8 mai

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8. Mai - Tag der Befreiung Grund zum Feiern Grund zum Widerspruch Am 8. Mai jährt sich die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und damit die Befreiung vom Nationalsozialismus zum 70. Mal. Der Triumph über Deutschland bedeutete das Ende von systematischer Vernichtung, Massenmord, Verfolgung, Zweitem Weltkrieg und der Shoa. Dank gilt allen Kräften, die dem nationalsozialistischen System zur endgültigen Niederlage verholfen haben und den 8. Mai zu einem Tag der Befreiung gemacht haben. In Deutschland spielt der 8. Mai eine geringe Rolle, doch wir sagen: Lasst uns den 8. Mai feiern! Tag der Befreiung

Der 8. Mai 1 945 markiert das Ende des nationalsozialistischen Deutschlands und somit der systematischen Verfolgung und Vernichtungen von Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti, sowie von behinderten Menschen, Homosexuellen und politisch Widerständigen. Das Grauen von u.a. Shoah und Porajmos* wurde durch die militärischen Kräfte der Alliierten erst mit dem gänzlichen Sieg über Deutschland beendet. Es ist somit ein Datum, das auch immer durch das Erinnern an das Vorhergehende mitbestimmt ist. Der Umschlag der zivilisatorischen Gesellschaft in ihre negativste Form, der von der Mehrheit der

deutschen Bevölkerung befürwortete und getragene Naziterror, geht diesem Datum voraus. Es gilt klar zu benennen, entgegen der These von den „1 2 dunklen Jahren in der sonst so glorreichen Geschichte Deutschlands“, dass die Naziherrschaft aus einer gesellschaftlichen Entwicklung entsprang. Dem NS gehen eine gesellschaftliche Zuspitzung deutscher Autoritätsund Machtvorstellungen, antimoderner Haltungen, sowie eine weitere Zurichtung zu einer gewalttragenden Gesellschaft voraus. Der Gedanke der Volksgemeinschaft war schließlich das Resultat, welches sich vom Kaiserreich über die Weimarer Republik zusammen mit dem sich manifestierenden modernen Antisemitismus innerhalb der Gesellschaft, entwickelte. Die Volksgemeinschaft war die Verwirklichung des Wunsches der antimodernen und autoritären Charaktere nach Auflösung aller Widersprüche im autoritären Kollektiv. Die Nicht-zugehörigen, vor allem Juden und Jüdinnen waren der imaginierte Feind des deutschen Wahns. Genauso wie der nationalsozialistische und antisemitische Wahn sich nicht erst 1 933 Bahn brachen, muss auch klar genannt werden, dass mit dem 8. Mai 1 945 der Geist der Barbarei nicht gebrochen wurde.

* Shoah ist die hebräische Bezeichnung für die systematische Vernichtung von Jüdinnen und Juden während dem Nationalsozialismus. Porajmos kommt aus dem Romanes und bezeichnet den Völkermord an Roma und Sinti und anderen als "Zigeuner" diffamierten Personen.


Von der Befreiung und deren Grenzen

War mit dem Triumph über Deutschland 1 945 der nationalsozialistische Staat endlich am Ende, wurden die menschenverachtende Ideologie sowie die gesellschaftlichen Voraussetzungen dessen nicht aufgehoben. Der Nationalismus, sowie der Gedanke von einem Volk und dessen Nation haben sich gehalten und drohen des Öfteren auf aggressive Weise durchzuschlagen. Es zeigen sich immer wieder völkische, rassistische und antisemtische Tendenzen, die in den letzten Jahren auch immer mehr im öffentlichen Geschehen wahrnehmbar sind. Die völkische Ideologie ist nicht überwunden. Auf der einen Seite sieht man erstarkende rassistische Bürgerinitiativen die zusammen mit strammen Neonazis gegen Geflüchtete mobil machen und wieder auf ein deutsches Kollektiv pochen. Auf der anderen Seite der völkischen Abgrenzung stehen bspw. Friedensinitiativen, welche in verschwörungstheoretischer Manier wiederum Trennungen zwischen den Oberen, den „Reichen und Mächtigen“ und den Unteren, dem „einfachem Volk“ vornehmen und kontinuierlich das strukturell antisemitische Ressentiment erfüllen. Bzgl. des Antisemitismus ist es erschreckend zu beobachten wie sich dieser durch alle gesellschaftlichen Schichten und Sphären zieht. Dieser findet sich in Stereotypen im Alltag und auch in vermeintlich kapitalismuskritischen linken wie rechten Bewegungen wieder, in welchen in gänzlich vereinfachter Form eine personifizierte Unterdrückerschicht, zur Quelle des Schlechten und der Ausbeutung aller anderen gemacht werden. Die transformierte Form des Ressentiments nach dem NS zeigt, dass der Antisemitismus nicht besiegt wurde, sondern, dass dieser nach der Tabuisierung dessen, vor allem als „Israelkritik“ in neuer Form in Erscheinung tritt. Im Bezug auf Deutschland lässt sich hier nicht nur auf die ideologischen Kontinuitäten, sondern auch auf personelle und gesetzliche Kontinuitäten bis lange in die Nachkriegsgesellschaft hinein verweisen. Viele der früheren NS-Verbrecher_innen wurden nicht belangt und konnten ungehindert in der BRD

ihre Karriere, oftmals in hohen staatlichen Positionen, Parteien, Justizapparaten, uvm. fortsetzen. So wurde bspw. der Verfassungsschutz von früheren GestapoMitgliedern mit aufgebaut. Dieser unterstützte konsequent die antikommunistische Linie der Politik ab den 1 950ern, während neonazistischem Treiben erwartungsgemäß keine Beachtung geschenkt wurde. Die Verbindung zwischen Verfassungsschutz und neonazistischen Bewegungen und Nazi-Terror, wie v.a. zum NSU, zeugt von der Kontinuität des pronazistischen Treibens des Verfassungsschutzes. Auch polizeiliche Sonderreglungen und bestimmte Gesetzgebungen, die eigentlich nach Anordnung der Alliierten aufgehoben hätten werden müssen, bestanden noch lange unter anderen Namen in der BRD fort. So etwa die staatliche Diskriminierung von Sinti und Roma die sich bis teils in die Gegenwart zieht. Wurden diese zum einen bis in die 1 960er gar nicht als Opfergruppe der rassenideologischen Verfolgung anerkannt, sahen sie sich zusätzlich mit weiterer Repression durch rassistische Polizeileitlinien und Erfassungen konfrontiert. Extra in der Weimarer Republik eingerichtete und im NS ausgebaute polizeiliche Institutionen wie etwa die „Zigeunerleitstelle“ blieben in der BRD unter dem Namen „Landfahrerzentrale“ erhalten und es wurden weiterhin bundesweite „Zigeunerkarteien“ angelegt. Daher bezeichnen viele betroffene Sinti und Roma die Zeit nach dem Nationalsozialismus als ‚zweite Verfolgung‘. All das spricht gegen die Annahme, mit dem Ende des Nationalsozialismus hätten auch Antisemitismus, Antiziganismus und andere Ressentiments gänzlich ihr Ende gefunden. Die Gegenüberstellung von Diktatur zu vorheriger „glorreicher deutschen Geschichte“ und nachfolgender, jetziger aufgeklärter Demokratie erweist sich als problematische Relativierung der Geschichte. Dennoch steht fest, dass der Nationalsozialismus in seinem Grauen eine Einzigartigkeit besitzt, dessen Ende ein Grund zum Feiern bedeutet. Mit dem Verweis auf Kontinuitäten und gesellschaftliche Entwicklungen vor und nach dem NS soll


aufgezeigt werden, dass das Deutschland der 30er und 40er Jahre eben nicht aus dem Nichts entstand und genauso wenig in dasselbe wieder verschwand. Um die nationalsozialistische Barbarei in der Vergangenheit begreifen zu können und in der Gegenwart bekämpfen zu können, braucht es dieses Verständnis. Deutsches Gedenken

In der Relativierung der deutschen Geschichte, der Zuweisung der Schuld auf wenige Einzeltäter und letztlich im Verweis darauf, dass das alles ja nun schon lange her sei, verbirgt sich auch die Sehnsucht nach einem positiven Bezug zur Deutschen Nation. Diese sei schließlich eine Nation wie jede andere und aus den "Fehlern der Vergangenheit" hat man zu Genüge gelernt. Besonders perfide zeigt sich diese Haltung, wenn Deutschland aus seiner vermeintlich tadellosen Gedenkkultur (und damit letztlich auch aus dem Gegenstand dieses Gedenkens) auch noch politisches Kapital schlagen möchte und sich als vorbildlich geläuterte Nation und "Erinnerungsweltmeister" präsentieren möchte. Eine ‚entspannte Beziehung‘ zur Nation kann und darf in Deutschland nach dem Holocaust nicht existieren. Er steht für eine Vergangenheit, die unter anderem deshalb bis heute nicht bewältigt wurde, weil sie nicht bewältigt werden kann. Von Vergangenheitsbewältigung zu sprechen, zeugt von nichts anderem als dem Wunsch, sich der Vergangenheit zu entledigen. Die Art und Weise wie Deutschland sich mit Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzt lässt also berechtigte Zweifel an der Ernsthaftigkeit seines Anliegens zu. Erinnern muss immer auch Handeln bedeuten. Handeln im Sinne eines aktiven Gedenkens, das dafür sorge trägt, dass "Auschwitz nie wieder sei" und sich unversöhnlich mit der deutschen Nation zeigt. Vor allem Handeln entgegen einer revisionistischen Gedenkkultur, die sich für kaum eine Aufweichung des Täter-Opfer-Verhältnisses zu schade ist und der keine Trivialisierung zu zynisch erscheint, wenn sie sich an ihrer Schuld abarbeitet. Auch in Mittelfranken scheint die Besorgnis und

Entrüstung über zerstörte Stadtbilder den entmenschlichenden Terror des NS doch deutlich zu übertönen. Während in Nürnberg, die Geburtsstadt der Rassengesetze und Schauplatz der Reichsparteitage, erst kürzlich von NSDAP-Mitglied Oscar Schneider - das "historische Gewissen" der Stadt Nürnberg - die Zerstörung der Altstadt durch die Bombardements der Alliierten als Nürnbergs „schwerste Stunde“ und als Teil eines „Vernichtungskriegs“ bezeichnet wird, freut man sich in Erlangen, dass die Architektur verschont blieb und benennt einen Platz nach dem „heldenhaften“ Oberstleutnant Werner Lorleberg, welcher auf Grund der herannahenden Alliierten Streitkräfte im letzten Moment kapitulierte, um Erlangen zu „retten“. Aber auch andernorts betrauert man den „Bombenholocaust“, freut sich über General Stauffenberg und halluziniert sich allerlei Hoffnungsschimmer herbei, doch nicht an allem schuld zu sein, oder zumindest „den anderen“ auch ein paar Gräueltaten nachweisen zu können. So etwa im wiedererstarkenden europäischen Antisemitismus, in dem vor allem die Kritik an Israel eine bedeutende Rolle spielt. Der israelische Staat wird durch eine einseitige Darstellung immer wieder Versuchen der Delegitimierung ausgesetzt und immer wieder mit antisemitischen Stereotypen diffamiert. Wie wenig dies mit einer Kritik eines Realstaates, sondern schlicht mit judenfeindlichem Ressentiment zu tun hat, zeigt sich schon in der überdurchschnittlichen Befassung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und der konsequenten Schuldzuweisung auf den israelischen Staat. Leon Poliakov bezeichnete Israel sehr treffend als "den Juden unter den Staaten" und verwies damit auf die wahren Beweggründe hinter dem Israelhass. Diese Muster zeigten sich auch bei den letztjährigen Antikriegs-Protesten, in denen die Gleichsetzung Israels mit „den Juden“ allgegenwärtig war. Immer wieder ist auch davon zu lesen, dass "die Juden" die Palästinenser heute schlimmer behandeln würden, als es die Nazis während des Holocaust getan hätten. In einer solchen Argumentation stecken viele Denkmuster des modernen Antisemitismus, vor allem aber der


Gedanke, dass "die Juden" schon etwas getanhaben müssen, das den antisemitischen Terror gegen sie rechtfertigen kann. Die antisemitischen Ressentiments drücken sich aber beispielsweise auch in der Überzeugung der Deutschen aus, dass die Juden den Holocaust heute zu ihrem Vorteil nutzen würden. Doch nicht nur in dieser Hinsicht wird in Deutschland immer wieder kreative Projektionsarbeit geleistet. Auch "der Ami" ist sowohl bei rechten als auch vermeintlich linken Kapitalismuskritiker_innen beliebt, wenn es darum geht die Wurzel allen Übels die der "entfesselte Kapitalismus" hervorbringt zu benennen. Sogenannte "Reichsbürger_innen", Verschwörungstheoretiker_innen, werden zudem nicht müde zu betonen, dass Deutschland noch immer von den USA "besetzt" ist. Man ist sich also nicht nur der eigenen Opferrolle und seiner ehrenhaften Kriegshelden sicher, auch die deutschen Feindbilder sind vielerorts intakt. In einer solchen politischen Landschaft ist eine kritische Opposition zum vorherrschenden Erinnerungsdiskurs absolut notwendig. Wenn von staatlicher Seite bei der

Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus, diese stets auch durch eine vereinfachte Darstellung relativiert werden und sich die Bevölkerung mehrheitlich einen Schlussstrich unter das "dunkelste Kapitel" der sonst ruhmreichen deutschen Geschichte wünscht, ist es kein Wunder, dass der Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands nicht als offizieller Gedenk- oder Feiertag begangen wird. Dem zum Trotz, oder gerade deswegen muss der 8.Mai in einer emanzipatorischen Perspektive weiterhin als „Tag der Befreiung“ begriffen werden. Nicht als Tag der Befreiung Deutschlands vom NSRegime, sondern als Tag der Befreiung der Welt vom NS-Deutschland!

Rave - Tag der Befreiung - 8.Mai Freitag, 8. Mai, 1 6 Uhr Hugenottenplatz

Wer nicht feiert, hat verloren! Thank you! спасибо! Merci!

Bündnis "70 Jahre Tag der Befreiung Erlangen" (Gruppo Diffuso, Erlanger Gruppe Antifaschistischer Linker, Rave Guerilla, Antithese)