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Zukunft Wir nehmen die Zukunft in die Hand!

Energie — die treibende Kraft Innovationen für die Welt von morgen

Wenn Züge fliegen könnten Das Schweizer Projekt Clip-Air will Zügen Flügel verleihen

Museen von morgen So kann Wissen begeistern

www.voestalpine.com

Ausgabe 02, 2014

voestalpine Magazin


2


Den Tüchtigen hilft das Glück Liebe Leserinnen und Leser, sicher wissen Sie, wie gut es sich anfühlt, wenn man etwas geschafft hat. Oder genauer gesagt: etwas geschaffen. „Den Tüchtigen hilft das Glück“, so brachte der römische Denker Cicero dieses Gefühl einst treffend auf den Punkt. Es macht glücklich, die Welt zu verändern. Zum Beispiel mit Innovationen: Sie sorgen dafür, dass sich die Erde nicht bloß weiter dreht, sondern auch weiter bewegt – ob nun mit einer kleinen Bastelei im heimischen Keller oder in großem Maßstab mit bahnbrechenden Neuerungen. Wir als Technologie- und Industriegüterkonzern mit solider eigener Stahlbasis wissen, was es heißt, mit neuen Produkten und Dienstleistun­gen die Welt zu verändern. Mit ihnen sorgen wir für Bewegung – beispielsweise mit unseren Spezialkomponenten für die Automobilindustrie, die zugleich besonders leicht und besonders sicher sind. Und wir sorgen für Energie – etwa mit unseren Hochleistungskomponenten für Kraftwerke. So nehmen wir schon heute die Zukunft in die Hand. „Die Neugier ist die Grundlage unserer Welt“, schreibt unser Autor Wolf Lotter. Er geht in dieser Ausgabe von „Zukunft“ der Frage nach, was uns Menschen antreibt, stetig neue und bessere Lösungen für unsere täglichen Probleme zu suchen. Wie können wir beispielsweise sicherstellen, dass wir auch in 20, 30 Jahren unsere Wohnungen noch heizen und unsere Werke betreiben können? Marq de Villiers versucht, sich in seinem Artikel über Energie trends der Antwort auf diese Frage anzunähern: durch Innovation. Dazu gehört das Erschließen neuer Energiequellen ebenso wie neue Speichertechnologien oder effizientere Produktionsprozesse. Nur so können auch künftige Generationen zumindest ähnlich zufrieden leben wie wir heute. Dazu brauchen wir jedoch nicht nur Energie. Eine wesentliche Voraussetzung, um am modernen Leben teilnehmen zu können, ist es, mobil zu sein. Um herauszufinden, wie es um die Mobilität in den Megacitys von heute bestellt ist, haben wir Reporter in Mexiko-Stadt, Seoul

und Lagos ins Auto gesetzt. In „Auf die Plätze, fertig, Stau!“ berichten sie, was sie dabei er­lebt haben und wie das Verkehrschaos in Zukunft vielleicht doch ein wenig besser beherrscht werden kann, um die Städte ein kleines bisschen lebenswer­ter zu machen. Wie wir wissen, ist wirtschaftlicher Wohlstand längst nicht alles, was wir zu unserem Glück brauchen. Die reichsten Nationen gehören häufig zu den unglücklichsten – und umgekehrt. Im Königreich Bhutan stellt man deswegen den Menschen ins Zentrum aller politischen Entscheidungen. Das nennt man dort „Bruttonationalglück“ und hat damit eine weltweite Diskussion über ökonomische Faktoren als Mittel zur Wohlstandsmessung ausgelöst. An dieser wollen auch wir uns ein klein wenig beteiligen und fragen in unserer Reportage „Fünf Länder, eine Zukunft?“ Journalisten aus verschiedenen Teilen der Welt, wie glücklich die Menschen in ihrer Heimat sind. Die Antworten darauf sind so unterschiedlich wie die Themen dieser Ausgabe von „Zukunft“. Wir hoffen, dass sie Ihnen Freude bereiten und Sie Ihrem persönlichen Glück vielleicht sogar ein kleines bisschen näher bringen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Wolfgang Eder, CEO voestalpine AG 3


Inhalt

Da sein

Ausgabe 02 / 2014

Wer neugierig ist, investiert in eine bessere Zukunft. (S.  14) Mexiko-Stadt, Lagos oder Seoul: Wer macht im Stau das Rennen? (S. 38) 10

Die Fußball-WM und ihr Erbe für kommende Generationen. (S. 72)

Von Regeln und Erfolg Trendforscher Sven Gábor Jánszky über Regelbrecher.

12

Unsere Zukunft Was die Menschen von voestalpine erwarten.

14

Stern der Neugier Der Wunsch nach Wissen ist die Grundlage unserer Welt.

6

Mitwirkende

18

Die Menschen, die dieses Magazin gemacht haben.

6

4

Impressum

Bestseller ohne Verlag Eine Erfolgsgeschichte.

20

Wer hätte das gedacht? Drei Persönlichkeiten: Was sie werden wollten und was sie heute sind.


Vorausdenken

26

Stadt der Zukunft

Neugierig bleiben

56 

Von der grünen Idee zum Architekturwunder.

30

Energie — die treibende Kraft

So kann Wissen begeistern.

60

Innovationen für die Welt von morgen.

38

44

52

Bionik — Lösungen aus der Natur Woran Wissenschaftler sich ein Beispiel nehmen.

Auf die Plätze, fertig, Stau! Feierabendverkehr in Mexiko-Stadt, Lagos und Seoul — unsere Reporter vor Ort.

Museen von morgen

62

Game of Thrones Warum die HBO-Serie Millionen von Menschen fesselt.

Fünf Länder, eine Zukunft? Geld ist nicht alles — vom Bruttonationaleinkommen zum Bruttonationalglück.

66

Wenn Züge fliegen könnten

68

Im Rausch der Geschwindigkeit Neue Details der Formel-1-Autos für 2014.

Das Schweizer Projekt Clip-Air will Zügen Flügel verleihen.

Technik hautnah Wenn der Mensch der Natur auf die Sprünge hilft.

72

Faszination Fußball Weltmeisterschaften — was kommt, was bleibt?

5


Impressum

Die Menschen hinter „Zukunft“

Mitwirkende:

Wer wissen möchte, was in der Zukunft passiert, dem hilft der Blick in die Glaskugel nicht. Nur wer weiß, was heute auf der Welt geschieht, kann zumindest abschätzen, wie sie morgen aussehen könnte. Damit Sie, liebe Leser, zu den Informierten gehören, haben wir Menschen rund um den Globus gebeten, uns aus ihrer Ecke der Welt zu erzählen: von Mexiko bis Südkorea und von Kanada bis Nigeria. Auf diesen Seiten möchten wir Ihnen einen Teil der Menschen vorstellen, die bei dieser Ausgabe von „Zukunft“ mitgewirkt haben.

Wolf Lotter Journalist und Autor (Deutschland)

Impressum

Wolf Lotter ist Journalist und Autor. Sein aktuelles Buch „Zivilkapitalismus. Wir können auch anders“ fordert zur aktiven ökonomischen Gestaltung der Wissensgesellschaft auf. Der gebürtige Steirer lebt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg. — Seite 14 —

Eigentümer und Medieninhaber:

voestalpine AG voestalpine - Straße 1 4020 Linz Herausgeber:

Gerhard Kürner Chefredaktion:

Maria Reibenberger T. +  4 3  /   5 0304  / 15-5432 maria.reibenberger@voestalpine.com Konzept, Redaktion und Gestaltung:

Commandante Berlin GmbH Inhaber: Toni Kappesz Schröderstraße 11 10115 Berlin

Druck:

Anne Kammerzelt lebt und arbeitet als Kommunikationsberaterin und freie Journalistin in Berlin. Zusammen mit dem Geografen und Journalisten André Uhl hat sie für das vorliegende Magazin einen Beitrag zum Thema „Stadt der Zukunft“ verfasst.

Kontext Druckerei GmbH, Linz

— Seite 26 —

Übersetzung:

Audi Akademie GmbH, Ingolstadt

6

Anne kammerzelt Kommunikationsberaterin (Deutschland)


Mitwirkende

Tolu Ogunlesi

Needrup Zangpo

Journalist und Blogger (Nigeria)

Journalist (Bhutan)

Tolu Ogunlesi lebt in Lagos und schreibt unter anderem für die Financial Times, Al Jazeera und Forbes. Wenn er nicht gerade für „Zukunft“ im Stau steht, arbeitet er an einem Roman und verfasst Gedichte.

Der Chefredakteur des Bhutan Observer ist in einem kleinen Dorf im Osten seines Heimatlandes aufgewachsen. Inzwischen lebt er in der Hauptstadt Thimphu, von wo er uns berichtet, ob seine Landsleute glücklicher sind als die Menschen im Rest der Welt.

— Seite 38 —

— Seite 44 —

Marq de Villiers

João Anzolin

Journalist und Autor (Kanada)

Journalist (Brasilien)

Marq de Villiers ist ein erfahrener Journalist, der aus vielen Regionen der Welt berichtet hat, insbesondere aus Afrika und der früheren Sowjetunion. Er hat 14 Bücher geschrieben, die sich größtenteils mit afrikanischen Themen oder Naturkunde befassen.

João Anzolin wurde 1981 in Curitiba, der größten Stadt Südbrasiliens, geboren. Er ist Journalist und seine Schwerpunktthemen sind Musik, Kultur und Medien. Als echter Brasilianer (und Fußballfan) schrieb er mit großer Begeisterung über die WM.

— Seite 30 —

— Seite 72 —

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Da sein Menschen Halt und Sicherheit geben

Aufgrund unserer dezentralen Struktur können wir schneller agieren und reagieren. So sind wir für all unsere Anspruchsgruppen greifbar und versuchen, ihre Bedürfnisse mit einem Höchstmaß an Flexibilität und Dynamik zu erfüllen. Wir packen Probleme an der Wurzel und lassen nicht locker, denn für die Zukunft lohnt es sich zu kämpfen.

10

Von Regeln und Erfolg Trendforscher Sven Gábor Jánszky über Regelbrecher.

12  

Unsere Zukunft Was die Menschen von voestalpine erwarten.

14

Stern der Neugier Der Wunsch nach Wissen ist die Grundlage unserer Welt.

18

Bestseller ohne Verlag Eine Erfolgsgeschichte.

20

Wer hätte das gedacht? Drei Persönlichkeiten: Was sie werden wollten und was sie heute sind.

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Da sein

Von Regeln und Erfolg Text Björn Lüdtke

Trendforscher Sven Gábor Jánszky über Regelbrecher.

I

n seinem Buch „Rulebreaker. Wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern“ beschäftigt sich Sven Gábor Jánszky mit Visionären, die die Zukunft ganzer Branchen

10

nach einer sicheren Zukunft zu tun. Sie lautete einfach: sich mit interessanten Menschen umgeben.

Rulebreaking beginnt im eigenen Kopf – probieren Sie Neues! Daraufhin gründete er das Trendforschungsinstitut 2b AHEAD, in dem Wissenschaftler und Strategieberater versuchen, für Unternehmen die Geschäftsmodelle von morgen zu entwickeln. Über Rulebreaker und darüber, ob wir lernen können, selbst welche zu werden, erzählt uns Sven Gábor Jánszky im Interview.

© 2b AHEAD ThinkTank

Sven Gábor Jánszky

veränderten. Und auch wenn er sich selbst nicht als solchen bezeichnet, finden wir auch bei ihm ein Merkmal, das wohl alle Regelbrecher, wie Rulebreaker auf Deutsch heißen, verbindet: einen Bruch im Lebenslauf. Jánszky ist gelernter Journalist und stand mit 28 Jahren eigentlich schon vor dem nächsten Schritt seiner Karriere, nämlich Programmchef bei einem der wichtigsten deutschen TVSender, der ARD, zu werden. In der Personalabteilung gab man ihm allerdings zu verstehen, dass man dazu mindestens 45 Jahre alt sein müsse. Weil er keine Lust hatte, noch 17 Jahre zu warten, hat er kurzerhand gekündigt. In diesem Moment hat Jánszky zum ersten Mal darüber nachgedacht, was er mit seinem Leben eigentlich wirklich anfangen will. Und siehe da, die Antwort hatte weder etwas mit Journalismus oder Geld, noch mit dem Wunsch


Da sein

Wer oder was ist ein Rulebreaker? Das ist eine Person, die einen Markt oder ein Segment komplett umkrempelt. In jeder Branche gibt es Regeln, an die sich jeder hält, auch, wenn diese oft ungeschrieben sind. Wer sie bricht und damit erfolgreich wird, ist ein Rulebreaker. Haben Sie ein Beispiel? Ja, den Reeder Horst Rahe. 1972 kam ein Amerikaner zu ihm und schlug vor, gemeinsam ein Kreuzschifffahrtsunternehmen zu gründen. In den USA gäbe es einen großen Markt dafür. Kreuzschifffahrten unterlagen bis zu diesem Zeitpunkt drei – ungeschriebenen – Grundregeln: Sie waren erstens sehr exklusiv, zweitens teuer und drittens total steif. Ohne Smoking oder zumindest Krawatte ging an Bord nichts. Rahe hat bei seiner Bank nachgefragt, aber dort haben sie ihm wegen des zu hohen Risikos von dem Geschäft abgeraten. Der Amerikaner, Ted Arison, gründete daraufhin die Carnival Cruise Lines, die mit allen Regeln brach – und zur größten Kreuzfahrtschifflinie der Welt wurde. Rahe trug seitdem dieses Trauma mit sich herum. 20 Jahre später bekommt er aber eine zweite Chance und überträgt das Konzept auf den deutschen Schifffahrtsmarkt, der immer noch so steif war wie eh und je, und gründet Aida Cruises. In der Branche hat man ihn für verrückt gehalten und er ist auch zweimal an der Pleite vorbeigeschrammt. Aber er hat durchgehalten und bewusst Regeln gebrochen, an die alle anderen glaubten. Im Nachhinein kann man sagen, dass Arison und Rahe die Branche ordentlich durcheinander gewirbelt haben. Eigentlich gibt es die anderen nicht mehr, der heutige Markt besteht fast nur noch aus Clubschiffen.

Kann man solche Regelbrüche nur im Nachhinein feststellen oder auch vor­ hersagen? Man kann natürlich keine Garantien geben, wir sind keine Wahrsager. Wir erkennen Trends, indem wir regelmäßig prägende Akteure einer Branche zusammenbringen und sie fragen, welche Investitionen sie gerade tätigen. Wenn ich das weiß, kann ich abschätzen, was in einer Branche in den nächsten zehn Jahren passiert. In der Gesundheitsbranche ist zum Beispiel sehr klar absehbar, dass eine Grundregel des bisherigen Systems bald gebrochen wird. Sie lautet, dass Menschen ihren Körper nicht selbst optimieren dürfen, beispielsweise mit Medikamenten. Nur wenn er kaputtgegangen ist, dann darf ihn ein Experte hinterher reparieren. Wir nehmen an, dass wir von einem Instrument gesagt bekommen werden: „Du bist heute zu 20 Prozent krank, da besteht eine Normabweichung. Wenn du heute dieses und jenes zu dir nimmst, dann bist du morgen nur noch zu 15 Prozent krank.“ Die Frage ist nun: Wer wird dieses Geschäft in Zukunft machen? Nach wie vor die Ärzte oder die Pharmaindustrie? Oder machen es Nahrungsmittelkonzerne, die an der Prävention viel dichter dran sind?

stehen halt einmal mehr auf. Dieses Bild reicht aber zum beschreiben eines Rulebreakers nicht aus. Sie rennen so lange gegen die Wand, bis sie einstürzt. Wie kann mir diese Erkenntnis hel­ fen, meinem persönlichen Erfolg ein Stückchen näher zu kommen? Um Rulebreaker zu werden, ist es mit Sicherheit von Vorteil, wenn ich besagte Arroganz mitbringe. Das ist die eine Hälfte. Zur anderen Hälfte kann ich aber auch trainieren, zum Rulebreaker zu werden. Zuerst muss ich jegliche Muster und Regeln identifizieren, in denen ich lebe und arbeite. Diese kann ich dann ganz bewusst brechen. Da muss man nicht bei einer ganzen Branche anfangen, sondern bei sich im eigenen Leben und Denken. Wir fahren immer wieder an dieselben Urlaubsorte, wir gehen in dieselben Kneipen und folgen demselben Tagesablauf. Hier kann man ansetzen und immer wieder Neues probieren. Das Rulebreaking beginnt im eigenen Kopf.

„Rulebreaker “ von Sven Gábor Jánszky, Goldegg Verlag

Kann jeder zum Rulebreaker werden? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Die Menschen, die ich als Rulebreaker kennengelernt habe, sind schon zum Teil in ihrem Charakter ein Stück weit anders als andere. Erstens haben sie eine Vision und glauben daran, dass sie richtig ist, egal was Marktforscher behaupten oder alle anderen tun – da spielt immer auch ein Stück gesunde Arroganz mit, nach dem Motto: „Ich weiß es besser.“ Zweitens sind sie unglaublich konsequent. Wir Trendforscher sagen gerne, wer gegen die Wand läuft, muss wieder aufstehen, und die Erfolgreichen 11


Da sein

Unsere Zukunft Texte Björn Lüdtke  Fotos Haruka Sasaki, Werner Jäger, Louise te Poele, Kristy Fertig

Was die Menschen von voestalpine erwarten. 1. Welche Träume haben Sie für die Zukunft? 2. Würden Sie gerne genauer wissen, was Sie in der Zukunft erwartet? 3. Welche zukünftige Erfindung würden Sie besonders gerne erleben? 4. In welcher Hinsicht wird sich Ihr Leben in der Zukunft verbessern? 5. Was sollte sich in der Zukunft nicht ändern? 6. Was würden Sie auf eine Reise in einer Zeitmaschine mitnehmen? Masae Yuminamochi (16) Oberstufenschülerin Nagano-Stadt, Japan

„Sei glücklich“ 1. Mein Traum ist es, einen Beruf zu finden, der mir Spaß macht, und reich zu werden. Ich wäre gerne ein nützlicher Mensch. 2. Nein. Mein ganzes Leben liegt vor mir und ich möchte mich darauf freuen. 3. Eine Maschine zum Gedankenlesen wäre toll. 4. Mein Aussehen. Ich hätte gerne einen schönen Körper und viel Kleidung, um mich schick anzuziehen. 5. Pazifismus. 6. Die leckeren Snacks mit viel Kalorien. Vielleicht gibt es in der Zukunft nur noch gesundes Essen, das nach nichts schmeckt. Kyley Bakker (25) Studentin Amersfoort, Holland

„Man kann die Zukunft nicht besser gestalten, wenn man immer nur an die Vergangenheit denkt“ 1. Ich möchte so viel von der Welt sehen wie möglich. 2. Nein. Wenn ich schon wüsste, ob ich meine Ziele erreiche oder nicht, dann würde ich nicht mehr so hart dafür arbeiten. 3. Teleportation. 4. Arbeitsplätze. 5. All die schöne Natur und die Kulturen der ganzen Welt. 6. Meine Kamera. 12


Da sein

Celina & Niclas Baumgartner (10 /  8 ) Schülerin  /  Schüler Rohrendorf bei Krems, Österreich

„Lerne für deine Zukunft!“

1. C: Lehrerin oder Polizistin zu werden. N: Profifußballer wie David Alaba zu werden. 2. C und N: Ja. 3. C: Dass künftig auch Mädchen und Frauen ab 14 Jahren in einer Fußball-Männerkampfmannschaft spielen dürfen. N: Kinderarbeit in armen Ländern abzuschaffen. 4. C und N: Wenn wir die Schule abgeschlossen haben. 5. C und N: Unsere Familie. 6. C: Meine Eltern, Schokolade und einen DVD-Spieler. N: Meine Eltern und das FC Bayern München-Trikot mit Fußball.

Kristy Fertig (42) Personalentwicklung Cheyenne, Wyoming, USA

„Mehr sein, mehr tun und mehr lieben als heute“ 1. Lang genug zu leben, um meine Enkelkinder kennenzulernen. Eine Hütte am See. Ein Job, in dem ich Karriere machen kann. 2. Nein. Es macht mehr Spaß, es nicht zu wissen. 3. Ich hätte gern einen „Rosie, the Robot“ (wie bei den Jetsons), der mein Haus sauber macht, damit ich mehr Zeit habe, um mit meinen Kindern zu spielen. Das Putzen nimmt mir die Zeit dafür weg. 4. Alles, was mit Technologie zu tun hat, wird besser sein. Aber ich glaube nicht, dass die Dinge genauso gut sein werden, wir werfen zu viel weg. 5. Beziehungen zu anderen Menschen. Ich habe das Ge­fühl, wir bewegen uns auseinander. Deswegen sind unsere Beziehungen nicht gut. 6. Meine Familie. Alles andere ist unwichtig. 13


Stern der Neugier Text Wolf Lotter

Die Neugier ist die Grundlage unserer Welt. Jede Investition in sie ist eine Investition in eine bessere Zukunft.

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Da sein

W

ie sehen sie aus, die Momente, in denen sich alles verändert? Welchem Gesetz folgen sie, die Ereignisse, nach denen alles anders ist als zuvor? Und, falls sich diese Momente, in denen das Alte geht und das Neue kommt, erkennen lassen, müssten sie sich dann nicht auch bestimmen lassen, berechnen, vorhersagen und damit auch planen? Das sind Fragen, die immer wieder gestellt werden, und die unsere Neu­gierde und unsere Fantasie ent­ flam­men. Doch gibt es darauf auch Antworten? Wer anfängt zu suchen, findet zunächst Überraschungen. Etwa jene, die in einem im Jahr 1927 veröffentlichten Bändchen des Insel Verlages in Leipzig steckt, ein dünnes Buch, das fünf kurze Geschichten des öster­reichischen Schriftstellers Stefan Zweig enthält. Nach seinem Tod 1942 wird der Verlag noch weitere hinzufügen. Den Kleinoden Zweigs ist eines gemein, die Beschreibung einer „dramatisch geballten“, „schick­salsträchtigen Stunde“, wie Zweig es nennt. Ein Moment , der von größ­ter Tragweite für den weiteren Verlauf der Geschichte war, Ereignisse also, die „selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte“ sind, „leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen.“ In Zweigs Erstausgabe der „Stern­ stunden der Menschheit“ ist es Napoleons Waterloo, Robert Scotts unglückliche Südpolexpedition von 1912, Goethes Marienbader Elegie, der kalifornische Gold­rausch und die Begnadigung Fjodor Dostojewskis, der, bereits zum Tode ver­ urteilt, in letzter Minute vor dem Erschießungskommando gerettet wird. In der erweiterten Ausgabe kommen dazu Geschichten wie jene des ersten Telegrafenkabels im Atlantik oder Lenins Fahrt in einem versiegelten Zug durch Deutschland nach Finn-

land, wo er die Revolution in Russland auslöst. Das Buch selbst ist zur Sternstunde geworden. Es gibt zahllose Abhandlungen über das Werk und seine Wirkung, die sich bis heute ungebrochen auf die Leser erstreckt. Man soll sich, wenn man sich auf die Su­che nach dem Wesen des Neuen, der Neugier und der Erneuerung be­gibt, ruhig diese Fragen stellen. Denn auf den ersten Blick ist das Konzept, mit dem Zweig arbeitet, kaum zu durchschauen. Da dämmert dem al­ternden Dichterfürsten, dass das junge Ding sich doch nicht für ihn erwärmen wird. Da bemerkt der eng­lische Südpolpionier, dass sein schärf­ster Konkurrent schon vor

Wer nach Gewissheit sucht, erfindet die Welt – und verändert sie im gleichen Augenblick ihm den Pol betreten hat. Was haben diese Geschichten miteinander zu tun? Was macht den Zauber der Stern­stunden aus? Es ist die Entdeckung, die Einsicht, die Erkenntnis. Ganz gleich, wie der Groschen fällt und wo, danach ist nichts mehr so wie vorher. Entdeckung, Einsicht und Erkenntnis – das bedeutet immer, dass Wissen geschaffen wird – und damit immer auch eine Gewissheit, dass etwas in unseren Augen so und nicht anders ist. Das ist der eigent­ liche Sinn des Wortes Erfindung: Wir finden Gewissheit, eine Einsicht, die zum Drehmoment unserer Entscheidung wird. Vor diesem Punkt sind wir

unsicher, ratlos, zerrissen, zweifelnd. Doch danach herrscht Klarheit. Wer nach Gewissheit sucht, erfindet die Welt – und verändert sie im gleichen Augenblick. Damit haben wir schon zwei Antworten gefunden: Sternstun­ den sind Einsichten, und die sind nicht immer erfreulich. Die Neugierde treibt uns zum wirklichen Leben, und das ist bekanntlich nicht immer ein Zuckerschlecken. Allerdings steigert sich mit jedem Schritt, mit dem wir unsere Umwelt und ihre Geheimnisse entschlüsseln, die Wahr­­scheinlichkeit, dass am Ende tat­ sächlich sehr viel Zucker für uns dabei her­auskommt. Es lohnt sich, neugierig zu sein, auch wenn es manchmal weh­tut. Die größten Erfinder der Menschheits­ge­schichte liegen sowieso im Dunkeln. Wer erfand das Rad? Wer den Hebel? Oder wer kam auf die fan­tastische Idee, Gedanken und Wissen, Einsichten und Erfahrungen unsterblich zu machen – durch Bilder und Sprache? Und wer war mutig genug, das erste Feuer aufzunehmen? Man muss sich diese Szene, die nach den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft gut zwei Millionen Jahre her sein muss, einmal vorstellen: Einer unserer Vorfahren erlebt ein böses Gewitter, Blitz und Donner. Ohne Schutz den Naturgewalten aus­gesetzt, hat er sich der Herausforderung gestellt, vor einem einschlagenden Blitz nicht ängstlich davonzulaufen. Vielleicht hat er das anfangs auch getan, aber er muss wieder­ gekommen sein, um das Ergebnis des Blitz­einschlags, vielleicht ein vom Blitz getroffener Baumstamm, zu begut­achten. Was war das? Was kann man damit machen? Sich wärmen, trocknen, schließlich auch Nahrung darin garen, was übrigens die Überlebenschance und die Entwicklung der Hominiden dramatisch verbesserte. All das geschieht nach der Einsicht, dass das Feuer einen Nutzen hat. Ein Mensch hat seine Angst überwunden. 15


Da sein

Er hat gezweifelt, dass Davonlaufen die einzig richtige Antwort auf den Blitz ist. Das ist eine Sternstunde. Platon wird lange danach die Grundlage allen menschlichen Geistes auf den Nenner bringen: Für ihn ist es das Staunen, das, was er griechisch „thaumazein“ nennt. Das Staunen gehört zu den wundervollen Ausläufern des Denkens. Im Gegensatz zu fast allen anderen Prozessen, die mit dem Erkennen in Verbindung stehen und, an das Gehirn gebunden, unsichtbar bleiben müssen, kann man das Stau­ nen sehen. Und am schönsten und klar­sten zeigt es sich im Gesicht eines Kindes. Etwas von Interesse geschieht, und da ist die Überraschung, die sich in Stirnrunzeln, in einem fragenden Blick, in weit geöffneten Augen zeigt und sich in ein Erstaunen verwandelt, den Stoff, aus dem die Neugier ist. Ab jetzt will der Mensch es wissen. Ab hier geht es voran, ganz gleich, ob man sich im Feuer, das ein Blitz entfacht hat, etwas braten will oder die Menschheit von der Abhängigkeit von fossilen Energien befreien möchte. Überraschung und Staunen sind zwei Grundlagen des menschlichen Denkens. Dazu kommt der bereits erwähnte Zweifel, eine Eigenschaft, die den meisten Menschen als negativ gilt. Erst der Zweifel aber sorgt für Unruhe, für Veränderung. Wer an etwas zweifelt, der stellt die bisherige Ordnung infrage, und die Folgen können ziemlich unangenehm sein. Wir dürfen die Zweifler an dieser Stelle nicht mit den Nörglern verwechseln, was allerdings oft geschieht. Der Nörgler ist mit den Verhältnissen unzufrieden, ohne sich der mühevollen Arbeit des Denkens und Hinterfragens wirklich hinzugeben. Dem Nörgler genügt das Nörgeln. Der Zweifler aber will Veränderung. Man kann das leicht ver­­wechseln, auch deshalb, weil Zweifler natürlich nicht stante pede mit einem vollen Warenkorb an 16

praktischen Innovationen daherkommen. Das genau aber verlangen von ihm all jene, die sowieso nichts ändern wollen – und sehr zufrieden sind mit dem, was ist – und alles andere für verwerflich halten. Das ist im kollek­tiven Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Alle großen Geschich­ten erzählen davon, dass das Zwei­feln und die Neugierde auch bestraft werden können – und zwar vom Establishment, von jenen also, welche die Macht haben. In der wohl deut­lichsten Form geschieht das mit

Ist es eine Sünde, etwas wissen zu wollen? dem Rauswurf von Adam und Eva aus dem Paradies, das Resultat der Neu­­gierde der beiden ersten Menschen, denen es nicht genügte, in einem Paradies zu leben, dessen Hin­ tergründe ihnen auf ewig verborgen bleiben mussten. Sie wollten wissen, wie der Apfel schmeckt – und bis heute gibt es keine schönere und klarere Geschichte über das Wesen der Entdeckung, im Guten wie im Schlechten. Immerhin: Wir haben es seither selbst in der Hand, durch heftiges Bezweifeln und neugie­riges Nachfragen unsere Sternstunden zu erschaffen. Am Beginn von Aufklärung und Moderne, im 17. Jahrhundert, in dem die Naturwissenschaften und die Vernunft den alten Aberglauben und die Angst der Menschen vor der ei­genen Courage langsam, aber unauf­haltsam kleiner machen, legt der große Mathematiker und Philosoph René Descartes die Marschrichtung fest: „Der Zweifel ist der Weisheit Anfang.“ Das gilt für alle, für jeden. Es ist sozusagen die ex post festgestellte Erkenntnisformel des

sogenannten Sündenfalls. Ein interes­santes Wort. Ist es eine Sünde, etwas wissen zu wollen? Jede Erkenntnis, jede Innovation trägt den Keim einer Revolution in sich. „Neugierde ist das Streben nach Wissen, das sich nicht rechtfertigen muss“, hat der Philosoph Konrad Paul Liessmann im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ gesagt. Mit anderen Worten: Nichts und niemand kann die Neugier – und damit die Veränderung – verhindern. Man kann sie bes­tenfalls bekämpfen und verzögern. Und natürlich machen davon die Ge­brauch, die ihre Macht durch die In­novation und die Veränderung bedroht sehen. Die Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, verändert die Sicht auf die Welt und ihre Dinge so grund­legend, dass danach nichts mehr so ist wie zuvor. Das Zeitalter der Aufklä­rung macht die Leidenschaft an der Neugier, das Naschen vom Baum der Erkenntnis, zum Geschäftsmodell. Im Englischen heißt Aufklärung Enlight­enment, also Erleuchtung. Eine schö­ne Entsprechung zu dem, was passiert, wenn man der Nacht der Vergänglichkeit neugierig und staunend ent­flieht. Es ist das große Zeitalter der Innovation, der Erfindung. Das ist jedoch nicht allein möglich, weil Menschen überrascht werden, staunen und zweifeln und dann nachdenken, wie es auch anders gehen könnte. Da fehlt noch etwas. Es ist der Nutzen. Erfindungen und Innovationen sind nicht einfach Brüche mit dem Be­ stehenden, weil einem sonst langweilig werden würde – obwohl auch das, wie die Verhaltensforschung be­reits in den 1960er Jahren festge­stellt hat, durchaus als Motiv für zweifelndes Voranstreben dienen kann. Der wichtigste Grund ist und bleibt aber die Hoffnung, dass durch die Lösung eines Problems, denn so kann man Innovation, Erneuerung ja auch sehen, etwas Besseres


Da sein

nachkommt. Das klingt angesichts der Geschichte mit dem Paradies ein bisschen ver­messen. Aber vielleicht wollten Adam und Eva nicht nur alles haben, was sie sich vorstellen konnten, sondern darüber auch noch frei und nach eigenem Gutdünken verfügen. Überraschung, Neugier und Staunen sorgten dafür, dass sich allein in den vergangenen 200 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung verdrei-

Schauen wir nach vorn und auch ein bisschen nach oben, statt betrübt den Kopf zu senken facht hat. Dass der Wohlstand enorm gestiegen ist. Dass – trotz aller noch herrschenden Probleme – die Lage der Menschheit besser und besser wird. Das ist die Mechanik der Innovation. Mag sein, dass sie nur funktioniert, weil Menschen neugierig sind, einfach so. Aber diese Neugier nützt anderen. Jede neue Idee ver­ bessert die Lage der Menschheit. Selbst jene, die wir nicht aufgreifen oder wieder zur Seite legen, weil auch die Erkenntnis, dass es Irrwege gibt, die Suche nach der besseren Lösung leichter macht. Der pragmatische Nutzen von Innovationen wird heute leicht vergessen, vielleicht auch deshalb, weil wir von dem gewaltigen Schub an Erfindungen und Einsichten seit der Aufklärung so profitiert haben, dass viele es gar nicht mehr nötig haben, darüber nach­zudenken, wie es uns besser gehen könnte. Die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte herrschten Armut, Mangel und Not. Technischer und sozialer

Fortschritt, Innovation und Erfindergeist haben entscheidend zur Ver­ besserung unserer Lage beigetragen. Vom österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter stammt der be­rühmte Begriff der „kreativen Zerstörung“, mit der er den Grundimpuls aller Innovation beschreibt: Sie zerstört das Alte, damit das Neue Platz hat – aber unterm Strich wird immer mehr geschaffen als kaputtgemacht. Allerdings hat Schumpeter auch festgestellt, dass der Erfolg wirtschaft­licher und technischer Systeme Menschen hervorbringt, die sich nicht mehr darüber im Klaren sind, dass sie diesem Prozess der Innovation und des Unternehmerischen ihren Wohlstand verdanken. In der wohlha­ benden Konsumgesellschaft können wir das seit Langem beobachten. Of­fensichtlich frisst nicht nur die Re­vo­lu­tion ihre Kinder – das ganze funktioniert auch umgekehrt. Wir irren uns. Und nörgeln zu viel, an­statt konstruktiv zu zweifeln. Das ist ein Verdauungsproblem. Der Kopf hat damit nichts zu schaffen. Haben wir schon so viel, dass wir nichts mehr erfinden müssen? Verblasst der Stern der Innovation? Ist er, wie echte Sonnen, so groß ge­wor­den, dass er unter der eigenen Last zusammenfällt? Keine Angst. Menschen werden weiterhin staunen, bleiben neugierig, haben Fragen, immer mehr, als es Antworten darauf gibt. Ganz bestimmt wird das 21. Jahrhundert zu einer Ära großer Ent­de­ckungen, die mit jener der indus­triellen Revolution, ja vielleicht sogar dem Mut, ohne Angst zum Feuer zu gehen, vergleichbar sind. Vielleicht hören wir nur auf, alles als Problem zu definieren, insbesondere die Zukunft. Technik und Fort­schritt können nicht alle unsere Fra­gen beantworten, aber eine ganze Menge. Und mit Sicherheit sorgen sie auch dafür, dass wir weiterhin Antworten auf offene Fragen bekom­ men. Unterdessen sollten wir ler­­nen,

mit unserer guten Welt umzugehen, ohne Zufriedenheit mit Sattheit zu ver­wechseln. Wir leben zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte in einer Welt, in der Vielfalt und Überfluss zur Nor­malität gehören. Unsere Vorfahren mussten sich, anders als wir, nicht zwischen vielfältigen Angeboten entscheiden. Wir lernen erst heute mit Komplexität und Vielheit umzugehen. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen immer ge­ nauer auf sie abgestimmte Prob­ lemlösungen erwarten, und selbst dazu beitragen, dass es zu sol­chen Erkenntnissen kommt. Vielleicht werden weniger Massenprodukte erfunden. Dafür wird mehr Selbst­verwirklichung erreicht. Er­findungen, bei denen wir Antworten auf unsere persönlichen Fragen bekommen und mit denen wir lernen, Veränderungen für uns selbst nicht als Bedrohung zu verstehen, sondern als Zugewinn an Möglichkeiten. Schauen wir nach vorn und auch ein bisschen nach oben, statt betrübt den Kopf zu senken. Da sind viele Ster­ne, es reicht für alle.

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Da sein

Bestseller ohne Verlag Text Cássia Martins  Fotos Cássia Martins

„Born in Rio“ von Cássia Martins

W

as passiert wohl, wenn eine Bankkauffrau aus New York ihr Leben in Man­ hattan hinter sich lässt, um sich auf eine ungewisse Zukunft in Brasilien einzulassen? Das ist die Ge­schichte, die ich erzählen wollte. Da ich einen Abschluss in Wirtschaft und einen MBA der Wharton Business School besitze, war ich beruflich im Finanzsektor tätig. Trotzdem wollte ich immer schon ein Buch schreiben – dass tatsächlich ein Roman von mir veröffentlich wird, hätte ich lange Zeit nicht zu träumen gewagt … Glücklicherweise hat sich die Situation geändert, seitdem es die Möglichkeit 18

Cássia Martins

gibt, in Eigenverlagen, sogenannten Self-Publishing-Diensten, zu veröffentlichen. Vor drei Jahren begann ich, einen Roman zu schreiben, der in Rio de Janeiro spielt. Innerhalb eines Jahres gelang es mir, mein Buch „Born in Rio“ weltweit zu veröffentlichen. Nach zahlreichen guten Rezensionen erhielt ich letzten Mai den Brazilian International Press Awards für Literatur. „Born in Rio“ erzählt die Geschichte von Rita Ray, einer Frau mit einem lukrativen Job im Finanzsektor, die nach Brasilien zurückkehrt, um herauszufinden, warum ihre Mutter

mit ihr in die USA auswanderte, als sie noch ein Kind war. In der Geschichte entdeckt Rita mehr und mehr ihre brasilianischen Wurzeln. Mein Ziel war es, den Leser mit einer gut konzipierten Handlung und spannenden Beschreibungen der brasilianischen Kultur zu unterhalten. Bei der Arbeit an „Born in Rio“ habe ich meine Ideen nicht nur aus meiner eigenen Geschichte als Frau brasilianischer Herkunft in den USA geschöpft, sondern wurde auch stark von meiner Arbeit im Finanzsektor beeinflusst. Ich war fest entschlos­sen, den Roman zu veröffentlichen und Ritas Geschichte zum Leben zu

„Born in Rio“ von Cássia Martins. Veröffentlicht bei: CreateSpace Independent Publishing Platform

Eine Erfolgsgeschichte.


Da sein

erwecken. Dabei habe ich von Anfang an sowohl die kreativen als auch die geschäftlichen Arbeitsprozesse des Buches persönlich betreut. Ich habe immer an meine Geschichte geglaubt – dabei war ich Autorin und Unternehmerin zugleich. Und genau darum geht es beim Self-Publishing. In der Vergangenheit erreichten Bücher ihre Leser nur über traditio­ nelle Verlage. In den USA benö­-­ tigten Autoren einen Agenten, um ihre Arbeit bekannt zu machen. Selbst wenn man einen Agenten ge­funden hatte, konnte es Jahre dau­ern, bis ein Verleger gefunden wurde, der das Buch veröffentlichen wollte. Die Manuskripte unbekannter Autoren, insbesondere derjenigen, die keine professionellen Schriftsteller waren, blieben dabei meistens in der Schublade liegen. Durch Self-Publishing können nun Menschen ihren Traum verwirklichen und einfach selbst ein Buch veröffentlichen. So erreichen Bücher ihre Leser, ohne an einem literarischen Türsteher vorbei zu müssen. Mir war wichtig, dass meine Ge­ schichte so schnell wie möglich möglichst viele Menschen erreicht – und zwar überall auf der Welt. Außerdem wollte ich die Kontrolle über das Marketing selbst behalten und höhere Tantiemen sowie geringere Kosten gewährleisten. Diese Ziele habe ich erreicht, indem ich mein Buch auf den Amazon-Plattformen für unabhängige Autoren „CreateSpace“ und „Kindle Direct Publishing“ veröffentlicht habe. Physische Kopien meines Buches werden gedruckt, sobald sie verkauft sind; dieses System ist auch als „Print-on-Demand“ bekannt. Dadurch werden Inventar- und Versandkosten reduziert. Die elektronische Version des Buchs kann online gekauft werden und ist sofort nach dem Erwerb auf einem Computer oder einem Lesegerät verfügbar. Ich bestimme den Preis, aber ich werde nur bezahlt, wenn meine Bücher verkauft

werden. Das kann für den Autor sehr gut funktionieren – wenn er fleißig arbeitet. Es ist nicht einfach, gleichzeitig die Rolle des Verlegers und die des Schriftstellers einzunehmen. Ein Autor muss ein Buch wie ein kleines Unternehmen behandeln: professionell gestaltete und gut geschriebene Inhalte, Investitionen in Marketing

„Einen Roman zu veröffentlichen, war wie ein Traum“ und Impulse sind nötig, damit eine breite Öffentlichkeit auf das Buch auf­merksam wird. Aber die Arbeit lohnt sich. Viele Autoren werden von großen Verlagen entdeckt, nachdem sie ein Buch in Eigenregie veröffentlicht haben. Da wäre beispielsweise Darcie Chan, die Autorin von „The Mill River Recluse“. Nachdem sie jahrelang ver­sucht hatte, ihr Werk auf herkömmlichem Weg zu veröffentlichen, beschloss Frau Chan, ihr Buch im elektronischen Format zu publizie­ren. Sie kaufte einige Inserate auf Webseiten von E-Book-Readern, ließ ihr Buch professionell lektorieren und verkaufte es für nur neunundneunzig Cent pro E-Book-Ausgabe. Innerhalb von wenigen Monaten stand ihr E-Book gemeinsam mit tra-­ ditionell veröffentlichten Büchern auf vielen Bestsellerlisten. Für ihren zweiten Roman hat sie einen Vertrag mit einem großen New Yorker Ver-­ lag abgeschlossen. Aber nicht nur Bücher werden von den Urhebern selbst veröffentlicht. Auch junge Musiker können ohne die Hilfe eines professionellen Managements sensationelle Erfolge auf YouTube oder iTunes erzielen. Justin Bieber begann seine Karriere

auf diese Weise. Gleiches gilt für Macklemore: Er ist der erste Musiker, dem es seit 1994 gelungen ist, ohne die Unterstützung eines Major Labels die Spitze der US-amerikanischen Charts zu erobern. In der digitalen Ära können unabhängige Künstler das Publikum direkt von ihren Leistungen und ihrem Talent überzeugen. Diese Entwicklung findet auch in der wach­senden Anzahl von Künstlern Ausdruck, die es im Selbstverlag auf die Bestsellerlisten schaffen. Ich beteilige mich an einer ganzen Reihe von Initiativen. Dabei behalte ich immer ihre langfristige Nach­ haltigkeit und die kommenden Trends in diesem neuen Verlagswesen im Auge. Die Zukunft des Self-Publishings liegt in der Fähigkeit der Autoren, eigene Nischen zu finden, in neue Märkte zu expandieren, Bezie­hungen zu ihren Fans aufzubauen und innovative Inhalte zu schaffen. Bisher kam „Born in Rio“ bei den Lesern gut an. Der Rummel um das Buch hat den Absatz gefördert. Aber auf einem sich ständig wandelnden Markt muss ich immer neue Wege finden, um mich abzuheben und eine langfristige Beziehung zu meinen Lesern aufzubauen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass nicht nur Aktivitäten im Bereich soziale Medien und Werbung zum Erfolg führen, sondern auch das Engagement vor Ort. Der Kontakt zu Buchhandlungen und Bibliotheken, kulturellen Organisationen und Bildungseinrichtungen hat mir geholfen, Leser persönlich anzusprechen und meine Präsenz als Autorin und Geschichtenerzählerin zu etablieren. Erfolg bedeutet, an sich selbst zu glauben und die Kunst des Geschichtenerzählens zu lieben. Gerade auch in Medien, die sich rasch weiterentwickeln. Mein Ziel ist es, andere Menschen anzusprechen, positiv auf sie einzuwirken und eine nachhaltige Zukunft für all die Ge­schichten zu schaffen, die noch erzählt werden wollen. 19


Wer hätte das gedacht? Texte Björn Lüdtke  Fotos Erik Pendzich, José Ignacio Unanue

Viele von uns wissen schon als Kind, was sie als Erwachsener gerne sein wollen. Was wir dann tatsächlich werden, steht oft auf einem anderen Blatt — das ist bei bekannten Persönlichkeiten auch nicht anders. Wir haben uns drei Karrieren und deren Richtungswechsel einmal genauer angeschaut.

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© josi  /   D emotix  /   C orbis

Da sein

Kochen statt Jura — Gastón Acurio Eigentlich hätte Gastón Acurio in die Fußstapfen seines Vaters treten sollen. Der Sohn hat zwar auch das Studium der Rechtswissenschaften angefangen, aber nach einer Weile lieber eine Kochschule besucht – allerdings ohne seinen Eltern davon zu erzählen. Heute übersieht er ein regelrechtes Gastronomie-Imperium und nutz seinen Einfluss, um die Entwicklung von Peru voranzutreiben. In seiner eigenen Kochschule bildet er aus und konnte so bisher sage und schreibe 80.000 jungen Menschen Aussicht auf eine bessere Zukunft geben. Seine Eltern dürften ihm seine kleine Notlüge inzwischen verziehen haben. 21


Da sein

Roter Teppich statt Zähne ziehen — Sofia Vergara Sofia Vergara wollte immer schon Zahnärztin werden, aber irgendwie hat man sie nicht gelassen. Mit 17 Jahren spaziert sie am Strand ihrer Heimatstadt in Kolumbien entlang und wird als Model entdeckt. Ihr Aussehen dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass sie mit 18 Jahren recht schnell heiratet und einen Sohn bekommt. Mit 22 lässt sich Sofia wieder scheiden und wittert endlich ihre Chance. Sie fängt an, Zahnmedizin zu studieren. Aber auch dieses Mal stehen ihr Talent und Aussehen im Weg: Hollywood lockt und sie bricht das Studium ab. Warum sie nachgegeben hat? Das Geld wäre zu verlockend gewesen. 22


links & rechts © Erik Pendzich  /   D emotix  /   C orbis

Da sein

Von Bollywood ins Parlament — Amitabh Bachchan Obwohl der inzwischen zur Legende gewordene Amitabh Bachchan schüchtern ist, überwindet er sich und verfolgt eine Karriere als Schauspieler. Mit 27 Jahren dreht er seinen ersten Film, zum Kassenschlager wird der Inder nur wenige Jahre später. Das ändert sich allerdings mit einem Unfall bei einem Dreh. Der Schauspieler überlebt, kann aber nach demVorfall nicht an vergangene Erfolge anknüpfen. Anstatt zu verzagen entschließt sich Bachchan, in die Politik zu gehen, und gewinnt im Alter von 41 Jahren sogar einen Sitz im Parlament. Um die Jahrtausendwende gelingt ihm ein Comeback auf der Leinwand. 23


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Vorausdenken Bewegung schaffen und mit Energie versorgen

Wir treiben Entwicklungen voran – offen gegenüber Neuem und mit der Neugier des Forschenden denken wir visionär und weit über das Bestehende hinaus. Einfallsreichtum prägt unsere Produkte und Prozesse genauso wie die Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Denn nichts ist so gut, als dass wir es nicht noch verbessern könnten.

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Stadt der Zukunft Von der grünen Idee zum Architekturwunder.

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Energie — die treibende Kraft Innovationen für die Welt von morgen.

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Auf die Plätze, fertig, Stau! Feierabendverkehr in Mexiko-Stadt, Lagos und Seoul —  unsere Reporter vor Ort.

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Fünf Länder, eine Zukunft? Geld ist nicht alles — vom Bruttonationaleinkommen zum Bruttonationalglück.

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Wenn Züge fliegen könnten Das Schweizer Projekt Clip-Air will Zügen Flügel verleihen.

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Vorausdenken

Stadt der Zukunft Text Anne Kammerzelt, André Uhl Renderings Vincent Callebaut Architectures

Von der grünen Idee zum Architekturwunder.

D

ie Stadt der Zukunft hat viele Gesichter. Ebenso vielfältig sind auch die Herausforderungen, die sie für ihre Einwohner meistern muss. Schon heute wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in den Städten dieser Welt, 2050 werden es voraussichtlich mehr als zwei Drittel sein. Architekten, Stadt­ planer und Ingenieure arbeiten mit Hochdruck an innovativen und nach­ haltigen Konzepten, um der steig­ en­den Nachfrage nach Wohnraum ge­recht zu werden. Eine der spannendsten Fragen in der Metropolenforschung lautet daher: Wie wer­den wir in Zukunft wohnen? Das Symbol für architektonische Super­lativen ist der Burj Khalifa in Dubai. Mit seinen 828 Metern und mehr als 160 Stockwerken ist er das höchste Gebäude der Welt. Noch, 26

müsste man vielleicht hinzufügen, denn es bestehen bereits Pläne, die Ein-Kilometer-Marke mit einem

„Was wir beobachten werden, ist eine Revolution im Wohnungsbau, im Ingenieurwesen und in der Architektur“ neuen Gebäude zu durchbrechen – womit auch der Begriff des Wolkenkratzers überholt wäre. In Zukunft könnte die Stadtbevölkerung sogar

in künstlich errichteten „Himmelsstädten“ leben, zumindest wenn man einigen Forschern Glauben schen­ken möchte. Andere Architekten setzen auf Verdichtung, um Wohnraum zu schaf­fen, oder gehen davon aus, dass wir zu­künftig tief unter der Erdoberfläche wohnen werden. Die Szenarien sind so unterschiedlich wie die Bedingun­gen in den Metropolen dieser Erde. Doch in einer Sache sind sich die Experten einig: Die Stadt der Zukunft muss ökologisch nachhaltig und ener­­gieeffizient sein. „Was wir bald beobachten werden, ist eine Revolution im Wohnungsbau, im Ingenieurwesen und in der Architektur“, meint Saskia Sassen, Stadtsoziologin an der Columbia University in New York. Und wie bei jeder Revolution braucht es mutige


Vorausdenken

© Vincent Callebaut Architectures SARL

Nachhaltige Monolithen für ein ländliches Leben in der Stadt

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Vorausdenken

Pioniere, die eine bahnbrechende Idee haben und damit anderen Men­schen den Weg ebnen. Dickson Despommier ist so ein Pionier. Seine Idee des Vertical Farming entwickelte der amerikanische Mikrobio­loge, Ökologe und Professor für Public Health bereits 1999 zusammen mit seinen Studenten. Doch erst in den letzten Jahren wurde Architekten und Stadtplanern klar, wie zukunftsweisend Despommiers Vorstellungen tatsächlich sind, und einige renommierte Architekten greifen diese Idee nun auf. Das Konzept ist einfach: Um in großen Ballungsräumen Millionen von Menschen zu ernähren, sollen mehrere Ebenen von Hochhäusern als eine Art Gewächshaus dienen. Diese Ebenen werden nochmals in Schichten unterteilt, in denen verschiedene Obst- und Gemüsearten von Toma­ten über Erdbeeren bis zu Kartoffeln an­gepflanzt werden. Angeschlossen an das Hochhaus ist ein Gebäude, in dem die Qualität der Saat kontrolliert wird. So werden alle landwirtschaftlichen Schritte, vom Anpflanzen über die Wachstumskontrolle bis hin zur Ernte, innerhalb des Gebäudekomplexes durchgeführt, Wasser und Nähr­stoffe werden recycelt – ein MiniÖkosystem mitten in New York oder anderen Metropolen. Die Effekte wären äußerst positiv, und zwar in mehr als einer Hinsicht: eine bessere Öko­bilanz aufgrund kürzerer Transport­ wege der Nahrungsmittel, neue Ar­ten der Beschäftigung in der Stadt, Menschen, die ein natürlicheres Ver­hältnis zu ihren Nahrungsmitteln entwickeln. „Ich kann mir keinen einzigen negativen Effekt von Vertical Farming vorstellen“, so Despommier. Der Belgier Vincent Callebaut gehört zu den jungen, innovativen Architekten, die das Konzept des Vertical Farming selbstbewusst weiterdenken. Das Time Magazine bezeichnete den neuen Star der „Eco-Architecture“Szene bereits als einen der größten 28

Öko-Visionäre unserer Zeit. Callebaut geht mit seinem Konzept der „Farmscraper“ einen Schritt wei­ter als Despommier. In seinem Entwurf „Asian Cairns“ plant er den Bau eines Hochhauskomplexes für die chinesische Megastadt Shenzen, in dem Ackerflächen und Gewächshäuser die Bewohner mit Gemüse, Salat und Obst versorgen, weitläufige Parks die Menschen zur Erholung einladen und die Stromversorgung autark durch Wind- und Solarenergie

Ein Mini-Ökosystem mitten in New York oder anderen Metropolen erfolgt. Äußerlich erinnern die Türme an flach aufeinandergestapelte Kieselsteine. Der Grund für dieses futuristische Erscheinungsbild ist jedoch pragmatisch: Das aus der Bionik stammende Prinzip der umgekehrten Beziehung von Dichte und Energieverbrauch wird durch die ovale Form perfekt ausgenutzt. Beschleunigte Urbanisierung, zunehmender CO2-  Ausstoß und ein rasantes Bevölkerungswachstum in Chinas Metropolen sind die Herausforderun­gen, auf die Callebaut mit seinem Ent­wurf eine Antwort geben möchte. „Asian Cairns“ sieht der 36-jährige Belgier daher als mögliches Vorbild zukünftiger Entwürfe: „Es ist ein Pro­totyp für die grüne, dichte und intel­ ligente Stadt mit technologischer Ver­netzung und biotechnologischem Design“, so Callebaut. Was geschieht, wenn man das Prinzip von Verdichtung, funktioneller Durchmischung und Streben nach oben konsequent weiterdenkt? Nun, man könnte zu dem Schluss kommen, dass nicht nur einzelne

„Farmscraper“, sondern mit der Zeit ganze Stadtbereiche in die Höhe wachsen. Der Schweizer Architek­tur­professor Matthias Kohler von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist davon überzeugt, dass genau dies in den Städten der Zukunft geschehen wird. Für sein Konzept der vertikalen Stadt hat Kohler ein System sogenannter nutzungsoffener Gebäudemodule ent­wickelt, das heißt, das Innere dieser Module ist absolut flexibel gestaltbar. Ein Modul kann zwischen einer und bis zu drei Etagen enthalten, immer wieder an neue Anwendungen ange­passt werden und so die unterschiedlichsten Funktionen erfüllen. Wohnungen, Büros, Arztpraxen, Kinder­ garten oder Supermarkt – alles ist denkbar. Im Inneren können öffentliche Doppelebenen eingebaut und über Lifte und Rolltreppen miteinander verbunden werden. Dort befinden sich Parks, Einkaufszonen und Cafés, die alle zu Fuß erreichbar sein sollen. Nach den Vorstellungen des Schweizer Professors entstünden so komplett energieautarke, 600 Meter hohe vertikale Städte als Lebensraum für 30.000 Menschen. Beim Bau behilflich wären autonome Flugroboter, welche die Module in gewünschter Anordnung übereinander stapeln. Der österreichische Bauunternehmer Hubert Rhomberg und der kanadische Architekt Michael Green setzen bei ihrem Konzept hingegen ganz auf nachwachsende Rohstoffe. Die bei­den haben ein Stecksystem für Hochhäuser aus Holz entwickelt, detaillierte Pläne für zwei 30-geschossige Holzbauten in Vancouver und New York liegen bereits vor. Laut der Internationalen Energieagentur käme es der Umwelt zugute, wenn künftig mehr Hochhäuser aus Holz gebaut werden würden. Bei der Herstellung von zehn Kilogramm Zement wer­den bis zu neun Kilogramm CO2 frei­gesetzt. Holz dagegen entzieht


Vorausdenken

Schwimmende Ökopolis für Klimaflüchtlinge

© Vincent Callebaut Architectures SARL

der Atmosphäre Kohlendioxid und speichert es in Form von Kohlenstoff.

In den nächsten hundert Jahren werden wir neue ökologische Lösungen für die Architektur finden Mitchell Joachim, MIT-Absolvent und Professor für Architektur an der New York University, ist sich sicher: „In den nächsten hundert Jahren werden wir

neue ökologische Lösungen für die Architektur finden.“ Joachim ist ein Utopist im besten Sinne. Er versucht, die Prinzipien der Sozioökologie auf Städtebau, Trans­port und Umweltplanung anzuwenden. Eine seiner Visionen be­steht darin, Häuser und Wohnungen zu 100 Prozent aus organischen Baustoffen zu entwickeln, mit dem Er­gebnis, mehrstöckige lebende Baumhäuser zu erhalten. Die Idee klingt verrückt, doch Joachim stützt sich auf altbewährte Methoden aus der Landwirtschaft, wie zum Beispiel der Veredelung von Bäumen. Bei der sogenannten Kopulationsmethode werden die Triebe verschiedener Baumarten, zum Beispiel eines Apfel- und eines Birnbaumes, durch ein Harzgemisch an die Triebe des jeweils anderen Baumes gesetzt.

So wird ihnen eine bestimmte Struk­tur auferlegt, in der sie wachsen – etwa die eines Hauses. Positive Neben­effekte: Durch die natürliche Sauerstoffproduktion des Baumes kann der Luftverschmutzung in den Städten entgegengewirkt werden. Zudem bie­tet der Baum auch anderen kleinen Lebewesen im Außenbereich einen Lebensraum. „Die Technologien sind längst da, wir könnten gestern an­ fangen“, so Joachim. Manche der genannten Ideen tragen noch den Charakter von Utopien, die zum Umdenken anregen und Diskussionen entfachen, andere Konzepte stehen kurz vor der Umsetzung. Klar ist: Dank Kreativität, Neugier und Erfindungsgeist ist der Grundstein für ein nachhaltiges Leben in der Stadt der Zukunft gelegt. 29


Vorausdenken

Energie — die treibende Kraft Text Marq de Villiers  Fotos FernandoAH, Ashley Cooper, Ken Welsh, num_skyman  Illustration Mathis Rekowski

Innovationen für die Welt von morgen.

D

ie Herausforderungen bei der globalen Energieversorgung sind klar – die Schwierigkeit liegt darin, sie zu meistern. Dabei geht es zunächst um drei simple Fra­gen: Wie viel Energie ist notwendig, wie soll sie erzeugt werden und wo soll das geschehen? Dringt man etwas tiefer in das Thema ein, schließen sich allerdings schnell weitere Fragen an: Wie gehen wir mit fossilen Brennstoffen und den von ihnen ver­ ursachten Emissionen um? Welche Rolle soll Kernkraft zukünftig spielen? Welche Rolle spielen erneuerbare Energien im Energiemix? Wie kann das Stromnetz einem steigenden Bedarf gerecht werden? Und wie lässt sich das alles finanzieren? Die Energiesituation befindet sich in einem raschen Wandel, was die Beantwortung dieser Fragen nicht ein­facher macht. Vor sechs Jahren diskutierten Wissenschaftler über das sogenannte „Peak Oil", also darüber, wann die Erdölvorräte enden und was danach passieren soll. Heute führen die USA Erdöl nicht mehr in großen 30

Mengen aus dem Ausland ein. Sie exportieren es. Neue Technologien wie das Fracking ermöglichen die Förderung von Brennstoffen an Standorten, wo dies früher undenkbar war. Zusätzlich wurde verwertbares, aber gefährlich instabiles Methanhydrat in Mengen entdeckt, welche die Energiesicherheit für mehrere

Welcher ist der beste Weg und wie kann er umgesetzt werden? Jahrhunderte gewährleisten könnten. Ressourcenknappheit ist also weniger das Thema. Die Frage ist vielmehr: Inwieweit destabilisieren fossile Brennstoffe das Klima? Ein zweites Beispiel ist die Kern­kraft, die noch vor wenigen Jahren ein großes Comeback zu feiern schien. Viele namhafte Umweltschützer, darunter

auch ein Gründungsmitglied von Greenpeace, argumentierten, ein umfassender Einsatz von Kernkraft sei besser und sicherer als Kohle oder Öl. Die neu entwickelten Reaktortypen waren kleiner, sicherer, preisgünstiger und modular gestaltet. Dann passierte die Katastrophe in Fukushima, die einen panikartigen Rückzug auslöste, mit Deutschland an der Spitze. Ein drittes Beispiel ist die veränderte Haltung zu erneuerbaren Energien. Die Überzeugung, die Energieerzeugung aus alternativen Energiequellen wie Sonne, Wind oder Wasser könne derart gesteigert werden, dass sie fossile Brennstoffe vollständig ersetzen, trifft auf wachsende Skepsis. Erneuerbare Energieträger haben einen nur geringen Anteil am gesamten Energiemix und das wird sich in naher Zukunft voraussichtlich nicht ändern. 2010 betrug der weltweite Energiehaushalt etwa 15,5 Terawatt oder 15.500 Gigawatt. Fossile Brennstoffe wie Erdöl, Gas und Kohle machten über 13 TW aus, Wasser- und Kernkraft jeweils weniger als 1 TW


Vorausdenken

und alles andere – Erdwärme, Wind-, Solar- und Meeresenergie – ein knappes Fünftel eines Terawatts. 80 Prozent unserer Energie werden also noch immer aus fossilen Energieträgern gewonnen, Kernkraft und Wasserkraft liegen weit abgeschlagen dahinter. Die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Energieträgern wächst zwar rasant, allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. Die US-amerikanische Energy Information Administration erwartet zwischen 2010 und 2040 einen Anstieg des Verbrauchs um 56 Pro­­zent auf ungefähr 25 Terawatt. Die Frage ist nur: Wie soll der stei­gende Bedarf gedeckt werden? Das po­ litische Ziel sollte eine belast­­bare Mischung unterschiedlicher her­kömmlicher und experimenteller

Technologien sein, wobei die Bedeutung von fossilen Energieträgern konstant zurückgeht. Ein möglicher Weg könnte so aussehen: Zuerst müssen alle Verkehrsmittel von fossilen Kraftstoffen auf Elektroantriebe umgestellt werden, was einen Ausbau des Stromnetzes erfordert. Das ist der Ausgangspunkt, selbst wenn ein Großteil des Stroms immer noch durch Kohle erzeugt wird. Dabei werden hohe Kosten anfallen, alleine in Europa in der Größenordnung von bis zu einer Billion Euro. Das amerikanische Stromnetz befindet sich in einem noch schlechteren Zustand. Über die neuen Hochspannungsleitungen sollte effizienterer Gleichstrom anstatt Wechselstrom geleitet werden. In den Haushalten sollten dagegen intelligente Stromzähler die Norm sein.

Ein so gestaltetes Netz kann sowohl dezentral erzeugte Strommengen als auch Strom aus Großanlagen wie Windparks befördern. Gleichzeitig

Das Ziel sollte ein belastbarer Technologiemix sein können Stadtviertel, Wohnanlagen oder sogar Inhaber von Gebäuden mit positiver Energiebilanz den von ihnen erzeugten Strom einspeisen. Das gilt nicht nur für die häufigsten Formen der alternativen Energie­ träger wie Sonne und Wind, sondern auch für kleine Erdgaskraftwerke, die

© FernandoAH

Solarkollektoren

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Vorausdenken

Algenzuchtanlage zur Herstellung von Ethanol und Biodiesel

ein oder zwei Megawatt produzie­ren, für Kraft-Wärme-Kopp­lungs-Kraftwerke, die industrielle Abwärme in Strom verwandeln, und sogar für Kleinreaktoranlagen. Ein zusätzlicher Vorteil ist neben der Flexibilität auch die höhere Zuverlässigkeit des Netzes, das weniger anfällig für Unfälle oder Sabotage wäre. Ein offenes Netz böte auch Privathaushalten, Unternehmen und sogar Schulen die Möglichkeit, Strom zu erzeugen und die überschüssigen Mengen ins Netz einzuspeisen. Europa bewegt sich bereits genau in diese Richtung. Gleichzeitig müssen wir die Effizienz erhöhen und darauf bestehen, dass alle Gebäude energieneutral werden – oder sogar eine positive Energiebilanz aufweisen, um die Nachfrage insgesamt zu senken. Eine zentrale Frage dreht sich dabei um die Energiespeicherung, wo bereits heute sehr viel getan wird. Dem kalifornischen Unternehmen LightSail gelang es beispielsweise, durch Druckluftsysteme einen Wirkungsgrad von 70 Prozent beim Speichern von Energie zu erzielen. Wenn dieser Wirkungsgrad konsequent und im großen Stil umgesetzt werden könnte, 34

wäre er der entscheidende Faktor. Wasserstoff ist eine weitere wichtige Speichertechnologie, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Umwandlung effizienter gelöst werden kann. Gleichzeitig muss die Grundlagenforschung für andere Alternativen stärker gefördert werden. Auch Biomasse könnte potenziell mehr Nachfrage befriedigen. Gleiches gilt für die neuen Biotreibstoffe. Erdwärme könnte zumindest in geologisch aktiven Gegenden einen weiteren Anteil abdecken. Mit Wasserkraft wird derzeit ein Fünftel des weltweiten Stroms erzeugt. Dieser Anteil könnte verdoppelt werden, wenn Umweltschützer ihre Vorbehalte gegen Dämme aufgäben. Auch Gezeitenkraft könnte einen Beitrag leisten. Die Be­ deu­tung von Wind- und Solarenergie wird weiterhin zunehmen und könnte möglicherweise bis zu einem Viertel des weltweiten Strombedarfs abdecken.

Wir müssen die Grundlagenforschung für andere Alternativen fördern Die Technologien zur Gewinnung von Solarenergie haben große Fortschritte gemacht. Das Projekt Desertec, mit dem große Strommengen in der Sahara produziert und nach Europa exportiert werden sollten und das als „erstes Megaprojekt des Solarzeitalters“ galt, scheiterte zwar an privaten Machtkämpfen und unklaren politischen Botschaften. Dagegen hat Indien eine „nationale Solarmission“ verabschiedet, mit der die bisher erzeugten drei MW auf 20 GW

klettern würden. Durch diesen Quantensprung könnte ein Sechstel des nationalen Stromverbrauchs gedeckt werden. Seit 2013 wird in der Nähe des Sambhar-Sees bei Jaipur bereits der weltweit größte Solarpark gebaut, der nach Fertigstellung drei GW produzieren wird. In Abu Dhabi wird ein 100-MW-Solarwärmekraftwerk gebaut, das erste von mehreren, die im Mittleren Osten geplant sind. Und in den USA errichtet die Firma BrightSource ein 377-MW-Sonnenkraftwerk in der Mojave-Wüste. Bei der Windkrafterzeugung hat es unübersehbare Rückschläge gegeben. Die größte Offshore-Windkraftanlage der Welt in Thanet an der englischen Küste von Kent sollte mit 100 Turbinen 300 MW erzeugen, liefert aber nur bescheidene 75. Turbinen werden jedoch preisgün­ stiger und effizienter und einige Stu­dien weisen darauf hin, dass kleinere Windparks, die Strom für Dörfer und Städte in ihrer Umgebung erzeugen, die Option der Zukunft sein könnten. Natürlich könnte man eine pessimis­ tische Haltung in Bezug auf die zukünftige Energieversorgung einnehmen. Wenn wir unsere Angst vor der Kernkraft nicht bewältigen, sind unsere Chancen gering, die CO2Emissionen in den Griff zu bekommen. Die Internationale Energie­ agentur weist darauf hin, dass bis zum Jahr 2040 selbst bei einem leichten Anstieg der Kernkraft weiterhin mehr als 80 Prozent der Energieerzeugung auf fossile Brennstoffe entfallen werden und dass Treibhausgasemissionen von 31 Milliarden Tonnen im Jahr 2010 um 46 Prozent auf 45 Milliarden Tonnen im Jahr 2040 steigen werden. Andererseits sprechen auch gute Gründe für eine optimistischere Sicht. Neue experimentelle Technologien entwickeln sich wesentlich schneller als die politische Agenda. Selbst wenn die Massenmedien


Links © Ashley Cooper /   V isuals Unlimited, Inc.  Rechts © Ken Welsh

Vorausdenken

Wellenförmige Solarkollektoren

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Vorausdenken

Hoffnung auf den heiligen Gral der Energieforschung: die Kernfusion. Die ungeheure Faszination, welche damit verbunden ist, ist leicht zu verstehen. Jedes Versorgungsunter­ neh­men hätte seine eigene kleine Sonne, ausreichenden, preisgün­sti­gen und emissionsfreien Brennstoff, keinen Grund zur Sorge über gefähr­ liche Strah­lung und enorme Leistung mit kleinsten Brennstoffeinheiten. Es handelt sich jedoch um eine derart anspruchs­volle wissenschaftliche Herausforderung, dass allgemein da­ von ausgegangen wird, die Fusion als nachhaltige Reaktion könne frühes­tens in zwei Jahrzehnten erreicht wer­den. Der Abteilungsleiter für Kern­technologie beim Lawrence Liver­more National Laboratory, Bruce Good­win, behauptet jedoch, sie sei nicht nur möglich, sondern eine seiner Abtei­lungen, die National Ignition Facility, werde bald das erste Labor sein, das die Kernfusion beherrscht. „Die

Entwickler von Atomwaffen kennen sich bereits seit fünfzig Jahren mit der Fusion aus“, sagt er. „Es geht darum, diese Kenntnisse auch bei der zivilen Energieerzeugung zu nutzen.“ Sicher, die Welt sollte die Fusionsforschung weiter fördern – allerdings sollte sie nicht als universale Lösung angesehen werden. Die gute Nachricht ist, dass die Kernfusion zwar ein wunderbarer Joker wäre, die globale Energienachfrage aber auch ohne sie gedeckt werden kann. Daher bleibe ich optimistisch. Die genannten Herausforderungen verlangen nach einer dezentralen und demokratischen Energieversorgung. Strom wird in Zukunft immer mehr von der Bevölkerung selbst und nicht allein von wenigen großen Akteuren erzeugt werden. Das Ergebnis wird eine Gesellschaft sein, die fortschrittliche und nachhaltige Technologien mit einer funktionierenden und starken Industrie kombiniert.

© num_skyman

nicht darüber berichten – hunderte von neuen Projekten werden derzeit ins Leben gerufen und getestet. Zwar ist der Biotreibstoff Ethanol in Ungnade gefallen, aber dafür werden zahl­reiche andere Möglichkeiten ausgelotet, wie zum Beispiel das Potenzial einer speziellen Meeresalge. Das Unternehmen Cellana aus Hawaii verarbeitet diese Alge zu einem erneuerbaren Biodiesel, der wesentlich bessere Leistungen erbringt als konventioneller Dieselkraftstoff. Der Mineralölkonzern Exxon investiert in das Unternehmen Amyris, das Diesel aus modifizierter Hefe gewinnt. Der Unternehmer Craig Venter, der die Sequenzierung des menschlichen Genoms schneller abschloss, als das von den Regierungen der Welt finanzierte Projekt vorsah, entwickelt neue Hochertragsalgen, die Öl praktisch „ausschwitzen“. An erfolgversprechenden neuen Projekten mangelt es also nicht. Weiterhin besteht die

Bohrinsel im Golf von Thailand 36


Vorausdenken

Interview Robert Scott Text André Uhl

Was ist Ihrer Ansicht nach die Rolle von Erdöl und Gas im zukünftigen Energiemix? Erdöl und Gas werden den Energiemix in der nahen Zukunft weiterhin beherrschen. Es ist unwahrscheinlich, dass Erdöl in der nächsten Zeit als Kraftstoff für Verkehrsmittel durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden kann. Es ist praktisch der einzige Energieträger, der im Verkehr eingesetzt wird, und 60 bis 70 Prozent des gesamten in den USA verbrauchten Rohöls entfallen auf diesen Bereich. Mit dem Ausbau der entsprechenden Infrastruktur wird auch Erdgas hier eine Rolle spielen. Erneuerbare Energiequellen wie Sonne, Wind und Biotreibstoffe sind wirtschaftlich noch immer nicht wirklich wettbewerbsfähig. Über welche Neuheiten wird in Ihrer Branche derzeit am meis­ ten diskutiert? Multistage Fracturing (Fracking) ist die Innovation in der Erdölund Gasindustrie, über die am meisten gesprochen wird. Eine wichtige Rolle spielen auch Technologien, die diese Vorgehensweise sicherer machen. Dazu gehören hochwertige Gewindeverbindungen. Rohrleitungshersteller auf der ganzen Welt

(einschließlich voestalpine) investieren Millionen von Dollar in die Entwicklung dieser Anschlüsse, da sie großen Belastungen standhalten und enormen Druck aushalten müssen. Entgegen der landläufigen Meinung werden große Anstrengungen unternommen, um die Umwelt zu schützen. Es werden Technologien entwickelt, um den Wasserver­brauch während des Prozesses zu senken. Sehr viel Aufmerksamkeit wird auch Techniken gewidmet, mit denen Flüssigkeiten recycelt werden und die ein wasserloses Fracking ermöglichen. Was sind die wichtigsten Her­ ausforderungen für die Rohrleitungstechnologie heute? Bei der Suche nach Erdöl und Gas werden die Umweltbe­ dingungen kritischer und die fossilen Brennstoffe können die Rohre angreifen. Sie kön­nen Schwefelwasserstoff oder Kohlendioxid enthalten, zwei sehr korrosive Komponenten. Zum Transport von Brennstof­fen, die diese Komponenten enthalten, sind Rohre erforderlich, die aus besonders hochwertigen Werkstoffen bestehen. Der Legierung der Prozessrohre müssen bestimmte Elemente zugesetzt werden, außerdem

Robert Scott Robert Scott ist Präsident der voestalpine Tubular Corporation, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft von voestalpine Tubulars GmbH & Co KG. Wir sprachen mit ihm über zukünftige Themen der Energieversorgung, über die Rolle von Erdöl und Gas in der Zukunft und über aktuelle Innovationen.

müssen die Rohre wärmebehan­ delt werden. Manchmal ist auch eine korrosionsbeständige Beschichtung er­forderlich, um sie vor Rost zu schützen. Das gilt auch für die Fernleitungen, in denen Erdöl oder Gas vom Bohrloch bis in die Verarbeitungsstätten transportiert wird.

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Sungnyemun Tor, Seoul 38


Vorausdenken

Auf die Plätze, fertig, Stau! Texte Björn Lüdtke, Tolu Ogunlesi, Oscar Lopez, Joo Hyun Kim  Fotos kimkihong, Oscar Lopez, David Steets

Feierabendverkehr in Mexiko-Stadt, Lagos und Seoul — unsere Reporter vor Ort.

© kimkihong

B

is 2025 soll es laut UNOSchätzungen weltweit 27 Megacitys mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern geben. 2010 waren es noch 20. In nur etwas mehr als zehn Jahren werden rund 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, und weil zum wachsenden Wohlstand das eigene Auto gehört, werden ihre Einwohner vor allem eins produzieren: Staus. Um das zu vermeiden und dem wach­senden Verkehrsaufkommen Herr zu werden, arbeiten Stadtplaner, Politiker und Ingenieure weltweit an der Entwicklung neuer Ideen. Wer die Mobilität in den Megacitys von morgen sicherstellen will, muss heute

neue Wege beschreiten, denn immer seltener wird es gelingen, Staus einfach mit neuen Leitsystemen und breiteren Straßen zu verhindern. Das Ziel ist nicht mehr die autogere­chte Stadt, sondern der stadtgerechte Nahverkehr. Aber wie sieht eigentlich die Situation in den Megacitys aus? Welche Herausforderungen kommen auf sie zu und was könnten die Lösungen sein? Um den Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, haben wir Reporter in drei der faszinierendsten Städte der Welt ins Feld geschickt: Sie werden hautnah aus der Rushhour in Mexiko-Stadt, Lagos und Seoul berichten.

Auch wenn er selbst im Stau steckt, wird Oscar Lopez berichten, dass die Hauptstadt von Mexiko langsam, aber sicher ihr Verkehrsproblem zu beherrschen scheint und – wer hätte es gedacht – sogar zum Verkehrsvorbild für andere aufstrebende Städte werden könnte. In Lagos begibt sich unser Reporter Tolu Ogunlesi ins Getümmel ; dass er dabei nur schleppend vorankommt, dürfte nicht nur an den vielen Schlaglöchern liegen. Und Joo Hyun Kim erforscht auf den Stra­­ßen von Seoul, wie ihre Zukunft in Sachen Mobilität aussehen könnte, und entdeckt, dass diese vielleicht sogar im Wasser oder in der Luft liegt.

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Vorausdenken

MexikoStadt — Vorbild für die Zukunft Wie viele Städte in aufstrebenden Ländern hat auch die Hauptstadt von Mexiko ein Verkehrsproblem. Sie erstreckt sich über eine enorme Fläche, viele Einwohner müssen zur Arbeit pendeln und das Netz aus öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur unzureichend ausgebaut: Pendler sind auf ihre Autos angewiesen. Mehr als vier Millionen Fahrzeuge sind so auf den Straßen der Stadt unterwegs und verpesten mit ihren Abgasen die dünne Gebirgsluft. Um mir ein Bild vom Ausmaß der Probleme zu machen, treffe ich mich mit Peatónito, dem 27 Jahre alten Studenten Jorge Cañez, der Symbol des langen Weges geworden ist, den die Stadt in Sachen Verkehr noch 40

Chaos auf den Straßen von Lagos

zurücklegen muss. Cañez hat den maskierten Superhelden vor über einem Jahr zum Leben erweckt, um die Autofahrer auf die schwierige Situation der Fußgänger aufmerksam zu machen. Er hilft Fußgängern beim Überqueren der Straße, erzieht tyrannische Fahrer von Gelände­ wagen, indem er die Spuren auf den Straßen neu zeichnet, und spaziert über die Dächer von falsch geparkten Autos. „Was ich tue ist umstritten“, sagt er. „Meine Mutter bittet mich immer wieder, damit aufzuhören.“ Ich treffe Peatónito während der Hauptverkehrszeit am Nachmittag. Am Auditorio Nacional, dem prominentesten Konzertsaal der Stadt, nehmen wir ein Taxi. Es quält sich über den Paseo de la Reforma, einem der größten Boulevards der Stadt, durch den stockenden Verkehr, während Radfahrer an uns vorbeisausen. Vierzig Minuten später erreichen wir die Diana-Statue und haben gerade mal 2,6 Kilometer zurückgelegt. Laut Google Maps sollte die Fahrt nur sechs Minuten dauern. In der gleichen Zeit hätten wir auch zu Fuß gehen können.

Der Wandel hat jedoch bereits be­gonnen. Nach und nach wird MexikoStadt zu einem globalen Modell dafür, wie man ein scheinbar hoffnungsloses Verkehrssystem retten kann. Zwei aufeinanderfolgende, eher links­gerichtete Stadträte haben mutige Maßnahmen angestoßen, wie zum Bei­spiel das 2005 eingeführte Metrobus -Programm. Es handelt sich um eine Mischung aus traditionellen Bussen und U-Bahnen, die von anderen lateinamerikanischen Städten mit großem Interesse nachgeahmt wurde. Heute wird dieses System von fast einer Million Einwohnern täg­lich genutzt. Es gibt auch ein BikeSharing-Programm namens Ecobici und die Stadt hat dafür gesorgt, dass der Paseo de la Reforma an Sonntagen nur für Fahrradfahrer geöffnet ist. Jeden Tag kommen neue Projekte hinzu. In einem Wettbewerb wurde zur Entwicklung einer App aufgefordert, die öffentliche Daten nutzt. Zu den Gewinnern gehörten Anwen­ dungen, mit denen Autofahrer anhand von Echtzeitdaten die schnellste Strecke berechnen können. Viel Lob

links © Oscar Lopez  rechts © David Steets  /   l aif

Verkehrsheld Peatónito


Vorausdenken

erhielt die Stadt für die Busspuren, Fahrradwege und Straßenparkplätze, die sie ausgebaut hat. Dank dieser umfassenden Erneuerung wurde Mexiko-Stadt 2013 mit dem Preis für nachhaltigen Verkehr des Instituts für Verkehr und Entwicklung ausgezeichnet, das die Verkehrssituation in den Metropolen der Welt beobachtet. „Mexiko-Stadt war wie ein Patient mit einer Herzkrankheit, eine der Städte mit den am stärksten verstopften Straßen der Welt“, sagt einer der Preisrichter. „Seit das Blut wieder fließt, hat sich auch das Herz der Stadt, sein Zentrum, verändert.“ Mexiko-Stadt ist noch weit von Vorbildern wie Kopenhagen oder Amsterdam entfernt, aber Peatónito ist der Meinung, dass das geschaffene Modell ein Vorbild für ähnliche Megacitys wie Bangkok oder Mumbai sein könnte. Mit Bike-Sharing, Metrobus, einem gut funktionierenden U-Bahn-Netz und Einschränkungen für Autos hat die Stadt dafür gesorgt, dass der Individualverkehr inzwischen nicht mehr unbedingt als

attraktive Fortbewegungsmöglichkeit gesehen wird, sondern eher als überflüssiger Kostenfaktor. „Ich habe nichts gegen Autos und ich möchte sie nicht verdammen“, sagt Peatónito. „Aber es liegt noch eine lange Schlacht vor uns, die wir Kreu­ zung für Kreuzung ausfechten werden.“

Lagos — Festgefahren Der Feierabendverkehr in Lagos dauert von fünf bis neun Uhr abends. Ich starte meine Tour um 18 : 01 Uhr in der Tiamiyu Savage Street auf Victoria Island und mache mich im Taxi auf zum Festland von Lagos. Dort lebt der Großteil der fünfzehn Millionen Einwohner dieser Stadt. Mein Ziel ist es, herauszufinden, welche Strecke ich innerhalb einer Stunde zurücklegen kann. Von meinem Startpunkt aus sind es nur wenige 100 Meter bis zur Ahmadu Bello Way, die fünf

voestalpine Fakten Wir von voestalpine schaffen Be­wegung und das nicht nur auf der Straße, sondern auch auf der Schiene und in der Luft. Unsere neuen pressgehärteten Leichtbaustähle zum Beispiel sind erste Wahl im Automobilbau. Sie sind bis zu viermal belastbarer als ihre Vorgängermaterialien, leichter, sicherer und darüber hinaus auch wirtschaftlicher. Wir sind Weltmarktführer in der Weichentechnologie und nehmen führende Positionen bei Schienen,

veredeltem Draht, Nahtlosrohren und Schweißzusatzwerkstoffen ein. Unsere Weichen und Schienen passen sich an zahllose Anforderungen und unterschiedliche klimatische Bedingungen an, sind hoch belastbar, mit nur wenig Verschleiß und von langer Lebensdauer. Und in der Luft treiben wir mit der Entwicklung neuer Werkstoffe den Flugzeugbau voran: für größere Reichweiten und geringeren Treibstoffverbrauch.

Kilometer am Ozean von Victoria Island entlang führt. Fünfzehn Minuten später habe ich nur knapp einen Kilo­meter hinter mir gelassen. Um 18 : 31 Uhr befinde ich mich immer noch auf dem Ahmadu Bello Way. Für eine Strecke von drei Kilometern, für die Google Maps sechs Minuten angibt, benötige ich 30 Minuten. Um die einzelnen Autos herum drängen sich währenddessen die für Lagos typischen Straßenverkäufer. Sobald der Verkehr sich staut, bieten sie ihre Ware wie Kochbananenchips, Cashewnüsse, Würstchen, Getränkedosen oder Popcorn an den Autofenstern an und flitzen zwischen den Stoßstangen hin und her. Schließlich fahre ich auf die vier Kilo­ meter lange Überführung zur Eko Bridge, eine der drei Brücken, die die Insel mit dem Festland verbindet, und durchquere fünfzehn Minuten später Apongbon, eine Gegend, die als eine der gefährlichsten von ganz Lagos gilt. Hier ist es üblich, Handys und Laptops zu verstecken, da nur der Schimmer eines Bildschirms die Aufmerksamkeit bewaffneter Banditen erwecken könnte, die diese Gegend unsicher machen. Ich werfe einen Blick auf meine Arm­ banduhr, es ist 18 : 58 Uhr. Vor mir liegen ein Markt und eine Bushalte­ stelle, daher ist der Verkehr sehr langsam. Aber nachdem wir Apongbon passiert haben, ist die Straße wieder frei. Es geht weiter auf die Eko Bridge und um 19 : 01 Uhr erkenne ich das noch weit entfernt liegende Na­tionaltheater. Die Stunde ist vor­bei – insgesamt habe ich zwölf Kilome­ter zurückge­legt. Laut dem, was ich als GMT bezeichne, als „Google Maps Time“, sollte diese Fahrt zwölf bis fünfzehn Minuten dauern. Einige hundert Meter weiter liegt die Ausfahrt nach Costain, einem geschäftigen Gewerbegebiet. Ich drehe im Kreisverkehr um und fahre zurück zur Insel. Nun sind die Straßen frei, da der Großteil des Verkehrs in die 41


Seoul Südkorea Einwohner: ca. 9,8 Mio. Ballungsraum: ca. 23,8 Mio.

Mexiko-Stadt Mexiko Einwohner: ca. 8,8 Mio. Ballungsraum: 20 Mio.

Strecke:

40 Min

60 Min

12 km

Strecke:

20 km

Ziel Gimpo International Airport Ziel Costain, Gewerbegebiet Ziel DianaStatue, Paseo de la Reforma

Eko Bridge

Start Auditorio Nacional, Konzerthalle

Muson Center Bonny Camp Bridge

Silverbird Cinemas

Start TerraCulture, Restaurant Stadtplan

42

Start Jamsil Sports Complex

60 Min

Weltkarte – Single Color by FreeVectorMaps.com

2,6 km

Nigeria Einwohner: ca. 15 Mio.

Quellen auswaertiges-amt.de, wikipedia.de, maps.google.de

Strecke:

Lagos


Vorausdenken

andere Richtung geht, und ich er­reiche Victoria Island in nur kurzer Zeit. Die Vorteile, die sich durch den Um­zug der Verwaltungshauptstadt von Lagos nach Abuja im Jahr 1991 ergeben haben, sind dem rasanten Wachstum von Lagos wieder zum Opfer gefallen. Im Jahr 2006 waren in Lagos 141. 000 Autos angemeldet, 2011 waren es schon 259. 000. Damit waren in Lagos mehr als eine Mil­lion Fahrzeuge registriert, das sind zehnmal so viele wie 1988. Die Verkehrsdichte in Lagos ist zehnmal höher als die im Landesdurchschnitt. Nach Schätzungen von Behörden gibt es in Lagos täglich etwa sieben Millionen Verkehrsbewegungen – und das großteils auf einem Straßen­netz, das der Zahl der zugelassenen Fahrzeuge in keiner Weise ge­ recht wird. Bislang verfügt Lagos, im Gegensatz zu anderen Städten dieser Größenordnung, über kein flächendeckendes Stadtbahnsystem. Doch könnte sich die Verkehrslage im Laufe der nächsten Jahre enorm verbessern. Zurzeit ist ein neues öffentliches Verkehrsnetz im Bau, das ab 2020 mehr als 400.000 Personen pro Tag befördern soll. Die erste Stufe dieses neuen Netzes startet im Laufe des Jahres 2014, ein Jahr danach soll ein Straßenbahnnetz eingeführt werden. Über diese anspruchsvollen Maßnahmen mit einem Investitionsvolumen von mehreren Millionen Dollar hinaus sind jedoch vor allem viele kleine Verbesserungen notwendig: Eine neue Straßenbeleuchtung muss installiert und instand gehalten werden. Ideal wäre auch die Einführung einer City-Maut, um die Anzahl der Autos in den am stärksten vom Verkehr betroffenen Ge­bieten zu reduzieren. Vor allem aber müssen Straßenverkäufer organisiert, die Einhaltung von Park­verboten gesichert und Schlaglöcher gefüllt werden.

Seoul — Mobil durch Technologie Seoul hat zwei Zentren: die vom Fluss Hangang voneinander getrennten Wirtschaftsviertel, in denen die wichtigsten Geschäfte des Landes abgeschlossen werden. Am Fluss entlang verlaufen zwei Autobahnen, die die meisten Stadtviertel miteinander und mit den einzelnen Provinzen verbindet. Eine halbe Stunde braucht man während der Hauptverkehrszeit für die Fahrt durch den nur 1. 530 Meter langen Namsan-Tunnel Nr. 1, der die Stadtteile Jung-gu und Yongsangu verbindet. Das überrascht nicht, denn in den letzten dreißig Jahren ist ein Großteil der Einwohner aus dem Inneren der größten Stadt von Korea in die Vororte gezogen. Fast die Hälfte der fünfzig Millionen Einwohner von Südkorea lebt in der offiziellen Metropolregion Seoul. Die Verkehrslage verschärft sich mehr und mehr und Pendler stehen vor großen Herausforderungen. Für unser „Rennen“ entscheide ich mich für den Olympic Highway, denn er dürfte die derzeitige Verkehrssituation in der Stadt gut illustrieren. Die Straße ist eigentlich ein Expressway, aber in den 60 Minuten, die ich auf ihm verbringe, ist von Express nicht viel zu spüren. Ich starte am Jamsil Sports Complex, mein Ziel ist der Gimpo International Airport. Die beiden Orte sind durch den Expressway direkt miteinander verbunden. Bei normalem Verkehr kann man die 34 Kilometer lange Distanz in 40 Minuten zurücklegen, ich schaffe gerade mal 20 Kilometer. Schon seit einer Weile versucht man, den Staus Herr zu werden. Es wurden Busspuren eingeführt und in der

ganzen Stadt entstanden zentrale Busbahnhöfe. Neue Straßen wurden gebaut, ein Hochgeschwindigkeitszug in Betrieb genommen und das U-Bahn-Netz durch neue und den Aus­bau bestehender Linien erweitert. Aber trotz der unermüdlichen Anstren­gungen werden die Straßen weiterhin von Autos verstopft, die Busse sind überfüllt und in den U-Bahnen drängen sich die Pendler. Was kann also getan werden? Im Jahr 2013 hat Präsidentin Park die Agen­da „Kreative Ökonomie“ ins Leben ge­­rufen. Sie soll „durch die Annäherung von Wissenschaft, Technologie und Industrie, durch die Verschmelzung von Kultur und Industrie“die Kreativität zum Blühen bringen und so für Wachstum und Arbeitsplätze sorgen. Park will dazu anregen, das Denken in alten Kategorien aufzubrechen und neue Verbindungen zwi­schen den Disziplinen herzustellen. Und so dürften neue Technologien in Zukunft eine entscheidende Rolle auch für die Mobilität in Korea spielen. Dazu gehören Innovationen, die effizientere Fahrgastströme in der U-Bahn ermöglichen, sowie weitere zentrale Busbahnhöfe. Aber auch Beförderungsarten, die wir bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kennen, werden in Betracht gezogen. Im Gespräch sind kompakte Elektrowagen für die Nutzung in der Stadt oder Autos, die auf dem Wasser fahren oder gar fliegen. Ein Expresszug, Niederflurstraßen­ bahnen, die ohne Oberleitung auskommen, und elektrisch angetriebene Busse sind bereits in der Entwicklung und werden vermutlich in den nächsten Jahrzehnten reali­ siert. Ob es Seoul schafft, zum Vor­bild für andere Metropolen zu werden und welche der angedachten technischen Innovationen – Stichwort fliegende Autos – in die Tat umgesetzt werden, kann jedoch nur die Zukunft zeigen. 43


Fünf Länder, eine Zukunft? Texte Björn Lüdtke, Needrup Zangpo, Elaisha Stokes, Fernando Molina, Fabrice Pozzoli-Montenay, Sebastian Engelmann/Phong Thanh Tran  Fotos Kirklandphotos, fotofritz16, leezsnow, Aaron Black, José Luis Quintana, David W. Hamilton, xuanhuongho

Geld ist nicht alles — vom Bruttonationaleinkommen zum Bruttonationalglück.

Ein junger Mönch verlässt das Kloster zum Spielen 44


Vorausdenken

links © Kirklandphotos  rechts © fotofritz16

E

igentlich gab der damals amtierende König von Bhutan Jigme Singye Wangchuck nur selten Interviews. Auf die Frage eines indischen Journalisten, „Wir wissen eigentlich gar nichts über Bhutan. Wie hoch ist denn Ihr Bruttonationaleinkommen?“, antwortete seine Majestät im Jahre 1979 aber: „Wir glauben nicht an das Bruttonationaleinkommen, denn unser Bruttonationalglück ist wichtiger.“ Herkömmliche Entwicklungsmodelle machen oft das Wirtschaftswachstum zum dominierenden Kriterium. Mit der Idee des Bruttonationalglücks nimmt man hingegen an, dass die ausgewogene und nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft nur im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen und spirituellen Schritten geschehen kann. Seither denkt man in aller Welt darüber nach, wie man Wohlstand messen kann, ohne sich dabei nur auf monetäre Größen verlassen zu müssen, son­dern auch Faktoren wie „subjektiv empfundenes Wohlbefinden“ (wie im Happy Planet Index) oder „Selbstbestimmung“ (wie im World Happiness Report) miteinbeziehen kann. Wie weit man mit diesen Bestrebungen gekommen ist, wollen wir auf einer kleinen Reise um die Welt untersuchen. Unser Autor Needrup Zang­po wird uns erzählen, wie es um das Bruttonationalglück der Einwohner von Bhutan denn nun tatsächlich steht. In Kanada spürt Elaisha Stokes den Wissenschaftler Michael Pen­nock auf, der 2006 nicht nur die Bhuta­ner gefragt hat, wie glücklich sie sind, sondern zwei Jahre später auch seine Mitbürger zu Hause. In Boli­vien hat man sich ebenfalls vom Kon­zept des Bruttonationalglücks inspi­rieren lassen; ob die Boli­vianer inzwischen „ein gutes Leben führen“, weiß Fernando Molina. Außerdem fragen wir Fabrice Pozzoli-Montenay, warum man in Frankreich, einem der

Taktsang-Kloster ( Tigernest-Kloster ), Bhutan

wohlhabendsten und wohl schönsten Länder dieser Welt, chronisch un­­glücklich ist. Sebastian Engelmann und Phong Thanh Tran finden im vergleichsweise armen Vietnam hingegen ein scheinbar glückliches Volk vor.

Bhutan — Lächelnde Menschen Nur ein Jahr, nachdem die erste demokratische Regierung von Bhutan in ihr Amt eingeführt wurde, be­ suchte ein Team der Kommission für Bruttonationalglück das Dorf Ungar im abgelegenen Distrikt Lunthse. Seine Einwohner boten den Beamten Milch, hart gekochte Eier und selbst gebraute Getränke an, obwohl sie über Monate hinweg selbst kaum et­was zu essen hatten – die Armutsquote im Distrikt lag damals bei 43 Prozent. Den Beamten erzählten sie, dass sie glücklich seien. Einem Journalisten sagten sie später, dass sie unter der bitteren Armut litten und

natürlich nicht glücklich seien. Die Regierungsvertreter seien mit Papier und Stift gekommen, hätten Fragen gestellt und sich nie wieder blicken lassen. Das war zu Beginn des Jahres 2009. Viele gebildete Bhutaner sehen das Bruttonationalglück als Indikator da­für, wie glücklich die einfachen Menschen im Land sind. Und genau das meinte der vierte König von Bhutan auch, als er das Konzept im Jahr 2008 zum nationalen Entwicklungsziel erklärte. Dahinter steht der Gedanke, dass alle Menschen pri­mär nach Glück streben und es dabei die Aufgabe des Staates ist, die Be­ dingungen zur Erreichung dieses Ziels zu schaffen. Dem Konzept liegt außerdem die Erkenntnis zugrunde, dass menschliche Entwicklung nicht ausschließlich an materiellem Wohlstand gemessen werden kann (dieser aber auch nicht ausgeschlossen wird). Berücksichtigt werden müssten viel­ mehr auch geistige und kulturelle Werte, der Schutz der Umwelt und so­lide Regierungsstrukturen. Seit­dem der damals amtierende König im Jahr 1979 zum ersten Mal erklärte, dass das Bruttonationalglück wichtiger sei als das Bruttonationaleinkommen, hat 45


Vorausdenken

das Konzept weltweite Beach­tung gefunden, und man hat viel Zeit und Ressourcen investiert, um die Idee zu exportieren. In der konstitutionellen Monarchie steht man jedoch selbst noch vor Herausforderungen: Die Menschen auf dem Land sind arm und verlassen ihre Dörfer, um in weniger abgelegenen Gebieten ein besseres Leben zu suchen. In den Städten bilden sich Banden, weil viele Jugendliche arbeitslos sind, und das Bildungs- und Gesundheitswesen wird trotz größer werdender Einkommensunterschiede privatisiert. Kritiker behaupten, die frühere Regierung hätte die Idee des Bruttonationalglücks zwar exportiert, aber im eigenen Land nicht umgesetzt. So kommt es, dass die Begeisterung für das Konzept nicht mehr ganz so groß ist. In der Theorie wird gepredigt, man solle mit dem auskommen, was man hat. Besser gestellte Teile der Bevölkerung und der Regierung frönen aber durchaus einer gewissen Extravaganz und stellen diese auch zur Schau, was die Popularität der Idee im Volk nicht gerade fördert. Trotzdem bleiben ihre Grundlagen gültig. In Bhutan behauptet man auch gar nicht, das Bruttonationalglück bereits erreicht zu haben – wenn das überhaupt möglich ist. Das sollte jedoch keinen von uns daran hindern, danach zu streben. Es geht nicht um das Ziel, sondern um den Weg dorthin: die kontinuierliche Verbesserung der Bedingungen, die für alle Menschen ein glückliches Leben ermöglichen. Maßgebliche Faktoren zur Annäherung an das Ziel wurden bereits ermittelt. Alle politischen Maßnahmen werden daraufhin überprüft, ob sie das nationale Glück fördern oder ihm im Weg stehen. Eine im Jahr 2010 entwickelte Bergbaustrategie zum Beispiel bestand den Test nicht: Bergbau schadet der Umwelt und die Erhaltung der Natur ist ein entscheidender Faktor des Konzepts. Auch das 46

Mönche in Thimphu, Bhutan

Bildungssystem des Landes wird angepasst. In den Schulen gibt es einen „plastikfreien Tag“, einen „grünen Tag“ oder den „Tag der gemeinsamen Mahlzeit“. Und erste Ergebnisse kann man auch schon vorweisen. Seit die Vertreter der Kommission Ungar be­suchten, ist die Armutsquote im Distrikt Lunthse auf 31,9 Prozent und die nationale Armutsquote von 23,2 auf 12 Prozent gesunken. Zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht hat sich die Situation also verbessert. Um sich dem Ziel des Bruttonationalglücks weiter anzunähern, sind jedoch weitere Schritte erforderlich. Während einige schon erreicht werden konnten, bleiben andere rein idealistische Ziele. Immer mehr Kritiker weisen darauf hin, dass die grundlegende Idee durch zu akademische Interpretationen verloren

ginge und auch viele junge Bhutaner sind der Meinung, dass sie nicht zum Gegenstand von intellektuellen Diskussionen werden, sondern tägliches Streben sein sollte. Kinley, ein Oberstufenschüler in Thimpu, erzählt, dass für ihn Bruttonationalglück vor allem auch Gleichheit bedeute; zu viele Menschen würden sich anhand ihrer Einkommen vergleichen. Der junge Unternehmer Purna Kumar fin­det, dass der Begriff „stark missbraucht“ würde. Für ihn ginge es darum, dass alle Menschen, auch die, die auf der Straße leben, die Möglichkeit haben sollen, ein würdiges Leben zu führen. Die Idee sei zwar einfach, aber greife tief. Sein Freund fügt hinzu, es ginge schlicht und ergreifend darum, „wie viele Menschen ein Lächeln im Gesicht haben.“


Vorausdenken

Ein Segler in Victoria, Kanada

Kanada

links © leezsnow  rechts © Aaron Black

— Glück oder Wohlbefinden? Der World Happiness Report der Vereinten Nationen identifizierte Ka­na­da 2013 als eines der glücklich­sten Länder der Welt. Das ist keine große Überraschung, denn die Idee zum Konzept des Bruttonationalglücks entstand zum Teil dort. Der Kanadier Michael Pennock, der zurzeit in Victoria, British Columbia, lebt, reiste 2006 nach Bhutan, um den Fragebogen zu erstellen, mit dem das Glück der Bhutaner ermittelt werden sollte. Pennock sagt: „Wirtschaftliche Sicherheit ist nur einer der Faktoren, die Menschen glücklich machen. Mit dem Bruttonationalglück werden dagegen alle Faktoren gemessen.“ Als Pennock nach Hause zurück­kehrte, fragte er sich, wie seine Lands­leu­te wohl auf die Idee reagieren wür­den, Glück als Maßeinheit für Wachstum zu verwenden, und so wurde der „Victoria Happiness Index“ initiiert. Der erste Schritt war eine Anpassung der Original-

umfrage an die Werte der westlichen Zielgruppe. „Im Rahmen des ursprünglichen Konzepts reflek­­tiert der Glücksbegriff die buddhis­tische Kul­tur von Bhutan“, betont Pennock. „In der westlichen Kultur entspricht er unserer Vorstellung von Wohlbefin­ den, einem allgemeinen Gefühl der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben sowie einer optimistischen Grund­ einstellung.“ Beim „Victoria Happiness Index“ wurden die ursprünglichen Indikatoren für Wohlbefinden, die im Rah­men des Bruttonationalglück-Konzepts in Bhutan entwickelt wurden, zwar bei­behalten, nämlich physische Gesundheit, psychologisches Wohlbefinden, wirtschaftliche Sicherheit, ausgeglichene Balance von Arbeit und Freizeit, gut erhaltene Ökosysteme, ein angenehmes soziales und gesellschaftliches Kli­ma und eine lebendige Kultur. Die Umfrage wurde jedoch den unter­schiedlichen kulturellen Gegeben­heiten Kanadas ange­ passt. „In der Originalumfrage aus Bhutan wurden die Teilnehmer zum Beispiel gefragt, ob sie die traditionellen Tänze beherrschten. In Bhutan gilt deren Kenntnis als Indikator für Glück und Gemeinschaftssinn. Für

Kanadier war dieser Punkt natürlich nicht relevant.“ Trotz ihrer Rolle als Hauptstadt von British Columbia ist das Klima in der Inselstadt Victoria entspannt. Die Einwohner wissen kurze Arbeitszeiten und viel Zeit mit der Familie zu schätzen. „Glück ist ein Ort, an dem ich ein stressfreies Leben führen kann“, sagt der Einwohner Nicolas Fabriziak. „Es ist ein Gefühl von Freiheit. Ge­liebt zu werden. Ehrlich zu leben. Freundschaft.“ Die Umfrage wurde 2008 durchgeführt und 2011 wiederholt. Beide Male wurden 2.400 Personen befragt. Die Ergebnisse waren gemischt und aus der Studie wurden keine spektakulären Ergebnisse gewonnen. Wie erwartet gab es eine starke Korrelation zwischen Armut und Unglücklichsein, was darauf hinweisen mag, dass das Bruttonationaleinkommen in einem westlichen Land auch ein guter Indikator für Glück sein kann. Obwohl der Stadtverwaltung die Er­gebnisse des „Victoria Happiness Index“ bekannt waren, wurde wenig getan, um die Zufriedenheit der Bürger der Stadt zu verbessern. Die Ergebnisse blieben in beiden Umfragen gleich. Das hängt jedoch vielleicht auch damit zusammen, dass die Zufriedenheit bereits relativ hoch war: Kanada steht in Bezug auf die Zufriedenheit seiner Einwohner weltweit an sechster Stelle und Victoria liegt im kanadischen Durchschnitt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Glück in der westlichen Kultur als rein persönliche Angelegenheit angesehen wird. „Meiner Meinung nach werden wir in Nordamerika noch vom puritanischen Erbe beeinflusst, bei dem das Streben nach Glück oder Freude als Sünde angesehen wird“, erklärt Pennock. „In buddhistischen Ländern wie Bhutan gilt das Streben nach Glück als selbstverständlich. Glück ist dort keine Nebensache und deswegen wird dort auch die Regierung mit in die Verantwortung genommen.“

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Vorausdenken

Bolivien — Ein gutes Leben führen Bolivien hat im Jahr 2009 eine neue Verfassung verabschiedet, in der es ohne weitere Erläuterung heißt: Der Staat übernimmt und fördert „suma qamaña“ als ethischen und mora­lischen Grundsatz unserer Gesellschaft. Dabei ist nicht nur die Übersetzung des indigenen Begriffs „suma qamaña“ in andere Sprachen, selbst in die bolivianische Amtssprache Spa­nisch, schwierig (auf Deutsch heißt er so viel wie „ein gutes Leben füh­ren“). Auch stellt sich die Frage, was dieser Grundsatz konkret für das Land bedeutet.

Tänzerinnen in La Paz, Bolivien

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Die Aufnahme des Prinzips in die Verfassung ist Ergebnis des langen Kampfes der Ureinwohner für die offizielle Anerkennung ihrer Kulturen durch die Gesetzgebung. Evo Morales, selbst Aymara und seit 2005 Präsident, auf dessen Initiative die neue Verfassung hauptsächlich zurückgeht, hat sich das Gedankengut der Indianistas angeeignet und es genutzt, um sich zum „spirituellen Führer“ der indigenen Mehrheit Boliviens aufzuschwingen – obwohl seine Regierung gleichzeitig ein traditionelles Entwicklungsprogramm vorantreibt (zum Beispiel werden weiterhin 320 m² Fläche pro Einwohner im Jahr entwaldet, zwanzig Mal mehr als im weltweiten Durchschnitt). Das hat einen Keil zwischen viele Indianistas und die Regierung getrie­ben, was jedoch nicht für den Aymara

und Außenminister David Choquehuanca gilt. Seine Vorstellung von „suma qamaña“ ist eine Verkörperung der traditionellen Lebensweise der indigenen Gemeinschaften des bolivianischen Hochlands, wo er geboren wurde. Er definiert den Grundsatz als „einen Prozess, der gerade erst begonnen hat und sich nach und nach intensivieren“ wird. Dieser be­deute die „Rückkehr zu unseren Wurzeln“, nämlich zur „Kultur des Lebens. Das Wichtigste ist weder der Mensch (wie der Sozialismus vor­gibt) noch das Geld (wie der Kapita­lismus behauptet), sondern das Leben: die Flüsse, die Luft, die Berge, die Sterne, die Ameisen, die Schmetterlinge. Deshalb glauben wir nicht an die Menschenrechte, sondern an die kosmischen Rechte“. Es sei ein „einfaches Leben“ anzu-


links © José Luis Quintana   /   L atinContent  /   G etty Images  rechts © David W. Hamilton

Vorausdenken

streben, in dem alle Menschen essen, tanzen und vor allem arbeiten können. Aber diese Vorstellungen passen wenig zur Realität des Landes, des­ sen Wirtschaft in den letzten Jahr­ zehn­ten durch die hohen Rohstoffpreise star­ken Auftrieb erhalten hat. Als Folge stieg auch der monetäre Wohlstand: Nie zuvor wurde in Bolivien so viel konsumiert. Von 1998 bis 2012 zum Beispiel wuchs der Automobilbestand um das Zwölffache auf über 1,2 Mil­­lionen Fahrzeuge, wo­mit nun jeder zehnte Bolivianer ein Fahrzeug be­sitzt. Javier Medina ist offizieller Beauftrag­ter für ein Projekt, das versucht, die Frage zu beantworten, wie sich „suma qamaña“ mit der Realität der bolivianischen Entwicklung vereinbaren lässt. Der Philosoph will das Prinzip unter anderem um Fortschritt, Kapitalismus und Markt ergänzen. Sein Projekt, das sich am Bruttonationalglück aus Bhutan orientiert, wird messen, ob die Bolivianer tatsächlich „ein gutes Leben führen“. Der bolivianische Indikator soll jedoch nicht nur die Gefühle der Menschen messen, sondern betrachtet auch die politischen Grundsätze der ländlichen Gemeinschaften, wie beispielweise die Gegenseitigkeit (Austausch von Arbeit zwischen den Familien), die höher bewertet wird als Gewinnstreben (Austausch von Waren). Aber auch diese Bemühungen scheinen die Mehrheit der Bevölkerung wenig zu interessieren. Im Dezember 2012 ergab eine Umfrage der Zei­tung Página Siete, dass 73 Prozent der Befragten meinen, „suma qama­ña“ seien leere Worte. Eine ähnlich große Mehrheit sagte, um ein gutes Leben zu führen, brauche man schlicht eine gute Arbeit und gute Sozialleistungen. Nur 7 Prozent wollten spirituelle und gemeinschaftsbezogene Werte berücksichtigt sehen. Das Prinzip, das 2009 in die Verfassung aufgenommen wurde, scheint

In Fécamp, Frankreich

bisher nicht Fuß gefasst zu haben. Mehrere Bewohner von Huarina, einem Dorf am Ufer des Titicaca-Sees (Choquehuanca stammt aus der Gegend) sagten, sie wüssten überhaupt nicht, was die Verfassung über „suma qamaña“ sage, seien aber trotzdem zufrieden. Sie hätten in den letzten Jahren mehr Forellen, Milch und Käse an Reisende verkauft und in La Paz, wohin sie jedes Jahr als Saisonarbeiter abwandern, mehr Arbeit ge­funden. Ein Einwohner erzählt: „Früher war es in der Gegend zwar ruhiger, dafür gab es nicht so viel Arbeit. Von Kartoffeln allein konnten wir nicht leben. Jetzt geht es uns besser, es gibt mehr zu tun. Aber es ist trotzdem noch ein langer Weg.“

Frankreich — Glücklich unglücklich Wir Franzosen beklagen uns gern. Es ist eine Art Nationalsport, Teil unserer kulturellen Identität. Genauer ge­sagt sind wir Experten im „râler“, der

französischen Version des Nörgelns und Klagens. Im Weltglücksbericht 2013 lag Frankreich auf Platz 25 hinter Ländern wie Venezuela, Panama oder Mexiko. Das ist paradox für ein Land, das sich selbst gern auf den Spitzenpositionen jeder Tabelle sieht und mit seinen internationalen Ambitionen nicht hinter dem Berg hält. Glücklicherweise lag unser üblicher Konkurrent Deutschland nur auf Platz 26, sonst hätte unser aufgeblähter Nationalstolz, über den sich so viele lustig machen, einen ganz schönen Knacks bekommen. Oft wird die Wirtschaftskrise als Grund für unsere düstere Stimmung genannt. Die Arbeitslosenquote liegt bei den unter 30- und über 50Jährigen bei mehr als zehn Prozent und die Situation von Universitätsabsolventen ist nicht besser. Sie müs­sen oft jahrelang als Praktikanten für 400 Euro im Monat arbeiten. Wenn man berücksichtigt, dass die Durchschnittsmiete in Paris bei 40 Euro pro Quadratmeter liegt, kann man sich leicht ausrechnen, dass die Berufsanfänger kein Luxusleben erwartet. Und obwohl Frankreich das Land der Europäischen Union ist, in dem die Arbeitsplätze am besten geschützt 49


Vorausdenken

sind, machen sich die Arbeitnehmer große Sorgen, ihren Job zu verlieren, und empfinden die Zukunft als bedrohlich und unvorhersehbar. Das führt zu großer Unsicherheit und viele Franzosen fürchten den sozialen Abstieg. 30 Prozent der Bevölkerung sagen in einer Umfrage, zumindest einmal in ihrem Leben arm gewesen zu sein, und haben Angst davor, erneut in diese Situation zu geraten. Es überrascht also nicht, dass 68 Prozent der Franzosen davon überzeugt sind, dass ihnen die schlimmsten Zeiten noch bevorstehen. Nur 26 Prozent der Bevölkerung zeigen sich optimistisch, das ist ein Rekordtief. Ist Frankreich also dem Untergang geweiht? Michel Lejoyeux, Leiter der Psychiatrie im Pariser Bichat-Krankenhaus, weist den Zusammenhang zwischen Pessimismus und Wirtschaftskrise zurück: „Wir wissen, dass in schweren Zeiten weniger Menschen unter Depressionen leiden. Je pessimistischer Menschen sind, desto bes­ser ist ihr Gesundheitszustand. Das könnte daran liegen, dass sie in solchen Situa­tionen weniger Zeit haben, über sich selbst nachzudenken.“ Frankreich bleibt trotz seines Schwelgens in niedrigem Selbstvertrauen die fünfte Wirtschaftsmacht der Welt, mit er­folgreichen Unternehmen in vielen Branchen: Luft- und Raumfahrt, Ban­ken, Telekommunikation, Bau, Landwirtschaft, Luxusgüter und Tourismus. Aber lassen wir die Klischees bei­seite und schauen uns das wahre Frank­ reich an. Es handelt sich um ein zen­tralistisches Land, in dem sich die politische und wirtschaftliche Macht in Paris konzentriert. Dort leiden die Einwohner unter langen Pendelzeiten mit öffentlichen Verkehrs­ mitteln, Manager verbringen zahlreiche Überstunden im Büro und Gü­ter des täglichen Bedarfs kosten 20 Pro­ zent mehr als im Rest des Landes. Es ist eine schöne Stadt, die von ihrer glorreichen Vergangenheit und 50

ihrem glamourösen Image lebt. Die Schriftstellerin Colette beschrieb sie mit den Worten: „Paris ist die einzige Stadt, in der man nicht glücklich sein muss." Das mag sein. Trotzdem fliehen die Franzosen aus Paris und ziehen in Städte wie Nantes, Toulouse oder Lyon, die mit besserer Lebensqua­lität, niedrigeren Wohnkosten und guten Chancen am Arbeitsmarkt aufwarten. Außerhalb von Paris fin­det man wunderschöne ländliche Gebiete, in denen das tägliche Leben bezahlbar ist und man sich der französischen Tradition der „art de vivre“ („Lebenskunst“) widmen kann, in der Wert auf Schönheit und häuslichen Komfort gelegt wird. Dazu gehören die angenehmen Dinge des Lebens wie Parfüm, Blumen, Wein und gute Küche. Das Ergebnis ist einfach: Die Zufriedenheit der Menschen ist außerhalb von Paris wesentlich höher. Auch dafür ist jedoch ein Preis zu zahlen. Das Motto lautet: „Pour vivre heureux, vivons cachés“ (Um glücklich zu sein, muss man im Verborgenen leben). Sowohl aus steuerlichen Grü­nden als auch aufgrund von religiösen und politischen Einflüssen gilt das Zurschaustellen von Reichtum in Frankreichs ländlicher Tradition als vulgär. Weitab vom Pariser Glanz und Trubel verstecken sich deshalb diskrete Häuser mit traumhaften Gärten und erhabene Villen in den abgelegenen Bergen von Lubéron. Stephen Clarke, der Frankreich-Korrespondent der britischen Tageszeitung Daily Mail und Autor des Buches „A year in the merde“ kennt sich in der französischen Kultur und deren Paradoxen gut aus. Er en­dete eine seiner Kolumnen mit den Worten: „Meinen französischen Freunden, die sich beklagen – und das ist ihr Nationalsport – sage ich immer, dass sie keine Vorstellung davon haben, wie viel Glück sie haben.“ Ja, Stephen, wir „râlons“, und das macht uns glücklich.

Vietnam — Arm aber glücklich Nur der Gong des kleinen buddhistischen Tempels im Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt übertönt für einen Moment den Lärm der modernen Millionen-Metropole. Das Leben pulsiert, Mopeds drängen sich auf den Straßen. Auch viele Jahre nach dem Ausbrechen der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 wirkt sie immer noch mit Massenentlassungen, dem Börsen-Crash und dem Platzen der Immobilienblase nach. „Ich habe viele Freunde, die wieder bei ihren Eltern einziehen mussten“, sagt die aus einfachen Verhältnissen stammende junge Dozentin für Stadtentwicklung Tram Vo. Obgleich Vietnam auch in Zukunft mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von sechs Prozent rechnen kann, ist das Land mit einem Durchschnittseinkommen von weniger als 1.200 Euro pro Jahr (2013) immer noch arm. Dennoch, die Vietnamesen scheinen ein glückliches Volk zu sein. Im Happy Planet Index positioniert sich Vietnam im Jahr 2012 an zweiter Stelle auf der weltweiten Glücksrangliste. Wie ist das möglich? In die Auswertung flossen eher „weiche“ Faktoren wie Lebenserwartung, Umgang mit der Umwelt („ökologischer Fußabdruck“) und der Grad der bekundeten Zufriedenheit der Menschen ein. Vergleichsstudien wie zum Beispiel der World Happiness Report, auf den unsere Autoren aus Kanada und Frankreich Bezug nehmen, die Glück und Zufriedenheit mithilfe anderer Faktoren messen und auch „harte“ Faktoren wie zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt miteinbeziehen, kommen zwar zu abweichenden Ergebnissen (bei diesen liegen vor allem die skandinavischen


© xuanhuongho

Vorausdenken

Länder, also Länder mit hoher Lebenserwartung, geringer Siedlungsdichte und einem ausgeprägten Maß an sozialer Gerechtigkeit an der Spitze). In Summe jedoch deuten verschiedene internationale Erhebungen auf eines hin: Glücksempfinden ist von vielerlei Einflussfaktoren abhängig, besonders aber vom soziokulturellen Umfeld, in dem sich die Menschen bewegen. Betrachtet man dieses, wird man feststellen, dass sich das Umfeld der Vietnamesen in vielerlei Hinsicht von anderen Kulturen unterscheidet. Liegt das vielleicht an der vietnamesischen Denkweise? „Es ist der Optimismus, der die treibende Kraft ist und der den Menschen hier angeboren ist“, erzählt uns die 35-jährige Vu Linh, die in den USA als Tochter einer vietnamesischen Flüchtlingsfamilie geboren und aufgewachsen ist und nun seit fünf Jahren in Ho-ChiMinh-Stadt wohnt. „Die vietnamesische Kultur ist tief in der Lehre des Konfuzianismus verankert. Er bestimmt auch heute noch das alltägliche Leben der Menschen.“ Das Denken und Handeln der Vietnamesen ist stark geprägt von ihren Religionen und politischen Anschauungen, von Moral- und Gesellschaftstheorien. Die Anerkennung von Hierarchie und Ordnungsprinzipien als tragendes Fundament der Lehre des Konfuzianismus zeigt sich auch in dem Spagat des Landes zwischen seiner schrittweise umgesetzten marktwirtschaftlichen Reformpolitik und dem Fortbestehen der sozialistischen Staatsordnung. Während westliche Beobachter dies als Reformstau kritisierten, zeigt sich heute, dass vietnamesische Politiker durch eine behutsame politische Führung eine Turbokapitalisierung Vietnams mit seinen vielen möglichen negativen Konsequenzen verhindern konnten. Ein Großteil der vietnamesischen Bevölkerung konnte etwas Wohlstand erlangen und der Armut entrinnen. Und obgleich

die Disparitäten zwischen Arm und Reich zunehmen, ist die soziale Kluft in der Bevölkerung deutlich kleiner als in den Nachbarstaaten. Die Vietnamesen sind bestrebt, traditionelle Denk- und Handlungsweisen mit neuen Ideen zu verbinden und dabei den Bruch mit dem Alten zu vermeiden. Der fortwährende Optimismus einerseits und der starke Fokus auf Tradition andererseits dienen auch dazu, die eigene nationale Identität nicht zu verlieren und das Wir-Gefühl und damit die stärkste Motivation zu bewahren, die sich immer wieder in schwierigen Situationen bewährt hat. Sicherlich, durch Globalisierung und mediale Durchdringung werden die Vietnamesen zunehmend begierig nach westlicher Kultur und assoziieren Glücklichsein mit materiellem Besitz. „Aber ich hoffe“, meint Vu Linh, „dass der tiefe Glaube an das Wir anstatt das Ich jeden Einzelnen von uns kritisch bleiben lässt, ob materieller Wohlstand allein zum Glücklichsein reicht“. Was nehmen wir von unserer kleinen Weltreise in Sachen Glück nun mit? Es liegt auf der Hand, dass es schwierig

ist, allgemeingültige Aussagen über Glück zu treffen, wird es doch von jedem anders empfunden. Von Kanada scheinen wir zwar zu lernen, dass unter bestimmten Voraussetzungen materieller Wohlstand mit Glück gekoppelt ist. Doch kann man daraus eine Regel ableiten? Das Beispiel Frankreich scheint uns eines besseren zu belehren. Und natürlich stoßen Konzepte wie das Bruttonationalglück auch auf Kritik. Bhutan und Bolivien wirft man beispielsweise vor, ihre Konzepte eher in die Welt zu exportieren, als dass die eigene Bevölkerung davon profitieren würde. Auch ist klar, dass Glück und vor allem dessen Messung nie objektiv sein kann und deshalb stark von der jeweils vorherrschenden Ideologie geprägt ist – siehe Vietnam. Niemand wird behaupten wollen, dass sich materieller Wohlstand und Glück ausschließen. Ob allein ein Konzept, ein Index oder ein Staat uns glücklich machen kann, ist selbstverständlich fraglich. Trotzdem sollte unser Bestreben sein, überall auf dieser Welt Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jeder Einzelne von uns die Chance auf sein persönliches Glück bekommt.

Eine Straßenhändlerin verkauft Früchte in Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam

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Vorausdenken

Wenn Züge fliegen könnten Text Alexander Stirn  Rendering Clip-Air

Das Schweizer Projekt Clip-Air will Zügen Flügel verleihen.

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infach sitzenbleiben. In Zu­ kunft sollen Reisende auf ihrem Weg zu fernen Zielen einfach sitzenbleiben. Sie sollen am heimischen Bahnhof den gebuch­ten Platz einnehmen, mit dem Flug­ zeug in alle Welt jetten, am Urlaubs­ ort wieder mit dem Zug in die Innenstadt fahren und dabei – sofern sie es nicht wollen – kein einziges Mal ihren Sitz verlassen müssen. Möglich machen soll das Clip-Air, ein ambitioniertes Projekt des Schwei­ zer Forschers und Hobbypiloten Claudio Leonardi. Mit Clip-Air will der Wissenschaftler von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne die Vorzüge des flexiblen Bahnverkehrs mit dem Geschwindigkeitsvorteil des Fliegens kombinieren – indem er umgebaute Eisenbahnwaggons einfach unter die Tragflächen eines großen Flugzeugs klemmt. Ein Klick, und schon kann die Reise weitergehen. „Das klassische System des Fliegens hat sich seit 70 Jahren nicht geändert und macht zunehmend Probleme“, sagt Leonardi. „Es ist unbequem, 52

langsam und wenig flexibel.“ ClipAir soll genau das Gegenteil sein. Herzstück des modularen Konzepts, das Leonardi erstmals 2013 auf der Pariser Luftfahrt­messe in Le Bourget vorgestellt hat, ist ein neuartiger

Das klassische System des Fliegens hat sich seit 70 Jahren nicht geändert und macht zunehmend Probleme Flugzeugrumpf: Mit einem Durchmesser von knapp vier Metern ist er ähnlich groß wie die Kabine eines Airbus A320; mit einer Länge von etwa 30 Metern ent­­spricht er einem typischen Eisenbahnwaggon.

Dadurch kann Clip-Air am Bahnhof wie ein normaler Zug vorfahren. Die Passagiere checken dort ein, verstauen ihr Handgepäck, suchen ihren reservierten Sitzplatz. Am Flughafen wartet dann Leonardis zweite Neuentwicklung: ein überdimensionaler Flügel, dessen graublaues Modell in Le Bourget ein wenig an einen auf­ge­blasenen Tarnkappenbomber erin­ nerte. Bis zu drei Waggons können unter die 60 Meter breite Tragfläche geklippt werden, die neben den Trieb­ werken auch die Tanks, das Cockpit und ein langbeiniges Fahrwerk enthält. Nach der Landung werden die Rümpfe wieder ausgeklinkt, sodass sie auf der Schiene ihr Ziel erreichen können. „Dieses modulare Konzept gibt den Flug­gesellschaften eine bislang nicht gekannte Flexibilität“, sagt Claudio Leonardi. Je nach Buchungslage können ein, zwei oder drei Rümpfe unter die Tragfläche gesteckt werden – mal eine extra Kabine nur für die Business Class, ein anderes Mal ein Rumpf für Fracht. Bei voller Auslastung kann Clip-Air dreimal so viele


Vorausdenken

© Clip-Air

Modell eines Clip-Air-Flugzeugs

Passagiere transportieren wie ein Airbus A320, kommt dabei aber mit drei statt (wie bei den konventionellen Jets) zusammen sechs Triebwerken aus. „Dadurch können wir den Treibstoffverbrauch deutlich reduzieren“, sagt Leonardi. Das klappt allerdings nur, wenn alle drei Rümpfe unter der Tragfläche hängen. Dann lassen sich mit einem vollbesetzten Baukastenflieger und Flugstrecken von bis zu 4.000 Kilometern mehr als zehn Prozent der Betriebskosten pro Passagier einsparen. Ist Clip-Air dagegen nicht ausgelastet, machen die Masse und der Luft­ widerstand des riesigen Flügels alle Einsparungen zunichte. Die anderen Vorteile des neuarti­gen Konzepts lassen sich einfacher rea­­lisieren – insbesondere bei der Sicher­heit: Im Clip-Air-Flugzeug sitzen die Piloten ganz vorne im Flügel, es gibt keine Verbindung zu den Passagierkabinen, niemand kann die Crew überfallen. „Die Amerikaner lieben das“, sagt Leonardi und schmunzelt. Die Rümpfe können ihrerseits bei einem drohenden Absturz an Fallschirmen

zu Boden sinken – ein Sicherheitskonzept, das sich bei herkömmlichen Flugzeugen mit ihrenschweren Triebwerken und komplexen Formen nicht realisieren lässt.

Ich habe keine Zweifel, dass Clip-Air flugfähig sein wird Und wenn sich in einigen Jahren Wasserstoff als alternative Antriebstechnologie für Flugzeuge durch­ setzen sollte, hätte Clip-Air sogar einen unschätzbaren Vorteil: „In her­kömmlichen Flugzeugen ist es äußerst gefährlich, hunderte Passagiere und große Mengen an explosivem Wasser­stoff im gleichen Rumpf zu transportieren“, sagt Leonardi. Beim neuen Flieger wären die Systeme dagegen strikt getrennt. Noch existiert Clip-Air lediglich als

kleines Modell, als Ausstellungs­stück für Messen. Parallel arbeiten die Ingenieure in Lausanne aber an Com­putersimulationen und an einer Machbarkeitsstudie, die Fragen zur Wirtschaftlichkeit, zur aerodynamischen Struktur und zum Energie­ verbrauch klären soll. In einem nächsten Schritt hofft Leonardi, ein sechs bis sieben Meter großes Modell durch die Luft fliegen zu lassen.„Ich habe keine Zweifel, dass Clip-Air flug­fähig sein wird“, sagt er. Ob ein großer Baukastenflieger in einigen Jahren tatsächlich abheben wird, ist jedoch eine ganz andere Frage. Seit vielen Jahren versuchen Designer und Luftfahrtingenieure, Flugzeuge flexibler und modularer zu machen. 2005 hat der Hamburger Designer Frank Heyl beispielsweise Aeolus vorgestellt – einen großen Flügel, in dessen Vorderkante Module mit Passagieren eingeklinkt werden können. Es blieb bei vielen schönen Bildern: Zu vorsichtig und zu konservativ ist die Luftfahrtbranche, als dass sie ihr seit Jahrzehnten bewährtes und verfeinertes Konzept, das auf einem zigarrenförmigen Rumpf und zwei langen Tragflächen beruht, einfach umwerfen würde. Auch Claudio Leonardi ist Realist. „Wir müssen noch viele Mauern einreißen“, räumt der Schweizer Forscher ein. Er sagt aber auch: „Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, der gegenwärtigen Flugzeugtechnologie Kontra zu geben.“ Für die Lausanner Forscher ist ClipAir ohnehin nur ein Anfang. „Es geht bei unserem Projekt nicht vor­ rangig um Flugzeuge, es geht um Transport, es geht darum, neue Wege eines modularen Verkehrs zu ergründen“, sagt Claudio Leonardi. Gelingt das, dann könnte Clip-Air die Art, wie Menschen reisen, ein für alle Mal verändern.

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Neugierig bleiben Ideen Wirklichkeit werden lassen

Als weltweiter Verbund unabhängiger Spezialisten bringen wir für jedes Projekt die richtigen Köpfe und Kompetenzen an einen Tisch und bieten ein Maximum an Erfahrung und Know-how. So ermöglichen wir auf vielfältige Weise Vorsprung und Fortschritt und sichern damit auch den Erfolg unseres Unternehmens.

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Museen von morgen So kann Wissen begeistern.

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Bionik — Lösungen aus der Natur Woran Wissenschaftler sich ein Beispiel nehmen.

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Game of Thrones Warum die HBO-Serie Millionen von Menschen fesselt.

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Im Rausch der Geschwindigkeit Neue Details der Formel-1-Autos für 2014.

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Technik hautnah Wenn der Mensch der Natur auf die Sprünge hilft.

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Faszination Fußball Weltmeisterschaften — was kommt, was bleibt?

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Museen von morgen Text Paul Sullivan  Fotos Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa, alastairtaylor, The Trustees of the Natural History Museum, London

Unsere Welt wird immer stärker von Technologie geprägt. Deshalb fragt Paul Sullivan: Sind Museen und andere kulturelle Einrichtungen noch am Puls der Zeit?

Earth Hall im Natural History Museum, London 56


Neugierig bleiben

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as Wort „Museum“ entstammt dem griechischen Begriff „mouseion“, wo­mit ein den Musen gewidmeter Ort bezeichnet wird – zweifellos eine sehr treffende Bezeichnung für eine Einrichtung, bei der Inspiration ein elementarer Bestandteil ist. Frühe griechische Institutionen, die diesen Namen trugen, wie etwa das Mouseion in Alexandria (30  v.  Chr.), entsprachen eher modernen Universitäten. Unsere heutige Vorstellung von einem Museum geht hingegen auf die Renaissance zurück und entwickelte sich zur Zeit der Aufklärung. Viele Museen der Gegenwart spie­geln noch immer die Ideale der Aufklärung wieder. Ob Kunst, Naturgeschichte, Wissenschaft und Tech­nik – sie zielen darauf ab, das Wissen der Menschen zu einer ganzen Reihe von Themen zu erweitern. Doch dieses Konzept wird immer häufiger kritisiert. Oft geht es lediglich um das Vermitteln von Wissen, ohne dabei den Besucher ausreichend in das Ausstellungskonzept miteinzubeziehen. In den letzten Jahrzehnten haben viele Einrichtungen jedoch die Fesseln der Tradition abgeschüttelt, um sich auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft einzulassen.

links CC BY-NC 2.0 © alastairtaylor

„Wir leben Kultur“ Das Te-Papa-Tongarewa-Museum in Wellington, dessen Name frei übersetzt so viel wie „Schatzkiste“ bedeu­tet, war eines der ersten Museen, das mit einem interaktiven Ansatz ex­perimentierte. 1992 wurde es als Nachfolger des 1865 gegründeten Kolonialmuseums eingerichtet. Es zeigt eine reichhaltige Sammlung von Maori-Gegenständen sowie Ausstellungen zum Thema Naturgeschichte und Umwelt mit Elementen zum Anfassen und Entdecken für Kinder,

wie etwa ein Bewegungssimulator in einem Haus, das bei einem simulierten Erdbeben schaukelt. Das Te Papa ist heute eines der am häufigsten be­ suchten Museen Australasiens. „Wir haben uns inzwischen bereits weit entfernt von dem Konzept des Muse­ ums im 19. Jahrhundert: dun­kle, manchmal sogar unfreundliche Orte, an denen Sammlungen und Expo­nate sorgfältig von einer Armee uniformierter Wächter bewacht wurden“, kommentiert der Leiter des Te-PapaMuseums Michael Houlihan. „Damals war die wich­tigste Botschaft: Anfassen verboten. Heute lautet sie: Was würden Sie gerne wissen?“ „Der Unterschied zwischen dem Te Papa und anderen Museen ist die Tatsache, dass es sich um eine Einrichtung lebender Kulturen handelt. Wenn man in anderen Museen etwas über eine Kultur entdecken möchte, dann öffnet man eine Schublade mit dem Eti­kett ‚Kultur‘. Danach schließt man diese Schublade wieder und verlässt den Raum. Das Te Papa dagegen setzt auf einen neuen und vollkommen anderen Ansatz, um den uns heute viele andere Museen beneiden. Wir haben gesagt: Wir leben Kultur. Das spiegelt unsere Beziehung zu den Maori wieder, dem indigenen Volk Neuseelands: die Idee eines lebendi­ gen Marae (Begegnungshaus der Maori) und eines gesellschaftlichen Raumes, der die kulturellen Werte der Maoris verkörpert.“ 2009 eröffnete das Londoner Natural History Museum das Darwin Center, das in der Öffentlichkeit sehr positiv aufgenommen wurde. Der achtstö­ ckige, eiförmige Bau des dänischen Architekturbüros C.   F.   Moller   Archi­ tects brach sowohl mit den architektonischen als auch mit den kuratorischen Regeln. Das Darwin Center setzt auf modernste Technologie – Videos und Projektionen werden in Echtgröße auf die Wände projiziert, Insekten- und Pflanzenexemplare liegen in durchsichtigen Tischen mit

Touchscreen-Bedienfeldern. Außer­ dem können die Besucher die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit im Labor beobachten. Einige von ihnen sind sogar mit Mikrofonen ausgestattet, über die sie Fragen der Besucher zu ihrer Arbeit beantworten können. Das 2011 an einem neuen Standort wiedereröffnete Museu Blau in Barcelona zeigt auf 9.000  m² und zwei Stockwerken die städtische Samm-

Museen entwickeln Visionen, die zu unserer immer stärker verbundenen Welt passen lung für Naturgeschichte und Naturwissenschaften. Hier gibt es keine Aneinanderreihung von Dinosaurierskeletten oder Fossilien. Stattdes­sen erleben die Besucher eine chronologische Erzählung des Ursprungs der Erde anhand einer Vielfalt von historischen Exponaten und Multimedia-Installationen. Das Panorama, die Klänge und die Gerüche unterschiedlicher Zeiten und Epochen werden hier rekonstruiert. Das Gebäude im Stil der Moderne wurde von den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron geplant, die auch das M+ in Hongkong konzipier­ten, welches 2017 in der Nähe des Victoria Harbour neben einem vierzehn Hektar großen Park eröffnet werden soll und sich in Konkurrenz zur Tate Gallery in Lon­don und zum New Yorker Museum of Modern Art sieht. Die Sammlung, zu der auch Dutzende Werke des Künstlers Ai Wei Wei gehören, stellt die Entwicklung der chinesischen 57


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Kunst von der Kulturrevolution bis ins 21. Jahrhundert dar. Die vom Apotheker, Unternehmer, Philanthrop und Sammler Sir Hen­ry Solomon Wellcome (1853 –1936) zusammengestellte Sammlung, die heute das Herzstück der Wellcome Collection in London darstellt, umfasst eine Dauerausstellung, zu der Kunstwerke von Künstlern wie Pablo Picasso oder Anthony Gormley, unterschiedliche Medien und eine Auswahl aus Wellcomes umfangreichem Archiv faszinierender medizinischer Gerätschaften gehören. Sein eigentliches Wahrzeichen aber sind die Veranstaltungen: eine Live-Operation am offenen Herzen, Vorträge von Nobelpreisträgern, Flohzirkusse und Exoskelette sowie interaktive On­line­-Spiele, die sich mit den Themen und Ausstellungen der Wellcome Collection befassen und ein millionenstarkes Publikum auf der ganzen Welt erreicht haben. Das Museum ist so beliebt, dass ein Ausbau im Wert von fünfzehn Millio­nen Pfund bevorsteht. Geplant sind eine neue Themengalerie sowie eine Umgestaltung des Leseraums der Bibliothek in einen neuen „Raum der Beteiligung“, eine moderne Version der Bibliothek der Aufklärung im Geiste des 21. Jahrhunderts. Immer mehr Museen setzen auf Kon­zepte, die zu unserer medialen und vernetzten Welt passen. Doch das ist erst der Anfang. In den kommen­ den Jahrzehnten werden Museen immer stärker in den lokalen Kontext in­tegriert sein. Technologie, insbesondere in tragbarer Form, wird neue Beteiligungserlebnisse ermöglichen, durch Bildungsprogramme wie das kürzlich entstandene MOOC (Massive Open Online Course) werden Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt neue Kenntnisse erwerben – niemals zuvor waren die Konzepte moderner Museen inspirierender.

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voestalpine Fakten Stahl bietet als Werkstoff unzäh­­ lige Möglichkeiten – und das zeigen wir in unserer voestalpine Stahlwelt am Standort Linz. Mit der multimedialen Ausstellung laden wir die Besucher auf eine einzigartige Ent­deckungsreise ein, um die Ge­heimnisse der Stahlerzeugung, Stahlverarbeitung sowie der Stahlprodukte zu entdecken. Im Inneren der zentralen Erlebniswelt erwarten die Besucher 80 große, verchromte Kugeln, von denen einzelne in den Ausstellungsparcours integriert, angeschnitten und zum Teil auch begehbar sind. Als glanzvolle Fixpunkte bieten sie

faszinierende Einblicke und neue Sichtweisen auf die voestalpine. Der „Turm“ enthält als zweiter Teil der Ausstellung zahlreiche beeindruckende Exponate und interaktive Stationen. Ebene über Ebene gelangt man nach oben, begleitet von sphärischen Klängen aus der Stahlproduktion sowie atemberaubenden Lichteffekten der 700  m² großen LED-Fläche. Was macht die Faszination Stahl aus? Die voestalpine Stahlwelt beantwortet diese Frage mit einem spannenden Wechselspiel aus Erlebnis und Information.

OurSpace, eine interaktive Glaskarte im Te-Papa-Museum, Wellington


links ツゥ Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa 窶ビechts ツゥ The Trustees of the Natural History Museum, London

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Der Kokon im Darwin Center des Natural History Museums, London

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Bionik — Lösungen aus der Natur Texte André Uhl  Illustrationen Benedikt Rugar

Woran Wissenschaftler sich ein Beispiel nehmen.

Das perfekte Fluggerät Wenn es darum geht, kleine und besonders bewegliche Flugroboter zu entwickeln, schauen sich Wissenschaftler gerne im Reich der Insekten um. Unübertroffenes Vorbild ist die Libelle. Ihre filigrane, ultraleichte Bauweise und die besondere Beweglichkeit und Rotationsfähig­keit der Flügel machen das Fluginsekt zum idealen Modell für Miniroboter, die in Kanälen und Röhrensystemen, zur Auf­ klärungsarbeit in Katastrophengebieten oder zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden können. Die erste künstliche Libelle mit umfassender Sensortechnik, der sogenannte Bionicopter, wurde 2013 auf einer Messe in Deutschland vorgestellt.

Heilung von innen Das Prinzip der Selbstheilung kennen viele Menschen aus der Botanik – oder von einem gewissen Wolverine, der beliebten Figur aus der Comic-Reihe X-Men. Nun gibt es eine Neuentwicklung, die Produktionstechnik und Bau­ branche revolutionieren könnte: das Prinzip der pflanzli­ chen Selbstheilung bei Werkstoffen. Der Schlüssel dazu sind elastisch verformbare Kunststoffe, sogenannte Elas­to­ mere. Sie helfen dabei, Mikrorisse in Kunststoffbau­teilen wie Dichtungsringen oder Dämpfungskomponenten aus­zuheilen – und zwar vollständig autonom. Abgeschaut haben sich Wissenschaftler dieses Prinzip bei Pflanzen wie etwa der Birkenfeige: Aus ihrer Rinde tritt bei Verlet­ zungen Milchsaft aus, der die Wunde direkt wieder ver­schließt. 60


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Die Sache mit dem Haken Der Klettverschluss ist zweifellos ein Klassiker aus der bionischen Forschung. Bis heute werden die winzigen elas­ tischen Häkchen, die auch bei gewaltsamem Ent­fernen nicht abbrechen, vielfach eingesetzt. 1951 meldet der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral seine Idee, die er sich bei der großen Klettenpflanze abschaute, zum Patent an. Seitdem hat sich das Prinzip enorm weiterentwickelt. So werden zum Beispiel unbrennbare Klettverschlüsse aus Nomex oder Glasfaser bei der Feuerwehr, für Rennfahrerkleidung oder in der Raumfahrt eingesetzt. Heute existieren sogar ähnliche Verbindungen aus Metall, die sich durch große Haltekraft und Beständigkeit gegen chemische Einflüsse auszeichnen.

Bombenfest Neben dem Prinzip der Selbstheilung hat die Evolution noch eine weitere Art der autonomen Behandlung her­ vorgebracht: die Selbstausrichtung von Knochen bei Wirbeltieren. Ziehen wir uns einen Knochenbruch zu, sind die Bruchstellen zunächst etwas verdreht. Mit der Zeit rich­ten sich die Knochenbälkchen jedoch wieder an der Rich­ tung der Spannungsflüsse aus und helfen so, die Knochen wieder richtig zusammenwachsen zu lassen. Mit Ossit haben Wissenschaftler ein Material aus metallischen NanoStabkristallen entwickelt, das sich in ähnlicher Weise ver­­hält und bei hoch beanspruchten Konstruktionen wie etwa Brü­cken verwendet wird. Praktisch: Je höher die Belastung des Bauwerks, desto stabiler wird es! 61


Nikolaj Coster-Waldau, Peter Dinklage und Kit Harington 62


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Game of Thrones Text Bruna Calegari / Kathrin Gemein  Fotos Jim Wright, Lloyd Bishop  Illustration Daavid Mörtl

Warum die HBO-Serie Millionen von Menschen fesselt.

© Jim Wright /  C orbis Outline /  S ky Atlantic HD

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ahreszeiten sind relativ – zumindest auf den Kontinenten Westeros und Essos. In dieser mittelalterlich wirkenden Welt kann ein Sommer gleich mehrere Jahre andauern. Dort liegt das Königreich der „Sieben Königreiche“. Hier entbrennt ein Kampf zwischen den Adelsfamilien Stark, Lannister und Baratheon. Es kommen Ritter und Drachen vor, die Frauen tragen Felle und die Männer kämpfen mit Schwer­ tern gegeneinander. Das ist die Welt von „Game of Thrones“, die Millionen Menschen rund um den Erdball gepackt hat: Die Serie wird in über 80 Ländern ausgestrahlt – ob USA oder China, Polen oder Indien, Pakistan oder Argentinien. Die Zuschauer gehen weit über das übliche FantasyPublikum hinaus. Unabhängig von Kultur, Bildung oder Alter fiebern sie Woche für Woche auf die nächste Folge hin. Zur Sendung ist eine

ungeheure Menge von Parodien, Memes und Diskussionsforen entstan­­ den und sie hat mit 7,6 Millionen Facebook-Fans schwindelerregende Höhen er­reicht. Angesichts der heu­ tigen Mikrosphären und Nischen und

Die Welt von „Game of Thrones“ hat Millionen Menschen rund um den Erdball gepackt der Art und Weise, wie sich Infor­ma­ tionen verbreiten, handelt es sich hier­bei um ein globales Phänomen. Die Serie ist die Fernsehversion von George  R.  R.   Martins Buch „Das Lied von Eis und Feuer“. Aus der anfäng-

lichen Trilogie sind mittlerweile fünf um­fangreiche Bände geworden. Wie viele andere Belletristik-Autoren hat Martin eine mittelalterliche Welt erschaffen, die spielerisch mit der Realität umgeht, und sogar die Sprache Dothraki für das exotische Volk erfunden, das außerhalb des Königreichs lebt. Die Produktion ist von außerordentlicher Qualität – und die Sets sind so sorgfältig gestal­ tet, dass man das Gefühl hat, auf echte Architektur zu blicken. George  R.  R.   Martin besitzt die Fähigkeit, Geschichten zu schreiben, die immer wieder verwirren. Unablässig wirft er die Charaktere aus dem ver­ trauten Umfeld, das sich über meh­rere Folgen hin aufgebaut hat. Die Haupt­ figuren werden erbarmungslos ge­ tötet, Familien voneinander getrennt, Hoffnungen und Träume zerstört und die Liebe geht verloren. Das be­deu­tet, dass niemand weiß, wer den Eisernen Thron am Ende gewinnen 63


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wird. Die Serie ist immer für eine Über­raschung gut. Eben diese allgegenwärtigen Überraschungsmomente haben gleich zwei Auswirkungen auf den Zuschauer. Zum einen bricht „Game of Thrones“ mit den Sehgewohnheiten auf eine so radi­kale Weise, wie es kaum eine Serie vorher getan hat. Insbesondere Serien des US-Bezahlsenders HBO haben in den Neunzigern damit begonnen, ihre Serien entgegen den herkömm­lichen Seherwartungen der Zuschauer zu entwickeln. Diese künstlerisch anspruchsvolleren TV-Produktionen, die den Startschuss für den gegenwärtigen Serienhype geliefert haben,

Die Serie bricht mit den Sehgewohnheiten

Landkarte von Westeros 64

haben zum ersten Mal gezeigt, was dieses Medium in seiner epischen Län­ge einem neunzigminütigen Film voraus hat – nämlich diese Möglichkeit eines solchen Bruchs der Sehgewohnheiten, der auf Spielfilmlänge oft zu abrupt, zu verstörend wäre, aber bei einer Serie mit insgesamt rund 100 Stunden Spielzeit organisch passieren kann. Auch bei „The Wire“ oder „The Sopranos“ sind bereits lieb gewonnene Figuren am Wegesrand liegen geblieben. Einfach so. Doch spielte sich diese Willkürlichkeit noch in Grenzen ab. Der Mafia-Boss Tony Soprano zum Beispiel war von der ersten bis zur letzten der insgesamt 89 Folgen dabei. Und niemand hätte daran auch nur im Entferntesten gezweifelt. Bei „Game of Thrones“ ist das anders. In den Sieben Königreichen kann jederzeit alles passieren. Und das macht die Sache besonders spannend – weil das Spekulieren um den Fortgang jeder


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rechts © Lloyd Bishop /  N BC /  N BCU Photo Bank via Getty Images

Game of Thrones-Parodie in der Late-Night-Show mit Jimmy Fallon, im Bild: Jimmy Fallon

einzelnen Folge nahezu unmöglich wird. Diese Radikalität wird nicht ohne Folgen bleiben. Künftig werden sich Serien, die sich als sogenannte Qualitätsserien verstehen, mehr mit der Thematik dieser unvorhergesehenen Erzählstränge beschäftigen müssen. Denn wenn Zuschauer sich einmal auf eine weitere Stufe der Er­zählweise begeben haben, wird es für sie schwer sein, einfacher gestrickte Geschichten noch ernst zu nehmen. Zum anderen ist diese Erzählweise einfach näher an der Realität. Im wahren Leben gibt es auch keine Pro­tagonisten, sondern unzählige wuse­lige Leben nebeneinander, in denen immer alles passieren könnte. Keiner ist unantastbar. Dass Filme und Serien oft eine andere Wahrheit

vermitteln, fällt erst so wirklich auf, wenn wie bei „Game of Thrones“ alles anders läuft. Oder wundern wir uns bei jedem Actionfilm, dass der Action­star als einziger diverse Kugelha­gel überlebt, während alle um ihn her­um sterben wie Fliegen? Und das auch noch mehrere Fortsetzungsfilme hin­tereinander? Eben. Aber in den Sieben Königreichen von Westeros ist alles in Umbruch. Und niemand, wirklich niemand, kann sich in Sicherheit wiegen. Es gibt keine Helden oder Guten, die verschont blei­ben. So wirkt die Geschichte von „Game of Thrones“ lebendiger und or­ga­nischer und der Zuschauer fühlt sich ernster genommen. Hier steht die Erzählung als Ganzes im Vordergrund – und nicht einzelne, lebensfern literarisierte

Charaktere. Zu guter Letzt bietet die Serie in all seiner Komplexität einen großen gemeinsamen Nenner auf globaler Ebene: Über die sozialen Medien diskutieren Fans weltweit gemeinsam über den Verlauf der Serie, was „Game of Thrones“ zu einem kollektiven Erlebnis gemacht hat. Die Grundthemen der Serie sind schließlich die klassischen menschlichen Konflikte wie Liebe und Tod, Macht und Intrige. Themen, die uns seit jeher als Menschen ausmachen und auch in Zukunft die Herzen bewe­gen werden. Wenn dies noch so detail­reich, schlau, vielschichtig und realitätsnah vermittelt wird wie in „Game of Thrones“, ist es keine Übertreibung zu sagen: Irgendwie lebt die gesamte Welt auch ein wenig in den Sieben Königreichen. 65


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Im Rausch der Geschwindigkeit Text André Uhl  Illustration Rafael Varona

Neue Details der Formel-1-Autos für 2014.

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1 Motor

In der Saison 2014 werden die Autos von 1,6-Liter-V6-Turbomotoren angetrieben. Die Anzahl der beweglichen Teile des Motors wird im Vergleich zum V 8 um 15 Prozent reduziert. Die Folge: eine Effizienzsteigerung um 30 Prozent bei gleicher Leistung (ca. 750 PS), sodass die Fahrer die gleichen Rundenzeiten erreichen können.

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2 Auspuff

Größe und Position des Auspuffs werden genau vorgeschrieben, um ein weiteres Wettrüsten zugunsten der Aerodynamik zu vermeiden. Ab sofort müssen die letzten 15 Zentimeter des Endrohrs kreisförmig sein und im Winkel von fünf Grad nach oben zeigen. Die Gase müssen künftig auf einer Höhe von 35 bis 50 Zentimetern austreten.

3 Cockpit

Die Cockpitumrandung wird einem strengeren Sicherheitstest unterzogen. Beim statischen Belastungstest darf sie sich um lediglich fünf Millimeter verbiegen; bislang waren es 20. Damit sind die Fahrer noch besser geschützt.


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4 Bremsen

Die Bremsen auf der Hinterachse dürfen jetzt elektronisch geregelt werden. Somit verläuft der Bremsvorgang gleichmäßiger, während gleichzeitig kinetische Energie, auch Bewegungsenergie genannt, ins System eingespeist und weiter verwendet wird.

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Energierückgewinnung wird durch den Umstieg auf V 6 -Turbos noch wichtiger. Das bisherige KERS (Kinetic Energy Recovery System) wird durch ein neues System zur Energierückgewinnung ersetzt, wodurch an Bremse und Motor künftig vier Megajoule pro Runde gewonnen werden – das Zehnfache des vorherigen KERS.

6 Nase

Die neuen Regelungen schreiben ein weiteres Absenken der Nase vor. Damit verschwinden auch die Nasenhöcker, denn ein Gesetz der Aerodynamik be­ sagt: Je tiefer der Karosseriebereich liegt, desto geringer darf die Angriffsfläche sein. Das gesamte Auto wird nun aus einer Hand gebaut, wovon sich Mercedes und Ferrari einen Vorteil erhoffen.

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Technik hautnah Text André Tutcic  Foto Dan Wilton

Wenn der Mensch der Natur auf die Sprünge hilft.

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enschen mit dem Gehör einer Fledermaus, einem Sonar im Körper oder einem Lautsprecher in den Fingerspitzen – was bizarr klingt, ist bereits Realität. Längst ist es möglich, die menschlichen Fähigkeiten und Sinneswahrnehmungen über das Normalmaß hinaus zu erweitern. Viele Jahrzehnte malten wir uns in Computerspielen, Science-FictionRomanen, T V-Serien oder Kinofilmen ein Zusammenleben mit solchen Menschmaschinen aus. 1960 tauchte schließlich erstmals der Begriff des Cyborgs in einem Artikel über Raumfahrt auf. Gemeint waren damit Organismen, denen körperfremde Komponenten hinzugefügt werden, damit sie sich besser an eine neue Umgebung anpassen können. Lange Zeit galt dies als futuristische Spinnerei, doch Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten gibt es wirklich. Sie nennen sich Body-Hacker und 68

statten ihre Körper mit den unterschiedlichsten Technik-Implantaten aus. Aber ab wann wird der Mensch zum Cyborg? Streng genommen

Längst ist es möglich, die menschlichen Sinneswahrnehmungen zu erweitern bereits dann, wenn er Träger eines Herzschrittmachers oder Hörgerätes ist. Allein in Deutschland nutzen etwa 30.000 Menschen, deren Hörnerv nur teilweise funktioniert, ein sogenanntes Cochlea-Implantat.

Die Prothese besteht aus einem Mikrofon, einem digitalen Sprachprozessor, einer Sendespule mit Magnet und dem eigentlichen Implantat, das zum Beispiel auch von Journalist, Autor und Wirtschaftsinformatiker Enno Park getragen wird. Es hat ihm das Hören ermöglicht, doch das reicht Park nicht: Er möchte sein Implantat eigenhändig manipulieren, damit er in der Lage ist, Infra- und Ultraschall zu hören – wie eine Fledermaus. Noch ist es ihm nicht möglich, sein Implantat selbst zu verändern, denn an die entsprechenden Einzelteile kommen bislang nur Medizintechniker heran. Darüber hinaus geben die Hersteller die Informationen über Hard- und Software nur an zertifizierte Stellen heraus. „Mein Implantat gehört mir“, findet jedoch Park und fordert offene und nachvollziehbare Systeme. Er will bei den Herstellern dafür werben, den Zugang


© Dan Wilton

Cyborg-Künstler Neil Harbisson

zur Technik zu erleichtern und hat deshalb die German Cyborg Society ins Leben gerufen, in der sich Menschen zusammenschließen, die sich selbst als Cyborgs verstehen. Der Verein will eine Anlaufstelle für all jene sein, die sich mit Medizintechnik, User-Interface-Design, Bionik und Robotik beschäftigen. Ebenso sollen Hacker angesprochen werden, die neue Gadgets, Devices und Funktionen entwickeln oder vorhandene Geräte um neue Funktionen erweitern können. Ein weiteres Anliegen des Vereins: für mehr Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber Cyborgs zu werben – und das bedeutet eine Menge Arbeit, denn Body-Hacker wie Enno Park gelten bisweilen immer noch als schräg und unheimlich. Ebenfalls schräg, aber vor allem bemerkenswert ist die Fähigkeit von Neil Harbisson. Der farbenblinde irische Komponist und Künstler ist

dank seines sogenannten Eyeborgs in der Lage, Farben zu hören. Das Gerät, das Harbinsson zusammen mit einigen Wissenschaftlern selbst

Ab wann wird der Mensch zum Cyborg? entwickelte, funktioniert so: Über einen Sensor an der Stirn nimmt Eyeborg die Farben auf, die sich in Blickrichtung des Trägers befinden. Sie werden in Form von Schallwellen an einen Chip übertragen, der an der hinteren Schädelwand implantiert ist. Schließlich werden sie über den Chip in seinem Ohr zu Tonsignalen umgewandelt. Jeder einzelne Farbton ist einem Signal zugeordnet. So ertönt die Farbe

Blau beispielsweise als Cis und Gelb als G.  Weil er auch in den Randbereichen von ultraviolettem und infrarotem Licht sehen beziehungsweise hören kann, ist das von ihm wahrgenommene Farbspektrum deutlich breiter als das des menschlichen Auges – er ist in der Lage, sage und schreibe 360 Farben zu hören! Als wäre das nicht schon bemerkenswert genug, tüftelt der Künstler derzeit an einer Erweiterung: Künftig soll der Chip über die aus der Blutzirkulation gewonnene Energie geladen und mit Strom versorgt werden. Mit dem Eyeborg könnte Harbisson sogar in die Geschichtsbücher eingehen: Er ist der erste Mensch der Welt mit einem Ausweis, auf dessen Portraitfoto ein technisches Hilfsmittel abgebildet ist – oder, wenn man es denn so sehen möchte: der erste von einer Regierung offiziell anerkannte Cyborg. Enno Park und Neil Harbisson ließen sich zunächst ein Implantat 69


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einsetzen, um eine körperliche Fehlfunktion auszugleichen. Diesen Punkt haben beide inzwischen längst überschritten, eine Tatsache, die polarisiert und nicht nur bei Ethikern und Vertretern von Religionsgemeinschaften den moralischen Zeigefinger nach oben schnellen lässt. Doch während Menschen wie Park und Harbisson von dem Wunsch nach übersinnlichen Fähigkeiten getrieben werden, würde es vielen Trägern von künstlichen Prothesen schon ausreichen, über alltagstaugliche Gliedmaßen zu verfügen. Zwar wurden Prothesen in den letzten Jahren immer besser, jedoch bleiben sie für viele weiterhin unerschwinglich. Im Zuge der 3D-Drucker-Revolution ergeben sich mittlerweile allerdings günstige Alternativen zum Selberdrucken, wie etwa die sogenannte Robohand, eine 3D-Druckvorlage

für eine Handprothese, die aus dem Kunststoff Polymilchsäure besteht. Die Materialkosten belaufen sich auf

Mit dem Eyeborg könnte Harbisson in die Geschichtsbücher eingehen rund 400 Euro, die Anleitung zum Zusammenschrauben wird mitgeliefert. Entwickelt wurde die Kunsthand vom Südafrikaner Richard Van As. Der Schreiner verlor 2011 drei Finger bei einem Arbeitsunfall. Eine HightechProthese, die bis zu 60.000 Dollar kostet, konnte er sich nicht leisten und so entschied er sich, selbst eine Prothese

Die „Magic Arms“ von Emma Lavelle aus dem 3D-Drucker

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herzustellen. Die Schienen für die Fingerglieder fräste Van As aus Aluminium und schraubte sie an den Gelenken zusammen, als Muskel und Sehnen dienten ihm Metallfedern. Zusammen mit dem Amerikaner Ivan Owen optimierte er dieses Modell immer weiter bis zur Kunststoffprothese, die sich jeder selbst ausdrucken kann. Nachdem sie ihre Erfindung auf einem Open-SourceSharing-Netzwerk hochluden, war Liam Dippenaar der erste, der diese Prothese nutzte. Der fünfjährige Junge aus Südafrika hat das Amniotische-Band-Syndrom und somit keine funktionsfähigen Finger an seiner rechten Hand. Dank der genialen Druckvorlage kann er nun erstmals seine rechte Hand benutzen. Auch Charles Goldfarb, Handchirurg an der Washington University, ist von dem großen Potenzial der Erfindung


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Tim Cannon mit Magnetimplantat

Links © Stratasys  rechts © dpa

überzeugt: „Die Robohand ist ein wunderbarer Start. Sie hilft Kindern schon jetzt, öffnet aber auch die Tür für noch größere und bessere Ideen in der Zukunft.“

Durch welche Hilfsmittel kann einem Menschen geholfen werden, sein Leben entscheidend zu verbessern? Das Körperteil zum Ausdrucken stellt eine Revolution für all diejenigen Menschen dar, denen das nötige Geld für eine herkömmliche Prothese

fehlt. Nicht weniger revolutionär sind die Versuche, die kürzlich an der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island durchgeführt wurden. In Zusammenarbeit mit dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt soll Querschnittsgelähmten ermöglicht werden, nach Gegenständen zu greifen – allein durch die Kraft ihrer Gedanken. Und es funktioniert: Einer 58-jährigen Frau gelang es, nach einem Becher zu greifen und aus ihm zu trinken; ein zweiter Patient war plötzlich in der Lage, Schaumstoffbälle aufzuheben. Für die Bewegung nutzen die Patienten einen Roboterarm, den sie über eine im Gehirn implantierte Elektrode kontrollieren: das sogenannte BrainGate, ein vier mal vier Millimeter großes Plättchen, das aus rund einhundert Mikroelektroden besteht. Eine Software übersetzt die Muster der elektrischen Nervensignale in die jeweils gedachte Bewegung. Das Resultat dieses Pilotprojektes ist nicht

weniger als eine Sensation und ein entscheidender Schritt hin zu robotischen Hilfsmitteln. Ab wann wird nun ein Mensch zum Cyborg? Diese Frage ist kaum abschließend zu beantworten. Doch

Der Mensch bleibt Mensch vielleicht ist die entscheidende Frage auch eine andere. Zum Beispiel: Durch welche Hilfsmittel kann einem Menschen geholfen werden, sein Leben entscheidend zu verbessern? Auf diese Frage lohnt es sich, immer wieder neue Antworten zu suchen. Und auch, wenn Theologen, Philosophen und Ethiker sich wohl noch lange mit diesem Thema befassen werden – der Mensch bleibt Mensch, trotz aller technischer Hilfsmittel.

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Faszination Fußball Text João Anzolin  Renderings Foster + Partners, gmp Architekten  Foto Mostafa Bazri

Die Fußball-WM, eine der größten Sportveranstaltungen der Welt, ist nicht mehr nur ein sportlicher Wettkampf, sondern ein Event, das vieles verändert — nicht nur die Gastgeberstädte.

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Lusail Iconic Stadium, Katar 2022 73


Seite 72 – 73 © Foster + Partners, Qatar 2022 Supreme Committee (2009, 2010)  Links © ME /  P ortal da Copa /  M arço de 2013 /  C C BY 3.0 BR

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Arena Fonte Nova in Salvador de Bahia, Brasilien

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A

ls der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig 1941 das Buch „Brasilien, Land der Zukunft“ schrieb, hätte er vermutlich nie gedacht, dass dieser Titel zu einem beliebten Schlagwort in dem von ihm thematisierten Land werden würde. Die erwartete bra­silianische Entwicklung trat ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen des Buches ein. Da das Land dank der 1994 eingeführten Währung Real finanzielle Stabilität erreichte und massive öffentliche Investitionen in unterschiedlichen Bereiche – von der Sozialpolitik bis hin zur Entdeckung von Offshore-Ölfeldern – getätigt wurden, weist Brasilien zu Beginn des 21. Jahrhunderts beneidenswerte Wachstumsraten auf. Die Erhöhung der Einkommen, insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten, ließ die Nachfrage nach Konsumgütern in die Höhe schnellen. Der leichtere Zugang zu Krediten ermöglichte den Kauf von Wohneigentum und bereitete öffentlichen Bauvorha­ben den Weg. Obwohl sich die großen Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Klassen nur langsam reduzieren, fanden Millionen von Menschen den Weg aus der Armut. Die Wahl von Brasilien als Gastgeberland für die Weltmeisterschaft 2014 und von Rio de Janeiro zur Olympiastadt 2016 schien der end­ gültige Beweis zu sein, dass die Zukunft, von der so viele Brasilianer geträumt hatten, endlich vor der Tür stand. Die Städte und Länder, die sich bewerben, um Veranstaltungen wie die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele auszurichten, möchten nicht nur zu einer großen Bühne für diese aufregenden Events werden, sondern denken bereits an das „Vermächtnis“ für kommende Generationen. An all das, was übrig bleibt, wenn die Spiele vorbei sind.

Für Athleten, Journalisten und insbesondere Touristen aus aller Welt müssen Sicherheit, Verkehrsmittel und Kommunikation gewährleistet werden. Das erfordert eine umfassende Pla­nung und Vorbereitung sowie zahlreiche Baumaßnahmen. Für Brasilien bedeutet die Weltmeisterschaft eine Chance, ehrgeizige Umgestaltungsprojekte in nicht weniger als zwölf Städten in fünf Regionen des Landes anzugehen. Die WM sollte also nicht nur Selbstzweck

Die von so vielen Brasilianern erträumte Zukunft wurde endlich Wirklichkeit sein, sondern bietet auch die Möglichkeit, die Entwicklung im ganzen Lande voranzutreiben. Allerdings besteht kein Einvernehmen über die langfristigen Vorteile von sportlichen Großveranstaltungen. Die beträchtlichen Investitionen in Austragungsorte, Unterkünfte für Sportler und Infrastruktureinrichtungen kosten oft Milliarden und geh­en auf Rechnung der Staaten, die dann versuchen, die Kosten mit Partnern aus der Wirtschaft zu teilen. Die schnell erwirtschafteten und risiko­ armen Gewinne gehen dagegen an Organisationen, die weitaus weniger Verantwortung tragen: Bei der Fußballweltmeisterschaft ist das die FIFA und bei den Olympischen Spielen das IOC. Barcelona ist vermutlich das beste Beispiel einer Stadt, der durch eine sportliche Großveranstaltung eine erfolgreiche Umgestaltung gelungen ist. Sorgfältige Planung und erfolgreiche urbane Umbaumaßnahmen

machten die Olympischen Spiele von 1992 zu einem Meilenstein und beförderten Barcelona auf der Wunschliste vieler Touristen ganz nach oben. Die katalanische Hauptstadt mit ihren zahlreichen Attraktionen erfreut sich auch heute noch weltweit großer Beliebtheit. Am anderen Ende der Skala steht Süd­afrikas Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2010. Dort wurden moderne Fußballstadien in Städten gebaut, die keine professionelle Fußballmannschaft haben. Der Bau hat somit keinen nachhaltigen Mehrwert für die jeweilige Stadt. Ein anderes Negativbeispiel ist Athen, wo die für die Olympischen Spiele getätigten Investitionen die gesamte Volkswirtschaft gefährdeten und bis heute als Mitauslöser der derzeitigen Wirtschaftskrise gelten. Auch im Vereinigten Königreich hat es eine öffentliche Debatte über die Vorteile der in London veranstalteten Olympischen Spiele 2012 gegeben. Die 2005 erstellte anfängliche Kostenschätzung von 3 Milliarden Pfund wurde später auf 9 Milliarden Pfund erhöht. Die positiven Auswirkungen dieser Investitionen, insbesondere in East London, sind auch heute noch umstritten. Im Fall Brasilien ging die Diskussion mit der Kandidatur des Landes für die Fußballweltmeisterschaft einher. Die einzigartige und überwältigende Rolle, die ein Sport wie Fußball in der brasilianischen Gesellschaft spielt, führte dazu, dass die Nation fast gänzlich von den Vorteilen der Ausrichtung der größten Fußballveranstaltung der Welt überzeugt war. Über die Leidenschaft der Brasilianer für den Fußball und ihre Beziehung zu dieser Sportart muss wohl nichts weiter gesagt werden. Diese Tatsache erklärt jedoch die naive Haltung des Landes bei der Auseinandersetzung mit den offenen Fragen zur WM und deren Folgen. Seit seiner Einführung in Brasilien gegen Ende 75


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Rendering der Arena Pantanal in Cuiabá, Brasilien im Jahr 2014

des 19. Jahrhunderts hat der Sport, der anfänglich nur für große Begeisterung sorgte, maßgeblich dazu beigetragen, die brasilianische Gesellschaft zu formen, und war zu bestimmten Zeiten eng mit der Geschichte des Landes verknüpft. Die Bevölkerung ist derart besessen von diesem Sport, dass einer der

Die WM stellt eine faszinierende Herausforderung dar größten Schriftsteller des Landes, Nelson Rodrigues, Brasilien als „Pátria das Chuteiras“, also das „Va­ter­land der Fußballschuhe“ bezei­chnete. 2012 und 2013 gab es jedoch bereits geteilte Meinungen. Skeptiker kritisierten die WM-Investitionen, 76

Befürworter verteidigten sie. Die Bra­silianer mussten eine beispiellose Serie von Streichungen, Verzögerungen und betrügerischen Preisskandalen rund um die Sportveranstaltung mitansehen. Gleichzeitig flaute das Wirtschaftswachstum ab: Steigende Inflationsraten machten den Verbrauchern im täglichen Leben zu schaffen, die Prognose für das Bruttoinlandsprodukt entwickelte sich negativ und der Real erlitt 2013 eine dramatische Abwertung. Diese Ereignisse hatten eine direkte und klare Auswirkung: Brasilianische Demonstranten gingen in einem Ausmaß auf die Straße, wie es das Land nur wenige Male zuvor erlebt hatte. Der Auslöser war eine Erhöhung der Bus- und U-Bahn-Fahrpreise, gegen die hunderttausende Menschen auf den Straßen von Städten wie São Paulo und Rio de Janeiro protestierten. Die Demonstrationen griffen rasch auf das ganze Land über. Zu den Forderungen der Demonstranten gehörten ein ethischer

und politischer Wandel sowie höhere Effizienz und Transparenz bei Projek­ten im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft. Noch vor der Ausrichtung ihrer zweiten Fußballweltmeisterschaft be­fassen sich die Brasilianer bereits mit deren Vermächtnis. Ihre Fußballbegeisterung sollte würdige Bauwerke hinterlassen, die ein wahres Bekenntnis zur Zukunft des Landes darstellen. Die vor fast 100 Jahren ins Leben gerufene Fußballweltmeisterschaft ist heute weit­aus mehr als ein sportlicher Wett­kampf. Man könnte ihre Entwicklung als eine knapp auf den Punkt gebrachte Lektion zum Thema Weltgeschichte ansehen – bei jeder einzelnen WM spielten Kriege oder grundlegende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Fragen eine wichtige Rolle. Die Begeisterung und das Engagement der Menschen für den Fußball oder die Weltmeisterschaft hat sich jedoch durch keines dieser Themen


links © ME /  P ortal da Copa /  M arço de 2013/ C C BY 3.0 BR  rechts © Mostafa Bazri  /   D emotix  /   C orbis

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Ein Iraner feiert die Qualifikation seines Landes für die WM 2014 in Brasilien (17. Juni 2013) 77


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geändert oder verringert. Beliebtheit und Einschaltquoten der Fußballweltmeisterschaft sind vielmehr rasant angestiegen. Von der ersten Veranstaltung im reduzierten Format mit nur 13 Mannschaften im Jahr 1930 bis zur heutigen Version mit über 32 Teams macht sie den Olympischen Spielen den Rang als größte Sportveranstaltung der Welt streitig. Die Zahlen der WM sind beeindruckend: Allein in die Modernisierung und den Bau der Stadien hat Brasilien etwa 1 Milliarde US-Dollar investiert. Bei der 2010 in Afrika ausgetragenen Weltmeisterschaft fanden über 3 Millionen Fußballfans den Weg in die Stadien, das sind etwa 50.000 Zuschauer pro Spiel. Noch beeindruckender sind die durch die Fußballweltmeisterschaften generierten Gewinne: Die beinahe 7 Milliarden US-Dollar, die die FIFA in Südafrika erwirtschaftet hat, werden in Brasilien voraussichtlich auf fast 10 Milliarden klettern. Der technische Fortschritt im 78

Bereich Kommunikation erhöht die Reichweite weltweit und bringt die Bedeutung der WM zur Geltung.

Es besteht kein Ein­ vernehmen über die langfristigen Vor­teile von sportlichen Großveranstaltungen Die Einschaltquoten für die Endspiele lassen alle vier Jahre die Ergebnisse der vorherigen WM verblassen. Bei der letzten WM verfolgten fast 1 Milliarde Menschen auf der ganzen Welt die Spiele, die von 300 Fernsehsendern in über 200 Ländern übertragen wurden. Durch die zunehmende Verwendung von Computern und Smartphones kann man davon ausgehen, dass die Hälfte der

Weltbevölkerung die WM 2018 in Russland oder 2022 in Katar sehen wird. Angesichts dieser überwältigenden Zahlen wird erwartet, dass diese Großveranstaltungen auch in Zukunft rasant weiter wachsen werden und damit für die Kandidatenstädte und -länder zunehmend an Attraktivität gewinnen. Bei den letzten Bewerbungen spielten technische Innovationen eine maßgebliche Rolle. Russland setzte für die Weltmeisterschaft 2018 in erster Linie auf Innovationen im Bereich Sicherheit; für das Event 2022 in Katar wurden bereits eine Reihe erstaunlicher technischer Innovationen zum Umgang mit der Wüstenhitze präsentiert. Es besteht kein Zweifel daran, dass der durch die Fußballweltmeisterschaft bewirkte soziale, wirtschaftliche und technische Wandel an jedem Standort andere Formen annimmt und das Leben der Menschen tief greifend und weit über die Grenzen des Gastgeberlandes hinaus verändert.

© gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

Estádio Mineirão in Belo Horizonte, Brasilien


„Wir haben Freude daran, eine spannende Zukunft mit zu prägen.“ Jim Nicolaas, Sales Account Manager, Holland

Um uns den Herausforderungen von morgen stellen zu können, haben wir nie aufgehört, dazuzulernen. Es ist diese absolute Verlässlichkeit, diese Freude an der Herausforderung, die uns alle ausmacht. Wir nehmen die Zukunft in die Hand.

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Zukunft, 2. Ausgabe, Frühjahr 2014