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Universität zu Köln Institut für deutsche Sprache und Literatur I HS „Themen der Gegenwartsliteratur“ Prof. Dr. Andreas Anglet Referent: Dominik Kowol WS 2008/09 08. November 2008

Die Darstellungsformen von Humor, Witz und Ironie in der deutschen Gegenwartsprosa

Etymologie Komisch (griech. Komikos; lat. Comicus) Der Begriff Komik geht etymologisch zurück auf das griechische Wort komikos, welches von Komos abstammt. Dieser Begriff bezeichnet den zum Dionysos Kult gehörenden Umzug mit Zecherei, Gesang und Flötenspiel. Laut dem Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft ist „alles komisch, was unser Lachen oder Lächeln erregt“ und laut dem Fremdwörter Duden ist Komik „die einer Situation oder Handlung innewohnende oder davon ausgehende erheiternde, belustigende Wirkung.“1 Das Adjektiv komisch wird schließlich als „zum Lachen reizend, belustigend“ bezeichnet. Heute bezeichnet Komik also jenes Phänomen, welches in uns das Lachen hervorruft. Das Komische und das Lachen hängen somit eng zusammen, das Komische ist der Anlass für das Lachen. Zur Geschichte der Komik- und Lachtheorie Antike „Man darf es auch nicht hinnehmen, dass jemand bedeutende Männer, und erst recht nicht, dass er Götter darstellt, die sich vor Lachen nicht halten können.“ 2 Laut Platon ist das Lachen der Ausdruck eines Defektes, da es eine potentielle Ordnungsverletzung ist, auf die das Lachen reagiert. Aristoteles betont, dass das Unerwartete das Lachen auslöst, das Lachen auf Überraschung beruhe. Auch Cicero schließt sich diesem Urteil an, indem er schreibt: „die bekannteste Art des Witzes ist, wenn etwas anderes gesagt wird, als man erwartet“. Doch dies ist nicht die einzige Gemeinsamkeit antiker Autoren. Aristoteles, Cicero und Platon waren sich auch einig, das Lächerliche ebenfalls dem Fehlerhaften, Unvernünftigen und Schlechten zuzuordnen. Mittelalter „Weh euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet klagen und weinen.“ 3 Im Mittelalter wird diese Zuordnung des Lachens zum Schlechten vor allem im in theologischen Kreisen getätigt. Hier wird die Auffassung vertreten, dass es sich für den 1

Vgl.Reallexikon der deutschen Literraturwissenschaft S. 869 und Das Fremdwörterbuch, Duden S. 411 Vgl. Platon, Politeia, 3.Buch 388e 3 Vgl. Lk. 6,25 2

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unerlösten Menschen nicht zieme zu lachen. Die Komik, der Scherz und das Lachen werden im Christentum im weltlichen Sinne verneint. Zwar nimmt der Ernst (wie schon in der Antike) im Sinne der Tugendhaftigkeit einen höheren Stellenwert ein, als der Scherz, dennoch ist Humor durchaus erwünscht, wenn er dazu dient, sich zu erholen. Komische Literatur ist demnach auch im Mittelalter dem Ernst unterstellt. Die Lektüre soll nicht ausschließlich unterhalten, sondern im gleichen Maße belehren. 17. Jh. bis heute Immanuel Kant betont, dass das Lachen einem Gefühl der Gesundheit entspringe und das „Lebensgeschäft des Leibes fördere“. Erregt würde es von „etwas Widersinnigem“ und es sei „ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“. 4 Nach Kants Ansicht lacht der Mensch über eine enttäuschte Erwartung. Henri Bergson geht vom Standpunkt einer Norm bestimmenden Gruppe aus. Wird von dieser Norm abgewichen kann etwas als komisch empfunden werden, vorausgesetzt, der Lachende kann das Leben als unbeteiligter Zuschauer betrachten. (Bsp. Theater) Für Helmuth Plessner sind die Anlässe für Lachen gesellschaftlich bedingt. Er ist der Meinung, dass das, was eine Gesellschaft im Lauf der Geschichte als komisch empfindet im Lauf der Geschichte wechselt, da es zum Wandel des Normbewusstseins gehört. Fazit Es bleibt fest zu halten, dass das Lachen in der Antike und im Mittelalter im Zusammenhang mit dem Komischen meist moralisch negativ bewertet wurde. Erst die moderne Philosophie sieht im Lachen auch eine befreiende und kreative Kraft. Dieses Lachen bleibt jedoch größtenteils ein reaktives Phänomen. Generell sind somit eine ungenaue Definition und Differenzierung von Lachen und eine Vermischung mit Komik festzuhalten. „Komik hat mit Irrtümern zu tun, mit falsch beurteilten Situationen.“ 5

Ein Versuch der Abgrenzung von Humor, Witz und Ironie Humor „Fähigkeit, Gabe eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen, sie nicht so tragisch zu nehmen und über sie lachen zu können.“ 6 Der Begriff „Humor“ wurde mit der Aufklärung in gut und schlecht unterteilt. Als „bad humor“, bezeichnete man das bisher vorherrschende „Lachen“ über abnorme Persönlichkeiten, als „good humor“ galt das „Lachen“ über alltägliche Missgeschicke. Als „schwarzen Humor“ bezeichnet man die bewusst verharmlosende Auseinandersetzung mit makabren Themen. Er kann auch als spielerischer Umgang mit unterdrückten Ängsten Verstanden werden. Vom „schwarzen Humor“ abzugrenzen ist der „Galgenhumor“. Er wird vom Betroffenen selbst gezeigt, indem dieser z.B. einen Witz über die eigene Person in einer unangenehmen Situation macht. 4

Vgl.Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt am Main 1977, S. 124 Vgl. Kammertöns: Früher war mehr Lametta. In: Die Zeit Nr.44, S. 16 6 Vgl. Das Fremdwörterbuch, Duden S. 320 5

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Witz Der Witz verursacht ein Lachen durch plötzliche Einsicht in einen unerwarteten Zusammenhang. Er beruht auf Überraschung. Eine Erzählung teilt einen Sachverhalt beispielsweise so mit, dass entgegen der ersten Darstellung eine neue, andere Auffassung zutage tritt (Pointe). Dies geschieht meist durch eine Gliederung in Einleitung, Überleitung und abschließender Pointe. Ironie „Feiner, verdeckter Spott, mit dem man etwas dadurch zu treffen versucht, dass man es unter augenfälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich macht.“ 7 Seit der Antike (insbesondere in Rhetoriker Kreisen) ist die zentrale Verwendung der Ironie die negative Bewertung des gegnerischen Standpunktes. Somit ist die Erheiterung nicht die einzige Wirkung von Ironie und damit ist sie keine Form von Humor, sondern eine Ausdrucksweise. Formen von Ironie: Rhetorische Ironie: das Gegenteil von dem was gemeint ist wird gesagt Sokratische Ironie: sich fragend dumm stellen und den Gesprächspartner in eine Falle locken Tragische Ironie: Protagonist, welcher ahnungslos erscheint, selbst wenn die Katastrophe Direkt und erkennbar bevorsteht Fazit Komik ist eine Eigenschaft, die, sofern sie wahrgenommen wird, Lachen oder zumindest ein lustvolles Wohlbefinden auslöst. Humor ist eine Intelligenzleistung, die es zum Ziel hat komische Konstruktionen zu schaffen. Der Witz hingegen ist die Konkretisierung einer humoristischen Idee durch sprachliche Mittel. Die Ironie ist eine Ausdrucksweise, die nicht zwangsläufig komisches Potential enthält.

Textstellen 7

Vgl. Das Fremdwörterbuch, Duden S. 365

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Werner, Markus: Am Hang Clarin und Loos unterhalten sich über deutsche Ehepaare und die damit verbundenen Statistiken. Daß sich, während er sprach, zwei Fliegen auf seiner Kopfhaut paarten, schien Loos nicht zu merken. Er ist schloß ich daraus, seltsam erregt, ich muß besänftigen. (S. 16) Wonach, Herr Clarin, steht unserer Natur nun eigentlich der Sinn? Die Frage schien mir nicht einfach. Ich sagte im Augenblick sei mir ein wenig kühl, ich wolle schnell die Jacke aus meinem Wagen holen, ob er mich kurz entschuldige. Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren, sagte Loos, soweit sind wir uns einig, vielleicht fällt Ihnen noch weiteres ein. (S.17) Nachdem Loos im Urlaub eine nervige Kripobeamtin getroffen hat ereignet sich Folgendes: „Er sei in einer der hundert Tavernen gesessen, im Freien natürlich und erstmal entspannt, wenn auch ein wenig gestört von der ewigen Sorbas-Musik und den Bodylotiongerüchen der mehrheitlich stummen Paare um ihn herum. Als er sie kommen gesehen habe, die Kripobeamtin, habe er seine Serviette fallen lassen und sei unter den Tisch getaucht, um sich zu verstecken, doch sei sie, die Beamtin, bereits vor ihm gestanden, als er aufgetaucht sei. Wenigstens habe sie diesmal gefragt, ob sie sich zu ihm setzen dürfe. Statt nein zu sagen, habe er bitte gesagt und dabei seine Eltern gehasst, denn nichts sei schwere abzuschütteln als Wohlerzogenheit.“ (S.104) Loos erzählt wie er seine Frau kennen gelernt hat. „Eine Ballerina mit Hund, die mir auf einem Feldweg entgegenkam. Ich ausnahmsweise auch mit Hund, mit dem Dackel meiner Vermieterin,…Der Hund war eine Hündin, hieß Lara und war läufig. Deswegen gab mir die Vermieterin auch einen speziellen Abschreckspray sowie die Anweisung, die hintere Partie von Lara vor jedem Ausgang einzunebeln. Dies schien mir sowohl übertrieben als auch unsympathisch,…Lara trottete vor mir her, ich hatte sie von der Leine befreit. Da also kam uns eine junge Frau mit einem Labrador entgegen…Mit einem Ruck riß sich der Labrador los…Lara tat ihm durch Seitwärtslegen des Schwanzes ihr Einverständnis kund, worauf er sofort aufstieg…Der Rüde nämlich versuchte nach erfolgter Kopulation vergeblich abzusteigen er blieb in Lara wie in einem Schraubstock stecken.“ (S.112ff) Meyer, Clemens: Die Nacht, die Lichter Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe „Da liegt zu viel auf dem Boden, die Regale sind leer, nur paar Teller stehen drin mit angetrockneten Essensresten. Und da jetzt die warme Jahreszeit beginnt, freuen sich die Fliegen und andere Tiere, und die haben jetzt vollkommen freie Hand, weil ich nicht mehr in meine kleine Wohnung gehe. Aber meine Flinte hab ich mitgenommen.“… „Eigentlich ist es auch eine Flinte für die Wohnung. Ich habe Stunden damit verbracht, auf die Fliegen zu schießen.“ (S. 41) „Sie ist nackt und ihre Haut ist so weiß, dass ich kurz die Augen schließe. Die Bullen sagen was, aber ich achte gar nicht drauf, ich blicke nur sie an, wie sie da so still vor mir liegt. Ihre 4


Haare sind ihr ins Gesicht gefallen, sodass ich ihre Augen nicht sehen kann. Was ich sehe, sind meine Hände auf ihrem Hals. Die Abdrücke meiner Hände. Sie führen mich aus dem Schlafzimmer meine Hände sind auf dem Rücken.“ (S. 53ff) Von Hunden und Pferden „Er ging eine kleine Runde mit Piet, und als der Hund in den Büschen verschwunden war und gekackt hatte, brachte er ihn wieder nach Hause. Auf den Fußwegen in seinem Viertel lag viel Hundescheiße, und er war stolz darauf, dass nicht ein Haufen von Piet war. Er hatte ihm beigebracht, als Piet noch ganz klein war, nur in Büsche und auf Wiesen zu scheißen.“ (S. 76) „Rolf drehte ein paar Mal den Kopf, während er trank, aber es war wirklich nichts weiter in dem Zimmer als der Tisch und die Stühle und das Bild… „Wie geht’s dir?“… „Danke, geht so“… „und dir?“ Schäfer lachte,… „Blendend , Rolf blendend.““ (S. 82) Aber jetzt fühlte er das große Bündel Scheine im Futter seiner Jacke. Viereinhalbtausend, Piet würde steinalt werden….Und dann dachte er an Piet und lief weiter Richtung Stadtrand, Richtung Osten, wo er wohnte, und er sah nicht die drei Männer, die hinter ihm liefen. (S. 94)

Bibliographie Cicero, Marcus Tullius: de oratore, übers. v. Merklin, Harald. Reclam. Stuttgart. 1997. Der Duden. Fremdwörterbuch. Hrsg. Von Prof. Dr. Günther Drosdowski, Dr. Wolfgang Müller, Dr. Werner Scholze- Stubenrecht und Dr. Matthias Wermke. Mannheim. 1990. Bergson, Henri, Das Lachen; Westkulturverlag Anton Hain, Meisenheim am Glan. 1948. Kablitz, Andreas: Komik, Komisch, in: Weimar: Klaus (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Berlin 1997. Bd. 2 Kammertöns, Hans-Bruno und Lebert, Stephan: Früher war mehr Lametta. In. Die Zeit Nr.44 vom 23.Oktober 2008, S. 15-19. Kant, Immanuel (1790): Kritik der Urteilskraft, zitiert nach Leander Petzoldt: Komik der Lebenswelt und volkstümliche Komik vom ausgehenden Mittelalter bis zur Reformation. In: Der Deutschunterricht 36 (1), (1984). Lorenz, Konrad: Über tierisches und menschliches Verhalten. Aus dem Werdegang der Verhaltenslehre. Gesammelte Abhandlungen, Bd. 1. Hg. Von Paul Leyhausen. München 1965. Meyer, Clemens: Die Nacht, die Lichter, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. Plessner, Helmuth, Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens (1941), in: Plessner, Gesammelte Schriften, hg. V. G. Dux u.a., Bd. 7 (Frankfurt a.M. 1982), 294. Platon: Politeia. Griechisch/Deutsche Ausgabe. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher. Reinbek bei Hamburg 1994. Werner, Markus: Am Hang, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004.

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