__MAIN_TEXT__

Page 1

planet luxemburg umschlag Dienstag, 19. Januar 2016 14:29:13


Francis Kirps

Planet Luxemburg und andere komische Geschichten

Leseprobe

reiffer

Edition The Punchliner

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 1

19.01.2016 16:58:24


Francis Kirps Planet Luxemburg und andere komische Geschichten Erweiterte Neufassung der Erstausgabe von 2012 Covergestaltung und Illustration: Christian Bartel Satz/Layout: Andreas Reiffer Lektorat: Lektorat-Lupenrein.de 1. Auflage, 2016, Originalausgabe Š Verlag Andreas Reiffer, 2016 Druck und Weiterverarbeitung: Pressel, Remshalden ISBN 978-3-945715-18-5 (Print) ISBN 978-3-945715-44-4 (Ebook) Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/verlagreiffer

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 2

19.01.2016 16:58:25


Inhalt

Planet Luxemburg ............................................................................. 4 Pyramiden ............................................................................................ 9 Sie starben nur einen Sommer lang .......................................... 16 Der schwarze Johnny Cash ......................................................... 25 Nichts gegen Delphine ............................................................... 32 Mein Freund, der Waran ............................................................... 36 Die Bekenntnisse des Kraken Paul ............................................. 41 Der Schmelztiegel der Beschaulichkeit .................................... 46 Das Kalkutta-Omelett ................................................................. 50 Weihnachtsgeschichte (ohne alles) .......................................... 54 Ein Bayer im Morgenland ........................................................... 59 Die Odin-Posse ............................................................................. 71 Der Fight seines Lebens ............................................................. 76 Kickers Jammertal ......................................................................... 86 Boris, der Tramp (1931-2007) ................................................... 96 ÂťWo bin ich hier?ÂŤ ...................................................................... 106 Ausstellung Imkergold .............................................................. 112 Begrabt mein Herz an der Biegung des Busses ..................... 116 Postmortem ...................................................................................... 120

Bonustexte Der kleine Sensenmann ............................................................... 127 Gustis erstes Mal ......................................................................... 136 Aufbruch ins All ........................................................................ 147

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 3

19.01.2016 16:58:25


Planet Luxemburg Kaum ist man über die stets vernebelte Sauertalbrücke nach Luxemburg eingereist und steht geblendet vor goldenen Dächern und diamantenen Bürotürmen, da flutscht man auch schon wieder auf der anderen Seite raus und befindet sich im bettelarmen Belgien, von zerlumpten Schulkindern umringt, die nach einer milden Gabe Pommes mit Mayo krähen. Luxemburg hat so eine Art, sich dem Auge des Betrachters zu entziehen, dass einem davon richtig wirr im Kopf werden kann. Raum und Zeit dehnen und verzerren sich auf ganz seltsame Weise, oder wie ein kluger Mann – ich glaube, es war James Joyce – einmal gesagt hat: Luxemburg ist zwar nur halb so groß wie ein mittelständischer Schweinemastbetrieb im Oldenburgischen, dafür aber doppelt so wohlriechend. Um Luxemburg zu Fuß einmal zu umrunden, braucht man fast einen ganzen Tag, was so manchen australischen Farmer gelb vor Neid werden lässt. Landkarten von Luxemburg sind in der Regel im Maßstab 1:1. Besonders detaillierte Karten sind sogar größer als das Land selbst und dürfen deshalb nur im Ausland verkauft werden. Luxemburger gehen fast nie zu Fuß, deshalb sind sie wohl auch so schlecht im Fußball, sondern sie überbrücken die gewaltigen Distanzen bevorzugt in Geländewagen, die aussehen wie Mondfähren, und auch ähnlich viel kosten. Es gibt nur einen Flugplatz im Land, in der Hauptstadt, sodass man nur von Luxemburg-Stadt nach Luxemburg-Stadt und wieder zurück fliegen kann, und dabei auch noch Umwege über Frankfurt, London oder Mallorca in Kauf nehmen muss. Selten hat man auf so kleinem Raum so viele unterschiedliche Landschaftstypen vereint: Im Norden die schroff aufragenden Tannenbäumchen und die majestätischen Koppen des »Ösling«, auch Luxemburgisch-

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 4

19.01.2016 16:58:25


Sibirien genannt, wo sich der höchste Berg des Landes befindet: der Flachmann, der sich unglaubliche 500 Meter über den Meeresspiegel erhebt und damit in einer virtuellen Reihe mit Zugspitze, Großglockner und Mount Everest steht. Im Zentrum von Kontinental-Luxemburg liegen die, von endlosen Mais-Savannen und undurchdringlichen Brombeerdschungeln durchzogenen Ebenen des »Gutland«; im Osten die wolgagleich sich dahinwälzende Mosel, die statt Wasser Wein führt und sich im Wasserbilligdelta mit amazonischer Wucht in die mitteldeutsche Tiefebene ergießt. Das Wetter hält ähnliche Extreme bereit: Im Sommer herrscht gnadenlose Gluthitze, manchmal bis zu 25 Grad, im Winter kommt es vereinzelt gar zu Schneefällen. Und die Regenzeit dauert das ganze Jahr an. Politisch gesehen ist Luxemburg eine pseudokratische Donaumonarchie, die von dem Triumvirat Großherzog Henri/Erzbischof Hollerich/Erzdiktator Juncker mit eiserner Faust geführt wird. Dazu gibt es eine schwarze, eine rote, eine blaue und eine grüne Partei, damit die Bürger ein wenig Demokratie spielen können und ihnen nicht so langweilig beim Bier wird. Das Bildungssystem ist vorbildlich und weltweit führend. An dieser Gewissheit kann auch das katastrophale Abschneiden bei der Pisa-Studie nichts ändern. Die haben eben einfach die falschen Fragen gestellt. Die ersten sieben Jahre der Schulzeit bringen die Kinder damit zu, die Nationalhymne auswendig zu lernen, alle 2.586 Strophen; es gibt eine für jeden Quadratkilometer des »Ländchens«. Im Gymnasium kommen dann Kopfrechnen, Beten, Alkoholmissbrauch, Buchhaltung und Geldzählen hinzu. Womit wir beim Thema wären: Warum ist Luxemburg nur so unermesslich reich, fragt sich der ausländische Beobachter oft. Und das ist eine lange, lange Geschichte: Der Sage nach bescherte das Eisenerz aus der Minetteregion im Süden des Landes der rückständigen Kartoffelmonarchie Anfang des zwanzigsten

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 5

19.01.2016 16:58:25


Jahrhunderts den wirtschaftlichen Aufschwung. Minette ist ein Diminutiv für Mine, und so waren die luxemburgischen Eisenerzminen denn auch wirklich winzig, vielleicht einen halben Meter tief, viel zu klein für einen Menschen also. Daher wurden dressierte Goldhamster und Siebenschläfer eingesetzt, um das »Rote Gold« zutage zu fördern. Leider fraßen die nimmersatten Nager auf dem Weg nach draußen die Hälfte des Eisens selbst auf. Da Eisen aber viel Spinat enthält, entwickelten die Tierchen solche Superkräfte, dass sie eine Revolution anzettelten und die großherzogliche Leibgarde sie notschlachten musste. Das war‘s erst mal mit der Industrialisierung, die Moderne musste bis auf weiteres draußen bleiben. In den zwanziger Jahren wandte sich Luxemburg dann dem Tourismus als Geldquelle zu. Doch die tumben Holländer, die mit gefälschten Werbeprospekten in die »luxemburgische Schweiz« oder an die »luxemburgische Copacabana« gelockt wurden, brachten ihr Essen und ihre Unterkünfte selbst mit, weshalb sich kaum was an ihnen verdienen ließ. Deshalb jagte man die blonden Hanswürste bald wieder hinaus und riet ihnen, sich erst wieder blicken zu lassen, wenn sie zivilisiert wären. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den Luxemburg mal wieder locker gegen die Preußen und ihren österreichischen Teamchef gewonnen hatte, kam der Großherzogin Melissa und ihrem Liebhaber, dem dämonischen Premierminister Gaston Faustus Thorn, die rettende Idee: ein Pakt mit dem Teufel. Da Luxemburg ja katholischer ist als der Vatikan und Katholizismus und Satanismus bekanntlich so eng zusammen gehören wie Yin und Yang, stand diesem Plan nichts im Weg. Am 6.6.1966 wurde der Vertrag mit dem neuen Schutzpatron Luzifer unterzeichnet und mit Satans Segen der SüßwasserPiratensender RTL (Radio-Telepath-Luxemburg) aus der Taufe gehoben, der neben total lustigen Unterhaltungssendungen auch unterschwellige Botschaften nach Belgien, Frankreich, Deutschland und anderswo aussandte. Die europaweite Massenhypnose funktionierte perfekt. Bald sah man wohlhabende Bürger aus

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 6

19.01.2016 16:58:25


allen Nachbarländern mit Plastiktüten und Aktenkoffern voller Geldscheine unterm Arm nach Luxemburg pilgern, wo sie das Geld an Bankschalterattrappen abgaben. Nachdem ihnen ein von Jean Pütz entwickeltes »Serum des Vergessens« eingeflößt wurde, schickte man sie wieder in ihre jeweiligen Heimatländer zurück. Das so ergaunerte Geld aber fließt seitdem über ein unterirdisches Röhrensystem in den Geldspeicher des großherzoglichen Palais und wird von dort über ein oberirdisches Röhrensystem gerecht an die Bevölkerung verteilt, sodass seit 40 Jahren kein Luxemburger mehr arbeiten muss, alle sind beim Staat. So ein Paradies von einem Finanzplatz will natürlich geschützt werden, weshalb Luxemburg über eine der furchterregendsten Armeen der jüngeren Gegenwart verfügt. Sie besteht aus 1.500 Militärmusikern, die den Feind im Ernstfall mit Pauken und Trompeten vertreiben, dazu 236 Fußsoldaten, 134 Beinsoldaten, 15 Armbrüstler, eine Kohorte Torsos und zwei Salutkanonen, die Napoleon irgendwann mal hier vergessen hat. Kommen wir nun übergangslos zu einem ganz anderen Thema, zur luxemburgischen Fauna nämlich, die von renommierten Zoologen als ebenso bizarr wie die der Galapagosinseln gepriesen wird. Die Vogelwelt ist reich an gefiederten Freunden; so haben wir Haus-Tauben, Haus-Spatzen, Haus-Hühner und sogar einen Uhu. Wenn dieser gewaltige Greif seine Schwingen ausbreitet, wird es schlagartig Nacht über dem Großherzogtum. Die melancholischen Klee- und Rapssteppen des Südens werden von gewaltigen Großwildherden durchzogen, vor allem an Fuchs und Hase gibt es keinen Mangel, und wer Glück hat, kann sogar einen Sonntagsjäger auf der Pirsch oder eine Zwergspitzmaus an der Tränke beobachten. Der öde und noch weitgehend unerforschte Norden des Landes beherbergt eine faszinierende Mikrofauna: das seltene Däumel-Mammut, den seltsamen Winzkauz, den scheuen Nano-Riesenhirsch, das gemütliche Beneluxfaultier (das sich ausschließlich von welken Derivaten und Dividenden ernährt) den

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 7

19.01.2016 16:58:25


für das menschliche Auge unsichtbaren Elementar-Elch und eine noch weitgehend unerforschte Hominidenart, den Steller‘schen Neandertaler, vom Volksmund auch als Eifel-Yeti bezeichnet. Diese Aufzählung könnte man sicherlich endlos weiterführen, aber dann hätte dieser Text am Ende eine größere Fläche als Luxemburg selbst, die Sonne käme nicht mehr durch, und wir würden alle im nuklearen Winter eines grässlichen Todes sterben, deshalb komme ich nun zum letzten Punkt, zur Sprache. Für Einwohner chronisch legasthenischer Nationen wie Deutschland, und vor allem natürlich Frankreich, offenbart sich das wahre Genie der Luxemburger ja vor allem darin, dass sie so viele Sprachen durcheinander sprechen können, wie sie nur wollen. Das liegt aber nun weder an besonderer Begabung, noch an einem besonders effektiven Schulsystem (siehe oben), es ist viel einfacher: Alle europäischen Sprachen stammen von einer Ursprache ab, dem Indo-Luxemburgischen. Dass Hitler diese Tatsache nicht wahrhaben wollte und sich dadurch bei den Luxemburgern, von denen viele seinen politischen Ansatz gar nicht mal so uneben fanden, unbeliebt machte, war vermutlich sein größter außenpolitischer Fehler und stellte die Weichen für das unter Jean-Claude Juncker vereinte Europa, wie wir es heute kennen.

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 8

19.01.2016 16:58:25


Der schwarze Johnny Cash

Hello, I`m Johnny Cash ... Die Stimme kenne ich. Und ob ich sie kenne. Die Stimme des ewigen Outlaw. Die Stimme des gottesfürchtigen kleinen Gauners, der wegen eines geklauten Pferdes oder ein paar Pillen schuldlos hinter Gittern sitzt. Die gruftig-tiefe Stimme der anderen Seite von Amerika, der dunklen Seite. Die Grabesstimme von Johnny Cash, so tief, dass der Grand Canyon dagegen die reinste Pissrinne ist. Die Stimme, die selbst Kojoten zum Heulen bringt; durch die sogar eintönige U2- und Depeche-Mode-Schlager so etwas wie Tiefgang bekommen. Düster wie der Grund des Mississippi und schwarz wie die verkohlten Reste eines Indianerdorfes. Hello, I`m Johnny Cash. Johnny Cash, denke ich. Der ist doch schon tot. Ich drehe mich langsam auf meinem Barhocker um. Die Stimme gehört zu einem Schwarzen. Er hat sich an die Theke gesetzt und nickt mir zu. Mich nennen sie Old Zebediah McDonald, stelle ich mich vor. Noch einen Drink, fragt Ira, der indianische Barkeeper. Das war eine rhetorische Frage. Wir sind fast schon Freunde geworden, Ira und ich, seit ich hier in Tres Hombres feststecke, dem gottverlassensten Nest von ganz West-Texas. Die Zeiten sind schlecht, Leute. Noch schlechter als früher. Und früher waren die Zeiten schon verdammt schlecht. Aber immer noch besser als heute. Damals, in den guten alten Tagen, war ich der Bandleader der Young Dixie Rebels, einer im ganzen Bible-Belt berühmten Bluegrass-Band. Ich schrieb alle Songs, vögelte die Background-Sängerinnen, spielte Slide-Gitarre wie

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 25

19.01.2016 16:58:25


ein Weltmeister, war ein Gott am Washboard und jodelte ganz brauchbar. Goldene Schallplatten in Masse haben wir eingefahren. Aber das war einmal. Bis vor zwei Monaten hab ich als Roadie bei den Dixie Chicks gejobbt, aber nach meinem letzten Absturz haben sie mich von der Texas-Tour gekickt. Zuviel Tanqueray, haben sie gesagt. Kein Platz mehr für den alten Zebediah. Und so sitze ich hier in Tres Hombres, ohne Job, ohne Geld, ohne Frau, kenne niemanden als den Barkeeper der Lonely-Cactus-Bar, den einäugigen Vietnam-Veteranen Ira Hayes, der pro Schicht einen Liter Feuerwasser in sich reinlaufen lässt. Die Tage ziehen heiß und trocken vorbei, warmer Wind treibt Sand aus der Wüste in die Ritzen der 5.000-Seelen-Stadt an der Grenze zu Mexiko. Aber genug davon. Zeit ist Geld, und Geld habe ich noch gerade so viel, wie in eine Tasche mit einem Loch passt. Und Goldene Schallplatten kann man nicht essen. Der Schwarze mit der Johnny-Cash-Stimme trägt ein schwarzes Hemd mit einem silbernen Mercedesstern auf der Brusttasche, schwarze Levi`s aus der Werbung, Basketballstiefel aus Klapperschlangenleder und einen Cowboyhut mit Leopardenfellmuster. Willst du meine Geschichte hören, Old McDonald? Wenn du meine Drinks zahlst, Fremder, sage ich. Er hat wirklich genau dieselbe Stimme wie Johnny Cash, düster wie eine Trompete von Jericho, rau wie schlechter Maisschnaps, knirschend wie das Tor vom Stockville County Jail und trocken wie ein Sonnenaufgang in Tucson, Arizona. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich den wahren Johnny Cash vor mir, den sie längst sechs Fuß tiefer gelegt haben. Wenn du Zeit hast für meine Geschichte, hab ich Geld für deine Drinks, sagt er und legt seinen Hut auf die Theke. Oh, ich hab Zeit, sage ich. Mehr Zeit als Geld. Ich bestelle noch einen Gin und ein Bier zum Runterspülen. Mein neuer Bekannter nimmt das gleiche. Außer uns ist noch ein altes mexikanisches Ehepaar anwesend, das an einem der drei

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 26

19.01.2016 16:58:25


Tische sitzt und streitet, und ein paar rotnackige Jungs, die am Flipper daddeln. Du bist ein Fan von Johnny Cash, sagt der Schwarze, und nippt an seinem Gin. Sieht man das? An der Tätowierung. Ach die. Jedes Mitglied des elitären Fanclubs »Johnny Cash Legions« hat das Zeichen am rechten Handknöchel eintätowiert, den schwarzen Schmetterling. Die Mitglieder unserer Konkurrenz-Organisation, die »Men in Black«, tragen eine schwarze Rose am linken Fußknöchel. Im Gegensatz zu uns lassen die Men in Black Frauen rein. Dafür lassen wir Schwarze rein, die Men in Black nicht. Ich sehe nach seinem Handgelenk. Keine Tätowierung. Wieso nennst du dich Johnny Cash? frage ich. Weil ich Johnny Cash bin. Dann wärst du tot. Johnny Cash ist nämlich tot, erkläre ich ihm. Der, der tot ist, war nicht wirklich Johnny Cash. Der hat mich nur gespielt. Wie Joaquin Phoenix. Ach so, sage ich, und bestelle noch was zu trinken. Irgendwas. Die ganzen Lieder, die Platten, sagt er, alles von mir. Ach was, sage ich. Ich bin der wahre Johnny Cash. Ich bin die Stimme, ich bin das Gehirn, das Herz. Das Mexikanerpaar raucht die Friedenspfeife, die weißen Jungs sind raus, sich prügeln. Der Flipper hat Tilt gemacht. Ira hat den Kopf über einer Zeitung, den Bingo-News, neben sich eine halbvolle Pulle Maisschnaps. Wie immer. Er spürt meinen Blick und sieht auf. Mister? fragt er. Aus Gewohnheit bestelle ich noch einen Gin und ein Bier. Das gleiche für den Mister hier, sage ich.

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 27

19.01.2016 16:58:25


Ein Bud und einen Tanqueray für Mister Johnny Cash, nuschelt Ira, kommt sofort. Dann versinkt er wieder in den Bingo-News. Ich komm aus Alabama, sagt der Mann in Schwarz. Sang als Kind Gospel im Kirchenchor. Mit zwölf bekam ich meine erste Gitarre, mit vierzehn den Blues, mit sechzehn entdeckte ich Hank Williams. Jau, Mann, Hank Williams, sage ich. Mit der Zeit hab ich meine Liebe zu Bluegrass und all den alten Hillbillysachen entdeckt. Ich fand das wirklich stark, echt authentisch, weißt du. Kein Retortenschrott vom MotownFließband. Er fegt ein Präriestäubchen von seinem Hut. Country. Ich liebe diesen Sound, Mann. Er trommelt mit den Knöcheln eine Polka auf der Theke. Noch einen Drink? schlägt Ira vor. Mit schwarzer Musik konnte ich bald nichts mehr anfangen, fährt der Schwarze neben mir fort. Vergiss es, Mann. Soul, Rhythm`n Blues, Gospel, all das langweilige, seelenlose Zeug. Aber Country, das ist Musik, die geht tief bis ins Herz, da steckt echtes Feeling drin, Mister. Singende Gitarren, jodelnde Sänger, simple Songs, die jeden ansprechen, den Mann von der Straße und den Professor mit seinem Buch; einfache, aber wahre Geschichten voller Pathos und Leidenschaft. Ehrlichkeit, Credibility, Freiheit, Liebe, das ist es doch, wofür wir leben, yo! Jau, sage ich, du sagst es, Mann. Das findest du nur im Country: echt primitive Mucke, nicht so angestrengt und verkopft wie unsere Negermusik. Er trinkt einen Schluck. Nicht so ne gefühlskalte Kommerzscheiße. Kool and the Gang, allein schon der Name! Geht’s noch doofer? Oder Hot Chocolate. Das hat doch alles keinen Arsch in der Hose. Endlich mal einer, der’s sagt, sage ich. Funky James Brown, haha. Fuck him. Er war ein verdammter Diktator, der seine Musiker nur ausgenutzt hat. Und für

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 28

19.01.2016 16:58:25


verklemmte weiße Hippies den Hampelmann gemacht hat. Ich hasse James Brown, sagt der schwarze Johnny Cash und leert sein Glas. Ich auch, sage ich und sehe zu, wie er neue Drinks bestellt. Wie gesagt, unsere Musik war mir zu intellektuell und kompliziert, und so schrieb ich Countrysongs. Gute Songs, Mann. Er schnalzt mit den Lippen. Die besten, die es gab. Er seufzt theatralisch. Aber niemand wollte einen schwarzen Jungen, der Johnny Cash heißt, niemand wollte seine Lieder hören, niemand seine Auftritte buchen. Von Memphis bis Tennessee wollte einfach niemand mich haben. Den Schwarzen ... … gefiel deine Musik nicht, ergänze ich. Genau, sagt er. Und den Weißen? Gefiel meine Hautfarbe nicht. Also musste ich einen Weißen finden, als Aushängeschild für meine Musik. Er lacht: der Johnny Cash für die Fans. Ein Weißer, der aussah, wie ich klinge. Wer war der Kerl denn? Oh, ein Sohn österreichischer Einwanderer. Er hieß Wolfi Schwammerlmoser, war dumm wie Brot und soff wie ein Loch. Nein, wie zwei Löcher. Wie ein ganzes Erdölfeld. Ich hab ihn im Knast kennengelernt, als mich mal so so’n rassistischer Sheriff wegen ein paar Gramm Dope eingelocht hatte. Ich hatte ihn schnell überredet, und er hat’s nie bereut, dass er meine Marionette geworden ist. Wir hatten fix Erfolg, und das Geld floss nur so. Wir haben immer geteilt, fifty-fifty. Das heißt, die ganzen Live-Auftritte ... Alles Playback, Baby. Der Mann hat den Mund zu meinen Liedern bewegt, und der arme Neger saß hinter dem Vorhang und sang ins Mikro. Ira stellt uns neue Drinks vor die Nase. Das war alles, wofür ich ihn brauchte, für Vollplayback, Interviews und Fotos. Solange er genug weißes Pulver und Hochpro-

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 29

19.01.2016 16:58:25


zentigen hatte, hat er alles mitgemacht. Er hat nur meine Rolle gespielt. Spielen wir nicht alle nur eine Rolle, Gentlemen, sagt Ira, ohne von den Bingo-News aufzusehen. Der Schwarze ignoriert ihn. Hat ein schönes Leben gehabt, der Wolfi. Er kam zwar ein paarmal in den Knast, weil er sich einfach nicht im Griff hatte, aber das war sogar noch gut fürs Image. Und ich, ich hab solange an neuen Songs gefeilt. Und dann starb er, sagt Johnny Cash, und starrt an die Decke, wo der Ventilator fies brummt. Was machst du jetzt? frage ich. Oh, ich mach weiter. Ende dieses Jahres kommt ein 5-CD-Set raus, mit unveröffentlichten Songs. Auch Gospel dabei. Meine sogenannten Roots, haha. Und der Redemption-Song von Bob Marley ist drauf, den ich zusammen mit Joe Strummer eingesungen habe. Sein Weißer ist auch gestorben. ...? Ja, Strummer, aus New Orleans. Heißt eigentlich Wan-MingPei Rosales dos Flores. Ein kubanischer Halbchinese mit angeborenem Cockney-Akzent. Hat den Punk revolutioniert. Wir bringen jetzt beide unsere posthumen Sachen raus. Nur auf Tournee geht‘s eben nicht mehr. Er lacht. In meinem Alter hat man das auch nicht mehr nötig. Bin ja nicht Bob Dylan. Ein ... fange ich an. Ein fetter Samoaner aus San Francisco. Er hat schon drei dünne Juden namens Zimmermann überlebt und will immer noch touren. Hört erst auf, wenn er den Literaturnobelpreis hat, sagt er. Na, hoffentlich kriegt er ihn bald, sage ich. Er lacht. Dafür war Bob Marley in echt ein Weißer. Mit roten Haaren. Ah, sage ich. Er hieß eigentlich Cuchulainn McMorley, ein Ire aus dem County Kilkenny. Leider ist sein Neger jung gestorben, und da hat er sich zu Tode gesoffen. Und die Beatles ...

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 30

19.01.2016 16:58:25


Nein! sage ich. Er fährt ungerührt fort: Drei Seehunde und ein Walross aus Neu-Schottland ... ...!? ... die in einem Fernkurs Englisch gelernt hatten und bei einem Preisausschreiben in einer Cornflakes-Packung der Marke Cap`n Crunch einen Plattenvertrag gewonnen haben. Na, und den Rest der Geschichte kennst du ja. Er trinkt sein Glas auf ex und steht auf. Aber jetzt hab ich keine Zeit mehr. Er legt einen Packen Scheine auf die Theke, gibt mir fünf, und weg ist er. Durch die offene Tür sehe ich, wie er in den kirschroten Sonnenuntergang reitet. Wenigstens weiß ich jetzt, was John Lennon mit »I am the Walrus« wirklich sagen wollte. Hat sich was mit »von Finnegans Wake beeinflusst« ...

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 31

19.01.2016 16:58:25


Foto: Ricardo Silva

Francis Kirps, geboren in Luxemburg-Stadt, provinzielle Kindheit und Jugend in Walferdingen/Lux. Studierte Psychologie in Straßburg. Arbeitete unter anderem als Jugendpsychologe, Tretbootverleiher, Übersetzer, Literaturveranstalter und Grundschullehrer. Seit 2003 Hunderte von Lesebühnenauftritten und Poetry Slams. Vier Teilnahmen an den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften, Finalist der Poetry-Slam-Meisterschaften Rheinland-Pfalz-Saarland 2012. Gründungsmitglied, Mitherausgeber und Redakteur der Bonner Literaturzeitschrift EXOT. Organisator und Moderator der einzigen Lesebühne in Luxemburg. Mitglied der Bonner Lesebühne Ferkel im Wind. Seit 2014 regelmäßige satirische Beiträge auf der Wahrheitsseite der taz. Veröffentlichungen (Auswahl) in: Gurus, Götter und Gestörte, 2009; Hasta la Vista Johnny, 2012; Bopebistro Buch, 2012; Die Wahrheit über Heavy Metal, 2015; Ist das jetzt Satire oder was?, 2015. Im Herbst 2016 erscheint sein Debütroman Die Klasse von 77 im Verlag Andreas Reiffer.

satz_luxemburg_2016_leseprobe.indd 158

19.01.2016 16:58:30


planet luxemburg umschlag Dienstag, 19. Januar 2016 14:29:13

Profile for Andreas Reiffer

Planet Luxemburg (Leseprobe)  

Francis Kirps: Planet Luxemburg Erweiterte Neuausgabe »Landkarten von Luxemburg sind in der Regel im Maßstab 1:1. Besonders detaillierte L...

Planet Luxemburg (Leseprobe)  

Francis Kirps: Planet Luxemburg Erweiterte Neuausgabe »Landkarten von Luxemburg sind in der Regel im Maßstab 1:1. Besonders detaillierte L...

Advertisement