Fight Back 04 - Antifa-Recherche Berlin / Brandenburg - 2009

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Spukschloss in der Prignitz

Fürst Michael Freiherr von Pallandt, Christoph Kastius und Johannes „Jo“ Conrad auf Schloss Krampfer (v.l.n.r)

vertretener Leiter des RTB, „Über das Umerziehungsprogramm der Siegermächte für das Deutsche Volk.“ Anwesend waren Thomas Patzlaff, Bernhard S. Arnhold und zwei weitere Zuhörer. Im Rahmen der Diskussion zu Eckart Pohls Vortrag leugnete Bernhard S. Arnhold wie folgt den Holocaust: „[...] Nicht ein einziger Jude ist durch Zyklon B ums Leben gekommen. [...] Aus meiner Familie ist ein Physiker. Der ist in Sachsenhausen gewesen. [...] Zyklon B sieht aus wie kleine Krümelkackenscheiße. [...] Das ist ein Granulat, ist das. [...] Ich weiß nur, dass es Granulat ist und dass das nicht durch die Düsen der Duschanlagen hindurch konnte. Das geht nicht . [...] Mein Physiker aus meiner Familie hat in Sachsenhausen alles das was da war an Gebäuden hat der mit Hilfe von anderen Leuten Steinchen und Putzen mitgenommen - und hat sie untersucht. Und nur in einem einzigen Haus ist Zyklon B verwendet worden. Und man sagt doch, dass in Sachsenhausen Millionen ... [...] Für mich steht fest, es ist nicht einer umgekommen. Ich habe zu Hause ein Pamphlet vom Roten Kreuz von der Schweiz ... [...] Es geht darum, dass die Juden, die in Konzentrationslager gewesen sind, besser behandelt wurden, als viele andere Menschen auch. Die hatten genug zu Essen. [...]“ Bernhard S. Arnhold aus Berlin-Wilmersdorf ist mit seiner Videokamera seit Jahren auf einschlägigen Veranstaltungen anzutreffen, um Statements zum Thema Holocaust einzufangen. Ferner konnte man ihn regelmäßig bei Prozessen gegen Reichsbürger/Holocaustleugner (Horst Mahler, Link, Walther, Christian Bärthel) als Zuschauer antreffen. Da Bernhard S. Arnhold der Autor eines internen Schreibens bezüglich der Gründung des Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocausts Verfolgten (VRBHV) am 9. November 2003 war, liegt die Vermutung nahe, das er dem VRBHV auch angehört hat. Weiterhin ist von Bernhard S. Arnhold bekannt, das er ca. 2002/03 Bundesgeschäftsführer des Christlich-Konservativen Deutschland-Forums (CKDF) gewesen ist. Das CKDF war ein Zusammenschluß von CDU-Mitgliedern, denen diese Partei zu weit in die „Mitte“ gerutscht war. Seit langer Zeit immer wieder mal im reichsbürgerlichen Geschäft tätig ist Eckart Pohl, wie Bernhard S. Arnhold zuständig für den Bereich Inneres. Pohl gründete 1998 zusammen mit Klaus Hoffmann und anderen Personen aus dem dem Reichsbürger-/Holocaustleugner-Spektrum die Gesellschaft zur Förderung neuen Wohnraums e.V.. Laut eigenem Finanzbericht bekam dieser Verein im Jahr 2003 über 140.000 Euro an Zuwendungen von Behörden. Reichsregierungen in Berlin Als Kommissarische Reichsregierung (KRR) oder Exilregierung des Deutschen Reiches bezeichnen sich Gruppen, die behaupten, das Deutsche Reich bestehe fort (aber nicht in Form der Bundesrepublik) und werde durch sie vertreten. Dahinter stecken teils neonazistische, teils finanzielle oder betrügerische Absichten, sowie schlicht ideologisch bedingte Wahnvorstellungen. Auch wenn es viele hauptberufliche Reichsbürger (siehe letzte fight.back und Artikel „Teltow-Fläming“) mittlerweile nach Zossen verschlagen hat, finden sich noch einige Reichsregierungen und ähnliche Konstrukte in Berlin. Die Reichsbürger-Union von Gerfried Runhardt Sander (reichsbuerger-union.org) und die konkurrierende Komissarische

Der Sprecher vom Schloss Krampfer Manuel Opitz (vorne) und Jens Willmann (links dahinter)

Verschiedene „Reichsbürger“ und VerschwörungstheoretikerInnen haben mittlerweile auf dem Brandenburger Land eine Spielwiese gefunden. Am 15. Februar 2009 wurde von rund 30 Anwesenden in der Ortschaft Krampfer (Landkreis Prignitz) ein „Fürstentum Germania“ ausgerufen. Nicht weniger als einen eigenen Staat, eine „Abspaltung von der BRD“, wollen die FürstentümlerInnen mit diesem Schritt begründet haben. Das „Fürstentum“ besteht bislang aus einem leer stehenden Schloss, welches baulich in miserablem Zustand ist und zu dem rund 4000 Quadratmeter Grundstück gehören. Provisorisch bewohnt wird das im Internet ersteigerte Gebäude von einer Handvoll Arbeitslosen, die zum esoterischen „Nu Era“-Netzwerk gehören. Virtuell hat das Fürstentum sich zu einem Anziehungspunkt für sonst vor allem im Internet aktive Wirrköpfe mit deutlich extrem rechten Einschlag entwickelt. Von „Chemtrails“-Fantastereien über die Ablehnungen von Impfungen gegen Krankheiten bis hin zu knallharten „Reichsbürger“-Inhalten reichen die Positionen, die in den Webforen rund um das Fürstentum ihren Platz haben. Als Kleister, der dieses Gemisch zusammenhält, dient Verschwörungsparanoia und Antisemitismus – mal wird sie esoterisch und als Weltoffenheit verpackt, mal in reichsbürgerlichem RegierungsverlautbarungsSprech vorgetragen. Der verschwörungstheoretische Autor Johannes „Jo“ Conrad, der die antisemitische Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ für authentisch hält, gehört zu den prominentesten Aktiven des „Fürstentums“. Als zweite Hauptfigur und Sprecher tritt eine skurile Figur auf, die sich Jessie Marsson nennt und die sich selbst in einem autobiografischen Romanfragment als „Klonkind“ bezeichnet, von sich getragene Unterwäsche im Internet anbot und als selbsternannter „Ritter der Menschenrechte“ im „Fürstentum“ ein Heim für mißbrauchte Kinder einrichten möchte. Er selbst sei in seiner Jugend mißbraucht worden – gleichzeitig verteidigt Marsson aber wortreich den „Reichsbürger“ Uwe Bradler, welcher wegen Pädophiliedelikten in Spanien 23 Monate in U-Haft saß (der Prozess ist noch nicht beendet). Neben solchen beunruhigenden Absurditäten scheint es fast vernachlässigbar, dass Marsson auch eine Internetseite namens „Deutsches Volksblatt“ betreibt, in der aggressiv antisemitisch gehetzt wird. Zu den Berliner UnterstützerInnen des „Fürstentums“ gehörten – um nur zwei Beispiele zu nennen – der Holocaustleugner Christoph Kastius (der im Impressum seiner Internetseite angibt, im „Konzentrationslager BRD“ zu leben) und der Reichsbürger Thomas Patzlaff vom „Runden Tisch Berlin“. In der Bevölkerung der Region um Krampfer hat die Ausrufung des „Fürstentums“ für enorme Verunsicherung gesorgt. Und das nicht zu Unrecht. Die FürstentümlerInnen geben sich selbstsicher, dass ihr „Staat“ bald international anerkannt werde. Das darf getrost bezweifelt werden – es dürfte ihnen schon schwerfallen, die nötigen Finanzen zur Sanierung des Schlosses aufzubringen. Doch zu befürchten ist durchaus, dass sich ein in den Sommermonaten attraktives ländliches Refugium für EsoterikerInnen und Verschwörungsfreaks in trauter Eintracht mit HolocaustleugnerInnen und „Reichsbürgern“ etablieren könnte. Momentan sind die Räumlichkeiten geschlossen worden. Da die germanischen Fürstentümler bei der für sie nicht existenten „BRD GmbH“ keine Wohnnutzung für ihr Schloss beantragten, wurden sie vom örtlichen Bauamt am 19. Mai 2009 ausgesperrt. Seitdem campieren sie vor ihrem Regierungssitz.


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