückkehr der Front Deutscher Äpfel: S. 180–181: Ungarische Knoblauchfront; S. 187: Front Deutscher Äpfel Halle; S. 188: Simeon Reusch; S. 190: Max Upravitelev; S. 191: Simeon Reusch; S. 193: unbekannt; S. 194: unbekannt; S. 195: www.apfelfront.de; S. 199: www.apfelfront. de; S. 205: Max Upravitelev; S. 209: www.apfelfront.de. LEKTORAT Ruben Pfizenmaier, Jakob Franzen, Simeon Reusch KORREKTORAT Juliane Ameringer, Simeon Reusch

GESTALTUNGSENTWICKLUNG Editorial Design Kurs der Fakultät Gestaltung der HAWK in Hildesheim unter der Leitung von Prof. Dominika Hasse mit Juliane Ameringer, Laura Bartels, Marie Brinkmann, Marcel Domke, Sophien Garsi, Marie Gehlhoff, Lena Gertz, Nelli Ibe, Anne Ittner, Melissa Markowski, Lara Riemann, Ana Rodriguez, Christine Schaffartzik, Elvira Will BASISENTWURF Ana Rodriguez, Elvira Will TITELGESTALTUNG Elvira Will ILLUSTRATIONEN U2 + U3: Nelli Ibe, S.8 | S. 52 | S. 138 | S. 170: Juliane Ameringer, S. 94: Sophien Garsi mit Unterstützung von Marcel Domke LAYOUT UND SATZ Juliane Ameringer, Laura Bartels, Marie Brinkmann, Marcel Domke, Marie Gehlhoff, Christine Schaffartzik, Elvira Will PROJEKTLEITUNG Prof. Dominika Hasse PROJEKTASSISTENZ IM PROJEKTLABOR DER HAWK Dipl.-Des. (FH) Tatjana Rabe, Stephanie Schober Anna-Lena Schotge, BA (Tutorium) DRUCK gutenberg beuys feindruckerei GmbH www.feindruckerei.de

REDAKTION Ruben Pfizenmaier, Linnéa Meiners, Tom Rodig PAPIER Umschlag: 300 g/m² Crescendo 1 Innenteil: 130 g/m² FLY Schneeweiß 07


FRONT DEUTSCHER ÄPFEL Max Upravitelev (Hg.) Wir rufen vor zur Polizeisperre: „Wir sind Künstler, lasst uns durch!“ Das bürgerliche Sakrament der Kunstfreiheit ist dem Verständnis von Satire als angewandtem Punkrock dienlich. Wir rufen hoch zum Balkon des Hotel Abgrund: „Wenn ihr schon nicht zur Party runterkommt, lehnt euch wenigstens zurück und genießt die Show!“ Die Satiriker haben die Welt nur verschieden persifliert, es kommt darauf an, sie zu verändern. Front Deutscher Äpfel präsentiert: Das einzig wahre dokumentarische Handbuch mit Beiträgen zu Theorie und Praxis satirischer Aktionsarbeit. Die erste Chronik der Bewegung mit intimen Eindrücken vom Leben an der Front.

ISBN 978-3-941295-13-1


Front Deutscher Äpfel - Das Buch zur Bewegung