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DEUTSCHES ÄRZTEBLATT

STUDIERENDE www.aerzteblatt-studieren.de

THERAPIE VON CHRONIKERN IN ÄTHIOPIEN

POTENZIAL VON CANNABIS

STUDIEREN IN ÖSTERREICH

BEREITSCHAFTSDIENST HILFE AUF ABRUF

WIE WAREN IHRE ERSTEN TAGE IN DER UNI?

PSYCHOTEST

AUSLÄNDISCHE GESUNDHEITSSYTSTEME: ÖSTERREICH

KAUSITIK

PUBLIC HEALTH

WAS HABE ICH?

WS2012


INHALT 10

4

AKTUELLE MELDUNGEN

6 7 8 10 12

Studium

14

Karriere

PUBLIC HEALTH

18

Forum

THERAPIE VON CHRONIKERN IN ÄTHIOPIEN

21

Ausland

BERUFSPOLITIK

24

Politik

26 29 30

Medizin

WIE WAREN IHRE ERSTEN TAGE IN DER UNI? START INS STUDIUM WAS HABE ICH? AUSLÄNDISCHE GESUNDHEITSSYTSTEME: ÖSTERREICH PSYCHOTEST ÄRTZLICHER BEREITSCHAFTSDIENTS

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DAS THERAPOITISCHE POTENZIAL VON CANNABIS UND CANNABINOIDEN KAUSITIK

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Fokussiert

BERUFSBILD/IMPRESSUM

EDITORIAL Medizin studieren ist wie lesen lernen. Zu Beginn steht man vor einem sinnlosen Salat an Informationen. Doch je länger man sich mit dem Fach beschäftigt, desto mehr nimmt dieser konfuse Haufen Formen an. Details haben plötzlich etwas miteinander zu tun, und man versteht langsam, aber sicher die Zusammenhänge. Aus den Buchstaben werden Wörter, aus den Wörtern Sätze. Irgendwann kann man lesen und schließlich selbst schreiben – ohne groß darüber nachzudenken. Das ist die gute Nachricht, die man jedem Erstsemester mit auf den Weg geben kann, wenn er verloren über den Campus irrt. Der

Beitrag „Finden Sie den Ersti!“ (Seite 7) beschreibt den Start des Studiums mit einem Augenzwinkern. Allerdings sollte jedem klar sein: Man darf sich nicht verunsichern lassen. Jeder war mal Ersti. Und an der Uni wird auch nur mit Wasser gekocht. Wer sich trotzdem fragt, ob Medizin das Richtige für ihn ist, dem sei der Psychotest (Seite 12) ans Herz gelegt. Auch hier jedoch der Hinweis: Der Fragebogen ist nicht ganz ernst gemeint. Wer Medizin studiert, verändert sich. Vor allem verändert sich die Sprache. Kein normaler Mensch weiß, was ein „pleomorphes Adenom der Glandula parotidea“ ist, oder, ob man sich Sorgen machen muss, wenn man ein „vesikuläres Atemgeräusch“ hat. Manche Ärzte vergessen das, können sich

offenbar nicht mehr daran erinnern, dass sie einmal medizinische Analphabeten waren. Die Fachsprache wird dann zum Geheimcode, der zwar den Austausch unter Ärzten erleichtert, aber alle anderen ausgrenzt. Eine wirklich gute Initiative ist deshalb die Plattform (www.washabich.de) „Was hab‘ ich?“. Medizinstudierende erklären Patienten ihre Befunde. Wie das funktioniert, erklärt der Bericht „Vom Ärzte-Latein ins Patienten-Deutsch“ (Seite 8). Am Ende bekommt also der Medizin-Wortsalat auch für diejenigen Sinn, um die es eigentlich geht – die Patienten. Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin Deutsches Ärzteblatt

Deutsches Ärtzteblatt Studierende WS 2012


Karriere

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Text: ANGELINA GROMES * Namen geändert Fotos: GORG J.LAPOTA

ÄRTZLICHER BEREITSCHAFTSDIENST HILFE AUF ABRUF Eine Praxis kommt für einige Medizinstudierende nicht infrage. Sie wollen Akutmedizin praktizieren, schnell Entscheidungen treffen. Doch dies ist auch im ärztlichen Bereitschaftsdienst gefragt.

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ie Knöpfe im Fahrstuhl sind mit einem schwarzen Edding beschmiert. Dr. med. Elisabeth Martin findet dennoch die Zehn und fährt zügig in die zehnte Etage des Hochhauses. Es muss schnellgehen: Denn Frau Khamasmi* hat Schmerzen in der Lunge. Sie kann nicht vernünftig Luft holen und hat deshalb den Bereitschaftsdienst angerufen. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt es deutschlandweit, er wird von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung organisiert. Jeder niedergelassene Arzt in Deutschland ist prinzipiell verpflichtet, daran teilzuneh-

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men. Berlin bildet jedoch eine Ausnahme. Die Ärzte können sich dort freiwillig für den Dienst melden. Eine dieser Freiwilligen ist Martin, Allgemeinmedizinerin mit einer Praxis in Berlin-Reinickendorf. Heute ist sie den ganzen Tag im Bereitschaftsdienst unterwegs und versorgt Menschen, die medizinische Hilfe brauchen. Sie ist eine zierliche Frau, die oft lacht. Sie trägt keinen weißen Kittel, sondern sportliche Alltagskleidung. Oben im zehnten Stock öffnet Herr Khamasmi* die Tür. Im Wohnzimmer läuft laut der Fernseher. Auf dem Fernsehtisch liegen eine

Packung Zigaretten und ein Inhaliergerät. „Ich bin Asthmatiker“, sagt Herr Khamasmi. Er raucht dennoch. Auch nach zwei Herzinfarkten. „Selbst kurz vor der Operation habe ich noch eine geraucht“, erzählt er lachend. Elisabeth Martin erklärt ihm kurz die Konsequenzen des Rauchens. So viel Zeit muss sein. Jetzt muss sie sich um die eigentliche Patientin kümmern: Frau Khamasmi liegt auf der Couch im Wohnzimmer, ist 40 Jahre alt und übergewichtig. Sie hustet und stöhnt. Zwischen dem Luftholen will sie der Ärztin erklären, wo es schmerzt. Martin kann


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Karriere

„Gerade alte Menschen können oft nicht zum Arzt gehen, deshalb sind Hausbesuche wichtig.“

sie nicht verstehen. Tochter und Ehemann Region gibt es unterschiedliche Strukturen. übersetzen für sie. Als die Ärztin wenig Eine Behandlung kann beispielsweise auch später die Wohnung verlässt, bleibt Herr in einer Bereitschaftsdienstpraxis stattfinKhamasmi im Flur stehen, bis Martin in den.Martin ist bei der nächsten Patientin den Fahrstuhl eingestiegen ist. „Sie müssen angekommen. Die Wände des Altersheimes nicht warten“, sagt sie. „Doch, das tue ich sind in Pastelltönen gestrichen, es riecht gerne. Bei uns gehört sich das so“, antwortet scharf nach Desinfektionsmittel. An den er. Vor dem Hochhaus wartet der Fahrer im Zimmertüren hängen Fotos der BewohBereitschaftsdienstwagen. Per Funk erfährt ner. So auch bei Frau Bollmann*. Es zeigt die Ärztin im Auto vom nächsten Einsatz: eine Dame mit weißen, kurzen Haaren. Sie Es geht in ein Altersheim zu einer 85-jäh- lächelt freundlich in die Kamera. Drinnen rigen Frau. Die Beschwerden werden nicht bietet sich ein anderes Bild: Frau Bollmann per Funk übermittelt – aus Datenschutzgrün- liegt auf dem Bett. Den Mund leicht geden. Während der Autofahrt läuft ein Schlager öffnet starrt sie an die Decke. Ihre Augen im Radio. Die Ärztin summt mit. Einen Kaffee sind stumpf, ihr Gesicht eingefallen. Die braucht sie jetzt nicht. „Sonst bin ich heute dünnen Beine schauen unter dem hellblauen Abend zu aufgeputscht, wenn ich ins Bett ge- Nachthemd hervor. Die Knie sind spitz. „Wie he“, sagt sie. geht es Ihnen?“, fragt Dr. Martin und streichelt Trotz des Stresses – Elisabeth Martin die Hand der 85-Jährigen. Frau Bollmann nimmt gern am Bereitschaftsdienst teil. antwortet nicht, ihr Blick ist immer noch an „Gerade alte Menschen können oft nicht die Zimmerdecke gerichtet. Die Ärztin misst zum Arzt gehen, deshalb sind Hausbesuche Blutdruck, horcht ab und spricht mit der Pflewichtig. Außerdem nimmt man den Pati- gerin. Die Patientin habe Demenz und nehme enten in seinen eigenen vier neue Psychopharmaka „Manchmal ist es aber gegen die AggressioWänden ganz anders wahr“, auch erschütternd zu sagt sie. „Manchmal ist es aber nen, berichtet die Pflesehen, unter welchen auch erschütternd zu sehen, gerin. Martin studiert Umständen Menschen unter welchen Umständen daraufhin ausführlich leben“ Menschen leben“, fügt die Ärzdie Krankenakte: „Die tin hinzu. Doch nicht alle Ärzte, die am Be- Medikamente sind falsch dosiert, sie muss reitschaftsdienst teilnehmen, untersuchen noch mal ins Krankenhaus“, meint sie dann die Patienten in deren Wohnungen. Je nach und leitet zügig alles in die Wege. „Im Be-

Ärztlicher Bereitschaftsdienst Erreichen gesetzlich oder privat Versicherte in dringenden Fällen ihren Hausarzt nicht, befinden sich aber auch nicht in einer lebensbedrohlichen Situation und benötigen keinen Notdienst, können sie rund um die Uhr den ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) kontaktieren. Im ÄBD werden bundesweit jährlich circa 3,9 Millionen Patienten behandelt. Niedergelassene aller Fachgruppen nehmen daran teil. Allerdings müssen sie dafür regelmäßig Fortbildungen besuchen.

reitschaftsdienst muss ich schnell entscheiden, sonst kann es gefährlich werden“, sagt Martin dann während der Fahrt zum nächsten Patienten. Gleichzeitig füllt sie verschiedene Papiere zur Dokumentation aus. Vor einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus bleibt der Wagen stehen. Oben in der zweiten Etage wartet schon Frau Krüger*. Sie führt Martin ins Wohnzimmer. An dessen Tür wartet bereits Herr Krüger* gespannt auf die Ärztin. Er ist seit zwei Tagen beim Gehen unsicher, hat Schwindelanfälle. Eine kleine Tasche steht in der Ecke neben der Wohnzimmertür. „Die habe ich vorsichtshalber schon gepackt, man weiß ja nie“, sagt seine Frau leise und lächelt unsicher. Martin spricht erst einmal beruhigend mit dem Patienten, misst den Blutdruck. Ihre neurologische Untersuchung ergibt keinen Befund. Doch einen Schlaganfall kann sie nicht ausschließen. Die Ehefrau hatte also richtig vermutet: Herr Krüger muss doch noch in die Klinik. Die Ärztin ruft einen Krankenwagen und bespricht noch einige Details mit der besorgten Ehefrau. Da der Patient stabil ist, muss Martin nicht mit in die Klinik. Zeit für eine Pause hat sie dennoch nicht, denn ihre Schicht ist noch nicht zu Ende.


Karriere

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116 117

Eine Nummer für alle

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islang mussten Patienten am Wochen ende oder am Abend in der Lokalzeitung nachschlagen, welcher Arzt Bereitschaftsdienst oder welche Telefonnummer die örtliche Bereitschaftsdienstpraxis hat. Etwa 1 000 verschiedene Rufnummern gab und gibt es in Deutschland, in Berlin die 31 00 31. Seit diesem Jahr gilt jedoch eine bundesweit einheitliche, für die Anrufer kostenfreie Rufnummer: die 116 117. Auch europaweit ist sie mittlerweile für den ärztlichen Bereitschaftsdienst reserviert. Organisiert haben die einheitliche Bereitschaftsdienstnummer die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) in den einzelnen Bundesländern. Sie sind für die Organisation des ambulanten Notfalldienstes zuständig.

Patienten, die jetzt die 116 117 wählen, werden über die Vorwahlnummer automatisch dem richtigen Bereitschaftsdienstbezirk zugeordnet. Ist das nicht eindeutig möglich, beispielsweise bei Mobiltelefonen, wird der Anrufer gebeten, seine Postleitzahl anzugeben. Je nachdem, wie in den KVen der Bereitschaftsdienst organisiert ist, klingelt dann in der Leitstelle, in der Bereitschaftsdienstpraxis oder direkt beim diensthabenden Arzt das Telefon. Sie erreicht man auch über die alten Telefonnummern. Am ärztlichen Bereitschaftsdienst selbst ändert sich durch die Einführung der neuen Rufnummer nichts. Bereitschaftsdienstplanung, Diensttausch und Rufnummernverwaltung regelt weiterhin die KV. ER

So viel Zeit muss sein: Das Gespräch mit den Angehörigen – und auch das Messen des Blutdrucks – ist für Dr. Martin besonders bedeutsam, auch wenn es im Bereitschaftsdienst schnell gehen muss. Deutsches Ärtzteblatt Studierende WS 2012


Medizin

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Seit der Entdeckung des endogenen Cannabinoid-Rezeptorsystems vor etwa 20 Jahren werden Medikamente auf Cannabisbasis intensiv erforscht. In Deutschland ist ein Cannabisextrakt seit 2011 für die Behandlung der mittelschweren oder schweren therapieresistenten Spastik bei multipler Sklerose zugelassen.

DAS THERAPOITSCHE POTENZIAL VON CANNABIS UND CANNABINOIDEN

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ie Erkenntnisse zum therapeutischen Potenzial von Cannabisprodukten wurden in den vergangenen Jahren durch eine große Anzahl klinischer Studien erheblich verbessert. Bereits im Oktober 2008 erklärten daher die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft anlässlich einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags: „Der Nutzen einer Therapie mit Cannabinoiden ist für einige medizinische Indikationen durch kontrollierte Studien dargestellt worden, in denen überwiegend standardisierte und/oder synthetische Cannabinoidpräparate verwendet wurden. Der Einsatz dieser Präparate kann demnach bei Patienten, die unter einer konventionellen Deutsches Ärtzteblatt Studierende WS 2012

Behandlung keine ausreichende Linderung von Symptomen wie Spastik, Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Appetitmangel haben, sinnvoll sein.“ Im Jahr 2011 wurde nun erstmalig in Deutschland ein Medikament auf Cannabisbasis arzneimittelrechtlich zugelassen. Nachfolgend wird der aktuelle Kenntnisstand zum therapeutischen Nutzen von Cannabismedikamenten dargestellt.

Geschichte

Seit Jahrhunderten werden in vielen Kulturen Medikamente auf Cannabisbasis zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. In Europa wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts zur Behandlung von Schmerzen, Spasmen, Asthma, Schlafstörungen, Depression und

Appetitlosigkeit verwendet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren diese Medikamente nahezu vollständig an Bedeutung, auch weil es lange Zeit nicht gelang, die chemische Struktur der Inhaltsstoffe der Cannabispflanze (Cannabis sativa linnaeus) zu ermitteln. Erst 1964 konnte (-)-trans-Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC, Dronabinol), der wichtigste Inhaltsstoff von Cannabis, stereochemisch definiert werden. Dies und nachfolgend die Entdeckung eines körpereigenen Cannabinoidsystems mit spezifischen Rezeptoren und endogenen Liganden waren der Beginn intensiver Forschungen zur Funktion des Endocannabinoidsystems und der klinischen Bedeutung von Medikamenten auf Cannabisbasis.


27 Cannabinoidrezeptoren und Endocannabinoide Bis heute wurden zwei endogene Cannabinoidrezeptoren identifiziert. Im Jahre 1990 wurde der (überwiegend zentral gelegene) CB1-Rezeptor geklont, drei Jahre später der (überwiegend peripher lokalisierte und vor allem von Zellen des Immunsystems exprimierte) CB2-Rezeptor. CB1-Rezeptoren wurden mittlerweile nicht nur im ZNS, sondern auch in vielen peripheren Organen und Geweben nachgewiesen, etwa in Immunzellen, Milz, Nebennieren, sympathischen Ganglien, Pankreas, Haut, Herz, Blutgefäßen, Lunge und in Teilen des Urogenital- und des Magen-Darm-Trakts. Nur die Aktivierung des CB1-Rezeptors – nicht aber die des CB2-Rezeptors – führt zu den bekannten psychotropen Wirkungen. Im Jahre 1992 gelang der Nachweis endogener Cannabinoidrezeptoragonisten. Die beiden wichtigsten Endocannabinoide sind Anandamid (Arachidonoylethanolamid) und 2-Arachidonoylglycerol. Seit der Entdeckung dieses komplexen endogenen Cannabinoidrezeptorsystems gilt es als erwiesen, dass Cannabinoide zahlreiche physiologische Wirkungen besitzen.

Pharmakologie

Cannabis enthält neben THC, dem am stärksten psychotrop wirksamen Inhaltsstoff, eine große Zahl weiterer Cannabinoide und Pflanzenstoffe. Die meisten Wirkungen von Cannabiszubereitungen beruhen

auf der agonistischen Wirkung von THC an den verschiedenen Cannabinoidrezeptoren. Einzelne Effekte sind aber auch auf eine Wirkung an anderen Rezeptorensystemen zurückzuführen. So wird beispielsweise angenommen, dass die Verminderung von Übelkeit und Erbrechen zum Teil durch eine antagonistische Wirkung am serotonergen 5-Hydroxytryptamin (HT)3-Rezeptor hervorgerufen wird.

Therapeutisches Potenzial

Cannabiszubereitungen üben eine Vielzahl therapeutischer Wirkungen aus, darunter antispastische, analgetische, antiemetische, neuroprotektive, antiinflammatorische sowie Wirkungen bei psychiatrischen Erkrankungen. Zugelassen ist in Deutschland seit 2011 allerdings ausschließlich ein Cannabisextrakt, der THC und CBD im Verhältnis 1 : 1 enthält, für die Behandlung der mittelschweren bis schweren, therapieresistenten Spastik bei multipler Sklerose. Im Juni 2012 hat der Gemeinsame Bundesausschuss über die Nutzenbewertung des Cannabisextraktes in dieser Indikation beschlossen und einen „geringen Zusatznutzen“ festgestellt. Es wurde eine befristete Genehmigung bis zum Jahre 2015 erteilt. In Deutschland und international ist dieser Cannabisextrakt unter dem Freinamen Nabiximols als Sublingualspray arzneimittelrechtlich zugelassen. Dronabinol ist in den USA bereits seit 1985 für die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen

Medizin

aufgrund einer Zytostatikatherapie sowie seit 1992 bei Appetitlosigkeit im Rahmen einer Kachexie bei HIV/Aids zugelassen. Nabilon ist in Großbritannien ebenfalls zur Behandlung von Nebenwirkungen einer Chemotherapie bei Krebserkrankungen arzneimittelrechtlich zugelassen.

Nebenwirkungen

Cannabis und einzelne Cannabinoidrezeptoragonisten (Dronabinol, Nabilon) weisen sehr ähnliche, wenn nicht identische Nebenwirkungen auf. Von Drogenkonsumenten wird Cannabis vor allem wegen seiner psychischen Eigenschaften geraucht, die bei Dosierungen oberhalb der individuell variablen psychotropen Schwelle eintreten. Diese akute psychische Wirkung wird im Allgemeinen als angenehm und entspannend empfunden. Oft geht sie mit einer Steigerung der sensorischen Wahrnehmung einher. Das gesteigerte Wohlbefinden kann allerdings auch in eine Dysphorie umschlagen. Auch Angst und Panik können auftreten. Weitere akute psychische Wirkungen von Cannabinoiden sind eine Beeinträchtigung des Gedächtnisses, der psychomotorischen und kognitiven Leistungsfähigkeit, Störungen der Zeitwahrnehmung und Euphorie. Nach wie vor wird kontrovers diskutiert, ob starker Cannabiskonsum langfristig Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit hat. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass nur ein sehr starker Konsum – wie er zu therapeu-

Eine Off-label-Behandlung erfolgt derzeit am häufigsten bei Appetitlosigkeit, Übelkeit und neuropathischen Schmerzen. Alternativ können Patienten bei der Bundesopiumstelle eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Medizinal-Cannabisblüten im Rahmen einer ärztlich überwachten Selbsttherapie beantragen.


Medizin

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Die häufigsten Nebenwirkungen von Cannabinoiden sind Müdigkeit und Schwindel (> 1/10), psychische Effekte und Mundtrockenheit. Gegenüber diesen Nebenwirkungen entwickelt sich fast immer innerhalb kurzer Zeit eine Toleranz. Entzugssymptome stellen im therapeutischen Kontext kaum jemals ein Problem dar.

tischen Zwecken kaum je eingesetzt wird – zu irreversiblen kognitiven Einbußen führt. Hingegen gilt als gesichert, dass das Risiko bei Jugendlichen (insbesondere vor der Pubertät) deutlich erhöht ist. Daher sollte eine (Langzeit-)Behandlung mit Cannabinoiden in diesem Alter sehr sorgfältig abgewogen werden. Bei Personen mit entsprechender Vulnerabilität kann der Konsum von Cannabis eine schizophrene Psychose induzieren. Bei Jugendlichen verdoppelt sich durch den Konsum von Cannabis nach gegenwärtigem Kenntnisstand das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie. Eine Psychose gilt daher als Kontraindikation für eine Behandlung mit Cannabismedikamenten, auch wenn zwei Fallberichten zufolge THC sogar in der Behandlung der therapieresistenten Schizophrenie wirksam war. Häufige akute körperliche Wirkungen von Cannabinoiden sind Müdigkeit, Schwindel, Tachykardie, orthostatische Hypotension, Mundtrockenheit, reduzierter Tränenfluss, Muskelrelaxation und Steigerung des Appetits. Regelmäßiger Cannabiskonsum kann kleineren epidemiologischen Studien zufolge die Entwicklung einer Leberzirrhose bei bestehender Hepatitis C beschleunigen. Es wurden bisher keine akuten Todesfälle beschrieben, die eindeutig allein auf den Konsum von Cannabis oder eine Behandlung mit Cannabinoiden zurück-

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geführt werden können. Allerdings kann sich bei entsprechender Prädisposition das Herzinfarktrisiko durch die Kreislaufwirkungen von Cannabinoiden erhöhen.

Hinweise zur Verwendung in Deutschland

Eine ärztlich überwachte Therapie mit Cannabis beziehungsweise einzelnen Cannabinoiden kann in Deutschland gegenwärtig auf zwei verschiedenen Wegen erfolgen: Einerseits können mittels BetäubungsmittelRezept der Cannabiswirkstoff Dronabinol als Fertig- oder als Rezepturarzneimittel, der synthetische THC-Abkömmling Nabilon und ein Cannabisextrakt (als Fertigarzneimittel in Form eines Sublingualsprays) rezeptiert werden. Andererseits kann eine medizinische Verwendung von Cannabis in Form von Cannabiskraut erfolgen. Dies bedarf allerdings einer Ausnahmegenehmigung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nach §3 Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes. Fertigarzneimittel mit den Wirkstoffen Nabilon und Dronabinol sind in den USA und Großbritannien sowie anderen Ländern im Verkehr und können auf Grundlage des § 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz auch in Deutschland rezeptiert werden. Apotheken erhalten diese Medikamente über entsprechende Importfirmen. Die Kosten für diese Dronabinol-haltigen Fertigarzneimittel sind jedoch höher als entsprechende Rezepturarzneimittel.

Zur Anfertigung eines Dronabinol-haltigen Rezepturarzneimittels hat der Deutsche Arzneimittelkodex des Bundes Deutscher Apothekerverbände eine entsprechende Rezepturvorschrift herausgegeben. Ausgehend von einem in Deutschland von zwei Unternehmen hergestellten Wirkstoff können in der Apotheke eine ölige oder alkoholische Tropfenlösung oder Kapseln zubereitet werden. Grundsätzlich können Ärzte aller Fachrichtungen – ohne besondere Zusatzqualifikation – Dronabinol (sowohl als Fertig- als auch als Rezepturarzneimittel), Nabilon und den zugelassenen Cannabisextrakt auch außerhalb der zugelassenen Indikationen (off-label) im Rahmen eines individuellen Heilversuchs verordnen

Anschrift für die Verfasser Prof. Dr. med. Kirsten Müller-Vahl Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie Medizinische Hochschule Hannover Carl-Neuberg-Straße 1 30625 Hannover mueller-vahl.kirsten@mh-hannover.de *Nova-Institut GmbH, Chemiepark Knapsack, Hürth: Dr. med. Grotenhermen Department of Psychiatry, Social Psychiatry, and Psychotherapy, Hannover Medical School: Prof. Dr. med. Müller-Vahl


Hintergrund

Durch einen Einriss in der Intima direkt oberhalb der Aortenklappe („Entry“) wühlt sich das Blut innerhalb der Aortenwand bis zur Bifurkation und erhält hier wieder Anschluss zum Lumen („Reentry“). Innerhalb der thorakalen Aorta sieht man aber auch eine freie Ruptur mit mehreren Litern Blut in der rechten Thoraxhöhle. Auffallend sind die sehr geringen atherosklerotischen Veränderungen. Anamnestisch lagen keine wesentlichen vaskulären Risikofaktoren vor. Die Histologie der Aorta zeigt einen gestörten Wandaufbau mit zystischer Auflockerung und Einlagerung von sauren Mukopoly-

sacchariden. Bei der Patientin liegt eine idiopathische Medianekrose (Erdheim-Gsell) vor, die zu einer Aortendissektion mit Hämatothorax geführt hat. Eine Aortendissektion kann sowohl klinisch als auch im EKG einem Myokardinfarkt ähneln.

or t mten A r gesa tion de Dissekans) vor. t eine c Es lieg ysma disse (Aneur

a

AUFLÖSUNG Bei der Obduktion zeigt die Aorta folgende Veränderungen: Eine 71-jährige Frau erleidet zu Hause eine Synkope. Dem eingetroffenen Notarzt berichtet sie über sehr starke retrothorakale Schmerzen. Bei der Untersuchung ist die Patientin bradykard (50/min) und hypoton (75/40 mmHg). Das EKG zeigt T-Abflachungen über V3 bis V6 als Zeichen einer Myokardischämie. Unter dem Verdacht auf einen akuten Myokardinfarkt wird die Patientin unverzüglich in die Klinik transportiert. Noch während des Transports entwickelt die Patientin eine Asystolie, die trotz unverzüglicher Reanimation zum Tod führt.

KASUISTIK 29

Medizin


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Studium

WIE WAREN IHRE ERSTEN TAGE AN DER UNI?

EUPHORIE ODER ERNÜCHTERUNG Foto: Uniklinikum Freiburg

Prof. Dr. med. Jörg Rüdiger Siewert Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Freiburg Endlich frei und ernst genommen! Der Druck des Abiturs vorbei. Neue Freunde, neues Leben. Plötzlich machte Lernen Spaß, weil die Themen, denen man sich widmete, interessant und aufregend waren. Plötzlich erlebte ich eine Leistungsexplosion, weil alles, was ich zu tun hatte, freiwillig war, aufregend und interessant. Ich glaube, es war die schönste Zeit meines Lebens – alles Kür, keine Pflicht! Sie kam erst später als junger Arzt. Also: Reine Euphorie! Eigentlich niemals Ernüchterung.

Foto: privat

Sheila Malek Ärztin und Schauspielerin Die ersten Tage im Medizinstudium vergisst man nicht. Ich war voller Enthusiasmus und Vorfreude. Gleichzeitig war ich natürlich unsicher, was mich erwarten würde. Aber die Freude überwog, und ich war stolz, dabei sein zu dürfen. Schon über den Campus zu laufen, fühlte sich unbeschreiblich toll an. Bereits am ersten Tag bildeten sich Cliquen, und wir kauften unseren ersten Kittel. Allerdings fühlte sich der am Anfang wie ein Kostüm an.

Foto: privat

Stephan Irannejad Medizinstudent Nach der stressigen Abiturzeit und ewigem Warten auf den Bescheid der ZVS kam ich mit enormer Vorfreude an die Medizinische Hochschule Hannover. Der erste Eindruck war ernüchternd. Dem großen grauen Betonklotz konnte ich nicht viel abgewinnen. Das änderte sich schnell, als ich das erste Mal im Hörsaal saß: Mich faszinierte die „richtige“ Medizin. Ich war richtig überwältigt, wie viel ich nach zwei Wochen integrativer Lehre wusste.

Foto:DGMS

Prof. Dr. med. Elisabeth Märker-Hermann Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin Der Beginn meines Medizinstudiums 1976 ist mir nach all den Jahren tatsächlich als euphorisierend, spannend und herausfordernd in Erinnerung geblieben – aber nicht wegen des medizinischen Inhalts. Motivierend waren für mich die neuen Kommilitonen und die Universität selbst, gerne hätte ich schon im ersten Semester besser verstanden, was Medizin und Arztsein bedeuten.

Foto:BLÄK

Dr. med. Max Kaplan Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, Vizepräsident der Bundesärztekammer

Die Euphorie hat überwogen. Ich war wissbegierig und konnte es kaum erwarten, dass die Vorlesungen beginnen. Plötzlich war ich auf mich selbst gestellt und musste mich in einer fremden Umgebung um die Organisation des Studiums kümmern. Ernüchternd war zunächst der fehlende Gesamtüberblick, das hat sich aber dank der Tipps der Kommilitonen schnell gelegt.

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Studium

START INS STUDIUM FINDEN SIE DEN ERSTI Nur die Schultüte fehlt. Ansonsten kommt der Start ins Medizinstudium einer Einschulung gleich. Beim Anblick eines Erstis wird so manchem warm ums Herz. Doch wie erkennt man ihn? – eine Anleitung.

M

edi-Erstis sind trotz körperlicher und mentaler Reife und dem Gefühl des Erwachsenseins und jahrelanger Lebenserfahrung an ihrem ersten Studientag genauso aufgeregt wie Erstklässler auf dem Weg zur Schule: Werde ich Freunde finden? Wie werden die neuen Fächer und Professoren sein? Werde ich gleich im ersten Seminar beim Anblick eines Leichenteils umkippen? Werde ich die Lernerei packen? Und ist die Medizin überhaupt was für mich? (Dazu auch unser Psychotest in diesem Heft). All diese Fragen führen zu einer Daueraktivierung des sympathischen Nervensystems. Langjährige Medis sind da zu Beginn des neuen Semesters wesentlich abgeklärter. Alle Fragen sind längst zur Zufriedenheit beantwortet. Dennoch – und vielleicht gerade deshalb – ist es toll, neue Erstis zu beobachten und in Erinnerungen an diese aufregende Zeit zu schwelgen. Doch woran erkennt man die neuen Erstis? Schultüten und überproportional große und besonders grellbunte Ranzen haben sie nicht, und auch Alter und anthropometrische Daten, wie Körpergröße und Gewicht, sind keine zuverlässigen Indizien. Es gibt jedoch eine Reihe von Merkmalen, anhand derer sich ein Medi-Ersti zweifelsfrei identifizieren lässt:

Auf dem Campus

Bereits hier ist es möglich, zur „Primavista-Diagnose“ zu gelangen. Man richte lediglich sein Augenmerk auf mitgeschleppte Bücher und Arbeitsmaterial: Es sind zahlreiche Exemplare, denn Erstis haben eine große Affinität zu Büchern. Für jedes Fach besorgen sie sich Bücher, und das meist von mehreren Verlagen beziehungsweise Autoren. Häufig sind diese auch noch neu. Dieses Phänomen resultiert einerseits aus der erstispezifischen Sorge, etwas zu verpassen, und andererseits ihrer Unwissenheit, welches Buch relevant ist und wo es sich günstig gebraucht besorgen lässt. Ferner lieben es Erstis, ihr Anatomiematerial öffentlich sichtbar herumzutragen. Das Benutzen von Totenschädeln als Jacken-Zipper ist besonders in der Zeit um das Kopf-Testat herum beliebt. Ganz einfach fällt die „Diagnose“ eines Erstis, wenn man zwischen den vielen Blättern und Büchern noch den Hefter vom Bio-Leistungskurs entdeck

Vor dem Hörsaal

staubtrocken und in jedem Skript in wenigen Minuten nachlesbar ist oder ob sie erst am späten Freitagnachmittag beginnt: Getrieben von hoher Motivation und panischer Angst vor dem Versagen, füllen Erstis den Saal bis zum letzten Sitz und ihre Schreibblöcke bis zur letzten Zeile.

In der Mensa

Auch hier heben sich die Medi-Erstis deutlich von ihren Kommilitonen der höheren Jahrgänge ab: Nach dem vor- angegangenen Präp-Kurs ist ihre Haut wesentlich blasser und ihr Appetit merklich geringer. Hähnchenschenkel werden von ihnen nur mit der allergrößten Vorsicht und unter Wahrung der anatomischen Strukturen zerlegt. Einen Hinweis auf die Erstis geben auch ihre Gespräche. Sie drehen sich hauptsächlich um Abiball, Schule und die neuen Bücher. Denn Stoff für Unterhaltungen über OPs und Exsudate in allerlei Färbungen werden sie erst in einigen Wochen haben. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Oft genügt ein Blick in den Hörsaal, um festzustellen, ob er mit Medi-Erstis besetzt ist. Denn ihnen fehlt noch das Selektionsvermögen. Ganz gleich, ob die Vorlesung

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