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GLÜCKLICHES ARABIEN ? Mythos und Realität im Reich der Königin von Saba 18. Januar – 2. Juli 2017

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GLÜCKLICHES ARABIEN ? Mythos und Realität im Reich der Königin von Saba 18. Januar – 2. Juli 2017

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Foto: © H. Fiebig.


Inhaltsverzeichnis Vorwort 7 Die Königin von Saba – Facts vs. Fiction

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Altsüdarabien im Fokus der antiken Autoren: Die Erfindung der Arabia Felix

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Entdeckungs- und Forschungsgeschichte

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Schriften und Sprachen im alten Südarabien

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Die Bewässerungslandwirtschaft: Die Lebensgrundlage Südarabiens

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Die Grundlage des altsüdarabischen Reichtums: Der Handel mit Duftstoffen

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Die Königreiche Südarabiens: Ein historischer Überblick

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Städte und Dörfer in Altsüdarabien

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Die Religion Altsüdarabiens

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Tod und Totenkult

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Zeittafel

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Weiterführende Literatur

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Vorwort Im holografischen Weltbild des österreichisch-amerikanischen Physikers Fritjof Capra kann man nicht in den Kategorien von Ursache und Wirkung denken, wenn man Geschehnisse begreifen will, die nicht an Raum und Zeit gebunden sind. Die Realität verliert an Schärfe, das Verschwommene wird zur genaueren Darstellung. Eine neue Wirklichkeit entfaltet sich in ungeahnten Möglichkeiten, die nur durch religiöse Erfahrung wahrgenommen werden können. Auch die Königin von Saba – ähnlich wie ihr Ursprungsland – hat nicht nur mit einer Realität zu tun. In den alten Schriften ist sie die Königin eines reichen südarabischen Landes, sie trifft sich mit König Salomo in Jerusalem und überbringt ihm 120 Talente Gold, eine Unmenge Gewürz sowie Edelsteine. Was wie ein politisches Gipfeltreffen auf höchster Ebene aussieht, ist nur die eine Realität. In Wahrheit sei die Königin gekommen, weil sie von der Weisheit Salomos und von seinem Gott gehört hatte. Sie wolle ihn „mit Rätseln erproben (…) Und Salomo erklärte ihr alles: es war dem König nichts verborgen“. Die Episode hat mehr mit transzendenter Mystik als mit Geschichte zu tun. Historisch kann man so gut wie nichts beweisen: Die Chronologien stimmen mit der Erzählung nicht überein, ein „Königtum von Saba“ ist erst 300 Jahre nach der biblischen Überlieferung gesichert und seine Herrscher waren ausnahmslos Männer. Auch über die Existenz eines Königs namens Salomo gibt es keine archäologischen Hinweise. Ähnlich wie im Krieg von Troja, bei der Gründung Roms oder bei der Entdeckung der letzten Thule, werden wir nie genau wissen, was diese Überlieferungen reflektieren und was tatsächlich geschehen ist. Das ist ja auch nicht der Sinn dieser idealen Parallelwelten, die lediglich unsere Phantasie beflügeln sollen. Dort wo die Realität zum Mythos steigt, entfaltet sich Neues und Kräftiges, die Menschen sind Helden und Könige, die Welt wird zum Paradies, das Haus ist ein Palast und die Möglichkeiten – physisch wie geistig – sind unbegrenzt. In dieser Ausstellung interessiert uns die Metaebene zwischen Realität und Mythos. Was ist materiell überliefert? Was erzählen die Bibel, der Koran oder die klassischen Quellen dazu? Welche sind die Realitäten und wie weit reichen die Mythen? „Eudaimon Arabia“ der Griechen oder „Arabia Felix“ der Römer – ist eine antike Bezeichnung, die prosperierend meint und glücklich impliziert. 7


Der effektive Reichtum Arabiens dank den Aromata beflügelte im Westen wie im Osten die Vorstellung eines reichen und märchenhaften Landes jenseits der Realität. Aromata brennen auch in allen Ritualen und haben in der Kommunikation mit den Göttern eine zentrale Bedeutung. Wer Aromata besass, hatte Zugang zu anderen Erfahrungen und durfte sich glücklich nennen. In Zeiten gezielter Zerstörung von Weltkulturerbe bleibt auch das antike Südarabien, d.h. das Gebiet des heutigen Jemens, nicht verschont. Ein Stellvertreterkrieg mit unklaren Zielen und Kriegsparteien zerstört den Mythos des einst glücklichen Landes sowie die heutigen Realitäten vor Ort. Die Ausstellung konnte dementsprechend nicht in Partnerschaft mit jemenitischen Museen oder Fachkolleginnen und -kollegen realisiert werden. Sie möge aber zumindest dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit über die Tragödie im Jemen sowie über die kulturelle Hinterlassenschaft dieses Landes sensibilisiert wird. Wo diskutiert wird, gibt es auch Widerstand. Als Leihgeber danke ich sehr herzlich unserem Key-Partner, dem British Museum in London, sowie dem Ashmolean Museum in Oxford, dem Louvre in Paris, dem Museo Nazionale d‘Arte Orientale in Rom, dem Kunsthistorischen Museum in Wien sowie dem Royal Collection Trust in London. Besonders dankbar bin ich für die Leihgaben aus benachbarten und befreundeten Basler Museen, dem Kunstmuseum Basel und dem Museum der Kulturen. Die Ausstellung wurde von namhaften Sponsoren und Stiftungen finanziert: Die Novartis International AG, die Freiwillige Akademische Gesellschaft, die Gesellschaft der Freunde eines Schweizerischen Orient-Museums, die Stavros Niarchos Foundation in Monaco sowie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und die Donatoren des Antikenmuseums. Ich bin diesen Geldgebern für ihre finanzielle Unterstützung aber auch für ihr gesellschaftliches Engagement zutiefst verbunden und sehr dankbar. Die Ausstellung ist aufgrund einer Idee von Laurent Gorgerat, dem Kurator der Abteilung „Orient, Zypern und frühes Griechenland“, entstanden. Er hat sie federführend zusammen mit Oskar Kaelin, Christoph Schneider und Ueli Brunner konzeptuell umgesetzt, und dafür danke ich ihm sehr. Für die Inszenierung danke ich dem Atelier für visuelle Gestaltung Anex-Roth in Basel. Nie ist eine Ausstellung das Ergebnis eines Einzelnen, sondern des gesamten Teams. Dementsprechend danke ich an dieser Stelle allen Mitarbeitenden des Antikenmuseums für diese erneut sehr engagierte Arbeit ganz herzlich! Dr. Andrea Bignasca Direktor

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Das Treffen zwischen der Königin von Saba und König Salomo ist eine wichtige Episode in den Überlieferungen verschiedener Regionen und Religionen. Im Alten Testament unterstreicht ihr Besuch das Goldene Zeitalter Israels unter Salomo. Im Neuen Testament wird sie auch als „Königin des Südens“ bezeichnet. Sie steht für Wissen und Weisheit, weshalb sie im Mittelalter und in der europäischen Neuzeit auch in der Alchemie eine beliebte Figur ist. Im Koran repräsentiert sie die Unterwerfung vorislamischer Religionen und matriarchaler Herrschaft unter den Islam. In Äthiopien gilt sie als Begründerin einer Herrscherdynastie, die bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatte. In der modernen Naturkunde wurde die im Jemen entdeckte Gazellenart Gazella bilkis nach ihr benannt. Je nach ideologischer Agenda symbolisiert sie Weisheit, Tugend, Dämonie, Emanzipation, ist sie Femme fatale, Vamp oder Power-Frau. Diese vielfältigen Deutungen entstanden, weil die Informationen zur Königin von Saba in Bibel und Koran eher knapp sind. Zudem gibt es ausserhalb dieser Texte bisher keinerlei archäologische oder historische Informationen, die ihre Existenz als reale historische Person erhärten würden.

Die Königin von Saba – Facts vs. Fiction Oskar Kaelin

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Awam-Tempel des Almaqah bei Ma’rib. In der Volksüberlieferung als Thron der Bilqis bezeichnet. Foto: © U. Brunner.

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Die These – Die Königin von Saba im Alten Testament Im Alten Testament (1. Könige 10,1–13 bzw. 2. Chronik 9,1–12) ist der Besuch der Königin von Saba Teil der Inszenierung des Königs Salomo als idealer Herrscher. Dazu gehören in der altorientalischen Welt der Bau und die Instandhaltung von Tempeln und Palästen, ausserdem die Rechtsprechung, Weisheit und internationale Beziehungen, über die Güter für Land und Götter beschafft werden. Salomo pflegte Handelsbeziehungen mit Hiram, dem König von Tyros, und damit mit dem phönizischen Netzwerk, das den gesamten Mittelmeerraum erschloss, und mit der Königin von Saba. Seine Kontakte reichten also weit in den Westen und den Süden der bekannten Welt. Gemäss dem Alten Testament kam die Königin von Saba zu Salomo nach Jerusalem, weil sie von seiner Weisheit und seinem Gott vernommen hatte. Sie wollte „ihn mit Rätseln erproben” und brachte mit Kamelen grossen Reichtum, Spezereien, Gold und Edelsteinen. Sie sagte Salomo „alles, was sie auf dem Herzen hatte. Und Salomo erklärte ihr alles; es war dem König nichts verborgen, dass er es ihr nicht erklärt hätte.“ Die Königin sieht die Weisheit Salomos, den von ihm gebauten üppigen Palast, seine Speisen, die Wohnung seiner Knechte, das Auftreten seiner Dienerschaft, Geschirr und die Brandopfer im Hause des Herrn. Sie gerät in Erstaunen, denn Salomos Weisheit und sein Gut übertreffen alles, was sie darüber bereits in ihrem Lande gehört hatte. Sie preist ihn und den Herrn, der ihn auf den Thron gesetzt hat. Danach geht es wieder ums Geschäft: sie gibt dem König 120 Talente Gold, sehr viel Gewürz und Edelsteine, in einer einmaligen Menge, denn „nie wieder kam so viel Gewürz, wie die Königin von Saba dem König Salomo gab”. Zudem bringen die Schiffe Hirams aus Ophir Gold, Sandelholz und Edelsteine, die Salomo für den Tempel des Herrn und den eigenen Palast verwendet, sowie für Harfen und Psalter für die Sänger. Nachdem die Königin von Saba alle gewünschten (nicht näher spezifizierten) Gegenleistungen und dazu noch Geschenke bekommen hat, kehrt sie mit ihrem Gefolge wieder heim.

Kamele als Transporttiere sind erst ab dem 9. Jh.v.Chr. bekannt. Ein Königtum in Saba ist erst ab dem 7. Jh.v.Chr. gesichert und durchwegs mit männlichen Herrschern. Doch die Königin von Saba ist nicht die einzige Figur der Erzählung, die sich nicht mit historischen Fakten untermauern lässt. Weder in Israel, der archäologisch am intensivsten erforschten Region des Alten Orients, noch im übrigen Nahen Osten ist bisher irgendein Indiz für die Existenz Salomos gefunden worden. Die Erzählungen um ihn sowie um seine Vorgänger David und Saul sind Gründungsmythen. Sie beschreiben ein ideales, aber fiktives Goldenes Zeitalter, in dem Jerusalem von einem gottesfürchtigen, weisen, gerechten, weltläufigen Herrscher regiert wurde, der einen üppigen Palast und einen reichen Tempel pflegte. Die Grossartigkeit des idealen Königs Salomo wurde durch eine ebenfalls konstruierte Herrscherin aus dem tatsächlich reichen Saba bestätigt. Salomo und die Königin von Saba. Kopie nach H. Holbein d. J. (1497 – 1543). Radierung (1642). Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Inv. 1823.2824. Foto: © Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler.

Die Passage beschreibt ein ideales, internationales Gipfeltreffen zwischen zwei hochrangigen altorientalischen Herrscherpersönlichkeiten, das nach biblischer Chronologie im 10. Jh.v.Chr. stattgefunden haben soll. Doch gibt es ausserhalb der Bibel keinerlei Bestätigung dafür. Die älteste Passage zur Königin von Saba im Alten Testament (1. Könige) entstand frühestens in der Zeit des assyrischen, am ehesten des achämenidischen Reiches (ab dem 9. bzw. 6. Jh.v.Chr.), also mindestens drei Jahrhunderte nach der angenommenen Lebzeit Salomos. 12

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Die Antithese – Assyrische Texte, nordarabische Königinnen und männliche Könige von Saba Die Existenz der biblischen Königin von Saba kann durch keine Fakten belegt werden. Hingegen ist das Reich Saba dank altsüdarabischer und assyrischer Quellen eine bekannte Grösse. Altsüdarabische Texte dokumentieren den Aufstieg Sabas zur zentralen Macht im Jemen, besonders der Tatenbericht des Karib’il Watar (7. Jh.v.Chr.). Die Texte des assyrischen Reiches (9.– 7. Jh.v.Chr.) belegen, wie Saba von einem altsüdarabischen Stamm zu einem Königreich und internationalen Akteur wurde. Mehrere assyrische Herrscher hatten es mit arabischen und sabäischen Kontrahenten zu tun. Und unter den nordarabischen Gegnern waren mehrere Königinnen. Salmanasser III. traf in der Schlacht bei Qarqar in Syrien (853 v.Chr.) auf eine feindliche Koalition, die durch den Araber Gindibu mit 1'000 Kamelen unterstützt wurde. Die bisher älteste schriftliche Erwähnung von Saba liefert Ninurta-kudurri-usur, Statthalter des Landes Suhu und Mari im syrischen Euphrat-Gebiet (8. Jh.v.Chr.). Er überfiel eine Karawane aus Saba und Tema und machte Beute. König Tiglatpileser III. (745 – 726 v.Chr.) traf in mehreren Feldzügen auf Zabibe und Samsi, Königinnen der (nördlichen) Araber. Samsi wurde besiegt und die Assyrer erbeuteten „9’400 (ihrer Leute), 1’000 Menschen, 30’000 Kamele, 20’000 Rinder ... 5’000 (Beutel) an allerlei Gewürzen, ... die Throne ihrer Götter, Waffen und Standarten ihrer Göttin“. Samsi selbst floh „wie eine Wildeselin in die Wüste“. Der Rest ihres Besitzes und ihre Zelte wurden in Brand gesetzt. Schliesslich unterwarf sich Samsi und brachte als Abgabe Kamele nach Assyrien. Ein Inspektor und 10’000 Soldaten wurden zur Kontrolle über sie eingesetzt. Assyriens Sieg machte andere weiter entfernte Stämme, darunter Saba, abgabewillig: „Masa, Tema, Saba, Hayappa, Badanu, Hatte, Idiba’ilu, ... die an Grenze der Länder der untergehenden Sonne leben, und von denen (keiner meiner Vorfahren) wusste und deren Ort weit weg ist, hörten vom Ruhm meiner Majestät … Gold, Silber, Kamele, weibliche Kamele, allerlei Gewürze, ihren Tribut brachten sie ’wie ein Mann’ vor mich und sie küssten meine Füsse.“ Sargon II. traf erneut auf arabische Gegner, tötete und deportierte viele. In seiner Zeit waren die arabische Königin Samsi und ein Itamra von Saba (wohl Yita’’amar Watar aus den altsüdarabischen Texten) wichtig genug, um im selben Satz und auf gleicher Ebene mit dem ägyptischen Pharao erwähnt zu werden; sie alle brachten Sargon „Abgaben“. Auffällig ist allerdings, dass Itamra von Saba nicht als König betitelt wurde. Unter Sanherib (705 – 680 v.Chr.) kontrollierte Assyrien Adummatu (das Zentrum der Stämme in 14

Nordwest-Saudi-Arabien), das Euphratgebiet und Babylonien – für den Handel Südarabiens wichtige Durchgangs- und Partnerländer. Ihm sandte ein Karibilu (wahrscheinlich identisch mit dem südarabischen Karib’il Watar) edle Steine und Aromata als diplomatische Geschenke. In Assyrien wurden Schmuckperlen gefunden, von denen mehrere als Geschenk des Karib’il angeschrieben sind. Unter Assurbanipal (669 – 627 v.Chr.) erreichten die Konflikte zwischen den nordarabischen Stämmen und Assyrien den letzten Höhepunkt. Berichte in den Annalen und Darstellungen aus seinem Palast in Ninive zeugen von heftigen Kämpfen und der erneuten Niederlage der Stämme. Die Beute bewirkte Preisstürze in Assyrien, wo ein „Gärtner für einen Bund Unkraut Kamele und Menschen“ bekam. Die intensive Auseinandersetzung mit den arabischen Stämmen schlägt sich auch in den assyrischen Alltagsurkunden nieder, die ab dem 8. Jh.v.Chr. vermehrt arabische Personennamen aufweisen.

Die Entstehung des altsüdarabischen Königtums Dank der assyrischen Quellen lässt sich die Entstehung des Königtums in Saba beobachten. Es war eine Folge des politischen, wirtschaftlichen, aber auch repräsentativen Drucks, den das assyrische Reich durch seine militärische Macht und einen hohen Konsum an Alltags- und Luxusgütern auf die betroffenen Gebiete ausübte. Unter Tiglatpileser III. hörten die Assyrer erstmals von Saba und anderen Stämmen, “die an der Grenze der Länder der untergehenden Sonne leben”; hier ist Saba noch ein Stamm unter anderen. Sargon II. berichtete, dass die „Araber der Stämme Tamudi, Ibädidi, Marsimani und Hajapa Wüstenbewohner sind, die weder Aufseher noch Leiter kennen und die niemals irgendeinem König Tribut gebracht hatten“. Der Sabäer It’amra wird hingegen mit dem Pharao von Ägypten und Samsi, der Königin (Nord-)Arabiens, im selben Satz genannt. Er war herausragend genug, um mit ihnen zusammen genannt, aber noch nicht etabliert genug, um explizit als König bezeichnet zu werden. Unter Sanherib wird schliesslich Karib’il eindeutig als König von Saba betitelt. Die historischen Quellen belegen die Entstehung und Existenz eines Königtums in Saba ab dem 8./ 7. Jh.v.Chr. (die mukarribs der altsüdarabischen Texte), was gegen die Chronologie im Alten Testament spricht, die es mit Salomo in das 10. Jh.v.Chr. setzte. Das von männlichen Königen regierte Saba lieferte begehrte, exotische Produkte. In Nordarabien hingegen waren mehrere Königinnen prominent. Diese aus dem Grossraum Arabien bekannten Elemente verschmolzen die Kompositeure der Saba-Episode im Alten Testament, um König Salomo ideale Beziehungen in Politik und Handel anzudichten. Durch die Verbindung realer Fakten wurde eine fiktive Königin von Saba kreiert. 15


Die islamischen Traditionen. Dämonin oder weise Herrscherin? Im Koran erzählt die Sure „Die Ameisen“ (27,20 – 38) eher knapp vom Treffen der Königin mit Salomo. Hier ist die religiöse Bekehrung der Königin zentrales Thema. In der islamischen Welt gilt Salomo als Prophet und idealer König, von Gott mit diversen, auch magischen Fähigkeiten ausgestattet. Er versteht zum Beispiel die Sprache der Vögel oder kontrolliert Dämonen. Diese Fähigkeiten setzt er beim Treffen mit der Königin von Saba ein. Sein Kundschafter, ein Wiedehopf, macht ihn auf die Königin aufmerksam, die im fernen Saba auf einem mächtigen Thron sitzt und mit ihrem Volk „sich ausser vor Gott vor der Sonne niederwerfen. Der Satan verschönt ihnen ihre Taten und hält sie vom Weg ab.” Salomo sendet der Königin einen Brief und fordert sie auf, in Ergebenheit (vor Allah) zu ihm zu kommen. Die Königin fragt ihre Berater, die ihr den Entscheid überlassen. Sie schickt Salomo Geschenke, die er ablehnt, da wertvoller sei, was Gott ihm gegeben habe. Er wiederholt seine Aufforderung an die Königin und droht, militärisch gegen sie vorzurücken. Er lässt ihren Thron magisch vor sich bringen und ihn unkenntlich machen. Als die Königin schliesslich selbst bei ihm ankommt, prüft er sie mit der Frage, ob ihr Thron wie dieser sei, was sie bejaht. Als sie den Palast betritt, muss sie über eine spiegelnde Fläche gehen. Da sie diese für Wasser hält, entblösst sie ihre Beine. Salomo erklärt ihr, dass es Glas sei. Da ergibt sich die Königin, mit Salomo, Allah. Knappheit und Unklarheiten der Passage (manchmal ist nicht klar, wer gerade spricht) sowie andere Geschichten, die in der damaligen orientalischen Welt kursierten, führten schon bei frühen islamischen Kommentatoren und Nacherzählern zu unterschiedlichen Interpretationen und Ausschmückungen. In diesen Erzählungen heisst die Königin von Saba meist Bilqis, vielleicht ihr Name, vielleicht ein Titel. Sie war Tochter eines mächtigen himyarischen Königs und einer Dämonin, weshalb ihr haarige und behufte Beine nachgesagt wurden. Obschon legitime Nachfolgerin, war ihr Weg zum Königtum turbulent. Doch ist sie eine tugendhafte und weise Herrscherin, die ihrem Land Wohlstand bringt. Sie herrscht von Ma’rib aus und lebt die Religion ihrer Ahnen, d. h. sie betet die Sonnengottheit an. Als Salomo von seinem Wiedehopf erfährt, dass es eine ihm praktisch ebenbürtige Herrscherin geben soll, möchte er dieses himyarische Reich unterwerfen. Er sendet ihr einen Brief, der Bilqis beeindruckt und den sie ihren Adligen vorlegt. Statt in den Kampf zu ziehen, lässt sie als Test Geschenke an Salomo schicken, denn als Prophet sollte er sich mit einer Gottesgabe begnügen, diese also nicht annehmen – was er auch tut. Die 16

Boten der Königin testen Salomo mit Rätseln, die er löst, wenn auch mit Hilfe von Dämonen. Salomo schickt die Boten wieder zurück und erneuert sein Ultimatum. Da reist Bilqis selbst zu Salomo, lässt aber zuvor ihren prächtigen Thron sicher hinter sieben Türen verwahren, was das plötzliche Auftauchen des Thrones am Hofe Salomos für sie schwer fassbar macht; die Frage nach der Ähnlichkeit mit ihrem Thron bejaht sie mit viel Skepsis. Die Dämonen an Salomos Hof haben eine eigene Agenda. Da die Königin Tochter einer Dämonin ist, fürchten sie, dass durch eine Liaison mit Salomo dieser auch noch die letzten Geheimnisse der Dämonen erfahren würde. Damit würden sie vollkommen unter seine Kontrolle geraten. Daher streuen sie üble Gerüchte über die Königin: Sie sei nicht ganz klar im Kopf und habe die Beine eines Esels. Den Köpfchentest hatte sie zuvor bei der Frage um ihren Thron bestanden. Die Beine werden durch den spiegelnden Palastboden geprüft. Ihre menschlichen, wenn auch sehr behaarten Beine, erklärte man damit, dass sie unverheiratet ist, sich also nicht für einen Mann schön machen muss. Salomo will dies beheben und fragt seine Dämonen nach einer Lösung. Diese drücken sich erst um eine Antwort, schlagen dann eine Rasur vor, was Salomo aber nicht passt. Da lässt er die Dämonen eine Paste und ein Bad herstellen und erfindet damit die erste Enthaarungscrème und das erste Hamam. Schliesslich heiratet Salomo die Bilqis und schickt sie als Herrscherin zurück in den Jemen, wo er sie regelmässig besucht. Sie zeugen einen Sohn, der später Herrscher des Jemens wird. Selten wird in den islamischen Geschichten der Königin ein Vorwurf gemacht, dass sie althergebrachte andere Götter verehre, da sie ja nur der Sitte ihrer Väter folgt. Weil sie tugendhaft und weise ist, findet sie schliesslich auch zum Islam. Dennoch wird an der Königin ein Wandel exemplifiziert, der zum idealen Zustand für den damaligen Zeitgeist führt: Die Anbeter einer vorislamischen Sonnengottheit finden zum islamischen Gott. Und einer Königin, die mangels Söhnen an die Macht gekommen ist, wird mit Salomos Zutun ein männlicher Nachkomme und legitimer Herrscher geboren. Klarer ist die Sure 34 „Saba“, wo Sabas Untergang erklärt wird. Zwei Gärten von Saba, die wahrscheinlich mit der Nord- und Südoase von Ma’rib zu identifizieren sind, symbolisieren den Wohlstand, der Allah zu verdanken ist. Da sich die Sabäer von ihm abwandten, sandte er eine reissende Flut, die daraus „zwei Gärten mit bitterer Frucht und Tamarisken und wenigen Lotusbäumen“ macht. Vom 4. –  6. Jh.n.Chr. gab es beim Damm von Ma’rib tatsächlich immer wieder Reparaturarbeiten wegen Schäden durch Hochwassser; die letzten bekannten im Jahr 542 n.Chr. durch Abraha, einem aus dem christlichen Äthiopien stammenden Vizekönig Südarabiens. 17


In der jemenitischen Volksüberlieferung wurden auch altsüdarabische Ruinen mit Bilqis verbunden. So ist der Haupttempel von Awam als Haram Bilqis, Mahram Bilqis, aber auch Arsh Bilqis „Thron der Bilqis“ bekannt.

Die äthiopische Tradition – Ur-Mutter der Königslinie Grundlage der christlich-äthiopischen (und Rastafari) Tradition um die Königin von Saba ist das Kebra Negest „Herrlichkeit der Könige“, das ca. Ende des 13. Jahrhunderts verfasst wurde. Es soll ursprünglich auf koptisch geschrieben, dann über das Arabische in die bekannte altäthiopische Fassung übersetzt worden sein. Darin trifft die Königin von Saba namens Makeda in Jerusalem auf Salomo und ist so fasziniert von seinem Wissen, dass sie sich bekehrt. Als sie im Palast Salomos übernachtet, überlistet er sie, mit ihm zu schlafen. Er lässt sie durstmachende Speisen essen und dann schwören, nichts aus seinem Haushalt zu nehmen. Bevor sie zu Bett geht, lässt er einen Krug Wasser neben ihrem Lager aufstellen und legt sich auf die Lauer. Als sie ihrem Durst nachgibt und vom Wasser trinken will, erwischt Salomo sie in flagranti und verlangt, mit ihr zu schlafen. Es ist eine sehr freie Auslegung der Passage des Alten Testaments, in der von Salomos grosszügiger Gabe die Rede ist, und dass die Königin alles bekam, was sie sich wünschte. Noch auf der Rückreise gebiert sie einen Sohn, Menelik. Als dieser später seinen Vater besucht, stehlen seine Begleiter die Bundeslade und bringen sie nach Äthiopien. Aus Kummer über den Verlust lässt sich Salomo von seiner Frau, einer ägyptischen Prinzessin, trösten, die ihn schliesslich zu ihren Göttern verführt. In Äthiopien tritt Menelik die Nachfolge an. Er ist Herrscher Äthiopiens, legitimer, rechtgläubiger Nachfolger Salomos und dank der Bundeslade auch unbesiegbar. Noch der 1975 verstorbene äthiopische Kaiser Haile Selassie sah sich als der 225. Nachfolger in der Herrscherlinie Salomos.

Äthiopische Tüchleinmalerei mit der Begegnung zwischen Salomo und der Königin von Saba. Museum der Kulturen Basel, Inv. III 25500. Foto: © Museum der Kulturen Basel, Omar Lemke.

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„Die nächste Stelle würde der Namensverwandtschaft nach nun dem Zimt gebühren, wenn es nicht passender wäre, zuerst die Schätze Arabiens aufzuführen, die jenem Land den Beinamen des <Glücklichen> und <Gesegneten> gegeben haben. Seine wichtigsten Erzeugnisse also sind Weihrauch und Myrrhe.“ Plinius der Ältere, Naturkunde 5,66 (1. Jh.n.Chr.)

Altsüdarabien im Fokus der antiken Autoren: Die Erfindung der Arabia Felix Christoph Schneider

Claudius Ptolemaeus, Cosmographia (Ulm, 1482). Universitätsbibliothek Basel, Sign. UBH Inc 358. Foto: © UB Basel.

„Das äusserste bewohnte Land im Süden ist Arabien. Dort einzig und allein von allen Ländern wächst Weihrauch, Myrrhe, Kasia, Kinamomon und Ledanon.“ Herodot von Halikarnassos, Historien 3,107 (um 450 v.Chr.)

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Unser Wissen über das antike Südarabien verdanken wir – da die Araber erst in der Spätantike eine eigene Literatur entwickelten – zu einem guten Teil griechischen und römischen Autoren. Ihr Interesse an dem weit entfernten Gebiet war allerdings nur punktuell und galt dem sagenhaften Reichtum, den die Araber durch den Verkauf von Aromata anhäuften, und, damit verbunden, der Geographie Arabiens. Darüber hinaus diente diese am äusseren südlichen Rand der bekannten Welt gelegene Region als Folie für märchenhafte Beschreibungen von sagenhaften Palästen, glückseligen Inseln und wundersamen Lebewesen. „Prosperierendes Arabien“ wurde die Südwestecke der Halbinsel von den Griechen und Römern mit der Zeit genannt. Das Adjektiv „prosperierend“, griechisch „eudaimon“, lateinisch „felix“, besitzt in diesen beiden Sprachen noch eine, naturgemäss erweiterte Bedeutung: „glücklich“. Denn glücklich durfte man sich schätzen, wenn der Reichtum den Aromata zu verdanken war, die in der Kommunikation mit den Göttern als so wichtig erachtet wurden. Der Begriff „Glückliches Arabien“ dient noch heute - gerade auch im frankophonen Raum („Arabie Heureuse“) - als Bezeichnung für den Jemen.

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Das phantastische Arabien bei Herodot Das Machtstreben dreier bedeutender Herrscher des Altertums, Dareios, Alexander und Augustus, brachte einen grossen Wissensgewinn über Arabien. Der Perserkönig Dareios I. schickte den Griechen Skylax von Karyanda zwischen 519  –  512 v.Chr. auf eine Expedition vom Kabul-Fluss den Indus hinab nach Westen der Arabischen Halbinsel entlang in das Rote Meer bis zum heutigen Suez. Die heute verlorenen Aufzeichnungen des Skylax nahm der als „Vater der Geschichte“ bekannte Herodot auf und verwob sie mit den Erkenntnissen über Arabien und die Araber, die er anlässlich seines Ägyptenaufenthaltes aus eigener Anschauung gewonnen hatte. Dabei interessierten ihn auch die unbekannten Gebiete Südarabiens, da von dort die im Mittelmeerraum im Kult und Alltag so wichtigen, teuren Aromata stammten. Deren Gewinnung beschreibt er – vielleicht auch von arabischen Händlern mit Schauermärchen versorgt – folgendermassen: „Die Weihrauchbäume werden nämlich von geflügelten Schlangen bewacht, die klein und buntfarbig sind und sich in Menge in der Nähe jedes Baumes aufhalten.“ (Herodot 3,107). Die zimtähnliche Kasia wird wie folgt gewonnen: „Sie hüllen den ganzen Körper und das Gesicht mit Ausnahme der Augen in Rindshäute und andere Felle; dann gehen sie auf Kasiasuche. Diese wächst in einem seichten See. In und um den See nisten geflügelte Tiere, die den Fledermäusen ähnlich sind. Sie schwirren sehr laut und wehren sich sehr stark. Diese Tiere muss man sich von den Augen fernhalten, …“ (Herodot 3,110). Über die Gewinnung von Zimt schreibt Herodot, dass die Araber nicht wüssten, woher es eigentlich stamme: „Grosse Vögel bringen diese Zweige, die wir mit phönikischer Bezeichnung Kinamomon nennen, so erzählen sie. Die Vögel tragen die Zweige in ihre Nester, die, aus Lehm gebaut, an schroffen Felsen kleben, wohin die Menschen keinen Zugang finden. Da hätten sich die Araber folgendes ausgedacht: Verendete Ochsen, Esel und andere Zugtiere zerhacken sie Glied für Glied und bringen sie in möglichst grossen Stücken dorthin. Sie legen sie in die Nähe der Nester und gehen dann weit weg. Die Vögel fliegen herab und tragen die Fleischstücke in ihre Nester. Weil die Horste aber das Gewicht nicht tragen können, fallen sie auf die Erde. Dann eilen die Menschen herbei und sammeln so das Kinamomon…“ (Herodot 3,111). Die Schilderung schliesst mit der Gewinnung des LabdanumHarzes: „Das Ledanon – die Araber sagen Ladanon – ist noch seltsamer. Es entsteht an einem übelriechenden Ort und riecht doch sehr angenehm. Es findet sich nämlich im Bart der Ziegenböcke, wo es wie Harz von Holz abträufelt. Man verwendet es für viele Salben; die Araber benutzen es besonders zum Räuchern. Das mag über die Räuchermittel genügen. Arabien ist voll wunderbarem Duft.“ 22

links Rekonstruktion des herodoteischen Weltbildes. Südarabien und Indien bilden die diffuse Südgrenze Asiens. © Der Neue Pauly. Historischer Atlas der antiken Welt (Stuttgart/ Weimar 2012) Abb. 5.1. rechts Das Weltbild des Eratosthenes (Rekonstruktion). Arabien ist als Halbinsel zwischen Persischem Golf und Rotem Meer begriffen. © Der Neue Pauly. Historischer Atlas der antiken Welt (Stuttgart/ Weimar 2012) Abb. 5.2.

(Herodot 3,112f.). Südarabiens Menschen und ihre Gebräuche treten in Herodots Erzählung nicht nur hinter der Flora, sondern auch hinter der Fauna zurück. Neben den verschiedenen Schlangensorten hat es dem griechischen Historiker ein spezieller Vogel angetan, obwohl er nicht alle Einzelheiten glauben mag: „Noch einen anderen heiligen Vogel gibt es, den Phoinix. Ich habe ihn nur abgebildet gesehen; denn er kommt selten nach Ägypten, wie die Bewohner von Heliopolis erzählen, nur alle 500 Jahre. Er soll nur dann erscheinen, wenn sein Vater stirbt. Nach dem Bild sieht er gross und dergestalt aus: Ein Teil seiner Federn ist goldfarben, ein Teil rot. Im grossen Ganzen gleicht er dem Umriss und der Grösse nach am ehesten dem Adler. Von seinem Tun erzählt man Dinge, die ich aber nicht ganz glaube: Er kommt aus Arabien geflogen und bringt die Leiche seines Vaters mit, in Myrrhen gehüllt, zu dem Heiligtum des Helios, wo er sie begräbt. Den Leichnam trägt er folgendermassen: Zuerst formt er ein Ei aus Myrrhe so gross, dass er es noch tragen kann; er versucht dann, es aufzuheben. Nach dieser Probe höhlt er das Ei aus und legt die Leiche des Vaters hinein. Dann verschliesst er die Aushöhlung, in die er den Vater gelegt hat, mit weiterer Myrrhe. Jetzt ist das Ei samt dem eingefügten Vater ebenso schwer wie vorher. So trägt er es nach Ägypten in das Heiligtum des Helios. Dies sind die Erzählungen über diesen Vogel.“ (Herodot 2,73).

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In der Bibliothek von Alexandria nimmt Arabien Gestalt an Im Jahr 324/323 v.Chr., nachdem Alexander der Grosse das Perserreich erobert hatte und auf seinem Feldzug bis an den Indus vorgestossen war, nahm der Makedonenkönig sein nächstes Projekt in Angriff – die Eroberung Arabiens. Unter der Führung von Archias von Pella, Androsthenes von Thasos und Hieron von Soloi machten sich vom Nordende des Persischen Golfes drei Expeditionen auf, der Ostküste der Arabischen Halbinsel zu folgen. Aber kein Kontingent kam weiter als bis zur Strasse von Hormus (Arrian, Der Alexanderzug 7,19f.). Gleichzeitig zogen auch Expeditionen im Golf von Suez los, die Westküste zu erkunden (Strabon, Geographie 16,4,4 [C 768]). Der frühe Tod hinderte Alexander an der Ausführung seines Feldzuges. Die Aufzeichnungen von den verschiedenen Erkundungen wurden aber, zusammen mit anderen Informationen, in der weltberühmten Bibliothek von Alexandria zusammengetragen und von Forschern ausgewertet. Theophrast von Eresos (ca. 371  –  287 v.Chr.) nutzte wohl diese Berichte bei der Abfassung seines Werkes „Pflanzenkunde“, in dem die Herkunft und Gewinnung von Weihrauch und Myrrhe beschrieben wird: „Der Weihrauchbaum soll nicht gross, etwa fünf Ellen hoch und sehr astig sein. Das Blatt beschreibt man als dem Birnblatt ähnlich, nur viel kleiner und an Farbe sehr grün: die Rinde aber sei glatt, wie die des Lorbeers.“ und: „Der Myrrhenbaum ist noch kleiner und strauchartiger; er hat einen rauen (harten) Stamm, der sich am Boden hin und her zieht, und dicker sein soll, als eine Wade. Das Blatt ist glatt, wie bei der Andrachne.“ Über die Gewinnung der Aromata gibt Theophrast folgenden Augenzeugenbericht wieder: „Dieselben [Seefahrer], als sie aus der Heldenbucht ausfuhren, legten dort an, um Wasser auf dem Gebirge zu suchen, und versichern, bei der Gelegenheit die Bäume und die Einsammlung gesehen zu haben. Von beiden Arten waren die Stämme, so wie die Zweige, eingeschnitten. Einige scheinen mit einem Beil verletzt zu sein, andere hatten seichtere Einschnitte. Die in Tränengestalt gerinnende Flüssigkeit falle teils herab, teils klebe sie am Baume fest. Hier und da breite man Matten aus Palmenblättern geflochten darunter; an manchen Orten sei bloss fest gestampfter reiner Boden da. Der Weihrauch auf den Matten sei klar und durchscheinend, weniger der vom blossen Boden. Den, der an den Bäumen klebe, schabe man mit eisernen Werkzeugen ab; daher an manchen Stücken noch die Rinde hänge.“ (Pflanzenkunde 9,4). Theophrast verdankten die Griechen auch topographische Beobachtungen im südlichen Arabien: „Das Gebirge soll hoch, rau und mit Schnee bedeckt 24

sein; Ströme ergiessen sich von denselben ins flache Land.“ Die Nachfolger Alexanders in Ägypten aus dem Herrscherhaus der Ptolemäer versuchten den Handel mit Aromata zu dominieren und trieben deswegen die Erforschung Arabiens voran. Das so in der Bibliothek von Alexandria angehäufte Wissen wurde von Eratosthenes von Kyrene (3. Jh.v.Chr.), ab ca. 246 v.Chr. Leiter der Bibliothek, für seine erdkundlichen Beschreibungen ausgewertet, welche teilweise bei Strabon (1. Jh.v.Chr.  –  1. Jh.n.Chr.) überliefert sind. Eratosthenes erkannte die halbinselförmige Gestalt Arabiens, nannte die vier im Süden wohnenden Völker samt ihren Hauptstädten (Strabon, Geographie 16,4,2 [C 767f.]) und bezeichnete wohl als erster die ganze Halbinsel als „Glückliches Arabien“.

Arabia Felix in der Geographie des Klaudios Ptolemaios In der Nachfolge Alexanders des Grossen versuchte Augustus die Araber zu unterwerfen, weil sie „als sehr reich galten, da sie seit eh und je die Spezereien und die kostbarsten Edelsteine gegen Silber und Gold verkauften und von dem Erhaltenen nichts auswärtig ausgaben: hoffte er [Augustus] doch, entweder sich reiche Freunde zu erwerben oder reiche Feinde zu besiegen.” (Strabon, Geographie 16,4,22 [C 780]). Das römische Heer unter dem Kommando von Aelius Gallus scheiterte aber 25/24 v.Chr. und eine weitere Expedition ein Vierteljahrhundert später unter dem Oberbefehl des Caius Caesar kam nicht zustande. Im Zusammenhang mit diesen Unternehmungen entstanden Beschreibungen Südarabiens bei Strabon (Geographie 16,4 [C 767-785]) und vom Numiderkönig Juba II. Beide Autoren berücksichtigt Plinius der Ältere, dessen enzyklopädisches Werk „Naturkunde“ umfangreiches geographisches Material und die Beschreibung der Weihrauchstrasse samt ihren wirtschaftlichen Implikationen beinhaltet. Erwähnenswert ist auch ein nautisches Handbuch, das ebenfalls im 1. Jh.n.Chr. verfasst wurde. Dieses Werk, „Umschiffung des Roten Meeres“, erwähnt die wichtigen Handelshäfen Südarabiens und zeigt, dass sich Augustus’ Ansinnen auf eine Annäherung zwischen Rom und den südarabischen Reichen erfüllt hatte. Erwähnt wird nämlich die Metropole Zafar, in der „Charibael, der rechtmässige [legitime] König zweier Völker, der Homeriten und der neben ihnen wohnenden sogenannten Sabaiten, residiert, durch fortgesetzte Gesandtschaften und Geschenke ein Freund der [römischen] Kaiser.“ (Periplus maris Erythraei § 23). Das gesammelte antike Wissen über die Geographie Südarabiens findet sich 25


in der „Geographischen Anleitung“ des alexandrinischen Gelehrten Klaudios Ptolemaios (150 n.Chr.). Er unterteilt Arabien in „Arabia Petraea“ (das Nabatäergebiet im Nordwesten) und „Arabia Deserta“ (die östlich anschliessende Syrische Wüste). „Arabia Felix“ nimmt wie bei Eratosthenes das gesamte Gebiet südlich der Linie Aqaba–Kuweit ein. In der Arabia Felix lokalisiert er 151 Orte, unterschieden in Dörfer, Marktzentren, Städte und „Metropolen“; letztere liegen sämtlich im Südwestwinkel der Halbinsel. Dieses Gebiet ist akkurat dargestellt, weicht doch die Breitenangabe nur gerade um 1° von den heutigen Werten ab. Trotz der genauen Beschreibungen durch die antiken Geographen verlor die Arabia Felix ihre mythische Aura nicht. Folgerichtig brachte der frühchristliche Autor Philostorgios (4. Jh.) einen anderen Mythos in Verbindung mit diesem Gebiet und schrieb, „dass es von den Griechen Arabia Magna oder Arabia Felix genannt wird und bis zum Ozean reicht. Die Hauptstadt, …, ist Saba, die Stadt, von der die Königin von Saba aufbrach zu Salomon.“ (Epitome der Kirchengeschichte des Philostorgios verfasst von Photios 3,6).

Die Arabische Halbinsel bei Ptolemaios. Gliederung in Arabia Petraea, Arabia Deserta und Arabia Felix. © UB Basel. 26

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Getrieben von Wissbegier, angespornt von Geschichten und Legenden drangen seit der Antike immer wieder Reisende und Forscher ins Innere Südarabiens vor. In dieser terra incognita waren sie auf die Hilfe der lokalen Bevölkerung angewiesen, auf gute Beziehungen zu Machthabern und Stämmen. Mangelte es an deren Goodwill, scheiterten die Vorhaben, endeten in Gefangenschaft, Flucht oder Tod. Dennoch gelangten zunehmend neue Informationen über die antike und aktuelle Arabia Felix in den Westen. Im Alten Ägypten wurden Reisen in das Weihrauchland Punt beschrieben, das in der Region des Roten Meeres auf der äthiopischen oder arabischen Seite gelegen haben soll. In der Antike beschrieb der Periplus Maris Erythraei Häfen und die dort gehandelten Produkte an der Seeroute von Ägypten, durch das Rote Meer, entlang der südarabischen Küste bis Indien. Bis ins frühe 19. Jh. lieferten vor allem arabische Gelehrte und europäische Reisende Informationen zur Arabia Felix. Erst die grossen Expeditionen von Joseph Halévy und Eduard Glaser erbrachten so viel neues landeskundliches, archäologisches und sprachliches Material, dass die Grundlagen einer wissenschaftlichen Erforschung Südarabiens gelegt waren. Dank diesen und späteren Forschern wurde Südarabien als kulturhistorisch reiche und vielseitige Region erkannt, die auch durch archäologische Ausgrabungen weiter erschlossen werden musste.

Entdeckungs- und Forschungsgeschichte Oskar Kaelin

W. Phillips, Sheba’s Buried City (London, 1955).

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Erste Reisende Die „Beschreibung der Arabischen Halbinsel“ des in Sana’a geborenen Gelehrten al-Hamdani (893  –   945 n.Chr.) diente vielen Reisenden praktisch als Reiseführer. Sein zehnbändiges Werk „Das Diadem“ über die himyarischen Herrscher und ihre Geschichte enthielt auch eine Beschreibung der Altertümer Südarabiens. Im 16. Jahrhundert wurden die Portugiesen zur Seemacht im Roten Meer, dem Golf von Aden und dem Arabischen Meer. Lodovico de Varthema hatte Ägypten, Syrien und auch Mekka bereist (1504). Kaum in Aden angekommen, wurde er als Spion der Christen gefangengenommen. Um sich zu schützen, verstellte er sich als Verrückter. Zum love interest der Königin geworden, erlaubte sie ihm, zur Heilung heilige Personen aufzusuchen. Das ermöglichte ihm Reisen nach Sana’a, Taiz und Aden, und schliesslich auch die Flucht. Antonio de Montserrat und Pater Paez waren unterwegs von Hormuz nach Äthiopien, wurden aber bereits im Hadramawt ausgeladen (1589   –  1594). Sie waren die ersten Europäer, die den Kaffee erwähnten. Als Gefangene unterwegs vom Hadramawt nach Sana’a beschrieben sie Ma’rib, wo die Königin von Saba viel Vieh gehalten haben soll, und Inschriften, die kein Einheimischer lesen konnte.

Spuren der altsüdarabischen Welt Die erste grosse wissenschaftliche Expedition zur Erforschung des Orients und Südarabiens wurde vom dänischen König Friederich V. finanziert (1762/63). Carsten Niebuhr war der einzige Teilnehmer, der wieder lebend nach Europa zurückkehrte. Gesammelt wurden Informationen zur Landeskunde und solche, die dem Verständnis der Bibel behilflich sein konnten. Als die Expedition nach Forschungen in Ägypten im Jemen ankam, ging es über Sana’a ins Landesinnere. Niebuhr erstellte die ersten guten Landkarten und Pläne zum Land, trug Materialien zur Geschichte zusammen und beschrieb den Wahhabismus. Er überlieferte auch Schilderungen anderer Reisender, zum Beispiel über die Stadt Ma’rib und ihren 30

Die Stadt Taiz. Prospektansicht aus C. Niebuhr, Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern, Band 1 (1774) Taf. LXVII.

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Damm. Niebuhr erwähnte altsüdarabische Inschriften, doch konnte er aus gesundheitlichen Gründen keine kopieren. Seine Kopien achämenidischer Keilinschriften, die er auf der Weiterreise durch Persien anfertigte, wurden später Grundlage der Entzifferung der Keilschrift. Im 19. Jh. wurde die Erforschung intensiver, aber nicht weniger gefährlich. Ulrich Jaspers von Seetzen bereiste 1809  –  1811 den Jemen mit 17 Kamelen und viel Personal. Im Auftrag des Herzogs August von Sachsen-Gotha-Altenburg sollte er Kunstobjekte und Handschriften erwerben. Er kopierte Inschriften und entdeckte Zafar, die Hauptstadt der Himyaren. Auf der Reise nach Ma’rib und dem Hadramawt ist er schliesslich verschollen, den Gerüchten nach wurde er ermordet. Das zuletzt gesammelte Material wurde konfisziert oder geraubt, doch hatte Seetzen einiges bereits nach Europa gesandt. Schon vor der Eroberung Adens durch die Briten (1839) intensivierte sich deren Präsenz in der Region. J. R. Wellsted und die Crew des englischen Schiffes Palinurus entdeckten Ruinenstätten und Inschriften im Hadramawt und im Oman (1837). Sie identifizierten auch den altsüdarabischen Weihrauch-Hafen Qana. Adolph von Wrede reiste als muslimischer Pilger verkleidet in den Hadramawt (1843). Seinen Berichten über Hochhäuser aus Lehm oder über Tests an Treibsandlöchern in der Rub’ al-Khali standen Gelehrte in Europa (darunter auch Alexander von Humboldt) skeptisch gegenüber. Einige betrachteten ihn als Scharlatan, andere als einen der wichtigsten Jemenforscher. Thomas Joseph Arnaud, ein französischer Apotheker im Dienst des Imams von Sana’a, lieferte den ersten längeren Bericht über Ma’rib (1843). Er reiste verkleidet unter Beduinen und musste nach nur zwei Tagen Aufenthalt wegen Feindseligkeiten der lokalen Bevölkerung wieder aus Ma’rib aufbrechen. In dieser Zeit kopierte er Inschriften und vermass den Damm. Auf dem Rückweg zog er sich eine Erkältung zu, die zu einer Augenentzündung mit Erblindung für fast zehn Monate führte. Doch liess er sich nicht davon abhalten, das Gesehene zu berichten. André Malraux schilderte den Moment, in dem Arnaud dem Konsul Fresnel die Beschreibung des Damms von Ma’rib weitergab, eloquent und heroisierend: „Die blinde Hand vermochte nichts als unförmige Schmetterlinge auf das Papier zu zeichnen. Da fasste Arnaud Fresnel an der Schulter, damit er ihn an den Strand von Dscheddah führe. Ausgestreckt auf dem feuchten Sand vor seinem Führer liegend, der sich fragt, wohin das führen solle, bildet er mit seinen tastenden Händen den Damm nach, zeichnet den ovalen Sonnentempel in den Sand, bohrt mit dem Zeigefinger runde Löcher ein, die die zerbrochenen Basen der Säulen darstellen sollen. Die Araber beschauen diesen Mann, der Sandburgen baut und dem sie nun endlich Achtung 32

bezeugen, weil sie ihn für wahnsinnig halten. Und Fresnel überträgt hastig diese Architekturen in sein Heft, die bald das Meer wegspülen wird, als müsse alles, was sich auf Saba bezieht, von der Ewigkeit zurückgenommen werden.“

Die grossen Expeditionen Für Wissenschaft und Forschung war das Stückwerk aus verstreuten Berichten zu verschiedenen Stätten und einzelnen, oft laienhaften Kopien von Inschriften ungenügend. Mehrere Expeditionen sollten möglichst viel neues Material, besonders Inschriften, beschaffen. Diese Reisen waren gesundheitlich ein Risiko und gefährlich, da man Westlern und Fremden misstraute. Auch verachteten die Einheimischen oft alles „himyarische“ (d.h. altsüdarabische) als etwas VorIslamisches. Die Inschriften wurden als Magie angesehen. Um ihre Arbeit zu machen, gaben sich die Forscher als „Orientalen“ aus anderen Ländern aus, und schufen ihre Notizen und Zeichnungen meist heimlich, was im Falle einer Entdeckung natürlich den Verdacht noch mehr erhärtet hätte, sie seien Spione. Der französische Semitist Joseph Halévy reiste im Auftrag der „Académie des Inscriptions et Belles-Lettres“ (1869/70). Er war der erste Forscher, der die altsüdarabischen Texte auch lesen konnte. Er kleidete sich als Jude aus Jerusalem, was ihm erlaubte, das Netzwerk jüdischer Gemeinden im Jemen zu nutzen. Generell unterstanden diese Gemeinden den regionalen Oberherren. Die Juden waren oft Handwerker und standen in der sozialen Hierarchie sehr weit unten. Je nach Gegend wurden sie besser oder schlechter behandelt. Trotz vieler Unannehmlichkeiten war ihr Leben – nach Halévy – aber einigermassen sicher, da man sie für unfähig hielt, Waffen zu tragen, und es daher auch nicht ehrenvoll gewesen wäre, sie einfach zu töten. Unterwegs mied und fürchtete man Halévy manchmal wegen des „bösen Blicks“ und weil man Juden magische Fähigkeiten zuschrieb. Es kam vor, dass Weggenossen oder zufällig Angetroffene seine Taschen durchsuchten und ihm seine Habe wegnahmen. Manchmal wurde er auch gastfreundlich empfangen, und seine angebliche Herkunft aus Jerusalem, die sich schnell herumsprach, führte zu gelehrten Unterhaltungen. Halévy besuchte Ma’rib, Qarnawu und Sirwah. Er war in vielen Regionen der erste Europäer überhaupt; ohne Kompass fertigte er akribische Karten an und kopierte zahlreiche Inschriften. Auch wollte er der Route des Aelius Gallus folgen, des römischen Präfekten, der versucht hatte, Ma’rib zu erreichen (25/24 v.Chr.). Halévys Reise war erlebnisreich. Er wurde festgehalten, weil man ihn fälschlicherweise für jemanden hielt, der sich als der Messias ausgab. Er erlebte, 33


wie Stämme gegen andere Stämme mobil machten, was manchmal von den lokalen Scharifs zum Heiligen Krieg stilisiert wurde. Halévy berichtete auch, wie Altertümer zerstört wurden, dass Steine der antiken Bauten für Häuser und Gräber wiederverwendet, Gräber geplündert und Steine mit Inschriften in Brennereien zu Kalk verarbeitet wurden. Er war zudem ein früher Leidtragender eines internationalen Antikenhandels: Ein indischer Händler, der in Aden den Engländern Antiquitäten verkaufte, beschäftigte Leute in Ma’rib, die ihm Objekte beschafften. Und weil sie Halévy als potenziellen Konkurrenten und Gefahr sahen, brachten sie die Bewohner gegen ihn auf. Zwischen 1882 und 1894 unternahm der österreichische Astronom und Orientalist Eduard Glaser vier lange Reisen durch den Jemen. Zu dieser Zeit war der Jemen politisch schwer überschaubar, da sich das osmanische Reich, der Sharif von Sana’a, Wahhabiten aus dem Gebiet des späteren Saudi-Arabien sowie die diversen Stämme in ständiger, auch kriegerischer Konkurrenz und wechselnden Koalitionen gegenüberstanden. Glaser reiste als arabisch sprechender Muslim getarnt, oft von den türkischen Besatzern unterstützt, denen er wiederum von seinen Erfahrungen berichtete. Auf seiner dritten Reise (1888) kam er nach Ma’rib. Nach etwa einem Monat trat er überstürzt die Rückreise an, da die lokale Bevölkerung misstrauisch geworden war. Ihm sind detaillierte Informationen über die Oase Ma’rib zu verdanken, eine ausführliche Beschreibung der Topographie und der antiken Überreste. Das von Glaser zusammengetragene Material zu Landeskunde, Sprachen, Archäologie und Astronomie (u. a. in 17 Tagebüchern mit über 1'000 Seiten) ist bis heute nicht vollständig ausgewertet. Um seine Reisen zu finanzieren, musste er viele der aus dem Jemen mitgebrachten Objekte verkaufen. Sie befinden sich in diversen Museen Europas, besonders als „Sammlung Eduard Glaser” im Kunsthistorischen Museum Wien. Besser finanziert war die erste grosse, offizielle „Südarabische Expedition“ im Namen der „Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften” zu Wien zur Erforschung des südarabischen Festlands und der Insel Sokotra (1898/99). Sie wurde von D. H. Müller geleitet, der bereits wichtige Forschungen für Südarabien geleistet und initiiert hatte – er war u. a. einer der Lehrer Glasers. Die Expedition war der Versuch Österreichs, ein prestigebringendes, wissenschaftliches Gebiet im Nahen Osten zu erschliessen, das mit der deutschen Präsenz in Mesopotamien mithalten konnte. Der Sekretär der Expedition, der Brite George Wyman Bury, wurde in den Hadramawt geschickt, wo er die Stadt Tamna entdeckte und ihre Stadttore freilegte. Im 20. Jh. mehrten sich die Forschungsreisen und archäologischen Aktivitäten 34

im Land, die aber gefährlich blieben. So reiste Hermann Burchardt mehrfach mit Fotoausrüstung (1902  –  1909) und lieferte u. a. epigraphisches Material. Trotz Schutz und Empfehlungsschreiben der Türken und des Imams wurde er von Räubern erschossen. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Erforschung Südarabiens. Danach war es der Syrer Nazih al-Mu’ayyad al-’Azm, der mehrere Reisen im Jemen unternahm und dabei auch Ma’rib und Sirwah besuchte (1926   –  1936). Ab 1927 bereisten der Völkerkundler Carl August Rathjens, der Geograph Hermann von Wissmann und Friedel Apitz (als Mann verkleidet) den Jemen. Sie nahmen neben landeskundlichen Informationen auch altsüdarabische Objekte und Inschriften auf, vieles auch photographisch.

Archäologische Ausgrabungen Auf Vorschlag des Imams des Jemen durften Rathjens und seine Gefährten 1928 in al-Ḥuqqa die ersten, offiziell genehmigten, systematischen Ausgrabungen durchführen. Die Pläne der Befunde wurden teilweise mit Flugaufnahmen erstellt. Zunächst hatten es der Imam und die von ihm gestellten Arbeiter nur auf wertvolle Objekte abgesehen, weshalb „Wertloses“ wie Gemäuer oder Steinobjekte einfach ignoriert oder zerstört wurden. Als die Wichtigkeit auch solcher Objekte erklärt und der Imam von den ersten Funden aus dem freigelegten sabäischen Tempel begeistert war, gingen die Ausgrabungen ordentlicher weiter. Doch traten andere Probleme auf. Die Forscher zeigten so grosses Interesse an den Inschriften der Gegend, die teilweise in Häusern und Moscheen verbaut worden waren, dass die Bewohner um ihre Häuser fürchteten. Der Imam liess seine Leute auch in Abwesenheit der Deutschen graben, allerdings ohne etwas zu dokumentieren. Und schliesslich datierte der Imam einige der Funde aus ideologischen Gründen in die islamische Zeit um. Doch blieben die Beziehungen zwischen dem Imam und Rathjens gut. Dieser wurde zur wichtigen politischen und wirtschaftlichen Verbindungsperson zwischen Deutschland und dem Jemen, so wichtig, dass er aus der sogenannten „Schutzhaft“ in einem Konzentrationslager freigelassen wurde, in dem er wegen seiner politischen und weltanschaulichen Überzeugungen 1939 interniert worden war. Im Jemen wurde auf Anregung Rathjens ein Ausfuhrverbot für Antiquitäten eingeführt. Das Material, das Rathjens von seinen Reisen aus dem Jemen zurückbrachte, liegt heute zu einem grossen Teil im Museum für Völkerkunde Hamburg. Es umfasst etwa 4'000 Negative und 2'500 originale Objekte zum Jemen, darunter vieles zu den altsüdarabischen Kulturen. Eine der letzten grossen Reisenden im Jemen war Freya Stark, die bereits mit 35


ihren Reisen nach Luristan und Persien bekannt geworden war. Sie erforschte den Hadramawt und wollte als erste nach Schabwa gelangen. Doch es war der Musikwissenschaftler Hans Helfritz, der mit Foto- und Filmkamera sowie Wachswalzen für musikethnologische Aufnahmen in den Hadramawt (1932  –   1935) gereist war, der dieses Ziel als erster erreichte. 1936 entsandte die Universität Kairo eine geologische, geographische, klimatologische Expedition, während der auch Inschriften kopiert wurden. In diesem Jahr führte St. John Philby, politischer Agent im Nahen Osten sowie Berater von Ibn Saud, dem Gründer von Saudi-Arabien, Untersuchungen in Shabwa durch. 1937/38 bereisten Gertrud W. Caton-Thompson und Freya Stark den Hadramawt und führten Ausgrabung in al-Hurayda (Wadi ’Amd) aus. Gleich nach dem 2. Weltkrieg waren es ägyptische Wissenschaftler, welche die archäologische Erforschung des Jemens wieder aufnahmen. Muhammad Taufiq besuchte Ma’in, Baraqish und andere minäische Städte, die er auch fotografierte (1944/45). Die Arbeit wurde von Ahmed Fakhri fortgesetzt, der Aufnahmen sabäischer Inschriften in Ma’rib und Sirwah sowie Pläne verschiedener antiker Stätten anfertigte (1947). Mit dem Amerikaner Wendell Phillips sollte die archäologische Forschung im Jemen einen aussergewöhnlichen Höhepunkt bekommen. Phillips, Paläontologe, Gründer und Präsident der „American Foundation for the Study of Man“, erhielt 1951/52 als erster die Erlaubnis für Ausgrabungen in Ma’rib, flankiert durch Ausgrabungen in Chor Rori (Oman), dem alten hadramawtischen Hafen Sumhuram. Ein Team renommierter Wissenschaftler arbeitete in Tamna, Hajar bin Humeid und Ma’rib mit grossem logistischem Aufwand. Lokale Stammesleute und diverse Regierungsinstanzen erschwerten jedoch bald die Arbeiten. Die Grabungsexpedition floh in einer Nacht- und Nebelaktion und liess ihr ganzes Material zurück; die Funde kamen schliesslich ins Nationalmuseum von Sana’a. Dennoch wurde Phillips einer der seltenen Archäologen, die es zu Reichtum brachten: Bis Mitte 1970er Jahre soll er Ölkonzessionen im Wert von über 120 Millionen Dollar besessen haben. Eine systematische Untersuchung und Bestandsaufnahme der Ruinen in den „Aden Protectorates“ (1959/60) begann Lankester Harding, doch ab 1962 verunmöglichte der Bürgerkrieg weitere Arbeiten.

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Archäologische Projekte – bis zum aktuellen Krieg In den 1970er Jahren begannen gleich mehrere Teams an verschiedenen Orten archäologische Arbeiten. 1970 bereisten deutsche Forscher den Nordjemen. Der Italiener Paolo Costa war archäologischer Berater der Regierung Nordjemens und am Aufbau und der Reorganisation des Nationalmuseums beteiligt. In Qana und Raybun wurden sowjetisch-jemenitische Ausgrabungen eröffnet (ab 1972), in Shabwa französische. Ab 1978 brachte die systematische Erforschung des Hadramawt die Entdeckung von neun Tempeln. Surveys und Grabungen wurden im Nordjemen, im Jawf und in der Provinz al-Bayda durchgeführt. Harald Hauptmann reiste im Auftrag der UNESCO im Nordjemen und beriet die Regierung bei archäologischen Projekten und der Planung des Museums in Sana’a (1977). 1978 begann das Deutsche Archäologische Institut seine langjährigen Untersuchungen in Ma’rib sowie weitere Projekte. In den 1980er Jahren erschlossen italienische Archäologen die Steinzeit im Nordjemen, wo von 1982 bis 1985 auch die “American Foundation for the Study of Man” forschte. Brian Doe, Direktor des Department of Antiquities in Aden, präsentierte in „Monuments of South Arabia“ einen Stand der Forschung (1983). Ab 1994 wurden in der Küstenregion Fundorte der bronzezeitlichen und damit vor-altsüdarabischen „Sabir“-Kultur erkannt (ca. 14.  –   8. Jh.v.Chr.). Sie unterscheidet sich von den Kulturen im jemenitischen Hochland und unterhielt Beziehungen nach Ostafrika. Am namensgebenden Fundort Sabir wurden Überreste einer Stadt mit Bewässerungskanälen ausgegraben. Die Sonderausstellungen im Kunsthistorischen Museum Wien (1998/99) und im Staatlichen Museum für Völkerkunde München (1999/2000) boten eine bis heute einmalige Gesamtschau zu den Forschungen im Jemen. Viele der erwähnten Projekte wurden bis in die 2000er Jahre weiterverfolgt und durch weitere ergänzt. 2008 wollte Qatar mit dem “Qatar International Archaeological Yemen Project” die Schirmherrschaft über sämtliche archäologischen Projekte im Jemen übernehmen, auf Jahre grosszügig finanzieren und touristisch erschliessen. Das Vorhaben scheiterte noch in der Planungsphase. Ein Grossunterfangen nach vergleichbarem Modell wird aktuell im Sudan durchgeführt, während Qatar in der von Saudi-Arabien geführten Koalition am Krieg im Jemen beteiligt ist.

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Entdeckungen in Äthiopien Schon die bronzezeitlichen Kulturen des Jemens pflegten Kontakte nach Afrika. Mit dem 1. Jahrtausend v.Chr. intensivierten sich die Beziehungen nach Äthiopien und Eritrea, wo sich immer mehr altsüdarabisch geprägtes Material feststellen lässt. Einwanderer aus dem Jemen bewirkten vermutlich einen Kulturwandel, der sich in Herrschaftsform, Religion, Architektur, Handwerk, aber auch in der Einführung der altsüdarabischen Schrift niederschlug. Ein Zentrum dieser „äthio-sabäischen“ Kultur war Yeha (nahe Aksum), wo auch ein dem sabäischen Hauptgott Almaqah geweihter Tempel stand (Mitte 7. Jh.v.Chr.). In dieser Region entdeckte der englische Ägyptologe Henry Salt im Jahr 1810 auch eine der frühesten altsüdarabischen Inschriften.

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Schriften und Sprachen im alten Südarabien Oskar Kaelin

Die altsüdarabische Monumentalschrift wurde etwa vom 10. Jh.v.Chr. bis ins 6. Jh.n.Chr. verwendet. Es ist eine Alphabetschrift, mit der offizielle, königliche und private Texte in mehreren semitischen Sprachen und Dialekten geschrieben wurden. Alltägliche Texte dagegen wurden mit Minuskelschrift auf Holzstäbchen oder Palmrippen notiert. Die meisten Inschriften fanden sich im Gebiet der altsüdarabischen Reiche im Jemen, andere auch auf dem griechischen Delos, in Saudi-Arabien, Ägypten, Äthiopien und Eritrea. Die Texte decken einen Zeitraum von gut 1500 Jahren ab – dies ist länger, als bisher Deutsch oder Englisch im Gebrauch sind. Ihr kulturhistorischer und sprachlicher Fundus erlaubt einen Einblick in viele Facetten des Lebens. Herrscher berichten über ihre Taten. Weih-, Widmungs-, Bau- und Gedenkinschriften informieren über die Götterwelt, die Tätigkeiten der Stifter und liefern manchmal historische Informationen. Rechts- und Wirtschaftsurkunden zeugen von Handel, Landwirtschaft und Viehzucht. Aus Briefen, Orakelanfragen und –bescheiden, Buss- und Sühneinschriften erfahren wir vom Alltag und den Sorgen der Leute. Schreibübungen zeigen die zu lernende Alphabetreihe auf. Bekannt sind auch Hymnen in gereimter Form.

Schrifttafel nach: P. Stein, Lehrbuch der sabäischen Sprache (2013) 211.

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Entdeckung und Entzifferung der altsüdarabischen Schriftdenkmäler Im 18. Jahrhundert waren in Europa altsüdarabische Inschriften bekannt, doch fehlte es an ausreichend Material, um sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen. Während seines Aufenthalts im Jemen (1762/63) erfuhr Carsten Niebuhr, dass man in den Ruinen „alte Inschriften antreffe, die weder Juden noch Mohammedaner lesen könnten“. Doch als er kurz vor der Abreise eine solche zu Gesicht bekam, war er sehr krank und hatte „mehr Ursache, mich zum Tode zu bereiten, als alte unbekannte Inschriften zu sammeln“.1810 entdeckte Henry Salt eine sabäische Inschrift in Yeha, Äthiopien. Im selben Jahr übermittelte Ulrich Jaspers von Seetzen einige südarabische Texte nach Deutschland. J. R. Wellsted publizierte erstmals längere, vollständige Inschriften (1837). Mit Hilfe dieser spärlichen und relativ kurzen Texte sowie mit Kopien von Texten aus mittelalterlichen arabischen Handschriften entzifferten Wilhelm Gesenius und Emil Rödiger einen Teil der altsüdarabischen Monumentalschrift (1841/42); diese Arbeiten schlossen später Ernst Osiander (1865/66) und Joseph Halévy (1872/73) ab. Ab der Mitte des 19. Jh. wurden immer mehr Texte bekannt. Thomas Joseph Arnaud kopierte während seines kurzen Aufenthaltes in Ma’rib und Sirwah 56 Inschriften (1843). Anfang der 1860er Jahre erwarb der britische Oberst Coughlan in Aden ca. 40 Bronzetäfelchen mit südarabischen Inschriften, die beim Hausbau in Amran (nördl. von Sana’a) gefunden wurden. Nur die besten wurden nach Aden geschickt, die anderen eingeschmolzen. Schliesslich brachten die langen Expeditionen von Joseph Halévy und Eduard Glaser so viele Inschriften als Original, Abklatsch (mit Bürste und Papier, Gips und Baumwollbinden angefertigt), Photographien oder Kopien nach Europa, dass die wissenschaftliche Erforschung Altsüdarabiens solide Daten bekam. Joseph Halévy kopierte auf seiner Reise (1869/70) 686 sabäische und minäische Inschriften, wodurch er die Zahl der bis dahin bekannten Texte versechsfachte. Hayyim Habschusch, ein jemenitischer Jude, der Halévy auf seiner Reise begleitet haben will, erzählte, er sei von Halévy im Kopieren von Inschriften trainiert worden. Bald erhielt er den Auftrag zum selbstständigen Kopieren, und da er pro Inschrift bezahlt wurde, lieferte er oft grössere Inschriften in mehrere kleinere aufgeteilt ab. Eduard Glaser brachte von seinen vier Reisen (1882– 1894) über 2'000 altsüdarabische Inschriften als Original, Zeichnung oder Abklatsch zurück, darunter 400 aus Ma’rib und aus Sirwah den Tatenbericht 42

Sabäische Inschriften aus: Corpus Inscriptionum Semiticarum Abteilung 4,1. Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, Paris 1889, Taf. VI.

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des Karib’il Watar, eine der längsten Inschriften Altsüdarabiens. Die Abklatsche fertigte er nicht alleine an, sondern er trainierte Einheimische darin, was die Beute an Inschriften reichlich förderte. Viele der bis dahin entdeckten Inschriften wurden im monumentalen „Corpus Inscriptionum Semiticarum“ publiziert (1889  –  1932). 1908 fand man auf der Insel Delos eine griechisch-minäische Bilingue – Zeugnis der Beziehungen Altsüdarabiens mit der mediterranen Welt. Dank des grösser werdenden Textcorpus kam die wissenschaftliche Erforschung der altsüdarabischen Sprachen schneller voran. Fritz Hommel publizierte ein Lehrbuch zum „Minäo-Sabäischen“ (1893). Ignazio Guidi unterschied erstmals vier altsüdarabische „Dialekte“ Sabäisch, Minäisch, Qatabanisch und Hadramitisch (1926), eine Lehrmeinung, die erst Alfred F. L. Beeston durchbrach, als er die vier „Dialekte“ als separate Sprachen bezeichnete und beschrieb (1984). Die Erforschung dieser Sprachen ist noch lange nicht abgeschlossen. Weltweit sind Altsüdarabisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten daran beteiligt. An der Universität Pisa wird an einer modernen und vollständigen Publikation der Texte in einer einzigen Internet-Datenbank gearbeitet. An der Universität Jena finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine datenbankgestützte Erschliessung des sabäischen Wortschatzes.

Die altsüdarabische Monumentalschrift Die altsüdarabischen Sprachen gehören zu den wichtigsten der altorientalischen Welt. Sie wurden etwa ab dem 10. Jh.v.Chr. geschrieben. Die spätesten Inschriften datieren ins 6. Jh.n.Chr. – der letzte Text ins Jahr 559/560 n.Chr. (669 der himyarischen Zeitrechnung). Als gesprochene Sprachen sind sie meist schon früher ausgestorben. Alle altsüdarabischen Sprachen verwendeten für repräsentative, offizielle Texte auf Felsen, Fassaden oder Weihobjekten dieselbe Monumentalschrift. Es ist eine Alphabetschrift – in ihrer streng geometrischen Form eine ästhetisch sehr ansprechende Kreation Altsüdarabiens. Manchmal schrieben Durchreisende damit Graffitis an Felsen. Die Idee einer Alphabetschrift war vermutlich von den syrisch-palästinischen Schriften inspiriert (z. B. Phönizisch, Aramäisch). Allerdings entspricht das Reihungsprinzip der altsüdarabischen Schriftzeichen nicht diesen Alphabeten, welche die (von uns immer noch verwendete) ABGD-Folge kannten, sondern verwendeten die südsemitische HLḤM-Reihung, die sich zuvor nur beim keilschriftlichen, ugaritischen Alphabet (ca. 14. Jh.v.Chr.) fand, wo beide Reihenfolgen bekannt waren.

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Die altsüdarabische Schrift besteht aus 29 Zeichen, mit denen Konsonanten und Langvokale notiert wurden. Sie hat uns das ursprüngliche semitische Konsonantenrepertoire am vollständigsten überliefert. Die Laufrichtung ist in den älteren Texten eher bustrophedon (die Zeilen abwechselnd links- bzw. rechtsläufig), in den späteren Inschriften meist von rechts nach links. Die Bustrophedon-Schreibung ist bei langen Inschriften an Fassaden oder Felsen praktisch, da der Leser nicht ständig zum Anfang einer Zeile zurückgehen muss, sondern die nächste Zeile gleich unter dem Ende der vorhergehenden Zeile beginnen kann. Die einzelnen Zeichen sind unverbunden, der Gesamttext meist im Blocksatz angeordnet. Senkrechte Striche dienen als Worttrenner, einige Zeichen geben Zahlen, Abkürzungen für Masseinheiten und Geld wieder. Am Rand der Inschriften finden sich oft Monogramme für Herrscherhäuser oder Götter.

Die Minuskelschrift Seit den 1970er Jahren sind vornehmlich aus Raubgrabungen Hunderte von Texten in Minuskel- bzw. Kursivschrift bekannt. Diese Texte sabäischer Alltagssprache stammen aus der gesamten altsüdarabischen Zeit; einige sind möglicherweise bereits ins späte 2. Jt.v.Chr. datierbar. Die Texte wurden auf Holzstäbchen oder Palmrippen geschrieben, die selten mehr als 30 cm lang sind und ca. 3 cm Durchmesser haben. Verwendet wurden metallene Stifte oder Holzgriffel; Elfenbeinstifte sind Hinweise für Wachstafeln als Träger. Löcher in den Stäbchen dienten dazu, sie mit einer Schnur zusammenzubinden oder sie mit Wachs zu versiegeln. Die Dokumente in Minuskelschrift sind von geschulten Schreibern angefertigt und gewähren einen Einblick in alltägliche Angelegenheiten der altsüdarabischen Mittel- und Unterschicht. Wir kennen Fibeln (wohl als Schreibübungen), Listen mit Personennamen (vermutlich für Abgaben oder Löhne), Handelskorrespondenz mit Bestellungen und Bezahlungen von landwirtschaftlichen Produkten wie Vieh oder Luxusgütern. Unter den Texten finden sich auch Abmachungen über die Verteilung von Wasser oder für gemeinsame Investitionen, Empfehlungsschreiben, oder einfache Briefe, in denen nach Neuigkeiten gefragt wird.

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Sprachen und Dialekte Die altsüdarabischen Sprachen und Dialekte gehören generell zur Familie der semitischen Sprachen (so wie Arabisch und Hebräisch). Unterschieden werden vier Hauptsprachen, bei denen Zeitstufen und Dialekte differenziert werden. Die geographische Verbreitung der Inschriften und der darin verwendeten Sprachen variiert durch die Zeiten und mit wechselnder Wichtigkeit der politischen Zentren. Über die genauen Verwandtschaften der verschiedenen Sprachen untereinander und zu den anderen semitischen Sprachen ist man sich nicht immer einig, doch sind die altsüdarabischen Sprachen zumindest geographisch und kulturell klar verbunden. Die wichtigste Sprache ist das Sabäische mit ca. 6'000 der geschätzten 10’000 bekannten Inschriften. Das Alt-Sabäische (10.  –   4. Jh.v.Chr.) wurde häufig Bustrophedon geschrieben. Das Mittel-Sabäische (3. Jh.v.Chr.  –   4. Jh.n.Chr.) ist in allen Regionen zu finden, mit den meisten Inschriften und mehreren Dialekten. Die Texte des Spät-Sabäischen (5./6. Jh.n. Chr.) werden oft nach der himyarischen Ära datiert und sind monotheistisch geprägt – mit einem Gott, der manchmal als ʾl(h)n „Gott“ oder rḥmn „Barmherzig“ bezeichnet wird. Die anderen altsüdarabischen Sprachen sind das Qatabanisch (ca. 5. Jh.v.Chr.  –   2. Jh.n.Chr.), das Hadramitische und das Minäische (8.  –   2. Jh.v.Chr.). Einige Fundorte zeugen von den weitreichenden Beziehungen der altsüdarabischen Städte und Reiche. Entdeckt wurden Texte in altsüdarabischer Schrift in Äthiopien, im von hadramawtischen Händlern gegründeten Hafen Khor Rawri im Oman (1. Jh.v.Chr.), sowie als modifizierte Variante in der saudischen Provinz al-Hasa’ an der Ostküste Arabiens. Minäische Texte kamen in der Handelskolonie von Dedan (NW von Saudi-Arabien), in Ägypten und Delos zum Vorschein. Zwei Graffiti aus dem Norden Jemens sind Altsüdarabisch geschrieben, jedoch ist die Sprache Arabisch; sie stammen aus der frühen islamischen Zeit. Mit der Islamisierung wurde schliesslich die altsüdarabische ganz durch die arabische Schrift abgelöst. Gemäss arabischen Historikern des 10.  –   12. Jhs.n.Chr. wurde das „Himyarische”, wie generell alles Altsüdarabische bezeichnet wurde, noch im Mittelalter im jemenitischen Hochland gesprochen. Elemente altsüdarabischer Sprachen finden sich noch im modernen jemenitischen Arabisch.

Wichtige Themen altsüdarabischer Texte Viele altsüdarabische Inschriften berichten von Bauaktivitäten an diversen Tempelanlagen. Kleinere Inschriften zeugen von den Bedürfnissen, die 46

Menschen die Tempel aufsuchen liessen. Einige Weihinschriften dokumentieren, wie Männer eine Gottheit um Erhalt der Gesundheit bitten, da sie auf Reisen mit einer fremden Frau geschlafen haben. Für die Geschichtsschreibung ragen einige Texte besonders hervor. Über den Aufstieg Sabas zur zentralen Grossmacht Altsüdarabiens informieren die Inschriften des Herrschers Karib’il Watar (ca. 7. Jh.v.Chr). Zwei lange Inschriften im Innenhof des AlmaqahTempels in Sirwah berichten von seinen Aktivitäten. Eine davon, bustrophedon geschrieben, zeugt von seinen Bauten und Grundstückskäufen. Die andere ist der berühmte Tatenbericht. Darin werden zunächst Rituale für Götter, die Vereinigung der sabäischen Stämme und die Instandhaltung der Wasserbauten von Ma’rib festgehalten. Dann werden acht Feldzüge geschildert, die in mehreren Regionen vom Südwesten des Landes bis in den Hadramawt geführt wurden. Für fast jeden Feldzug werden tausende Getötete, zehntausende Gefangene und hunderttausende an erbeutetem Vieh gezählt. An einigen Orten wurden auch Landnutzung und Bewässerung reorganisiert. Die vielen in dieser Inschrift genannten Orte und die grosse Zahl an Personen und Tieren zeugen von einer komplexen politischen Organisation und einer ökonomisch gut erschlossenen Landschaft. Wichtigster Gegner dieser Kampagnen war das südliche Nachbarreich Awsan (im heutigen Wadi Markha). Es kontrollierte Gebiete im Hadramawt und Qataban und damit Teile der Weihrauchstrasse, die auch für Saba essentielle Lebensader war. Die Erfolge Karib’il Watars als König Sabas und als Oberherr über weite Gebiete und Handelsrouten führten auch zu diplomatischen Kontakten mit dem assyrischen Reich, der damals grössten Macht im Nahen Osten. Aus der Endphase der Geschichte Sabas und Ma’ribs stammt die lange Inschrift des Abraha, die in eine ca. 2.5 m hohen Stele gehauen ist. Abraha war christlicher, abessinischer Herkunft und vom abessinischen Herrscher nach Südarabien entsandt, wo er König Sabas und der Himyariten wurde. Nachdem er einen Aufstand mehrerer Stämme niedergeschlagen hatte, widmete er sich in Ma’rib zwei wichtigen Projekten: der Restaurierung des gebrochenen Dammes und damit verbundener Anlagen, sowie dem Bau und der Weihung einer Kirche. Die Arbeiten wurden durch Epidemien verzögert. Während seines Aufenthaltes empfing Abraha Delegationen aus Rom, Persien, Äthiopien und diverser arabischer Stämme. Die Inschrift beginnt mit der Anrufung „des Rahmanan, seines Messias und des Heiligen Geistes“, also der christlichen Dreifaltigkeit. Am Ende der Inschrift werden Ausgaben für seine Restaurierungsarbeiten am Damm aufgezählt, die angeblich 58 Tage gedauert haben, und für deren Arbeiter folgende Verpflegung aufgewendet 47


wurde: „50'800 Mass Mehl, 2'600 Mass Datteln, Fleisch von 3'000 Stück Schlachttieren und Rindern, 207'000 Stück Kleinvieh, 300 Kamelladungen Getränke, … und 11'000 Schläuche von Dattelwein“. Rund 1300 Jahre auseinanderliegend zeugen die beiden Texte vom Aufstieg und vom letzten Höhepunkt Sabas als überregional bedeutender Macht. In dieser Zeit hatte sich Altsüdarabien auch von einer Region mit polytheistischer Religion zu einer Region im Spannungsfeld mehrerer monotheistischer Religionen gewandelt.

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Die Bewässerungslandwirtschaft: Die Lebensgrundlage Südarabiens Ueli Brunner

Südarabien liegt in den Tropen. Das Bergland geniesst daher gewittrige Sommerregen, die Küstenebenen und der Innensaum des Gebirges bleiben aber ganzjährig trocken. Schon im Neolithikum begannen die Bauern die Berghänge zu terrassieren. Im Norden, wo die Niederschläge geringer sind, wurde zusätzlich Wasser von kahlen Felsflächen auf die Felder geführt. In den Tälern am Ausgang des Gebirges wurden die Fluten mittels Ablenkdämmen auf grosse, mit Erdwällen eingefasste Felder geleitet. Eine spezielle Form dieser Flutbewässerung stellte der Grosse Damm von Ma’rib dar. Um die Flut auf die im Laufe der Jahrtausende gewachsenen Felder zu bringen, wurde sie aufgestaut und durch zwei Auslasse in ein Kanalsystem gespeist. Durch den im Koran erwähnten Bruch des Dammes zu Lebzeiten des Propheten Mohammed verdorrte die Oase und die Bewohner mussten auswandern. Beide Landwirtschaftsformen (Terrassierung und Flutbewässerung) werden noch heute angewandt. Sie sind also in jeder Beziehung nachhaltig.

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Feldterrassen im zentralen Hochland während der Trockenzeit. Foto: © U. Brunner.

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Südarabien und Jemen sind weitgehend identische Begriffe. Es handelt sich um die Landspitze am Südende der Arabischen Halbinsel, die vom Roten Meer und dem Golf von Aden als Teil des Indischen Ozeans umspült wird. Im Landesinnern grenzt die Sandwüste Rub’ al-Khali diese fruchtbare Ecke ab. Südarabien zeigt einen einheitlichen Aufbau. Eine öde Küstenebene geht abrupt in ein stark zerklüftetes Gebirge über, dessen höchste Erhebungen über 3500 m ü. M. erreichen. Etwas gemächlicher fällt das Randgebirge gegen die Binnenwüste ab, die auf rund 1000 m ü. M. liegt.

mächtigen Schotterebenen und bildet ausgedehnte Grundwasservorkommen. Die Kunst der Einheimischen war – und ist es immer noch – diese unbändigen Wassermassen für den Feldbau zu nutzen. Bereits im 4./3. Jt.v.Chr. bildeten sich zwei Bewässerungssysteme aus, eines im Gebirge, das andere in den Flusstälern, die sich bis heute bewährten. Im Gebirge legten die Bauern Terrassen an. Der Nordbau des Grossen Dammes von Ma’rib mit anschliessendem Hauptkanal. Der Erddamm schloss nach rechts an. Foto: © U. Brunner.

In der Küstenebene ist die Witterung ganzjährig feucht und heiss, obwohl kaum je Regen fällt. Im Gebirge prägt ein jahreszeitlicher Wechsel das Klima. Vom Oktober bis März herrscht Trockenzeit. Die Luft ist klar. Tagsüber wärmt die Sonne auf angenehme Temperaturen, nachts kühlt es empfindlich ab. Frost ist keine Seltenheit. Im April kommt es zu einer kurzen Regenzeit, die im südlichen Bereich genügend Niederschlag bringt, um die Felder zu bestellen. Die Monate Mai und Juni sind eher wieder trocken bevor im Juli die grosse Regenzeit einsetzt. Feuchte Meeresluft steigt an den Bergflanken auf, die senkrecht stehende Sonne erhitzt sie. Dies führt zu furchteinflössenden Gewittern. Ein Grossteil des Wassers sammelt sich in den Tälern und fliesst als Sturzflut ins Tiefland. Dies ist meist das einzige Wasser, das die Leute am Innensaum des Gebirges in der vollariden Wüste zu sehen bekommen. Hier versickert es in den Felder der Flutbewässerung in einem Tal nahe Ma’rib. Das Wasser kommt von links. Aufnahme aus dem Helikopter. Foto: © U. Brunner.

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Mit grossen Steinblöcken wurden Mauern hochgezogen, hinter denen sich das Lockermaterial sammelte und mit der Zeit einen fruchtbaren Boden bildete. Fortan blieben die Starkregen auf den horizontalen Feldern liegen und sickerten in den Boden ein. Die Bodenfeuchte reichte aus, damit die angesäte Kolbenhirse innert rund drei Monaten gedeihen und ausreifen konnte. In den nördlichen Regionen mit unsicheren Niederschlägen wurde mit einfachen Steinmäuerchen Wasser von angrenzenden Hangflächen zusätzlich auf die Felder geleitet. Für die Bewässerung der Gemüsegärten und der Dauerkulturen wurden im Gebirge grosse Zisternen angelegt. Mit der Terrassierung verringerten die Bauern den Wasserabfluss und die Bodenerosion. Auch in den Tälern nutzten die Bauern die Sturzfluten zur Bewässerung. Dies gelang ihnen, indem sie einen beinahe parallel zum Ufer verlaufenden Stein- und Erddamm schütteten, der einen Teil

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alle paar Jahrzehnte der Fall war, so brach der Erddamm. Dazu war eine Sollbruchstelle in der Mitte des Dammes eingebaut. Er war hier einfach etwas weniger hoch als gegen die Ränder hin. Der Sinn dieser Vorsichtsmassnahme war der Schutz des ausgedehnten Kanalsystems und der Felder vor der Zerstörung durch unkontrollierte Wassermengen.

Der Südbau des Grossen Dammes von Ma’rib. Der Erddamm reichte von links bis an die höchste Stelle des Steinbaus. Foto: © U. Brunner.

des Wassers allmählich auf die angrenzenden Landflächen führte. Durch das geringe Gefälle wurde die Fliessgeschwindigkeit verringert, bevor das Wasser in grosse, mit Erdwällen eingerahmte Felder geleitet wurde. Der Boden wurde knietief überflutet, bevor das überschüssige Wasser ins nächste Feld oder zurück ins Wadi gegeben wurde. Die Erfahrung hatte die Bauern gelehrt, dass diese einmalige Wassermenge für eine Getreideernte ausreichte. Diese Flutbewässerung bot zudem den Vorteil, dass mit jeder Bewässerung fruchtbare Schwemmstoffe, überwiegend Silte und Tone, auf die Felder gelangten. Das berühmteste antike Bauwerk Südarabiens ist sicher der Grosse Damm von Ma’rib. Er steht in der Tradition der Flutbewässerung, obwohl dies nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Der Grosse Damm war eine Talsperre aus Erde und Steinen, 680 m lang und im Schnitt etwa 20 m hoch. An beiden Enden ragten solide Auslassbauten aus Kalkquadern hervor, der Nord- und Südbau, die das Wasser in je einen breiten Kanal leiteten. Diese verzweigten sich mehrfach und bewässerten die Oase von Ma’rib. Über eine breite, massive Steinmauer am Nordbau wurde überschüssiges Wasser in ein Seitental abgeführt. Mit diesen Einrichtungen konnten bis gegen 1'000 m3 Wasser pro Sekunde gebändigt werden. Dies entspricht der Wasserführung des Rheins in Basel bei Hochwasser. Brachte die Flut noch grössere Wassermassen, was 54

Funktionsskizze des Grossen Dammes von Ma’rib. Zeichnung: © U. Brunner.

Hier stellt sich die Frage, weshalb die Sabäer in Ma’rib mit einer Talsperre und nicht mit einem Ablenkdamm arbeiteten wie sonst in ganz Südarabien üblich? Als Antwort müssen zwei Gründe angeführt werden. Einen wichtigen Faktor bildet die Topographie. Das wasserspendende Wadi Dhana durchbricht in einer Klus die Kalkberge des Jibal Balaq, bevor es sich in die Ebene von Ma’rib ergiesst. In einer Schlucht kann aber kein Ablenkdamm mit anschliessendem Kanal gebaut werden, der ein Hochwasser übersteht. Der entscheidende Faktor ist in der Geschichte der Bewässerung zu suchen. Es gibt einige Hinweise, dass in früher Zeit, also im 3. und 2. Jt.v.Chr. auch die Sabäer mit Ablenkdämmen arbeiteten. Es liegt aber im Wesen der Flutbewässerung, dass die Felder durch Ablagerung von Schwebstoffen allmählich in die Höhe wachsen. Verschiedene Berechnungen und Messungen zeigen, dass die Felder und damit die ganze Oase um durchschnittlich etwas mehr als einen Zentimeter pro Jahr anwuchsen. Der Beginn der Bewässerung erfolgte in der ersten Hälfte des 3. Jt.v.Chr., der inschriftlich belegte Bau des Grossen Dammes wurde aber erst im 6. Jh.v.Chr. ausgeführt. Das heisst, dass die Oberfläche der Oase seit Beginn der Bewässerung bereits um rund 20 m in die Höhe gewachsen war. Um das 55


Wasser aus dem tiefer gelegenen Wadi auf die erhöhten Felder zu führen, wurde der Ablenkdamm immer weiter talaufwärts verlegt. Im 6. Jh.v.Chr. wäre er in die Klus zu liegen gekommen. Dies war nicht möglich. Deshalb wurde eine Talsperre gebaut, die die Flut in einem See aufstaute, bis sie das Niveau der Felder überschritt. Erst jetzt konnte das Wasser über das Kanalnetz zur Bewässerung der Felder genutzt werden. Der See hinter dem Damm war also kein Stausee im schweizerischen Sinn, von dem das Wasser durch einen Grundauslass allmählich verwendet werden konnte. Das Prinzip der Flutbewässerung, das Wasser sofort auf die Felder zu leiten, wurde beibehalten. Dieser Effekt ist im vollariden Klima von Ma’rib absolut sinnvoll.

Grossen Dammes. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung kam das bewährte System an seine Kapazitätsgrenzen. Die Oasenoberfläche hatte beinahe die Höhe des Dammes erreicht. Wie Inschriften berichten, brach der Damm immer öfter. Die Wiedererrichtung des riesigen Dammes stellte die kleiner werdende Kommune von Ma’rib vor immer grössere Probleme. Zu Lebzeiten des Propheten Mohammeds schafften die Einwohner von Ma’rib den Wiederaufbau nicht mehr. Die Oase verdorrte und die Leute wanderten aus. Diese traurige Episode ist im Koran, Sure 34, Verse 15 – 17 festgehalten: „Die Sabäer hatten doch seinerzeit an ihrem Wohnort ein Zeichen, das sie hätten beherzigen sollen: zwei Gärten einen zur Rechten und einen zur Linken. Und es wurde zu ihnen gesagt: „Esst von dem, was euer Herr euch beschert hat, und danket ihm dafür! Es ist ein gutes Land in dem ihr wohnt, und der euch gebietet ist ein Herr, der bereit ist zu vergeben.“ Aber sie wandten sich ab statt sich dankbar zu zeigen. Da sandten wir die Dammflutkatastrophe über sie und tauschten ihnen gegen ihre beiden fruchtbaren Gärten zwei andere ein, in denen es nur Dornbuschfrüchte, Tamarisken und einige wenige Zizyphusbäume gab.” Über die Bewirtschaftung der zwei zusammen etwa 9’600 ha grossen sabäischen Gärten ist wenig bekannt. Vermutlich wurde als Grundnahrungsmittel in den Überflutungsfeldern ein Getreide angebaut und um Brunnen herum lagen Gärten mit Hülsenfrüchten. Verlässlich dokumentiert sind Dattelpalmenkulturen. Die Bäume standen in regelmässiger Anordnung wie Spuren an der Oberfläche zeigen. Die berühmte Myrrhe wuchs ausserhalb der Oase am Gebirgsfuss und brauchte keine Bewässerung.

Karte der Verbreitung der zwei wichtigsten Formen der Bewässerung. Karte: © U. Brunner.

Die Verdunstung ist enorm. Das Salz reichert sich in Kürze an und bildet eine weisse Kruste am Rand des Sees, wie dies der neu erstellte Stausee offenbart. Das Wasser aus dem modernen Stausee ist zu salzig, um noch für die Bewässerung von Pflanzen verwendet zu werden. Ein weiterer Vorteil der Flutbewässerung war, dass die Düngung der Felder mit Schwebstoffen weiterhin stattfand. Dadurch erhöhte sich die Oase auch nach dem Bau des 56

Ma’rib mit seinen zwei Gärten und dem Grossen Damm ist sicher das bekannteste Beispiel altsüdarabischer Landwirtschaft. In der Antike dehnten sich in jedem grösseren Wadi am Rande der Binnenwüste fruchtbare Oasen aus. Beste Belege dafür sind die hellen Schwebstoffablagerungen, die selbst auf alten, schlecht auflösenden Satellitenbildern sichtbar waren. Im Herzland des Königreichs Qataban, dem Wadi Bayhan, bedeckten die Felder mindestens 10’000 ha und im Wadi Markha waren es 6’900 ha. Daneben konnten in vielen kleineren Wadis Überreste antiker Felder aufgespürt werden. Die Satellitenbildinterpretation ergab für den gesamten Innensaum des Gebirges ohne die mächtigen Wadis Hadramawt und Jawf einen Bestand an bewässerten Flächen in der Antike von insgesamt mindestens 44’500 ha. In den letzten dreissig Jahren bildeten diese fruchtbaren Böden die landwirtschaftliche Reserve für die explodierende Bevölkerung des Jemen. Sie wurden wieder unter den Pflug genommen und von 57


Tiefbrunnen aus bewässert. Damit wurden die grossflächigen Zeugen antiker Bewirtschaftung unkenntlich gemacht. Gerade in der heutigen düsteren Zeit mit Bürgerkrieg und Importbann stellen die zwei vor beinahe 5000 Jahren entwickelten Landwirtschaftsformen das Rückgrat der Ernährung der Bevölkerung dar. Die antiken Terrassen werden intensiv unterhalten und bewirtschaftet. Auf ihnen wachsen die Grundnahrungsmittel Kolbenhirse und Mais. Auch in den Tälern wird überall die Flutbewässerung angewandt. Hier wird überwiegend Kolbenhirse angepflanzt. Die Bewirtschaftungszeit von mehreren Jahrtausenden zeigt, dass beide Formen der Landwirtschaft in jeder Beziehung als nachhaltig eingestuft werden können.

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„Der gesammelte Weihrauch wird auf Kamelen nach Sabata gebracht, wo ein einziges Tor für ihn geöffnet wird. (....) Ihre Hauptstadt Tamna ist von der an der Küste in Judäa gelegenen Stadt Gaza 1’487’500 Schritt entfernt, eine in 65 Kamelraststätten eingeteilte Strecke. Auch an die Priester und Schreiber der Könige werden gewisse Anteile abgeführt. Ausserdem aber beanspruchen davon einiges auch Wächter, Gefolge, Türhüter und Diener. Überhaupt: Wo auch immer der Weg durchführt, muss man bald hier für Wasser, bald dort für Futter oder für Herbergen und für verschiedene Durchgangszölle zahlen, so dass sich die Ausgaben für ein Kamel bis an unsere Küste auf 688 Denare belaufen, und überdies wird auch noch an die Zolleinnehmer unseres Reiches gezahlt. Deshalb beträgt der Preis für das Pfund des besten Weihrauchs sechs, für die zweite Sorte fünf und für die dritte drei Denare.“ Plinius der Ältere, Naturgeschichte 12,63-65 (1. Jh.n.Chr.)

„Weihrauch, Myrrhe, Kasia und Zimt kommen aus der Halbinsel der Araber, aus der Gegend von Saba, Hadramawt, Qataban und Ma’in. Der Weihrauch- und Myrrhenbaum wachsen teils auf dem Gebirge, teils auf eigenen Äckern am Fusse der Berge; daher werden sie teils gebaut, teils nicht.“ Theophrast von Eresos, Pflanzenkunde 9,4,2 (spätes 4. Jh.v.Chr.)

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Weihrauchbaum (boswellia sacra). Foto: © fotolia.

Der legendäre Reichtum der altsüdarabischen Königreiche zieht sich ausgehend vom Bericht im Alten Testament wie ein Leitmotiv durch die Beschreibungen der antiken Autoren. Er beruht auf zwei Gegebenheiten. Dank eines ausgeklügelten Bewässerungssystems konnten ungünstige, trockene Gebiete bewohnbar gemacht werden. Die Bewässerungsanlagen schufen die Grundlage für eine blühende Landwirtschaft. Dass die Hauptstädte der südarabischen Königreiche am Übergang zwischen Trockentälern und den Wüstenregionen lagen, hatte indes einen weiteren Grund: Sie lagen nahe an den Karawanenrouten, die die Wüste Ramlat as-Sab’atayn umgingen und die Südküste der Arabischen Halbinsel mit den Hafenstädten der Levante und den Metropolen Mesopotamiens verbanden. Die bekannteste Handelsverbindung war die sog. Weihrauchstrasse, die die Kerngebiete der altsüdarabischen Königreiche durchzog. Über sie erreichten die wohlriechenden Harze von den Anbaugebieten im Süden der Arabischen Halbinsel die Mittelmeerküste. Die Nachfrage nach diesen Duftstoffen (hauptsächlich Weihrauch und Myrrhe) war im Vorderen Orient, in Ägypten und vor allem im griechisch-römischen Raum immens. Als Räucherwerk wurden sie vorwiegend in kultischen Handlungen verwendet, dienten aber auch als Rohstoff bei der Herstellung von Parfüm und Heilmitteln.

Die Grundlage des altsüdarabischen Reichtums: Der Handel mit Duftstoffen Laurent Gorgerat

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Wohlriechende Harze. Ein begehrter Rohstoff Duftstoffe in Form von Räucherwerk spielten in den meisten Kulturen des antiken Mittelmeerraums und des Vorderen Orients eine wichtige Rolle. Die Harze, allen voran Weihrauch und Myrrhe, waren besonders in religiösen Handlungen und im Totenkult begehrt. Der wohlriechende, dicke Rauch, der beim Verbrennen der Harze von den Altären der Tempel und Heiligtümer emporstieg, sollte die Kommunikation mit den Göttern ermöglichen, sie friedlich stimmen und für die Gebete der Priester empfänglich machen. Auch im häuslichen, profanen Gebrauch haben Duftstoffe aber eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gehabt, bedenkt man, dass die Gerüche einer antiken Stadt wohl alles andere als angenehm waren. Bei der Herstellung von Körperparfümen spielten Harze ebenfalls eine wichtige Rolle, so beispielsweise Myrrhe, deren Öl als Fixativ verwendet wurde. In Ägypten wurde Myrrhe als Balsam bei der Mumifikation verwendet. Zahlreichen dieser Essenzen sagte man ferner medizinale Wirkungen nach. So benutzte man beispielsweise Weihrauch aufgrund seiner blutstillenden und wundheilenden Eigenschaften bei der Herstellung von Medikamenten. Es bleibt im Dunkeln, wann genau der Handel mit Aromata anfing. In den mesopotamischen Quellen wurde bereits im ausgehenden 3. Jt.v.Chr. von wohlriechenden Harzen aus Dilmun (heute Ostarabien/Bahrain) berichtet. Bemalte Reliefs im Tempel von Deir el-Bahari der ägyptischen Pharaonin Hatschepsut (1479  –  1458 v.Chr.) zeigen, wie eine Schiffsexpedition in das sagenumwobene Land Punt (Somalia oder Äthiopien) reiste, um dort wohl Weihrauchbäume aufzuladen. Auch die Geschichte vom Besuch der Königin von Saba bei Salomo im 1. Buch der Könige spielt auf die Handelstätigkeit mit exotischen Waren an. Neuassyrische Quellen aus dem 8. und 7. Jh.v.Chr. berichten von südarabischen Händlern und tributpflichtigen Königen mit Geschenken in Form von Duftharzen. Besser ist die Quellenlage ab dem 5. Jh.v.Chr. Da wäre beispielsweise der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der zum ersten Mal „Arabia“ als Herkunftsort zahlreicher Aromata nennt. Die früheste direkte Nennung der altsüdarabischen Königreiche im Zusammenhang mit der Produktion von Duftharzen stammt vom eingangs zitierten Theoprast von Eresos, einem Naturforscher aus dem ausgehenden 4. Jh.v.Chr. Er zählt die wichtigsten Königreiche, nämlich Saba, Hadramawt, Qataban und Ma’in als Herkunftsorte zahlreicher Aromata auf. Weihrauch 62

Palmyra

Sidon Tyros

Seleukia

Damaskus

Jerusalem

Babylon

Gaza Petra

Bosra

Charax

Ailana

Dumat Tayma

Myos Hormos

Hegra

Koptos

Gerrha?

Qala’at al-Bahrain

Yathrib

Berenike

Qaryat al-Faw

Najran

Ma’rib

Yeha

Moscha

Shabwa

Sumhuram

Weihrauch

Tamna Muza

Okelis

Myrrhe

Qani

Karawanenrouten

Aden

Sokotra

Verbreitung von Weihrauch und Myrrhe sowie Handelswege. Karte: © L. Gorgerat. 63

Seerouten


und Myrrhe waren aufgrund ihrer weiten Verwendung zweifelsohne die Spitzenreiter unter den wohlriechenden Harzen. Beim Weihrauch (boswellia sacra) handelt es sich um einen kleinen, stark verzweigten Baum, der von der Antike bis heute hauptsächlich im Gebiet zwischen Hadramawt und Dhofar (im heutigen Oman) wächst. Durch Anritzen des Stamms gewinnt man das zähflüssige Harz, das anschliessend an der Luft trocknet und das in Form von kleinen Perlen eingesammelt wird. Die Myrrhe (commiphora myrrha) kommt als strauchähnliches Gewächs in denselben Regionen vor wie der Weihrauch. Sie wächst aber auch deutlich weiter westlich. Betrachtet man diese relativ beschränkte Verbreitung und die damit verknüpften weiten Verkehrswege bis zum Endkonsumenten in Mesopotamien, Ägypten, Griechenland und Rom, so erstaunt es nicht, dass für diese exotischen Güter immense Preise bezahlt wurden. Neben Weihrauch und Myrrhe wurden auch weitere Produkte gewonnen und gehandelt: Das Harz der Zistrose, Zimt und Cassia, Aloe Vera und Balsam trugen zum Erfolg der Karawanenrouten bei. Verschiedene Sorten von altsüdarabischen Duftstoffen sind uns inschriftlich auf Weihrauchbrennern erhalten.

Der Handel mit Duftharzen Einiges scheint dafür zu sprechen, dass der Handel mit Duftharzen wie Myrrhe und Weihrauch im 8. Jh.v.Chr. bereits blühte. Ihr Transport konnte aufgrund der Distanzen, der Topographie und der klimatischen Bedingungen nur mit Dromedaren (camelus dromedarius) bewältigt werden. Bisher wusste man, dass die erste Domestikation von Wildkamelen im Verlaufe des späteren 2. Jts.v.Chr. stattfand. Neuere Forschungen im Bereich der Genetik haben gezeigt, dass diese Domestikation wohl an der Südostküste der Arabischen Halbinsel erfolgte, also genau in dem Gebiet, das für den Handel mit Spezereien so wichtig war. Erstaunlicherweise besitzen wir aus Südarabien ganz wenige Schriftzeugnisse, die sich direkt mit dem Karawanenhandel befassen. Ergiebiger sind auch da die Beschreibungen griechisch-römischer Autoren, allen voran Plinius d. Älteren. Seinem Bericht entnehmen wir nicht nur, dass eine Karawane rund 65 Tage von Tamna, der Hauptstadt Qatabans, bis nach Gaza benötigte, sondern weshalb die Preise so hoch ausfielen und wer daran verdiente. Von den Anbaugebieten im Hadramawt und im Dhofar gelangten die Karawanen zunächst nach Shabwa, der Hauptstadt des Königreichs Hadramawt, das als regelrechte Handelsplattform fungierte. Es wird auch deutlich, dass die Kontrolle des gesamten Handels fest in den Händen der politischen Elite lag. 64

Nebst der Landverbindung scheint es ab der Zeitenwende auch einen Seeweg vom Dhofar nach Qani, einem Hafen auf hadramawtischem Gebiet, gegeben zu haben. Dort wurde ebenfalls die Weihrauchernte der Insel Sokotra abgeladen. Die wertvollen Ladungen gelangten zunächst in den Tempel von Shabwa, wo die Priester einen Zoll erhoben und die Ladung an minäische Händler weiterreichten. Diese hatte sich seit etwa dem 7. Jh.v.Chr. auf die Organisation und Finanzierung von grossen Karawanen spezialisiert. In Shabwa formierten sich Karawanen, die aus mehreren hundert Kamelen bestanden (gewisse Quellen sprechen sogar von bis zu 2'000 Tieren). Bedenkt man, dass ein einziges Kamel zwischen 150 – 250 Kilogramm transportieren konnte, so kommt man auf beachtliche Gütermengen. Die Karawanenroute führte anschliessend durch die Hauptstädte der wichtigsten Königreiche, Haar Yahir (Awsan), Tamna (Qataban), Ma’rib (Saba) und Ma’in (Ma’in), wo jeweils Zölle erhoben wurden. Die Preise wurden aber nicht nur durch die Zölle in die Höhe getrieben, sondern auch durch die Kosten für Futter und vor allem für die Eskorten, die die wertvollen Karawanenladungen vor nomadisierenden Räuberbanden schützen sollten. So berichtet wiederum Plinius, dass die eine Hälfte der Araber vom Handel lebte, die andere Hälfte hingegen von Raubzügen (Plinius, Naturgeschichte 6,162). Im weiter nördlich gelegenen Najran verliessen die Karawanen schliesslich das altsüdarabische Gebiet.

Weihrauchbrenner mit Inschriften. The British Museum, London, Inv. 113231. Foto: © The Trustees of the British Museum.

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Eine Karawanenroute wies in nordöstliche Richtung zur Stadt Gerrha und weiter nach Mesopotamien. Die eigentliche Weihrauchstrasse verlief nach Nordwesten in das von den Nabatäern kontrollierte Nordwestarabien, wo einer der letzten grossen Umschlagplätze lag – die nabatäische Hauptstadt Petra. Von da an war es nur noch eine kurze Reise bis nach Gaza, wo die Spezereien auf Schiffe umgeladen wurden und ihre Reise in den Westen fortsetzten. Obschon diese sehr wichtige Handelsroute als Weihrauchstrasse in die Geschichte einging und Weihrauch (und Myrrhe) einen grossen Teil der Karawanenladungen ausmachte, darf man nicht vergessen, dass weitere Luxusgüter den gleichen Weg nahmen. Nicht alle Produkte, die auf den Karawanenwegen transportiert wurden, wurden in Südarabien produziert. Vielmehr optimierten die südarabischen Händler den Ertrag ihrer Karawanen dadurch, dass sie Luxusgüter aus Indien (Pfeffer, Edelsteine, Textilien) und aus Ostafrika (Elfenbein, Schildkrötenpanzer) umschlugen. Der Karawanenhandel blühte bis ins späte 1. Jh.v.Chr. und generierte enorme Erträge für die Produzenten und Händler. Dies weckte natürlich das Interesse Roms. Nach der Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich, zielte Augustus um 25/24 v.Chr. auf Südarabien, um diesen lukrativen Handel direkt unter römische Kontrolle zu bringen. Doch die Expedition des Präfekten Aelius Gallus scheiterte vor den Toren Ma’ribs. Obschon es Rom nicht gelang, Südarabien zu erobern und den Handel mit Spezereien zu kontrollieren, verlor die Weihrauchstrasse ihre Dominanz. Grund dafür war, dass man zu dieser Zeit die Monsunwinde auf dem Roten Meer besser zu beherrschen verstand, was ermöglichte, einen Teil der Güter auf dem Seeweg nach Norden zu bringen. Trotz dieser Konkurrenz blieb der Karawanenhandel bis in islamische Zeit weiterhin wichtig.

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Ma’rib. Hauptstadt des Reiches von Saba. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut.

Die Königreiche Südarabiens: Ein historischer Überblick Laurent Gorgerat

„In dem äussersten Teil des besagten Landes wohnen die vier grössten Völker: die Minäer in dem am Roten Meer gelegenen Teil (ihre grösste Stadt ist Karna oder Karana [Ma’in]); an sie schliessen sich die Sabäer an (ihre Hauptstadt ist Mariaba [Ma’rib]); drittens die Kattabaner, die bis zu der Meeresenge und dem Übergang über den Arabischen Golf reichen (ihr Königssitz heisst Tamna); und am weitesten im Osten die Chatramotiter (ihre Stadt ist Sabata [Shabwa].“

Das antike Südarabien umfasste einst weitgehend die Gebiete des heutigen Jemens. Die antiken Autoren nannten das Land aufgrund seines Reichtums „Glückliches Arabien“. Es zeichnete sich in erster Linie durch eine starke geographische Zersplitterung aus, die sich entscheidend auf seine Geschichte auswirkte. Im Verlaufe des 1. Jahrtausends v.Chr. formierten sich in den grösseren Bergtälern einzelne Stammesverbände zu selbständigen Königreichen. Die wichtigsten waren Saba, Qataban, Awsan, Hadramawt und Ma’in. Massgeblich für diese Entwicklung war einerseits, dass die Stämme das Land mittels aufwändiger Infrastruktur fruchtbar machen konnten. Andererseits besassen sie die Kontrolle über die alten Karawanenrouten, die den Süden der Arabischen Halbinsel mit den Hafenstädten des östlichen Mittelmeeres verbanden. Landwirtschaft und Handel von exotischen Waren (Weihrauch, Myrrhe, Edelsteine, Textilien) bildeten das wirtschaftliche Rückgrat dieser sogenannten Karawanenreiche. Von den fünf genannten Stämmen setzte sich ab dem 8. Jh.v.Chr. das Reich Saba mit der Hauptstadt Ma’rib durch. Es vermochte, die meisten rivalisierenden Stämme zu unterwerfen. Fortan war die Geschichte Südarabiens eng mit der Entwicklung des sabäischen Königreichs verbunden. Bis ins 1. Jh.v.Chr. prägten diese Karawanenreiche die Geschichte Südarabiens. Doch zur Zeitenwende nahm ihre Bedeutung ab. Grund dafür waren wirtschaftliche Veränderungen, innenpolitische Rivalitäten und aussenpolitischer Druck zu Gunsten der sogenannten Bergstämme im südwestlichen Hochland. Stammesverbände gründeten das Reich Himyar und setzten sich allmählich gegen Qataban und schliesslich gegen Saba durch. Die Dominanz von Himyar prägte die nachchristlichen Jahrhunderte bis schliesslich die altsüdarabische Kultur in jüdisch-christlichen Glaubenskriegen versank und sich mit der Expansion des Islam im 7. Jh.n.Chr. auflöste.

Strabon, Geographie 16,4,2 (C 768) (spätes 1. Jh.v.Chr.)

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Die geographischen Voraussetzungen Befasst man sich mit der Geschichte Südarabiens, stellt man fest, dass die Topographie und die damit verbundenen klimatischen Bedingungen einen besonders grossen Einfluss auf die historische Entwicklung ausgeübt haben. Auffallend ist zunächst die überregionale, geographische Situation (Karte Umschlag): Im Westen erheben sich massive Gebirgszüge, die den östlichen Küstenstreifen des Roten Meers, die Tihama, abtrennen. Vor allem im Westen und im Süden befinden sich sehr hohe Berge, die im Gebiet von Sana’a eine Höhe von 3760 m ü. M. erreichen können. Unzählige Täler, sog. Wadis, die durch periodisch fliessende Gewässer im Laufe der Jahrtausende entstanden sind, prägen die Region. Gegen Osten hin flacht das Gelände sukzessive ab. Es mündet in der als Ramlat as-Sab’atayn bezeichneten Sandwüste, die den südlichsten Ausläufer des sog. „Leeren Viertels“ (arab. Rub’ al-Khali) darstellt, eine der grössten Wüsten der Welt. Diese Einöde erstreckt sich ihrerseits bis zu den weiter östlich liegenden Ebenen des Wadi Hadramawt, dem Anbaugebiet des Weihrauchbaums. Im Verlauf des 1. Jts.v.Chr. entstanden in den grössten Wadis autonome Königreiche, die die Geschichte des antiken Südarabiens prägten. Von Ost nach West waren dies die Königreiche Hadramawt (im Wadi Hadramawt), Awsan (im Wadi Markha), Qataban (im Wadi Bayhan) und Saba (im Wadi Dhana). Die nördlich von Saba gelegene, und als Jawf bekannte Senke, bildete das Stammland von Ma’in, Nashshan, Haram und Kaminahu. Dass die Hauptstädte dieser Königreiche jeweils am Übergang von Wadis in das Wüstengebiet lagen, mag zwei Gründe haben. Zum einen war es so möglich, die zweimal jährlich vom Gebirge kommenden und vom Monsunregen ausgelösten Wassermengen zu kanalisieren, auf die Felder zu leiten und so Landwirtschaft zu betreiben. Zum anderen konnten dort die wirtschaftlich wichtigen Karawanenwege, allen voran die sog. Weihrauchstrasse, die durch die Wüste Ramlat as-Sab’atayn verliefen, optimal kontrolliert werden. Landwirtschaft und Karawanenhandel waren entscheidend für die Prosperität der altsüdarabischen Königreiche. Die Geschichte Altsüdarabiens, so komplex sie auch zeitweise erscheinen mag, lässt sich grob in zwei Perioden gliedern: Etwa vom 8. Jh.v.Chr bis zum 1. Jh.n.Chr. ist sie von den sog. Karawanenreichen geprägt; anschliessend übernehmen bis ins 6. Jh.n.Chr. die Bergstämme des jemenitischen Hochlands die Vormachtstellung.

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Weihrauchbrenner mit Kamelreiter. The British Museum, London, Inv. 125682. Foto: © The Trustees of the British Museum.

Die Epoche der Karawanenreiche (8. Jh.v.Chr. – 1. Jh.n.Chr.) Es ist kein Zufall, dass gerade Saba das älteste schriftlich erwähnte altsüdarabische Reich ist, gelang es doch diesem Stamm spätestens ab dem 8. Jh.v.Chr. seinen Einfluss von seiner Hauptstadt Ma’rib aus auf grosse Teile des heutigen Jemens auszuweiten. Obschon die Bedeutung Sabas im Verlaufe der Zeit zu Gunsten anderer Königreiche abnahm, so bildet dessen Historie in gewisser Weise den roten Faden für die Geschichte der gesamten südlichen Halbinsel. Die früheste gesicherte Erwähnung Sabas und der Sabäer ausserhalb Südarabiens fällt in die Mitte des 8. Jhs.v.Chr. In einem assyrischen Text berichtet ein Gouverneur aus dem Gebiet des mittleren Euphrats von einem erfolgreichen Raubzug gegen eine Karawane. Diese habe aus Leuten von Tema (im Nordwesten der Arabischen Halbinsel gelegen) und Saba bestanden, welche unerlaubt sein Territorium durchquert hätten. Unwesentlich später erwähnen die Annalen des neuassyrischen Königs Tiglatpileser III. (745  –   726 v.Chr.) die Sabäer als eines der tributpflichtigen Völker. Das vielleicht aussagekräftigste Zitat stammt allerdings aus der Regierungszeit Sanheribs (705  –   680 v.Chr.): Gemäss einer Inschrift aus Assur soll ein gewisser Karibilu, König von Saba, Edelsteine und Aromata gesandt haben. Dieser Beleg ist in zweierlei Hinsicht von besonderem Interesse. Zum einen repräsentieren diese Gaben die für den lukrativen Karawanenhandel wichtigen Produkte, die bereits so früh für den Reichtum Südarabiens standen. Zum anderen ist der Karibilu der neuassyrischen Quelle möglicherweise der sabäische König Karib’il Watar, Sohn des Dhamar’ali, der Saba im frühen 7. Jh.v.Chr. zu einer ersten Blütezeit führte. Mit letzter Gewissheit lässt sich dies nicht bestätigen, da sabäische Könige oft die gleichen Namen trugen und man 73


so nicht immer weiss, welcher Herrscher gemeint ist. Das Hauptmerkmal dieser Epoche, die mit diesen ersten schriftlichen Berichten aus Südarabien fassbar wird, ist das Bestreben der verschiedenen Stämme und Königreiche der Region, den Karawanenhandel unter ihre Kontrolle zu bringen. Im 7. Jh.v.Chr. gelang dies dem bereits erwähnten Sabäer Karib’il, der seine erfolgreichen Taten in einer Monumentalinschrift im Heiligtum von Sirwah niederschreiben liess. In acht Feldzügen brachte er den gesamten westlichen Teil des heutigen Jemens unter seine Herrschaft und weitete den Einfluss Sabas auf die südlich gelegenen Königreiche Qataban und Hadramawt aus. Man muss sich dieses Herrschaftsgebiet allerdings nicht als starre, fest definierte Einheit im Sinne einer Nation vorstellen. Die verschiedenen Königreiche blieben selbständig, anerkannten jedoch die Hegemonie Sabas unter Karib’il Watar. Bezeichnend dafür ist der sabäische Titel des ‘Mukarribs’, den Karib’il trug. Dieser Begriff lässt sich am besten mit ‘Versammler’ übersetzen. Etwa zur gleichen Zeit formierten sich im nördlich von Saba gelegen Jawf mehrere Stämme zum Königreich Ma’in, das sich – im Gegensatz zu Saba – nicht einer aggressiven Expansion hingab, sondern sich gänzlich auf den Handel mit Spezereien spezialisierte. Die Vormachtstellung Sabas sollte aber nicht von langer Dauer sein. In der Inschrift von Sirwah noch als Verbündeter erwähnt, emanzipierte sich ab dem Ende des 7. Jhs.v.Chr. das östlich gelegene Qataban nach mehreren Konflikten von Saba und brachte die Karawanenrouten im Süden unter eigene Kontrolle. Dass sich schliesslich Qataban als Sieger durchgesetzt hat, geht u. a. daraus hervor, dass ab dem 6. Jh.v.Chr. der Titel des ‘Mukarribs’ nun von qatabanischen Herrschern geführt wurde. Qataban und die Hauptstadt Tamna scheinen ihren Einfluss auch auf die Südküste und somit auf den Seehandel mit Indien ausgedehnt zu haben. Die Blütezeit der Karawanenrouten dauerte rund vom 5. bis zum 2. Jh.v.Chr. Über sie wurden hauptsächlich Weihrauch und Myrrhe aus dem Hadramawt sowie weitere exotische, aus Indien stammende Waren bis an die Häfen des Mittelmeeres befördert. Dieser Handel brachte den involvierten Parteien enormen Reichtum – ob Zwischenhändler wie die Sabäer und Qatabanen, oder Produzenten wie die Hadramiten.

Tatenbericht des Karib’il Watar im Heiligtum von Sirwah. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut.

Die wirtschaftlich-politische Situation änderte sich jedoch im Verlaufe des 1. Jhs.v.Chr. zu Ungunsten der Karawanenreiche. Ein Faktor war, dass das Rote 74

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Meer durch günstige Ausnutzung der Monsunwinde schiffbar wurde. Dies eröffnete die Seeroute von der Südküste Arabiens über den Bab-el Mandab ins Rote Meer und konkurrenzierte die alten Karawanenrouten. Zudem tritt im Jahre 25/24 v.Chr. die Grossmacht Rom auf den Plan. Nach der Eingliederung Ägyptens in das Römische Imperium um 31 v.Chr. liebäugelte Augustus mit dem Reichtum Arabiens und schickte seinen Präfekten Aelius Gallus auf einen Feldzug gegen die Sabäer. Obschon es die römischen Legionen bis vor die sabäische Hauptstadt Ma’rib schafften, mussten sie – dezimiert durch Krankheiten und Wassermangel – die Belagerung nach sechs Tagen erfolglos abbrechen und unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dieser aussenpolitische Druck und die wirtschaftlichen Faktoren schwächten die alten Karawanenreiche Qataban und Saba, während Hadramawt mit der Gründung von Hafenstädten an seiner Südküste am Seehandel teilnahm. Wie schon Jahrhunderte zuvor übernahm schliesslich das dominierende Königreich – nun Hadramawt – den Titel ‘Mukarrib’ für seine Herrscher.

Die Epoche der Bergstämme (1. – 6. Jh.n.Chr.) Durch die Schwächung der Karawanenreiche gewannen ab dem 1. Jh.v.Chr. einzelne Bergstämme an Einfluss, wie beispielsweise die Stämme der Bakil, Sam’i und Dhamari im Gebiet von Sana’a. Vor allem im Südwesten der Halbinsel erstarkten die unter dem Begriff Dhu-Raydan oder Himyar zusammengefassten Stämme. Von ihrem Stammessitz aus, der Stadt Zafar im jemenitischen Hochland, erlangten sie zunächst die Unabhängigkeit von Qataban, bevor sie dieses dann im Verlaufe des 2. Jh.n.Chr. annektierten. Aufgrund der abnehmenden Bedeutung der alten Karawanenrouten und der teilweisen Verschiebung des Handels auf See, orientierten die Bergstämme ihre Expansion in Richtung Küste, um den Seehandel auf dem Roten Meer zu kontrollieren. So wurde beispielsweise im 3. Jh.n.Chr. die Hafenstadt Aden von einer himyarischen Stammeskoalition eingenommen. Bis ins späte 3. Jh.n.Chr. kämpften Saba und Himyar regelmässig um die Vormacht in Südarabien. Dass bereits um 115 v.Chr. Himyar in diesem Kampf die Oberhand gewann, zeigt sich an der Einführung einer neuen, himyarischen Zeitrechnung. Mit der Eroberung Sabas durch den himyarischen Fürsten Shammar Yuhar’ish gegen 275 n.Chr. fanden die Konflikte zwischen den beiden konkurrierenden Mächten ein Ende. Als es den Himyaren kurz darauf auch noch gelang, Hadramawt zu annektieren und die aus Äthiopien stammenden und in

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der Tihama eingefallenen Abessinier zu vertreiben, war ganz Südarabien zum ersten Mal in seiner Geschichte unter einer einzigen Herrschaft vereint. Dies schlägt sich auch in der neu eingeführten Königstitulatur nieder: Die himyarischen Herrscher trugen fortan die Bezeichnung “König von Saba, Dhu-Raydan, Hadramawt und Yamanat”. Neben den wirtschaftlich-politischen Veränderungen, die seit der Zeitenwende die Geschichte Südarabiens bewegten, scheint auch ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden zu haben, der sich entscheidend auf die nachchristlichen Jahrhunderte auswirken sollte. Seit frühester Zeit definierten sich die altsüdarabischen Stämme jeweils als Kultgemeinschaft einer bestimmten Gottheit. Das gesellschaftliche Band, das die Stämme vereinte und ihre Zugehörigkeit zum gleichen Stammesverband definierte, war von der Verehrung einer gemeinsamen Hauptgottheit geprägt. In Saba war dies beispielsweise der Gott Almaqah. Diese religiös definierte Stammeszugehörigkeit wandelte sich im späten 1. Jh.v.Chr. in eine politisch geprägte Verbundenheit, die nunmehr von bestimmten Herrscherpersonen abhing. Die Bezeichnung „Dhu-Raydan“ umschreibt beispielsweise in ihrer wörtlichen Übersetzung als „der von Raydan” den Herrschenden im Palast (Raydan) der himyarischen Hauptstadt Zafar. Das verbindende Element der Gesellschaft war also nicht mehr eine Gottheit und ihr Kult, sondern ein bestimmter Herrscher, bzw. dessen Clan. Diese Entwicklung mag zur Verbreitung des Monotheismus auf der Arabischen Halbinsel beigetragen haben. Die erwähnte Einigung des gesamten Jemens unter einem Herrscher verlangte nach besonderen Massnahmen, um das instabile Machtgefüge zusammenzuhalten. Verehrten die frühen himyarischen Herrscher noch die alten Gottheiten, so setzte sich im 4. Jh.n.Chr. ein monotheistischer Gott namens Ilahan oder Rahmanan durch. Einen weiteren Schritt hin zum Monotheismus vollzogen die himyarischen Herrscher im 5. Jh.n.Chr., als sie dem jüdischen Glauben beitraten. Beeinflusst durch den Übertritt des äthiopischen Königshauses zum Christentum, erreichte auch dieses über die östliche Küste des Roten Meeres die Randgebiete des antiken Jemen. Übten die herrschenden Klassen den jüdischen Glauben noch bis ins frühe 6. Jh.n.Chr. mit Zurückhaltung aus, so wandelte sich dies mit der gewaltsamen Thronbesteigung des Yusuf Assa’r Yat’ar (etwa 520  –   530 n.Chr.). Die von ihm eingeleiteten Christenverfolgungen verschärften den Konflikt mit dem christlichen Abessinien soweit, dass es um 525 n.Chr. den Jemen einnahm. Diese Auseinandersetzung leitete auch den Untergang der altsüdarabischen 77


Kultur ein, da dieser Glaubenskrieg zwei Grossmächte auf den Plan rief: Byzanz als Unterstützerin des christlichen Abessiniens und Persien, das zur Vertreibung der Christen zu Hilfe gerufen wurde. Mit dem Übertritt des persischen Gouverneurs zum Islam um 630 n.Chr. endete die Geschichte des antiken Südarabien.

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Fotomontage. Rechts im Bild der antike Tell von Hajar am Lajiya im Wadi Markha, links die moderne Stadt Shibam im Wadi Hadramawt. Fotos/Montage: © U. Brunner.

Städte und Dörfer in Altsüdarabien Ueli Brunner

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Über die Struktur der Siedlungen in Südarabien ist noch wenig bekannt. Zu unsicher waren die Bedingungen für flächenhafte Grabungen. So stammt ein Grossteil des Wissens von der Interpretation von Luft- und Satellitenbildern. Die Städte waren flächenmässig klein. Sie boten aber einen urbanen Eindruck durch ihre meist leicht erhöhte Lage mit mächtigen Stadtmauern und einer dichten Bebauung mit mehrstöckigen Häusern. Die wichtigsten Orte reihten sich entlang der Weihrauchstrasse am Rand des Gebirges auf. Sie bestanden oft aus einer Oberstadt mit Prunkbauten und einer Unterstadt mit einem zentralen Marktplatz. Das Siedlungsmuster war von Tal zu Tal verschieden. Im Wadi Jawf und Wadi Markha gab es ein dichtes Netz von Städten während das Wadi Dhana zentralistisch organisiert war und die Kapitale Ma’rib das Tal dominierte.

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Die archäologischen Forschungen in Südarabien glichen immer einem Glücksspiel. Gewisse Regionen wie das Wadi Jawf oder das Wadi Markha waren kaum je zugänglich und auch in den übrigen Gebieten war es eher eine Ausnahme als die Regel, wenn im Machtpoker von Regierung, Stämmen und Einzelinteressen eine Grabungskampagne durchgeführt werden konnte. Gelang ein Unternehmen, so standen im Fokus der Archäologen mehrheitlich prestigeträchtige Objekte wie Tempel oder Paläste. Flächenhafte Freilegungen von Wohnhäusern wurden kaum durchgeführt und Dörfer meist links liegen gelassen. Ein Grossteil des Wissens über Siedlungen und ihre Verteilung stammt von der Interpretation von Luft- und Satellitenbildern und nur kurzen Besichtigungen vor Ort.

Tell von Ma’rib um 1980. Foto: © U. Brunner.

Die Städte Südarabiens sind im Vergleich antiker Siedlungen klein. Ihre Flächen betrugen nur zwischen zwei und acht Hektaren. Die Hauptstädte der Königreiche Awsan, Hadramawt und Qataban waren mit 15–19 Hektaren etwas grösser und einzig die Kapitale von Saba, Ma’rib, erreichte mit 105 Hektaren internationalen Standard. Die Kleinstädte erhielten aber einen urbanen Charakter durch hochgezogene Umfassungsmauern, eine dichte Bebauung und mehrstöckige Häuser. Wie in der Schweiz widerspiegelt das verwendete Baumaterial weitgehend die vielfältige Geologie. In den weiten Ebenen wurden oft Lehmziegel hergestellt und verbaut. Am Gebirgsrand verwendeten die antiken Bauleute die lokalen Gesteine wie Granit, Schiefer, Sandstein, Basalt oder Lavatuff. Der begehrteste Stein in allen Regionen war der Kalk. Er wurde zu mächtigen Quadern geschlagen und über weite Distanzen transportiert. Er diente der Errichtung von Monumentalbauten und Stadtmauern. Auch mächtige Pfeiler wurden aus ihm gehauen. Oft wurden die Quader am Rand mit feinen Ziselierungen und im Zentrum mit gestochen klaren Inschriften versehen. Im Wasserbau fand er für Schwellen, Repräsentationsbauten oder Kanaleinfassungen Verwendung. Frühe Städte besassen oft nur einen Verteidigungsring aus zusammengebauten Häusern oder eine niedrige, aber dicke Steinmauer. Im 6. Jh.v.Chr. wechselte die Konstruktionsart. Hohe Mauern aus Kalkquadern wurden aussen als Blendwerk hochgezogen und mit diversen Materialien hinterfüllt. In Qarnawu erreichte die Stadtmauer 8 Meter, in Sirwah 9 Meter und in Yathill sogar 14 Meter Höhe. Nur an wenigen Orten wurden die Festungsmauern aus massiv aufgefüllten Kastenkonstruktionen errichtet. Recht einfach gebaute Tore führten in die Stadt. 82

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eigenen Staaten, existierten nebeneinander: Nashshan, Kaminahu, Haram und Qarnawu als Hauptstadt von Ma’in. Jede Stadt hatte ihre eigene Bewässerungsoase, mit der die Selbstversorgung sichergestellt wurde. Auch hier standen die Tempel nicht unbedingt in der Stadt selber, sondern etwas ausserhalb. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist Banat ’Ad.

Obwohl die Siedlungen in der Wüste lagen, wurde immer auch Holz verbaut, das in den fruchtbaren Wadis wuchs. In Shabwa diente es der Stabilisierung des labilen Untergrunds, der durch einen Salzstock gebildet war. Mit Holz wurden auch die Zwischenböden der Hochhäuser eingezogen, die bis fünf Stockwerke umfassen konnten. Ein bewundernswertes Überbleibsel einer antiken Stadt bildet die moderne Siedlung Shibam im Wadi Hadramawt; ein Manhattan der Wüste.

Einen Mittelweg wählten die Qatabanen im Wadi Bayhan. Die Hauptstadt Tamna war zwar überragendes Zentrum, daneben existierten im langen Tal weitere kleinere Siedlungen, unter anderem die durch Grabungen bekannt gewordene Stätte von Hajar ibn Humayd. In Tamna zeigte ein freigelegtes Haus mehrere nebeneinander liegende, enge, rechteckige Zimmer ohne Türen. Vermutlich führte ein Zugang von oben hinein. Dieses Haus stand am Rande des Marktplatzes, in dessen Mitte auf einer Steinstele das Marktrecht eingeschrieben war. Die Marktordnung schützte unter anderem die lokalen Kleinhändler vor den überregional tätigen Grosshändlern. Die Handelsware bestand überwiegend aus landwirtschaftlichen Produkten. Es fehlt jeder archäologische Hinweis auf eine Produktion hochwertiger Produkte wie Keramik, Textilien oder Glaswaren durch einheimische Handwerker. Ein wirklich hohes Fertigungsniveau gab es nur in der Steinbearbeitung und bei der Setzung von Inschriften.

Für die Siedlungen war es von grosser Bedeutung, dass sie in den Karawanenhandel eingebunden waren. Die Routen liefen entlang des Gebirges auf den gut begehbaren Kiesböden der Schwemmebenen. An einzelnen Übergängen im Gebirge wurden richtige Passstrassen gebaut. Die Kamele konnten Tagesetappen von rund vierzig Kilometern zurücklegen. Die wichtigsten Orte befanden sich deshalb stets wenig ausserhalb des Gebirges in der Ebene am Rande eines Wadis. Oft wurde als Basis für die Stadtanlage eine kleine, natürliche Erhöhung gewählt. In den Luftaufnahmen ist häufig eine Gliederung in Ober- und Unterstadt erkennbar. In der Oberstadt scheinen die öffentlichen Gebäude platziert gewesen zu sein, wie Paläste und Verwaltungsbauten. In der Unterstadt lagen die Wohnhäuser der Bewohner mit dem Marktplatz. Intra muros gab es meist nur einen kleinen Tempel. Die grossen religiösen Anlagen befanden sich extra muros, also im Umland der Städte.

Im Wadi Markha präsentierte sich das Siedlungsbild je nach Zeitepoche verschieden. In der ersten Hälfte des 1. Jts.v.Chr. erreichte das Königreich

Das Siedlungsmuster war von Tal zu Tal verschieden. Im Wadi Dhana, dem Zentrum des sabäischen Reiches, überragte die Hauptstadt Ma’rib alle anderen Siedlungen, ja es sind kaum andere Ortschaften in der Oase bekannt. Im Wadi Dhana der Sabäer herrschte ein zentralistisches System, in dem die ganze Oase auf Ma’rib bezogen war. Innerhalb der Stadtmauern war nicht das ganze Areal überbaut. Wie Feldbegehungen zeigten, gab es offensichtlich grössere, offene Flächen die eventuell als Karawanenlagerplätze dienten oder als Gärten genutzt wurden. Ausserhalb des Kerngebietes der Oase lagen nur wenige Orte. Sirwah im nahegelegenen Bergland war wohl eher eine Pilgerstadt als eine pulsierende Metropole und die heutige Hauptstadt Sana’a bildete einen Aussenposten im zentralen Bergland. In dem nördlich von Ma’rib fliessenden Wadi Raghwan lagen die zwei Städte Ararat und Kutal. Das weite Wadi Jawf mit seiner breiten Talsohle und den vielen Zuflüssen war völlig anders organisiert. Vier Kleinstädte, drei davon mit gleichlautenden 84

Stadtmauer von Yathill im Wadi Jawf. Foto: © U. Brunner. 85


Die älteste bekannte Siedlung des antiken Jemen ist das sabäische Hafaray in einem Seitental des mittleren Wadi Dhana. Hier reichen die Datierungen für die in Kalk gebauten Häuser vom 12. bis 9. Jh.v.Chr. zurück. Sie sind damit eine der ganz wenigen Zeugen für die Existenz einer hochstehenden Kultur in Südarabien zur Zeit der Königin von Saba. In der Geschichte ähnlich weit zurück reichen sonst nur noch die Siedlungen von Hajar ibn Humayd, Shabwa und Raybun im Wadi Hadramawt. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass an manchen wichtigen Orten wie z. B. in Ma’rib noch keine Ausgrabungen durchgeführt wurden. Hier deuten alle Indizien darauf hin, dass ihre Anfänge um einiges früher anzusetzen sind.

Stadttor von Mayfa’a im gleichnamigen Wadi. Foto: © U. Brunner.

Awsan seine grösste Stärke. Es konkurrierte mit den Sabäern um die Vormacht in Südarabien. Der antike Name seiner Hauptstadt ist unbekannt. Ihre Lage kann aber heute lokalisiert werden. Sie befand sich am Ausgang des Tales bei zwei markanten Hügeln. Ihre Ruinenstätte läuft unter dem Namen Hajar Yahirr. Ähnlich wie im Wadi Dhana bildete sie zu ihrer Zeit die einzige erkennbare Siedlung im ganzen Tal. Sie wurde im 7. Jh.v.Chr. durch den sabäischen König Karib’il Watar vollständig zerstört. Zur Zeitenwende etablierte sich erneut ein awsanisches Königreich. Diesmal bildete sich ein dichtes Netz von Siedlungen im oberen Talbereich mit fünf Kleinstädten von drei bis zehn Hektaren und weiteren sieben Orten mit weniger als drei Hektaren. Die bekanntesten Ruinenstädte aus dieser Zeit sind Hajar am-Lajiya und Hajar am-Nab.

Bedeutende Städte an der Küste gab es im 1. Jt.v.Chr. kaum. Erst mit dem Aufkommen der Himyaren, die geschickt mit den Römern taktierten, verlagerte sich der Fernhandel von der Wüste aufs Meer. Die wichtigsten zwei Häfen waren Mawza und Qana. Mawza lag in der Gegend des heutigen Mokha am Roten Meer und ist bis heute nicht gefunden worden. Qana, am östlichen Golf von Aden ist von russischen Archäologen untersucht worden. Die Stadt entstand erst im 1. Jh.n.Chr. als rechteckige Siedlung von dreihundert mal fünfhundert Metern Fläche. Die Wohnhäuser fügten sich zu grösseren Wohnkomplexen zusammen, die durch schmale Wege voneinander getrennt waren. Eine Stadtmauer gab es nicht. Zafar, die Hauptstadt der Himyaren, lag im zentralen Bergland auf 2800 m ü. M. und dehnte sich über 110 Hektaren aus. Heute ist Zafar ein Trümmerfeld, in dem nur die Unmengen von Steinen von den ehemaligen Häusern zeugen. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten verloren die alten Städte an der Weihrauchstrasse an Wichtigkeit und wurden zu unbedeutenden Siedlungen. Nur der glorreiche Name Saba lebte in der Titelbezeichnung der himyarischen Herrscher weiter: „König von Saba, Dhu-Raydan, Hadramawt und Yamnat“.

Eine ganz besondere Lage besass Shabwa, die Hauptstadt des Königreiches Hadramawt. Sie lag gut 200 Kilometer ausserhalb des fruchtbaren Teils des Wadi Hadramawt an der Südwestecke des breiten Taleingangs am Ufer des unbedeutenden Wadi Irma. Offensichtlich empfanden es die Entscheidungsträger als wichtiger, nahe bei den anderen Machtzentren zu sein, als eine solide Ernährungsbasis zu besitzen. So seltsam es klingen mag: In der Antike bildete die öde Sandwüste Ramlat as-Sab’atayn das Herzland der südarabischen Hochkultur. Um dieses Kernland herum reihten sich die wichtigsten Siedlungen wie an einer Perlenschnur auf und die Weihrauchstrasse verband sie miteinander. 86

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Awam-Tempel des Almaqah bei Ma’rib. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut.

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„Wahab Ta’lab Sohn des Hasman, der Yursamite, Vasall der Banu Sukhaym, hat ihrem Schutzherr Ta’lab Riyam diese rechte Hand geweiht bei seiner Stele Dhu-abrat in der Stadt Zafar für ihr Wohlbefinden.” Weihinschrift auf einer Bronzehand (2. – 3. Jh.n.Chr.), British Museum, London, Inv. 139443

Die Religion Altsüdarabiens Laurent Gorgerat

So zersplittert und regional unterschiedlich die Entwicklung Altsüdarabiens war, so vielfältig war auch die Religion. Jeder Stamm und jedes Königreich verehrte ein eigenes Pantheon. Unsere Kenntnis der Religion bleibt mangelhaft – trotz tausender Inschriften, die die Namen von Gottheiten nennen, trotz zahlreicher Weihgeschenke, wie Statuetten und Steinaltäre, die in Tempeln und Heiligtümern entdeckt wurden. Fest steht, dass es nebst den lokalen, von den einzelnen Sippen und Stämmen verehrten Göttern, auch übergeordnete Gottheiten gab. Die wichtigste unter ihnen war der Gott Athtar, der gemeinhin als Wetter- und Fruchtbarkeitsgott aufgefasst wurde und so für die Erhaltung der Lebensgrundlage (Wasser und Landwirtschaft) zuständig war. Von den über 100 Götternamen, die uns überliefert sind, wissen wir nur bei den wenigsten, wofür sie wirklich standen. Dank der Ausgrabung einzelner Heiligtümer sowie der Interpretation inschriftlicher Zeugnisse sind gewisse Rituale zur Ausübung der Religion bekannt. So wissen wir beispielsweise von alljährlichen Pilgerfahrten zu Heiligtümern, von Tier- und Trankopfern, von rituellen Festmählern sowie von der Weihung gewisser Objekte an eine jeweilige Gottheit.

Bronzene Votivhand mit Inschrift. The British Museum, London, Inv. 139443. Foto: © The Trustees of the British Museum.

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Die Quellen Unsere Kenntnisse der altsüdarabischen Religion beruhen in erster Linie auf den überlieferten Inschriften, die als monumentale Steininschriften oder Bronzetäfelchen in Tempeln und Heiligtümern gestiftet wurden. Wir verfügen mit über 10’000 Inschriften über einen sehr reichen Fundus an Informationen, zumal in den meisten dieser Inschriften einzelne oder gleich mehrere Gottheiten angesprochen werden. Auch die archäologischen Forschungen der letzten Jahrzehnte, die zahlreiche Tempel und Heiligtümer freigelegt haben, erweiterten unser Wissen über die Religion Altsüdarabiens. Dennoch bleiben unsere Kenntnisse, verglichen mit denen anderer Kulturen der Antike, recht bescheiden. Ein Grund dafür ist, dass bis heute keine längeren religiösen Texte überliefert sind, die Mythologien erzählen. Dass es Göttersagen gegeben haben muss, können wir den zahlreichen Inschriften entnehmen, die ein verwandtschaftliches Verhältnis zweier Gottheiten erwähnen. Auch kennen wir keine Götterlisten, magische Texte und Orakelsprüche, die uns einen vertieften Einblick in das religiöse Leben bieten könnten. Obwohl wir für ganz Südarabien rund etwa 100 Götternamen kennen, wissen wir in sehr vielen Fällen nicht, wofür diese Götter standen und wie sie miteinander korrelierten. Wir wissen sehr oft nicht einmal, ob die Gottheit weiblich oder männlich war. Erschwerend kommt hinzu, dass wir es nicht mit einem einheitlichen Pantheon für ganz Südarabien zu tun haben, sondern mit einer Vielzahl von Kulten, die sich nach Ort und Zeit teils erheblich voneinander unterscheiden. Und die antiken Autoren, die besonders für die Geographie des südarabischen Raumes und den Handel mit Räucherwerk wichtige Informationen liefern, sind für das Verständnis der altsüdarabischen Religion kaum eine Hilfe.

Stammesgottheiten Aus den eher dürftigen Quellen können wir dennoch einzelne Merkmale und Gemeinsamkeiten der altsüdarabischen Religionen herausfiltern. Die verschiedenen Stämme und Königreiche verstanden sich in erster Linie als Glaubensgemeinschaften. Eine Familie, eine Sippe, ein Stamm hatte neben der familiären Verwandtschaft und dem begrenzten Territorium, auch die Verehrung derselben Hauptgottheit gemein. Der König eines Stammes spielte eine besonders wichtige Rolle. Er wird in den Inschriften als 92

„Erstgeborener” angesprochen und diente als Bindeglied zwischen dem Gott und den Angehörigen seines Stammes. Er war für die Korrektheit der Rituale verantwortlich. Das eigentliche Volk wurde als Nachkommenschaft des Gottes angesprochen. Die Wichtigkeit der Gottheiten lässt sich aus der Abfolge ablesen, in der sie in den Inschriften genannt werden, denn diese Reihenfolge ist unverrückbar. So haben wir beispielsweise für die Sabäer die Abfolge: „Athtar, Hawbas, Almaqah, Dhat-Himyam und Dhat-Ba’dan”, in Qataban hingegen die Abfolge: „Athtar, Amm, Anbay, Dhat-Sanat und Dhat-Zahran”. Die Tatsache, dass der Gott Athtar beinahe in allen Stämmen als erster genannt wird, lässt auf seine Verehrung im gesamten südarabischen Raum schliessen. Es dürfte sich um einen Wettergott gehandelt haben, der in erster Linie für den Regen, also die natürliche Bewässerung und die Fruchtbarkeit gestanden haben mag. In Anbetracht der ungünstigen Klimaverhältnisse, die in diesem Raum herrschen, ist es nicht verwunderlich, dass dem ‘Regengott’ überall eine wichtige Rolle zukam. Man hat ferner auf die etymologische Nähe des südarabischen Gottes Athtar mit der mesopotamischen Ishtar und der levantinischen Astarte hingewiesen und deswegen auch für Athtar eine astrale Bedeutung (Venus) postuliert. Ob dem tatsächlich so war, lässt sich nicht entscheiden. Es scheint aber einiges dafür zu sprechen, dass die altsüdarabische Religion – im Gegensatz zum assyrischbabylonischem Raum – kaum mit astronomischen Verbindungen operierte. Trotz der übergeordneten, gewissermassen „nationalen” Bedeutung des Athtar verehrte jeder Stamm und jedes Königreich seinen eigenen Hauptgott. Bei den Sabäern, über die wir dank der zahlreichen Inschriften am besten Bescheid wissen, war dies der Gott Almaqah. Auch ihm wurde eine Funktion im Bereich der Fruchtbarkeit zugeschrieben, die aber im Gegensatz zu Athtar, wohl eher auf die künstliche Bewässerung der Oase von Ma’rib und die Landwirtschaft im Generellen abzielte. Ferner spielte er als sabäischer Reichsgott in der Expansion des Königreiches eine wichtige Rolle. So mussten von Saba eroberte Gebiete eine Art Treueid gegenüber Almaqah ablegen oder ihm sogar einen Tempel errichten, wie zum Beispiel in der Stadt Nashshan. Mehrere, dem Almaqah geweihte Tempel und Heiligtümer sind bezeugt, wobei die wichtigsten in der Nähe Ma’ribs liegen. Das wichtigste Heiligtum – nebst dem Tempel in Ma’rib selbst, der aber nie gefunden wurde – dürfte wohl der sog. Awam-Tempel gewesen sein, der im Südosten der sabäischen Hauptstadt liegt. Vieles deutet daraufhin, dass dorthin die jährlich stattfindende Pilgerfahrt der Sabäer führte. 93


Trotz der Wichtigkeit und der Dominanz dieser Hauptstammesgottheit darf man nicht vergessen, dass jede einzelne Familie und jede Sippe auch eigene Götter verehrte. So ist uns beispielsweise der Gott Ta’lab Riyam überliefert, der vor allem vom Stamm der Sa’mi verehrt wurde. Ein besonderes Zeugnis der Verehrung des Ta’lab Riyam liegt in der bronzenen Hand vor, die ihm als Votivgabe gestiftet wurde und uns seinen Namen nennt. Als sich dieser Stamm im Verlauf seiner Geschichte den Sabäern anschloss, wurde auch Almaqah, parallel zu Ta’lab Riyam verehrt. Die lokale Komponente zahlreicher Gottheiten findet sich auch oft als Teil ihres Namens, mit der Bezeichnung Dhu- (der von) bzw. Dhat- (die von).

Kult und Rituale Nebst den Inschriften liefern uns auch einzelne Objekte wichtige Hinweise zu den Ritualen, die im Rahmen des Kultes durchgeführt wurden. Bekannt sind zahlreiche Altäre, vor allem kleine Räucheraltäre oder Weihrauchbrenner, die entweder im Hauskult verwendet, als Weihgabe im Heiligtum gestiftet oder anlässlich der Totenfeier als Grabbeigabe den Verstorbenen mitgegeben wurden. Auf sogenannten Opfertischen wurden Tiere rituell geschlachtet. Bankettsäle in der Nähe der Tempel zeugen von kultischen Mahlzeiten, bei denen die Gemeinschaft die geopferten Tiere verspeiste. Eine weitere fassbare kultische Handlung bilden die sogenannten Personenwidmungen, bei der eine Person A dem Gott X eine Person B widmete. Man ist geneigt, an Menschenopfer zu denken. Diese sind jedoch für Südarabien nicht belegt. Bei der Personenwidmung wurde vielmehr eine Person unter den Schutz der Gottheit gestellt. Vielleicht musste sie sogar im Dienste des Tempels Arbeiten verrichten. Diese inschriftlich bezeugten Widmungen wurden bald durch Votivstatuetten ersetzt. So konnte man gewissermassen einen Stellvertreter in der Gestalt einer kleinen Bronze- oder Silberstatuette stiften. Eine vor allem im Gebiet des Jawf verbreitete Erscheinung war ferner das (öffentliche) Anbringen von Sühnetäfelchen an den Mauern des Heiligtums. Diese Bronzetäfelchen zeugen von einem öffentlichen Schuldbekenntnis, in dem das Vergehen und die Strafe aufgeführt wurden. Es handelte sich dabei meistens um Verletzungen der Reinheit des Tempels.

Bronzenes Sühnetäfelchen. Kunsthistorisches Museum, Wien, Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Inv. SEM 6. Foto: © KHM-Museumsverband.

Fries mit Steinböcken. Kunsthistorisches Museum, Wien, Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Inv. AE SEM 123. Foto: © KHM-Museumsverband.

Zahlreiche Kultobjekte, wie auch einzelne Dekorelemente an Tempeln, zeigen Tiere, hauptsächlich Stiere und Steinböcke, aber auch Antilopen,

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Almaqah-Tempel von Bar’an. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut. Almaqah-Tempel von Bar’an. Rekonstruktion Jürgen Schmidt. Zeichnung: © Deutsches Archäologisches Institut.

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Strausse und Schlangen. Es drängt sich die Frage auf, ob gewisse Tiere als spezifische Symbole für eine jeweilige Gottheit verwendet wurden. Aufgrund der Häufigkeit ihrer Darstellung hat man immer wieder versucht, Steinbock und Stier dem Almaqah zuzuordnen. Dass diese Tiere mit dem Kult des Almaqah in Verbindung standen, ist unumstritten, doch waren sie keineswegs ausschliesslich einer bestimmten Gottheit zugeordnet. So finden wir zum Beispiel den Stier häufig im Zusammenhang mit Almaqah aber auch mit Athtar und Sa’mi. Wahrscheinlicher ist, dass die Tiere und ihre Wesenszüge mit gewissen Merkmalen und Funktionen bestimmter Gottheiten assoziiert wurden. Dass es im antiken Südarabien kein Bilderverbot gab, wie später im Islam, belegen die zahlreichen Tier- aber auch Menschendarstellungen, die in Gräbern und Heiligtümern gefunden wurden, und die zum Teil mit Götternamen versehenen menschlichen Darstellungen an Tempelwänden im Jawf.

Bauten betrifft, lassen sich grundsätzlich drei Kategorien ausmachen: Tempel innerhalb einer Stadt, Tempel ausserhalb einer Stadt, aber in deren Nähe, und isolierte Heiligtümer. Auffallend ist, dass viele erhaltene Monumentalbauten, wie die Tempel von Ma’rib und Sirwah, bereits in der ersten Hälfte des 1. Jts.v.Chr. erbaut wurden. Was war den verschiedenen Tempelformen gemeinsam? Der heilige Bereich wurde durch eine Mauer vom Profanen abgegrenzt. Ein freistehender Altar, ein zentraler Kultbau und Räumlichkeiten für die Kultmahlzeiten gehörten auch dazu. Der Almaqah-Tempel von Ba’ran ist ein gutes Beispiel für diesen Typus von Heiligtümern. Die grossen Almaqah-Heiligtümer von Ma’rib und Sirwah zeigen hingegen einen weiteren Typus, der ohne eigentlichen Tempel auskommt, sondern lediglich einen ummauerten heiligen Bereich mit Altar aufweist. Ein charakteristisches Merkmal zahlreicher Heiligtümer sind ferner die monumentalen Eingangsbereiche (Propyläen), die aus mächtigen, eng gestellten Pfeilern bestanden.

Tempel und Heiligtümer Die Vielzahl der von den verschiedenen Stämmen verehrten Götter schlug sich in der Anzahl und der Form der Heiligtümer und Tempel nieder. Die Bandbreite reichte von der einfachen Steinsetzung, die einen heiligen Bereich markierte, bis hin zum repräsentativen Kultbau, wie den bereits erwähnten AwamTempel. Bis heute sind rund 60 heilige Orte belegt. Nur wenige davon wurden wissenschaftlich ausgegraben und erschlossen. Was die Lage dieser sakralen Heiligtum des Almaqah von Sirwah. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut.

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Gräberstrasse in der Nekropole beim AwamTempel von Ma’rib. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut.

„Weihrauch, Myrrhe, Kasia und Zimt kommen aus der Halbinsel der Araber, aus der Gegend von Saba, Hadramawt, Qataban und Ma’in. Der Weihrauchund Myrrhenbaum wachsen teils auf dem Gebirge, teils auf eigenen Äckern am Fusse der Berge; daher werden sie teils gebaut, teils nicht.“ Theophrast von Eresos, Pflanzenkunde 9,4,2 (spätes 4. Jh.v.Chr.)

Obwohl die meisten Objekte aus dem antiken Südarabien mit grosser Wahrscheinlichkeit aus Gräbern stammen, wissen wir über die Grabsitten wenig. Die allermeisten Objekte stammen aus illegalen Raubgrabungen. Nur wenige Gräber und Nekropolen wurden wissenschaftlich erforscht. Ausserdem pflegten die verschiedenen Kulturen Altsüdarabiens auch unterschiedliche Grabsitten. So sind – je nach Region und Zeit – verschiedene Grabtypen überliefert. Zudem wurden Gräber sehr oft auch mehrmals wiederverwendet, was eine Interpretation der Grabstätten deutlich erschwert. Dennoch kann man gewisse Gemeinsamkeiten herauslesen. So wurden die Gräber ausserhalb der Siedlungen oder, wie in Ma’rib, in aufgegebenen Teilen der Stadt angelegt. Bekannte Grabtypen sind das Turmgrab, das Felsgrab, das Höhlengrab, das Mausoleum sowie der unterirdische Grabraum (Hypogäum). Einfache Bestattungen wurden in Form von Gruben in den Sedimentschichten angelegt. Die grosse Mehrheit altsüdarabischer Gräber wurde geplündert, doch kann man davon ausgehen, dass sie einst mit zum Teil reichen Beigaben ausgestattet waren. Die bekanntesten Zeugnisse funerärer Kunst sind die zahlreichen Grabstatuen und -reliefs, die in erster Linie der Identifikation des Grabmals dienten. Grabbeigaben wie persönliche Objekte des Verstorbenen und Nahrungsmittel lassen vermuten, dass die alten Südaraber an ein Leben im Jenseits glaubten. Wie man sich dieses Leben nach dem Tod vorstellte, bleibt jedoch im Dunkeln.

Tod und Totenkult Laurent Gorgerat

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Die Ausgangslage Befasst man sich mit den Grabsitten der alten Südaraber, so befindet man sich in der paradoxen Situation, dass wir für diesen Bereich zwar die meisten archäologischen Zeugnisse haben (Gräber und Grabbeigaben), unsere Kenntnisse darüber aber lückenhaft bleiben. Dies hat mehrere Gründe. Die grosse Mehrheit von Grabbeigaben, wie die sehr zahlreichen Alabasterfiguren, stammt aus illegalen Raubgrabungen. Bis heute wurden verhältnismässig wenig Gräber und Nekropolen wissenschaftlich erschlossen, mit einzelnen Ausnahmen wie die deutschen Untersuchungen des Friedhofes beim AwamTempel von Ma’rib, die russischen Grabungen von Raybun oder die italienischen Arbeiten zu den bronzezeitlichen Turmgräbern. Erschwert wird die Arbeit der Archäologen dadurch, dass die altsüdarabischen Gräber in den allermeisten Fällen wiederverwendet wurden und dies sogar mehrmals. Ein Grab in seinem ursprünglichen, unveränderten, für einen Verstorbenen hergerichteten Zustand zu finden, ist also ausserordentlich selten. Schliesslich sind auch die Bestattungssitten regional so unterschiedlich wie die Religionen, Bevölkerungen und Sprachen Altsüdarabiens.

Die Turmgräber Der älteste bekannte und zugleich auch am weitesten verbreitete Grabtypus ist das Turmgrab, dessen Verwendung bis in das 3. Jt.v.Chr. zurückreicht. Es handelt sich hierbei um kreisförmig aufgeschichtete, flache Bruchsteine, die bei einem Durchmesser von etwa 2 Metern eine Höhe von rund 2 Metern erreichen können. Im Innern boten sie Platz für Mehrfachbestattungen. Solche Turmgräber sind tausendfach erhalten. Doch nicht nur ihre grosse Anzahl überrascht, sondern auch ihre besondere Lage. Sie befinden sich fernab jeglicher Siedlung und meistens auf Anhöhen (wie Bergpässen oder -kämmen). Ihre räumliche Verteilung ist nicht zufällig. Die Turmgräber erstrecken sich wie eine Kette zwischen den Siedlungen am Rande der Wüste. Daher liegt die Annahme nahe, dass sie entlang der alten Karawanenstrassen angelegt wurden und direkt mit den (nomadischen) Karawanenleuten in Verbindung zu bringen sind.

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Turmgrab auf dem Jabal Balaq al-Qibli. Foto: © U. Brunner.

Die Höhlen- und Felsgräber Im südlich gelegenen Hadramawt dominierten die Höhlengräber. In dieser hügeligen Region bot sich gerade für diesen Grabtypus das Gelände besonders gut an. Sie wurden in die geröllreichen Kalksteinhänge eingegraben. Meistens bestehen Höhlengräber aus einer unregelmässig gehauenen Kammer, in deren Wände Nischen für Körperbestattungen angelegt wurden. Dass in den meisten Höhlengräber mehrere Nischen vorhanden sind, deutet auf Mehrfachbestattungen hin, aller Wahrscheinlichkeit nach für Familienoder Sippenverbände. Felsgräber liefern gewissermassen das nordwestliche Pendant zu den im Süden vertretenen Höhlengräbern. Man findet sie vor allem in den steilen Felshängen des Hochlandes rund um Sana’a. Sie zeichnen sich durch ihre schwer zugängliche Lage und durch die meist sorgfältig geglätteten Wände ihrer rechteckig angelegten Kammer aus. Im Gegensatz zu den Höhlengräbern fehlen bei den Felsgräbern jegliche Nischen oder Gruben, in die man die Verstorbenen 105


An der Aussenseite wurden die teilweise stark stilisierten Gesichter der Verstorbenen eingeritzt und mit ihren Namen versehen. Im Innern boten sie Platz für eine grosse Zahl von Körperbestattungen. Links und rechts eines zentralen Ganges, weisen die Mausoleen im Querschnitt rechteckige, etwa 1,5 bis 2 Meter tiefe Nischen auf, in die man die Verstorbenen hineinlegte. Man darf – ähnlich wie bei den Höhlengräbern – auch davon ausgehen, dass in einem Mausoleum jeweils die Mitglieder einer Familie oder einer Sippe bestattet wurden. Ferner erlaubt die sehr sorgfältige und aufwändige Bauweise den Schluss, dass im Friedhof beim Awam-Tempel die sabäische Oberschicht bestattet wurde.

Die Grabskulptur Grabbau in der Nekropole beim Awam-Tempel von Ma’rib. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut.

hätte legen können. Die Grablegung erfolgte vermutlich direkt auf den Boden der Kammer oder aber auf Totenbetten aus vergänglichem Material wie Holz.

Zu den Leitmotiven altsüdarabischer Kunst gehören die zahlreichen Statuen, Büsten, Köpfe und Reliefs, meist aus Alabaster oder Kalkstein, die man mit grosser Wahrscheinlichkeit als Grabplastik ansprechen muss, obschon die erdrückende Mehrheit aus dem Kunsthandel stammt. Grabungen in den Friedhöfen von Ma’rib und Tamna scheinen die Funktion dieser Plastiken zu bestätigen. Die überlieferten Statuen zeichnen sich durch eine strenge Frontalität und gedrungene Proportionen aus. Die oft vorhandene Inschrift nennt Name und Sippenzugehörigkeit der verstorbenen Person. Nischen in

Die Mausoleen Monumentale Grabarchitektur ist uns in erster Linie aus der Nekropole des Awam-Tempels bei Ma’rib bekannt. Obschon der Friedhof von Grabräubern geplündert wurde, konnte das Deutsche Archäologische Institut Grabungen durchführen und wichtige Erkenntnisse gewinnen. Von Bedeutung ist, dass die Gräber unmittelbar an den heiligen Bezirk des Gottes Almaqah anschliessen. Man suchte also auch im Tod die Nähe zur Gottheit. Eine Hochrechnung ergibt, dass zwischen 20’000 und 30’000 Sabäer in der Nekropole ihre letzte Ruhe fanden. Was sich zunächst als sehr hohe Zahl präsentiert, relativiert sich, wenn man die Nutzungsdauer der Anlage betrachtet. Der Friedhof stand nämlich vom frühen 8. Jh.v.Chr. bis ins 4. Jh.n.Chr. in Gebrauch – also über tausend Jahre. Es gibt wohl kaum einen antiken Friedhof, der dem Namen “Nekropole” (=Totenstadt) so gerecht wird wie der beim Awam-Tempel. Die rechteckigen, oft mehrstöckigen Grabbauten präsentieren sich wie kleine Häuser und bilden durch ihre Anordnung regelrechte Strassen. 106

Grabstatuette eines Mannes. The British Museum, London, Inv. 102461. Foto: © The Trustees of the British Museum. Kopf eines Mannes. The British Museum, London, Inv. 140658. Foto: © The Trustees of the British Museum.

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den verschiedenen überlieferten Grabtypen könnten Standort der kleinen Statuen gewesen sein, um so das Grab zu identifizieren. Ebenfalls aus den beiden erwähnten Friedhöfen von Ma’rib und Tamna stammt die grösste Gruppe altsüdarabischer Grabskulpturen: die Köpfe mit langem Hals. Sie waren einst im oberen Teil eines rechteckigen, pfeilerartigen Sockels eingelassen. Fundkontexte im Friedhof beim Awam-Heiligtum haben gezeigt, dass derartige Grabsteine an den Fassaden der Mausoleen platziert wurden. Aus dem qatabanischen Raum stammen kleine rechteckige Grabreliefs mit Stierprotomen, während die sogenannten Augenstelen, die eingeritzte Gesichter oder Augenpartien zeigen, wohl ein aus dem Nordwesten der arabischen Insel importierter Typus sind. Eine letzte Gattung, die im späten 1. Jh.v.Chr. einsetzte und sich über die Zeitenwende erstreckte, bilden eigentliche Grabreliefs mit Szenen, die wir aus dem hellenistisch-römisch geprägten Vorderen Orient kennen. Es sind Darstellungen, die den Alltag des Verstorbenen zeigen: sitzend oder liegend beim Speisen oder Musizieren, umgeben von Familienmitgliedern, oder als Kamelreiter. Der starke mediterrane Einfluss dieser Darstellungen lässt sich gut mit den zunehmenden Kontakten zwischen dem Mittelmeerraum und Südarabien im ausgehenden 1. Jt.v.Chr. erklären.

„Bild und Grabmal des Iglum, Sohn des Sa’adillat, des Qaryoten. Möge Athtar Shariqan denjenigen treffen, der sie zerstört.” Inschrift auf der Grabstele eines Kamelführers, Paris, Musée du Louvre, Département des Antiquités Orientales, Inv. AO 1029

Grabrelief des Kamelführers Iglum, Paris, Musée du Louvre, Département des Antiquités Orientales, Inv. AO 1029. © RMN-Grand Palais (Musée du Louvre) /  Hervé Lewandowski.

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Zeittafel Spätes 3. Jt.v.Chr.

Erste Bewässerungsanlagen in Ma’rib

ca. 14. – 8. Jh.v.Chr.

Bronzezeitliche „Sabir“-Kultur im Jemen

10. Jh.v.Chr Besuch der Königin von Saba bei König Salomo (nach biblischer Chronologie) 8. Jh.v.Chr. – 1. Jh.n.Chr.

Epoche der Karawanenreiche

8. Jh.v.Chr. Älteste Erwähnung Sabas in assyrischen Quellen: Der Statthalter von Suhu und Mari überfällt eine sabäische Karawane. Niederlassung von Sabäern in Äthiopien

2. Jh.v.Chr. Agatharchides von Knidos beschreibt die Westküste der Arabischen Halbinsel. 115 v.Chr.

Beginn der Himyarischen Zeitrechnung

25/24 v.Chr.

Feldzug des römischen Präfekten Aelius Gallus. Eroberung Südarabiens durch die Römer scheitert.

1. – 6. Jh.n.Chr.

Epoche der Bergstämme

1. Jh.n.Chr.

Himyar erobert Teile Sabas.

2. Jh.n.Chr.

Hadramawt erobert Qataban.

Mukarrib-Periode in Saba

3. Jh.n.Chr. Eroberung Sabas durch den himyarischen Fürsten Shammar Yuhar’ish

It'amra von Saba leistet Tribut an den neuassyrischen König Sargon II.

Himyar erobert Hadramawt. „Könige von Saba, Dhu-Raydan, Hadramawt und Yamanat“

7. Jh.v.Chr.

4. Jh.n.Chr. Ezana, König von Abessinien, erobert Teile Südarabiens.

Karib'il Watar, Mukarrib von Saba: Ausdehnung des Königreiches von Saba. Eroberung der Reiche Awsan und Hadramawt

Karib'il Watar (?) leistet Tribut an den neuassyrischen König Sanherib.

Erste inschriftliche Nennung des Reiches Qataban

Monotheistischer Gott namens Ilahan oder Rahmanan setzt sich in Südarabien durch.

5. Jh.n.Chr. Ausbreitung von Judentum und Christentum in Südarabien

Das Reich Ma’in spezialisiert sich auf den Karawanenhandel.

6. Jh.n.Chr. Christenverfolgungen

6. Jh.v.Chr.

Bau des Grossen Dammes von Ma’rib

5. Jh.v.Chr.

Die Reiche Ma’in und Qataban lösen sich von Saba.

542 n.Chr. Letzte Reparaturarbeit am Grossen Damm von Ma’rib unter Abraha, Vizekönigs Südarabiens

4. Jh.v.Chr.

Das Reich Hadramawt löst sich von Saba.

597 n.Chr.

Südarabien wird sassanidische Provinz.

334 – 324 v.Chr.

Feldzug Alexanders des Grossen

630 n.Chr.

Sassanidischer Statthalter tritt zum Islam über.

525 n.Chr.

Abessinien erobert Himyar.

325 v.Chr. Alexander der Grosse schickt Expeditionen los, die sowohl die West- als auch die Ostküste der arabischen Halbinsel erkunden.

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Weiterführende Literatur R. A. Beyer, Die Königin von Saba. Engel und Dämon. Der Mythos einer Frau (Bergisch Gladbach, 1987) J.-F. Breton, L’Arabie heureuse au temps de la reine de Saba (Paris, 1998) Ders., Les fortifications d’Arabie méridionale du 7e au 1er siècle avant notre ère (Mainz, 1994)

P. Stein, Lehrbuch der sabäischen Sprache. Subsidia et instrumenta linguarum Orientis 4 (Wiesbaden, 2012/13)

Internet-Ressourcen

U. Brunner, Jemen. Vom Weihrauch zum Erdöl (Wien, 1999)

Einführung „Saba“: http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/ anzeigen/details/saba-2/ch/f3fdacf1b7e9fcda7bd5537c9bda4320/

Ders., Die Gärten der Königin von Saba. Antike Bewässerungssysteme im Jemen. Nürnberger Blätter zur Archäologie, Heft 18, 45-60 (Nürnberg, 2003)

Projekt zu den altsüdarabischen Inschriften an der Universität Pisa: http://dasi.humnet.unipi.it/

Y. Calvet – Ch. Robin (Hrsg.), Arabie Heureuse – Arabie Déserte. Les antiquités arabiques du Musée du Louvre (Paris, 1997) W. Daum (Hrsg.), Jemen. 3000 Jahre Kunst und Kultur des glücklichen Arabien (München,1987) A. de Maigret, Arabia Felix. Un viaggio nell’archeologia dello Yemen (Milano, 1996) Ders., Arabia Felix. An Exploration of the Archaeological History of Yemen (London, 2009) U. Kleinert, Das Rätsel der Königin von Saba. Geschichte und Mythos (Mainz, 2015) M. Maraqten, Altsüdarabische Texte auf Holzstäbchen. Epigraphische und kulturhistorische Untersuchungen (Würzburg, 2014) U. Pfullmann, Durch Wüste und Steppe. Entdeckerlexikon arabische Halbinsel. Biographien und Berichte (Berlin, 2014) W. Seipel (Hrsg.), Kunst und Archäologie im Land der Königin von Saba. Ausstellungskatalog, Wien, Künstlerhaus, 9. November 1998 bis 21. Februar 1999 (Milano, 1998) St. John Simpson (Hrsg.), Queen of Sheba, Treasures from Ancient Yemen (London, 2002)

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Impressum Glückliches Arabien? Mythos und Realität im Reich der Königin von Saba Eine Ausstellung des Antikenmuseums Basel und Sammlung Ludwig 18. Januar – 2. Juli 2017

Kanton Basel-Stadt, Präsidialdepartement Sponsoren Novartis International AG Freiwillige Akademische Gesellschaft Stiftung zur Förderung des Antikenmuseums Basel und Sammlung Ludwig Gesellschaft der Freunde eines Schweizerischen Orient-Museums Stavros Niarchos Foundation Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Donatoren Antikenmuseum Basel Medienpartner Basler Zeitung Basilisk Leihgaben The British Museum, London Musée du Louvre, Paris The Ashmolean Museum, Oxford Kunsthistorisches Museum, Wien Museo Nazionale d’Arte Orientale, Rom Royal Collection Trust, London Kunstmuseum Basel Museum der Kulturen Basel Gesamtleitung Andrea Bignasca, Direktor Michel Pompanin, Geschäftsführender Direktor

Ausstellung Kuratorische Leitung Laurent Gorgerat Konzept Laurent Gorgerat Oskar Kaelin Christoph Schneider Konservatorische Betreuung Kurt Bosshard (Leitung) Susanne Dürr Olivier Berger Szenographie und Grafik Ausstellung Anex & Roth Visuelle Gestaltung, Basel Ausstellungsbau Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Multimedia Marino Beleffi, Anex & Roth Visuelle Gestaltung, Basel Thomas Maier Nicholas Zurschmiede Bildung und Vermittlung Annegret Schneider (Leitung) Claudia Manser Stoll Administration und Finanzen Christina Czop Patricia Gaspoz Michaela Kuhn Brigitte Nicosia Marketing und Medien Vera Reinhard Grafik Werbemittel Trinidad Moreno Übersetzungen Aurélie Gorgerat, Anteatrad (franz.) Sandy Hämmerle, prehistrans (engl.) Kasse, Shop, Führungskoordination Ilona Hellstern (Leitung) Irene Portmann Daniela Probst Technik Urs Kaufmann (Leitung) Abdeslam Achlhi Sicherheit Viktor Hürbin (Leitung) Abdeslam Achlhi Marianne Borer Christian Brunold Regina Grass Donato Iannucci Anna Maria Knechtli-De Nardo Andreas Leisinger Peter Lerch Brigitta Moor Martin Nobs Bernhard Oberhauser Jacky Perrotin Bernd Räber Ivan Savić Richard Sieber Peter Tanner Hanspeter Witschi Transport Möbel-Transport AG, Münchenstein Versicherung Helvetia Versicherungen

Publikation

Licht matí AG, Adliswil

Autoren Ueli Brunner Laurent Gorgerat Oskar Kaelin Christoph Schneider

Digitaldruck Creaplot AG, Münchenstein

Gestaltung Trinidad Moreno

Textildruck Wissinger GmbH, Freudenstadt

Lektorat Vera Reinhard

Maler- und Gipserarbeiten Salvo Caserta AG, Basel

Druck Steudler Press, Basel

Fotografien Leuchtkästen Hartmut Fiebig, www.hardyfiebig.com

Sponsoren: Stiftung zur Förderung des Antikenmuseums Basel und Sammlung Ludwig

Medienpartner:

Gesellschaft der Freunde eines Schweizerischen Orient-Museums


ISBN 978-3-905057-37-9 © Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig Basel, 2016


Bild: ©The Trustees of the British Museum

Fremde, betörende Düfte, Gold, Silber, Edelsteine als Zeichen unendlichen Reichtums, endlose Karawanen beladen mit exotischen Waren, die sagenumwobene Königin von Saba. Dies sind nur wenige Merkmale des antiken Südarabiens (heutiges Jemen). Die Ausstellung im Antikenmuseum beleuchtet diese wenig bekannte Gegend mit Leihgaben aus zahlreichen europäischen Museen.

Antikenmuseum Basel / Ausstellungskatalog  

Ausstellungskatalog der Sonderausstellung "Glückliches Arabien?" im Antikenmuseum Basel & Sammlung Ludwig

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