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Das Maiensäss in Graubünden Bestand | Analyse | Herausforderungen

Anna-Lydia Capaul 110343 Dissertation Zur Erlangung des Grades Doktorin der Wissenschaft (Dr. sc.) Universität Liechtenstein Graduate School Doktoratsstudiengang in Architektur und Raumentwicklung Vertiefung: Nachhaltiges Bauen Betreuer Prof. Dipl. Arch. ETH/BSA/SIA Urs Meister Universität Liechtenstein Kobetreuer Prof. Arch. Gion A. Caminada Eidgenössische Technische Hochschule Zürich Bearbeitungszeitraum: 01.02.2015 bis 25.03.2019 Datum der Einreichung: 02.04.2019


ABSTRACT

Durch technischen Fortschritt und tiefgreifende Veränderungen verfallen Ställe im Maiensässgebiet oder werden für neue landwirtschaftliche Zwecke genutzt, etwa als Lagerraum für Maschinen und Geräte. Seit den 1980er Jahren werden Maiensässhütten vermehrt für Ferien- und Freizeitzwecke genutzt. Die Sehnsucht nach dem Maiensäss als Gegenwelt zum beruflich-urbanen Alltag, beruht auf der Romantisierung der Berglandschaft, während die gegenwärtige Annäherung an den Alltagskomfort oft dazu führt, dass die Sehnsucht nach dem Einfachen und Ursprünglichen zur Utopie wird. Die Ferien- und Freizeitkultur auf dem Maiensäss ist ein weithin unerforschtes Gebiet. Das Leitmotiv meiner Forschung bildet das Entdecken. Daraus leite ich folgende Forschungsfrage ab: Was ist ein Maiensäss im Kanton Graubünden, wie lassen sich die Maiensässe in Bezug auf Landschaften, Siedlungen und Häuser unterscheiden und welches sind die Herausforderungen für den Bestand? Dazu eignet sich eine qualitativ-verstehende Vorgehensweise. Aufgrund der Quellenlage werden Gespräche mit Gewährsleuten geführt, eine Umfrage an die Nutzerschaft verteilt sowie Maiensässe aufgesucht und fotografisch dokumentiert. Aus den gewonnenen Daten wird eine Begriffsdefinition abgeleitet, Typologien werden gebildet sowie die Herausforderungen für den Bestand aufgezeigt. Neben den Nutzungen hat sich auch die Terminologie verändert. Die Definition als Zwischenstufe der traditionellen Berglandwirtschaft ist heute aus vielerlei Hinsicht nicht mehr zufriedenstellend. Weiterhin zeichnet sich der Bestand durch eine Vielfalt an Landschafts-, Siedlungs- und Haustypen aus. Die Herausforderungen bilden das Fehlen von verbindlichen Definitionen und Kategorien in Bezug auf umgenutzte Maiensässe, die gegenwärtige Auffassung von Erhalt sowie die kollektive Vorstellung des Maiensässes als Gegenraum. Stichworte: Berglandschaft; Freizeitkultur; Maiensäss; Nutzungswandel; Raumstrukturen


EINLEITUNG DAS MAIENSÄSS IM WANDEL DER ZEIT 06 FORSCHUNGSLITERATUR, QUELLENLAGE UND FRAGESTELLUNG 08 EINE ARCHITEKTONISCHE PERSPEKTIVE 10 VORGEHENSWEISE UND METHODEN 12

1. DEFINITIONSVERSUCH 1.1 DAS MAIENSÄSS IN DER FORSCHUNGSLITERATUR 19 1.1.1 ZWISCHENSTUFE DER TRADITIONELLEN BERGLANDWIRTSCHAFT 19 1.1.2 ELEMENT DES KULTURELLEN ERBES 21 1.2

DAS MAIENSÄSS IN DER NICHTWISSENSCHAFTLICHEN LITERATUR 1.2.1 DEBATTE ZWISCHEN UMBAUBEFÜRWORTERN UND LANDSCHAFTSSCHÜTZERN 1.2.2 MIETBARE UNTERKUNFT AUF BUCHUNGSPLATTFORMEN

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DAS MAIENSÄSS AUS SICHT DER GEWÄHRSLEUTE 1.3.1 RAUMVORSTELLUNGEN EINES IDEALEN MAIENSÄSSES 1.3.2 VON DER LANDWIRTSCHAFT ZUR FREIZEITNUTZUNG

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1.4 DAS MAIENSÄSS IN DEN RAUMPLANERISCHEN VORSCHRIFTEN 44 1.4.1 ERHALTUNGSZONEN (ART. 33 RPV) 48 1.4.2 LANDSCHAFTSPRÄGENDE BAUTEN (ART. 39 RPV) 50 1.4.3 SCHÜTZENSWERTE BAUTEN (ART. 24D RPG) 52 1.4.4 BESTEHENDE ZONENWIDRIGE BAUTEN (ART. 24C RPG) 54 1.5 MAIENSÄSS IST NICHT GLEICH MAIENSÄSS 57 1.5.1 GEGENWÄRTIGEN FERIEN- UND FREIZEITKULTUR 57 1.5.2 DIFFERENZIERUNG DER BEGRIFFE 61 1.5.3 WAS IST EIN MAIENSÄSS? 63


2. BESTAND UND ANALYSE 2.1 NUTZUNGSTYPEN 69 2.1.1 LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZUNG 69 2.1.2 FERIEN- UND FREIZEITNUTZUNG 72 2.1.3 ÖFFENTLICHE NUTZUNG 74 2.2 LANDSCHAFTSTYPEN 76 2.2.1 BEWIRTSCHAFTETE LANDSCHAFT 76 2.2.2 VERGANDENDE LANDSCHAFT 79 2.2.3 KOMMERZIALISIERTE LANDSCHAFT 82 2.3 SIEDLUNGSTYPEN 85 2.3.1 EINZELSIEDLUNG 86 2.3.2 STREUSIEDLUNG 87 2.3.3 GRUPPENSIEDLUNG 88 2.3.4 REIHENSIEDLUNG 89 2.3.5 FRÜHERE DAUERSIEDLUNG 90 2.4 HAUSTYPEN 93 2.4.1 AUFGETRÖLTE HÜTTE 94 2.4.2 GESTRICKTE HÜTTE 97 2.4.3 VERSTEINERTE HÜTTE 98 2.4.4 VERKLEIDETE HÜTTE 99 2.4.5 SCHWEBENDE HÜTTE 100 2.4.6 STALLRUINEN 101 2.4.7 KURIOSITÄTEN 102 2.5 DREI SICHTWEISEN AUF DAS MAIENSÄSS 104 2.5.1 NOSTALGIKER 105 2.5.2 BASTLER 108 2.5.3 ARCHITEKTEN 112


3. HERAUSFORDERUNGEN 3.1 TRANSFORMATIONSPROZESSE 115 3.1.1 NUTZUNGEN IM WANDEL DER ZEIT 115 3.1.2 DIE NUTZERSCHAFT 118 3.2 GEGENWÄRTIGE AUFFASSUNG VON ERHALT 121 3.2.1 VERLUST DER MAIENSÄSSKULTUR 122 3.2.2 REKONSTRUKTIONEN DES VERGANGENEN 124 3.3 KOLLEKTIVE UTOPIE 129 3.3.1 GEGENRÄUME IN DER ARCHITEKTUR 130 3.3.2 MULTILOKALE LEBENSWEISEN 135

4. FAZIT 4.1 VERÄNDERTE TERMINOLOGIE 137 4.2 ORTE DER GEBORGENHEIT 139 4.3 WEITERER FORSCHUNGSBEDARF 141

ANHANG LITERATURVERZEICHNIS 144 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 156 WEBSEITENVERZEICHNIS 162 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 163 DATENMATERIAL 164 EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG 165 LEBENSLAUF 166


EINLEITUNG

DAS MAIENSÄSS IM WANDEL DER ZEIT In der klassischen Dreistufenbewirtschaftung bildet das Maiensäss die Mittelstufe zwischen Tal- und Alpbetrieb (Weiss, [1941] 1992). Die traditionelle Bergwirtschaft wurde vom klassischen Stufenbetrieb mit einer Vielzahl von Betriebsgebäuden unterschiedlichster Art geprägt (Bösch, 1992, S. 313). Die naturnahen Ökosysteme wie auch das vertraute Landschaftsbild sind das Ergebnis der spezifischen Bewirtschaftungs- sowie Siedlungs- und Lebensformen der alpinen Bevölkerung. Über die Herkunft des Begriffs «Maiensäss» herrscht in der Literatur keine Einstimmigkeit. Laut der vorherrschenden Meinung in der Literatur verweist die Bezeichnung auf den Monat Mai, in welchem das Zwischengut zwischen Tal- und Alpstufe nach den Wintermonaten zum ersten Mal beweidet werden konnte. Ein weiterer Bezug könnte zum alemannischen majen, mejen (mähen) hergestellt werden. Diese Verbindung verweist auf die zweite Funktion innerhalb der Weidewechselwirtschaft; die überlebenswichtige Sicherstellung der Futtervorräte für die Überwinterung des Viehbestands (Keiler, 2004, S. 32f.). Laut dem Historiker Jon Mathieu ist der Begriff «Maiensäss» kein weit verbreitetes Wort in den deutschschweizerischen Umgangssprachen ([1990] 2003, S. 481). Die Ökonomiekomplexe weisen ein grosses Spektrum an dezentralisierten Betriebsformen auf. Durch die regionale Prägung variiert die Typologie der Maiensässbauten von Tal zu Tal oder gar von Ort zu Ort (Mathieu, [1990] 2003). Die Variation zeigt sich ebenfalls in der Bewirtschaftungsform. In einigen hochgelegenen Siedlungen fiel die Maiensässstufe mit der Alp zusammen, in anderen Regionen wurde das Vieh fast ausschliesslich im Dorfstall gefüttert. Dazu wurde das Futter während des Winters mit dem Heuzug1 ins Tal befördert (Mathieu, 1992). In einigen Regionen gibt es traditionelle Maiensässsiedlungen, in anderen Regionen wurden die Ökonomiegebäude der Zwischenstufe entlang eines Weidegürtels angeordnet. Die Mähwiesen grenzen an die öffentliche Weide, die Allmend oder Alp. Auf dieser Grenze stehen Viehställe, worin das Vieh mit dem Heu der zugehörigen Wiesen gefüttert wird. Dies geschieht hauptsächlich in der Zeit vor Weihnachten und in den Übergangszeiten vor und nach der Alpsömmerung, besonders im Frühling von Mitte Mai bis Mitte Juni. Dann wird das Vieh unter gemeinsamer Hirtschaft auf die öffentliche Weide gelassen. Bei schlechtem Wetter und spätem Graswuchs besteht die Möglichkeit, den Weidegang durch Stallfütterung zu ergänzen. Zu jedem Maiensässstall gehört eine einfache Wohngelegenheit, die mit dem Stall zusammengebaut ist oder alleine steht (Weiss, [1941] 1992, S. 26f.). Während der sommerlichen Heuarbeit bezog meist die ganze Familie das Maiensäss. Im Frühling und Herbst schickte man ein jüngeres oder 1  Ein Schlitten, mit welchem das Heu im Winter ins Tal befördert wurde. Dazu wurde das Heu meist an Ort und Stelle in Form von Tristen aufgeschichtet (Bätzing, 1997, S. 55).

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Abb. 1: Maiensäss-Gesellschaft um 1806. Eine vornehme Partie vergnügt sich auf einem Maiensäss, um den Alltag hinter sich zu lassen. Das weidende Vieh und die zwei Ökonomiebauten mit einem Bauern bilden die idyllische Kulisse. (© Fundaziun Capauliana)

abkömmliches Mitglied auf die Zwischenstufe. Die Trennung von der Familiengemeinschaft erlegte der betreffenden Person manche Entbehrung auf, schaffte aber gleichzeitig Freiheitsgefühle (Mathieu, [1990] 2003, S. 500). Im Gegensatz zur Dorfallmend, wo die öffentliche Hirtschaft eine verbreitete Erscheinung war, wurde das Vieh auf den Maiensässen meistens von Familienmitgliedern gehütet. Die Milch wurde in der Regel in Einzelbetrieben verarbeitet. Trotz der individuellen Wirtschaftsform gab es öffentliche Nutzungsregeln. Die kollektive Koordination betraf beispielsweise die Weidezeit, welche oft in der Gemeinschaft festgelegt wurde (Mathieu, [1990] 2003, S. 498). Das Berggebiet hat seit Mitte des letzten Jahrhunderts seine traditionelle periphere Autonomie verloren. Es gehört heute zum Ergänzungsgebiet der grossen Verdichtungsräume; durchsetzt von urbanen Strukturelementen, ihrer Dynamik, ihren Wertmassstäben und Bedürfnissen (Bösch, 1992, S. 313). Durch die umstrukturierte Landwirtschaft werden viele Maiensässbauten von den Bauern nicht mehr gebraucht. Die Gebäude auf der Zwischenstufe stehen leer und zerfallen oder werden für neue landwirtschaftliche und gewerbliche Zwecke genutzt, etwa um Geräte und Maschinen einzustellen. Seit Anfang der 1980er Jahre sind Maiensässe begehrte Objekte, die in Ferien- und Wochenendhütten umgenutzt werden (Bundi, 2007). Durch die wachsenden Komfortansprüche wird die Bausubstanz immer einschneidender umgebaut. Die Sehnsucht nach Maiensässen als temporäre Rückzugsorte beruht auf dem Wandel früherer Vorstellungen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Maiensässe 7


bereits im 18. Jahrhundert von aristokratischen Kreisen als kulturell bedeutsame Orte entdeckt wurden. Diese fühlten sich einer europäischen Gesellschaft verbunden, die sich nach Erholung von der Zivilisation und dem bewussten Erleben der Natur sehnte (Mathieu, [1990] 2003, S. 502). Ab Mitte des 18. Jahrhunderts führten wissenschaftliche und dichterische Schilderung sowie malerische Darstellungen zur Entdeckung der Bergbauern als edle Wilde, die in einer idyllischen Alpenlandschaft ein naturnahes und einfaches Leben führten (Mathieu et al., 2016; Weiss, [1941] 1992). Die veränderte Wahrnehmung der Alpen, vom einst gefürchteten zum ästhetisierten Raum, bestand jedoch nicht aus einem Umschlag vom Negativen ins Positive, sondern aus einer markanten Neugewichtung früherer Vorstellungen (Mathieu, 2012, S. 164). Das konstruierte Bild der Kulturlandschaft verspricht ein einfaches Leben in einer idyllischen und pastoralen Szenerie, welche über die Aussenwelt definiert wird, sich aber zugleich von ihr abgrenzt (vgl. Bakker, 2011). Um Maiensässsiedlungen zu erhalten und integral zu schützen, wurden Erhaltungszonen und Kulturlandschaften mit landschaftsprägenden Bauten im kantonalen Richtplan ausgewiesen (kRP GR, 2002). Durch das erhöhte Verkehrsaufkommen und die Anpassung der Bausubstanz an den Siedlungsraum wird die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und Einfachen oft zur Utopie. Das Maiensäss eignet sich besonders als Forschungsgegenstand, da es sich im Spannungsfeld zwischen Unter- und Übernutzung befindet, emotional behaftet ist und die Zukunft der Maiensässlandschaften von öffentlichem Interesse ist. Es besteht ein ökonomisches Interesse an einer intakten Landschaft, die als Erholungsraum vermarktet wird, ein baukulturelles Interesse an der traditionellen Bauweise und -substanz, ein ökologisches Interesse an der Bewirtschaftung des Kulturlandes und der daraus resultierenden Biodiversität, sowie ein gesellschaftliches Interesse an der Identifikationsleistung der Maiensässe als Landschaftselemente der traditionellen Kulturlandschaften.

FORSCHUNGSLITERATUR, QUELLENLAGE UND FRAGESTELLUNG Die Geschichte der Maiensässkultur in Graubünden ist laut Mathieu ein weithin unerforschtes Gebiet ([1990] 2003, S. 502). Eine Übersicht bilden die vom Verein für Bündner Kulturforschung herausgegebenen Publikationen. Das Buch Alpschermen und Maiensässe in Graubünden von Diego Giovanoli zeigt eine kantonale Übersicht der Maiensässe in Graubünden. Untersucht wurden die bau- und siedlungsmorphologischen Phänomene vor 1960 und deren Zuordnung zu Besiedlungsart, Nutzungsstufen, Hof- und Hausformen. Die Bündner Kulturlandschaft wurde dabei auf ihren Zeugniswert untersucht, wodurch die Mitte des 20. Jahrhunderts die Zeitgrenze der Forschung bildet (2003). Giovanoli erstellte bereits von 1988 bis 1999 zwanzig nach Ortschaften gegliederte Maiensässinventare,2 welche die ursprünglichen Betriebsformen und die historischen Baugewohnheiten dokumentieren. Die betriebliche und bauliche Umstrukturierung wurde festgehalten, jedoch nicht weiter hinterfragt. 2  Die Maiensässinventare wurden erstellt für die Gemeinden; Alvaneu, Bergün, Cauco, Calfreisen, Fanas, Flerden, Fideris, Laax, Vaz/Obervaz-Lenzerheide, Poschiavo, Says, Sched, Schlans, Seewis, Soglio, Stampa, Trun, Untervaz und Zuoz (Giovanoli, 1989).

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Peter Zumthor erstellte im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege Graubünden eine Bestandsaufnahme der Maiensässe von Soglio (1971). Ein grossflächiges Inventar der Bergeller Maiensässe wurde 2010 von der Gemeinde durchgeführt. Das Ziel des Pilotprojekts war laut Giacometti, dass Ställe ebenfalls umgenutzt werden können. Dies unter dem Vorbehalt, dass die Bauten landschaftsprägend sind und verbunden mit einer Bewirtschaftungspflicht. Das Projekt wurde laut der Bergeller Gemeindepräsidentin vom kantonalen Amt für Raumentwicklung abgelehnt (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Martin Bösch, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeografie, thematisierte bereits 1992 den «Untergang der Maiensäss-Kultur» im Bündner Monatsblatt. Laut Bösch befinden sich Maiensässbauten im Umbruch, da der Rationalisierungs- und Produktivitätsdruck dazu geführt haben, dass die Alpen besser erschlossen werden. Die Umstrukturierung der Betriebsgebäude und Wirtschaftswege sowie die Verschiebung in der Flächenbewirtschaftung erwiesen sich als landschaftsprägend. Viele Bauten wurden aufgrund der globalen Ökonomisierung und der durchgeführten Meliorationen im Laufe der Zeit überflüssig. Transporte und kurze Fahrten ersetzen die «Aussenstationen» auf der Maiensässstufe. Bösch formuliert die Prognose, dass die Kulturlandschaft als Ganzes, aufgrund der modernisierten Landwirtschaft, unwiderruflich verschwinden wird (1992, S. 319). Im Rahmen von Diplomarbeiten wurden drei Studien über Maiensässe in Graubünden erstellt. Die erste Arbeit Vom Maiensäss zum Ferienhaus wurde vom Raumplaner Erwin Schmid im Rahmen eines Nachdiplomstudiums an der HTL Brugg-Windisch erstellt. Schmid hielt damals fest: «Zerfallen lassen oder umnutzen, das wird wohl die entscheidende Frage sein» (1991, S. 14). Laut Schmid hat sich die bestehende Bausubstanz seit den letzten fünfzehn Jahren in Sevgein kaum verändert. Schmid betont jedoch, dass die Eigentümer gewillt sind, die Gebäude zu unterhalten (1991, S. 69). Die Humangeografin Linda Knab erstellte am Geografischen Institut der Universität Zürich die Studie Maiensässe in Graubünden. Die Diplomarbeit beleuchtet die Einstellung der betroffenen Bevölkerung zum Wandel der Kulturlandschaft anhand des Landschaftselementes Maiensäss. Durch dreizehn Leitfadeninterviews wurden die Situation, die Bedeutungen und die Entwicklungen der Maiensässe erfasst. Laut Knab werden für die Zukunft vor allem extreme Entwicklungen befürchtet, wie das Einwachsen der Gebiete oder das Umnutzen in Ferienhäuser. Die Bevölkerung wünscht sich jedoch, die Maiensässe zu erhalten (2006). Gian Derungs3 untersuchte im Rahmen seiner Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften die Wirkung baurechtlicher Vorschriften auf den Immobilienmarkt. Im Rahmen der Studie wurden 431 Maiensässbauten im Val Lumnezia untersucht. Derungs hat ein fiktives Gesetz entwickelt, welches Umnutzungen erleichtert. Laut den Umfragen würde das Gesetz den Immobilienmarkt jedoch nur marginal beeinflussen (2009). Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, hat den Wandel von Maiensässbauten in mehreren Artikeln thematisiert und 2011 ein Thesenpapier 3  Derungs ist Vizepräsident des Vereins für Raumentwicklung Kultur und Landschaft (RAKUL), welcher von Peter Tarnutzer 2007 gegründet wurde. Der Verein setzt sich für ein liberales Raumplanungsgesetz, erweiterte Umnutzungsmöglichkeiten und gegen den Zerfall ein (http://www.kulturzerfall.ch).

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formuliert. Laut Rodewald muss vom landschaftlichen Wert und nicht vom Gebäudewert ausgegangen werden. Die erhaltenswerten Landschaften und Bauten sollen durch eine «Maiensässzone» ausgewiesen werden (2011). Die kantonalen Unterschiede sowie die Charakteristiken der Kulturlandschaft wurden von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz erfasst (Rodewald, 2005; Rodewald & Schmidt, 1990; Rodewald, Schwyzer, & Liechti, 2014). Eine qualitative Fallstudie wurde im International Journal of Heritage Studies publiziert (Kianicka, Knab, & Buchecker, 2010). Die Autoren der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) beleuchten die symbolische Bedeutung von Maiensässen und die Einstellung gegenüber zukünftigen Entwicklungen am Beispiel von Alvaneu in Graubünden. Laut den Autoren besteht die Herausforderung der Planer darin, extreme Landschaftsentwicklungen zu vermeiden, da sich Maiensässe im Spannungsfeld zwischen Erhalt und Weiterentwicklung befinden. Die 40 durchgeführten Interviews haben gezeigt, dass ein Konsens über den Erhalt von Maiensässen und die Bewirtschaftung der Umgebung besteht (2010). Es fehlt eine umfassende Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Ferien- und Freizeitkultur auf dem Maiensäss. Bisherige Forschungen haben aufgezeigt, dass in der lokalen Bevölkerung der Wunsch nach dem Erhalt der Bausubstanz und der Pflege der Umgebung besteht (Kianicka et al., 2010; Knab, 2006). Es wird jedoch nicht aufgezeigt, ob und wie Maiensässe erhalten werden können. Es fehlen insbesondere in Bezug auf das Bauen ausserhalb der Bauzonen konkrete Bilder und Visionen über künftige Entwicklungen (vgl. Zeindler, 2006, S. 22). Daraus leite ich folgende Forschungsfragen ab: Was ist ein Maiensäss im Kanton Graubünden, wie lassen sich Maiensässe unterscheiden in Bezug auf Landschaften, Siedlungen und Häuser und welches sind die Herausforderungen für den Bestand?

EINE ARCHITEKTONISCHE PERSPEKTIVE Wissenschaft erklärt die Welt nicht, sondern konstruiert einen Teil davon selbst (Gerber, Unruh, & Geissbühler, 2010, S. 16). Die wissenschaftliche Forschung wird im konstruktiven Realismus4 als Prozess beschrieben, der das eigene Untersuchungsobjekt erst konstruiert. Dies geschieht in Form von «Mikrowelten» (Wallner & Agnese, 1997, S. 21). Die zentrale Aussage des konstruktiven Realismus ist, dass wir nur verstehen können, was wir konstruiert haben. Wissen entsteht somit durch das eigene Machen und Handeln (Gerber et al., 2010, S. 16). Denise Scott Brown beschreibt Architektur als ein wissenschaftliches Modell, das sich an dem intuitiven und tentativ-vorläufigen, überraschungsoffenen Charakter des Erkenntnisprozes4  Der konstruktive Realismus bildet eine Alternative zum Rationalismus, der analytischen Wissenschaftsauffassung. In den letzten 50 Jahren wurde die Allgemeingültigkeit des rationalistischen Modells in Frage gestellt. Beim konstruktiven Realismus wird die Rolle der Kreativität und des aleatorischen Moments betont (Gerber et al., 2010).

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ses orientiert (1999). Für diese Sichtweise spricht, laut der Soziologin Christina Schumacher, auch die Umgebung des Architekten. Diese setzt sich aus dem Entwurfsprozess im organisierten Chaos des Ateliers und der Arbeit im unkontrollierbaren Feld zusammen. Schumacher bezeichnet den Begriff der Architektur in Bezug auf Wissenschaft als spezifische Produktivitätsform (2001b, S. 1). Die Praxis der Produktion von wissenschaftlichen Erkenntnissen wurde erstmals Ende der 1970er-Jahre durch Soziologen untersucht. Die Beobachtungen im Labor zeigten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse keine objektiven Abbildungen natürlicher Prozesse darstellen, sondern durch komplexe soziale Interaktionsprozesse konstruiert werden (2001b, S. 2). Die modellhafte Vorstellung von Wissenschaft liess bereits vor hundert Jahren eine bis heute andauernde Debatte entstehen, ob Architektur überhaupt Wissenschaft ist (Schumacher, 2001b). Der Biologe Edward O. Wilson definiert Wissenschaft als «organisiertes, systematisches Unterfangen, Wissen über die Realität zusammenzutragen und es zu überprüfbaren Gesetzen und Prinzipien zu verdichten» (1998, S. 73). In den Kulturwissenschaften manifestierte sich ein Aufschwung interpretativ-verstehender qualitativer Forschungen. Dies hängt damit zusammen, dass die Sensibilität für die Wahrnehmung und die Abbildung gesellschaftlicher Vielfalt und Differenzierungen als besondere Chance angesehen wird. Für die Methodik bedeutet dies, dass die Rahmenbedingungen im Vordergrund stehen, in denen Wahrnehmung, Meinungen und Handlungen entstehen und geäussert werden (Mattisek, Pfaffenbach, & Reuber, 2013, S. 127). Im Rahmen eines, durch den Schweizerischen Nationalfonds geförderten, Forschungsprojektes wurde die Architektur der Botanik, einer klassischen Naturwissenschaft, gegenübergestellt. Die Verbindung der beiden Disziplinen liegt einerseits in der Forschungsart. Es wird sowohl im Labor oder Atelier als auch im Feld operiert. Bei der Arbeit im Feld stossen beide Disziplinen auf unkontrollierbare Einwirkungen, im Falle der Botaniker in Form des Wetters und der Jahreszeiten, im Falle der Architekten in Form sozialer, politischer und ökonomischer Faktoren. Eine weitere Gemeinsamkeit bildet die Heterogenität. Schumacher betont die Mehrdeutigkeit der Forschungsgegenstände, mit denen der Botaniker in Form der Pflanzenwelt und der Architekt in Form der gebauten Umwelt zu tun haben. Die Erkenntnisprozesse sind weder methodisier- noch explizierbar, da die wissenschaftlichen Tatsachen in ökonomischen, sozialen, kulturellen und organisatorischen Zusammenhängen eingebettet sind (2001a). Die neuere Wissenschaftssoziologie stellt das klassische Bild der Wissenschaft, welches Qualitäten wie Objektivität, Universalität und Methodizität als Grundpfeiler versteht, laut Schumacher in Frage (2001b). Gemäss der Wissenschaftssoziologin Helga Nowotny wird das Wissen vermehrt unter Einbezug von neuen Verfahren und Zusammenhängen generiert. Es wird eine Art der Wissensproduktion beschrieben, die über Disziplinen- und Institutionengrenzen hinaussieht. Dieses Verfahren ist problemzentriert und anwendungsorientiert und generiert somit sozial robustes Wissen (1994). Die Chance der Architektur liegt darin, sich in diesem Modell zu etablieren, anstatt sich vom klassischen Wissenschaftsverständnis abzugrenzen (Gibbons et al., 1994). Laut dem Architekten Christian Gänshirt wird die Fähigkeit von Architekten, entwerfend und bauend unterschiedliche Disziplinen, Massstäbe und Betrachtungsebenen zusammenzubringen und

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zu integrieren, auch in den Wissenschaften mehr und mehr gefragt sein (2011). In diesem Zusammenhang schlägt Gänshirt die neue Übersetzung des griechischen Begriffs architekton vor. Das Verb archein bedeutet ursprünglich «anfangen, vorausgehen, der Erste sein». Der Begriff Tektonik bezeichnet die «Lehre vom harmonischen Zusammenfügen von Einzelteilen zu einem Ganzen». In Bezug auf die Forschung ist es der Architekt, der anfängt Einzelteile zu einem harmonischen Ganzen zu fügen (2011, S. 18f.). Die Kulturwissenschaftlerin Susanne Hauser beschreibt Entwerfen als eine Kulturtechnik. Die Grundvoraussetzung für jeden Entwurf bilden offene Fragen. Entwerfen ist, laut Hauser, eine problemlösende Aktivität, welche in die Zukunft weist (2013, S. 365). Es handelt sich um heuristische Verfahren, in welchen das Neue gesucht wird. Das Entwerfen wird geprägt von einer Vielzahl an Einflüssen, wie beispielsweise kulturellen Stilen, der Mode, dem Klima, rechtlichen und politischen Voraussetzungen sowie ökologischen und ökonomischen Fragen. Die verschiedenen Aspekte, die einen Entwurf modellieren, berühren unterschiedliche Dimensionen der Auseinandersetzung. Während eines Entwurfsprozesses wird folglich Wissen generiert. Diese Art von Wissensgenerierung eignet sich laut Hauser insbesondere bei Fragen, die einen komplexen Zugang zu schwach definierten Situationen verlangen sowie gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Ansprüche mit gestalterischen Prozessen verbinden. Prozesse, in denen Grundlagen für künftige Entwicklungen gelegt werden (2013, S. 366). Die architektonische Perspektive äussert sich durch das induktive Vorgehen und die schrittweise Annäherung. Dies geschieht vom grossen in den kleinen Massstab und vom Abstrakten zum Konkreten. Durch das methodische Vorgehen, wird das Entwerfen nicht als geheimnisvoller kreativer Akt verstanden, sondern als Entwicklungsprozess, der sich zumindest in gewissen Bereichen rational erfassen lässt. Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, dass mein Vorgehen stark intuitiv geleitet ist.

VORGEHENSWEISE UND METHODEN Mein Leitmotiv bildet das Entdecken. Ziel eines interpretativ-verstehenden Verfahrens ist es Neues zu entdecken, anstatt bereits vorab formulierte Theorien zu überprüfen (Flick, 2011, S. 27). Als grundlegendes Konzept dieser Forschungsweise bezeichnet Hildebrand die Nähe von künstlerischem und wissenschaftlichem Arbeiten, wodurch eine intensive Wechselbeziehung in der Auseinandersetzung mit dem Thema entsteht (2015, S. 33). Meine Auswahl an Forschungsmethoden ist, aufgrund der ausgewählten Forschungsweise qualitativ ausgerichtet. In der Anfangsphase bietet sich ein exploratives Vorgehen an, da dies meiner gewohnten Arbeitsweise als Architektin entspricht. Es werden möglichst unterschiedliche Personen, Situationen und Dokumente ausgewählt, um ein breites Spektrum an Eindrücken abzudecken. Die Dokumentenanalyse der Forschungsliteratur dient dazu, einen ersten Überblick zu erhalten und Maiensässsiedlungen sowie Gewährsleute ausfindig zu machen. Um herauszufinden, was ein Maiensäss in der Gegenwart ist, werden Maiensässgebiete aufgesucht und

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fotografisch dokumentiert sowie Erstgespräche5 mit Gewährsleuten geführt. Nach dem Schneeballprinzip wird die Liste der Gewährsleute nach jedem Erstgespräch erweitert. Die dreizehn Erstgespräche wurden im Zeitraum von Januar bis August 2016 durchgeführt und anhand von Notizen aufgezeichnet. Aus den gewonnenen Erkenntnissen habe ich das spätere Vorgehen für die Gespräche mit den elf Gewährsleuten entwickelt. Die aufgenommenen Gespräche wurden vollständig transkribiert, danach wurden Zusammenfassungen angefertigt. Die elf Gewährsleute setzten sich folgendermassen zusammen: Anna Giacometti, Gemeindepräsidentin Armando Ruinelli, Architekt Beatrice Schumacher, Historikerin Diego Giovanoli, Kulturforscher Dieter Müller, Umweltwissenschaftler Jon Mathieu, Historiker Ludmila Seifert, Kunsthistorikerin Norman Backhaus, Humangeograf Peter Rieder, Agrarwirtschaftler Reto Bernhard, Jurist Stefan Forster, Regionalentwickler Die Gespräche bestehen aus drei Schritten: dem freien Erzählen, der Aktivierung von Erinnerungen durch Bildmaterial und dem Zeichnen von narrativen Raumkarten. Die Gesprächspartner werden nicht mit standardisierten Fragen konfrontiert, sondern zum freien Erzählen animiert. Dadurch werden subjektive Bedeutungsstrukturen sichtbar, welche durch systematisches Abfragen verborgen bleiben (Mayring, 2002, S. 72). Der Vorteil dieser Vorgehensweise besteht in der Direktheit der Erzählungen; der Gesprächspartner kann nicht mit einer ausgearbeiteten Stellungnahme reagieren. Die Darstellung des Geschehenen wird im Gespräch entwickelt (Küsters, 2009, S. 13). Der Befragte wird zum Wiedererleben eines vergangenen Geschehens gebracht und dazu bewegt, seine Erinnerung daran möglichst umfassend in einer Erzählung zu reproduzieren (2009, S. 21). Ein wichtiger Bestandteil der Gespräche bildet die Aktivierung von Erinnerungen durch Bildmaterial. Unter dem Begriff Fotoelicitation6 wird das Auslösen von Erinnerungen und Erzählfähigkeiten mit visuellem Material verstanden. Das visuelle Material kann helfen, latente oder vage Erinnerungen zu fokussieren und zu reflektieren (Bischoff, Oehme-Jüngling, & Leimgruber, 2014, S. 314). Während den Gesprächen werden den Gewährsleuten Fotografien von verschiedenen Mai5  Die Personen, mit welchen ich Erstgespräche geführt habe, sind Christoph Breuer, Daniel Ladner, Dieter Schnell, Erwin Bundi, Hedi Senteler, Johannes Florin, Köbi Gantenbein, Marius Risi, Peter Tarnutzer, Raimund Rodewald, Richard Atzmüller, Silva Semadeni und Valentin Luzi. 6  Der englische Begriff elicitation bedeutet wörtlich das Herausholen einer latenten Information, einer Erinnerung oder eines Gefühls. John Collier initiierte 1957 die theoretische Reflexion zur Methode «interviewing with photographs» (Bischoff et al., 2014, S. 314).

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Abb. 2: Narrative Raumkarte. «Wenn man die Kulturlandschaft nicht mehr braucht, kann sie zurückgehen. Wenn man kulturlandschaftliche Dinge erhalten möchte, dann ist das einzige Modell, welches ich kenne, das im Safiental. Sie unterhalten die Dächer, die Ställe haben aber keine neue Nutzung. Das ist eine luxuriöse Sache, sich so etwas zu leisten. Aber ich finde das eine ehrliche Haltung.» (Ludmila Seifert, 2016)

ensässen gezeigt, welche im Feld gemacht wurden oder aus der Forschungsliteratur stammen. Das Herzstück der Gespräche bildet das Skizzieren von narrativen Raumkarten (Abb. 2). Die spontan und von Hand gezeichneten Karten geben Aufschluss darüber, wie ein Mensch eine räumliche Umgebung wahrnimmt und erlebt. Der Raum wird nicht auf seine Materialität reduziert, sondern er gilt über erlebte Anordnungen und Relationen konstruiert. Dadurch werden die soziokulturellen Beziehungsstrukturen sichtbar (Bischoff et al., 2014, S. 243). Das Skizzieren eignet sich als Werkzeug durch die unmittelbare Nähe zum Gedanken sowie die Unschärfe und die Reduktion auf das Wesentliche. Die Einfachheit des Werkzeugs macht das Skizzieren besonders wertvoll (Gänshirt, 2011). Aus den Raumkarten werden charakteristische Elemente der Maiensässe identifiziert. Der Fragebogen, welchen ich auf den Maiensässen verteilt habe, gibt Auskunft über die Sichtweise der Maiensässnutzerinnen und -nutzer. Dieser beinhaltet qualitative und quantitative Aspekte. Um nicht nur Besitzerinnen und Besitzer, sondern auch Gäste oder Mieterinnen und Mieter zu adressieren, wurde der Fragebogen vor Ort verteilt. Die Umfrage wurde im Sommer ausgetragen, da sich in der Ferienzeit am meisten Leute auf den Maiensässen aufhalten. Ziel ist es, zusätzliches Wissen zu erschliessen. Weiterhin sollen Aussagen über die Nutzerschaft selbst getroffen werden können. Dazu wird der Fragebogen in sieben The14


menfelder unterteilt: allgemeine Fragen (1), Fragen zur Nutzung (2), den Qualitäten (3), den gegenwärtigen Entwicklungen (4) und möglichen Zukunftsbildern (5). Dazu wird nach den Grundrissen der Bauten (6) und Lieblingsorten (7) innerhalb der Maiensässsiedlungen gefragt. Die Umfrage wird entlang der Veia Parc Ela verteilt. Die Maiensässstufe und die damit verbundene Weite bildet, gemäss Dieter Müller, das Alleinstellungsmerkmal des Parks (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017). Die Typenbildung dient der Strukturierung des Datenmaterials. Die Daten setzen sich zusammen aus Bildmaterial, Transkriptionen, narrativen Raumkarten, Fragebögen und der Forschungsliteratur. Laut Adorno kommt Typologien nicht nur eine aufklärerische Funktion zu, sie sind auch relevant für die Ableitung von Interventionsstrategien. Typologien haben nach Adorno den Anspruch, soziale Strukturen aufzudecken und die uneingeschränkte Individualität als utopisches Ideal zu enttarnen (1995, S. 310ff.). Die Typenbildung als Instrument zur Informationsreduktion eignet sich insbesondere bei umfangreichem explorativem Datenmaterial (Schmidt-Hertha & Tippelt, 2011). Laut Bellwald kann die materielle Kultur Rückschlüsse auf den Menschen geben: über unser Wesen, Beziehungen, Erfahrungen und Zukunftswünsche. Bei der materiellen Kultur handelt es sich gemäss Bellwald nicht um «leblose Dinge», sondern um Indikatoren, die Informationen transportieren und dadurch wertvoll sind (2014, S. 333). Die Typologien können Impulse für eine empirisch begründete Theorieentwicklung liefern oder als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen genutzt werden. Für die Praxis können Typologien dabei helfen, Handlungsentwürfe zu entwickeln und Strategien zu überprüfen (Schmidt-Hertha & Tippelt, 2011, S. 24). Die vorliegende Arbeit liefert keine statistische Erhebung zu gegenwärtigen Nutzungen oder dem Zustand der Bauten in den Maiensässgebieten. Weiterhin bildet meine Forschung eine Momentaufnahme und deckt dabei die Geschichte der Maiensässkultur in Graubünden nicht ab. Die Zielgruppe meiner Arbeit sind Personen, die sich für die gegenwärtige Lebenswelt auf dem Maiensäss interessieren. Ich richte mich an Fachpersonen aus den Bereichen Architektur, Raumplanung, Denkmalpflege und Politik und insbesondere an die Nutzerschaft der Bauten auf den Maiensässen.

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FOTOGRAFIE

LITERATUR Forschungsliteratur > Gewährsleute identifizieren > Häufig erwähnte Maiensässe identifizieren

Maiensässe > Fotografisches Dokumentieren

KODIEREN

COLLAGE

Forschungsliteratur, Transkripte, Fotos, Fragebögen Offenes Kodieren > Provisorische Kodes und Kategorien Axiales Kodieren > Kodes und Kategorien, Beziehungsnetz Selektives Kodieren > Schlüsselkategorien mit Beziehungen und Verflechtungen

GESPRÄCHE Gewährsleute, Fotografien > Transkripte, narrative Raumkarten

Schlüsselkategorien und Kodes > Visuelle Darstellung der gegenwärtigen Lebenswelt auf dem Maiensäss

ANNÄHERUNG UMFRAGE Fragebogen > Weiteres Datenmaterial für Triangulation

Schlüsselkategorien und Kodes > Definitionsversuch in verschiedenen Massstäben

Abb. 3: Ablaufmodell der vorliegenden Forschung. In der weiss dargestellten Phase werden Daten erhoben. Die schwarz dargestellte Phase ist der Analyseteil, bestehend aus einem Definitionsversuch begleitet durcht eine Collage (1), dem Entwickeln von Typologien (2), dem Aufzeigen der Herausforderungen (3) und einem abschliessendem Fazit.

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BESTAND Schl체sselkategorien und Kodes > Ableiten von Herausforderungen

TYPOLOGIE Schl체sselkategorien und Kodes > Beschreibung der verschiedenen Typen

FAZIT Fazit zum Bestand der Maiens채sse in Graub체nden

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1. DEFINITIONSVERSUCH

1.1 DAS MAIENSÄSS IN DER FORSCHUNGSLITERATUR In der Literatur gibt es keine einheitliche Definition des Maiensässbegriffes (Keiler et al., 2004, S. 32). Denn schon früher wurden Maiensässe unterschiedlich genutzt, je nach Lage und Region. Bei einer kurzen Distanz zum Dorf wird das Futter in Stallscheunen eingebracht, wo sich das Vieh so lange aufhält, bis die Vorräte aufgebraucht sind. Die Bauern kommen morgens und abends vom Dorf hinauf, um das Vieh zu versorgen. Bei weiter entfernten Maiensässen wird das Heu als Ergänzungsnahrung der Frühjahrs- und Herbstweide verfüttert. An manchen Orten zieht die ganze Familie zu Beginn des Winters mit der Herde auf das Maiensäss, um das dort gelagerte Heu aufzubrauchen (Furrer et al., 2011, S. 300). Das Maiensäss lässt sich jedoch in abstrakter Weise als Zwischenstufe definieren (Mathieu, [1990] 2003, S. 464). 1.1.1 ZWISCHENSTUFE DER TRADITIONELLEN BERGLANDWIRTSCHAFT Das Maiensäss wird in der Forschungsliteratur häufig als «Zwischenstufe der traditionellen Berglandwirtschaft» beschrieben (Bösch, 1992; Mathieu, [1990] 2003; Weiss, [1941] 1992). Diego Giovanoli hat in seiner Publikation Alpschermen und Maiensässe in Graubünden aufgezeigt, dass es Gebiete gibt, in welchen historisch bedingt gar keine Maiensässe vorkommen (Abb. 4). Zurückzuführen sind die vorwiegend maiensässfreien Gebiete einerseits auf die geringere wirtschaftliche Bedeutung der Zwischenstufe im Vergleich zur Alp. Andererseits liess die kurze Distanz zwischen Dorf und Alp, wie dies in hochgelegenen Gemeinden der Fall war, keine Zwischenstufe zu. Laut Giovanoli besassen im Engadin nicht einmal zehn Prozent der Bauern ein Maiensäss (2003, S. 25). Bei den früheren Beizeichnungen für das Maiensäss zeigt sich eine sprachliche Vielfalt. Die Bezeichnungen um 1900 lassen sich nach Mathieu in drei Benennungsmotive unterteilen: «Die Zeit (Meiesäss, misés, magènca, magés, prümaran), den Ort (Bäärg, cuolm, mont) und die Nutzung (Weid, Vorwinterig, Usfüeterig)» ([1990] 2003, S. 481). Die Karte (Abb. 5) zeigt, dass die auf die Nutzung bezogenen Ausdrücke stark zurücktreten. Mathieu weist darauf hin, dass sich das Maiensäss als «relativ individueller und unkontrollierbarer Wirtschaftskomplex» seit jeher in einem Spannungsfeld befindet ([1990] 2003, S. 466). Bereits 1835 schrieb ein Autor, es wäre «eine verirrte Civilisation», wenn man die ländlichen Genüsse der Maiensässausflüge in Verfall geraten liesse (Bawier, 1835, S. 56). Laut Mathieu droht heute «die Zivilisation das Maiensäss zu vereinnahmen und schliesslich zu einer Art Agglomeration umzugestalten» ([1990] 2003, S. 466). Auch Giovanoli äussert sich kritisch zur gegenwärtigen Entwicklung der Maiensässe. Es entstehe

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Sonderfälle 1 Zwischenstufe mit Heuscheunen 2 Zwischenstufe mit Weidställen 3 Zwischenstufe mit Voralpen Abb. 4: Gebiete ohne Maiensässe. In den hellgrau dargestellten Bereichen gibt es historisch bedingt keine Maiensässe. (Giovanoli, 2003)

eine «erholungswirtschaftliche Collage aus historischen Hüllen und gesamtwirtschaftlichen Tatsachen des alpinen Raums» (2003, S. 10f.). Im Katalog der charakteristischen Landschaften der Schweiz definieren Rodewald, Schwyzer und Liechti das Maiensäss als «Sammelbegriff für eine Zwischenstufe der gestaffelten Alpwirtschaft, welche sowohl der Sommer- wie der Winterfuttergewinnung dient». Die Autorenschaft unterscheidet zwischen Maiensässlandschaften mit kompakter oder gestreuter Siedlungsstruktur. Vorwiegend im Tessin finden sich die «Paesaggi dei monti», welche neben den höher gelegenen Maiensäss-ähnlichen «Monti alti» auch die «Monti bassi» kannten, welche ganzjährig bewohnt wurden. Letztere sind laut Rodewald, Schwyzer und Liechti von Terrassierungen, Fruchtbäumen sowie komplexeren Bauten geprägt (2014, S. 85). Die Definition der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz bezieht sich zwar auf die ursprüngliche Nutzung als landwirtschaftliche Zwischenstufe, weist aber auf die hohe Vielfalt von regionalen Ausprägungen hin. Martin Bösch definiert das Maiensäss im Bündner Monatsblatt als «Schnittstelle zwischen Winter- und Sommerfutter» (1992, S. 317). Bösch weist auf neue Nutzungsformen des Maiensässes hin und beschreibt diese Entwicklung als tiefgreifende Veränderung. Die Bauten werden oftmals als Ferienhäuser, Jagd- oder Skihütten genutzt und dafür in mehr oder weniger radikaler Weise umgebaut. Laut Bösch eignen sich Maiensässe in ihrer ursprünglichen Form schlecht für heutige Ansprüche (1992, S. 319). In seiner ursprünglichen Nutzung bildet das Maiensäss, gemäss Bösch, die mittlere Stufe zwischen Tal- und Alpbetrieb. Das Maiensäss setzt sich aus höhergelegenen Futterflächen für die Viehwirtschaft sowie verschiedenen Betriebsgebäuden zusammen (1992). 20


A acla B Bäärg C cuolm CM cuolm dil matg M Meiesäss MA magènca MG magés MI misés MO mont P prümaran U Usfüeterig V Vorwinterig W Weid F Flurname Abb. 5: Maiensässbezeichnungen um 1900. Bei den früheren Begriffen zeigt sich eine sprachliche Vielfalt. (Mathieu, [1990] 2003)

1.1.2 ELEMENT DES KULTURELLEN ERBES Als Maiensäss wird in Linda Knabs Forschung1 ebenfalls «die zwischen dem Dorf und der Alp gelegene Stufe der bäuerlichen Wirtschaftsweise» definiert (2006, S. 72). Bei den charakteristischen Merkmalen verweist Knab auf die regionaltypische Bauweise mit lokalen Materialien. Das Maiensäss wird oft mit einer traditionellen Holzkonstruktion in Verbindung gebracht. Die von Knab befragten Personen sind sich einig, dass ein Maiensäss über ein Giebeldach verfügen muss. Bei den Dachbekleidungen gibt es die ursprünglichen Schindeldächer, aber auch Eindeckungen aus Eternit, Wellblech und Ziegel finden heute Anwendung. Die Giebel der Bauten sollten alle in dieselbe Richtung schauen und die Hütten sind im besten Fall klein und gemütlich. Das Typische am Maiensäss ist die Einfachheit der Hütten, die weder mit städtischem Komfort noch mit Luxus, wie einem Fernseher, einer Sauna oder einem Swimmingpool, ausgerüstet sind. Weiterhin prägt das Umland das Bild vom Maiensäss, die landwirtschaftliche Nutzung gehört auch heute noch dazu. Das Maiensäss wird als «typisches Landschaftselement» bezeichnet und gehört laut Knab zum Bild der Kulturlandschaft (2006, S. 73). Neben den Merkmalen hält Knab die Bedeutungen, welche dem Maiensäss zugeschrieben werden, fest. Dazu zählen insbesondere die Bedeutungen als Ort der Ruhe, der 1 Die Humangeografin Linda Knab führte im Rahmen ihrer Diplomarbeit Maiensässe in Graubünden an der Universität Zürich dreizehn Leitfadeninterviews mit Fachpersonen durch (2006).  

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Abb. 6: Caischavedra oberhalb von Disentis. Die Maiensässhütte dient als Ausflugsziel für eine Schneeschuhwanderung in einer tief verschneiten Winterlandschaft. (© Schweiz Tourismus/ Christof Sonderegger)

Erholung und des Friedens (2006). Ein Hinweis auf die Gegenwart findet sich im Titel der Forschungsarbeit. Das Maiensäss wird dort als «Element des kulturellen Erbes zwischen Erhaltung und Weiterentwicklung» bezeichnet. Im Gegensatz zur Definition als Zwischenstufe, bei welcher es sich um ein Gebiet handelt, bezieht sich der Ausdruck in Knabs Forschung auf die Siedlung oder Gebäude. Susanne Kianicka, Linda Knab und Matthias Buchecker von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bezeichnen das Maiensäss ebenfalls als «Element des kulturellen Erbes zwischen Erhaltung und Weiterentwicklung» (2010). Die Autorschaft stellt fest, dass sich die Bedeutungen des Maiensässes für die Nutzenden auf die vergangene, aber auch auf die gegenwärtige Funktion beziehen (2010, S. 486). Knab hält fest, dass die Maiensässhütten in der Gegenwart hauptsächlich für Ferien- und Jagdzwecke genutzt werden. Die «Hüttchen» werden von der Autorin als raumprägende Landschaftselemente beschrieben (2006, S. 113). Weiterhin findet laut Knab eine Aufbereitung und Kommerzialisierung des kulturellen Erbes statt, indem das Maiensäss vom Landwirtschaftsobjekt zum Ferienobjekt umgenutzt wird. Beim Maiensäss handelt es sich um einen sozial konstruierten Ort, dem verschiedene Bedeutungen zugewiesen werden. Das Maiensäss verbindet man laut Knab mit einem einfachen Leben, der Möglichkeit zur gestalterischen Selbstverwirklichung und der Gemeinschaft. Es dient als Träger von Heimatgefühlen und bildet oftmals den Ankerpunkt einer Familiengeschichte. Die Bedeutungen der Maiensässe haben sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Die frühere Bedeutung der Hütten als 22


Abb. 7: Caischavedra oberhalb von Disentis. Ein ähnliches Motiv wurde im schneereichen Winter 2017 von Graubünden Ferien nachgestellt. (© Graubünden Ferien/ Stefan Schlumpf )

Übernachtungsmöglichkeiten und Mittel zur Transportminimierung für die Landwirtschaft sowie als Fluchtmöglichkeiten aus der dörflichen Kontrolle ist der Bedeutung der Hütten als Erholungsort, Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag, Ausgangspunkt für die Jagd und Gestaltungsraum (2006, S. 115). Auch Badilatti weist darauf hin, dass das Maiensäss als Hort der Tradition, des Rückzuges vor dem Massentourismus, der natürlichen Lebensqualität und der Treue zu den eigenen Wurzeln im Bewusstsein der Bevölkerung tief verankert ist (1997, S. 10). Das Typische an Kulturlandschaften ist laut Knab der ständige Wandel. Die Maiensässe waren früher gewöhnliche Landschaften, die aus dem Alltag entstanden sind. Heute werden sie vermehrt zu symbolischen Landschaften, da ihnen Bedeutungen zugeschrieben werden. Die Bedeutung als heile Welt, Heimat und gemeinsames Kulturgut wird der Öffentlichkeit vermittelt, wobei es sich um Werte- und Wunschvorstellungen handelt (2006). Das Maiensäss wird als Element des kulturellen Erbes bezeichnet und ist folglich weit mehr als ein Gebäude – es stiftet Identität, zeugt von einer früheren Wirtschaftsweise und prägt die Kulturlandschaft. Im Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung, welche durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften gefördert wird, taucht der Maiensäss-Begriff ebenfalls auf. In Graubünden gibt es laut der Online-Datenbank von ortsnamen.ch rund 2'600 bezeichnete Maiensässe (http://search. ortsnamen.ch), wobei bei einigen Maiensässbezeichnungen die Koordinaten fehlen. Das 23


Abb. 8: Churer Maiensässlied. Das Lied hat eine langjährige Tradition, die über Generationen zurückreicht, und wird alle Jahre wieder von den Schülern gesungen. (© Stadtschule Chur)

Projekt trägt die Flur- und Ortsnamen schweizweit aus verschiedenen Forschungsarbeiten zusammen. In einigen Orten Graubündens spielt das Maiensäss im Jahresablauf der lokalen Bevölkerung noch heute eine wichtige Rolle. Dies zeigt die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz, welche im Rahmen der Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes am 16. Oktober 2008 eingeführt wurde. Die Liste umfasst derzeit 165 Traditionen, welche auf einer Website dokumentiert sind (http://www.lebendige-traditionen.ch). Eine dieser Traditionen bildet die Churer Maiensässfahrt. Seit 1854 wandern Churer Schulkinder mit ihren Lehrpersonen an einem sonnigen Tag Ende Mai von der Stadt aus in die umliegenden Maiensässe. Am Abend werden die zurückkehrenden Kinder von der Bevölkerung erwartet. Es findet der Maiensässumzug statt, wo die Kinder nach einer Ansprache und dem Singen des traditionellen Maiensässliedes schliesslich erfahren, dass am nächsten Tag schulfrei ist. In Poschiavo gibt es ebenfalls eine Frühlingstradition, genannt Gita a Selva. Die reformierten Schulkinder wandern an einem schönen Sonntag im Mai in Begleitung der Eltern zum Maiensäss Selva oberhalb von Poschiavo. Der Ausflug wird seit den 1940er Jahren durchgeführt. Im Kirchlein von Selva findet ein Gottesdienst statt, an dem auch das Lied von Selva erklingt. Danach wird aus einem grossen Kupferkessel Buch-

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Abb. 9: Churer Maiensässumzug. Bestandteile des Brauches sind die Ausflüge der Kinder mit ihren Lehrpersonen in die umliegenden Maiensässe, die Rückkehr in die Stadt mit dem Maiensässumzug, sowie eine Ansprache und das gemeinsame Singen des Maiensässliedes. (© Südostschweiz/ Yanik Bürkli)

weizenpolenta verteilt. Der Festtag wird durch die gemeinsame Rückkehr ins Dorf beendet (Conzett, 2018). Der poetische Churer Georg von Bawier beschrieb 1835 aristokratische Maiensässfahrten in Graubünden (Schmid, 1968). Im Büchlein Schneeflocken aus Graubünden schildert Bawier den Ablauf einer solchen Maiensässpartie: «Lichter werden Föhren und Tannen. Die Hütten tauchen auf. Bei welcher lagern? Bei der Salisschen, der Beelischen, bei der Laurers Hütte oder ...? Mägde waren vorausgeschickt mit den nötigen ‹Vivres›, als da sind: knuspriges Brot, Wein, Schinken, geräucherte Schüpplige, Zungenwurst, Kaffee, Schokolade usw. Der Tag vergeht unter Spielen, Gesängen, Blumenpflücken, kleinen Ausflügen, in Gruppen nach Wahl und Neigung aufgelockert, mit Winden von Maiensässkränzen, die den Hut der Jünglinge schmücken.» (Bawier, 1835)

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Abb. 10: Radons bei Riom. Die Ferien- und Freizeitnutzung von Maiensässhütten erkennt man an Elementen wie dem Kamin, einem Solarpanel, versteckten Fenstern und der direkten Umgebung. Das Grundstück ist meist eingezäunt und es hat oftmals Beete, Grill, Gartenmöbel und hin und wieder eine Fahnenstange.

1.2 DAS MAIENSÄSS IN DER NICHTWISSENSCHAFTLICHEN LITERATUR Aus der Forschungsliteratur lässt sich nicht abschliessend beantworten, was ein Maiensäss in der Gegenwart ist. Daher werden weitere Daten hinzugezogen, welche sich aus Medienbeiträgen und den Datenbanken von Online-Buchungsplattformen zusammensetzen. 1.2.1 DEBATTE ZWISCHEN UMBAUBEFÜRWORTERN UND LANDSCHAFTSSCHÜTZERN Das Maiensäss taucht immer wieder einmal in Zeitungsartikeln auf, um über einen Brand zu informieren, um über die alljährliche Churer Maiensässfahrt zu berichten oder um die Bevölkerung über den gegenwärtigen «Maiensäss-Knatsch» auf dem Laufenden zu halten. Vor dem Hintergrund der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes (RPG 2) erhielt der Diskurs zwischen Umbaubefürwortern und Landschaftsschutz frischen Aufwind. Am 22. Juni 2017 schickte das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) die neue Version des RPG 2 in die Vernehmlassung. Gegenstand der zweiten Teilrevision ist das Bauen ausserhalb der Bauzonen. In einer Medienmitteilung des Bundesamtes für Raumplanung wird über die Verabschiedung der zweiten Etappe informiert. Ein zentrales Anliegen ist die Wahrung der Trennung von Baugebiet und Nichtbaugebiet. Die Kantone sollen aber zukünftig einen grösseren Gestaltungsspielraum erhalten. Neu ist dabei der Ausgleich bei Mehrnutzungen in Form ei26


Abb. 11: Verfallener Stall bei Brienz. Die Überreste von Ökonomiebauten zeugen von der früheren Wirtschaftsweise. Durch die Verwendung von lokalen Materialien sind die Bauten ökologisch abbaubar.

nes Kompensationsansatzes, indem beispielsweise nicht mehr gebrauchte Bauten beseitigt werden (Lezzi, 2018). Dadurch sollen massgeschneiderte Lösungen gefördert werden. Jurist und Grossrat Reto Crameri reichte 2016 einen Auftrag an die Regierung ein, welche damit verpflichtet war eine Standesinitiative in Bern einzureichen. Das Bundesrecht sollte geändert werden und Umnutzungen von nicht mehr landwirtschaftlich genutzten Bauten ausserhalb der Bauzone sollten erlaubt werden (Crameri-Daeppen, 2016). Es folgten eine gleichlautende Standesinitiative aus dem Wallis und eine Motion der ständerätlichen Raumplanungskommission. Der Nationalrat lehnte beide Standesinitiativen ab. Mit der Stossrichtung der Motion zeigte er sich einverstanden. Der Nationalrat verlangte aber zusätzlich, dass die kantonalen Regelungen auf einer regionalen Planung beruhen und zu einer Verbesserung der Gesamtsituation bezüglich Natur, Kultur, Landschaft und Landwirtschaft führen (Hartmann, 2018). Der Vorstoss geht nun zurück an den Ständerat. In Hartmanns Zeitungsartikel äussert sich Bundesrätin Doris Leuthard überrascht über die Maiensäss-Debatte: «Bei diesem Thema sind offensichtlich Emotionen vorhanden» (2018). Dass die Diskussion emotional geführt wird, zeigt die Bildsprache der Umbaubefürworter. Der Bevölkerung wird immer wieder das Bild des Zerfalls vor Augen geführt. Meistens handelt es sich dabei um einzelne verfallene Ställe aus Holz (http:/www.kulturzerfall.ch). Laut dem Churer Immobilienhändler René Hosig sind die Preise für umgenutzte und ausgebaute Maiensässställe ausserhalb der Bauzonen von 2011 bis 2016 um etwa zwanzig Prozent gestiegen. Hosig vermutet, dass die Zweitwoh27


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Abb. 12: Vorkommen der Begriffe von mietbaren Objekten in der Schweiz. (Daten: alp.holidaybooking.ch, abgerufen am 8. Januar 2018)

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nungsinitiative für den Preisanstieg mitverantwortlich ist, weil es eine stärkere Nachfrage gibt. Gemäss Hosig zahlt man mittlerweile zwischen 300'000.- und 400'000.- Franken für ein normales Maiensäss (Galgani, 2016). In Graubünden gibt es laut Schätzungen des kantonalen Amtes für Raumentwicklung 20'000 Ställe ausserhalb der Bauzonen. In den Erhaltungszonen wird von etwa 1'500 Maiensässbauten gesprochen (kRP GR, 2002). Gian Derungs, l tal s-S s säs e Immobilienunternehmer und Vizepräsident des Vereins für Raumentwicklung Kultur und c n an aie vac M de n o is Landschaft, rechnet die Zahlen vom Lugnez hoch auf den gesamtenMaKanton und spricht von ette ison Ma einer einmaligen Wertschöpfung durch das Umbauen von 200 Millionen Franken und eine n Maye jährliche Wertschöpfung von fünfzehn Millionen Franken, die man in den Kanton bringen Mühle könnte. Die Umbaubefürworter betonen jedoch, dass ökonomische Faktoren nicht im VorRustico dergrund stehen, es gehe einzig und alleine darum die Ställe zu erhalten (Galgani, 2016). Für Scheune Lukas Bühlmann, Direktor der Vereinigung für Landschaftsplanung, ist die Standesinitiative Sennhü tte ein Tabubruch, da die Trennung zwischen Bauzone und Nichtbauzone Skih verloren geht (2016). ütt

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Das Projekt Enjoy Alphütten, welches im Rahmen der Sommerkampagne 2017 von Schweiz Tourismus lanciert wurde, ermöglicht es, einen Aufenthalt in einem Maiensäss bequem über eine Internetplattform zu buchen. Die Kampagne orientiert sich an der Reiseform Ecotou-


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Abb. 13: Vorkommen der Begriffe von mietbaren Objekten in Graubünden. (Daten: alp.holidaybooking.ch, abgerufen am 8. Januar 2018)

rism. Schweiz Tourismus definiert den Begriff in Anlehnung an die offizielle Definition der United Nation World Tourism Organisation (UNWTO) wie folgt: «All nature-based forms of tourism in which the main motivation of the tourists is the experience, observation and appreciation of nature as well as the traditional cultures prevailing in natural areas» (http:// www.myswitzerland.com/alphuetten). Für eine statistische Darstellung der Begriffe auf der Buchungsplattform habe ich alle Begriffe verwendet, die in den Titeln der mietbaren Objekte vorkommen. Im gesamtschweizerischen Kontext kommen die Begriffe «Ferienhaus», «Chalet» und «Maiensäss» am häufigsten vor. In Graubünden ist dies auch der Fall, wobei die Reihenfolge anders ist. Der Begriff «Maiensäss» taucht in Graubünden am häufigsten auf (Abb. 12, 13). «Ferienhaus» ist der neutralste Begriff, denn ein Ferienhaus kann überall stehen. Mit den Begriffen «Chalet» und «Maiensäss» verbindet man oft eine Region, Tradition und eine spezifische Bauweise. Die unterschiedlichen Begriffe auf der Buchungsplattform von Schweiz Tourismus zeigen, dass es eine Vielfalt an Bezeichnungen für mietbare Ferienunterkünfte gibt. Auf der Buchungsplattform von Graubünden Ferien werden unter dem Begriff «Maiensäss» achtundzwanzig Unterkünfte angeboten (https://booking.graubuenden. ch), darunter zahlreiche Häuser und Hütten sowie zwei Sonderformen: das Maiensässhotel Guarda Val auf der Lenzerheide und das Maiensässresort Aclas in Urmein. Ein weiteres Maiensässresort ist das Projekt Aclas Ela, welches ebenfalls von der Firma Grischalpin konzipiert wurde. Die Stimmbevölkerung von Lantsch/Lenz lehnte die nötige Gesetzesänderung je29


Abb. 14: Aclas Heinzenberg. Das Maiensässresort Aclas in Urmein wurde innerhalb einer Bauzone erstellt und bildet eine touristische Ausprägung. Die Hütten können gemietet werden und werden von der Firma Grischalpin als neu erstelltes Maiensäss-Dörfchen mit modernem Komfort bezeichnet.

doch ab und verhinderte somit die Realisierung des Projekts (vgl. Herzog, 2011). Grischalpin definiert ihre Aclas-Projekte als «neu erstellte Maiensäss-Dörfchen mit modernem Komfort» (http://www.grischalpin.ch/sites/foerderprojekt.html). Eine weitere touristische Ausprägung bildet die Anakolodge vom Architekten Olivier Cheseauxin im Wallis. Cheseauxin demontiert leerstehende Ställe und baut sie in der Bauzone wieder auf. Dadurch gerät er weder mit dem Baugesetz noch mit der Zweitwohnungsinitiative in Konflikt. Die Anakolodge umfasst sieben Maiensässe, die auf neuen Fundamenten in La Forclaz stehen. Die Gebäude können über Online-Buchungsplattformen gebucht werden. Das Konzept des Wiederaufbaus ist laut Cheseauxin nichts Neues, bereits die Vorfahren haben Gebäude, welche durch eine Lawine zu schaden gekommen sind, an einem anderen Ort wiederaufgebaut (Aebischer, 2018). Die Bauten verfügen über ihre traditionelle Hülle und bieten im Innern einen gehobenen Komfortstandard (https://anakolodge.ch).

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Abb. 15: Anakolodge. Der Walliser Architekt Olivier Cheseauxin baut traditionelle Ställe, welche sich im Maiensässgebiet ausserhalb der Bauzonen befinden, ab und baut sie in einer Bauzone wieder auf, um die Gebäude an Gäste zu vermieten. Dadurch gerät er weder mit dem Baugesetz noch mit der Zweitwohnungsinitiative in Konflikt. (© Nicolas Sedlatchek)

1.3 DAS MAIENSÄSS AUS SICHT DER GEWÄHRSLEUTE Die Gewährsleute2 wurden während Gesprächen nach ihrer Idealvorstellung eines Maiensässes gefragt und aufgefordert eine Skizze anzufertigen. Der spontan und von Hand, kartierte Raum zeigt, wie ein Mensch eine räumliche Umgebung wahrnimmt und sich vorstellt. Die Karten können ausgewertet werden, da die sinnhafte Anordnung von Symbolen sichtbar gemacht wird. Es können Aussagen über das subjektive Konzept des Raums getroffen werden, wie den Aspekt der Relevanz, räumliche Einheiten, die Relationen, Nähe und Distanz, die Grössenverhältnisse sowie Grenzen und Verbindungen. Das Zeichnen von narrativen Raumkarten beinhaltet eine Übersetzungsleistung; die Anordnung erfolgt über Abstraktions-, Selektions- und Reduktionsleistungen des Kartierenden. Folglich kann das Kartieren als Symbolproduktion für die qualitative Forschung genutzt werden. Die Karten decken Ausdrucksformen symbolischer Ordnungen auf (Helfferich, 2014, S. 241). Von den elf Gewährsleuten besitzen fünf ein Maiensäss in Graubünden. In diesen Fällen wurde immer das eigene Maiensäss beschrieben. Die transkribierten Gesprächsausschnitte wurden auf die Beschreibung von Merkmalen hin untersucht. Danach wurden Oberkategorien erstellt, um einzelne 2  Die Gewährsleute setzten sich zusammen aus Anna Giacometti, Jon Mathieu, Stefan Forster, Peter Rieder, Reto Bernhard, Armando Ruinelli, Norman Backhaus, Diego Giovanoli, Beatrice Schumacher, Ludmila Seifert und Dieter Müller.

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Abb. 16: Narrative Raumkarte. «Es muss widerspiegeln, wie man früher gelebt hat. Nur ist es etwas künstlich – ich kann nicht mit den Schafen raufgehen, wenn ich keine Schafe habe. Für die weiteren Generationen finde ich wichtig, dass man die Möglichkeit, Maiensässe zu nutzen, nicht ganz ausschliesst und sagt, es muss alles zerfallen. Ich persönlich finde das zu extrem.» (Anna Giacometti, 2016)

Unterkategorien zusammenzufassen (vgl. Anhang). Die Gewichtung setzt sich aus dem Total der Anzahl Nennungen der Merkmale innerhalb einer Oberkategorie zusammen. Diese habe ich in der Reihenfolge der höchsten Gewichtung beschrieben. Die Analyse der narrativen Raumkarten zeigt, dass die verschiedenen Vorstellungen stark an persönliche Erfahrungen und Erinnerungen geknüpft sind. 1.3.1 RAUMVORSTELLUNGEN EINES IDEALEN MAIENSÄSSES Einen wichtigen Bestandteil der Raumvorstellungen bilden die Bautypen, die Bauweise sowie die Nutzung der Bauten. Das Maiensäss ist ein Holzbau respektive ein Blockbau oder Strickbau und weist kleine und wenige Fenster auf. Die einfachen Hütten sind direkt in den Boden gestellt und in die Topografie eingebettet. Hier und da hat es ein kleines Mäuerchen gegen den Hang. Es werden regionale Bautypen bevorzugt sowie ein gewisser Grad an Homogenität bei der Ausformulierung der Bauten. Die traditionelle Sprache der Gebäude wird erhalten und somit eine Einheitlichkeit und Regelmässigkeit hergestellt. Die Bauten verfügen über ein Giebeldach und bieten Platz für vier bis sechs Personen. Das Auskommen mit dem knappen Raum und die Einfachheit im Kontrast zur Alltagswelt sind Qualitäten. Die Bewohnbarkeit eines Maiensässes ist mit der Verfügbarkeit von Wasser verbunden. Bei den

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Abb. 17: Narrative Raumkarte. «Das Maiensäss ist schon ein Rückzugsort. Ich persönlich brauche ihn eigentlich nicht viel. Manchmal finde ich es absurd, man hat ja auch Kosten und so. Letztens war die Brandschutzkontrolle oben, dann muss man vor Ort sein. Manchmal hat man auch fast ein schlechtes Gewissen.» (Jon Mathieu, 2016)

Nutzungen werden oftmals die traditionellen Nutzungen genannt, die Lagerung von Heu, ein Milchkeller, ein Wohnhaus mit einem Stall in einem Bauvolumen oder in mehreren Bauten. Beim Thema Ersatzbauten gibt es keinen Konsens, für die einen sind geschickt gestaltete Neubauten möglich und für andere nur traditionelle Bauten. Das Maiensäss befindet sich über der Waldgrenze, zum Beispiel auf etwa 1'600 Metern. Die Szenerie setzt sich zusammen aus einer Berglandschaft, einem Bächlein, Bergwiesen und dem Fluss und der Strasse im Tal. Das Maiensäss ist auf einer offenen Lichtung, einer modellierten Kulturlandschaft. Die Bewirtschaftung dieser Fläche ist essentiell, da die Lichtung sonst vergandet und die Artenvielfalt beeinträchtigt wird. Wildtiere sind ebenfalls anzutreffen, wobei der Hirsch gegenüber Bären und Wölfen bevorzugt wird. Ein Vorteil der Weidenutzung ist die Offenheit der Terrasse, wodurch der Blick in die Weite schweifen kann. Ansonsten würde man nur Bäume sehen. Das wichtigste Ausstattungselement im Aussenraum ist der Brunnen. Dieser stellt die Bewohnbarkeit des Maiensässes sicher und hat zugleich eine öffentliche Funktion. Da alle Nutzer und Nutzerinnen Wasser holen gehen, trifft man sich. Die Umgebung rund um die Bauten ist so leer wie nur möglich. Ein Aussensitzplatz ist jedoch erwünscht. Ein Aussengrill oder eine Feuerstelle werden nicht als Notwendigkeit angesehen, da im Gebäude gekocht wird. Eine Ausnahme bildet eine historisch bedingte Typologie, wo die Feuerstelle auch ursprünglich schon aussen war, wie bei den Fideriser Heubergen. Die direkte Umgebung ist nicht 33


Abb. 18: Narrative Raumkarte. «Es gibt zwei sehr gegensätzliche Typologien, den Trenn- und den Einhof. Das Futter geht zum Tier oder das Tier geht zum Futter. Das ist eine ganz einfache Formel von Richard Weiss. Die kulturelle Prägung ist so tief verankert, dass man sich als Bergeller nicht vorstellen konnte das Heu hinunterzutragen, wie dies die Engadiner taten.» (Diego Giovanoli, 2016)

eingezäunt. Im Aussenraum kann es weidende Tiere wie Schafe, Ziegen oder Kühe geben. Eine minimale Infrastruktur zur Verpflegung ist wünschenswert, wie die «post da marenda» auf dem Maiensäss Falein im Parc Ela. Die immaterielle Kultur spielt eine grosse Rolle auf dem Maiensäss, denn das Maiensäss ist ein sozialer Kommunikationsort. Ein Ort der Geselligkeit, wie ein kleines Dörfchen, in welchem die Gemeinschaft stark geschätzt wird. Mit dem Besitz eines Maiensässes geht man auch eine Verantwortung ein, man muss sich darum kümmern und hat manchmal fast ein schlechtes Gewissen, wenn man nicht oft dort ist. Man kommt mit wenig aus und fühlt sich einer Gemeinschaft zugehörig. Das Maiensäss ist mit Jugenderinnerungen und Heimatgefühlen verbunden. Einen besonders interessanten Aspekt bildet die Beschreibung von Nutzertypen. Leute auf einem Maiensäss, wo es nicht so viel Sonne hat, werden als nicht so edel charakterisiert. Innere Vorstellungen werden als diskursiv beschrieben, da es Dinge gibt, welche von einer Person als störend empfunden werden und von einer anderen Person nicht. Das Maiensäss wird oft von Familie und Freunden genutzt und bildet einen konstanten Referenzpunkt innerhalb einer Familiengemeinschaft. Einerseits möchte man keine Symbole, welche die Schrebergartenwelt prägen, und andererseits schätzt man das Maiensäss, da es ein Ort um zu arbeiten und flicken ist. Die meistgenannten Merkmale bei den Innenräumen sind die Holzheizung oder die Feuerstelle mit Kamin. Wenn es keinen Kamin hat, geht der Rauch zum Dach heraus, wie früher. Ein offener Umgang mit 34


Abb. 19: Narrative Raumkarte. «Wenn es keine Zufahrtsstrasse und kein Wasser im Haus gibt, fallen bereits einige Dinge weg. Wichtig ist, dass es so wenige Elemente wie möglich hat. Ein Wiederaufbau von Maiensässen ist für mich eigentlich kein gangbarer Weg. Wenn man Maiensässe erhalten möchte, geht es wirklich nur um eine historische Erinnerung.» (Armando Ruinelli, 2016)

dem Kamin ist wünschenswert. Das Feuer kann in der Mitte des Raums sein. Die Einrichtung ist spartanisch, im Erdgeschoss hat es einen Esstisch mit einer Sitzbank oder vier Stühlen und es gibt einen Schrank. Trotz der Einfachheit hat es ein Solarpanel, welches für Strom für Licht im Innern sorgt. Die Erschliessung bildet ein kleiner schmaler Weg, über welchen man zu Fuss zum Maiensäss gelangt. Es hat eine Strasse, jedoch keine Betonstrasse, die zwar zur Alp führt, aber nicht direkt zum Maiensäss. Das Gebiet ist mit dem Postauto erschlossen, also kein Ort, zu dem man nur mit dem Auto gelangt. Die Alperschliessung ist wichtig für die Weidenutzung. Die Dramaturgie der Wegerschliessung zu Fuss ist ein wichtiges Element, man hat das Gefühl, in der Natur zu sein, man nimmt die Witterungseinflüsse stärker war und erfährt das Ursprüngliche. In Bezug auf die Siedlungsform und die Morphologie gibt es unterschiedliche Ansichten. Das Maiensäss ist meist eine Kleinsiedlung, es ist aber nicht ganz klar, ob es sich um gruppierte oder zerstreute Bauten handelt. Es ist eine karge Siedlung, ein kleines Dörflein mit engen Zwischenräumen und zerstreuten Bauten.

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Abb. 20: Narrative Raumkarte. «Ich gehe sehr viel ins Maiensäss hinauf und flicke Dinge. Ich kann den ganzen Tag lang dort sein, für mich ist das die Erfüllung vom Heimatgefühl. Heimat im Sinne, dass man weiss, was hinter jedem Stallecken ist. Man ist vertraut mit jedem Ecken, mit jedem Stein.» (Peter Rieder, 2016)

1.3.2 VON DER LANDWIRTSCHAFT ZUR FREIZEITNUTZUNG Die frühere Nutzung der Maiensässe unterscheidet Diego Giovanoli anhand einer kurzen Formel, welche von Richard Weiss3 entwickelt wurde: «Das Tier geht zum Futter oder das Futter geht zum Tier.» Laut Giovanoli bringen die Engadiner das Futter zum Tier und die Prättigauer gehen mit dem Tier zum Futter (persönliches Gespräch, 11. Oktober 2016). In der traditionellen Berglandwirtschaft wird die zentrale und die dezentrale Betriebsweise unterschieden. Jon Mathieu weist darauf hin, dass dezentrale Systeme ganz anders funktioniert haben. Die autonomen Zellen beruhten darauf, dass man das Heu hineinträgt, wodurch die Strasseninfrastruktur schlechter war. Die einen (zentrale Systeme) haben in die Erschliessung und Vehikel investiert und die anderen (dezentrale Systeme) in Gebäude. Das Engadin ist laut Mathieu agrarhistorisch gesehen ein Wurmfortsatz des Vinschgaus. Die unterschiedlichen Bewirtschaftungsweisen vom Engadin und Prättigau wurden 1744 in einem Manuskript von Nicolin Sererhard4 beschrieben. Der damalige Pfarrer von Seewis, welcher ursprünglich aus dem Engadin kam, schrieb darin: «Kein Land hat mehr Tächer als unser Prättigau!» Mathieu 3  Richard Weiss schrieb seine Habilitation über das Alpwesen Graubündens ([1941] 1992). 4  Die Handschrift der Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden ist auf 1742 zu datieren und wurde 1944 von Oskar VAsella neu bearbeitet.

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Abb. 21: Narrative Raumkarte. «Es gibt mehr Konsum in diese Sehnsuchtsrichtung. Das drückt sich aus, indem die Leute das Authentische suchen, aber auf die Zufahrt, den Kühlschrank und Whirlpool nicht verzichten möchten. Wichtig ist, dass die Leute nicht nur für ihre Hütte, sondern für das Gesamte Verantwortung übernehmen.» (Stefan Forster, 2016)

führt die vielen Dächer im Prättigau auf die unterschiedliche Grundstruktur zurück, welche eine andere Form der Erschliessung mit sich bringt. In seiner Publikation Eine Agrargeschichte der inneren Alpen entwickelte Mathieu das Modell der Pfadabhängigkeit. Wenn man einmal eine Infrastruktur hat, ist es ökonomisch gesehen lohnender mit dieser weiterzufahren. Laut Mathieu wird eine bestehende Infrastruktur nur auf unglaublichen Druck hin geändert. Dies geschah im Grunde erst mit der Motorisierung der Landwirtschaft. Weiterhin befanden sich das zentrale und das dezentrale Bewirtschaftungssystem in einem Dilemma – dem Raumdilemma der Landwirtschaft. Aufgrund der Flächenbewirtschaftung gibt es immer Transportprobleme und je nachdem, wie man diese löst, gibt es unterschiedliche Zwänge. Die zwei Systeme funktionierten früher parallel: die einen investierten in Gebäude (dezentral), die anderen in Ochsen und Gespanne (zentral). Die Strassen mussten andauernd ausgebessert werden. Mathieu verweist auf Vergleiche, welche in der Agrarschriftstellerei hergestellt wurden. Die Autoren wollten herausfinden, welches System das bessere war. Diese Frage konnte jedoch nicht abschliessend beantwortet werden. Durch die Motorisierung5 gestaltete sich der Transportfaktor plötzlich viel einfacher. Die dezentralen Systeme wurden vermehrt lächerlich gemacht, obwohl sie auf kleinem Raum sehr effizient sind. Das zentrale Bewirtschaftungssystem setzte sich durch und von diesem Moment an wurden die dezentralen Ge5  Die Firma «Rapid Motormäher AG» wurde 1926 in Zürich gegründet (https://www.rapid.ch/de/unternehmen/geschichte).

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Abb. 22: Narrative Raumkarte. «Also bei mir hat es einfach einen Brunnen, das ist mir wichtig. Einen Kamin hat es auch, da es innen eine Feuerstelle gibt. Das Gebäude hat eher kleine Fenster und ein Stein- oder Schindeldach. Das ist eine Holzstruktur, in meinem Fall quer. Dann hat es hier noch ein Nebengebäude und hier hinten ist die Landschaft. Die Bauten sind in die Landschaft eingebettet.» (Beatrice Schumacher, 2016)

bäude zum Problem (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Anna Giacometti beobachtet, dass man heute mit dem Auto zwischen dem Dorf und den höher gelegenen Stufen hin- und herfährt. In Soglio gibt es laut der Gemeindepräsidentin noch eine Schafherde, die langsam raufgeht und die Flächen als Weiden nutzt, wobei der Wald trotzdem einwächst (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Im Rahmen der Meliorationen wurde die Erschliessung ausgebaut. Laut Dieter Müller begünstigt die gut ausgebaute Erschliessung eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung. Die Wiesen werden gedüngt und es gibt vermehrt Fettwiesen. Müller weist darauf hin, dass sich neben dem Einwachsen der Gebiete auch das Wiesenbild und die Vegetation verändern (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017). In Poschiavo wurden die Maiensässgebiete Giovanoli zufolge 1938 erschlossen. Giovanolis Analyse von Soglio hat gezeigt, dass erst nach der Melioration die Raumplanung kommt. Die Meliorationen sind Giovanoli zufolge enorm wirksam und die Raumplanung übernimmt schliesslich, was sich daraus ergibt (persönliches Gespräch, 11. Oktober 2016). Auch Armando Ruinelli betont die grossen Unterschiede im Maiensässgebiet durch die Erschliessung. Laut Ruinelli ist der Spekulationsdruck höher, wenn es eine Zufahrtsstrasse gibt (persönliches Gespräch, 6. Oktober 2016). Reto Bernhard stört es, wenn alle mit dem Auto auf die Wiesneralp und direkt bis vor ihre Hütten fahren. Bernhard fährt selbst nur, wenn er etwas Schweres transportieren muss. Das Erlebnis sei ein ganz anderes, wenn man zu Fuss hochlaufe, man komme oben ganz an38


Abb. 23: Narrative Raumkarte. «Dieses Bild mit diesen engen Dächern und Häusern, das war wunderschön. Generationen von Kindern haben dort Verstecken gespielt. Das ist jetzt kaputt. Alle waren erfreut, dass sie mehr Platz und eine Aussicht haben, aber von der Sache her war das absolut falsch. Die Frage ist, sind die Häuser, die neu gebaut wurden, noch Maiensässe?» (Reto Bernhard, 2016)

ders an (persönliches Gespräch, 29. September 2016). Stefan Forster zufolge gibt es nur wenige Maiensässe, die gar keine Zufahrt haben. Der Grossteil der Hütten befindet sich, laut Forster, über Generationen im Besitz von Einheimischen (persönliches Gespräch, 8. Juli 2016). Die Maiensässsiedlung Tombal oberhalb von Soglio wird von Mathieu als «Meistersiedlung» bezeichnet (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Das Gebiet im Bergell ist steil und auf Tombal führt nur ein Fussweg. Anna Giacometti begründet das Fehlen einer Zufahrtsstrasse mit dem Rückzug der Landwirtschaft aus dem Gebiet, als man die Möglichkeit hatte eine Strasse zu bauen, womit die Frage nicht mehr aktuell war. Ein weiterer Grund sind, laut Giacometti, die komplizierten Eigentumsverhältnisse auf den Maiensässen: Wenn jemand stirbt, gibt es zehn Erben. Wenn wieder ein Erbe stirbt, gibt es fünf neue. Dann besitzt ein Erbe vielleicht einen Zweiunddreissigstel von einem kleinen Stall. Eine Strasse zu bauen wäre durch die Eigentumsverhältnisse extrem kompliziert gewesen. Und laut Giacometti wollte man keine Strasse bauen, nur um die Maiensässe danach an Auswärtige zu verkaufen (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Laut Ruinelli schafft die Umnutzung der Hütten Arbeit für die Eigentümer, sozusagen eine Wochenedbeschäftigung. Das Resultat sind meist kitschige Bauten, aber die Leute haben zumindest eine Art Liebe und Passion für ihr Maiensäss. Ruinelli weist auf die Gefahr hin, dass etwas losgetreten wird, das uns nichts nützen wird und der Landschaft erst recht nicht (persönliches Gespräch, 6. Oktober 2016). Anna Giacometti findet, 39


Abb. 24: Narrative Raumkarte. «Der Reiz sind diese Sonnenterrassen und der Weitblick, das ist spektakulär schön. Ich bin vielleicht eher Traditionalist, aber zum Begriff Maiensäss gehört schon das Einfache, die Qualität, nicht jeden Komfort zu haben, der sonst selbstverständlich ist. Man wird auf die Befriedigung seiner ursprünglichen Bedürfnisse zurückgeworfen.» (Dieter Müller, 2017)

dass ein Maiensäss widerspiegeln muss, wie man früher gelebt hat. Nur ist es laut Giacometti etwas künstlich, da man nicht mit Schafen auf das Maiensäss gehen kann, wenn man keine Schafe hat. Aber das Ursprüngliche und dass man mit wenig auskommen muss, das soll beibehalten werden (persönliches Gepräch, 31. Mai 2016). Für Armando Ruinelli zeichnet sich ein Maiensäss dadurch aus, dass die Häuser alle gleich sind und die Ställe auch. Im Bergell gibt es zwei Typologien: den Strickbau und den Eckpfeilerbau. Wenn es Ersatzbauten gibt, sollte man mit diesen zwei Typologien auskommen. Armando Ruinelli besitzt selbst ein «Maiensäss-Häuslein», welches er geerbt hat. Das Dach musste saniert werden. Das Unterdach hört bei der Fassade auf, sodass die Dachvorsprünge fein aussehen und man von unten die Steinplatten sieht, welche das Dach decken. Das Häuslein ist so wie vorher, es hat keine grösseren Fenster, nur einen Blechkamin, welcher gemacht werden musste. Sobald es ein Unterdach gibt, kann der Rauch nicht mehr austreten. Es handelt sich um ein bestehendes Häuslein; solche Häuslein kann man laut dem Architekten sanieren (persönliches Gespräch, 6. Oktober 2016). Dieter Müller zufolge ist die Bausubstanz charakteristischer Bestandteil der Maiensässstufe (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017). Die Präsidentin des Bündner Heimatschutzes Ludmila Seifert weist darauf hin, dass wenn Leute Geld in die Hand nehmen, sie eine Terrasse wollen und ein Rattenschwanz an Konsequenzen folgt. In ihren Augen stellt ein ausgebautes Maiensäss eine Belastung für die Landschaft dar, da der Charakter eines Stalles 40


Abb. 25: Narrative Raumkarte. «Ich selber besitze kein Maiensäss. Ich stelle mir aber ein Gebäude vor, wo man die Witterungseinflüsse mehr wahrnehmen kann, also Nebel, Wolken und so. Man hat dann mehr das Gefühl, dass man in der Natur drin ist. Und den Ausblick finde ich wichtig, dass man in die Weite blicken kann.» (Norman Backhaus, 2016)

innerhalb der heutigen Nutzung nicht erhalten werden kann. Eine weitere Schwierigkeit bilden der Wildwuchs und die Unkontrollierbarkeit. Aufgrund der fehlenden Regulierbarkeit bevorzugt Seifert einen Ansatz, bei dem man alles fallen lässt. Da für die Präsidentin des Bündner Heimatschutzes fast alles schrecklich ist, was man auf den Maiensässen sieht, führt das zu einer etwas kulturpessimistischen Haltung (persönliches Gespräch, 21. Oktober 2016). In einigen Regionen verfallen Maiensässbauten; oftmals sind das Gebiete ohne Zufahrtsstrassen. Laut Stefan Forster ist die Entwicklung der Wildnis vergleichbar mit der Diskussion rund um die Grossraubtiere. Diese sind laut Forster ein Zeichen, dass sich die Natur Gebiete zurückholt. Dies wiederum ist direkt verbunden mit der Frage des Niedergangs in der Peripherie. Das Bild verfallener Ställe und das Einwachsen der Kulturlandschaft sind besonders in Gebieten schmerzlich, wo eine gewisse Lethargie besteht und die Menschen das Gefühl haben, dass sie vergessen wurden. Der Bär und der Wolf kommen und die Leute müssen gehen (persönliches Gespräch, 8. Juli 2016). Jon Mathieu bezeichnet die Nutzungspolarisation6 und die damit verbundene Ausbreitung des Waldes als Megatrend, welchen man nicht aufhalten kann und mit dem man daher umzugehen lernen muss (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Peter Rieder beschreibt die heutige Situation am Beispiel von Vals. Die Maiensässe sind kaum noch in der normalen bäuerlichen Nutzung. Es sind alles Zweitwohnsitze, die in 6  Die Nutzungen konzentrieren sich auf die Tallagen.

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Abb. 26: Tombal oberhalb von Soglio. Als man die Möglichkeit hatte, eine Zufahrtsstrasse auf Tombal zu bauen, hatte sich die Landwirtschaft bereits zurückgezogen.

den letzten zwanzig bis dreissig Jahren umgebaut wurden. Laut Rieder gibt es bei praktisch allen Maiensässen in Vals eine Zufahrt, die Dächer mussten gemacht werden. Rieder weist darauf hin, dass der Begriff «Maiensäss» seine sinngemässe Bedeutung verloren hat. Es ist kein Sitz mehr, zu dem man im Mai hinaufgeht. Die Bauern heuen im Maiensässgebiet, kehren dann aber mit dem ganzen Futter in die zentralen Ställe zurück. Peter Rieder unterscheidet zwischen gruppierten Bauten, die ein Ensemble bilden, und Einzelställen in der Landschaft, wobei in den Einzelställen oftmals Holz und dergleichen gelagert wird. Diese Regionen bestehen laut Rieder zum grossen Teil aus Pachtland. Das Haus behält man und das Land wird verpachtet. Aus der Sicht von Peter Rieder ist dies ein Auseinanderreissen von Haus und Land. Eine weitere Unterscheidung sind die Walsersiedlungen, welche früher ganzjährig bewohnt waren. Die reinen Maiensässe, welche im Frühling und Herbst genutzt wurden, sind architektonisch einfacher. Von Rieders Kernwissen her muss man sehen, dass die Maiensässe losgelöst sind von der landwirtschaftlichen Tätigkeit und so lange schön sind, wie die Bauern Direktzahlungen erhalten, um das Kulturland einmal im Jahr zu mähen. Je weiter oben sich das Land befindet, desto vergoldeter ist es. Bei den Ausfütterungsställen gibt es gemäss Rieder teilweise keine Zufahrt, dann mähen die Leute und lassen das Gras in einem Bach verschwinden oder lagern es im Gebäude, wo es verfault. Das sind dann die Grenzen der Legalität (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Dieter Müller schätzt die frühere Zugänglichkeit von Maiensässen, da sie Bestandteil des Wirtschaftssystems waren. Heute scheint sich das 42


Abb. 27: Bergeller Typologien. Strickbauten und Eckpfeilerbauten prägen die Kulturlandschaften im Bergell. Die meisten Bauten auf Tombal werden als Ferien- und Wochenendhütten genutzt.

Maiensäss zum exklusiven Gut für Wohlhabende zu entwickeln. Die Bausubstanz wird oft übersaniert, was zum Verlust dessen führt, was eigentlich gesucht wird (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017). Anna Giacometti ist der Meinung, dass man ein Maiensäss nicht als richtiges Ferienhaus bezeichnen kann, da die Ausstattung sehr einfach ist. Es hat einen Schlafplatz und eine einfache Küche mit Feuerstelle (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016).

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Abb. 28: La Motta im Calancatal. Die Siedlung befindet sich ein einer Erhaltungszone.

1.4 DAS MAIENSÄSS IN DEN RAUMPLANERISCHEN VORSCHRIFTEN Die Entstehung der Raumplanung ist laut Erwin Bundi, dem ersten kantonalen Raumplaner Graubündens, auf die 1960er Jahre zu datieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte laut Bundi ein Bauboom ein. Diese Dynamik schlug sich nieder im Bau von neuen Strassen, Eisenbahnen, Kraftwerken, Flusskorrektionen, Meliorationen, Industrie-, Gewerbe-, Hotel-, Wohn- und öffentlichen Bauten und hat tiefe Spuren im Landschafts- und Siedlungsraum hinterlassen. Der politische Druck, die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken, erhöhte sich, zumal bereits vor dem Krieg der Ruf nach einer Landesplanung ertönte (2007, S. 8). Die Trennung von Baugebiet und Nichtbaugebiet ist seit 1979 ein zentrales Anliegen der schweizerischen Raumplanung (RPG, 1979). Zwischen Bauzonen und Nichtbauzonen wurde in der Schweiz erstmals 1972 im Rahmen des Gewässerschutzgesetzes unterschieden. Die Bauzonen und Nichtbauzonen werden durch einen Zonenplan der jeweiligen Gemeinde ausgeschieden. Eine kantonsweite Übersicht der Zonen bildet der kantonale Richtplan (kRP GR, 2002). Laut Bundi wurde 1990 eine Erhebung des Temporärsiedlungsraums durch den Kanton durchgeführt. Der Bestand beträgt rund 40'200 Bauten ausserhalb der Bauzonen, davon sind rund 36'700 gestreute Einzelbauten und fast 3'500 Gebäude bilden Gruppen von mehr als fünf Bauten, wobei ein Teil davon in den Erhaltungszonen liegt (2007, S. 181).

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Abb. 29: Wiesner Alp. Die Alpsiedlung befindet sich ebenfalls in einer Erhaltungszone.

Dem kantonalen Richtplan zufolge umfassen die Erhaltungszonen 1'500 Bauten (kRP GR, 2002). Eine Maiensässbaute befindet sich in der Regel in einer Erhaltungszone, im übrigen Gemeindegebiet, in einer Forstwirtschaftszone oder Landwirtschaftszone (https://geo.gr.ch). Bei einer Landwirtschaftszone kommt das Bundesgesetz über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB) zur Anwendung. Darin ist der Erwerb von landwirtschaftlichen Grundstücken und Betrieben geregelt. Das Gesetz gilt nicht für Grundstücke von weniger als 15 Aren Rebland oder 25 Aren anderem Land (Art. 23, BGBB, 1991). Der Artikel 58 des BGBB beinhaltet das Realteilungsverbot landwirtschaftlicher Gewerbe und das Zerstückelungsverbot landwirtschaftlicher Grundstücke. Wer ein landwirtschaftliches Grundstück erwerben will, braucht dazu eine Bewilligung (Art. 61, BGBB). Diese kann verweigert werden, wenn die Käuferschaft nicht Selbstbewirtschafter ist oder ein übersetzter Preis vereinbart wurde. Von der Selbstbewirtschaftungspflicht ausgenommen sind Käuferschaften, die über eine rechtskräftige Bewilligung für eine nach Artikel 24 RPG zulässige nichtlandwirtschaftliche Nutzung des Bodens verfügen. Weitere Ausnahmen sind: Wenn sich das landwirtschaftliche Gewerbe oder Grundstück in einer Schutzzone befindet und die Käuferschaft den Boden zum Zwecke des Schutzes erwirbt, oder mit dem Erwerb die schutzwürdige Umgebung einer historischen Baute erhalten werden soll, oder trotz öffentlicher Ausschreibung zu einem nicht übersetzten Preis kein Angebot eines Selbstbewirtschafters vorliegt (Art. 64, BGBB). 45


140 120 100 80 60 40 20 0

Landwirtschaft

Zonenwidriges Wohnen

Diagramm 1: Anzahl der eingereichten Gesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen nach Kategorien. (Daten: Amt für Raumentwicklung Graubünden/ Eigene Darstellung)

Abb. 30: Anzahl der eingereichten Gesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen nach Kategorien. (Daten: Amt für Raumentwicklung Graubünden)

Wer ein Maiensäss umbauen oder umnutzen möchte muss dazu ein Gesuch beim kantonalen Amt für Raumentwicklung (ARE GR) einreichen. Beim ARE GR gibt es zwar keine statistischen Daten über die Anzahl Maiensässe oder deren Nutzung, jedoch taucht der Maiensäss-Begriff in den Gesuchstexten auf. Das ARE GR hat eine Stichwortliste für die Bauten ausserhalb der Bauzonen veröffentlicht (ARE GR, o. D.). Diese Liste dient dazu, Bauvorhaben zu benennen, und bildet eine Hilfe bei der Erstellung von Baugesuchen für Bauten ausserhalb der Bauzonen. Der Begriff Maiensäss taucht in zwei Kategorien auf, einerseits bei den «Ferien-/Wochenendhäusern» und andererseits bei den «landwirtschaftlichen Temporärwohnbauten». Der Datensatz, welchen ich von Richard Atzmüller, Leiter des Amtes für Raumentwicklung, erhalten habe, deckt den Zeitraum von 1980 bis 2016 ab. Die Gesuche sind verschiedenen Kategorien zugeordnet, einerseits der Kategorie «Landwirtschaft» (L) und andererseits der Kategorie «zonenwidriges Wohnen» (ZW). Bei den insgesamt 22'648 Gesuchen handelt es sich teilweise um Vorabklärungen sowie angenommene und abgelehnte Gesuche. 8'131 Gesuche sind der Kategorie ZW zugeordnet und 14'517 Gesuche der Kategorie L. Als nächster Schritt wurden alle Gesuche extrahiert, in welchen der Begriff «Maiensäss» beim Vorhaben auftaucht. In der Kategorie ZW handelt es sich um 109 Gesuche und in der Kategorie L um 1'410 Gesuche. Um einen Vergleich herzustellen, wurden die Begriffe «Stall» und «Ferien-/Wochenendhaus» ebenfalls extrahiert.

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25

20

15

10

5

0

Zonenwidriges Wohnen Diagramm 2: Anzahl der eingereichten Gesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen der Kategorie zonenwidriges Wohnen. (Daten: Amt für Raumentwicklung Graubünden/ Eigene Darstellung)

Abb. 31: Anzahl der eingereichten Gesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen Kategorie zonenwidriges Wohnen. (Daten: Amt für Raumentwicklung Graubünden)

Kategorie «Maiensäss»

«Stall»

«Ferien-/Wochenendhaus»

Landwirtschaft Zonenwidriges Wohnen

1'410 4'484 389 109 238 4'677

Total Gesuche

1'519 4'722 5'066

Bei den Gesuchen für die Kategorie «Landwirtschaft» ist ein starker Rückgang Mitte der Neunzigerjahre festzustellen (Abb. 30). Bei der Kategorie «zonenwidriges Wohnen» wurden von 1980 bis 2000 kaum Gesuche eingereicht. Die erhöhte Anzahl Gesuche um 2009 ist auf das «Gesamtprojekt Wiederaufbau der Maiensässhütten nach dem Brand auf der Wiesner Alp vom 10. November 2007» zurückzuführen. Beim zweiten Anstieg nach 2012 (Abb. 31) liegt ein Zusammenhang mit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative nahe. Dieser Verdacht lässt sich jedoch nicht fundiert bestätigen, da aus den Unterlagen keine Ursache festzustellen ist.

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5

4

6

3 1

2

1 Wallis 2 Tessin 3 Graubünden 4 Liechtenstein 5 Vorarlberg 6 Tirol

Maiensäss, mayen, mayenne, mayé Monti bassi, monti alti Maiensäss, monti, acla, cuolm Maiensäss Maisäss Maisäss (Paznaun), Aste, Voralm, Niederleger

Abb. 32: Maiensässbegriffe im Alpenraum. Übersicht der Gebiete mit Maiensässen.

1.4.1 BAUTEN IN ERHALTUNGSZONEN (ART. 33 RPV) Die gesetzliche Grundlage für die Erhaltungszonen bildet der Artikel 33 in der Raumplanungsverordnung (RPV ). Die Erhaltungszonen werden im kantonalen Richtplan ausgewiesen. Für die Erstellung der kantonalen Richtpläne wurden vom Bund provisorische Planungshilfen bereitgestellt. Die ersten Richtpläne, eingereicht von den Kantonen Graubünden und Zürich, wurden 1982 genehmigt (Bundi, 2007, S. 21f.). In den kantonalen Richtplänen der Bergkantone werden Maiensässe thematisiert. Im Wallis gibt es die Maiensässzone, welche Bestandteil der kantonalen Richtplanung ist (kRP VS, 2018), im Tessin die paesaggi con edifici e impianti degni di protezione7 (kRP TI, 2013) und in Graubünden beinhalten die Erhaltungszonen kulturhistorisch wertvolle Kleinsiedlungen (kRP GR, 2002). Ziel der Erhaltungszonen ist es, die Maiensässsiedlungen mit noch vorhandener kulturhistorisch wertvoller Bausubstanz in Baugruppen als Bestandteile einer historischen Kulturlandschaft zu erhalten (kRP GR, 2002). Heute sind rund 1'500 Bauten einer Erhaltungszone zugewiesen, wobei laut dem Amt für Raumentwicklung (ARE) der zukünftige Schwerpunkt nicht auf der Bezeichnung weiterer Erhaltungszonen liegen soll, sondern auf dem Umgang mit den landschaftsprägenden Bauten. Massgebend für die qualitative Beurteilung der Siedlungen sind die ursprüngliche Funktion, der gegenwärtige bauliche Zustand sowie das äussere Erschei7  Landschaften mit schützenswerten Bauten.

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Abb. 33: Maiensässzonen in der Schweiz. Übersicht der Maiensässzonen. (Daten: Kantonale Richtpläne VS, TI, GR)

nungsbild. Die Siedlungen müssen aus mindestens fünf Volumen bestehen. Die Möglichkeit der Umnutzung erfolgt mit der Verknüpfung, dass die Kulturlandschaft bewirtschaftet wird. Um die vorhandene Bautypologie zu wahren, ist eine Bauberatung obligatorisch. Die Bautypologie setzt sich aus verschiedenen Merkmalen zusammen. Dazu gehören Proportionen, Gliederung, Material, Bearbeitung, Konstruktionsprinzipen, innere Struktur, Öffnungen und Zierelemente. Die Zonen- und Gestaltungsvorschriften sind im Raumplanungsgesetz für den Kanton Graubünden (KRG, 2004) geregelt. Neubauten sind nicht gestattet, wobei der Wiederaufbau nach Abbruch zulässig ist, wenn die bisherige Baute noch bestimmungsgemäss nutzbar war, die Ersatzbaute in Bezug auf Lage, Grösse, Form, Stellung, Gestaltung, Konstruktion und Material der ursprünglichen Baute im Wesentlichen entspricht und das Gesuch für den Wiederaufbau innerhalb von drei Jahren nach der Zerstörung oder zusammen mit dem Abbruchgesuch eingereicht wird. Die meisten Erhaltungszonen kommen in den Gemeinden Calanca, Mesocco und Tinizong-Rona vor. Eine Besonderheit der Erhaltungszone besteht darin, dass neben ehemals landwirtschaftlich genutzten Temporärwohnbauten auch reine Ställe umgenutzt werden dürfen (kRP GR, 2002). Im Baugesetz der Gemeinde Haldenstein gibt es Vorschriften in Bezug auf die Erhaltungszone Batänja. Darin heisst es, dass die bestehenden Bauten zu erhalten und störende, neuzeitliche Eingriffe zu beseitigen sind. Für die Umnutzung von Stallscheunen in Wohnnutzung werden Gestaltungsregeln aufgestellt. Der wärmetechnische Konstruktionsaufbau ist beispielsweise innen anzubringen. Neue 49


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Abb. 34: Kulturhistorisch wertvolle Kleinsiedlungen (Erhaltungszonen). Aktuell sind etwa 1'500 Bauten einer Erhaltungszone zugewiesen. (Daten: Kantonaler Richtplan Graubünden)

Fensteröffnungen dürfen nicht mehr als acht Prozent der anrechenbaren Gebäudefläche des Heuraumes betragen und sind in traditioneller Art auszubilden. Bei neuen Dächern ist der charakteristische Dachaufbau wiederherzustellen (2016, S. 16f.). Die Gestaltungsrichtlinien sind rückwärtsgewandt und zielen darauf ab, das ursprüngliche Bild der Maiensässe zu rekonstruieren und die Ferien- und Freizeitnutzung zu verstecken. 1.4.2 LANDSCHAFTSPRÄGENDE BAUTEN (ART. 39 RPV) Seit dem Inkrafttreten des eidgenössischen Raumplanungsgesetzes vom 01.01.1980 RPG ist ein steigender Verbrauch von Kultur- und Naturland zu beobachten. Dies, obwohl damals in den Planungsgrundsätzen des RPG die «Schonung der Landschaft » und die «Ausdehnungsbegrenzung der Siedlungen» verlangt wurden. Die erhöhte Bautätigkeit ausserhalb der Bauzonen resultiert unter anderem aus der Anwendung des Art. 39 RPV, welcher Ausnahmeregelungen für den Erhalt landschaftsprägender geschützter Bauten durch eine Umnutzung beinhaltet (Rodewald & Schmidt, 1990). Im 6. Abschnitt des RPV werden Ausnahmen für Bauten und Anlagen ausserhalb der Bauzonen definiert. Der Artikel 39 RPV besagt, dass die Kantone Nutzungsänderungen bestehender, als landschaftsprägend geschützter Bauten bewilligen können, wenn Landschaft und Bauten als Einheit schützenswert sind und im Rahmen der Nutzungsplanung unter Schutz gestellt wurden (1), der besondere Charakter der

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Abb. 35: Kulturlandschaft mit landschaftsprägenden Bauten (LPB). Diese Zone wurde im Kanton Tessin grosszügiger angewendet. (Daten: Kantonaler Richtplan Graubünden)

Landschaft vom Bestand der Bauten abhängt (2), die dauernde Erhaltung der Bauten nur durch eine Umnutzung sichergestellt werden kann (3) und der kantonale Richtplan die Kriterien enthält, nach denen die Schutzwürdigkeit der Landschaft und Bauten zu beurteilen ist (4). Bewilligungen nach diesem Artikel dürfen nur erteilt werden, wenn die äussere Erscheinung und die bauliche Grundstruktur im Wesentlichen unverändert bleiben (RPV, 2000). Durch das Zusammenwirken von traditionellen Bauten mit der landschaftlichen Umgebung entsteht eine besondere Art von Kulturlandschaft. Diese ist vor allem im traditionellen Temporärsiedlungsraum erhalten geblieben. Die traditionellen Bauten können laut der kantonalen Richtplanung als Zeugen einer ehemaligen landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsform im öffentlichen Interesse schützenswert sein (kRP GR, 2002, S. 78). In Frage kommen Kulturlandschaften, die noch ihren ursprünglichen kulturlandschaftlichen Charakter aufweisen und nicht durch Verkehrs- oder Tourismusinfrastruktur oder durch Neu- und Umbauten wesentlich verändert worden sind. Der «ursprüngliche kulturlandschaftliche Charakter» wird definiert als, intaktes Kulturlandschaftsgebiet, in welchem die prägenden Elemente erhalten sind. Dazu gehören bewirtschaftete Grundstücke sowie instandgehaltene Trockenmauern, Hohlwege, Bewässerungsanlagen, Zäunungen und Einfriedungen (2002, S. 81). Für den Erhalt der Kulturlandschaften stützt sich die kantonale Richtplanung auf einen integralen Ansatz, wobei die Interessen der Landschaft (Ökologie und Landschaftsbild), das kulturelle Erbe (Gesellschaft) und die Nutzung (Wirtschaft) gleichwertig berücksichtigt werden. Fol51


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Abb. 36: Baugesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen in der Kategorie «zonenwidriges Wohnen», in welchen der Begriff «Maiensäss» vorkommt. (Daten: Amt für Raumentwicklung Graubünden)

gende Aspekte werden hervorgehoben: vielfältige, naturnahe und gepflegte Landschaft als touristischen Angebotsfaktor erhalten (1), Gebiete mit einer hohen Biodiversität erhalten, durch artgerechte Bewirtschaftung oder durch Pflege von besonderen Landschaftselementen (2), kulturelles bauliches Erbe erhalten und pflegen sowie geeignete Bauten umnutzen (3), Schutzfunktion dieser Gebiete wahren (Naturgefahren) (4). Bauten können umgenutzt werden, wenn ihre ursprüngliche Nutzung ablesbar bleibt und der Schutzwert nicht beeinträchtigt wird. Weiterhin muss die Bewirtschaftung der Kulturlandschaft sichergestellt werden. Das kantonale Amt für Raumentwicklung hat eine Pilotstudie für die Bestimmung von Kulturlandschaften mit landschaftsprägenden Bauten (LPB) am Beispiel von Dumagns im Val Schons durchführen lassen. Im Tessin waren die meisten Rustici bereits umgenutzt, als die LPB-Zone im Nachhinein angewendet wurde. In Graubünden wollte man laut Richard Atzmüller dasselbe machen. Es bestand jedoch die Angst, dass nicht bewilligte Bauten und Eingriffe dadurch ans Tageslicht kommen. Die Bauten wären unter Schutz gestellt (persönliches Gespräch, 21. Januar 2016). Somit setzte sich die Zone für landschaftsprägende Bauten in Graubünden nicht durch.

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Abb. 37: Baugesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen in der Kategorie «Landwirtschaft », in welchen der Begriff «Maiensäss» vorkommt. (Daten: Amt für Raumentwicklung Graubünden)

1.4.3 SCHÜTZENSWERTE BAUTEN (ART. 24D RPG) Im Artikel 24 des Raumplanungsgesetzes (RPG) werden die Ausnahmebewilligungen für Bauten und Anlagen ausserhalb der Bauzonen festgelegt. Landwirtschaftliche Wohnbauten, die schützenswert sind, können in eine landwirtschaftsfremde Wohnnutzung überführt werden, vorausgesetzt die Bauten werden von der zuständigen Behörde unter Schutz gestellt und die dauernde Erhaltung kann nicht anders sichergestellt werden. Laut dem RPG müssen die bauliche Grundstruktur sowie die äussere Erscheinung im Wesentlichen gleich bleiben. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung des umliegenden Grundstücks darf durch die Ausnahmebewilligung nicht gefährdet werden. Sämtliche Kosten für Infrastruktur und Erschliessung müssen vom Eigentümer getragen werden, wobei eine bestehende Erschliessung vorhanden sein muss (RPG, 1979, S. 14). Im Rahmen von Erläuterungen zur Raumplanungsverordnung (RPV ) wurden von Marbach, Maurer, Meyer und Rodewald Kriterien für die Festlegung der Schutzwürdigkeit von Bauten erstellt (2007). Die Autoren unterscheiden zwischen Eigenwert und Situationswert. Der Eigenwert setzt sich zusammen aus baulicher Substanz, der Geschichte und der tradierten Nutzung von Bauten und Anlagen. Als Situations- oder Landschaftswert gelten Bauten und Anlagen, die wichtige Elemente der Kulturlandschaften bilden. Die Kriterien setzen sich aus dem baulichen Wert, dem historischen Wert sowie dem durch die Nutzung bedingten Wert zusammen. Der bauliche Wert umfasst Bautyp, architek-

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Abb. 38: Refugi Lieptgas von aussen. Der Betonmonolith ersetzt eine Maiensässhütte am Waldrand von Flims. Die Rundholzkonstruktion wurde als Schalung für die Betonwände verwendet. Die Baute kann als Ferienunterkunft gemietet werden.

tonische Qualität, Handwerkstechniken, Erhaltungszustand, Alter und Seltenheit. Weiterhin gelten nur Gebiete als schutzwürdig, die über einen hohen landschaftsästhetischen Wert verfügen (Marbach et al., 2007). Badilatti weist in der Publikation Wie weiter mit unserer Kulturlandschaft? darauf hin, dass die Verknüpfung «schutzwürdig = umnutzbar» sachlogisch unkorrekt und sehr problematisch ist. Dies führt er zurück auf die Schwierigkeit, Schutz- und Nutzungsziele auf einen Nenner zu bringen. Die traditionellen Bauten werden an heutige Bedürfnisse angepasst und verlieren somit ihren Wert als kulturelles Erbe (1997, S. 7f.). 1.4.4 BESTEHENDE ZONENWIDRIGE BAUTEN (ART. 24C RPG) Der Artikel 24c des Raumplanungsgesetzes (RPG) bezieht sich auf bestehende zonenwidrige Bauten ausserhalb der Bauzonen. Dies sind beispielsweise Ferienhäuser oder umgenutzte landwirtschaftliche Bauten, welche vor der Trennung von Baugebiet und Nichtbaugebiet erstellt wurden. Diese Bauten werden in ihrem Bestand grundsätzlich geschützt und können mit einer Ausnahmebewilligung erneuert, teilweise geändert, massvoll erweitert oder wiederaufgebaut werden. Weiterhin erlässt der Bundesrat Vorschriften, um negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft zu vermeiden. Die Veränderungen des äusseren Erscheinungsbilds müssen die Einpassung in die Landschaft verbessern (RPG, 1979, S. 13). In der Raumplanungsverordnung wird im Artikel 41 darauf hingewiesen, dass der Artikel 24c RPG

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Abb. 39: Refugi Lieptgas von innen. Im Innern des Gebäudes erinnert wenig an ein Maiensäss in seiner ursprünglichen Form. Das Ferienhaus verfügt über eine kleine Küche, ein Cheminée sowie ein unterirdisches Schlafzimmer mit Bad und Blick auf eine Felswand. (© Ralph Feiner)

nicht auf alleinstehende, unbewohnte landwirtschaftliche Bauten anwendbar ist. Im Artikel 42 RPV werden die Änderungen altrechtlicher Bauten erläutert. Bei teilweisen Änderungen und massvollen Erweiterungen muss die Identität der Baute gewahrt werden, wobei gestalterische Verbesserungen zulässig sind. Für die Beurteilung der Identität wird der Zeitpunkt gewählt, zu dem die Baute dem Nichtbaugebiet zugewiesen wurde. Die Wahrung der Identität wird durch Regeln sichergestellt. So darf das Gebäudevolumen nicht um mehr als 60 Prozent erweitert werden. Das Anbringen einer Aussenisolation gilt bereits als Erweiterung des Volumens. Eine Erweiterung ausserhalb des Gebäudevolumens darf 30 Prozent oder 100 Quadratmeter nicht überschreiten, wobei die Erweiterung innerhalb des Gebäudvolumens nur halb angerechnet wird. Weiterhin dürfen bauliche Veränderungen keine wesentlich veränderte Nutzung von ursprünglich temporär bewohnten Bauten ermöglichen. Eine Ersatzbaute ist zulässig, wenn das Gebäude zum Zeitpunkt der Zerstörung oder des Abbruchs noch bestimmungsgemäss nutzbar war und an dessen Nutzung ein ununterbrochenes Interesse besteht. Das Gebäudevolumen darf um 30 Prozent erweitert werden und der neue Standort darf geringfügig vom ursprünglichen Standort abweichen (RPV, 2000, S. 20f.).

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Abb. 40: Beschriftung bei Batänja. Auf meinen Feldforschungen habe ich viele Signalisierungen und Beschriftungen vorgefunden. Das Maiensäss Batänja oberhalb von Haldenstein wird beispielsweise als «ehemalige Walsersiedlung» bezeichnet. Die dargestellte Beschriftung befindet sich direkt neben der Wanderwegbeschriftung.

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1.5 MAIENSÄSS IST NICHT GLEICH MAIENSÄSS Grundsätzlich gibt es keine statistischen Daten zur Anzahl oder zur Nutzung von Bauten im Maiensässgebiet. Laut Schätzungen des ARE GR handelt es sich um etwa 3'500 Bauten, welche sich in einer Gruppe von mindestens fünf Bauten befinden (Bundi, 2007; Knab, 2006). Bei den Ställen ausserhalb der Bauzonen spricht man von rund 20'000 Gebäuden (Bündner Heimatschutz, 2018), wobei der Bestand gestreuter Einzelbauten laut Bundi 36'700 Bauten beträgt (2007, S. 181). In der Schweiz befinden sich rund 590'000 Gebäude ausserhalb der Bauzonen, dies entspricht einem Anteil von zwanzig Prozent (ARE, 2018). Mehr als die Hälfte dieser Bauten liegt in den Kantonen Bern, Graubünden, Wallis, St. Gallen und Tessin. Alle fünf Kantone weisen ausgedehnte Streusiedlungsgebiete auf. In Graubünden liegt der Anteil der Gebäude ausserhalb der Bauzonen bei über 40 Prozent (Broder, Otero, & Durband, 2017). Dies beruht auf den traditionellen Streusiedlungsgebieten sowie den touristisch oder landwirtschaftlich ausgerichteten Gemeinden. Das Bundesamt für Raumentwicklung veröffentlichte 2015 eine Studie über potenzielle oder bestehende Fehlanreize beim Bauen ausserhalb der Bauzonen. Als zentraler Treiber wurde der Bodenpreisunterschied identifiziert (IWSB, 2015). Trotz des fundamentalen Grundsatzes der schweizerischen Raumplanung, nämlich der Trennung von Bauzonen und Nichtbauzonen, existiert es – das umgenutzte Maiensäss. 1.5.1 ZUR GEGENWÄRTIGEN FERIEN- UND FREIZEITKULTUR Im Fideriser Maiensässinventar von 1992 schreibt Diego Giovanoli: «[W]en kümmert es noch, was ein Maiensäss ausmacht, denn von solchen ist jetzt die Rede bis in die Heuberge hinauf» (1992, S. 4). Der Begriff «Maiensäss» hat seine ursprüngliche Bedeutung verloren und ist laut Jon Mathieu längst vom Agrarsektor in den Dienstleistungssektor übergegangen. Auf den Maiensässen gibt es keine Agrargesellschaft mehr. Für den Markt eignet sich der Begriff, weil er Nostalgiegefühle hervorruft (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Aus der Sicht von Peter Rieder wurde die Funktion des Gebäudes von der Landnutzung getrennt. Die Maiensässbauten sind heute oft losgelöst von der landwirtschaftlichen Tätigkeit: «Es ist kein Sitz mehr, wo man im Mai hinaufgeht. Dieser totale Funktionswandel ist durch» (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Laut Peter Rieder hängt die Bewirtschaftung des Kulturlandes nicht mit der Umnutzung von Bauten auf der Maiensässstufe zusammen. Wenn Ställe zerfallen, bewirtschaften Bauern das Land genau gleich. Mit den Subventionsbeiträgen wurde gemäss Rieder bewusst ein Anreizsystem geschaffen. Die Bauern heuen auf der Zwischenstufe und gehen mit dem ganzen Futter in die zentralen Ställe. Einige Bauern nutzen die Bauten der Zwischenstufe für touristische Angebote. Aus Sicht von Rieder ist Agrartourismus aber wirtschaftlich unbedeutend und kein Weg, die Dörfer im Berggebiet zu erhalten. Maiensässe befinden sich gemäss Rieder meist im Privatbesitz und haben einen nostalgischen Wert. Man hat eine Liebe dazu, darum verkauft man sie nicht und bringt kein externes Geld ein. Tourismus bedeutet, Geld am Ort liegen zu lassen. Maiensässe generieren keinen Umsatz

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Abb. 41: Zierendes Geweih. Weitere charakteristische Elemente lassen sich der Kategorie Verzierungen und Möblierung zuordnen. Wie zum Beispiel dieses Geweih, welches die Stirnfassade einer Hütte auf der Wiesner Alp ziert.

und bringen keine Wertschöpfung. Die Maiensässe in Vals, die Rieder kennt, sind alle im Besitz von Nachkommen der Bauern. Ein Dorf braucht eine minimale Grösse, damit der Wirtschaftskreislauf funktioniert,8 Maiensässsiedlungen sind Enklaven. Was in diesen Hütten konsumiert wird, kommt laut Rieder zu neunzig Prozent aus den Städten (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Diego Giovanoli charakterisiert den aktuellen Landschaftswandel mit der Abnahme von Produktionsflächen und der Zunahme des ästhetischen Wertes (vgl. 2003). Giovanoli beschreibt den Konflikt zwischen Landwirtschaft und Tourismus anhand des Wandels der Maiensässstufe in kleine Feriendörfer: «Touristen stören sich ab Kuhglocken wie ab Kirchenglocken. Gerüche und Geräusche werden als störende Emissionen wahrgenommen.» (persönliches Gespräch, 11. Oktober 2016). Laut Beatrice Schumacher haben wir in Europa das Ferienmachen zwischen 1850 und 1950 erlernt. Mittlerweile hat sich das Ferienmachen als fester Bestandteil des urbanen Lebens etabliert und ist tief verankert in unserer Kultur (2013, S. 19). Die Reiseströmungen an Wochenenden oder in der Ferienzeit zeugen vom Bestreben, die Werte des «Heimischen» zu verteidigen oder wieder zu einer «heimischen» Identität zurückzufinden (Augé, 1992, S. 118). Die Suche nach Identität und Zugehörigkeit liegt in der Natur des Menschen (Caminada, 2014). Das bewusste Wahrneh8  Peter Rieder hat am Institut für Agrarwirtschaft der ETH Zürich ein Dorfmodell für landwirtschaftlich geprägte Gemeinden entwickelt. Eine dörfliche Gemeinschaft muss laut Rieder eine kritische Grösse von 500 Einwohnern aufweisen, um aus eigener Kraft zu überleben.

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Abb. 42: Gebrauchsgegenstände. In Raglauna oberhalb von Schmitten werden Gebrauchsgegenstände an der Seitenfassade befestigt. Ein Thermometer gibt Auskunft über die aktuelle Aussentemperatur.

men sozialer Zugehörigkeit beruht auf der Teilhabe an einem gemeinsamen Wissen und einem gemeinsamen Gedächtnis. Dieses Bewusstsein bezeichnet Jan Assmann als «kollektive Identität» (1992). Die materielle Kultur wird zum Träger von Geschichten und Bedeutungen (Assmann et al., 2015, S. 12). In der Erzählung Die Geister im Maiensäss wurde den städtischen Lesern die architektonische und materielle Ausstattung der Bauten beschrieben: «Von einem Fussboden aus Brettern ist hier gar keine Rede, die festgetretene Erde bildet ihn. [...] An der Seite der Thüre ist der Feuerheerd aus gewöhnlichen Steinen, deren Zwischenräume mit Lehm ausgeklebt sind, aufgeführt. [...] Von einem Kamin ist vollends keine Rede. Der Rauch kann sich beliebig einen Ausgang suchen. [...] Nur höchst selten hat etwa ein etwas Bequemlichkeit liebender Dorfmagnat sich ein Küchelchen und Stübchen, statt einer so einfachen Hütte, von einem Gebirgsarchitekten herstellen lassen» (Baldino, 1858, S. 103) Trotz unverkennbarer Romantisierung veranschaulicht die Erzählung die Anspruchslosigkeit der Bau- und Lebensweise auf dem Maiensäss (vgl. Mathieu, [1990] 2003, S. 500). Das konstruierte Landschaftsbild wird über die Aussenwelt definiert, grenzt sich aber zugleich von ihr ab (vgl. Bakker, 2011). Man distanziert sich emotional und räumlich von der technisierten Gesellschaft und zelebriert das Handwerk. Das Holzhacken wird zum Erlebnis, das Schlafen 59


Abb. 43: Projekt Enjoy Alphütten von Schweiz Tourismus. Seit 2017 können schweizweit Hütten über eine Online-Plattform gemietet werden. Auf der Abbildung sieht man den Talboden in der Ferne. (© Schweiz Tourismus)

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in engen und einfachen Betten wird als romantisch empfunden und der warme Platz am Kamin ist ein Bereich grössten Wohlgefühls (Pallasmaa, 2013; Spechtenhauser, 2013). Wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt, war das Leben der Bergbauern alles andere als einfach. Richard Weiss beschreibt die frühere Lebens- und Arbeitsweise der Bergbauern als einsam und einseitig. Dabei fällt auf, dass sich Bergbauern früher nicht nach dem Leben auf dem Maiensäss oder der Alp sehnten, sondern oftmals nach der Dorfgemeinschaft ([1941] 1992, S. 328f.). Die Wohnverhältnisse trugen laut Weiss den Stempel urtümlicher Einfachheit: «Der Sennereiraum diente zugleich als Wohn- und Schlafraum. Der Fussboden bestand aus gestampfter Erde oder aus Steinplatten. Die Decke besteht aus dem rohen Dachgebälk, durch das der Rauch abzieht. [...] Das einzig Gastliche in dem schwarzen fensterlosen Raum, das den eintretenden Wanderer sofort anzieht, ist das Feuer, welches in einer Ecke der Hütte brennt, gegen die Holzwand mit einem Mäuerchen abgeschirmt. [...] Mit der Wärme spendet es zugleich dem dunklen Raum sein flackerndes Licht.» ([1941] 1992, S. 329) Der Schlafplatz ist ursprünglich auch in der Sennhütte und besteht aus einer Bretterpritsche mit einer Schütte von Riedgras. Das einfache Bett erleichtert Weiss zufolge das Aufstehen am Morgen. Oft ist die Pritsche, um Raum zu sparen, im Dachfirst aufgehängt und über eine Leiter zugänglich. So nahe beim Dach hört man auf den Schindeln das Trommeln des Regens oder auch etwa das Getrappel der Ziegen, die sich dorthin verstiegen haben ([1941] 1992, S. 330). Mit dem Nutzungswandel hat sich auch die Terminologie verändert: Einerseits gibt es eine sprachliche Verarmung, indem diverse Bautypen als Maiensässe bezeichnet werden. Andererseits werden neue Begriffe hervorgebracht, wie «Maiensässhotel», «Maiensässumzug» oder «Maiensässresort». 1.5.2 DIFFERENZIERUNG DER BEGRIFFE In seinem 2011 veröffentlichten Thesenpapier hält Rodewald fest, dass nicht jedes Maiensäss erhaltenswert ist. Es muss vom landschaftlichen Wert ausgegangen werden und nicht vom Gebäudewert. Rodewald empfiehlt, landwirtschaftliche Nutzungen durch Landschaftsqualitätsbeiträge zu fördern. Weiterhin ist die Ausscheidung einer «Maiensässzone» und eine Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und dem Natur- und Landschaftsschutz nötig. Rodewald plädiert dafür, die Umnutzung zu privaten Ferienhauszwecken ohne Bezug zur Landschaftspflege auszuschliessen. Denn Ökonomiebauten eignen sich nicht für eine Wohnnutzung. Ein wichtiger Punkt ist, dass das Material bei baulichen Massnahmen so zu wählen ist, dass ein passiver Zerfall zu einem späteren Zeitpunkt möglich ist. Somit bleiben die Maiensässbauten biologisch abbaubar. Rodewald schlägt weiterhin vor, die Landschaftspflege und die Instandsetzung nicht umnutzbarer Bauten durch eine Mehrwertabgabe von Umnutzungen in derselben Maiensässzone zu finanzieren (2011, S. 3f.). Maiensässe pauschal als «Ferienhäuser» zu bezeichnen ist laut Anna Giacometti nicht sinnvoll, da der Komfort

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Abb. 44: Fassade einer Camaner Hütte. Bei einer Camaner Hütte im Safiental ziert ein Spruch oberhalb der Fenster die Fassade. Dieser gibt Auskunft über die gegenwärtige Nutzung der Baute.

häufig unter dem Standard eines konventionellen Wohnhauses liegt (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Das Maiensäss wird zudem nicht nur in den Ferien, sondern oft auch an Wochenenden genutzt. Die Humangeografin Linda Knab beschreibt ein interessantes Phänomen am Beispiel der Ersatzbaute in Cania bei Fanas. Die Hütte wurde 1999 infolge eines Brandes zerstört und von Daniel Ladner, Mitinhaber von Bearth & Deplazes Architekten AG, neu entwickelt. Knab weist darauf hin, dass die Bezeichnung «Maiensäss» für den Ersatzbau nicht ganz korrekt ist, da die Baute auf dem Gebiet der Vorwinterungen liegt und ursprünglich in den 1960er Jahren als Ferienhäuschen erbaut wurde (2006, S. 62). Es stellt sich folglich die Frage, was ein Maiensäss ausmacht. Macht die ursprüngliche Nutzung ein Maiensäss aus? Ist ein Gebäude, welches sich im Maiensässgebiet befindet, nicht automatisch ein Maiensäss? Gilt ein Ersatzbau noch als Maiensäss oder bereits als Ferienhäuschen? Und handelt es sich beim Maiensäss um ein Gebiet oder um ein Gebäude? Die ursprüngliche Definition des Maiensässes als Zwischenstufe der traditionellen Berglandwirtschaft ist heute aus vielerlei Hinsicht nicht mehr zufriedenstellend. Es fehlt eine Begriffsdefinition des Maiensässes in der Gegenwart. Christoph Zindel, Geschäftsführer der STW AG für Raumplanung, hält in einem Zeitungsartikel fest, dass Maiensäss nicht gleich Maiensäss ist. Die Differenzierung gehe in der teils emotional geführten Diskussion um Landschaftsschutz und Umnutzung unter (Jur, 2011).

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Abb. 45: Spruch an einer Fassade und Bauinschrift, datiert 1974. «Wenn das Treiben der Stadt dir die Freude vergällt, deine Nerven zerrüttet verleidet die Welt, dann zieh in die Berge, geniess ihre Ruh und wander fröhlich der Sonne zu.»

1.5.3 WAS IST EIN MAIENSÄSS? Die soziokulturelle Komponente scheint ein zentraler Bestandteil der gegenwärtigen Ferienund Freizeitkultur auf dem Maiensäss zu sein. Schon im 18. Jahrhundert reisten aristokratische Gesellschaften in Gruppen auf das Maiensäss (vgl. Mathieu, [1990] 2003, S. 502). Dass Menschen die Einsamkeit suchen, widerspricht laut Peter Rieder allen Tatsachen. Rieder verweist auf die Alpinisten, welche ebenfalls in der Gruppe «z'Berg» gehen. Rieder bezeichnet die SAC-Hütten9 als soziale Kommunikationsorte (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Laut Huber (2006, S. 20) gehört das Haus in seiner Grundform als Quader mit Satteldach zu den Konstanten menschlichen Bauens und zu den architektonischen Archetypen. Die Stellung im Gelände, Ausrichtung und Öffnungen, Materialwahl und Konstruktionsweise bezeugen in Verbindung mit den Massbeziehungen ein über Jahrhunderte im Gebrauch optimiertes Bauen (2006, S. 20). Die Maiensässbauten verfügen dadurch über eine starke Identifikationsleistung und sind Träger von Erinnerungen, Geschichten und Träumen. Siegfried Kracauer (1929) beschreibt Raumbilder als «die Träume der Gesellschaft». Mit dem kollektiven Gedächtnis schafft sich der Mensch Luft in einer Welt, die ihm in der Realität des täglichen Lebens zu eng wird. Das kollektive Gedächtnis operiert in zwei Richtungen, es rekonstruiert nicht nur die Vergangenheit, es organisiert auch die Erfahrung der Gegenwart 9  Zurzeit gibt es 153 Hütten des Schweizer Alpen-Clubs (https://www.sac-cas.ch).

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Abb. 46: Die Darstellung von Gabriel Lory dem Jüngeren (1784-1846) zeigt eine Alpenlandschaft. Die Naturlandschaft im Hintergrund wirkt bedrohlich und die Kulturlandschaft im Vordergrund idyllisch. Erst dieser Gegensatz macht den ästhetischen Reiz der Alpen aus. (entnommen aus Bätzing, 2015, S. 15)

und Zukunft (Assmann, 1992). Charakteristische Elemente eines Maiensässes in der Gegenwart sind die traditionelle Bausubstanz, Bächlein oder die Verfügbarkeit von Wasser, offenes Kulturland, wie Wiesen und Weiden, die Lage über dem Talboden und oberhalb der Waldgrenze sowie der damit verbundene Weitblick, die Bergkulisse sowie weidende Tiere, welche an die ursprüngliche landwirtschaftliche Nutzung erinnern. Aus architektonischer Sicht kann das Maiensäss in verschiedenen Massstäben betrachtet werden. Für die vorliegende Arbeit wird der Maiensässbegriff folgendermassen definiert: Beim Maiensäss als Landschaft handelt es sich um die Verdichtung prägender Elemente der alpinen Kulturlandschaften. Diese Landschaftselemente sind die Bergkulisse, offene Flächen, wiedendes Vieh, traditionelle Bausubstanz und die Lage über dem Dauersiedlungsgebiet. Beim Maiensäss als Siedlung handelt es sich um kleine Temporärsiedlungsräume ausserhalb der Baugebiete Graubündens. Beim Maiensäss als Haus handelt es sich um mehr als nur ein Gebäude – es stiftet Identität, zeugt von einer früheren Wirtschaftsweise und prägt das Landschaftsbild. 64


Abb. 47: Bildausschnitt aus dem Briefroman Julie oder die neue Heloïse von Jean-Jacques Rousseau. Maler, Dichter und Wissenschaftler verbreiteten ab Mitte des 18. Jahrhunderts ein verklärtes Alpenbild, welches ausserhalb der Alpen entworfen wird. (entnommen aus Mathieu, 2015, S. 133)

Die Maiensässe werden in der Gegenwart durch zwei Entwicklungen bedroht: die Angleichung an den Dauersiedlungsraum (Trivialisierung) und durch die Ausbreitung des Naturraumes (Vergandung). Die Wahrnehmung der Berglandschaft hat sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts stark verändert. In der vorindustriellen Sicht gelten die Alpen als schreckliche und furchteinflössende Berge, in denen nur Barbaren auf primitive Weise leben. Das Bild, welches von gebildeten Städtern fernab der Alpen entworfen wird, gründet auf den Gefahren, auf den schlechten agrarischen Nutzungsmöglichkeiten und dem Fehlen von grossen kulturellen Zentren. Beim traditionellen Alpenbild handelt es sich jedoch um ein Zerrbild, das mit der Realität wenig zu tun hat (Bätzing, 2015a, S. 14). Zwischen 1760 und 1780 setzt sich ein Umschlag früherer Vorstellungen durch. Die Alpen werden europaweit als schön empfunden. Bei den Malern bildet der kompositorische Gegensatz die Basis der neuen Landschaftsästhetik. Der Geborgenheit und Sicherheit vermittelnde Vordergrund steht im Kontrast zum lebensfeindlichen und bedrohlichen Hintergrund. Den Vordergrund bilden oft eine idyllische, pastorale Landschaft mit Bauernhaus, Trachtenpersonen und Tieren. Im Hintergrund ragen hingegen steile Felswände oder grosse Gletscher. Erst dieser Gegensatz macht den ästhetischen Reiz der Alpen aus. Reine Idylle ohne Bedrohung wäre langweilig, und reine Bedrohung ohne Idylle wäre laut Bätzing abstossend. Erst durch die Darstellungen der Kulturlandschaft festigte sich allmählich das uns vertraute Alpenbild (2015a, S. 15). Die Collage der Lebenswelt auf dem Maiensäss (Abb. 48, 49) bedient sich dieses gestalterischen Grundsatzes und zeigt 65


Abb. 48: Collage der Lebenswelt auf dem Maiensäss, linke Bildhälfte. Das Maiensäss wird als Gegenwelt zur beruflichen-urbanen Alltagswelt wahrgenommen. Bedroht wird die Maiensäss-Idylle durch die Trivialisierungstendenz. Es findet eine Angleichung an den Dauersiedlungsraum statt, wodurch die Sehnsucht nach dem Einfachen und Ursprünglichen zur Utopie wird.

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Abb. 49: Collage der Lebenswelt auf dem Maiensäss, rechte Bildhälfte. Die Bedrohung bildet die Wildnis. Die Ausbreitung des Waldes bietet den einst ausgerotteten Grosswildtieren einen Lebensraum. Die Maiensässgebiete verganden und entwickeln sich in ihren ursprünglichen Zustand als Naturraum zurück.

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einen idyllischen Vordergrund vor einem bedrohlichen Hintergrund. Einerseits breitet sich der Wald aus und andererseits sieht man auf das städtische Leben hinunter. Die Vergandung basiert auf dem landwirtschaftlichen Strukturwandel, wodurch unproduktive Flächen und Einrichtungen aufgegeben werden. Die Trivialisierung beruht auf wirtschaftlichem Wohlstand, der verfügbaren Freizeit, der individualisierten Mobilität sowie der grossflächigen Erschliessung der Maiensässgebiete im Rahmen der Meliorationen. Die verwendeten Kodes, basieren auf dem Fotomaterial der Feldbesuche. Verwendete Kodes in der Collage: Nebel Gliarauns Ziegenherde Tombal Ställe Castelas, Camaner Hütten, Wienser Alp, Partnun Setzung der Ställe Planezzas Beschriftung Batänja Ruine Propissi Bächlein Camaner Hütten, Aclas Dafora, Partnun, Magun Wanderer Sapün, Medergen Jäger Aclas Davains Unterstand Gafia, Raglauna Kleine Bäume Gliarauns Kaminrohre Camaner Hütten Rampen Gliarauns Wanderweg Tombal Nebelmeer Cania Sicht auf Talboden Juchs, Tuass, Tombal Ställe in der Ferne Medergen

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2. BESTAND UND ANALYSE

2.1 NUTZUNGSTYPEN Die traditionelle landwirtschaftliche Nutzung der Maiensässe hat sich durch den technischen Fortschritt und den gesellschaftlichen Wandel verändert (Bösch, 1992). Der Grossteil der Bauten wird heute für private Ferien- und Freizeitzwecke genutzt (P. Rieder, persönliches Gespräch, 23. August 2016). Grundsätzlich kann zwischen privaten und öffentlichen Nutzungen unterschieden werden. Die öffentlichen Nutzungen haben in der Regel einen temporären Charakter, wodurch sich Nutzungsformen zeitweise überlagern. Bei der landwirtschaftlichen Nutzung handelt es sich vor allem um die Nutzung der Flächen, wobei hier und da auch Bauten landwirtschaftlich genutzt werden. Ein Beispiel für ein alternatives Nutzungskonzept bildet die Lagerung von Servern für Blockchain-basierte Geschäftsanwendungen und Krypto-Mining in Ställen. Die Firma Swiss Alps Energy AG bietet eine Lösung für Blockchain-basierte Geschäftsanwendungen und Krypto-Mining an, welche beide energieaufwendig sind. Die Firma stellt umweltfreundliche Einrichtungen in ungenutzten, ausschliesslich durch erneuerbare Energien versorgten Gebäuden in den Schweizer Alpen bereit (Grundlehner, 2018). 2.1.1 LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZUNG Laut Armando Ruinelli wird Tombal von einem «verrückten Kerl» bewirtschaftet, der dort oben mähen gehe. Es hat schöne Wiesen, die gut zu bewirtschaften sind, aber es führt keine Strasse hinauf. Wenn es eine Teerstrasse geben würde, hätte kein Bauer mehr eine Chance dort oben. Ruinelli vermutet, dass die Besitzer dann sagen würden, dass sie bei ihrem «Häuslein» keinen Mist und keine Tiere haben wollen. Die Zufahrtsstrassen erhöhen Ruinelli zufolge den Spekulationsdruck (persönliches Gespräch, 6. Oktober 2016). Laut Anna Giacometti nutzen die Bauern die Maiensässe im Bergell praktisch nicht mehr. Giacometti kommt nur ein Bauer in den Sinn, der seinen Betrieb in Stampa führt und noch nach Isola geht, wo er im Sommer weidet und mäht. Da er mit dem Auto hin- und herfährt, bewohnt er das Maiensäss nicht mehr. Zudem gibt es Giacometti zufolge in Soglio eine Schafherde, die im Frühling langsam hinaufgeht. Das Land werde zwar als Weide genutzt, aber der Wald wachse trotzdem ein (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). «Plötzlich ist der Wald da.» Auch Jon Mathieu ist der Ansicht, dass man den Wald nicht aufhalten kann. Mathieu bezeichnet die Nutzungspolarisation und die damit verbundene Ausbreitung des Waldes als Megatrend, welchen man nicht aufhalten kann. Er weist darauf hin, dass die Nutzungspolarisation insbesondere in Graubünden ablesbar ist. Dies zeige sich in der Extensivierung der Berglagen und der Intensivierung der Tallagen. In der Landwirtschaft, welche von Mathieu als fundamental

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Abb. 50: Stall von aussen. In diesem Stall oberhalb von Fanas wurde früher vermutlich Heu gelagert. Auf einer Tafel, die rechts am Gebäude angebracht wurde, ist die «Wald- und Wild-Schonzone» dargestellt.

bezeichnet wird, sehe man das auch anhand der riesigen Maschinen. Die Entwicklung der Landwirtschaft hänge stark mit der Subventionspolitik zusammen. Mathieu ist der Ansicht, dass sich die Zentren aufblähen und es an Ideen fehlt, wie man mit den Randgebieten in der Schweiz umgehen soll (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Heinrich Gutersohn hält bereits 1964 fest, dass die alpinen Kulturlandschaften hektischen Veränderungen ausgesetzt sind. Dies führt er zurück auf die Bevölkerungszunahme, die wirtschaftliche Konjunktur sowie die Konzentration und das Wachstum der Städte und die daraus resultierenden Agglomerationen. Die damalige Entwicklung im Berggebiet beschreibt Gutersohn folgendermassen: «Auf manchen Berghöfen arbeiten nur noch alte Leute, die jungen sind abgewandert» (1964, S. 138). Gutersohn befürchtet, dass viele Bergbetriebe endgültig verlassen werden (1964). Martin Bösch führt den steigenden Produktionsdruck in der Landwirtschaft auf die globale Ökonomisierung zurück (1992, S. 313). Er unterscheidet zwischen zwei Entwicklungen, welche durch den Strukturwandel hervorgerufen wurden: die Konzentration und Intensivierung der Nutzung auf die produktivsten Standorte einerseits, sowie die Aufgabe der Nutzung weniger geeigneter Flächen und nicht mehr benötigter Einrichtungen andererseits (1992, S. 314). Um der Vergandung entgegenzuwirken, schuf der Bund das finanzielle Anreizsystem der Direktzahlungen. In der Publikation Eine Agrarpolitik mit Zukunft von Avenir Suisse kritisiert die Autorenschaft die aktuelle Agrarpolitik, da die Situation der Bauern nicht verbessert wird. Diese werden als «administrierte Landwirte» bezeichnet, da sich 51 Prozent der Einnahmen 70


Abb. 51: Stall von innen. Heute dient der Stall zur Lagerung von Brennholz.

eines Betriebs auf staatliche Massnahmen zurückführen lassen (Dümmler & Roten, 2018, S. 4). Auch Giovanoli beobachtet, dass die Bauern heute nur mit Hilfe des Staates überleben können: «Wenn sie bauen, kriegen sie Geld, wenn sie eine Maschine kaufen, kriegen sie Geld, für das Benzin kriegen sie nochmals Geld, wenn sie Bauland verkaufen, müssen sie das nicht versteuern» (persönliches Gespräch, 11. Oktober 2016). Neben der Nahrungsmittelproduktion erbringt die Landwirtschaft im Rahmen ihres Verfassungsauftrags gemeinwirtschaftliche Leistungen, welche von öffentlichem Interesse sind (Art. 104, BV ). Ein Auftrag dieser gemeinwirtschaftlichen Leistungen ist die Kulturlandschaftspflege. Die Autorenschaft von Avenir Suisse schlägt vor, diese Leistungen nicht mehr an bäuerliche Tätigkeiten zu binden. Dies würde Innovationen und neue Bewirtschaftungskonzepte fördern. Dazu soll der bäuerliche Bodenmarkt geöffnet werden, um den Handelnden ausserhalb der traditionellen Landwirtschaft den Einstieg zu erleichtern. Es würden neue Berufsbilder entstehen, welche sich um das Landschaftsbild kümmern würden: Bergwirtschafter, Biodiversitätmanager oder Auditoren für die Landschaftsqualität (Dümmler & Roten, 2018, S. 68). Peter Rieder weist darauf hin, dass die Bewirtschaftung des Landes, finanziert durch Direktzahlungen, unabhängig von der Nutzung der Maiensässbauten ist (persönliches Gespräch, 23. August 2016).

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Abb. 52: Ferienhaus in Propissi. Das kleine Ferienhaus verfügt über einen Balkon, eine Aussendusche und zwei Kamine. Aufgrund der Proportionen, der Dachform und des Balkons könnte es sich um ein vor dem Raumplanungsgesetz erstelltes Ferienhaus handeln.

2.1.2 FERIEN- UND FREIZEITNUTZUNG Durch die vermehrte Verfügbarkeit von Ferien- und Freizeit, den wachsenden wirtschaftlichen Wohlstand und die individualisierte Mobilität gab es vor allem ab Mitte der 1950er Jahre einen Ferienhausboom in der Schweiz (Gadola et al., 2013, S. 9). Mit der Trennung von Baugebiet und Nichtbaugebiet im Jahr 1979 und der Krise nach dem Erdölschock 1973 flaute die Nachfrage nach Ferienhäusern langsam wieder ab. Zudem veränderten sich die Mobilität und die Bedürfnisse, wodurch die Ferien auch in entfernten Destinationen verbracht wurden (2013, S. 10). Vor dem Hintergrund der Trennung von Bau- und Nichtbaugebieten wuchs langsam das Interesse an nicht mehr gebrauchten traditionellen Bautypen, die man zu Ferienzwecken umnutzte und umbaute. Ein Ferienhaus lässt sich laut Spechtenhauser folgendermassen charakterisieren: «Es steht frei in der schönen Natur, meist in den Bergen oder am Wasser, wobei der Bezug zur Umgebung ein zentraler Faktor ist. Seine Gestalt ist sehr individuell oder gar individualistisch, grosszügige Balkone, Terrassen und Veranden gehören aber stets dazu» (2013, S. 29). Weiterhin bezeichnet Spechtenhauser das Ferienhaus als die demokratisierte Minimalvariante der Sommerresidenzen und Landsitze der Adligen. Zudem zeichnen sich Ferienhäuser durch den Kontrast zur Alltagswelt aus. Paul Artaria hielt dazu treffend fest, dass «die Erholung in ländlicher Umgebung für den Städter zur Notwendigkeit und zum bewussten Gegensatz des geregelten, aber hastigen und vielfach spannungs- und

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Abb. 53: Aclas Dafora oberhalb von Alvaneu. Das vermutlich frisch renovierte Ferienhaus hat die Proportionen beibehalten. Die Materialien sind ebenfalls ähnlich, bis auf die Dacheindeckung aus Eternit. Die Fenster sind trotz der heutigen Möglichkeiten klein und haben Sprossen.

freudlosen Alltags geworden ist» (1947, S. 8). Der Unterschied zwischen einem Ferien- und einem Wochenendhaus liegt laut Spechtenhauser in der Grösse und im Komfort. Das Ferienhaus ermöglicht einen längeren Aufenthalt mehrerer Personen (2013, S. 29). Laut Gadola et al. ist ein Ferienhaus ein Refugium, fernab von den Notwendigkeiten des Alltags. Oft werden nur die elementarsten Bedürfnisse des Menschen befriedigt: der Schutz vor Wind und Wetter sowie die Verfügbarkeit einer Kochstelle und fliessend Wasser (2013, S. 9). Aus Anna Giacomettis Sicht kann man ein Maiensäss nicht als Ferienhaus bezeichnen, da es einfacher ausgestattet ist. Es hat einen Schlafplatz und eine rudimentäre Küche mit einer Feuerstelle (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Als Gegenbewegung zum Massentourismus suchen Menschen in der Gegenwart oftmals Authentizität, Ruhe und Beständigkeit. Dieter Müller beobachtet das Bedürfnis nach einem einfachen Leben auf Zeit im Tourismus. «Man hat keinen Strom, [...] das Wasser muss man am Brunnen holen gehen. [...] Das ist eine Gegenwelt zum gestressten, durchorganisierten, urbanen Leben.» Müller erkennt eine Tendenz, dass die Leute vermehrt weitwandern gehen und das Einfache suchen. Man werde auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse zurückgeworfen. Dazu kommt, dass man oft schlechten Handyempfang habe, womit man gar nicht erst in Versuchung komme, immer «rumzusurfen». Müller führt diese Tendenz auf die jeweiligen Gegenbewegungen einer Entwicklung zurück, wodurch Sehnsüchte geweckt werden (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017). Ferienhäuser verkörpern oft eine Anderswelt und bedienen die Sehnsucht nach dem einfachen Leben 73


Abb. 54: Landschaft im Prättigau. Das Artists-in-Residence-Projekt Kunstluft lockt Kunstschaffende und Interessierte auf die Maiensässe bei St. Antönien. Der Kunsterlebnisweg ist ausgeschildert. (© Kunstluft)

abseits zivilisatorischer Zwänge. Mit dem Entscheid für ein eigenes Ferienhaus bindet man sich an einen Ort, der zum zweiten Zuhause wird. Es ist jederzeit verfügbar und im Gegenzug geht man eine Verpflichtung ein, sich um das Haus zu kümmern (2013, S. 9). Laut Beatrice Schumacher sind die Ferien aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Sicht ein zentraler Ort des privaten Lebens. Man setzt sich mit essentiellen Dingen auseinander: mit sich selbst, der eigenen Identität, dem Körper, den nahen sozialen Beziehungen, mit Vergangenheit und Zukunft (2002, S. 9). 2.1.3 ÖFFENTLICHE NUTZUNG Die öffentlichen Nutzungen sind meist temporär, wie beispielsweise die Churer Maiensässfahrt oder festliche Anlässe wie das Wiesner Alpfest (https://www.alpfest.ch). Eine weitere öffentliche Nutzung stellt das Artists-in-Residence-Projekt Kunstluft dar, welches jährlich im Prättigau unter der Leitung von Hedi Senteler durchgeführt wird. Drei Wochen leben und arbeiten sieben Kunstschaffende in St. Antönien an ausgewählten Orten auf dem Weg zum Partnunersee. Kunstinteressierte können die Kunstschaffenden während dieses Zeitraums besuchen oder zu einem späteren Zeitpunkt zu den verschiedenen Stationen wandern (http://kunstluft.ch). Das Projekt wurde 2015 zum ersten Mal in Furna durchgeführt. «Die Verordnung Kulturförderung Prättigau soll die Kulturförderung des Prättigau als lebendige,

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Abb. 55: Alpensalamander im Prättigau. Der Lebensraum des Alpensalamanders befindet sich meist oberhalb von 1'000 Metern über Meer und somit in den Maiensässgebieten. Dieses Exemplar wurde von einer Person, welche am Kunstluft-Projekt teilnahm, fotografiert. (© Kunstluft)

vielseitige und für Neues offene Region profilieren und das Bewusstsein für die kulturellen Werte der Region stärken. [...] Die Schaffung von Angeboten für den Tourismus wird angestrebt» (Senteler, 2016, S. 1). Initiiert wurde die Weiterführung des Projekts durch zwei Abgängerinnen des Studienganges Multimedia Production an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur. Hedi Senteler, Kulturbeauftragte des Prättigau, hat das Projekt als Privatperson übernommen und weitere Ausgaben lanciert (2016, S. 1). Neben regionalen Kunstschaffenden, wie beispielsweise PRÄKUSCHA (Prättigauer Kunstschaffende), arbeiten auch internationale Künstler und Künstlerinnen aus Schweden, Deutschland, Österreich und Frankreich auf den prättigauer Maiensässen (http://kunstluft.ch). Eine weitere Ausprägung öffentlicher Nutzungen sind Gasthäuser in den Maiensässsiedlungen. In Tgà oberhalb von Mulegns gibt es ein Gasthaus, wo man sich verpflegen kann. In Medergen gibt es das Restaurant Alpenrose.

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Abb. 56: Weidendes Vieh oberhalb der Wiesner Alp. In einem eingezäunten Bereich oberhalb der Siedlung weiden Tiere in den Sommermonaten und tragen somit zum Landschaftsbild bei. Durch die Anwesenheit des Viehs verändert sich die Geruchs- und Geräuschkulisse der Wiesner Alp.

2.2 LANDSCHAFTSTYPEN Richard Weiss definiert den Landschaftsbegriff nicht nur als Summierung von Landschaftselementen in einem bestimmten Raumausschnitt, sondern weist auf das funktionale Zusammenwirken der Elemente in der kulturellen Lebenseinheit hin. Somit ist die Kulturlandschaft für Weiss der Raum, in welchem Kultur entsteht und wirkt (2017 [1959], S. 316f.). Marc Antrop weist darauf hin, dass sich Landschaften kontinuierlich entwickeln und die sozialen sowie wirtschaftlichen Bedürfnisse einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt widerspiegeln (2006, S. 187). Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat den Katalog der charakteristischen Kulturlandschaften der Schweiz herausgegeben. Die Autoren unterscheiden darin Landschaften, darunter die Maiensässlandschaften als Bestandteil der Patrimoinetextur (Rodewald et al., 2014). Für die vorliegende Arbeit wird zwischen drei Landschaftstypen unterschieden: der bewirtschafteten Landschaft, der vergandenden Landschaft und der kommerzialisierten Landschaft. 2.2.1 BEWIRTSCHAFTETE LANDSCHAFT Die uns vertrauten Kulturlandschaften sind auf die bäuerliche Bewirtschaftung zurückzuführen. Laut Mathieu verwandelte sich die mosaikartig geprägte Landschaft vor dem Hin76


Abb. 57: Landwirtschaftliche Bewirtschaftung bei Propissi. Die Flächen bei Propissi oberhalb von Brienz werden gemäht, hier und da hat es einen Stall.

tergrund des hochmittelalterlichen Bevölkerungsschubs in eine Kulturlandschaft (2015, S. 76). Die Alpwirtschaft wird als ein Gesamtkomplex definiert und unterscheidet sich von zwei weiteren Arten der Weidewirtschaft: Im Nomadismus gab es keine Ortsbindung wie in der Alpwirtschaft, und die Transhumanz1 basierte auf einer Kombination von hoch gelegenen Sommerweiden und tief gelegenen Winterweiden. Im Unterschied zur Alpwirtschaft kam sie ohne Stallfütterung aus (Mathieu, 2012, S. 124f.). Die intensivierte Berglandwirtschaft erforderte einen hohen Arbeitsaufwand. Insgesamt muss die bäuerliche Arbeit langfristig massiv zugenommen haben. Dies ist laut Mathieu im Einzelnen nicht nachzuweisen. Davon zeugen aber beispielsweise die Terrassenlandschaften, die dem Alpenraum bis heute erhalten geblieben sind, manchmal nur noch in Form von Spuren, halb abgegangen, überwachsen oder überbaut, manchmal auch in erstaunlich gutem Zustand (2015). Mathieu weist in seiner Publikation Die dritte Dimension auf zwei «Agrarrevolutionen» hin. Die erste spielte sich in der Frühen Neuzeit ab und beruhte auf dem vermehrten Einsatz von körperlicher Arbeit. Die zweite Umwälzung, die um 1850 vor dem Hintergrund der industriellen Entwicklung eintrat, war durch verbesserte technische Geräte und Maschinen geprägt (2012, S. 123). Mit 1  Unter Transhumanz verstehen wir eine Nutzungsweise, die auf Weidegebieten im Tiefland (Winter) wie auch im Gebirge (Sommer) basiert, was meist lange Wanderungen erforderlich macht. Die Alpwirtschaft findet im kleinen Raum statt und verbindet die Sömmerung auf den Bergweiden mit der Winterung in den niedrigen gelegenen Ställen der Bauern. Sie kann auch als lokale Transhumanz bezeichnet werden, umfasst aber im Unterschied zur eigentlichen Transhumanz eine Phase der Stallfütterung (Rodewald et al., 2014).

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Abb. 58: Bewirtschaftete Landschaft oberhalb von Lumbrein. Die Flächen in Planezzas werden von einem zentralen Betrieb aus landwirtschaftlich genutzt. Die Setzung der drei Ställe ist markant.

der Industrialisierung setzte auch in der Landwirtschaft die Mechanisierung der Arbeit ein. Diese erfolgte laut Flückiger Strebel im Berggebiet weit später als im Flachland (2015). Zur grossflächigen Verbreitung von Maschinen in der Landwirtschaft kam es in den 1890er Jahren. Gründe dafür waren laut Flückiger Strebel die Preisentwicklung bei den Maschinen, wodurch diese erschwinglich wurden, sowie das Fehlen von Arbeitskräften. Die Verbreitung des Elektro- und Benzinmotors zog in der Zwischenkriegszeit und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg eine umfassende Veränderung mit sich (2015, S. 1). Nebst dem Fortschritt brachte die Mechanisierung auch einen tiefgreifenden Mentalitätswandel mit sich. Die Maschinen erleichterten die Arbeit und steigerten die Effizienz, gleichzeitig waren sie aber auch Statussymbole. Ab 1920 verzeichneten Traktoren die grösste Wachstumsrate. Man muss bedenken, dass Autofahren in Graubünden von 1900 bis 1925 verboten war (Simonett, 1993). Nur in Ausnahmefällen und mit einer Spezialbewilligung durften Autos auf die Strassen. Die Bündner befürchteten die Gefährdung der Verkehrsteilnehmer, die Beschädigung der teuren und schmalen Strassen sowie die Schädigung der unter grossen Opfern gebauten Rhätischen Bahn. Weiterhin fürchteten Postpferdehalter und Fuhrunternehmer um ihre Existenz. In einem Inserat des Churer Amtsblattes vom 4. März 1911 heisst es, dass «ein einziger Autoprotz, der das Land unsicher macht, Hunderte von ruhebedürftigen Gästen vertreibt». Postautomobile verkehrten in Graubünden lange vor Privatfahrzeugen. Nach dem Ersten Weltkrieg eröffnete sich die Möglichkeit, Fahrzeuge aus dem nun überdimensionierten Fuhrpark der Armee 78


Abb. 59: Maiensässgebiet oberhalb von Lumbrein. Die Landschaft zeichnet sich durch weidendes Vieh, Streubauten und viele Strassen aus.

zu übernehmen, mit neuen Karrosserien zu versehen und im Personentransport einzusetzen (Simonett, 1993). Erst im Juli 1925 wurde das kantonsweite Autoverbot aufgehoben, da die Motorisierung wirtschaftlichen Aufschwung bringen sollte. Neben der Motorisierung wurde die Wegerschliessung ausgebaut. Im Jahr 1918 forderte der Bund die Kantone auf, Güter zusammenzulegen (Flückiger Strebel, 2015, S. 2). Laut Giovanoli setzte der systematische Wegbau auf öffentlichen Wegparzellen erst nach 1930 ein (2003, S. 34). Alp- und Güterwege zu erstellen gehörte schon früh zu den subventionsberechtigten Alpverbesserungsmassnahmen.2 Neben der Landwirtschaft spielten auch die Forstwirtschaft und die Armee beim Ausbau und der Finanzierung der Alpstrassen eine wichtige Rolle (Bürgi, Wunderli, & Furrer, 2014, S. 48). Die bewirtschaftete Landschaft ist geprägt durch bauliche Verbesserungsmassnahmen, welche die Bewirtschaftung erleichtern. 2.2.2 VERGANDENDE LANDSCHAFT Die vergandende Landschaft wird nicht mehr bewirtschaftet. Das landwirtschaftliche Brachland wird im Landschaftsbild sichtbar und ist Ausdruck sozioökonomischer Prozesse. Die Vergandung der Kulturlandschaft hat laut Haefner ökologische Auswirkungen, beispielsweise Vegetationsveränderungen und die Zunahme von Erosionsschäden (1983, S. 151). Die Ver2  Die Direktzahlungen wurden 1996, auf Grundlage des Verfassungsartikels 104, eingeführt.

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Abb. 60: Der Wald breitet sich aus. Diese Ökonomiebaute verfällt langsam und wird vom Wald «verschluckt». Dieser Prozess ist aus kulturhistorischer Sicht schmerzlich, aus ökologischer Sicht jedoch unbedenklich, da die Bauten aus natürlichen Materialien bestehen.

änderung betrifft laut Bätzing auch die Tierwelt: Derzeit kehren die im 19. Jahrhundert ausgerotteten Raubtiere, wie Wölfe, Bären oder Luchse, wieder in den Alpenraum zurück. Die Vegetation verändert sich durch invasive Neophyten3, den Klimawandel, die Nutzung und die Bewirtschaftung. Wildwiesen verlieren an Biodiversität, wodurch wichtige Lebensräume verloren gehen. Die traditionelle Artenvielfalt in den Alpen steht in direktem Zusammenhang mit der ökologischen Stabilität der Kulturlandschaften (Bätzing, 2015a, S. 25). Laut Norman Backhaus ist die Vergandung der Landschaft letztendlich mit der Frage der alpinen Brache verbunden. «Wenn man nicht investiert, bedeutet das auch, dass man einen Ort aufgibt» (persönliches Gespräch, 10. Oktober 2016). Der Begriff alpine Brache wird vom ETH-Studio Basel verwendet, welches es mittlerweile nicht mehr gibt.4 In ihrer Publikation Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait beschreiben und analysieren die Architekten den europaweiten Urbanisierungsprozess. Unter der Leitung von Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili und Pierre de Meuron wird die Schweiz in verschiedene urbane Potenziale5 unterteilt (2005). Marcel Meili führt in einem Interview aus, dass die wahrscheinlich wichtigste Veränderung 3  Neophyten sind gebietsfremde Pflanzen. 4  Der Grund für die Schliessung des ETH-Studios Basel ist die Emeritierung von Jacques Herzog und Pierre de Meuron (Schmidiger, 2018). 5  Die urbanen Potenziale setzen sich zusammen aus den Metropolitanregionen, den Städtenetzen, den stillen Zonen, den alpinen Resorts und den alpinen Brachen (Diener et al., 2005).

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Abb. 61: Projekt Enjoy Alphütten von Schweiz Tourismus. In der Werbung wird das Bild idyllischer Kulturlandschaften mit traditionellen Ökonomiebauten vermittelt. (© Schweiz Tourismus)

in der alpinen Ökonomie die Auflösung der flächendeckenden Gleichförmigkeit ist. Die Landwirtschaft als Leitökonomie ist laut Meili Geschichte (Esch & Tschanz, 2004, S. 5). Für Peter Rieder gehört der Zerfall zur Kulturlandschaft und ist folglich ein fester Bestandteil. Rieder vergleicht die Situation des Zerfalls leerstehender Ställe mit der des Waldes: «Früher waren die Förster der Meinung, der Wald müsse blitzblank aussehen und heute lässt man das Altholz liegen» (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Der Kommunikationsberater und Journalist Atlant Bieri beschreibt in einem Artikel den geordneten Rückzug als Entwicklungsstrategie für die Bergregionen. Das Wort «Schrumpfung» stösst dabei auf starken politischen und gesellschaftlichen Widerstand. Die Wirtschaft der Bergregionen ist durch Abwanderung und Stagnierung geprägt. Der Verkleinerungsprozess als Strategie wurde mehrmals von Wissenschaftlern diskutiert. Die Ablehnung führt Bieri auf die Tabuisierung von schrumpfen anstelle von wachsen in der Bevölkerung zurück, da auch die Regionalpolitik des Bundes auf Wachstum ausgerichtet ist (2016). Dieter Rink, Soziologe am Helmholtz-Zentrum der Universität Leipzig, vergleicht den Prozess der Bergregionen mit der Entwicklung in der ehemaligen DDR. Nach dem Mauerfall zogen viele Leute nach Westdeutschland, wodurch im Osten Geisterstädte entstanden. Der Staat intervenierte und gewährte Gelder für den Abriss leerstehender Häuser in der Peripherie und für die Sanierung von Altbauten in den Innenstädten. Seit 2002 hat die Bundesregierung rund drei Millionen Euro für die Schrumpfung ostdeutscher Städte ausgegeben (Bieri, 2016, S. 35). Der Raumplaner Hannes Wahl führt die 81


Abb. 62: Raglauna, ein alleinstehendes Maiensäss. Die drei Hütten stehen inmitten einer Waldlichtung. Ein Wanderweg führt an den Hütten vorbei. (© Swisstopo)

negative Wahrnehmung der Abwanderung auf die Mythologisierung des Alpenraums im 20. Jahrhundert zurück (2006). Wahl stellt im Rahmen seiner Diplomarbeit die Stärken und Schwächen der Dekultivierung von peripheren Gebieten einander gegenüber und kommt zum Schluss, dass die Nachteile lediglich in der politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz sowie in der Umsiedlung der Bevölkerung liegen. Die Vorteile sind laut Wahl das Sparpotenzial, die Reserven für weitere Generationen sowie die Schaffung neuer Naturräume. Die Stärken des Ist-Zustands sieht er in den emotionalen Gegebenheiten, wie beispielsweise die Identifizierung mit der Kulturlandschaft und damit verbundenen Heimatgefühlen. Die rationale Betrachtung des Ist-Zustands deckt hingegen hauptsächlich Schwächen auf. Wahls Fazit besteht darin, dass eine Dekultivierung peripherer Gebiete aufgrund ökologischer und ökonomischer Vorteile sinnvoll wäre. Die politische Machbarkeit sowie das föderalistische System stehen dieser Entwicklung jedoch im Weg. Es bedarf eines Sinneswandels in der Regionalpolitik, sodass nicht die Gleichheit aller Regionen im Vordergrund steht, sondern Unterschiede bewusst wahrgenommen und gefördert werden (2006). 2.2.3 KOMMERZIALISIERTE LANDSCHAFT Die Wahrnehmung der Landschaft hat sich grundlegend verändert. Durch die moderne Naturwissenschaft, die rationale Weltsicht in Form der Aufklärung und die Industrialisierung verlor die Natur ihren bedrohlichen Charakter. Die Alpen wurden ab Mitte des 18. Jahrhun82


Abb. 63: Raglauna, ein alleinstehendes Maiensäss. Raglauna umfasst drei Bauten, einen Geräte- und einen Holzunterstand sowie ein kleines Baumhaus oberhalb der Hütten.

derts als schöne Landschaften ästhetisch wahrgenommen (Reichler, 2016, S. 119). Alexander von Humboldt, ein kosmopolitischer und der Aufklärung verpflichteter Adliger, erforschte die Bergwelt auf den Spuren seines Genfer Kollegen Horace-Bénédict de Saussure. Dieser hatte mit seinen zwischen 1779 und 1796 erschienenen wissenschaftlich-literarischen Voyages dans les Alpes schnell Berühmtheit erlangt. In seiner Einleitung betonte Saussure, dass es das Studium der Berge sei, welches Fortschritte bei der Theorie der Erde beschleunigen könne. Humboldt las Saussures Werk und schrieb dem Naturforscher im Juni 1798, er habe alle von ihm vorgeschlagenen Experimente notiert, denn er liebe es, auf den Spuren eines grossen Mannes zu wandeln. Wichtig für Humboldts Naturbezug blieb zeitlebens die subjektive Seite, das heisst Empfindungen, Stimmungen und Gefühle, welche die Natur dem Menschen vermitteln. Johann Jakob Scheuchzer, Arzt und Gelehrter in Zürich, stellte sich als Erbe einer alten Praxis dar, die auf den Genuss der alpinen Natur, die Betrachtung der Landschaften und die Beobachtung von Land und Leuten abzielte (Reichler, 2016, S. 119f.). Zwei literarische Werke des 18. Jahrhunderts werden traditionell stark mit der Hinwendung zu den Alpen in Verbindung gebracht: das 1732 erstmals publizierte Lehrgedicht Die Alpen von Albrecht von Haller und der 1761 erschienene, auf Französisch geschriebene Roman Julie oder die neue Heloïse von Jean-Jacques Rousseau. Beide Werke waren zivilisationskritisch und lebten vom Kontrast zwischen einer unmoralischen Gesellschaft und der heilen Natur. Rousseau machte in seinem Briefroman das neue Natur- und Berggefühl zum zentralen Thema. Der Roman wurde zu einem der grössten Bestseller des späten 18. Jahrhunderts. Die Natur wurde als 83


Abb. 64: Luftbild von Lumbrein von 1997. Die Landschaft zeichnet sich durch die Streubauten aus. Im Rahmen der Meliorationen wurden Erschliessungsstrassen gebaut, welche aus der Vogelperspektive das Land wie Adern durchziehen. (© Swisstopo)

schön und moralisch heilsam vermittelt (Mathieu, 2012, S. 162f.). Die Alpenbilder der Gegenwart werden meist für Vermarktungszwecke verwendet und zeigen oftmals traditionelle Bauten. Die Elemente, welche auf eine Ferien- und Freizeitnutzung schliessen lassen, wie Autos, Solarpaneele, ein Vorrat an Baumaterialien, Fahnenstangen oder Grill und Gartenmöbel, fehlen auf den Werbebildern. Beatrice Schumacher äussert ihre Beobachtung, dass die Verschiebung der Maiensässe ins Luxussegment etwas merkwürdig ist, da die Baukultur auf der Landwirtschaft beruht (persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016). Dieter Müller weist auf den extremen Preisdruck auf die Maiensässe hin: «Wenn ich sehe, wie einfache Hütten zu Preisen wie Einfamilienhäuser auf den Markt kommen, finde ich das eine ungesunde Entwicklung» (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017). Armando Ruinelli weist darauf hin, dass die Landschaft touristisches Kapital ist (persönliches Gespräch, 6. Oktober 2016).

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Abb. 65: Bewirtschaftete Landschaft oberhalb von Lumbrein. Die Flächen oberhalb von Lumbrein werden landwirtschaftlich genutzt. Rund ein Drittel der Gebäude wurde bereits umgenutzt.

2.3 SIEDLUNGSTYPEN Die unterschiedlichen Siedlungsformen basieren auf der ursprünglichen Nutzungsweise sowie auf den topografischen Bedingungen und den regionalen kulturellen Prägungen. Laut Hans Weiss stehen Gebäudetyp, Konstruktion sowie Materialien, die in der Umgebung vorkommen, in einem engen Zusammenhang (2012). Im kantonalen Richtplan werden Maiensässsiedlungen als «kulturhistorisch wertvolle Kleinsiedlungen» bezeichnet und bestehen aus mindestens fünf Bauten (kRP GR, 2003, S. 298). Wenn ein Maiensäss weniger als fünf Bauten umfasst, handelt es sich folglich nicht um eine Kleinsiedlung, sondern um ein alleinstehendes Maiensäss. Einzelne Bauten, die über ein Maiensässgebiet verteilt sind, werden als zerstreute Maiensässe bezeichnet. Die Kleinsiedlungen mit mindestens fünf Bauten zeichnen sich durch ihre Kompaktheit aus. Es gibt aber auch Kleinsiedlungen mit einer lockeren Struktur. Teilweise wurden Maiensässsiedlungen ursprünglich als Dauersiedlungen genutzt. Eine Besonderheit bilden aneinandergereihte Maiensässbauten. In der Forschungsliteratur findet hauptsächlich eine Unterscheidung zwischen Streubauten und Kleinsiedlungen statt. Rodewald differenziert zwischen kompakten und zerstreuten Siedlungsformen (2011). Giovanoli unterscheidet einzelne und gruppierte Bauten (persönliches Gespräch, 11. Oktober 2016).

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Abb. 66: Tuass in Liechtenstein. Die kompakte Siedlung ist nur zu Fuss erreichbar, es führt keine Strasse hinauf. (© Liechtensteinische Landesverwaltung)

2.3.1 EINZELSIEDLUNG Bei den Einzelobjekten handelt es sich oft um Ausfütterungsställe. Anna Giacometti ist der Ansicht, dass man einzelne alleinstehende Bauten zerfallen lassen kann. Sie weist darauf hin, dass man die Konstruktionen wegräumen sollte, um das Verletzungsrisiko zu minimieren (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Ein Beispiel für ein alleinstehendes Maiensäss ist Raglauna oberhalb von Schmitten. Das Maiensäss besteht aus drei Hütten, welche heute für Ferien- und Freizeitzwecke genutzt werden. Peter Rieder erinnert sich, dass sie früher auf dem Maiensäss bei Vals etwa fünf bis sechs Familien waren: «Am Abend ist man zusammengesessen und hat gejasst und geredet. Heute findet das nicht mehr statt. Es sind isolierte Ferienwohnungen.» Rieder erkennt, dass diese Komponente ein Problem in Safien ist, weil es viele Einzelbauten hat. Somit fehlt der soziale Kontakt. Dabei widerspreche es allen realen Tatsachen, dass Menschen die Einsamkeit suchen. Rieder weist darauf hin, dass die traditionellen Siedlungen, wo man sich gegenseitig zum Fenster hineinschauen kann, den heutigen Individualisten viel zu eng sind (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Stefan Forster unterscheidet zwischen den Bauten mit einer Wohnnutzung und den Ställen in der Landschaft. Laut Forster transportiert Schweiz Tourismus im Rahmen ihrer Sommerkampagne «Die Natur will dich zurück!» Bilder von alleinstehenden Maiensässen. Das Alleinsein bezeichnet Forster als das Exklusive. Im Rahmen der Kampagne habe man sich dann schliesslich auf

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Abb. 67: Tuass in Liechtenstein ist ein Beispiel für eine kompakte Siedlungsstruktur. Die kleine Siedlung wird heute für Ferien- und Freizeitzwecke genutzt und war ursprünglich ein Heuberg.

Siedlungen geeinigt, da es sich dabei um wirkliche Maiensässe handle, so wie man sie sich vorstelle (persönliches Gespräch, 8. Juli 2016). Folglich handelt es sich beim alleinstehenden Maiensäss um ein Idealbild, welches die Sehnsucht abseits des Massentourismus bedient und sich für Vermarktungszwecke eignet. 2.3.2 STREUSIEDLUNG Das zerstreute Maiensäss zeichnet sich durch seine umliegenden Ausfütterungsställe aus. Diese Form der Zwischenstufe gibt es in Lumbrein im Val Lumnezia. Der Immobilienkaufmann Gian Derungs hat die Maiensässe im Gebiet von Lumbrein im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur inventarisiert. Den Perimeter für seine Aufnahme setzt Derungs etwas höher, da er findet, dass man bei den unteren Ställen noch nicht von Maiensässen sprechen kann, weil sie zu nahe beim Dorf sind. Laut Derungs strahlen erst die Ställe nach dem neuen grossen Ökonomiegebäude einen «Maiensäss-Charakter» aus (2009, S. 16). Von den 75 Bauten, die Derungs analysiert hat, ist rund ein Drittel ausgebaut. Bei sieben Prozent der Bauten sieht Derungs Potenzial für einen Ausbau zur Ferienimmobilie und etwas mehr als die Hälfte kann nicht umgebaut werden, da der Wohnteil nicht vorhanden oder zu klein ist (2009, S. 18). Derungs definiert den Maiensässbegriff in seiner Arbeit folgendermassen: «Unter dem Begriff

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Abb. 68: Grevasalvas, ein kompaktes Maiensäss. Die Sommersiedlung diente 1978 als malerische Kulisse für die Verfilmung der Kinderserie «Heidi». (© Swisstopo)

Maiensäss wird stets das Betriebsgebäude bzw. der Stall in der Maiensäss-Stufe verstanden» (2009, S. 5). Diese Definition bezieht sich auf Gebäude in einem Gebiet. Bei der zerstreuten Siedlungsform sind oftmals nicht alle Bauten erschlossen, da es aufwändiger ist, viele Einzelbauten zu erschliessen anstatt einer einzigen Zufahrt, die zu einer Kleinsiedlung führt. Auch die Wasser- und Abwasserleitungen müssen einzeln erstellt werden. Auf der Wiesner Alp gibt es beispielsweise einen Sammeltank für das Abwasser, welcher immer wieder geleert wird. Das Wasser wird vom Brunnen oder vom Löschhaus bezogen (R. Bernhard, persönliches Gespräch, 29. September 2016). Die zerstreute Struktur eignet sich folglich schlechter für eine Ferien- und Freizeitnutzung. Diego Giovanoli bezeichnet das Safiental als beispielhaft für die Streubesiedlung (2017, S. 21). Der Verein Safier Ställe setzt sich für den Erhalt der wenig benutzten Ställe ein, indem dort alte Handwerkskunst weitergeführt wird (http://www. safierstaelle.ch). 2.3.3 GRUPPENSIEDLUNG Anna Giacometti bezeichnet die Maiensässe Isola, Orden und Cavril als «kleine Dörfchen» oder «Weiler», wo aus ihrer Sicht mehr möglich sein sollte. Ein leerstehender Stall in einer

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Abb. 69: Grevasalvas oberhalb von Sils im Engadin. Zu der Gemeinde Sils gehören drei Maiensässsiedlungen, darunter Grevasalvas, Blaunca und Buaira. (Ziegenberg, 2013)

dieser Erhaltungszonen sollte umgenutzt werden dürfen (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Die Wiesner Alp bildet eine veränderte Form einer kompakten Siedlung, da vierzehn Bauten nach dem Grossbrand 2007 an veränderten Standorten wiederaufgebaut wurden. Die heutigen Anforderungen mussten berücksichtigt werden: Dies betraf die Brandschutzabstände, die Materialisierung sowie die Gestaltung und die Lage der Bauten. Die Kompaktheit einer Siedlung kann sich folglich im Laufe der Zeit verändern. Giovanoli vergleicht die Siedlungsstruktur der Wiesner Alp mit einer liegenden Viehherde: «Die Häuser liegen dort, wo man liegen kann. Das ist wie bei Tieren» (persönliches Gespräch, 11. Oktober 2016). Auch Reto Bernhard weist auf die besondere Wirkung der Wiesner Alp aufgrund der engen Räume zwischen den Häusern hin. Durch den Wiederaufbau ging für Bernhard ein Teil dieser Qualität verloren: «Generationen von Kindern haben dort Verstecken gespielt. Dieses Bild mit den engen Dächern und Häusern, das war wunderschön. Das ist jetzt kaputt.» (persönliches Gespräch, 29. September 2016) 2.3.4 REIHENSIEDLUNG Die Ferienhaussiedlung Steg in Liechtenstein verfügt über eine besondere Siedlungsstruktur. Die Bauten sind kreisförmig angeordnet. Der kleine Kreis (Kleinsteg) wird durch die Strasse vom grossen Kreis (Grosssteg) getrennt. Es ist nicht abschliessend geklärt, ob die Siedlung

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Abb. 70: Maiensässe bei Curaglia. Gliarauns ist eine Maiensässsiedlung oberhalb von Curaglia, welche über eine lockere Struktur verfügt. (© Swisstopo)

auf die Walser zurückzuführen ist, dies wird jedoch vermutet. Die inneren Flächen wurden als Weideflächen für das Vieh genutzt. Hubert Sele beschreibt Steg als eine andere Welt, welche über den Tunnel ins Saminatal erschlossen wird: «Im Steg, umgeben von einer herrlichen Bergkulisse, ist es ruhiger und idyllischer als anderswo. Man vergisst den Alltag dort schnell und kann Kräfte tanken für die Anforderungen des Alltags» (2001, S. 9). Eine weitere Besonderheit bilden die Camaner Hütten im Safiental. Die Bauten sind laut Stefan Forster wie an einer Perlenschnur angeordnet. Die Hütten wurden von Walsern gebaut und die Anordnung ist das Resultat der Einzelsennereien. Bei den Walsern hat jeder für sich Käse hergestellt. Forster erkennt Potenzial in solchen Strukturen, da er findet, dass viele Touristiker ein falsches Verständniss haben und die Leute nicht immer nur «die Idylle» sehen, sondern Informationen über das aktuelle Leben und den Alltag wollen. Wie die Siedlungsstruktur der Einzelsennereien im Safiental heute zu verstehen ist, könnte man in einem touristischen Angebot thematisieren. Laut Forster gibt es nur noch einen Bauer, der dort oben Käse herstellt (persönliches Gespräch, 8. Juli 2016). 2.3.5 FRÜHERE DAUERSIEDLUNG Im Peiltal bei Vals gibt es laut Peter Rieder Siedlungen, die bis um 1800 ganzjährig bewohnt waren. Die Häuser unterscheiden sich gemäss Rieder von den architektonisch etwas einfa-

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Abb. 71: Biscuolm oberhalb von Curaglia. Blick von Gliarauns aus auf das gegenüberliegende Biscuolm.

cheren Maiensässbauten, welche nur temporär genutzt wurden (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Jon Mathieu nennt als Beispiele für frühere Dauersiedlungen Batänja und Sapün. Mathieu weist auf das Holzschild bei Batänja hin, worauf es heisst: «Hier ist eine Walsersiedlung.»6 Dass die Leute Walser sind, haben sie gemäss Mathieu von irgendeinem Lehrer gelernt. Er weist darauf hin, dass wir nicht wissen, wie es wirklich war. In Batänja und Sapün gab es gemäss Mathieu bis ins 19. Jahrhundert eine Schule, welche manchmal nur zwei bis drei Monate im Jahr dauerte. Mathieu bezeichnet Sapün als «unglaubliche Nostalgiewelt», aufgrund der vielen Sprüche an den Häusern. Auch Griosch war bis ins 17. Jahrhundert eine Dauersiedlung, da die Bevölkerung im 16. Jahrhundert zunahm (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Kommen auf einem Maiensäss Vorratsspeicher vor, deutet dies laut Giovanoli meist darauf hin, dass es früher eine Dauersiedlung war. Vorratsspeicher waren vor allem in den Dörfern anzutreffen, weniger auf der Zwischenstufe, da es Milch- und Käsekeller gab. Die Ausnahme bilden die Maiensässe im Calancatal. Dort gibt es zweigeschossige temporäre Vorratsbauten, die sich in Material und Bauart von den Speichern im Dorf unterscheiden (2003, S. 80). Die Besiedlungsformen auf den Maiensässen veränderten sich folglich im Laufe der Zeit. Bei Bedarf wurden die Gebiete dauerhaft besiedelt, wie dies im Zuge der

6  Auf dem Holzschild heisst es: «Batänja ehemalige Walsersiedlung» (Abb. 40).

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Abb. 72: Steg, ein aneinandergereihtes Maiensäss. Steg liegt auf dem Weg von Triesen nach Malbun und ist über einen Tunnel erreichbar. Die Strasse und der Bach trennen «Kleinsteg» und «Grosssteg». (© Liechtensteinische Landesverwaltung)

Walserwanderungen7 der Fall war. Loretz beschreibt die Walserwanderungen als Besiedlungen der Hochtäler in den Alpen, welche mit der im Mittelalter eingetretenen Klimaerwärmung einhergingen (2017, S. 5). Man vermutet, dass die Walser aus dem deutschsprachigen Oberwallis weder plan- noch ziellos auswanderten. Als wichtigste Gründe für den Aufbruch der Walser werden die neuen wirtschaftlichen Chancen und ihre Rechtsstellung im neuen Siedlungsgebiet bezeichnet (2017). 7  Die Walser wanderten ab dem späten 13. Jahrhundert aus dem Oberwallis, meist mit einem Umweg über den Südabhang der Alpen, in das Gebiet des heutigen Kantons Graubünden ein (Loretz, 2017, S. 5).

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Abb. 73: Steg, ein aneinandergereihtes Maiensäss. Steg im Liechtenstein verfügt über eine besondere Siedlungsstruktur, die Hütten sind kreisförmig angeordnet. Auf der Innenfläche der Ringe weidete früher das Vieh.

2.4 HAUSTYPEN In der Schweiz wurden die traditionellen landwirtschaftlichen Haustypen im Rahmen der Bauernhausforschung dokumentiert (Simonett, 1965; Furrer et al., 2011; Gschwend & Zeli, 1982). Der traditionelle Baubestand auf einem Maiensäss besteht meist aus einer Wohneinheit mit Wohnung und Käseküche und einem Ökonomieteil mit Stall und Heuraum. Diese Nutzungen sind entweder unter einem Dach vereint oder als Einzweckbauten konzipiert (Furrer et al., 2011, S. 234). Die Wohnhütten im Maiensässgebiet unterscheiden sich laut Giovanoli von Hirtenhütten auf den Alpen oder den Wohnhäusern in den Dörfern. Da die Hütten nur temporär bewohnt waren, fiel das Raumprogramm bescheidener aus. Den mit der Milchwirtschaft zusammenhängenden Einrichtungen kam auf der Maiensässstufe geringere Bedeutung zu als auf der Alp (2003, S. 76). Die Küche der Maiensässhütte ist fast immer ebenerdig, den Boden dieses Raumes bildet oft festgetretene Erde. Küchen in den Obergeschossen gibt es mit einigen Ausnahmen nur in den Dauersiedlungen. Die Wohnräume und die Stallscheune bilden oftmals eine bauliche Einheit. Im Prättigau, auf der Lenzerheide und im Puschlav gibt es Maiensässbauten, die oberhalb der Wohnebene mit Stube und Küche über ein volles Schlafzimmergeschoss sowie interne Treppen und Gänge verfügen. Diese Bauten sind in der Regel nicht mehr als hundertjährig und zeugen laut Giovanoli von den gesteiger-

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Abb. 74: Tgà, eine ehemalige Dauersiedlung. Tgà liegt im Val Faller, einem kesselartigen Tal. Eine Besonderheit bilden das kleine Kirchlein und das Bergrestaurant. (© Swisstopo)

ten Komfortansprüchen (2003, S. 79). Die Sennerei mit Milchkeller diente zur Molkenverarbeitung. Dieser Bautyp bestand laut Giovanoli oft nur aus zwei Räumen. Geschlafen wurde selten im Sennraum, viel öfter im Stall oder in der Scheune. Diesen Bautyp gibt es auch als Doppelanlage, mit zwei Sennräumen und zwei Milchkellern. Wenn es eine Stube hatte, war dies eine enorme Komfortsteigerung (2003, S. 77). Die meistverbreitete Bauform ist die dreiräumige Hütte mit Stube, Küche und Keller. Diese Räume sind in der Regel in Firstrichtung hintereinander aufgereiht. Die Küche wird von der Seite betreten. In Mittelbünden und im Bergell sind eineinhalbgeschossige Dreiraumhäuser weit verbreitet (2003, S. 78). 2.4.1 AUFGETRÖLTE HÜTTE Die Ställe sind meist freistehend oder mit Wohnhäusern zusammengebaut. Sie dienen dem Zweck des Lagerns, das heisst dem Unterbringen von Tieren oder landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, und stehen damit mit der landwirtschaftlichen, bodenabhängigen Produktion im Zusammenhang. Die meistens eher grossvolumigen Bauten bestehen aus einer materialsparenden Grundkonstruktion und weisen eine eher geschlossene Aussenhülle als Schutz vor Witterungseinflüssen auf. Viele Bauten waren ursprünglich bis an ihre Mauern von Wiesland umgeben und nur minimal erschlossen (Zeindler, 2006, S. 8). Die aufgetrölten Baumstämme kamen früher vor allem bei diesem Haustyp zur Anwendung. Durch die Zwi-

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Abb. 75: Tgà im Val Faller. Von der ehemaligen Dauersiedlung sieht man auf den markanten Piz Platta. Das Tal verbindet Mulegns mit Juf.

schenräume zirkulierte Luft, wodurch das Heu im oberen Geschoss schneller trocknen konnte. Die Stallscheune besteht aus einem ebenerdigen Viehstall und einer Heuscheune darüber. Die einfache Stallscheune verfügt über keine Verbindung vom Heuraum zum Viehraum im Innern. Es gibt Stallscheunen mit einem Heuloch, durch welches das Futter hinuntergestossen wird (Weiss, [1959] 2017, S. 235f.). Giovanoli weist darauf hin, dass die Stallscheunen auf der Zwischenstufe weniger vielfältig sind als auf der Dorfstufe. Gründe dafür sind die geringere Aufenthaltsdauer, wodurch der Heuraum kleiner dimensioniert ist, sowie der Verzicht auf Getreidewirtschaft, welche auf der Höhe der Maiensässe nicht erforderlich war (2003, S. 83). Interessant ist, dass die Grundrissmasse der Einzelstallscheune im Maiensässgebiet im ganzen Kanton konstant ist, nämlich sechs auf sechs bis sieben Meter. Die Kapazität konnte erhöht werden, indem um eine ganze oder halbe Grundeinheit erweitert wurde (2003, S. 84). Die Heuscheune birgt nur Heu, aber kein Vieh, und wird auch Barge genannt. Ein Grossteil des Heus wurde vor Ort gelagert, aber nicht unbedingt verfüttert. Das gelagerte Heu wurde meist erst in den arbeitsarmen Herbst- und Wintermonaten in die tiefer gelegenen Ausfütterungsstationen transportiert. Giovanoli hält fest, dass man die Zwischenlagerungswirtschaft an zwei Spuren erkennen kann: den Heuscheunen und den Hohlwegen. Das zwischengelagerte Heu wurde auf Schlitten ins Tal befördert. Dazu hob man in Mittel- und Nordbünden Hohlwege aus, die heute noch als metertiefe Furchen zu erkennen sind. Die Heuscheunen sind heute vielerorts leer, altersschief und undicht (2003, S. 31f.). Der Viehstall dient zur Un95


Abb. 76: Wiesner Alp, eine kompakte Siedlungsstruktur. Nach dem Wiederaufbau nach dem Grossbrand wurden einige Bauten aufgrund feuerpolizeilicher Vorschriften anderswo platziert. (© Swisstopo)

terbringung des Viehs, aber nicht des Viehfutters. Viehställe ohne Futterraum gibt es dort, wo das Vieh ausschliesslich durch den Weidegang ernährt wird (Weiss, [1959] 2017, S. 242). Heuscheunen ohne Stallraum, genannt Heustall, Stadel, Schupfen, Dachli, Bargen oder bargia kommen laut Weiss meist nur bei Magerwiesen8 vor. Die höchstgelegenen Magerwiesen werden mancherorts als Wildheuberge bezeichnet ([1959] 2017, S. 239). Weiterhin gibt es Heuscheunen mit einer einfachen Unterkunft für die Heuer in den Heubergen ([1959] 2017, S. 240). Die Ziegenställe sind winzige Blockbauten im Privat- oder Gruppeneigentum und schliessen sich in ihrer Gesamtheit zu «Ziegendörfern» zusammen. Laut Weiss zerfallen die Geisshütten heute oft, da man weniger Ziegen hat und weil man den Unterhalt scheut ([1959] 2017, S. 242). Die Hirtenhütte gibt es dort, wo keine Sennhütten und Ställe nötig sind, oder in abgelegenen oder gefährlichen Teilen von Kuhalpen, wo das Weidvieh auch bei Nacht überwacht werden muss. Solche Wachhütten gehören zu den primitivsten heute noch benutzten menschlichen Behausungen (Weiss, [1959] 2017, S. 245). Die Hirtenunterstände gibt es laut Giovanoli vor allem im Alpgebiet und nur selten auf der Zwischenstufe (2003, S. 77).

8  Magerwiesen zeichnen sich durch ihre nährstoffarmen Standorte aus. Weiterhin handelt es sich um ungedüngte Wiesen, die in der Regel über eine höhere Artenvielfalt als Fettwiesen verfügen (Bätzing, 1997, S. 159f.).

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Abb. 77: Wiesner Alp. Die Siedlung befindet sich auf einer Terrasse. Der eingezäunte Bereich, gennant Soppa, wird als «Pflanzenschutz» bezeichnet. Im Mai spriessen dort tausende von Bergkrokussen.

2.4.2 GESTRICKTE HÜTTE Eine weitere Form der massiven Holzkonstruktion sind die Strickhütten. Aus bautechnischer Sicht bildet diese Konstruktionsweise die adäquateste Weise einer zeitgemässen Ersatzbaute. Beatrice Schumacher beobachtet, dass zeitgemässe Architektur im Alpenraum schlecht angenommen wird, obwohl sie aus ästhetischer und funktionaler Sicht adäquater wäre. Schumacher führt die Feindseeligkeit gegenüber zeitgemässer Architektur auf die Bevorzugung von Nostalgie zurück (persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016). Anna Giacometti findet die Ersatzbaute auf der Wiesner Alp von Bearth & Deplazes in Bezug auf die Materialien und Proportionen in Ordnung (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Reto Bernhard, der Besitzer, bezeichnet seine Hütte als «Ferienhaus» und ist sich nicht sicher, ob die neu gebauten Ferienhäuser auf der Wiesner Alp überhaupt noch Maiensässe sind (persönliches Gespräch, 29. September 2016). Die Verwendung von Holz als Baumaterial bietet sich durch das Vorkommen in der Umgebung an. Aus den Stämmen von Lärchen oder Fichten wurde schon früher Rund- oder Kantholz für den Blockbau hergestellt (Weiss, 2012). Beispiele für nicht gebaute Strickhütten wurden im Rahmen einer Studie für den Wiederaufbau der Wiesner Alp entwickelt. Daniel Ladner entwarf drei Typen: das Doppelhaus, das Einzelhaus sowie das kleine Einzelhaus (Fischer, 2016, S. 39). An der Gemeindeversammlung 2008 wurde das Gesamtprojekt von Bearth & Deplazes seitens der Eigentümer abgelehnt. Jeder baute sein

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Abb. 78: Ersatzbaute auf der Wiesner Alp. Der Wunsch der Eigentümer war es, die Hütten so wieder aufzubauen, wie sie früher waren. Dies führte zur Ablehnung eines Gesamtprojekts mit einheitlichen Hüttentypen. Es entstanden Blockhütten mit einer Rundholzkonstruktion im Obergeschoss.

Haus wieder auf, wie er wollte. Laut Fischer erinnern einige der neuen Häuser mit ihren überdimensionalen Dachbalken eher an Blockhütten als an Walserhäuser (2016, S. 40). 2.4.3 VERSTEINERTE HÜTTE Eine radikale Erneuerung eines Maiensässes ist das Refugi Lieptgas am Waldrand von Flims, wobei die Betonhütte als Haustyp sehr selten ist. Die Architekten Selina Walder und Georg Nickisch entwarfen einen Betonmonolith, welcher das Negativ der früheren Holzkonstruktion bildet. Die Rundhölzer des Maiensässes wurden als Schalung für den Beton verwendet, wodurch eine quasi versteinerte Version des ursprünglichen Baus erschaffen wurde, mit Ausnahme eines grossen Fensters und dem Bau eines Untergeschosses. Betonbauten sind eher ungewöhnlich innerhalb von Maiensässsiedlungen, wobei es vor allem in den südlichen Regionen Steinbauten gibt. Laut Giovanoli existieren frei stehende Milch- und Käsekeller nur in Brusio, Poschiavo und Bondo. Die Keller befinden sich oft in der Nähe von Quellen oder Bächlein. Meist wurde Wasser zur Kühlung verwendet; in Bondo gibt es Keller mit natürlichen Frischluftquellen. Die Milchkeller sind oft massive Rundbauten mit Schein- oder Kraggewölben. Seltener sind rechteckige Bauten mit Pult- oder Giebeldach. Auf den Maiensässen von Soglio wurden von mächtigen Felsblöcken gebildete Erdräume als Keller genutzt. Diese Spezialform wird als Felsenkeller bezeichnet (2003, S. 82). Eine Maiensässsiedlung mit

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Abb. 79: Stall auf Gliarauns. Die Kombination von einer Strickbauweise im unteren und aufgetrölten Baumstämmen im oberen Geschoss gibt es in verschiedenen Regionen Graubündens. Diese Typologie lässt sich auf die Nutzung zurückführen.

Steinbauten ist La Motta im Calancatal. Bei einigen der Hütten ist das Erdgeschoss aus Stein und das Obergeschoss aus aufgetrölten Rundhölzern (Abb. 28). 2.4.4 VERKLEIDETE HÜTTE Die verkleideten Hütten zeichnen sich durch ihre Verschalung aus. Diese schützt die darunterliegende Konstruktion vor Witterungseinflüssen. Bei traditionellen Bautypen wird die massive Holzkonstruktion auf der Wetterseite verkleidet, entweder mit einer Bretterschalung oder mit Holzschindeln. Bei neueren Konstruktionen wird die darunterliegende Leichtbaukonstruktion geschützt. Im Gegensatz zur massiven Blockbauweise verfügen diese Bauten über einen mehrschichtigen Wandaufbau. Das Schindelmachen als Handwerk ist auf der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz (http://www.lebendige-traditionen.ch). In der Westschweiz gibt es nur noch zehn Schindelmacher. Die dünnen Holzbrettchen, mit welchen Fassaden und Dächer verkleidet werden, sind oftmals aus Fichtenholz. Im Laufe der Zeit nehmen die Schindeln eine silbergraue Färbung an, mit welcher sich das Holz vor der Witterung schützt. Die Verfügbarkeit von neuen Materialien und die Vorkehrungen zur Brandbekämpfung führten zum Rückgang der Einkleidung mit Holzschindeln. Fassadenschindeln müssen erst nach einem Jahrhundert ersetzt werden. Dachschindeln halten je nach Neigung etwa 40 bis 50 Jahr, bei steileren Dächern erhöht sich die Lebensdauer um weitere zehn Jahre. Das

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Abb. 80: Ersatzbaute auf der Wiesner Alp von Bearth & Deplazes. Die Strickhütte wurde von Daniel Ladner entworfen und bildet eine zeitgemässe Interpretation einer traditionellen Baute auf der Wiesneralp ohne Künstlichkeit, Kitsch oder Nostalgie. (© Ralph Feiner)

Hauptwerkzeug ist das Schindeleisen, mit welchem das Holz gespalten wird. Diese Verarbeitungsweise schont die Fasern und gewährleistet die Dichtheit. Das Schindeleisen besteht aus einer Stahlklinge mit breiter Scheide, welche auf einer Seite mit einem Holzgriff versehen ist (Sandoz et al., 2018). 2.4.5 SCHWEBENDE HÜTTE Die schwebende Hütte ist eine Sonderform und zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich vom Boden abhebt. Ein Beispiel befindet sich in Cania bei Fanas und wurde von Bearth & Deplazes 1999 entworfen. Der Holzbau steht auf einem kreuzförmigen Streifenfundament, da der Boden feucht und labil ist. Die Hütte ersetzt ein abgebranntes Maiensäss, wobei Linda Knab in ihrer Diplomarbeit darauf hingewiesen hat, dass es sich ursprünglich um ein Ferienhaus im Gebiet der Vorwinterungen handelte (2006, S. 62). Im Alpenraum gibt es bei den traditionellen Bautypen schwebende Bauten, denn schon früher erkannten die Bauern den Vorteil einer vom Boden abgehobenen Holzkonstruktion. Insbesondere im Wallis war die Anwendung von Stützen mit runden Steinplatten als Trennung zwischen Holzkonstruktion und Boden verbreitet. Damit wurden Feuchtigkeit und Nagetiere abgehalten. Die Stützen erinnern an Pilze oder Pfahlbauten (Furrer et al., 2011, S. 277). Aus Giacomettis Sicht ist die Architektur der Ersatzbaute bei Fanas nicht schlecht, passt aber nicht auf ein Maiensäss (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). 100


Abb. 81: Strickhütte auf Medergen bei Langwies. Diese Typologie gibt es vor allem in ehemaligen Dauer- oder Walsersiedlungen. Diese Strickhütte ist mit einem Hausspruch von 1891 verziert: «Joos Anton Hans [...] Peter Mettier 1891. Wir bauen dieses Haus hieniden, als eine Wohnung dieser Zeit. Hier gibt Gott uns Glück und Frieden und einst die frohe Seligkeit.»

2.4.6 STALLRUINEN Inge Beckel weist darauf hin, dass man leerstehende Ställe überall findet: «In alten Dorfkernen, an Wegrändern, auf Wiesen und an Hängen, als Clusters, über Flächen verstreut, alleine» (2011). Obwohl die Mehrzahl der Ställe nutzlos geworden ist, möchten wir Menschen sie nicht abreissen. Beckel führt dies auf die symbolische Bedeutung der Ställe als Urhütten zurück. Sie vermitteln Verlässlichkeit, Schutz und etwas Urtümliches (2011). Der Landeskonservator Christian Brugger beschreibt in der Publikation Weiterbauen (Kirchengast, 2010), dass neue Technologien nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unser Denken und Handeln verändern. Laut Brugger vollzogen sich solche Veränderungen in der Vergangenheit über einen «menschengerechteren» und längeren Zeitraum als in der Gegenwart. Die emotionale und kulturelle Vielfalt der Gesellschaft führt zu verschiedenen Blickwinkeln auf den gebauten Bestand; was den einen wertvoll und erhaltenswert erscheint, ist den anderen Ballast (2010, S. 10). Dadurch befinden sich gewachsene Landschafts- und Ortsbilder in einem anhaltenden Spannungsfeld. Laut Gerber und Koch symbolisiert und erzeugt Architektur gesellschaftlichen Fortschritt und damit Sicherheit (2017). Zerfallene Bauten, wie die Stallruinen, werden folglich als Gefahr verstanden, da sie Zeichen der Vergänglichkeit sind. Die Ruine kann als Gegenpol zum modernistischen Fortschrittswahn betrachtet werden. Die Autoren weisen darauf hin, dass bereits im Entwurf von einem Gebäude die zeitliche Dimension mitgedacht werden muss. Denn das Diktum «Nichts ist so beständig wie der Wandel» trifft nirgendwo so 101


Abb. 82: Refugi Lieptgas, eine versteinerte Hütte. Das Refugi Lieptgas befindet sich am Waldrand von Flims und besteht aus Dämmbeton. Die Rundholzkonstruktion der ursprünglichen Baute bildet die Schalung für die neue Baute.

zu wie in der Architektur. Bauten, welche sich nicht adaptieren und verändern lassen, bleibt als Zukunftsperspektive nur die Ruine oder der Abbruch (2017, S. 16). Die raumplanerischen Vorschriften ermöglichen Umnutzungen von Ställen in Zweitwohnsitze, wenn sich diese in einer Erhaltungszone befinden oder schützenswert sind (kRP GR, 2003). Die Stallruinen befinden sich folglich meist in der offenen Landschaft. Ein bauliches Beispiel für die Ästhetik des Zerfalls bildet das Sommerhaus von Bruno Mathsson9 im schwedischen Frösakull. Das Gebäude wurde über einen Zeitraum von sechs Jahren fotografiert. Die Bilder zeigen die psychologisch aufgeladenen Anzeichen des Zerfalls als Projektionsobjekte persönlicher Erinnerungen und Geschichten. Der Zerfall bietet den Vorteil das Raum für Veränderung entsteht und die Natur den Raum zurückerobert. Der natürliche Prozess wirkt der wachsenden Beanspruchung von Fläche durch den Mensch entgegen. 2.4.7 KURIOSITÄTEN Bei Ersatzbauten ist die «Blockhüttenarchitektur» beliebt. Auf diesen Haustyp trifft man auf der Wiesner Alp. Einige Ersatzbauten imitieren die früheren Bauweisen. Oberhalb von Brienz gibt es ebenfalls eine neu gebaute Blockhütte. Dieser Haustyp ist jedoch nicht weit verbreitet 9  Bruno Mathsson (1907-1988*). Schwedischer Möbeldesigner und Architekt der Moderne. Während der Reise in die USA, in den 1940er Jahren traf Mathsson auf Charles Eames, Walter Gropius und Frank Lloyd Wright (Mattsson, 2010).

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Abb. 83: Steinbaute in La Motta. Diesen Haustypus trifft man vor allem in den südlichen Regionen Graubündens an.

und scheint etwas sonderbar. Giacometti bezeichnet diesen Haustypen als «kitschig» (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Ab und zu gibt es auf den Maiensässen ein Chalet. Dieser Bautyp wurde entweder als Ferienhaus vor dem Eintreten des Gewässerschutzgesetzes gebaut oder als Ersatzbaute. Der Begriff Chalet wird im Zentralwallis für das beste Weidestück verwendet, aber auch für Vielzweck-Sennhütten auf Familienalpen. Durch Einflüsse des Tourismus wird der Begriff mit Holzarchitektur in Verbindung gesetzt (Furrer et al., 2011, S. 638). Eine weitere Besonderheit bildet das Löschhaus auf der Wiesner Alp. Darin wird Wasser gesammelt für einen Notfall. Weiterhin können die Hüttenbesitzer gefiltertes Trinkwasser vom Löschhaus beziehen. Historische Beispiele für besondere Bauten sind Kapellen und kleine Kirchen auf den Maiensässen. Diese wurden häufig gebaut, wenn ein Maiensäss ursprünglich als Dauersiedlung genutzt wurde. Die Post da marenda ist ein Alpkiosk aus Lerchenholz, welcher von Dieter Müller und seinem Team entwickelt wurde. Der erste Selbstverpflegungsposten wurde auf dem Maiensäss Falein aufgestellt, ein weiterer folgte in Aclas Dafora. Der solarbetriebene und bärensichere Alpkiosk wird von Wolfgang Schutz mit regionalen Produkten bestückt. Die Zielgruppe sind hungrige Wanderer, welchen die Möglichkeit geboten wird, sich zu verpflegen. Überraschenderweise wird der Alpkiosk auf Falein laut Müller aber mehrheitlich von den Maiensässbesitzern genutzt (persönliches Gespräch, 16. Januar 2017).

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Abb. 84: Verkleidete Hütte auf Gliarauns. Der Ersatzbau verfügt über ein Eckfenster und eine mit Holzschindeln verkleidete Holzkonstruktion.

2.5 DREI SICHTWEISEN AUF DAS MAIENSÄSS Der Churer Architekt Pablo Horvàth äussert sich kritisch über den gegenwärtigen Umgang mit Maiensässen und Alphütten: «Da wird aus einem Alpstall dann plötzlich ein Fachwerkhaus, samt Zaun, Fahnenstange, Gartenzwerg und Wagenrad. Und zum Schluss mähen sie noch die Weide, als sei es ein Rasen im Einfamilienhausgarten» (Hornung, 2002, S. 56). Wie das Zitat zeigt, bildet die Haltung der Nutzerschaft einen wichtigen Aspekt beim Umgang mit der Bausubstanz. Die Nutzerschaft entscheidet letzten Endes, wie sie ihre direkte Umwelt und damit einen Teil der Maiensässlandschaft gestaltet. Anna Giacometti weist darauf hin, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). In den Medien wird von Umbaubefürwortern und Landschaftsschützern gesprochen. Linda Knab unterscheidet in ihrer Forschung zwischen drei Nutzergruppen, den Einheimischen, den Ex-Einheimischen und den «richtigen Touristen», die keinen Ortsbezug haben. Innerhalb der «richtigen Touristen» gibt es zwei Untergruppen; die wiederkehrenden Touristen und die einmaligen Touristen. Laut Knab werden die wiederkehrenden Touristen nicht als solche empfunden, sondern als Freunde wahrgenommen (2006, S. 96). Knab unterscheidet die Nutzerschaft nach Ortsbezug. Wenn man, wie Knab, nur die Nutzerschaft der Maiensässe betrachtet, wird man mit einer Vielfalt von ästhetischen Haltungen konfrontiert. Die Mentalität

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Abb. 85: Verkleideter Stall im Safiental. Die Wetterseite des Stalls wurde mit Holzschindeln verkleidet, um die massive Holzkonstruktion zu schützen.

beeinflusst die Gestaltung der Lebenswelt und damit die Mitgestaltung der Maiensässlandschaft als Ganzes. Es stellt sich die Frage, welche Mentalitäten unterschieden werden können und ob innerhalb der Maiensässnutzerschaft ein Konsens darüber besteht, was schön und was unschön ist. Die traditionellen Bautypen im Maiensässgebiet wurden von den Bauern erstellt und sind folglich der «anonymen Architektur» nach Rudofsky zuzuordnen (1989). Dabei handelt es sich nicht um ein Laienwerk, denn das bautechnische Wissen wurde über Jahrhunderte entwickelt und weitergegeben. Die drei Sichtweisen setzen sich zusammen aus den Nostalgikern, den Bastlern und den Architekten. 2.5.1 NOSTALGIKER Nostalgiker zeichnen sich durch ihre retrospektive Sichtweise aus – das Vergangene wird zum Idealbild. Die Nostalgiker verfügen über einen grossen Fundus an Erinnerungen, auf die sie zurückgreifen können. Einige erinnern sich an ihre Jugendzeiten auf dem Maiensäss, welches früher noch landwirtschaftlich genutzt wurde. Im Tourismus gibt es laut Beatrice Schumacher einen starken Hang zur Nostalgie. Die Projektionen beziehen sich nicht auf Zukunftsvisionen ode Utopien, sondern sind rückwärtsgewandt. Man kann sie nicht entlang der Realität rekonstruieren, sondern nur entlang einer Rückwärtsprojektion. Jede Suche nach einer heilen Welt endet quasi in der Vergangenheit, was sich auch im Ästhetischen ausdrückt.

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Abb. 86: Verkleidete Hütte auf Gliarauns. Die vertikale Holzverkleidung lässt darunter eine Leichtbaukonstruktion aus Holz vermuten und deutet auf einen mehrschichtigen Wandaufbau hin. Das Untergeschoss wurde belassen und die Holzkonstruktion wurde ersetzt und aufgestockt.

Bei Ersatzbauten von Maiensässen werden oftmals traditionelle Haustypen imitiert. Durch die Einfachheit, die zeitgenössische Architektur haben kann, wäre sie ästhetisch und funktional adäquater. Im Alpenraum hat man damit oft ein mentales Problem und bevorzugt die Nostalgie. Weiterhin wird oft eine Vergangenheit konstruiert, die es so nie gab. Das Zeitzurückdrehen wird dabei zur Idealvorstellung. Das ist laut Schumacher sehr typisch für die ganze touristische Entwicklung (persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016). Die Doppelung der Komfortstufe, aber auch die Gewährleistung kultureller Vertrautheit führt laut Schumacher dazu, dass sich Leute wohlfühlen können. Diese Lebenswelt wird künstlich geschaffen und lebt von der Widersprüchlichkeit, dass man etwas herstellt, das man möchte, und es dann als etwas Natürliches erfindet. Das Sprechen über Natur beinhaltet jedoch bereits einen kulturellen Vorgang – eine Findung. Das klammert dann immer vieles aus, es fokussiert das, was man gerade möchte. Das Andere wird zum Bedrohungsszenario, gerade wenn man das Romantische sehen möchte (B. Schumacher, persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016). Laut Stefan Forster werden die meisten Maiensässe heute nicht touristisch genutzt, sondern bleiben über Generationen im Familienbesitz (persönliches Gespräch, 8. Juli 2016). Dem Maiensäss werden oftmals Bedeutungen zugeschrieben. Es ist Bestandteil der Familiengeschichte und mehr als nur ein Zweitwohnsitz; es ist ein Ort der Erinnerungen. Dadurch verfügt das Maiensäss über einen hohen emotionalen Wert, bietet Beständigkeit und dient als Referenzpunkt für die Familie. In einem Zeitungsartikel beschreibt Flavian Cajacob das Phänomen der «Heim106


Abb. 87: Teilweise verkleideter Stall auf Castelas. Bei Ställen wurde früher oftmals die Wetterseite mit einer Bretterschalung verkleidet. Dies verlängert die Lebensdauer der massiven Holzkonstruktion.

weh-Maiensässnutzern» vom Puschlav (2013). Diese kehren meist an Wochenenden ins Puschlav zurück, da es sie ins Unterland verschlagen hat, ins Engadin, ins Tessin, nach Chur, Zürich oder auch Italien. Laut Cajacob eint die Puschlaver nicht nur die Sprache, sondern auch das Heimweh – «la nostalgia». Die Maiensässe, welche im Puschlav «Munt» heissen, bilden einen wichtigen Bestandteil der Identität und Tradition. Das Munt liegt über dem Talboden und bietet gerade genug Abstand zum Alltag und der Arbeit, ist jedoch noch gut mit dem Auto zu erreichen. Das örtliche Tourismusbüro hat 2'000 Munt im 4'500 Einwohner zählenden Val Poschiavo gezählt. Über zwei Drittel sind im Besitz von Einheimischen oder von abgewanderten und vom Heimweh geplagten Puschlavern, den sogenannten «Pusc’ciavin in Bulgia» (Cajacob, 2013). Auch Peter Zumthor beschreibt in einem Interview zwei Seelen in seiner Brust. Einerseits ist Zumthor, aufgrund raumplanerischer und ökologischer Probleme, gegen die Freigabe und Umnutzung von Ställen im Nichtbaugebiet, andererseits fragt er sich, weshalb Heimwehbündner einen ohnehin verlassenen Stall nicht umnutzen dürfen sollten (Guetg, 2018, S. 14). Dieter Müller weist ebenfalls auf dieses Phänomen auf der Maiensässstufe hin. Es gibt viele abgewanderte Familien, die ein Maiensäss haben und dadurch noch dazugehören (persönliches Gespräch, 17. Januar 2017). Die Sehnsucht nach einer verganenen Zeit wird durch die «Stiftung Ferien im Baudenkmal» touristisch bewirtschaftet. Die Stiftung wurde 2005 durch den Schweizer Heimatschutz gegründet. Ziel ist es, bedrohte Baudenkmäler zu übernehmen, zu renovieren und als Ferienwohnungen zu vermieten, zwecks 107


Abb. 88: Maiensäss «Rageth» in Cania bei Fanas. Die schwebende Hütte steht auf einem Betonfundament, da der Boden feucht und labil ist. Zudem ist die Hütte durch das Fundament sicher vor Nagetieren.

Sensibilisierung und Vermittlung von Baukultur. Bis zum heutigen Zeitpunkt umfasst das Angebot dreissig Bauten, wobei vier davon in Arbeit sind. Das Angebot umfasst jedoch keine Maiensässbauten (http://www.magnificasa.ch). 2.5.2 BASTLER Bastler zeichnen sich durch ihre «Do-it-yourself»-Mentalität aus. Peter Rieder weist darauf hin, dass der ökonomische Faktor bei Maiensässumbauten nicht unterschätzt werden darf, wenn man viele Dinge selber macht (persönliches Gespräch, 23. August 2016). Zudem ist das Basteln an Maiensässbauten laut Mathieu oft die Fortsetzung einer familiären Tradition (persönliches Gespräch, 1. Juli 2016). Auch der Bastler agiert retrospektiv, da er auf eine bereits konstituierte Gesamtheit von Werkzeugen und Materialien zurückgreift (Lévi-Strauss, 1962, S. 31). Ursprünglich wurde der Begriff bricoler im Billard und im Ballspiel sowie in der Jagd und im Reiten verwendet und bezeichnete eine nicht vorgezeichnete Bewegung. Heute ist der Bastler der Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind. Die Eigenart des mythischen Denkens besteht darin, sich mit Hilfe von Mitteln auszudrücken, deren Zusammensetzung merkwürdig ist und die, obwohl vielumfassend, begrenzt bleiben. Es erscheint somit als eine Art intellektueller Bastelei, was die Beziehung, die man zwischen mythischem Denken und Bastelei beobachten kann, verständlich macht (Lévi-Strauss, 1962, S. 29). Reparieren, einbauen, um108


Abb. 89: Baute im Wallis. Das Abheben vom Boden hat eine lange Tradition bei alpinen Bautypen. Die pilzartigen Stützen bieten Schutz vor Nagetieren. (Anderegg, 1980)

bauen sind Tätigkeiten des Bastlers. Die kreative Strategie ist die improvisierte Rekombination und Assoziation des bereits vorgefundenen Materials, das aufbewahrt wurde, mit ebenso vorgefundenen Werkzeugen. Zufällig geraten dem Bastler während des Probierens vorher unverbundene Elemente in die Hände und fügen sich zu einer neuen Bedeutung. Im Unterschied zu einem professionell hergestellten Produkt ist das neu entstandene Objekt aufgeladen mit der persönlichen Werkelei des Bastlers (Glaser, Püstow, & Schumacher, 2007). Die Poetisierung beschreibt ein Raumgefühl, das fasziniert, Glück und Sinn vermittelt und eine ästhetische Utopie verkörpert (Gantenbein, Rodewald, & Jaquemet, 2016, S. 6). Die Sehnsucht nach idyllischen und pastoralen Orten scheint durch schwere Schuldgefühle motiviert zu sein, nachdem der Kulturlandschaft und vielen ländlichen Orten der Stempel des Wirtschaftlichen, Rationalen und Funktionalen aufgedrückt wurde. Das Bedürfnis, alte Bilder und Vorstellungen zu bewahren, hindert uns jedoch, neue idyllische Orte zu schaffen (2016, S. 20f.). Raimund Rodewald beschreibt das Landschaftsbild Arkadien als typischen Sehnsuchtsort (2013). Die Orte zeichnen sich durch Mysteriosität umhüllende Ruinen und andere Vergangenheitsspuren aus. In Graubünden finden sich arkadisch anmutende Landschaften im extensiv genutzten Maiensässgebiet (2013, S. 211f.). Bereits die Bauern, welche die Maiensässe ursprünglich nutzten waren in einem gewissen Sinne Bastler. Sie bauten, reparierten und unterhielten viele Dinge selbst, mit dem Wissen und den Materialien, welche ihnen zur Verfügung standen. Das Bauen mit lokalen Ressourcen kann als nachhaltig bezeichnet werden, da der Materialtransport entfällt. Heute ist das Basteln oftmals weniger nachhaltig, da 109


Abb. 90: Baumhaus auf Raglauna. Bei diesem Baumhaus könnte es sich um einen Hochsitz handeln. Bei einigen Maiensässbauten zieren Geweihe die Fassaden.

die verwendeten Materialien, welche meist aus dem Baumarkt stammen, häufig lange Reisen hinter sich haben. Ein Aspekt, welcher die Verwendung von Baumarktmaterialien begünstigt, sind die gut ausgebauten Strassen zu vielen Maiensässen. Dies ermöglicht es, mit Fahrzeugen, Maschinen und dem Material direkt bis zu den Hütten zu fahren. Weiterhin besteht der Mythos der Baufreiheit ausserhalb der Bauzonen, wodurch Umbauten manchmal ohne kantonale Bewilligung vorgenommen werden. Anna Giacometti fällt auf, dass es Leute gibt, die jedes Jahr ein bisschen und meistens selbst umbauen. Auf der Talseite von Bondo musste die Gemeinde Bergell einmal einen Baustopp und einen daraus resultierenden Rückbau erwirken. Die Situation im Bergell bezeichnet Giacometti als harmlos im Vergleich zum Misox und dem Tessin (persönliches Gespräch, 31. Mai 2016). Während meiner Feldforschungen habe ich oftmals Männer gesehen, die ihre Hütten renovierten oder reparierten. Linda Knab äussert in ihrer Diplomarbeit die Feststellung, dass es sich beim Maiensäss um eine Männerdomäne handle (2006). In Bezug auf Umbauten und Unterhaltsarbeiten kann ich diese Beobachtung bestätigen. Meine Umfrage wurde jedoch zu zwei Dritteln von Männern, respektive zu einem Drittel von Frauen ausgefüllt. Ein weiterer Aspekt beim Basteln ist die meditative Wirkung, wenn man mit den Händen arbeitet. Dies zeigt sich laut Beatrice Schumacher auch in der «Urban-Gardening»-Bewegung (persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016). Der Schrebergarten kann laut Spechtenhauser als Vorgänger des Wochenendhauses bezeichnet werden (2013, S. 29). Im Unterschied zum Wochenendhaus darf in der Schrebergartenlau110


Abb. 91: Toilettenhäuschen oberhalb von Brienz. Das Toilettenhäuschen befindet sich neben einem freistehenden Ferienhaus und wurde nahe der Waldgrenze aufgestellt.

be nicht übernachtet werden und oft ist auch der feste Einbau einer Toilette verboten. Eine Schrebergartenparzelle wird in der Regel gepachtet und hat in jüngster Zeit vor allem im städtischen Gebiet an Bedeutung gewonnen. Die Verfügbarkeit einer Parzelle ausserhalb des eigenen Gartens hat jedoch eine lange Tradition. Diego Giovanoli erinnert sich, dass früher in Malans, jede Frau das Anrecht auf eine Gartenparzelle auf öffentlichem Grund hatte, wo Hanf und Kabis angepflanzt werden konnten (persönliches Gespräch, 21. Januar 2016). Die ersten Schrebergärten wurden im frühen 19. Jahrhundert in England an Bedürftige vermietet. Die Erwerbslosen und Armen hatten so die Möglichkeit, ihr eigenes Gemüse und Obst anzupflanzen und dadurch ihre Existenz zu sichern. Zu dieser Zeit nannte man die Gärten noch Armen- und Sozialgärten. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die bürgerliche Auffassung, dass die Arbeit im Garten eine heilende Wirkung und einen positiven Einfluss auf die Arbeiter hat (Motter & Rainer, 2006, S. 12). Laut Schumacher verwandelt sich die Schrebergartenwelt vom biederen Ort, wo man früher keinen Fuss hineingesetzt hätte, in einen hippen Ort. Das Maiensäss lässt sich Schumacher zufolge auch irgendwo in diesem Bereich verorten (persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016).

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Abb. 92: Maiensässstall in Magun. Der frühere Stall wurde vom Flimser Architekten Rudolf Olgiati 1982 in ein Ferienhaus umgebaut. Der ehemailge Stall verfügt über drei Betonkamine, gemauerte Innenwände und Fensteröffnungen, die von aussen unauffällig sind.

2.5.3 ARCHITEKTEN Bei Umnutzungen stellt sich Architekturschaffenden oft die Frage, ob die neue Nutzung eines Gebäudes ablesbar sein muss, oder anders formuliert, ob man die ursprüngliche Nutzung einer Baute weiterhin erkennen soll. Der Architekt Benedikt Loderer hält in seiner Landesverteidigung fest, dass es «keine Bergbauernhäuser mehr in den Bergen gibt, sondern nur noch Agglobauten, die sich als Bergbauernhäuser verkleiden» (2015, S. 32f.). In Bezug auf Umnutzungen ist zu beobachten, dass Imitationen des Vergangenen unter Architekten verpönt sind. Bereits 1987 wurde vom Bündner Heimatschutz und der Bündner Vereinigung für Raumplanung eine Tagung zum Thema Was tun mit leeren Ställen durchgeführt. Dabei ging es in erster Linie um die Ställe in den Dörfern. Der Architekt Hans Marugg hielt fest, dass die genaue Aufnahmen der konstruktiven Elemente eines Stallbaus sowie ein minutiöses Studium der örtlichen Bauvorschriften unerlässlich sei, um die Bauherrenwünsche und die «Aussenschale» auf einen Nenner zu bringen («Was tun mit leeren Ställen?», 1987). Laut den Vorarlberger Architekten Florian Aicher und Hermann Kaufmann sind Erfahrung und Übung beim Umbau von Bauernhäusern genauso gefragt wie Innovation und Risikobereitschaft (2015, S. 20). Das bäuerliche Wohnen ist, aufgrund der Dreistufenwirtschaft, immer in Bewegung. Laut Aicher und Kaufmann ist auch das Haus selbst im bäuerlichen Alltag einem ständigen Wandel unterworfen, da an-, um- und abgebaut wird (2015, S. 13). Das Bauen im Bregenzerwald

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Abb. 93: Magun oberhalb von Donat. Die Freileitungsmasten sind Bestandteile des Landschaftsbildes. Trotz der offensichtlichen Verfügbarket von Strom hat es an vielen Hütten Solarmodule.

charakterisieren Aicher und Kaufmann mit den Begriffen «pragmatisch, sparsam und sorgfältig». Eine Besonderheit dieser Gegend bildet die Handwerkskultur (2015, S. 13). Aicher hebt hervor, dass sich die Struktur des Bregenzerwälderhauses insbesondere eignet, um die Bauten für heutige Bedürfnisse zu nutzen und dabei eine ausserordentliche Qualität entfaltet wird (2015, S. 11). Einen weiteren Aspekt bildet laut Aicher und Kaufmann die «Offenheit des Unfertigen» (2015, S. 19). Dies lässt Raum für die Fantasie und Vorstellungskraft, zu was ein Bauernhaus werden kann. Die Autoren plädieren für die Idee des «aktiven Seinlassens», im Sinne von mit den Dingen statt gegen sie zu arbeiten und zu planen. Dies kann laut den beiden Autoren nur mit einer besonderen Zurückhaltung und einer Syntheseleistung erreicht werden (2015, S. 21). Sechzehn Ratschläge lassen die Haltung der Architekten für den Umgang mit dem Wälderhaus erkennen. Wichtige Punkte sind das Fortführen der sogenannten «Wälder-Wohnkultur» sowie der letzte Punkt der sechzehn Ratschläge: Man solle sich Rat und Hilfe holen bei den weithin berühmten Handwerkern, Ingenieuren und Architekten des Bregenzerwaldes (2015, S. 23). Dies lässt einen Stolz auf das eigene Handwerk und Können erkennen sowie eine gewisse Skepsis vor äusseren Einflüssen. Laut den Autoren ist die lokale Identität folglich an das regionale Wissen gebunden. Ein allgemeines Regelwerk verfasste Adolf Loos für Architekten, die in den Bergen bauen. Eine der Regeln besagt, dass Veränderungen der alten Bauweise nur dann erlaubt sind, wenn sie eine Verbesserung bedeuten. Loos plädiert für eine bodenständige und funktionale Architektur in den Bergen (1913). Der 113


Architekt Hans Marugg (1991) hält im Artikel Die Umwandlung alter Ställe in zeitgemässe Bauten fest, dass falschverstandener Heimatstil der alten Bausubstanz schadet und somit zu vermeiden ist. Laut Marugg ist es Unsinn, einen aufgetrölten Rundholzstall mit gehobeltem Blindstrick zu verschalen und anschliessend zu lasieren, um den Farbton des Rundholzes zu imitieren (1991, S. 38). In einem solchen Fall spricht sich Marugg für einen Abbruch mit einem nachfolgenden zeitgemässen Neubau aus, da dies sinnvoller und ehrlicher ist. Als vorbildliches Beispiel nennt Marugg einen von Rudolf Olgiati umgebauten Maiensässstall in Magun. Die Fassaden dokumentieren die ursprüngliche Nutzung als Stall und trotzdem ist die heutige Nutzung ablesbar. Jedes Fenster sitzt dort, wo es die Fassade zulässt und die Räume es wünschen. Der Stall wurde in seiner Rundholzschale belassen und im Innern mit Backstein aufgemauert und gedämmt. Die Innenwände sind verputzt und weiss gestrichen. Durch den monolithisch gestalteten weissen Innenraum entsteht eine wohnliche und wohltuende Atmosphäre (1991, S. 38f.). Ein interessantes Phänomen bei Olgiatis Arbeiten ist die Wiederverwendung von vorgefundenen oder magazinierten Materialien und Elementen. Das Konzept des Wiedereinsetzens von Elementen aus vergangenen Zeiten zieht sich durch Olgiatis Bauten. Laut Albert Kirchengast setzt das «Weiterführen im Gebrauch» Wissen über die Qualitäten, die Bedürfnisse und Moden der Zeit voraus. Kirchengast hält fest, dass der Wunsch, die Vergangenheit im Gebauten ausgedrückt wiederzufinden, kein neuer Wunsch ist (2010, S. 22). Die Transformation leerstehender Ställe ist immer wieder Gegenstand von Entwurfsarbeiten an Architekturschulen.10 Die ETH-Studierenden befassten sich im Frühjahrssemester 2018 bei der Professur Caminada mit leerstehenden Ställen in verschiedenen Dörfern des Val Lumnezias. Dabei zeichneten sich fünf Herangehensweisen ab: das Belassen, das Umbauen im Inneren, das Dazubauen, das Abbrechen und allenfalls Neubauen sowie die Kombination einzelner Herangehensweisen (Marti, 2018). Die Entwürfe zeigen Nutzungen, welche einen regionalen Mehrwert generieren, wie beispielsweise Wohnraum für Einheimische und Raum für lokales Gewerbe. Während des Erasmus Intensivprogrammes 2014 im Rahmen des Projekts Building Tectonic Structures I: Crafting Wood bauten Studierende der Universität Liechtenstein zusammen mit Studierenden von insgesamt sieben europäischen Partneruniversitäten11 und unter der Leitung von Urs Meister, Carmen Rist-Stadelmann und Machiel Spaan zwei Ferienhütten auf Tuass. Bei der Kleinsiedlung handelt es sich um einen ehemaligen Heuberg oberhalb von Triesen im Liechtenstein.

10  Darunter die Ingenieurschule Bern («Bellwald: Was tun mit Ställen, Scheunen, Speichern? Studenten liefern Denkanstösse», 1996), die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur, die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich sowie die Universität Liechtenstein. 11  Die Partneruniversitäten setzten sich zusammen aus der Academy of Architecture in Amsterdam, der Polytechnic University of Catalonia in Barcelona, der Gdansk University of Technology in Danzig, der KU Leuven in Brüssel und Ghent, der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim, der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen sowie der Mackintosh School of Architecture in Glasgow (Meister et al., 2014).

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3. HERAUSFORDERUNGEN

3.1 TRANSFORMATIONSPROZESSE Hermann Czech weist darauf hin, dass der Begriff «Umbau» eine Dialektik zweier Bestrebungen beinhaltet, die des Bewahrens und die des Veränderns (2017, S. 11). In den Naturund Geisteswissenschaften ist der permanente Umbau des jeweiligen Wissensstands längst selbstverständliche Voraussetzung und niemand würde auf die Idee kommen, eine Methode oder Theorie «ex novo» aufzustellen. Im Gegensatz dazu überdeckt das «Neue» vor allem in der Kunst- und Warenproduktion oft den Transformationsprozess, aus welchem es hervorgebracht wird (Czech et al., 2017, S. 6). Die bäuerlichen Bauten sind einem ständigen Transformationsprozess unterworfen, indem um-, an- und abgebaut wird (Aicher & Kaufmann, 2015, S. 13). Architektur als Bauen im Bestand wurde zuerst im landschaftlichen Massstab theoretisiert, wo sich im Wiederaufbau der europäischen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg die Forderung nach einer Tabula rasa als nicht umsetzbar und nicht erstrebenswert herausstellte. Die Beschleunigung und Offensichtlichkeit der Transformation von Landschaften hat eine Neudefinition des Verhältnisses von Bestand und Projekt hervorgebracht. Die soziokulturellen Veränderungsprozesse urbaner Gesellschaften begleitet durch die «neuen Technologien», die Frage der Funktion von Baubeständen als Speicher kollektiver Gedächtnisinhalte sowie das Bewusstsein im Umgang mit Ressourcen und die Berücksichtigung von Lebenszyklusplanungen sind weitere Faktoren, welche das Bauen im Bestand relevant und notwendig machen (Czech et al., 2017, S. 6). 3.1.1 NUTZUNGEN IM WANDEL DER ZEIT Wenn eine Baute einer neuen Nutzung zugeführt wird, spricht man von einer Umnutzung, wobei man berücksichtigen muss, dass sich auch gleichbleibende Nutzungen im Laufe der Zeit verändern. Die Ansprüche an eine Wohnnutzung haben sich beispielsweise in den letzten fünfzig Jahren ebenfalls verändert. Somit müsste man jeden «Umbau» und jede «Sanierung» folglich als «Umnutzung» bezeichnen, da die ursprüngliche Nutzung in eine zeitgemässe Auffassung derselben Nutzung überführt wird. Michael Guggenheim (2011) weist in einem Artikel im Journal for Architectural Knowledge auf das Fehlen einer «Umnutzungstheorie» im Bereich der Architektur hin. Er hält fest, dass die Zahl der Publikationen über Umnutzungen zwar stetig wächst, dass bisher aber keine Umnutzungstheorie verfasst wurde. Es fehlen verbindliche Kategorien und Definitionen (2011, S. 12). Laut Guggenheim sind sich die Autoren in einem Punkt einig: Gebäude umzunutzen gilt als kostengünstiger und ökologischer als neu zu bauen. Mit dem Umnutzen von Gebäuden befassten sich Autoren im Bereich der Architektur erst zu Beginn der 1970er Jahre, obschon das Phänomen des Umnutzens wahrscheinlich

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Abb. 94: Rudolf Olgiati vor seinem Stall. Dieser befand sich direkt neben seinem Wohnhaus in Flims und diente dem Architekten als Magazin. (© Hans-Peter Siffert)

bereits so lange existiert wie es Bauwerke gibt. Die Umnutzung von Gebäuden wird aber gemäss Guggenheim erst mit der Erfindung des «Nutzers» zum Thema (2011, S. 12). Bis in die 1960er Jahre wurden Nutzer als passive Wesen dargestellt. Erst später begann man die Nutzer als aktiv Handelnde zu begreifen. Guggenheim plädiert dafür, dass man die verschiedenen Beziehungsebenen zwischen Gebäuden und ihren Nutzern berücksichtigt (2011, S. 14). Gestützt auf Latour (1991) lassen sich diese Beziehungen auf drei Arten interpretieren: technologisch, semiotisch und soziologisch. Beim technologischen Zugang geht man davon aus, dass ein Gebäude das Verhalten des Nutzers bestimmt. Begreift man Gebäude als Zeichen, geht man davon aus, dass die Nutzer nicht von materiellen Aspekten geprägt werden, sondern von semiotischen Eigenschaften. Die soziologische Auffassung von Gebäuden als von menschlicher Interaktion geprägte Strukturen impliziert, dass Gebäude durch das Handeln ihrer Nutzer definiert werden (2011, S. 14). Guggenheim stellt fest, dass der Umnutzungsprozess stark verknüpft ist mit der Art und Weise, wie das Gebäude wahrgenommen und beschrieben wird. Bei einem Neubau werden vor allem materielle Eigenschaften bemerkt und später die semiotischen und soziologischen Aspekte. Bei einem Neubau werden die materiellen und semiotischen Eigenschaften als intakte und stabile Orientierungshilfen wahrgenommen. Durch eine Umnutzung treten die soziologischen Eigenschaften in den Vordergrund (2011, S. 16). Guggenheim hält weiterhin fest, dass eine Definition von Umnutzung fehlt, da es fast keine Begriffe gibt, welche umgenutzte Bauten beschreiben. Das bauspezifische Vokabular 116


Abb. 95: Olgiati in seinem Stall. Dies war sein Magazin für alte Bauteile, Möbelstücke und Gegenstände, die er sammelte und welche bei Neubauten Wiederverwendung fanden. (© Hans-Peter Siffert)

beschreibt Zustände, aber keine Prozesse (2011, S. 18). Wenn man von einem Maiensäss spricht, ist unklar, ob die ursprüngliche oder gegenwärtige Nutzung gemeint ist. Der einzige Ausweg ist die Beschreibung des Prozesses, indem man sagt: «Ein Maiensäss, das in ein Ferienhaus umgenutzt wurde.»1 Eine Chance bietet sich folglich aus einer prozessorientierten Betrachtungsweise von Gebäuden, welche die technischen, semiotischen und soziologischen Perspektiven zusammenführt. Eine solche Betrachtung würde den Ursprungszustand nicht höher bewerten als alle folgenden Zustände, sondern ein Gebäude im jeweiligen Zustand präsentieren, als Abfolge von vielen Momenten (2011, S. 32). Der Architekt Hannes Siefert (2017) weist auf die Relevanz des diskursiven Kontexts hin, da Restaurierungen, Rekonstruktionen und Revitalisierungen sonst oftmals nur in romantischen Fantasien enden. Siefert beschreibt die Idee vom unausweichlichen Verfall mit dem Begriff «Entropie». Der Begriff stammt ursprünglich aus den Naturwissenschaften und steht für den Zustand der grösstmöglichen Unordnung und des gleichförmigen Chaos (2017, S. 31). Der amerikanische Künstler Robert Smithson führte den etwas weniger pessimistischen Begriff «Provisorium» ein. Bei einem Provisorium ist die zeitliche Dimension ablesbar. Am Beispiel der umgenutzten Maiensässe sollte folglich nicht vom Ist-Zustand als fertiges Endprodukt ausgegangen, sondern die zeitliche Dimension immer mitgedacht werden. Einen wichtigen Aspekt bildet die schnel1  Es gibt laut Guggenheim nur eine einzige Ausnahme – das Wort «Loft». Dies ist der einzige Begriff, welcher den Veränderungsprozess der Umnutzung bereits beinhaltet (2011, S. 18).

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Abb. 96: Blick auf das Bergell. Die Aussicht bildet einen charakteristischen Bestandteil der Maiensässsiedlungen. Durch die Lage über dem Talboden blickt man auf diesen hinunter, was ein Gefühl von Distanz zum Alltag schafft.

le Weiterentwicklung von Baumaterialien. Was gestern noch das Beste war, gilt morgen schon als technologisch überholt. Dadurch wird zwangsläufig auf Langzeiterfahrungen verzichtet (Kirchengast, 2010, S. 10). 3.1.2 DIE NUTZERSCHAFT Ursprünglich wurden die Maiensässbauten von den Bergbauern erstellt und als saisonale Wohn- und Arbeitsorte genutzt. Die Nutzerschaft erweiterte sich im 18. Jahrhundert, indem aristokratische Gesellschaften das Maiensäss als temporäre Gegenwelt aufsuchten, um dem städtischen Alltag zu entfliehen. Im Unterschied zu heute waren die Maiensässe damals noch Bestandteile der traditionellen Berglandwirtschaft. Die konstruierte Lebenswelt zeichnete sich durch die Zuschreibung romantischer Vorstellungen und die Idealisierung der pastoralen Lebensweise aus. Wie die detailreiche Beschreibung in Richard Weiss' Habilitationsschrift Das Alpwesen Graubündens zeigt, war das Leben der Bergbauern auf der Zwischenstufe einseitig und einsam ([1941] 1992). Das Maiensäss wird in der Gegenwart oft als Erholungsort in Bezug auf den zunehmenden Stress im Alltag bezeichnet (Umfrage, 2017). Aus der Sicht der Nutzerschaft sollte sich die Lebenswelt auf dem Maiensäss vom Alltag unterscheiden. Gemäss der Umfrage, welche ich entlang der Veia Parc Ela verteilt habe, möchten lediglich fünf Pozent der Nutzerschaft gleich viel Komfort wie Zuhause. Fast ein Drittel lebt auf dem

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Abb. 97: Blick auf das Rheintal. Der Perspektivenwechsel vom Maiensäss auf den Talboden erzeugt bei vielen Maiensässnutzern ein Gefühl von Freiheit.

Maiensäss etwas bescheidener als zuhause. Vierzig Prozent brauchen ein bisschen Komfort, ein Viertel so wenig wie möglich und weitere sieben Prozent kommen mit fast gar nichts auf dem Maiensäss aus (Umfrage, 2017). Die Bauten werden stetig nach den Vorstellungen der Nutzer transformiert und langsam an den heutigen Alltagskomfort angeglichen, wie das folgende Zitat aufzeigt: «Im Moment sind wir im Begriff einen Stall auszubauen, so haben wir die Möglichkeit, unsere Wünsche zu verwirklichen. Ich bin aufgewachsen mit einer Hütte ohne Wasser, Strom und WC. Im Laufe der Jahre haben meine Eltern Wasser installiert, ein WC eingebaut und Solarzellen für Strom (reicht nur fürs Licht). Diese drei Dinge möchte ich auf keinen Fall mehr missen, obwohl im Winter müssen wir doch noch Wasser vom Brunnen holen. Nun mit unserem neuen Ausbau haben wir zusätzlich einen Durchlauferhitzer, sowie eine Dusche geplant. Beides ist für mich nicht wichtig, ich wollte auch keine Dusche, aber meine Familie hat mich überstimmt. Auch haben wir ein paar Lampen und Steckdosen mehr als im alten Maiensässteil (dank LED).» (Maiensässnutzer, 2017)

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Abb. 98: Verkleideter Rundholzstall im Maiensässgebiet auf dem Weg nach Partnun. Das Gebäude scheint nicht bewohnt, da es über keine Fenster und keinen Kamin verfügt.

Die gegenwärtigen Gesellschaften auf den Maiensässen zeichnen sich durch das temporäre Aussteigen aus der Alltagswelt aus. Bei der Nutzerschaft handelt es sich folglich um eine Gemeinschaft temporärer Aussteiger. Erholungsorte bilden einen festen Bestandteil unserer Lebenswelt. Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg unterscheidet das Zuhause, den Arbeitsort und die Erholungsorte, welche er als dritte Orte bezeichnet (1989). Diese Orte befinden sich zwar im halböffentlichen Raum, schaffen jedoch ein Gefühl der Sicherheit. Der Architekt und Umweltgestalter Eduard Neuenschwander beschreibt die Begriffe «Territorium» und «Nische» als hierarchisch geordnete Sektoren (2011). Neuenschwander unterscheidet dabei nicht zwischen Mensch, Tier und Pflanze. Für den Umweltgestalter ist das einfach Leben: «Ob ich eine Pflanze berühre, ob ich einen Menschen berücksichtige, ihn würdige, ihn angreife, das ist für mich alles ein Akt. Jedes Lebewesen ist um seine individuelle Existenzsicherheit in seiner Nische und seinem Territorium selbst bedacht» (Neuenschwander et al., 2009). Er beschreibt die verschiedenen kreisartigen Sektoren am Beispiel einer Stadtwohnung: Der äusserste Territorialbereich beinhaltet die gesamte Stadt. Der architektonische Ausdruck der öffentlichen Strukturen ist durch Flexibilität und Wandel geprägt. Den wichtigsten Bereich bilden die Erdgeschosse mit ihren flexiblen Nutzungen. Dort treffen die Immissionen öffentlicher Aktivitäten der Besucher auf das Ruhebedürfnis der Anwohner. Der zweite Territorialgürtel beinhaltet Schulen, Apotheken und öffentliche Verkehrsmittel. Er ist anonym und doch von persönlicher Beziehung, da Bezüge zum Quartier hergestellt werden. 120


Abb. 99: Eckpfeilerstall bei Leis oberhalb von Vals. Dieser Eckpfeilerstall ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht umgenutzt. Ein paar hundert Meter weiter vorne befindet sich die Ferienhaussiedlung Leis, wo es einige umgenutzte Eckpfeilerställe gibt.

Der erste Territorialgürtel wird als der Bereich der Versorgung im weitesten Sinne beschrieben. Im Wohnungszugang, dem Treppenhaus, der Waschküche oder dem Bastelraum entstehen durch die menschlichen Beziehungen der Bewohner innere Gesellschaften, welche Schutz vor der anonymen Welt bieten. Der Begriff «Nische» steht sinnbildlich für die Rückzugsorte der Menschen. Orte der Ruhe, des Schlafens und des Schutzes – die Wohnung selbst. Dieser Sektor zeichnet sich laut Neuenschwander dadurch aus, dass er sorgfältig ausgestattet und verziert wird (2011, S. 40). Das Maiensäss lässt sich als Aussenstation des Wohnraumes charakterisieren. Im Unterschied zum Siedlungsraum, welcher meist durch eine Mischung von Nutzungen geprägt ist, gibt es auf den Maiensässen mit einigen Ausnahmen nur eine Nutzung, die des temporären Wohnens.

3.2 GEGENWÄRTIGE AUFFASSUNG VON ERHALT Die traditionellen Bau- und Nutzungsformen der Maiensässkultur lassen sich laut Bösch nicht halten (1992, S. 322). Er begründet dies mit der Nutzungsaufgabe und dem daraus resultierenden Zerfall oder Umbau. Wie Bösch bereits vor dreissig Jahren feststellt, führen beide Haltungen zum Verlust der Maiensässkultur. Dies scheint besonders aus kulturhistorischer Sicht schmerzlich. Es stellt sich folglich die Frage, wie man die gegenwärtigen Qualitäten,

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Abb. 100: Steinbaute auf dem Weg nach La Motta. Durch die Anzahl und die Platzierung der Öffnungen sowie die Symmetrien erkennt man in den Stirnfassaden der traditionellen bäuerlichen Bauten oftmals Gesichter.

welche den Maiensässen zugeschrieben werden, erhalten und stärken kann. Die traditionellen Ställe beinhalten keine Wohnnutzung und können aufgrund dieses Sachverhaltes nicht zu Ferien- und Freizeitzwecken umgenutzt werden, ausser ein Stall befindet sich in einer Erhaltungszone oder steht unter Schutz. Wie ein Präzedenzfall in Arosa zeigt, soll die Umnutzung von Ställen nur noch die Ausnahme bilden. Das Bundesgericht sprach sich gegen einen Stallumbau bei Arosa aus, mit der Begründung, dass die zonenrechtliche Grundlage verletzt werde und ein Verstoss gegen das Zweitwohnungsgesetz vorliegt. Das Bundesgericht hat die Erhaltungszonen für bundesrechtwidrig erklärt und beruft sich dabei auf die Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet. Da Arosa einen Zweitwohnungsanteil von über zwanzig Prozent hat, dürfen keine neuen Zweitwohnungen bewilligt werden. Im Gesetz gibt es Ausnahmen für Rustici und Maiensässe, diese müssen jedoch unter Schutz stehen. In einem Zeitungsartikel heisst es: «Das Bundesgericht hat am Stall in Arosa ein Exempel statuiert» (Maurer, 2019). 3.2.1 VERLUST DER MAIENSÄSSKULTUR Aufgrund der Ökonomisierung der Landwirtschaft können Maiensässe in ihrer ursprünglichen Form nicht erhalten werden (Bösch, 1992). Heute werden meist historische Hüllen erhalten, welche mit Zweitwohnungen befüllt werden. Wenn man das Maiensäss in seiner

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Abb. 101: Medergen bei Langwies. Vier Männer führen Arbeiten auf dem Blechdach aus. Das Landschaftsbild ist geprägt durch umliegende zerstreute Bargen.

ursprünglichen Form erhalten möchte, als Zeitzeuge und Kulturgut, müsste man es vor den Menschen schützen, die es verändern möchten. Dieter Schnell wirft in einem Artikel die Frage auf: «Was ist eine historische Mühle, in der nichts mehr gemahlen wird, ein altes Postamt ohne Schalter, eine Alphütte ohne Kühe und ohne Käseproduktion?» (2016, S. 6). Schnell beobachtet, dass die Nutzung und Umnutzung aus denkmalpflegerischer Sicht ein notwendiges Übel darstellt, ohne welches das Überleben eines Denkmals ökonomisch nicht zu bewerkstelligen ist (2016, S. 7). Wie bisherige Forschungen gezeigt haben, besteht in breiten Kreisen der lokalen Bevölkerung der Wunsch, dass die Umgebung gepflegt und die traditionelle Bausubstanz der Maiensässe erhalten wird (Knab, 2006; Kianicka et al., 2010). Zu diesem Ergebnis führt auch die Umfrage, welche ich auf den Maiensässen entlang der Veia Parc Ela durchgeführt habe (Umfrage, 2017). Erhalten bedeutet Bewahren und bewahrt wird, was wertvoll ist. Der Wert hat aus ökonomischer Sicht mehrere Dimensionen. Der Philosoph Gernot Böhme unterscheidet den Gebrauchswert, den Tauschwert und den ästhetischen Wert (2014, S. 63f.). Der Gebrauchswert wird durch die Qualitäten der Ware gebildet. Der Tauschwert bezieht sich auf die Marktgängigkeit, dazu gehören die Aufmachung und Verpackung der Ware. Der ästhetische Wert ist der Tauschwert, der zum Gebrauchswert geworden ist. Es gibt mehr und mehr Waren, die allein der Inszenierung dienen. Die Verselbständigung der ästhetischen Werte lässt sich laut Böhme durch die Bedürfnisstruktur erklären. Er unterscheidet zwischen Bedürfnis und Begehren. Bedürfnisse können befriedigt werden, es gibt eine Sättigung. Bei123


Abb. 102: Umgenutzte Hütte im Safiental. Die Hütte wurde mit einfachen Mitteln umgenutzt. Das Dach ist mit Wellblech eingedeckt, zwei Sitzbänke wurde an der Sonnnenseite befestigt, ein schnorchelartiges Kaminrohr und ein Solarmodul wurden an der Rückseite montiert.

spiele sind Hunger und Durst, aber auch das Bedürfnis, sich zu kleiden. Bei Begehren stellt sich keine Befriedigung ein, sondern das Begehren steigert sich immer weiter. Von dieser Art ist das Begehren nach Reichtum oder Anerkennung. Die ästhetischen Werte lassen sich ebenfalls zu den Begehren zählen. Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform, die sich nur durch Wachstum stabilisieren kann. Die Basis ist nicht das Bedürfnis, sondern das Begehren. In der ästhetischen Ökonomie geht es um die Inszenierung der Waren und um die Selbstinszenierung (2014, S. 62f.). Beim Maiensäss wird das einfache Leben in einer idyllischen Berglandschaft inszeniert. Der ästhetische Wert steht im Vordergrund, da Maiensässe kein Bedürfnis befriedigen, sondern ein Begehren. Der Gebrauchswert existiert seit dem landwirtschaftlichen Strukturwandel nicht mehr. Folglich gilt der Schutz dem ästhetischen Wert der Maiensässe, womit die Architektur in den Fokus rückt. Die Gestaltung der Maiensässsiedlungen stellt eine Herausforderung dar, da das Eigentum stärker gewichtet wird als das Gesamtbild. 3.2.2 REKONSTRUKTIONEN DES VERGANGENEN Der Wunsch, Baukultur zu erhalten, ist oft mit restriktiven Vorschriften und dem Einhalten von Normen verbunden. Die Regelwerke beziehen sich normalerweise auf den Siedlungsraum, wie die Brandschutzabstände, die Materialwahl oder den Umgang mit Wasser, Abwasser und Strom. Lucius Burckhardt bezeichnet das Bauwesen als einen Komplex, welcher

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Abb. 103: Rundholzstall im Safiental. Die Landschaft im Safiental ist durch Streubauten geprägt. Die Dacheindeckung der Bauten besteht entweder aus Wellblechen, Blechbahnen mit Stehfalz, Holzschindeln oder Eternitschindeln. Was ich nicht gesehen habe sind Dächer, die mit Tonziegeln eingedeckt wurden.

ein Untersystem des grossen Systems von Gesellschaft und Wirtschaft ist. Durch eine Gesetz- und Normgebung entsteht eine intensive Kooperation zwischen der Bürokratie und den Berufsverbänden (2013, S. 13f.). Laut Burckhardt gefährdet gerade die Tatsache, dass jeder erreichte Fortschritt zur Norm wird, jeden neuen Fortschritt. Dies verunmöglicht das Experimentieren mit Alternativen. Als weiteren Aspekt der staatlichen Normung beschreibt Burckhardt die Erzeugung vorzeitiger Alterung der Bauten. Sämtliche Bauten, die den gesetzlichen Normen bezüglich Installationen, angeblichem Komfort und Feuersicherheit nicht mehr genügen, sind veraltet. Normen werden fortlaufend verschärft, wodurch der gerade vor der Erneuerung der Normen erstellte Baubestand schon veraltet ist. Das Baugewerbe kann in der gegenwärtigen Form nur weiterwirtschaften, wenn der Baubestand, der älter als dreissig Jahre ist, abgebrochen wird (2013, S. 68f.). Innerhalb von Erhaltungszonen können Ersatzbauten erstellt werden, welche der ursprünglichen Baute im Wesentlichen entsprechen müssen (kRP GR, 2003). Dies muss jedoch unter Berücksichtigung der jeweiligen Vorschriften und Normen geschehen. Die Wiederherstellung eines Gebäudes kann als «Rekonstruktion» angesehen werden. Im Rekonstruieren finden sehr oft Findungs- und Erfindungsprozesse sowie Interpretationen des Vergangenen statt. Es entstehen Ersatzbauten, welche traditionell aussehen, aus bautechnischer Sicht jedoch oftmals einen Rückschritt darstellen. Bei den meisten Ersatzbauten gibt es zwei Tendenzen: Entweder wird die traditionelle Baustruktur imitiert oder es werden Ferienhäuser in einer zeitgenössischen Architektursprache erstellt. 125


Abb. 104: Verzierung an einer Fassade. Nebst Solarmodulen hängen Geweihe an den Fassaden. Dieses Exemplar befindet sich in Raglauna.

Diese zwei Tendenzen zeigen sich am Beispiel der Wiesner Alp.2 Das Projekt, welches von Daniel Ladner entworfen wurde, stiess auf grosse Ablehnung seitens der Eigentümerschaft. Es bauten alle ihre Hütte nach ihren eigenen Vorstellungen wieder auf (R. Bernhard, persönliches Gespräch, 29. September 2016). Die Ersatzbauten entsprechen den damaligen Brandschutznormen in Bezug auf die Gebäudeabstände und die Materialisierung. So war es damals nicht erlaubt das Dach, wie es bei den ursprünglichen Bauten der Fall war, mit Holzschindeln einzudecken. Die Raumhöhe im Erdgeschoss wurde vom ursprünglichen Mass von 1,5 Metern auf die heutigen Bedürfnisse angepasst und um etwa einen Meter erhöht, da heute kein Vieh, sondern Menschen die Stallräumlichkeiten nutzen. Im Obergeschoss wurde bei einigen Ersatzbauten wie früher Rundholz verwendet, obwohl heute kein Heu mehr in den Obergeschossen gelagert wird. Das Beispiel der Wiesner Alp zeigt, dass die Vergangenheit rekonstruiert wurde, indem Interpretationen vorgenommen wurden. Norman Backhaus weist darauf hin, dass wenn die Gebäude aussehen wie früher, dies die Gefahr birgt, dass eine gewisse Zeit zementiert wird. Diese vergangene Zeit wird dann als «richtig» und «schön» empfunden und die zeitgemässe Architektur wird dadurch als falsch wahrgenommen. Rein vom Gedanken her sei dies ein schwieriger Zugang, denn die alte Bausubstanz war auch einmal zeitgemäss (persönliches Gespräch, 10. Oktober 2016). Beatrice Schumacher verweist auf den Walliser Ethnologen Thomas Antonietti. An einem Vortrag habe dieser gesagt, «es 2  Im Jahr 2007 sind vierzehn der fast vierzig Hütten abgebrannt.

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Abb. 105: Weitere Verzierungen. Nebst Bauinschriften und Haussprüchen zieren Glücksbringer, wie nach oben zeigende Hufeisen, die Fassaden im Maiensässgebiet.

gäbe überhaupt keinen Grund, so viele Dinge zu erhalten, aber man müsse sie gut dokumentieren». Als Beispiel nannte Antonietti eine Stube, die von ihren Bewohnern geprägt und noch originalgetreu eingerichtet war. Man kann so eine Stube abbauen und in einem Museum wiederaufbauen. Oder, wie Antonietti sagte: «Ich gehe dorthin und dokumentiere sehr sorgfältig: beschreibe, fotografiere, inventarisiere, nehme Geschichten auf und dann ist gut. Dann kann die Stube aufgegeben oder umgenutzt werden.» Dies ist Teil der weiteren Ökonomie. Laut Schumacher stellt sich dieselbe Frage auch bei den Maiensässen (persönliches Gespräch, 17. Oktober 2016). Diego Giovanoli hat im Rahmen seiner Inventare ein umfassendes Gesamtwerk der Maiensässkultur bis 1960 erstellt (2003). Mit dem raumplanerischen Grundsatz «Wohnen bleibt Wohnen» und der Ausweisung von Erhaltungszonen wurde der weiteren Ökonomie Einzug gewährt. Die gegenwärtige Auffassung von Erhalt stellt eine Herausforderung dar, weil an einer bildhaften Vorstellung der Vergangenheit festgehalten wird.

Lucius Burckhardt bezeichnet «Landschaft» als einen Trick unserer Wahrnehmung, um heterogene Dinge zu einem Bild zusammenzufassen und andere wegzulassen (2011, S. 82). Die Möglichkeit, ein Gebiet als Landschaft zu betrachten oder zu beschreiben, entsteht in der städtischen Kultur. Wer arbeitet, der sieht nicht Landschaft, sondern Äcker, Brachen, Wald, Jagdrevier, Fruchtbarkeit oder Magerkeit (2011, S. 114). Auf die Frage, ob man eine Landschaft schützen kann, antwortet Burckhardt mit «vermutlich nicht» (2011, S. 122).

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Abb. 106: Teehaus des japanischen Architekten Terunobu Fujimori. Das zu hohe Teehaus wird über zwei Leitern durch eine Öffnung im Boden erschlossen. Die japanischen Teezeremonien sind durch eine exakte Abfolge von Ritualen geprägt. (Fuji, 2006)

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Der Soziologe begründet seine Antwort mit der Tatsache, dass die Landschaft gar nicht existiert. Man müsse folglich die Menschen schützen, welche an einem bestimmten Ort eine Landschaft erkennen. Das Bild der Landschaft ändert sich im Kopf der Menschen und in der Realität durch wirtschaftliche Einflüsse und Entwicklungen. Man kann die wichtigen Bestandteile eines Codes einer Landschaft schützen, wie Wasserfälle, Flussufer, Gehölze und Ausblicke. Burckhardt betont jedoch, dass es nötig ist, darauf zu vertrauen, dass neue Generationen in neuen Konstellationen natürlicher Reste und wirtschaftlicher Eingriffe neue Landschaftsbilder entdecken (2011, S. 123). Um Neues zu entdecken, muss man Altes und Bekanntes loslassen können. Das Bild von zerfallenen Ställen wird als besonders schmerzlich empfunden. Denn der Prozess des Zerfalls wird meist mit Verlust in Verbindung gebracht.

3.3 KOLLEKTIVE UTOPIE Mit dem Verbürgerlichungsprozess wurde die verklärte Vorstellung des Maiensässes als Gegenwelt zum städtischen Alltag gefestigt. Die gegenwärtige Angleichung an den Alltagskomfort führt oft zum Verlust der Einfachheit, da die Umnutzungen in direktem Zusammenhang mit dem Ausbau der Infrastruktur stehen. Die Erschliessung ermöglicht die Steigerung des Komforts durch den Einbau von Küchen, Nasszellen, Strom und Frischwasser. Oftmals verfügen umgenutzte Maiensässe über einen ähnlich hohen Ausbaustandard wie kleine Einfamilienhäuser. Das Abstellen des Fahrzeugs unmittelbar neben dem Gebäude, die Möglichkeit, zu kochen und zu duschen und die Verfügbarkeit von Strom und Internet werden als Notwendigkeit gesehen. Da wir uns vermehrt in Innenräumen aufhalten, gewinnt dieser an Relevanz (Farr, 2008).3 Das Verständnis von einem guten Innenraumklima wird meistens mit physikalischen Richtwerten assoziiert. Dabei geraten atmosphärische Werte wie Raumwirkungen und -stimmungen in Vergessenheit. Durch die Automatisierung verschwindet die Interaktion mit der gebauten Umwelt. Das letzte vom Menschen zu bedienende Überbleibsel bildet meist die Feuerstelle. Früher diente sie zur Erzeugung von Wärme, heute zur Produktion von Romantik. Die Annäherung an den Alltagskomfort und die Trivialisierung führen dazu, dass

die Sehnsucht nach dem Maiensäss als Gegenwelt zur kollektiven Utopie wird.4 Eine Utopie ist ein Gedankenexperiment und eng mit ihren Herstellungsgesellschaften verknüpft. Neben der kritischen Funktion bildet die Utopie ein konstruktives Gegenbild zur historischen Wirklichkeit. Thomas Schölderle hält in seinem historischen Überblick über Utopien fest, dass es erstaunliche Übereinstimmungen zwischen Morus' Utopia und späteren Utopien gibt (2012, S. 7). Es lassen sich folgende Aspekte und Motive wiederfinden: die Fiktion der Reiseerzählung, die Verwendung der Inselmetapher, der Rekurs auf die Vernunft, die 3  Der durchschnittliche Anteil, den ein Mensch in den Vereinigten Staaten in Innenräumen verbringt, beträgt 87 Prozent; weitere vier Prozent verbringt er in geschlossenen Verkehrsmitteln (Farr, 2008, S. 19). 4  Das Wort «Utopia» ist auf das Jahr 1516 und auf den englischen Lordkanzler Thomas Morus zurückzuführen. Morus gilt als einer der grössten Humanisten seiner Zeit (Schölderle, 2012).

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Abb. 107: Kochecke im zu hohen Teehaus. Die sehr reduzierte, offene Feuerstelle erinnert an traditionelle japanische Bauernhäuser, wo der Bereich um die Feuerstelle angenehm warm ist. (ArchiMedia, 2010)

Identifizierung von Geld und Privateigentum als Wurzel allen Übels, das Motiv der sozial gezüchteten Verbrecher, die Geringschätzung für Gold und Silber, die geometrischen Ordnungsmuster, die Mobilisierung aller Arbeitskraftressourcen, die Kürze des Arbeitstages oder der Verzicht auf die Produktion unnützer Güter. Laut dem Zukunftsforscher Rolf Homann gleicht ein Zukunftsbild einer Theaterkulisse: Es ist das Ausmalen einer zukünftigen Kulisse, welche die Zukunft gegenständlich oder abstrakt darstellt (1998, S. 38). Ein utopisches Zukunftsbild zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Frage nach dem Konsens auf radikale Art und Weise stellen lässt. Als Gesellschaftsbilder zeigen Utopien ausgewählte Bereiche, die in neuen Zusammenhängen geschildert werden. Der kritische Kommentar zur Gegenwart und die Verdeutlichung zeitloser Prinzipien sind die wichtigsten Zwecke einer Utopie (Salewski, 2014).

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Abb. 108: Der Architekt in seinem zu hohen Teehaus. Die traditionelle japanische Teezubereitung ist äusserst komplex und setzt sich aus verschiedenen Schritten zusammen. (ArchiMedia, 2010)

3.3.1 GEGENRÄUME IN DER ARCHITEKTUR Es gibt Orte, die ganz anders sind als andere Orte. Der Philosoph Michel Foucault bezeichnet sie als Gegenräume – lokalisierte Utopien. Er spricht von der Wissenschaft der Heterotopien.5 Eine Heterotopie wird als mythische und reale Negation des Raumes, in dem wir leben, beschrieben. Als Beispiel dafür nennt Foucault den Garten und den Dachboden oder eher noch das Indianerzelt auf dem Dachboden und den Wald, weil man sich darin verstecken kann. Diese Orte sind stark mit Kindheitserinnerungen verknüpft. Als Kind betrachtet man die Dinge anders. Die Wahrnehmung ist durch die Unvoreingenommenheit und die fantasievolle Vorstellungskraft geprägt. Diese Betrachtungsweise der Umwelt verändert sich mit zunehmendem Alter ([1966] 2013, S. 10f.). Als Heterotopien eignen sich beispielsweise Baumhäuser, da sie sich durch die Höhe und das Verstecktsein zwischen den Ästen und Blättern charakterisieren. Dieser Bautypus wurde bereits vor tausenden von Jahren in der Tierwelt und von Naturvölkern entwickelt, da die Höhe Schutz vor gefährlichen Tieren und Feinden bietet. Laut Andreas Wenning entdeckte der Mensch den Baum auch für Vergnügungs- und 5  Der Begriff «Heterotopie» stammt ursprünglich aus der Medizin und beschreibt das Vorkommen von Gewebe an einer Stelle, an der es normalerweise nicht zu finden ist. Wenn man den Begriff «Heterotopie» auseinandernimmt, bedeutet hetero (griech.) «anders» oder «fremd». Die Topologie beschreibt die Lage und Anordnung geometrischer Gebilde im Raum. Eine Heterotopie ist ein Ort als tatsächlich realisierte Utopie, in der alle anderen Räume innerhalb einer Kultur zugleich repräsentiert, bestritten oder umgekehrt werden (Foucault, [1966] 2013).

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Abb. 109: Marie-Antoinette im bäuerlichen Gewand. Die 1793 hingerichtete Kaiserin beauftragte einen Architekten damit, ein Bauerndorf neben dem Schloss Versailles zu entwerfen. Die Kaiserin und ihre Entourage trugen Bauernkostßme und nutzten das Dorf als Gegenwelt. (Ruotte, 1971)

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Freizeitzwecke. Das Baumhaus wurde zum Synonym für Abenteuer, Romantik und Freiheit (2012, S. 11). Da Baumhäuser mit der «Urhütte» assoziiert werden, fällt die Gestaltung oft märchenhaft und traditionell aus. Der japanische Architekt Terunobu Fujimori gibt dem Baumhaus eine neue Funktion als Teehaus6 und damit eine neue Ästhetik. Dabei setzt er sich kritisch mit der Teekultur auseinander. Fujimori kritisiert die allzu formalistische und kostspielige Teezeremonie. Die stundenlange Abfolge von exakt vorgeschriebenen Handlungen widerspricht Rössler zufolge wahrscheinlich Fujimoris Wesen (2014, S. 29). Das Teehaus «Takasugi-an» (zu hohes Teehaus) wird über zwei Treppen erschlossen. Der Zutritt ist bei Teehäusern seit jeher erschwert und verborgen, dies verstärkt das Gefühl von Distanz und Abgeschiedenheit. Der Innenraum wird über eine enge Schlupftür betreten und ist schlicht. In einer Ecke befindet sich die offene Feuerstelle, welche mit Sand gefüllt ist. Darüber hat es ein Loch in der Decke, welches als Rauchabzug dient. In dem winzigen kuppelartigen Innenraum gibt es nichts, was die Aufmerksamkeit ablenken könnte. Der offene Feuerplatz ist ein Merkmal der japanischen Bauernhäuser, dort kocht der Tee und sitzen die Bewohner im sonst unbeheizten Haus. Auch ausserhalb Japans wurde das Baumhaus als Teehaus genutzt. Ein Beispiel dafür ist der englische Garten. Die aufgeklärte liberale Gesellschaft Englands sehnte sich im 18. Jahrhundert nach dem verlorenen Paradies (Wenning, 2012, S. 14). Die Gartengestaltung wurde mehr der Natur nachempfunden, was sich in immer wiederkehrenden Stilmitteln äusserte. Wichtige Elemente waren Wasserläufe und Seen, eine natürliche Wegführung, Hügel und eine alles umrandende niedrige Mauer. In den Gärten wurden später auch Pavillons und Baumhäuser gebaut, welche als Treffpunkte dienten und wo schliesslich der Tee eingenommen wurde (2012, S. 14). Auch Foucaults Gegenräume müssen bewusst betreten werden. Dieser Schritt ist mit einer Schwelle oder einem Eingangsritual verbunden, wie bei japanischen Teehäusern. Dieses Ritual verstärkt das Empfinden, in einen anderen Raum einzutauchen. Der Gegenraum gewinnt an Exklusivität. Er ist nicht für alle zugänglich, sondern mit einem Ritual verbunden, oder man bezahlt Eintritt, wie beispielsweise für ein Theaterstück. Eine Heterotopie verbindet mehrere Räume an ein und demselben Ort. Als Beispiel hierfür nennt Foucault den traditionellen Garten der Perser. Dieser war ein Rechteck, welches in vier Teile gegliedert war – die vier Elemente, aus denen die Welt bestand. In der Mitte der heilige Raum, ein Springbrunnen oder ein Tempel. Um das Zentrum war die Pflanzenwelt angeordnet, die gesamte Vegetation der Welt, beispielhaft und vollkommen. Der Orientteppich war ursprünglich eine Abbildung dieser Gärten, auf der die ganze Welt zu symbolischer Vollkommenheit gelangt, und zugleich ein Garten, der sich in Form des fliegenden Teppichs durch den Raum bewegen kann. Ein Widerspruch in sich, wodurch dieser Garten einen utopischen Charakter erhält. Heterotopien folgen laut Foucault fünf Grundsätzen: Sie existieren in allen Kulturen (1), sie unterliegen Umdeutungen innerhalb einer Gesellschaft (2), an einem Ort sind mehrere in sich unvereinbare Platzierungen möglich (3), sie sind häufig an Zeitsprünge gebunden (4) und bestehen in einem System der Öffnung und Schliessung (5), was die Zugehörigkeit und Zugänglichkeit betrifft ([1966] 2013). Um der All6  Das Teehaus kann als Quintessenz der japanischen Kultur bezeichnet werden (Rössler, 2014).

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Abb. 110: Schwedischer Postkartenfotograf um 1960. Die Protagonistin ist als Bäuerin verkleidet, steht vor einem zusammenklappbaren Zaun und hält zwei angeleinte junge Ziegen. (© Leif Forslund)

tagswelt zu entfliehen, werden seit jeher temporäre Gegenwelten geschaffen. Der Raum wird inszeniert, als Dramaturgie zwischen Innen- und Aussenwelt. Wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt sind Gegenwelten kein Phänomen der Gegenwart. Inspiriert durch Rousseaus «retour à la nature» beauftragte Kaiserin Marie-Antoinette 1783 einen Architekten damit, ein Bauerndörfchen im Schloss Versailles zu errichten. Die Gebäude sind um einen künstlichen See angeordnet und wirken äusserlich sehr bescheiden, verfügten im Innern jedoch über grossen Luxus. Die Bauern, welche das Land bewirtschafteten, wurden Teil der Inszenierung, welche der als Bäuerin verkleideten Kaiserin und ihrer Entourage einst als Bühne diente. Das künstliche Landleben wurde zum idealisierten Ort der Freiheit und Schönheit (Bakker, 2011, S. 23). Der schwedische Ethnologe Orvar Löfgren (1999) beschreibt in seinem Buch On Holiday. A History of Vacationing die Hüttensiedlung Medevi, welche Mitte des 18. Jahrhunderts zur realisierten Utopie eines entgesellschaftlichten Ortes avancierte (Schumacher, 2013, S. 21). Genutzt wurde Medevi von Angehörigen der europäischen aristokratischen Elite, welche eine Gegenwelt zu Etikettenzwang und Zumutungen des urbanen Lebens suchte. Die Siedlung wird als mentale Welt beschrieben, die zur gebauten Wirklichkeit wurde. Löfgren führt die Konstituierung von Urlaubslandschaften auf die dauernde Bewegung zwischen physischem Terrain und Fantasie- oder Medienwelten zurück (1999). Das Beispiel von Medevi zeigt, dass die Übergänge zwischen Idealvorstellungen und Realitäten dynamisch sind. Die schwedische Natur, welche als langweilig, unordentlich und hässlich wahrgenommen wurde, 134


Abb. 111: Bauernmädchen um 1909. Das Bild wird von Rem Koolhaas verwendet, um den «Look» des Ländlichen zu illustrieren, der heute als touristische Folklore überlebt. (Prokudin-Gorski, 1909)

musste zuerst «latinisiert» werden, um so schön wie die Hügellandschaften um Rom oder Florenz zu werden. Einer der Hügel von Medevi wurde vom schwedischen Adel in eine Art Parnassus verwandelt. Die Adligen verkleideten sich als Hirten und klassische Götter und waren von meckernden Lämmern umgeben. Die schwedische Landschaft wird durch einen mediterranen Filter betrachtet (Löfgren, 1999, S. 110). Medevi war das erste schwedische Sommer-Camp, wodurch die alternative Utopie eines einfacheren Sommerlebens Gestalt annahm. Schliesslich entstand eine neue Art von Hüttenkultur, welche bis in die Gegenwart einen festen Bestandteil der skandinavischen Tradition bildet (1999, S. 111). Das Aufbrechen nach Medevi war eine Reise in eine Anderswelt, weg vom beruflich-urbanen Alltag. Auf dem Land konnte man zu einer sinnlicheren und authentischeren Person werden (1999, S. 112). In der industrialisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Idee von der Freizeit als Kompensationsraum. Dies basiert auf der Sehnsucht nach Veränderung, durch das Ausbrechen vom Alltag und der Routine (1999, S. 109). 3.3.2 MULTILOKALE LEBENSWEISEN Es stellt sich die Frage, ob es sich beim Maiensäss aus raumtheoretischer Sicht um Heterotopien handelt oder um eine Doppelung des Zuhauses. Ursprünglich nutzten die Bergbauern das Maiensäss ebenfalls als Zweitwohnsitz und erweiterten somit ihren Hauptwohnsitz.

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Dabei handelt es sich um eine arbeitsbedingte Multilokalität. Nicola Hilti beschreibt die Multilokalität als Phänomen, in welchem Menschen ihren Alltag vermehrt über mehrere Wohnstandorte hinweg organisieren (2007). Die Multilokalität wird ermöglicht durch folgende Prozesse und Bedingungen der spätmodernen westlichen Gegenwartsgesellschaft: die Individualisierung, die Pluralisierung von Lebensstilen und Haushaltsformen, die Flexibilisierung der Arbeitswelt, die Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien sowie neuer Transporttechnologien, das Aufkommen des Massentourismus und die weibliche Emanzipation (2007, S. 183). Hilti weist darauf hin, dass die Abbildung und Benennung multilokaler Lebensweisen insbesondere im Bereich der Statistik schwerfällt. Dies führt sie auf die Vielfalt der Lebensrealitäten der multilokal Wohnenden zurück. Den Begriff «Zweitwohnsitz» hinterfragt Hilti, da er eine Hierarchie suggeriert, welche von den multilokal Wohnenden weder so gelebt noch als solche empfunden wird (2007, S. 187f.). Bei den Maiensässbauten, welche früher von den Bergbauern genutzt wurden, kann man von einer Hierarchisierung der Wohnorte ausgehen. Dies drückte sich in der architektonisch einfacheren Ausprägung der Maiensässbauten im Gegensatz zu den Bauten in den Dörfern aus (Giovanoli, 2003). Es fehlt jedoch an alltagssprachlichen sowie an wissenschaftlichen Begriffen für das Phänomen. Der Begriff «pendeln» bezieht sich laut Hilti auf den Arbeitsweg und nicht auf die Bewegung zwischen verschiedenen Wohnstandorten (2007, S. 188). Eine Besonderheit des Maiensässes ist, dass es für die Nutzerschaft den Ankunftsort bildet und für Wanderer, Radfahrer, Skifahrer und Schneeschuhläufer einen Durchgangsort. Da es sich beim Maiensäss um «Spuren der Zivilisation» in der offenen Landschaft handelt, wird es oftmals genutzt, um eine Pause einzulegen. Dies wird begünstigt durch die Verfügbarkeit von Wasser, einer Feuerstelle, Sitzmöglichkeiten oder gar einem Bergrestaurant. Hilti beschreibt die Mobilität als Grundvoraussetzung für eine multilokale Lebensweise (2007). Weiterhin weist die Autorin auf das komplexe Zusammenspiel aus biografischen Elementen, starken emotionalen Verbindungen, persönlichen Ortsbeziehungen, dem Aufrechterhalten von Gewohnheiten sowie erfüllten Wünschen und befriedigten Sehnsüchten hin und bezeichnet diese als typisch für das multilokale Wohnen (2007, S. 195). Wo sich ein Maiensäss aus raumtheoretischer Sicht verorten lässt, hängt stark davon ab, wie sich das Leben der jeweiligen Nutzerschaft gestaltet. Hedi Senteler, Kulturbeauftragte des Prättigau, nutzt das Maiensäss, welches sie geerbt hat, als Erstwohnsitz (persönliches Gespräch, 1. April 2016). Die abgewanderten und vom Heimweh geplagten Puschlaver, die man «Pusc’ciavin in Bulgia» nennt, kehren an den Wochenenden in ihr «Munt» zurück (Cajacob, 2013). Die Churer Schulkinder wandern zusammen mit ihren Lehrpersonen jedes Jahr an einem sonnigen Tag im Frühling auf die umliegenden Maiensässe.

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4. FAZIT Die vorliegende Forschungsarbeit gewährt einen Einblick in die gegenwärtige Freizeitkultur auf den Maiensässen in Graubünden. Die Auffassung von Gebäuden als von menschlicher Interaktion geprägter Strukturen, impliziert dass Gebäude durch das Handeln ihrer Nutzer stark definiert werden (Guggenheim, 2011). Das Maiensäss stiftet Identität, zeugt von einer früheren Wirtschaftsweise und prägt das Landschaftsbild. Die ursprüngliche Begriffsdefinition als Zwischenstufe der traditionellen Berglandwirtschaft ist heute aus vielerei Hinsicht nicht mehr zufriedenstellend.

4.1 VERÄNDERTE TERMINOLOGIE Der erste Teil meiner Forschung hat gezeigt, dass sich vor dem Hintergrund des landwirtschaftlichen Strukturwandels nicht nur die Nutzungen verändert haben, sondern auch die Terminologie. Einerseits ist eine sprachliche Verarmung zu beobachten, indem alle möglichen Haustypen als «Maiensäss» bezeichnet werden, darunter Ställe, Bargen, Ferien- und Wochenendhäuser, Sennereien und Alphütten. Andererseits werden neue Begriffe gebildet, wie der Maiensässumzug, das Maiensässlied, das Maiensässhotel oder das Maiensässresort. Diese neuen Begriffe beziehen sich nicht mehr auf die Landwirtschaft, sondern auf die Freizeitnutzung. In der Alltagssprache versteht man unter einem Maiensäss eine Hütte, ein Wochenendhaus oder ein Ferienhaus in der Berglandschaft. Früher verstand man unter dem Maiensäss einen Bewirtschaftungskomplex, bestehend aus Ökonomiebauten und Flächen. Des Weiteren hat die Analyse gezeigt, dass die gegenwärtigen Landschaften durch Überlagerungen geprägt sind. Die Flächen werden weiterhin von den Bauern bewirtschaftet. Sichergestellt und gesteuert wird die Bewirtschaftung durch das vom Bund geschaffene finanzielle Anreizsystem der Direktzahlungen. Überlagert wird die landwirtschaftliche Nutzung durch die verbreitete Ferien- und Freizeitkultur. Ein Grossteil der traditionellen bäuerlichen Bauten, welche über eine Feuerstelle verfügten, wurden nach dem raumplanerischen Grundsatz «Wohnen bleibt Wohnen» einer Freizeitnutzung zugeführt. Ähnlich wie bei Einfamilienhausquartieren unterscheidet sich die Gestaltung nach den Vorstellungen der jeweiligen Nutzerschaft. Bei den Gebäuden, welche nicht für Freizeitzwecke genutzt werden, handelt es sich meistens um Ställe. Diese dürfen jedoch ebenfalls einer Wohnnutzung zugeführt werden, wenn sie sich in einer Erhaltungszone befinden oder unter Schutz stehen. Diese Ausnahmeregelungen gelten trotz der Lage im Nichtbaugebiet und des Zweitwohnungsgesetzes.

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Abb. 112: Tor einer Stallscheune. Die Zukunft der leerstehenden Ställe im Maiensässgebiet ist ungewiss. Umbaubefürworter möchten eine liberale Gesetzgebung, welche die Umnutzung der Ställe in Zweitwohnsitze ermöglicht. Die Folgen für die Landschaft sind aus Sicht der Landschaftsschützer nicht tragbar.

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4.2 ORTE DER GEBORGENHEIT Eine Qualität der Maiensässe bildet die Überschaubarkeit (Umfrage, 2017). Die Kulturanthropologin Lena Papasabbas beobachtet die weltweite Bildung von Communitys, Interessensgemeinschaften und Kollektiven (2017). Die Grundannahme, dass überschaubare Gemeinschaften die natürliche Umgebung für den Menschen darstellen, lässt sich laut Papasabbas auf Claude Lévi-Strauss zurückführen (2017, S. 62). In einem Artikel in der Zeitschrift Behavioral and Brain Sciences wird davon ausgegangen, dass die ideale Gruppengrösse für Menschen bei ungefähr 150 Individuen liegt (Dunbar, 1993). Die Zukunftsforscherin Anja Kirig beschreibt das Phänomen des «Social Cocoonings» (2017). Kirig bezeichnet das Phänomen als Lagerfeuermentalität, deren Kern ein auf Kontakt basierendes Zusammentreffen von Menschen in entspannter Wohnzimmeratmosphäre ist. Kirig führt diese Entwicklung auf die zunehmend unverbindlichen, virtuellen und schnellen Wirklichkeiten zurück (2017). Das Phänomen ist in Dänemark Bestandteil der Alltagskultur und wird als «Hygge» bezeichnet. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Altnordischen und bedeutet «Gemütlichkeit, Gefühl von Wohlbefinden, Entspannung sowie angenehme Atmosphäre, besonders in Gemeinschaft mit Familie oder Freunden und gerne verbunden mit gemeinsamen Mahlzeiten, Spielen oder Vergleichbarem» (Nordbø, 2018). Ein ähnliches Konzept beinhaltet der Begriff «Còsagach» aus Schottland. Das Wort stammt aus dem Gälischen und wird von der schottischen Tourismusagentur verwendet, um ein Gefühl von Wärme, Geborgenheit und Gemütlichkeit zu bewerben (Brooks, 2017). Auch die Begriffe «Maiensäss», «Vorsäss», «Mayens», «Maggenghi/Monti», «Chalet» und «Acla» werden von Schweiz Tourismus als bunte Vielfalt an Namen für Alphütten aufgeführt (http://www.myswitzerland.com). Die Bildsprache, welche von Schweiz Tourismus vermittelt wird, bezieht sich auf Objekte, welche ursprünglich aussehen (Abb. 43, 61). Laut dem finnischen Architekten Juri Pallasmaa hat die Architektur seit dem letzten halben Jahrhundert die psychologischen Strategien der Werbung angenommen und möchte wie diese nur eins: überzeugen. Bauten werden zu Image-Produkten, ohne jede existenzielle Tiefe und Ernsthaftigkeit. Dies führt Pallasmaa auf das Voranstellen der visuellen Wahrnehmung gegenüber anderen Sinneswahrnehmungen zurück (2013, S. 38). Die visuelle Dominanz äussert sich in der Bilderkultur. Anstatt einen Ort tatsächlich zu erfahren, wird er von aussen betrachtet und auf die Netzhaut projiziert. David Michael Levin beschreibt die vorherrschende Form der frontalen, fixierten und fokussierten Sehweise mit dem Begriff «Frontalontologie». Indem Architektur ihre Plastizität verliert, isoliert sie sich im kühlen und distanzierten Reich des Visuellen (1993, S. 203). Laut Käferstein und Meister vernebeln Bilder unsere Beziehung zur Architektur. Das Haptische und Tektonische tritt in den Hintergrund, da die Nähe zum Artefakt an Relevanz verliert. Käferstein und Meister setzen dieser Entwicklung das Verständnis von Architektur als Handwerk gegenüber: «Architektur ist körperlich und muss mit allen Sinnen erfahren werden» (2014, S. 21). Auch Pallasmaa plädiert dafür, dass Architektur alle unsere Sinne ansprechen und Sinnhaftigkeit vermitteln muss, in Form des menschlichen Masses für die Dinge und Details, die für den menschlichen Körper gefertigt sind (2013, S. 14). 139


Abb. 113: Ställe bei den Camaner Hütten im Safiental. Die früheren Gebäudeabstände bilden eine Besonderheit, da diese unter der Berücksichtigung heutiger Brandschutzvorschriften nicht erlaubt wären. Solange die Dächer instand gehalten werden, sind die Ställe wetterfest und werden von ihren Besitzern als Lagerräume genutzt oder von Wanderern als schützende Unterstände bei Gewittern.

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4.3 WEITERER FORSCHUNGSBEDARF Die Herausforderungen für den Maiensässbestand lassen sich auf die Gesamtentwicklung des Berggebietes übertragen. Dies gilt insbesondere für Maiensässsiedlungen und ihre Ortsbilder. Korner et al. zufolge wird sich die gesellschaftspolitische Dichotomie zwischen Stadt und Land allmählich auflösen (2018, S. 38). Es entstehen fluide und hybride Lebensräume, da ländliche Lebensstile Einzug in die Stadt halten und sich urbane Qualitäten aus ihrer physischen Bedingtheit lösen. Städte gelten als Experimentierräume, Kreativitätslabore und Innovationsschmieden und werden daher oftmals als Lebensräume der Zukunft bezeichnet. Die Entwicklung der ländlichen Räume ist hingegen meist ungewiss. Laut dem üblichen Narrativ ist eine fortschreitende Abwanderung zu beobachten, begleitet von der Überalterung der Bevölkerung und wirtschaftlicher Stagnation (2018, S. 38). Gion A. Caminada sieht Potenzial in einer anderen Beziehung zwischen Berg und Stadt, worin das Berggebiet die Vorratskammer für die Stadt ist und hochwertige Nahrungsmittel, gutes Handwerk und Erholungsräume birgt (Carle & Weidmann, 2010). Die Auflösung der Stadt-Land-Dichotomie ist grundsätzlich weniger eine physische als eine mentale und soziale Entwicklung (Korner et al., 2018, S. 41). Dies zeigt sich am wachsenden Interesse der Stadtbewohner an ländlichen Lebensweisen, im Wunsch nach Gemeinschaft und einer idealisierenden Sichtweise auf das Dorfleben. Sigrun Langner, Juniorprofessorin an der Bauhaus-Universität Weimar, forscht über «rurbane Landschaften». Diese bezeichnet Langner als «das räumliche Ergebnis alltäglicher Praktiken, bei denen sich urbane und rurale Lebenswelten und Raumstrukturen verschränken» (Langner & Frölich-Kulik, 2018). Michael Hardt und Antonio Negri beschreiben das Gemeinsame zunächst als Name für gemeinsamen materiellen Reichtum (2010). Die von Hardt und Negri skizzierte neue Weltordnung organisiert hybride Identitäten, flexible Hierarchien und eine Vielzahl von Austauschverhältnissen durch Netzwerke (2002, S. 10f.). Darüber hinaus bezeichnet das Gemeinsame alle Ergebnisse gesellschaftlicher Produktion, wie Wissensformen, Sprache, Codes, Informationen und so weiter. Laut den beiden Autoren war die staatliche Politik in der Vergangenheit darum bemüht, das Gemeinsame zu privatisieren und gesellschaftliche oder kulturelle Erzeugnisse in Privateigentum zu verwandeln (2010, S. 10). Der eigentliche Kern besteht laut Hardt und Negri nicht in der Produktion von Objekten für Subjekte, sondern in der Produktion der Subjektivität selbst (2010). In einem Zeitungsartikel wird auf das Potenzial von abgelegenen Siedlungen als Arbeitsorte hingewiesen (Burkhardt, 2019). Mit der neuen 5G-Technologie können sich auch Bergdörfer, die bisher keine Anbindung hatten, mit den Zentren vernetzten. Der Schweizerische Verband der Telekommunikation glaubt, dass das 5G-Netz unsere Gesellschaft genauso tiefgreifend verändert wird, wie einst die Elektrifizierung oder das Aufkommen des Automobils (Burkhardt, 2019). Die Vielfalt des Maiensässbestandes zeigt, dass es einer differenzierten Betrachtung bedarf, dazu fehlt es an verbindlichen Definitionen und Kategorien. Weiterer Forschungsbedarf besteht in der Quantifizierung der entwickelten Typologien, welche ich im Rahmen meiner Forschung als erste Auslegeordnung entwickelt habe. Weiterhin fordert der Heimatschutz in

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seinem Positionspapier eine Auseinandersetzung mit dem Potenzial von landschaftspr채genden und kulturhistorischen Bauten im Nichtbaugebiet, denn Geb채ude ohne Nutzen sind dem schleichenden Zerfall geweiht (Schoeck-Ritschard, 2019). Es fehlen Visionen f체r die Zukunft leerstehender St채lle im Nichtbaugebiet.

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ANHANG

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ABBILDUNGSVERZEICHNIS Abb. 1: Fundaziun Capauliana (o. D.). Maiensäss-Gesellschaft um 1806. Helvetischer Almanach für das Jahr 1806. Von der Fundaziun Capauliana für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 2: Ludmila Seifert (2016). Narrative Raumkarte. Von der Urheberin für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 3: Ablaufmodell der vorliegenden Forschung. Abb. 4: Diego Giovanoli (2003). Gebiete ohne Maiensässe. (Entnommen aus Giovanoli, 2003, S. 25). Abb. 5: Jon Mathieu (1990). Maiensässbezeichnungen um 1900. (Entnommen aus Mathieu, [1990] 2003, S. 482). Abb. 6: Schweiz Tourismus/ Christof Sonderegger (o. D.). Caischavedra oberhalb von Disentis. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 7: Graubünden Ferien/ Stefan Schlumpf (2017). Caischavedra oberhalb von Disentis. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 8: Stadtschule Chur (1926). Churer Maiensässlied. Abgerufen von http://stadtschule. chur.ch/dl.php/de/0d9dr-tx659y/Maiensaesslied2.pdf Abb. 9: Südostschweiz/ Yanik Bürkli (2018). Churer Maiensässumzug. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 10: Radons bei Riom. Abb. 11: Verfallener Stall bei Brienz. Abb. 12: Vorkommen der Begriffe von mietbaren Objekten in der Schweiz. Daten abgerufen am 8. Januar 2018 von http://alp.holidaybooking.ch Abb. 13: Vorkommen der Begriffe von mietbaren Objekten in Graubünden. Daten abgerufen am 8. Januar 2018 von http://alp.holidaybooking.ch Abb. 14: Aclas Heinzenberg. Abb. 15: Nicolas Sedlatchek (o. D.). Anakolodge. Von Emilie Raboud (Anako Architecture) für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 16: Anna Giacometti (2016). Narrative Raumkarte. Von der Urheberin für Forschungs-

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zwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 17: Jon Mathieu (2016). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 18: Diego Giovanoli (2016). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 19: Armando Ruinelli (2016) Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 20: Peter Rieder (2016). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 21: Stefan Forster (2016). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 22: Beatrice Schumacher (2016). Narrative Raumkarte. Von der Urheberin für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 23: Reto Bernhard (2016). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 24: Dieter Müller (2017). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 25: Norman Backhaus (2016). Narrative Raumkarte. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 26: Tombal oberhalb von Soglio. Abb. 27: Bergeller Typologien. Abb. 28: La Motta im Calancatal. Abb. 29: Wiesner Alp. Abb. 30: Anzahl der eingereichten Gesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen nach Kategorien. Der Datensatz wurde mir vom Amt für Raumentwicklung Graubünden zur Verfügung gestellt. Abb. 31: Anzahl der eingereichten Gesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen der Kategorie «zonenwidriges Wohnen». Der Datensatz wurde mir vom Amt für Raumentwicklung Graubünden zur Verfügung gestellt. Abb. 32: Maiensässbegriffe im Alpenraum.

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Abb. 33: Maiensässzonen in der Schweiz. Abb. 34: Kulturhistorisch wertvolle Kleinsiedlungen (Erhaltungszonen). Abb. 35: Kulturlandschaften mit landschaftsprägenden Bauten LPB. Abb. 36: Baugesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen in der Kategorie «zonenwidriges Wohnen», in welchen der Begriff «Maiensäss» vorkommt. Der Datensatz wurde mir vom Amt für Raumentwicklung Graubünden zur Verfügung gestellt. Abb. 37: Baugesuche für Bauten ausserhalb der Bauzonen in der Kategorie «Landwirtschaft», in welchen der Begriff «Maiensäss» vorkommt. Der Datensatz wurde mir vom Amt für Raumentwicklung Graubünden zur Verfügung gestellt. Abb. 38: Refugi Lieptgas von Aussen. Abb. 39: Ralph Feiner (2012). Refugi Lieptgas von Innen. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 40: Beschriftung bei Batänja. Abb. 41: Zierendes Geweih. Abb. 42: Gebrauchsgegenstände. Abb. 43: Projekt Enjoy Alphütten von Schweiz Tourismus. Abgerufen von https://www.myswitzerland.com/files/?id=91707 Abb. 44: Fassade einer Camaner Hütte. Abb. 45: Spruch an einer Fassade und Bauinschrift, datiert 1974. Abb. 46: Die Darstellung von Gabriel Llory dem Jüngeren (1784-1846) zeigt eine Alpenlandschaft. (Entnommen aus Bätzing, 2015, S. 15). Abb. 47: Bildausschnitt aus dem Briefroman Julie oder die neue Heloïse von Jean-Jacques Rousseau. (Entnommen aus Mathieu, 2015, S. 133) Abb. 48: Collage der Lebenswelt auf dem Maiensäss, linke Bildhälfte. Abb. 49: Collage der Lebenswelt auf dem Maiensäss, rechte Bildhälfte. Abb. 50: Stall von aussen. Abb. 51: Stall von innen. Abb. 52: Ferienhaus in Propissi.

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Abb. 53: Aclas Dafora oberhalb von Alvaneu. Abb. 54: Kunstluft (2018). Landschaft im Prättigau. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 55: Kunstluft (2018). Alpensalamander im Prättigau. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 56: Weidendes Vieh oberhalb der Wienser Alp. Abb. 57: Landwirtschaftliche Bewirtschaftung bei Propissi. Abb. 58: Bewirtschaftete Landschaft oberhalb von Lumbrein. Abb. 59: Maiensässgebiet oberhalb von Lumbrein. Abb. 60: Der Wald breitet sich aus. Abb. 61: Projekt Enjoy Alphütten von Schweiz Tourismus. Abgerufen von https://www.myswitzerland.com/de-de/wissenswertes-ueber-die-schweizer-alphutten.html Abb. 62: Swisstopo (2019). Raglauna, ein alleinstehendes Maiensäss. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 63: Raglauna, ein alleinstehendes Maiensäss. Abb. 64: Swisstopo (2019). Luftbild von Lumbrein von 1997. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 65: Bewirtschaftete Landschaft oberhalb von Lumbrein. Abb. 66: Liechtensteinische Landesverwaltung (2019). Tuass in Liechtenstein. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 67: Tuass in Liechtenstein ist eine Beispiel für eine kompakte Siedlungsstruktur. Abb. 68: Swisstopo (2019). Grevasalvas, ein kompaktes Maiensäss. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 69: Ziegenberg (2013). Grevasalvas oberhalb von Sils im Engadin. Wikimedia Commons. CC BY-SA 4.0. Abb. 70: Swisstopo (2019). Maiensässe bei Curaglia. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 71: Biscuolm oberhalb von Curaglia. Abb. 72: Liechtensteinische Landesverwaltung (2019). Steg, ein aneinandergereihtes Maiensäss. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 73: Steg, ein aneinandergereihtes Maiensäss. Abb. 74: Swisstopo (2019). Tgà, eine ehemalige Dauersiedlung. Alle Rechte vorbehalten. 159


Abb. 75: Tgà im Val Faller. Abb. 76: Swisstopo (2019). Wiesner Alp, eine kompakte Siedlungsstruktur. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 77: Wiesner Alp. Abb. 78: Ersatzbaute auf der Wiesner Alp. Abb. 79: Stall auf Gliarauns. Abb. 80: Ralph Feiner (2011). Ersatzbaute auf der Wiesner Alp von Bearth & Deplazes. Vom Urheber für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Abb. 81: Strickhütte auf Medergen bei Langwies. Abb. 82: Refugi Lieptgas, eine versteinerte Hütte. Abb. 83: Steinbaute in La Motta. Abb. 84: Verkleidete Hütte auf Gliarauns. Abb. 85: Verkleideter Stall im Safiental. Abb. 86: Verkleidete Hütte auf Gliarauns. Abb. 87: Teilweise verkleideter Stall auf Castelas. Abb. 88: Maiensäss «Rageth» in Cania bei Fanas. Abb. 89: Klaus Anderegg (1980). Baute im Wallis. (Entnommen aus Furrer et al., 2011, S. 207). Abb. 90: Baumhaus auf Raglauna. Abb. 91: Toilettenhäuschen oberhalb von Brienz. Abb. 92: Maiensässstall in Magun. Abb. 93: Magun oberhalb von Donat. Abb. 94: Hans-Peter Siffert (o. D.). Rudolf Olgiati vor seinem Stall. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 95: Hans-Peter Siffert (o. D.). Rudolf Olgiati in seinem Stall. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 96: Blick auf das Bergell. Abb. 97: Blick auf das Rheintal. Abb. 98: Verkleideter Rundholzstall im Maiensässgebiet auf dem Weg nach Partnun. 160


Abb. 99: Eckpfeilerstall bei Leis oberhalb von Vals. Abb. 100: Steinbaute auf dem Weg nach La Motta. Abb. 101: Medergen bei Langwies. Abb. 102: Umgenutzte Hütte im Safiental. Abb. 103: Rundholzstall im Safiental. Abb. 104: Verzierung an einer Fassade. Abb. 105: Weitere Verzierungen. Abb. 106: Naoya Fuji (2006). Teehaus des japanischen Architekten Terunobu Fujimori. Flickr. CC BY-NC 2.0. Abb. 107: ArchiMedia (2010). Kochecke im zu hohen Teehaus. Flickr. CC BY 2.0. Abb. 108: ArchiMedia (2010). Der Architekt in seinem zu hohen Teehaus. Flickr. CC BY 2.0. Abb. 109: Louis-Charles Ruotte (1791). Marie-Antoinette im bäuerlichen Gewand. Wikimedia Commons. Public Domain. Abb. 110: Leif Forslund (o. D.). Schwedischer Postkartenfotograf um 1960. (Entnommen aus Löfgren, 1999, S. 84) Abb. 111: Sergei Michailowitsch Produkdin-Gorski (1909). Bauernmädchen um 1909. Wikimedia Commons. Public Domain. Abb. 112: Tor einer Stallscheune. Abb. 113: Ställe bei den Camaner Hütten im Safiental.

Sämtliche Abbildungen ohne Verweise wurden von der Autorin erstellt.

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WEBSEITENVERZEICHNIS https://booking.graubuenden.ch | Buchungsplattform von Graubünden Ferien http://www.myswitzerland.com/alphuetten | Buchungsplattform von Schweiz Tourismus http://www.grischalpin.ch | Aclas Projekte https://anakolodge.ch | Buchungsplattform Anako Lodge in La Forclaz http://search.ortsnamenforschung.ch | Portal der Schweizerischen Ortsnamenforschung http://www.lebendige-traditionen.ch | Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz http://www.kulturzerfall.ch | Verein für Raumentwicklung Kultur und Landschaft https://geo.gr.ch | Geoportal des Kanton Graubünden https://www.rapid.ch/de/unternehmen/geschichte | Rapid Motormäher AG https://www.sac-cas.ch | Schweizer Alpen-Club http://www.magnificasa.ch | Ferien im Baudenkmal http://kunstluft.ch | Artists-in-Residence Programm im Prättigau https://www.alpfest.ch | Jährliches Wiesner Alpfest http://www.safierstaelle.ch | Verein Safier Ställe

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ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS ARE

Bundesamt für Raumentwicklung

ARE GR

Amt für Raumentwicklung Graubünden

BaB

Bauten ausserhalb der Bauzonen

BAK

Bundesamt für Kultur

BGBB

Bundesgesetz über das bäuerliche Bodenrecht

ETH

Eidegnössische Technische Hochschule Zürich

EZ

Erhaltungzone

HTW

Hochschule für Wirtschaft und Technik Chur

kRP GR

Richtplan Graubünden

kRP VS

Richtplan Wallis

kRP TI

Richtplan Tessin

RAKUL

Verein für Raumplanung Kultur und Landschaft

RPV

Raumplanungsverordnung

RPG

Raumplanungsgesetz

LPB

Landschaftsprägende Bauten

WSL

Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft

SNF

Schweizerischer Nationalfonds

ZHAW

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft

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DATENMATERIAL

Im beiliegenden Datenträger enthalten.

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LEBENSLAUF

Anna-Lydia Capaul, MSc Arch

1986

Geboren in Ilanz, GR

2002 - 2006

Berufsausbildung als Hochbauzeichnerin bei Hans Peter Fontana & Partner, Flims

2006 - 2008

Gestalterische Berufsmaturitätsschule GBMS, Zürich

Mitarbeit bei Beat Rothen Architektur GmbH, Winterthur Ausführungs-, Ausschreibungs- und Detailplanungen

2008 - 2011 Bachelor of Science in Bauingenieurwesen (BSc FHO) Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW, Chur Mitarbeit in diversen Architekturbüros 2011 - 2013

Master of Science in Architecture (MSc Arch) Universität Liechtenstein, Vaduz

The Royal Danish Academy of Fine Arts, Architecture School, Kopenhagen, Dänemark (Austausch)

Arbeiten als selbstständige Architektin Projektstudien und Neubau einer Lagerhalle in Flims

2013 - 2015

Mitarbeit bei Conradin Clavuot, Dipl. Architekt ETH/SWB, Chur Projekt- und Bauleitungen, Wettbewerbe

2015 - 2019

Doktoratsstudiengang in Architektur und Raumentwicklung (Dr. sc.) Universität Liechtenstein, Vaduz

Seit 2017

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Architektur und Raumentwicklung, Universität Liechtenstein, Vaduz 166


Lehrtätigkeit 2019

«Grenzraum ethnografisch erkunden» Fakultätsübergreifendes Wahlfach mit Monika Litscher, Anna Ospelt, Celina Martinez und Roman Banzer Blockwoche an der Universität Liechtenstein

2018 Projektleitung der Kinder-Uni zum Thema «Wald». Eine Bastelwerkstatt mit dem Team des Instituts für Architektur und Raumentwicklung an der Universität Liechtenstein Vorträge 2017

«Das Maiensäss als Gegenwelt und Sehnsuchtsort» Parc Ela Veranstaltung im Ortsmuseum Bergün

Teilnahme an Konferenzen 2017

CA2RE – Conference for Artistic and Architectural (Doctoral) Research KU Leuven, Faculty of Architecture, Ghent

2016

DOKONARA Internationales DoktorandInnenkolleg Nachhaltige Raumentwicklung, HafenCity Universität, Hamburg

Beiträge in Publikationen Capaul, A.-L. (2018). The Maiensäss: Theses on the future of Swiss Alpine summer farms in the Canton of Grisons. In In J. Verbeke (Hrsg.) CA2RE – Conference for Artistic and Architectural (Doctoral) Research: Proceedings of the CA2RE conference at the KU Leuven, Faculty of Architecture, Ghent. Verfügbar unter https://arch.kuleuven.be/english/ research/publications/proceedings-ca2re-2017.pdf Capaul, A.-L. (2018). Transparenz & Intimität: Bruno Mathsson, Sommerhaus in Frösakull, 1960. In U. Meister, V. Kaps (Hrsg.) Positionen 8: Architektur und Transparenz. Vaduz: Universität Liechtenstein. Capaul, A.-L. (2017). Eine sich verändernde Wahrnehmung. In A. Alessi, R. Banzer, H. Quaderer, P. Staub (Hrsg.) Positionen 7: Architektur und kulturelle Identitäten. Vaduz: Universität Liechtenstein. 167


© 2019 Anna-Lydia Capaul Institut für Architektur und Raumentwicklung Universität Liechtenstein


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Das Maiensäss in Graubünden  

Die ursprüngliche Definition des Maiensässes als Zwischenstufe der traditionellen Berglandwirtschaft ist heute aus vielerlei Hin­sicht nicht...

Das Maiensäss in Graubünden  

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