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Ronald R. Klein

SANDOW 30 Jahre zwischen Harmonie und Zerstรถrung

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Ronald R. Klein: SANDOW 30 Jahre zwischen Harmonie und Zerstörung Umschlaggestaltung unter Vewendung von Fotos von Peter Gruchot (Vorder- und Rückseite), Charlie Köckritz (Klappe 1) und Lutz Schramm (Klappe 2) Satz/Layout: Andreas Reiffer Lektorat: Max Lüthke 1. Auflage, 2014, Originalausgabe © Verlag Andreas Reiffer, 2014 In Zusammenarbeit mit dem Major Label (Ettler und Stieler GbR, Haydnstr. 6, 07749 Jena, www.majorlabel.de) ISBN 978-3-934896-98-7 (ohne CD »Im Feuer«) ISBN 978-3-934896-99-4 (mit CD »Im Feuer«) Major Label: ML068 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/verlagreiffer

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Born In The G.D.R. In der Nacht zum 2. April landeten argentinische Truppen auf den Falklandinseln, eine Inselgruppe im südlichen Atlantik, die formal zu Großbritannien gehört. Die Invasion leitete einen zweimonatigen Krieg ein, dem mehr als 1.000 Menschen auf beiden Seiten zum Opfer fielen. Im Nahen Osten schlugen Bomben ein. Am 6. Juni startete Israel eine Offensive im Südlibanon. Erklärtes Ziel war die Zerschlagung der PLO. Nur vier Tage später kam die NATO-Gipfelkonferenz zum ersten Mal in Bonn zusammen, an der die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten teilnahmen. Dies führte zu der bis dato größten Demonstration in der Geschichte der BRD. Mehr als 350.000 Menschen protestierten gegen Atomwaffen und die durch US-Präsident Reagan symbolisierte Aufrüstung. Doch auch in der DDR nahmen die Menschen die Rüstungspolitik des Warschauer Paktes, dem sozialistischen NATO-Äquivalent, nicht länger hin. Auf Initiative des Berliner Pfarrers Rainer Eppelmann wird der Aufruf »Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen« veröffentlicht. Ohne Frage, 1982 war ein Jahr, das das Vabanquespiel aus politisch-verbalen Drohgebärden und dem Ernstfall deutlich machte. Die Nachrichten behandelten nach dem Vietnam-Krieg in den 60er- und 70er-Jahren und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan den Krieg auch weiterhin als traurigen Alltag. Die DDR griff die vermeintlichen Beweise des imperialistischen Militarismus dankbar auf. In der Schule gehörte die »Schaffung und Sicherung des Friedens« zu den alltäglichen Themen wie das Einmaleins oder Rechtschreibregeln. Die politisch aufgeheizte Atmosphäre verhinderte nicht einen Alltag, den Sandow 1988 im Dokumentarfilm »flüstern & SCHREIEN« als »verstaubte Zufriedenheit« beschreiben, eine Umschreibung für kleinbürgerliche Bigotterie. Diese dominierte beispielsweise Cottbus, eine Stadt südöstlich von Berlin an der Peripherie des idyllischen Spreewaldes gelegen. Die Stadt stieg im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung zu einem Wirtschaftszentrum auf, geprägt von der Textilindustrie. Nach Gründung der DDR wurde Cottbus Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks und avancierte zu einem bedeutenden Kohle- und Energielieferanten. Als Mitte der 70er-Jahre der Status einer Großstadt mit 100.000 Einwohnern erreicht wurde, herrschte Wohnraummangel. Die Städteplaner und Architekten versuchten, dem bereits seit den 60er-Jahren mit der Errichtung der Neubausiedlung Sandow entgegenzuwirken. Dabei dominierten nicht monolithisch in die Höhe ragende Bauten das Stadtbild – so wie später in Marzahn oder der Gropiusstadt in Ost- bzw. West-Berlin –, sondern für die damalige Zeit moderne Fünf- und Sechsgeschosser, zwischen

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denen Kindergärten, Schulen, Spielplätze und Kaufhallen errichtet wurden. Ideale Bedingungen für junge Familien. Dagegen erschien Cottbus regelrecht modern. Punks und Metaller peppten bisweilen das graue Straßenbild auf. Auch die jungen Sandow-Musiker erschienen im Chic einer Subkultur, mit Fönfrisuren und adretten Klamotten. Was später unter dem Begriff »Popper« subsumiert wurde, schien Anfang der 80er-Jahre in Cottbus frisch, frech und anders. Die 13-jährigen Schüler Chris Hinze und Kai-Uwe Kohlschmidt kannten sich bereits seit der dritten Klasse, gingen sich aber anfangs aus dem Weg. Im Herbst 1982 besuchten sie die achte Klasse der Rosa-Luxemburg-POS in Sandow. Beide waren in ihrer Freizeit vor allem sportlich aktiv. Hinze galt als talentierter Judoka, und Kohlschmidt ruderte im Verein. Die anfängliche Zurückhaltung löste sich auf, als Hinze mitbekam, dass Kohlschmidt, genau wie er selbst, auf der Gitarre übte. Zum Fasching beschlossen beide, als Band aufzutreten. Obwohl es ursprünglich nur um eine Verkleidung ging, wurden die ersten beiden Songs komponiert, die sie beim Fasching mit einem charmanten Arrangement aus einer geborgten E-Gitarre und Kochtopf vortrugen. Aus der spontanen Idee erwuchs Kontinuität: die Geburtsstunde der Band Sandow. Die Namenswahl geriet erst gar nicht zur Streitfrage, denn Lokalpatriotismus wurde groß geschrieben. Anfang der 80er-Jahre schien deutscher Rock dank Ton Steine Scherben und Fehlfarben aus dem Verlies der Muffigkeit befreit. Anschließend rollte die Neue Deutsche Welle übermächtig heran und wälzte durch ihre schnelle Kommerzialisierung ein Gros der einstigen Pioniere platt. Musikfans in der DDR bekamen die Entwicklung jenseits der Mauer nur gefiltert mit. Neue Entwicklungen wurden von den Kulturfunktionären äußerst skeptisch beäugt. Die Intendanz des DDR-Rundfunks hatte beispielsweise zum Phänomen NDW eine dezidierte Meinung und formulierte 1982 in einem internen Schreiben: »Wir haben festgelegt, dass alle neu geschriebenen Titel der DDRAutoren, die in die Richtung der Neuen Deutschen Welle gehen könnten, einer besonderen Prüfung unterzogen werden, damit die großen Verdienste unseres Landes um die Entwicklung einer deutschsprachigen Rockmusik nicht durch Abflachung hinsichtlich von Werken der Neuen Deutschen Welle zunichte gemacht werden.«1 In Cottbus, knapp 120 Kilometer von Berlin entfernt, ließen sich immerhin alle wichtigen West-Berliner Radiosender empfangen. Das war in anderen Teilen der DDR komplizierter. Nicht umsonst hieß die Gegend um Dresden »das Tal der Ahnungslosen«, da selbst mit größerem Aufwand UKW- und Fernsehfrequenzen aus der Bundesrepublik nicht empfangen werden konnten. Während es bei Nachwuchsbands verbreitet war, vor allem Coversongs ihrer Idole zu spielen, gaben sich Sandow damit gar nicht erst ab. Das anfängliche 1 Zitiert nach: Rauhut, Michael: »Rock in der DDR«, Berlin 2001, S. 99 ff.

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Repertoire beinhaltete ausschließlich eigene Kompositionen. Die frühen Texte changierten zwischen den für die DDR-Öffentlichkeit essentiellen Themen Frieden und Liebe. Zumindest schien die Band damit thematisch gar nicht weit entfernt vom Mainstream der offiziell legitimierten Unterhaltungsmusik. Jedoch interpretierten Sandow bereits damals gängige Motive anders als die meisten. Kohlschmidt erinnert sich im Film »flüstern & SCHREIEN«: »Chris hat mal mit 13 einen Song geschrieben: ›Ich traf ein Mädchen am Sonnenstrand / Große Liebe später im Sand / Gingen zur Disco, flippten aus / Kalter Sekt im Bett / Doch am nächsten Morgen war sie weg‹. Ganz schön heiße Vorstellung für 13 Jahre!« Der erste Auftritt außerhalb der Schulmauern folgte im Winter 1982/83. Nicht nur die Konzerte waren schweißtreibend, sondern auch der Weg dorthin: Sandow tourten mit Fahrrädern und Instrumenten auf dem Anhänger quer durch die Lausitz und traten vor LPG-Belegschaften auf. Der Ruf einer guten Live-Band festigte sich, es folgten weitere Einladungen zu privaten Feten und Betriebsbelegschaftsfesten. Trotz des zarten Alters von 14 Jahren etablierten sich die Cottbusser als Live-Musiker und wurden regelmäßig am Wochenende gebucht. Was fehlte, war die »Einstufung«. Diese war aber nötig, um offiziell auftreten zu dürfen. So verlangten es die rigiden Kulturgesetze aus den 60er-Jahren, als die SED-Führung bemerkte, welches Pulverfass Rock’n’Roll und Beatmusik darstellten. Um dem frech-fröhlichen Treiben unzähliger Amateurkapellen ein

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Ende zu setzen, erdachten sie sich die Auflage, dass nur jene Künstler auf den Bühnen stehen und Platten einspielen durften, die als unbedenklich galten. So musste jeder, der die nötige Einstufung erhalten wollte, vor einem Komitee vorstellig werden, das die Texte und das Auftreten genauestens prüfte. Wer nicht die formalen ästhetischen Kriterien der sozialistischen Gesellschaft erfüllte, durfte die Instrumente wieder einpacken und es im nächsten Jahr – soweit eine Läuterung eingesetzt hatte – noch einmal probieren. Dabei wurde das Augenmerk nicht nur auf die Texte gelegt, sondern auch die Musik musste den ästhetischen Kriterien der offiziellen Linie genügen. Wer hingegen die Einstufung bestand, erhielt einen Ausweis (die sogenannte »Pappe«) zur Ausübung von »Tanzmusik«. Der Ausweis schrieb auch fest, welchen Stundenlohn der Veranstalter zahlen musste.

Kinder des Verbrechens Noch immer zu zweit traten Sandow bei einem Cottbusser Pressefest auf. Moderator Heinz Quermann, der Hans-Joachim Kuhlenkampff des Ostens, kündigte die Nachwuchshoffnung am Lausitzer Pophimmel an. Tatsächlich kam der Auftritt der jugendlichen Combo gut an. Eine Kommission nahm sich der jungen Musiker an und stellte ihnen Mentoren zur Seite, die aus Hinze und Kohlschmidt ein gefälliges Schlagerduo machen sollten. Die staatliche Lenkung der Unterhaltungsmusik war eine gängige Praxis in der DDR. Vielen Bands wurden auf sozialistischem Kurs befindliche Texter wie Gisela Steineckert zur Seite gestellt. Bis 1990 wirkte diese sogar als Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst der DDR, das direkt dem Ministerrat unterstellt war. Mitte der 80er-Jahre gehörten der »Sektion Rock« 570 Mitglieder an, sowohl Musiker wie auch Texter. Trotz der zentralen staatlichen Lenkung befanden sich die unterschiedlichen Institutionen in Konkurrenz zueinander. Ein Umstand, den sich insbesondere die Independent-Bands später zunutze machten. Die Redakteure der staatlichen Plattenfirma AMIGA erwiesen sich in ihrer Arbeit oftmals weniger progressiv als die Kollegen vom Rundfunk, die sich im Regelfall mehr trauten. Auch hinsichtlich der Live-Auftritte herrschte in den 15 DDR-Bezirken eine gänzlich unterschiedliche Kulturpolitik. Während manche Funktionäre Auftritte der weniger etablierten Bands absegneten, verhinderten in anderen Bezirken ihre Kollegen Konzerte anerkannter Künstler, da sie einen nicht kontrollierbaren Auflauf von Rockfans fürchteten.

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Sandow erwiesen sich als beratungsresistent, und die Mentoren legten die Arbeit rasch wieder nieder. Jedoch schien das unbedarfte Drauflosspielen bei Betriebsfesten durch ein jähes Ende bedroht. Als die Kulturfunktionäre im Frühjahr 1984 realisierten, dass eine junge Band ohne Spielerlaubnis bereits über 60 Gigs absolviert hatte, schrillten die Alarmglocken. Man drohte mit der Zwangsauflösung, falls nicht die nötige Einstufung vorgenommen würde. Zwar verfügten Sandow 1984 bereits über mehr als 100 Eigenkompositionen, doch von denen kam keiner in Frage, da die Einstufungskommission einen Coversong forderte. Sie entschieden sich für »Pride – In the Name of Love« von U2. Dieser hätte aufgrund der Großbritannien gegenüber kritischen Konnotation das Lektorat zufriedengestellt. Jedoch mussten Sandow bei den Proben enttäuscht feststellen, dass ihre musikalischen Fähigkeiten längst noch nicht so weit waren, um den Song zu intonieren. Die ältere Cottbusser Independent-Band WK 13, die sich der Nachwuchshoffnung aus dem Neubaugebiet angenommen hatte, schlug vor, es doch stattdessen mit Die Ärzte zu probieren. Die Westberliner Fun-Punks spielten Lieder mit wenigen Akkorden und schrieben in ihrer Frühzeit unbedenkliche Pubertäts-Texte – harmlos genug, um vor einem Lektorat, das sensibel gegenüber politischer Brisanz war, zu bestehen. Sandow entschieden sich für »Sommer, Palmen, Sonnenschein«, dessen Refrain lautete: »Sommer, Palmen, Sonnenschein / Was kann schöner sein? / Sommer, Palmen, Sonnenschein / Was kann schöner sein / Mit dir allein kann es noch schöner sein / Mit dir allein kann es noch schöner sein«. Aber irgendetwas fehlte. Schmidt von WK 13 brachte es auf den Punkt: »Euch fehlt der Arsch.« Was er meinte, war der mangelnde Schub im Bassbereich. Er stellte Torsten Klapper vor – es passte sofort. Zusammen mit Schlagzeuger Dirk Patsch, den Kohlschmidt und Hinze aus der Nachbarschule kannten, waren Sandow nunmehr ein Quartett. Die Einstufung klappte auf Anhieb, wenn es auch nur zur »Elementarstufe«, der niedrigsten überhaupt, reichte. So konnten Sandow nun mit offiziellem Segen in der Besetzung Chris Hinze (Gitarre, Gesang), Torsten Klapper (Bass), Kai-Uwe Kohlschmidt (Gesang, Gitarre) und Dirk Patsch (Drums) durchs Cottbusser Umland touren. Die vorgeschriebene Vergütung sah vier Mark pro Person und Stunde vor. Die Zeit arbeitete inzwischen für die Band. Denn während noch Anfang der 80er-Jahre die Situation für Punk- und Independent-Bands denkbar schlecht war, Plattenaufnahmen als unmöglich galten und offizielle Live-Auftritte eine Ausnahme bildeten, lockerten sich die Bedingungen in der Mitte des Jahrzehnts. Gorbatschow wurde Erster Mann in der Sowjetunion und seine Vision von Glasnost und Perestroika erreichte im kleinen Rahmen auch die DDR.

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Auftritte von Independent-Bands waren nun nicht mehr den Kirchen oder privaten Festen vorbehalten. Progressive Jugendclubleiter öffneten die Pforten ihrer Häuser den »anderen Bands« – so lautete der staatliche Sammelbegriff für Independent-Kapellen: ein wüstes In-einen-Topf-werfen von Punk, Ska, Wave und Alternative-Rock. Die FDJ bemühte sich, Förderverträge mit den »jungen Wilden« zu schließen und ihr Kreativ-Potential für sich zu nutzen. Denn die etablierten Rockbands erreichten die jugendlichen Zuhörer überhaupt nicht mehr. Puhdys, Karat, electra galten als verstaubt. Dafür bespielten regelmäßig nun die »anderen Bands« die Jugendclubs zwischen Rostock und Suhl. Zur gleichen Zeit heißt es in einem FDJ-Positionspapier: »Rockmusik ist geeignet, die Schönheiten des Lebens in Frieden und Sozialismus zu propagieren, den Lebensmut zu stärken, Stolz auf Erreichtes zu zeigen, staatsbürgerliche Haltung und Aktivität zu fördern und auch Widersprüche transparent zu machen und mit ihren Mitteln Partei zu nehmen in den Kämpfen unserer Zeit.«2 Sandow hatten sich trotz ihres jugendlichen Alters längst als feste Größe in der Cottbusser Szene etabliert. Viele Alternativen im lokalen Raum gab es nicht. Ohnehin rutschten die DDR-Rocker mit ihrem lyrisch-verquasten Dinosaurierrock, der nichts mehr mit der DDR-Realität gemein hatte, in der Popularität immer weiter ins Abseits. Die wirklichen Stars kamen aus England oder wenigstens West-Deutschland. Bei den Fahrten übers Land und an die Ostsee waren Sandow oft mit Punks unterwegs, nach zwei Wochen Übernachtungen in Zelten waren die optischen Unterschiede zwischen Punks und Poppern ohnehin verwaschen. Zu der Zeit kam es immer öfter zu Schikanen durch die Volkspolizei, die Kohlschmidt und Hinze ebenfalls für Punks hielt. Aus der anfänglich kindlich-unkritischen Haltung zum Staat entstand eine Reibung, die bis zum Ende der DDR anhielt. Die Thematik der Friedenssongs wich einer Art von Texten, die eine ironisch-distanzierte Haltung zum gesellschaftlichen Mainstream ausdrückten. Mittlerweile reisten Sandow am Wochenende regelmäßig nach Ost-Berlin. Kohlschmidt und Hinze erlebten die Hauptstadt der DDR als brodelndes Existentialisten-Pflaster mit illegalen Hinterhof- und Wohnungspartys, die bis in die frühen Morgenstunden liefen und weit über den gewohnten Stumpfsinn in der Provinz hinausreichten. Derartige Events blieben jedoch auf überschaubare Kreise in privaten Räumen beschränkt. Kohlschmidt erinnert sich: »Die Berliner Kneipen habe ich überhaupt nicht kennengelernt – bis auf einen Rundgang mit Aljoscha von Feeling B. Dabei sind wir spätestens nach zehn Minuten aus jeder Pinte wieder hinausgeflogen. Er hatte überall offene Rechnungen und war bei den Kneipiers verhasst, weil er es verstand, Leute so für sich 2 Zitiert nach: Rauhut, Michael, S. 5

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Open-Air-Konzert in Golßen, 1986

einzuspannen, dass sie auch noch danke dafür sagten. Das ging aber nur eine Weile gut. Außerdem war in der Zonenkneipe noch immer der Wirt der König. Letztlich endeten wir in einer Schwulenkneipe in der Nähe des Pfefferbergs. Dort haben die Rausschmeißer Aljoscha geschnappt – am Schlafittchen und hinten am Hosenbund und ihn durch eine Flügeltür waagerecht rausgeworfen. Das sah aus wie im Comic. Ansonsten war ich viel auf Ausstellungseröffnungen, die oftmals in privaten Wohnungen stattfanden. Das war schon alles sehr Bohèmemäßig. Dort kursierten bereits Drogen, obwohl die sonst in der DDR keine Rolle spielten.«3 Hinze und Kohlschmidt bildeten ohne Frage Herz, Kopf und Motor der Band. Die anderen Positionen erwiesen sich als flotte Schleudersitze für Musiker. Die Experimente mit Keyboards und Saxophon galten zwar als »trendy«, jedoch stellte sich keine wirkliche Harmonie im Bandgefüge ein. Erst Ende der 80er-Jahre spielten Sandow in der Formation, die bis zum vorläufigen Ende der Band 1999 bestehen blieb: Tilman Berg (Schlagzeug), Tilman Fürstenau (Bass), Chris Hinze (Gitarre) und Kai-Uwe Kohlschmidt (Gesang, Gitarre). Fürstenau stieß bereits 1986 zur Band. Klassisch am Cello ausgebildet, schnallte er sich den E-Bass um, bevor ihn die NVA der Musik entriss. Ihn ersetzte Andrea Spiegelberg. Doch als Fürstenau nach 18 Monaten die Uniform abstreifte, musste die Frau am Bass ihren Platz wieder räumen. 1987 schloss 3 Alle nachfolgenden Zitate, die nicht speziell gekennzeichnet sind, stammen aus den Gesprächen zwischen dem Autor und den Bandmitgliedern.

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»Ich habe Sandow das erste Mal Ende der 80er-Jahre in der DT64-Sendung Parocktikum von Lutz Schramm wahrgenommen. Der Song, den er spielte, hieß ›Schweigen & Parolen‹. Da hat es mich gepackt. Ich fuhr nach Ostberlin und kaufte mir in einem Plattenladen in der Leipziger Straße den ParocktikumSampler. Ich hörte damals unterschiedliche Independent-Bands aus der DDR, aber bei etlichen hatte ich das Gefühl, dass der Sänger unbedingt Jello Biafra von den Dead Kennedys kopieren muss oder zuFoto: Anja Caspary mindest Aljoscha Rompe von Feeling B. Die besaßen auch eine Vorbildfunktion. Mir ging der inbrünstige Tenor auf die Nerven, aber Sandow klangen glücklicherweise komplett anders. Ihnen fehlte auch die Steifheit, die vielen Kollegen zu eigen war – so als säße ihnen das Kulturkomitee im Nacken. Sandow besaßen hingegen eine unheimliche Frische, sodass ich mir dann nach Mauerfall sofort ›Stationen einer Sucht‹ zulegte, als sie erschien. Das klang für mich nach eingängigem Punk mit einem Händchen für exzellente Refrains. Von daher habe ich später auch den Vergleich mit den Einstürzenden Neubauten nicht nachvollziehen können, aber da hatte ich Sandow auch schon aus den Augen verloren, da sie musikalisch einen anderen Weg einschlugen.«

sich Tilman Berg Sandow an, der im gleichen Jahr als Student nach Cottbus gekommen war. Sandow verweigerten sich der Kooperation mit den staatlichen Behörden und wanden sich erfolgreich um einen angebotenen Fördervertrag mit den FDJ-Blauhemden herum. Ihnen kam aber das kulturpolitische Tauwetter, das immer wieder von einem rauen Eiswind unterbrochen wurde, zugute. 1988 wagte die einzige DDR-Plattenfirma AMIGA einen Sampler mit den »anderen Bands«. Neben WK 13 befanden sich die Berliner Feeling B, die ambitionierteren Hard Pop und eben Sandow jeweils mit drei Songs auf der Scheibe. Wobei die junge Cottbusser Band ursprünglich gar nicht vorgesehen war. Aber bei der »Werkstattwoche für Amateurmusik« in Suhl überzeugten Kohlschmidt und Hinze derart gekonnt einen gestandenen AMIGA-Redakteur, der noch nie etwas von Sandow gehört hatte, dass er sich sofort für die Jungs stark machte. Bei der Songauswahl gab es von Seiten der Plattenfirma keiHagen Liebing nerlei Restriktionen, was rückbliMusikredakteur ckend überrascht. Der verantwortliche Redakteur Wolf-Dietrich Fruck rechtfertigte seine Zusammenstellung wie folgt: »Die LP signalisiert, dass AMIGA als staatliche Einrichtung den jungen Kapellen gesellschaftliche Beachtung schenkt und Weichen stellt, dass es sich bei dieser Musik nicht um irgendetwas Geheimnisvolles oder Verbotenes handelt.« Sandow spielen unter der Musik- und Tonregie von Dieter Ortlepp drei Songs ein. Die Besetzung: Kai-Uwe Kohlschmidt (Gesang und Gitarre), Chris

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Hinze (Gitarre), Andrea Spiegelberg (Bass), Jan Petrikowski (Saxophon) und Tilman Berg (Schlagzeug). Nach heutigen Maßstäben klingt die Produktion sehr AMIGA-lastig, das heißt stark nach Ostrock. Doch Sandows frühe Songs lassen bereits das Potential erkennen. »Er ist anders« erzählt die Geschichte eines Nonkonformisten. »Wir?« und »Fliegen« bestechen durch reflektierende, aber griffige Textzeilen und eingängige Melodien. Auf dem Cover des Samplers befindet sich Raum zur Selbstdarstellung, den Sandow mit selbstironischen Satzfragmenten füllen, wie sie auch symptomatisch für die Epoche des Sturm und Drangs waren. Kurz vor Einspielung der Platte begleitete der Regisseur Dieter Schumann, Absolvent der renommierten Film- und Fernsehhochschule »Konrad Wolf« in Potsdam, die Cottbusser Band. Er drehte einen Rockreport, der ursprünglich die etablierten Silly und die Nachwuchshoffnung Chicorée porträtieren sollte. Das Konzept änderte sich jedoch. Nachdem das Filmteam weder mit Pankow noch mit den »anderen« Einigungen erzielen konnte, reisten Dramaturg und Regisseur nach Leipzig, um die hiesige Independent-Größe Die Art zu casten. Zufällig waren Kohlschmidt und Hinze auf dem Leipziger Bahnhof zugegen, wo sie auf der Fahrt nach Thüringen umsteigen mussten. Sie teilten mit Schumann das Abteil auf der Fahrt nach Suhl. Die Cottbusser machten Nägel mit Köpfen: Sie nutzten die gemeinsame Reise, um sich den Filmleuten vorzustellen. Prompt saßen sie mit im Boot. Die Mitarbeit am Film bescherte den Musikern schließlich auch Aufschub von der Nationalen Volksarmee. Kohlschmidt, der sich mit einem entsprechenden, von Schumann verfassten Antrag beim zuständigen Wehrkreiskommando meldete, traf dort auf einen gemütlichen Offizier, der sich das DEFA-Schreiben durchlas und dann fragte, bei welcher Band der junge Mann spiele. Als er den Namen hörte, leuchteten seine Augen, denn der Genosse stammte aus dem gleichen Stadtbezirk. Schließlich

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fragte er den Musiker, ob die Band denn auch Werbung für den »wunderschönen Teil von Cottbus« mache, was Kohlschmidt natürlich bejahte. Der NVA-Offizier klopfte ihm jovial auf die Schulter und gab dem Antrag auf Aufschub statt. »flüstern & SCHREIEN« kam 1988 in die ostdeutschen Kinos. Der Film avancierte schließlich mit 1,2 Millionen Zuschauern zum bis dato erfolgreichsten gesamtdeutschen Dokumentarfilm. Erst zwölf Jahre später wurde der Rekord durch Wim Wenders »Buena Vista Social Club« übertroffen. Lange hielt sich der Mythos, dass der Film ursprünglich vom Kulturministerium verboten werden sollte: Zu gravierend hob sich das Bild einer desillusionierten Jugend, die genug von politischer Phrasendrescherei und dem Heile Welt-Bild in den gleichgeschalteten DDR-Medien hatte, von den offiziellen Vorgaben ab. Jedoch existieren keine Zeugnisse für die Überlegung eines Verbotes. Offenbar lotete das Filmteam im Schnittraum die Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung optimal aus. Der im Film angespielte Song »Er ist anders« traf den Puls der Zeit. Den mangelnden Willen zur Anpassung kennzeichnete nicht nur die Angehörigen der Subkultur, sondern galt für breite Teile der Jugend. Sandow präsentierten sich als unkonventionelle Combo, die sich auf der Suche befand. Es schien einfacher – nach Nietzsche – erst einmal radikal alles abzulehnen, statt halbherzig zuzustimmen. Sandow sangen von einem anderen Leben (»Niemandsland«), davon, nicht länger auf das Einlösen der großen Versprechen zu warten (»Wir haben keine Zeit / Und ich scheiße auf die Tugend / Wir

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»Kais Mutter kannte mich, ich erinnere mich gar nicht, woher. Sie bat mich mal, bei einer Sandow-Probe vorbeizuschauen und quasi zu prüfen, ob das alles Hand und Fuß hat, denn ich hatte mit WK 13 ja schon eine Band am Start. Sandow haben mir sofort gefallen: Ihre Musik klang frisch, wenngleich alles noch etwas naiv war. Aber das kreative Potential war deutlich erkennbar. Sandow hatten die Gnade der späten Geburt. WK 13 bewegte sich noch mehr in der Grauzone. Zahlreiche Konzerte wurden abgebrochen. Mitte der 80er-Jahre sah die Situation schon deutlich entspannter aus. Trotzdem wurden Sandow kompromissloser, was sich dann auch in einem Film wie ›flüstern & SCHREIEN‹ zeigt, bei dem WK 13 ursprünglich auch teilnehmen sollten. 1988 waren beide Bands auf dem KleeblattSampler vertreten. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob das ein Zufall war oder die eine Band die andere mit ins Boot holte. Unser Material war zu dem Zeitpunkt auch schon älter. Man merkt, dass es braver klingt, während Feeling B und Sandow völlig unverbraucht wirken. Wenig später erschien dann ›Born In The G.D.R.‹, was ein echtes Meisterstück war. Auch die Aktionen zusammen mit Hans Scheuerecker waren absolut herausragend. Danach wurde mir die Band ein bisschen zu intellektuell, obwohl ich Kais Kreativität absolut schätze.«

haben nur uns / Und unsere Jugend«) und beklagten die Sinnentleertheit und die Stagnation, wie Sandow 1988 in »flüstern & SCHREIEN« die DDR beschrieben. Der Film bot der aufstrebenden, aber noch unbekannten Band eine ideale Form der Selbstdarstellung, die Sandow für sich zu nutzen wussten. Während Silly als dienstälteste der vier porträtierten Bands bereits etwas behäbig wirkt und lediglich Frontfrau Tamara Danz mit reflektierten Positionen zu überzeugen weiß, illustriert der Film den Auflösungsprozess der aufstrebenden Pop-Formation Chicorée, deren Sänger Dirk Zöllner schließlich solo weitermusiziert. Lediglich Sandow und Feeling B, aus denen einige Jahre später Rammstein hervorgehen sollten, besitzen den Nimbus des Unangepassten. Während Feeling B vor allem durch Skurrilität bestechen, präsentieren sich Sandow als junge Rebellen, intellektuell versiert, jedoch nicht verkopft. Ein Rebellenimage, das sich im anderen Teil Deutschlands ideal hätte vermarkten lassen. Kommerzielle Aspekte spielten jedoch bei den jungen DDR-Bands keine Rolle, weswegen vor allem die Frank Schmidt Beschreibung »authentisch« rückbli- Musiker ckend am treffendsten erscheint. Quasi einem Roadmovie gleich, setzt Schumann die jungen Musiker als permanent unterwegs in Szene. Eine Metapher für die innere Unruhe, die sich zunehmend auch in den Songtexten niederschlägt. So spricht Kohlschmidt über einen lyrischen Umbruch am Beispiel eines neuen Textes: »In der zweiten Strophe geht es um einen Eisberg ohne Spitze bei glühender Hitze. Nur harte Kristalle bleiben, aber ›Der normale Tropfen macht sein Ding schon / Und fließt mit den anderen in den Wasserkopf der Nation‹. Und dann heißt es: ›It’s a day / It’s a way / But I say you stay / Where are the heroes / Who are the heroes today?‹«

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SANDOW - Die offizielle Biografie  

30 Jahre zwischen Harmonie und Zerstörung Leseprobe Verlag Andreas Reiffer, 2014

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