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9783934896949_umschlag Montag, 8. Juli 2013 17:02:53


Till Burgw채chter

Neues aus Trueheim Aus dem Leben eines Metal-Fans

Leseprobe

reiffer

Edition The Punchliner

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Till Burgwächter Neues aus Trueheim Aus dem Leben eines Metal-Fans Umschlagillustration: Bad Goblin Satz/Layout: Andreas Reiffer Lektorat: Max Lüthke 1. Auflage, 2013, Originalausgabe © Verlag Andreas Reiffer, 2013 Druck und Weiterverarbeitung: CPI books, Leck ISBN 978-3-934896-94-9 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/verlagreiffer

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Heckenscheißer Der April gehört zu den trvesten Monaten im Jahr. Nicht nur, weil da das Keep It True-Festival in Lauda-Königshofen bei Tauberbischhofsheim in der Nähe von Würzburg stattfindet. Die Temperaturen sind in diesen Tagen meist angenehm, nicht zu kalt und nicht zu warm. Und außerdem kann man endlich wieder die Grillsaison einleiten, ohne dabei in der zugequalmten »Hexe« sitzen zu müssen. Denn Pilsi hat einen zugequalmten Schrebergarten am anderen Ende der Stadt. Bei acht Grad Außentemperatur kommt zwar noch nicht so richtig Sommerstimmung auf, aber die glühende Holzkohle und die sich darüber windenden Phosphatstangen tun ihr übriges. »Heute in einer Woche ist schon KIT«, bemerke ich überflüssigerweise und drehe eine ganze Batterie Schweinereste auf dem Rost. »Ja, aber ohne mich.« Matthias starrt auf den Grill und zupft sich an seinem Bartflaum. »Wie, ohne dich?«, will Pilsi wissen. Wir fahren doch jedes Jahr zusammen da hin.« Matthias nickt. »Und genau das ist es. Jedes Jahr das gleiche Festival, jedes Wochenende die gleichen Leute, die gleiche Musik, die gleichen Getränke. Und immer in Kutte.« Matthias schlüpft aus seinem Heiligtum und wirft es demonstrativ auf die Eckbank, die unter einem Verschlag vor sich hin rottet. Sie fällt so, dass der Backpatch, also der große Aufnäher in der Mitte, nach oben schaut. Alle starren auf den weltbekannten Ziegenschädel von Bathory. »Ich brauche echt mal ne Pause von dem ganzen Theater.« Matthias lehnt sich in seinem Gartenstuhl zurück und kratzt sich am Kopf. Betretendes Schweigen. Man kann die Schnauze voll haben vom Job, vom Kontostand, von seiner Familie, von seiner zu kleinen Wohnung oder vom dauernd kaputten Auto. Aber vom Metal? Das konnte sich bisher noch keiner vorstellen. »Aha, steigste jetzt um auf Hip-Hop, oder wie?«, will Pilsi wissen, bekommt aber keine Antwort. Um die nervende

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Stille zu durchbrechen, versuche ich das Thema zu wechseln. »Was macht eigentlich Simone?« Lars nimmt einen Schluck Pils und schüttelt den Kopf. »Fast den ganzen Tag am Kotzen. Erinnert sich noch jemand an das Intro ›Jack Daniels And Pizza‹ vom Carnivore-Album ›Retaliation‹? So klingt es bei mir zu Hause von morgens bis abends. Und wenn sie mal nicht kotzt, ist sie überglücklich oder dem Ende nah. Es ist fast so, als wäre sie wieder in der Pubertät. Aber der Arzt meint, das ist alles ganz normal.« »Normal und Frauen«, brummt Pilsi und öffnet den Kühlschrank, um Senf, Ketchup und neues Bier aufzufahren. Mit beiläufiger Geste drückt er die Play-Taste bei seinem alten Ghetto-Blaster, der seit 20 Jahren an der gleichen Stelle auf dem Kühlschrank zu stehen scheint. Wahrscheinlich sind die beiden Geräte längst miteinander verwachsen. Sogleich ertönt »Another Night« von High Spirits, die wohl größte TrveGöttergabe der letzten zwei bis drei Jahre. Matthias verdreht die Augen, sagt aber nichts. Ein paar Stunden später, über den Grillrost wurden noch diverse Schweineherden und sogar ein halbes Rind gejagt, ist die Stimmung schon wieder gelöster. Was vor allem daran liegt, dass sich Matthias mit den Worten »Ich muss noch meine Klamotten für morgen rauslegen« verabschiedet hat. Und da sein Bruder Lars auch keine Erklärung für das Verhalten seines Verwandten hat, oder damit jetzt nicht rausrücken möchte, ist schon bald wieder alles wie immer. Der CD-Spieler erfreut alle Anwesenden mit dem Album »Programmed« von Lethal, die Pilsetten verwandeln sich in steter Reihenfolge von voll in leer, und der Schnaps, heute gibt es den magenfreundlichen Schierker Feuerstein, sorgt für eine gute Verdauung. Was bei Pilsi allerdings gefährlich ist, denn hier draußen, in der rauen Welt der Schrebergärten, der Jägerzaunhöhenverordnung und der genormten Hecken mangelt es uns an nichts. Mit Ausnahme einer wassergespülten Toilette. Wer einmal in seinem Leben nach einem langen Sommer voller Grillgelage in die elenden Abgründe einer Chemietoilette geschaut hat, wird sich freiwillig lieber einen Knoten ins

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Rectum flechten, als sich dieser irdischen Fäkal-Hölle auch nur auf drei Meter zu nähern. Wichtig ist nur, nicht daran zu denken, dass man gerade ein ganzes Schwein samt Beilagen vertilgt hat, sondern sich selbst einredet, gerade Diät zu halten, weshalb sich in den meterlangen Därmen momentan gar nichts abspielen kann. Ja, der menschliche Geist ist manchmal leichter zu überlisten als ein Vorschulklässler aus der Vorstadt. Der Körper leider nicht. Zumal dann nicht, wenn sich das besagte Tier nicht mehr im besten aller denkbaren Zustände (verzehrfertig) befunden hat. Und deshalb hocken wir bald im Abstand von einem Meter hinter einer Hecke und versuchen, die schweinischen Überreste möglichst geräuschlos hinter uns zu lassen. Der Erfolg hält sich in Grenzen. Und Pilsis Bemerkung »500 Gramm, ohne Knochen« macht das peinliche Schauspiel auch nicht besser. Als ich arglose frage, wo wir danach denn das gebrauchte Klopapier entsorgen sollen und Pilsi auf den Komposthaufen zeigt, ist das Maß voll. Ich sehe mich in meiner Meinung bestätigt, dass ein Balkon zwar nicht ganz so viele Menschen fasst wie ein Garten. Und das Grillen mit Holzkohle ist dank der lieben Nachbarn auch schwierig, von lauter Musik mal ganz abgesehen. Aber dafür ist besagter Vorbau an die Zivilisation angeschlossen. Ein Vorteil, auf den man mit zunehmendem Alter immer mehr achtet.

 Wenn es gilt, den größten anzunehmenden Unterschied zwischen Pilsis Garten und einem beliebigen anderen Ort festzulegen, dann ist das berühmte schwedische Möbelhaus mit den vier großen Buchstaben und den Farben von Eintracht Braunschweig ganz vorne dabei. Gerade an einem Samstagmittag, wenn sich von der Jungfamilie bis zum Rentnerpärchen alle denkbaren Gruppierungen durch die Gänge schieben, um Schlafzimmer, Couchgarnituren, Teelichter und Köttbullar mit Pferdefleischfüllung zu begaffen. Mir ist noch ein biss-

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chen schwummerig von der gestrigen Grillveranstaltung, als ich versuche, Tanjas schnellen Schritten in dem Einkaufstempel zu folgen. Die abgestandene Luft in dem Laden verursacht Kopfschmerzen (es ist die Luft und auf keinen Fall der Schierker vom Vorabend), die anderen Leute sind zu laut und das Licht um einige Stufen zu hell. Von den vielen Treppen ganz zu schweigen. Aber die Dame des Hauses kennt keine Gnade. Angeblich haben wir vor vier Wochen verabredet, an diesem Samstag neue Hussen für die Couch im Wohnzimmer zu besorgen. Abgesehen davon, dass ich das Wort Hussen erstmal googeln musste, um festzustellen, dass es sich dabei um ganz ordinäre Überwürfe handelt, verstehe ich das Problem nicht so ganz. Man könnte sich ja zu Hause auf eine Farbe einigen und einer (also Tanja) holt die Stoffdinger dann aus dem Laden. Dafür gibt es schließlich Internet. Aber hier geht es ja nicht nur um das Shopping-Erlebnis, wir machen beim Schweden auch gleich so etwas wie Paartherapie. Tanja hat nämlich irgendwo gelesen, dass sich in solchen Extremsituationen die wahren von den falschen Partnerschaften trennen. Mit anderen Worten, wer sich bei IKEA gegenseitig durch die Küchenabteilung prügelt, hat weniger Chancen im echten Leben als die, die sich heimlich in eins der vielen Betten verziehen, um woanders als auf dem heimischen Küchentisch zu vögeln. Die Frau hat eindeutig zu viel Zeit. Gut, dass nächste Woche ein Vorstellungsgespräch ansteht. »Uh, was hältst du von der da?« Wir sind in der Couchecke angekommen, und Tanja zeigt auf einen hellgrünen Überwurf, der sogar im hiesigen Wirrwarr aus Formen und Farben unangenehm hervorsticht. »Guck nicht so, war nur Spaß.« Mit einer sonst nur selten zur Schau gestellten Energie fegt mein Herzblatt durch die Gänge, fühlt prüfend Stoffe, zupft an Überwürfen herum und hält verschiedene Kandidaten ins Licht. Ich stehe etwas abseits und muss zugeben, dass mich das Schauspiel fasziniert. Ist das nun ein Zeichen dafür, dass das fortgeschrittene Alter von hinten langsam immer näher kommt und sich seine eiskalten Finger bald endgültig um meinen Hals legen werden,

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bis ich qualvoll unter der Last der Jahre dahinsieche wie ein Bass-Riff von Queen unter der Bearbeitung von Vanilla Ice? Meine Hand wandert verstohlen auf meinen Schädel. Nein, noch kein Anzeichen von kreisrundem Haarausfall. Erleichtert hebe ich den Daumen, als Tanja mir eine dunkelblaue Husse entgegenhält. Sie schüttelt den Kopf und legt den Stoff wieder zur Seite. Nach einigen weiteren Vorführungen, die alle mit dem exakt gleichen Ergebnis enden und deren Sinn sich mir auch nach längerem Überlegen nicht so recht erschließen will, »einigen« wir uns auf eine Husse, die ins Gräuliche tendiert. Hell genug, um die Wohnung nicht zu düster wirken zu lassen. Und dunkel genug, um etwaige Flecken zu bekämpfen. Sagt Tanja. Ich denke nur an den versprochenen Hot Dog, den ich nach dem Bezahlen in Empfang nehme und unter so vielen Gurken und Röstzwiebeln begrabe, wie das kleine Würstchen im Brötchen gerade noch aufnehmen kann. »Das war doch ein schöner Einkaufsbummel, oder?« Tanjas Wangen glühen regelrecht vor Begeisterung. Ich nicke, während ich versuche, noch ein bisschen Ketchup, Remolade und Senf auf meinem Snack unterzubringen. »Wenn es dir auch gefallen hat, können wir ja gleich weitermachen. Lass uns ins Einkaufszentrum in die City fahren. Wir brauchen dringend noch ein Ostergeschenk für deine Oma. Außerdem ist meine Bodylotion leer, und die kriege ich nur da. Wenn du artig bist, bekommst du noch ein Fischbrötchen.« Ich blicke auf die Wurst in meiner Hand und muss spontan an den Spruch mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand denken. Das Einkaufszentrum ist nichts anderes als ein Moloch, der nur erfunden wurde, um friedvolle Männer zu quälen. Noch mehr Leute, noch mehr abgestandene Luft und alle zwei Meter ein neuer Laden, in dem Krimskrams vertickt wird, der schon vier Wochen später im Hausmüll landet. Von der Beschallung aus tausenden von Lautsprechern gar nicht zu reden. Dieser Fisch sollte schon ein verdammter Wal sein. Auf das Brötchen kann ich dankend verzichten.

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 Ein paar Tage später hocken Lars, Pilsi und ich in Pilsis rollendem Schrotthaufen und tuckeln entspannt gen Süden. Matthias hat seine Drohung wahr gemacht und seine Karte für das Keep It True-Festival tatsächlich auf Ebay verkauft. Aber wir sind fest entschlossen, uns davon nicht die Laune verderben zu lassen. Schließlich ist diese Veranstaltung der Höhepunkt des ganzen Jahres. Wir werden mit 2.000 anderen Verrückten aus der ganzen Welt Musiker feiern, die außer uns niemand kennt, und die auch niemand außer uns kennen möchte. Mindestens die Hälfte der auftretenden Bands existiert schon seit zwei gefühlten Ewigkeiten nicht mehr, zumindest nicht im Sinne einer tourenden und regelmäßig auftretenden Combo. Verstorbene oder ausgestiegene Kollegen werden ersetzt (in der Regel von James Rivera), was aber kaum jemanden zu stören scheint. Einerseits geht es zwar um Authentizität und Trveness in jedem Bereich. Aber letztlich geht es auch ums Feiern. Und wenn sich die Bands nicht für das KIT aufrappeln und sich noch einmal auf die Bühne wagen, tun sie es in der Regel nie wieder. Es ist also oftmals die letzte Chance, irgendwelche Götterhymnen live vorgesetzt zu bekommen. Zumindest bis das Klonen endlich gesellschaftsfähig wird. »Gib bitte noch mal eine Hülse«, knurrt Lars vom Beifahrersitz. Aus der Anlage dröhnt zur Einstimmung »Doomsday For The Heretic« von Metal Inquisitor, draußen lichtet sich nur zögerlich der Morgennebel, um der noch roten Sonne und ihren Strahlen Platz zu machen. Man könnte fast poetisch werden. Lars nimmt einen tiefen Schluck und wischt sich den Schaum von der Oberlippe. »Ich denke, ich werde Simone verlassen.« Totenstille im Auto. Selbst Metal Inquisitor scheinen angespannt zu lauschen. Ach nein, die CD ist nur durchgelaufen. »Du willst bitte was?« Pilsi umklammert das Lenkrad und hat Probleme, das Auto in der Spur zu halten. Seine Laune ist eh schon im Keller, da er den traditionellen Münzwurf am Vor-

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abend verloren hatte und fahren muss. »Du verlässt Simone? Nach gefühlten 100 Jahren? Ausgerechnet jetzt, wo sie in Produktion geht? War das ein Unfall?« Lars schüttelt langsam den Kopf und nimmt einen weiteren, tiefen Zug aus seiner Kartusche. »Nee, das war geplant. Oder zumindest nicht ausgeschlossen. Ist halt so passiert. Aber jetzt, wo es ernst wird und sie sich demnächst aufbläht, merke ich, dass ich, also dass es, also ... Für mein Gefühl ist es halt zu früh.« Pilsi holt in einer Bewegung die CD aus dem Schacht, wirft sie nach hinten, sodass sie fast in meinem (immer noch erstaunt blickenden) Gesicht landet und fummelt den nächsten Tonträger in den Schacht, ohne ihn zu starten. »Bist du nicht der Meinung, dass dir dieses Gefühl ein bisschen spät einfällt? Ich meine, ich bin jetzt bestimmt nicht der Anwalt der Frauen. Und Simones auch nicht. Aber die Nummer finde ich ein bisschen heftig.« »War klar, dass das von euch kommt, deshalb hab ich ja auch ne Weile nichts gesagt.« »Wie, seit wann denkst du denn darüber nach, den Adler zu machen?«, frage ich. »Seit dem positiven Schwangerschaftstest. In der Sekunde.« »Und weiß Simone davon?« »Bist du wahnsinnig? Und das bleibt auch bitte so.« Wir versuchen Lars ein wenig aufzumuntern und zu beruhigen, indem jeder mindestens drei Beispiele aus dem Kollegen- oder Bekanntenkreis aufführt, in denen ein Partner kurz vor der Hochzeit oder der Geburt kalte Füße bekommen hat. Aber so ad hoc ist die Stimmung nicht mehr zu retten. Irgendwann schaut jeder auf seiner Seite aus dem Fenster auf die vorbeirasende Autobahn und gibt sich seinen Gedanken hin. Pilsi startet »The Spectre Within« von Fates Warning, stellt die Musik für seine Verhältnisse aber sehr leise. Man kann fast noch den alten, französischen Motor hören, der sein bestes gibt, um uns sicher an fränkische Gestade zu bringen.

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 Als ich die Augen wieder öffne, ist die Landschaft hügelig, das Bier günstig und die Mädels sind zünftig. Keine Frage, wir nähern uns dem Ziel. Schon taucht die alte, vertraute Pension am Horizont auf, die wir direkt nach Ablauf des Festivals am Sonntagmorgen immer schon für das nächste Jahr buchen. Klamotten aus dem Auto, ins Zimmer geworfen, Claudia an der Rezeption begrüßt und ein paar Freundlichkeiten ausgetauscht. Schnell ein Taxi geordert und weiter geht es Richtung LaudaKönigshofen, der Weinstadt im Taubertal. Die weißen Autos mit den gelben Schildern auf dem Dach sind in dieser Gegend ungefähr so häufig anzutreffen wie die Blaue Mauritius auf dem Postamt von Wolfenbüttel, deshalb fingert Pilsi gleich eine Visitenkarte aus der Halterung am Armaturenbrett und reicht sie an Lars weiter, der sie beiläufig in die Brusttasche seiner Kutte gleiten lässt. Der Simone-Schock ist für den Moment vergessen, oder zumindest verdrängt, als die Tauber-Franken-Halle von Königshofen auftaucht. Während 360 Tagen im Jahr quälen sich hier wahrscheinlich irgendwelche Teenager beim Schulsport, und im September feiern die wenigen Einheimischen hier ihr Volksfest. Aber einmal jährlich im April ist dieser unscheinbare Bau mit seinen rund 2.000 Plätzen unser Mekka. Auf dem Parkplatz, den diverse Irre zu einem Campingplatz umfunktionieren (im April nicht immer die kuscheligste Idee), ist schon jetzt um die Mittagszeit die Hölle los. Aus jedem Auto dröhnt eine andere Kapelle, eine trver als die nächste. Wir schieben uns am Verkehrsübungsplatz (der Hort kurzweiliger Unterhaltung, falls drinnen mal eine langweilige Band spielt) vorbei Richtung Eingang. Und mit den ersten Klängen von Alpha Tiger betreten wir das Mehrzweckgebäude. Rechts die Händler mit neuem Stoff für die Sammlung, links die Bühne und die Fressstände. Die Luft riecht nach Bier und Leder, da sich noch niemand traut, in der Nichtraucherhalle zu quarzen. Das wird sich in wenigen Stunden und mit steigendem Alkoholpegel ändern.

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Und wer mal versucht hat, einen angetrunkenen Zwei-MeterGriechen davon zu überzeugen, mit seinem Glimmstängel vor die Tür zu gehen, wird einsehen, dass es gar nicht anders geht. »Hey, da ist Eetu.« Lars hat unseren kleinen Kumpel aus Finnland zuerst entdeckt. Und natürlich schleppt er schon wieder sein Körpergewicht in neu erworbenem Vinyl mit sich herum. Nach großem Hallo werden erstmal die Einkäufe des Nordmannes gesichtet. Die Platten wandern aus der Tüte, in Pilsis Hände, zu Lars und mir und wieder zurück in die Tüte. »Was ich mir gerade überlege: Woher kennen wir Eetu eigentlich genau?«, will Lars wissen. Ich überlege und muss zugeben, dass ich es selber nicht mehr weiß. Bei irgendeinem Konzert oder Festival lief man sich mal in die Arme, tauschte Email-Adressen aus und sieht sich seitdem ein paar Mal im Jahr. So wie bei verschiedenen Verwandten, wobei die in der Regel nicht im Internet unterwegs sind. Satan sei Dank! »Vielleicht Heathen, 2005 in Bad Hersfeld? Da war er auf jeden Fall dabei«, wage ich einen Schuss ins Dunkle, aber Lars zuckt nur mit den Schultern. Im Laufe eines Trveheimer-Lebens kommen einfach zu viele Konzerte zusammen. Eetu, der seine Beute in seine Höhle, also den alten VW-Bulli eines Kumpels schaffen will, lädt uns zu einem Salmiakki ein. So früh am Tag eigentlich keine gute Idee. Denn das schwarze Teufelszeug aus Wodka und Türkisch Pfeffer hat es in sich. Auf der anderen Seite, wenn nicht hier, wann und wo dann? Außerdem müssen wir den Verlust eines Bruders kompensieren. Irgendwie fehlen die bissigen Bemerkungen von Matthias doch ganz schön. Nach einigen Runden Salmiakki, die mit deutschem Bier nachgespült werden, kehren wir wieder in die Halle zurück und sehen zunehmend verschwommen diverse Bands auf- und wieder abtreten. Zigaretten glimmen, Mischen und Biere werden gereicht, auch ein Steak im Brötchen verirrt sich in unsere Runde. Im Taxi Richtung Pension schwören wir uns, morgen aufmerksamer zu sein. Schließlich ist man immer noch wegen der Musik hier. Ungefähr 24 Stunden später sitzen wir im gleichen Taxi und leisten den gleichen Schwur. Dieses Mal aber fürs nächste Jahr. »Man sollte das Treffen von Freun-

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den und den Auftritt von Bands irgendwie voneinander abkoppeln können. 48 Stunden sind dafür einfach nicht genug«, lallt Lars unerwartet Sinnvolles in die Nacht. Pilsi hingegen stößt lieber auf. »Hm, Currywurst.«

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Foto: Hamstå

Till Burgwächter: Wie auch die Bands Iron Maiden, Motörhead, (Quiet) Riot oder White Spirit im Jahre 1975 geboren. Headbangt und hebt die Pommesgabel in Braunschweig. Verfasst dort zu ohrenbetäubend lauter Musik Bücher wie JGTHM (2002), Schmerztöter (2003), Die Wahrheit über Wacken (2005 und 2011), Tillicus Glossicus Metallicus (2010) oder Väter, Völker und Vandalen (2012). Schreibt außerdem für diverse Magazine und Zeitungen, damit die Tonträgersammlung weiter wachsen kann.

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Till Burgwächter

Die Wahrheit über Wacken Das A-Z zum Heavy Metal-Disneyland

Es ist an der Zeit, ein Festival zu feiern, wie es so gebaut in Deutschland nirgendwo ein zweites gibt. Hier ist es zu Haus. Aus dem norddeutschen Dorf, das als erstes nur nach dem Reinheitsgebot des Heavy Metal lärmte und noch bis heute lärmt. Wacken. Das Wacken Open Air ist zweifellos der FC Bayern unter den Festivals. Für Till Burgwächter Grund genug, dem Heavy Metal-Disneyland ein ganzes Buch zu widmen. Das Werk liefert wichtige Erkenntnisse zu den Themen Bier und Urin, klärt die Herkunft solch mysteriöser Sagengestalten wie Helga und stellt ein für allemal fest: Das hier ist kein Kindergeburtstag! »Till Burgwächter lässt sich in Die Wahrheit über Wacken über wirklich ALLES aus, was dem Metaller im Zusammenhang mit diesem Mega-Festival durch den rotierenden Schädel gehen könnte. Bissig, aber immer witzig macht sich Till über Freizeit-Headbanger lustig, testet jedes einzelne Dixi höchstpersönlich, pisst den Veranstaltern an den Karren, entzürnt den weltberühmten Bauern Trede – und outet sich letztendlich als echter Wacken-Fan. Lesenswert und Lustig« Götz Kühnemund, Rock Hard 11/2011

Till Burgwächter: Die Wahrheit über Wacken 120 S., ISBN 978-3-934896-35-2, 9,90 EUR

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Neues aus Trueheim  

Leseprobe aus: Till Burgwächter: Neues aus Trueheim Aus dem Leben eines Metal-Fans Verlag Andreas Reiffer, 2013