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The Punchliner Nr. 10

Leseprobe

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Axel Klingenberg und Andreas Reiffer (Hg.): The Punchliner Nr. 10 Redaktion: Marcel Pollex und Andreas Reiffer Umschlaggestaltung : Marcel Pollex Satz/Layout: Andreas Reiffer Lektorat: Max Lüthke 1. Auflage, Oktober 2013, Originalausgabe Alle Rechte des Gesamtwerkes beim Verlag Andreas Reiffer Alle Rechte an den Einzelwerken bei den Autorinnen und Autoren bzw. deren Verlagen Druck und Weiterverarbeitung: CPI books, Leck ISBN 978-3-934896-00-0 The Punchliner erscheint unregelmäßig, aber mindestens einmal im Jahr. Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/thepunchliner

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The Punchliner Nr. 10 Vorwort ............................................................. 5 Tinnef, Tand und Trödel ................................ 6 Dominik Bartels ............................................... 8 Helge Goldschläger ........................................ 18 Lisa Heissenberg ............................................ 27 André Herrmann ........................................... 40 Michael Jakob .................................................. 48 Axel Klingenberg ............................................. 61 Marcel Pollex ................................................... 71 Lasse Samström ................................................ 79 Sabrina Schauer .............................................. 84 Heiko Werning .............................................. 101 Torsten Wolff ............................................... 112

Bildnachweise: Seite 48: Crosa Seite 40: Felix Förster Seite 18: Christian Jung Seite 8, 27, 61, 71, 79, 101 und 112: Andreas Reiffer Seite 84: Armin Sengbusch

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Michael Jakob

Wir hatten früher nur Asbest zum Spielen Während des letzten Besuchs bei meinem alten Herrn ergab sich einmal mehr eine klassische Vater-Sohn-Diskussion, auch wenn dieses Wort nur bedingt greift, denn bei einer Diskussion setzt man voraus, dass sich das Gegenüber ein bisschen auf den anderen Standpunkt einlässt. Es begab sich nach dem Nachmittagskaffee, der garniert war mit einem selbst gebackenen Kuchen meines werten Herrn Papa, den er mit eingemachten Früchten zubereitet hatte, deren Einlagerung wohl vor dem ersten Weltkrieg stattgefunden haben musste. Die Bezeichnung »Zwetschgen« war jedenfalls in Sütterlin geschrieben und die Jahreszahl nur zu erahnen. Natürlich seien sie noch gut, beteuerte mein Vater, denn was man früher eingekocht hätte, das hielte sich ein Leben lang. Der Geschmack erinnerte jedenfalls an ein Leben lang getragene Pantoffeln, auch wenn dieser Vergleich hinkt, wie seinerseits Opa, der sich im KZ selbst in den Fuß geschossen hat (er war Wachmann), denn wer kann schon von sich behaupten, je in den kulinarischen Genuss eines Gerichtes aus alten Pantoffeln gekommen zu sein? Jedenfalls führten meine Magensäfte einen spannenden und wohl mehrere Tage andauernden Kampf gegen die Früchte, die möglicherweise

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Zeitzeugen der Weimarer Republik waren, während meine Hände den Laptop aufklappten und mein Gehirn das Passwort für die WLAN-Verbindung hervorkramte. Ich öffnete das Mailprogramm, um zu überprüfen, ob ich meinem doch schon sehr betagten Vater heute noch beim Bau eines Frühbeetes helfen konnte, oder ob das Geschäft es verlangte, noch ein paar Dinge zu erledigen. Als Selbständiger ist man auch bei Familienbesuchen nie hundertprozentig in Freizeit, komplett abzuschalten könnte bedeuten, wichtige Aufträge zu verpassen oder aber nach fünf Tagen Auszeit die angestauten Anfragen in zwei Nachtschichten nachzuarbeiten. Auf beides hatte ich keine Lust. So überflog ich also die Eingänge in meinem Postfach, tippte ein paar kurze Antworten und war im Übrigen erleichtert, dass mir heute größere Arbeiten erspart blieben. Ich bemerkte nach einiger Zeit, dass mein Vater sich hinter mich gestellt hatte und mir prüfend über die Schulter blickte. Als ich den Kopf drehte, um ihn anzuschauen, schüttelte er demonstrativ den Kopf, um wehklagend »Schon wieder Computer spielen« zu murmeln. Das war der Eröffnungszug. Wie bei einer Schachpartie musste ich nun Stellung beziehen und auf diesen Zug reagieren. So erklärte ich ein ums andere Mal, dass es sich hierbei um meine Arbeit handele, der ich nachging, was jedoch nur dafür sorgte, dass Vater mir zum wiederholten Male seine Auffassung von Arbeit auftischte. Es war mir klar, dass diese ebenso schwer verdaulich sein würde wie der eben vertilgte Zwetschgenkuchen. »Früher«, begann mein Vater, »hat man geschwitzt bei der Arbeit! Und man wurde dreckig! Als wir im Bergwerk ...« An dieser Stelle unterbrach ich ihn, denn auf die 72. Wiederholung von »Damals im Bergwerk« hatte ich keine Lust. Da hätte ich genauso gut den Fernseher einschalten können. Wobei »Damals im Bergwerk« eine weitaus bessere Dramaturgie hat als ein Großteil aller Fernsehserien. Vielleicht sollte ich das Konzept an Endemol schicken, da ließe sich bestimmt eine schöne Soap oder zumindest eine Sitcom draus stricken. »Papa«, schnitt ich ihm das Wort ab, »die Geschichte kenne ich schon! Ich weiß, ihr hattet es schwer damals, aber warum soll ich denn heute ins Bergwerk, wenn ich von jedem anderen Ort aus arbeiten kann? Mal abgesehen davon, dass ich im Stollen wohl keinen Internetempfang hätte.«

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Ich markierte die eben gelesene Mail als ungelesen, damit ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal darüber schauen konnte, und klappte den Laptop zu, um meinem alten Herrn ins Gesicht zu starren, in der Hoffnung, durch körperliche Signale die Diskussion zum Erliegen zu bringen. Zu spät. Er war mittendrin und hatte die nächsten Züge schon im Kopf. Aber vorausschauend wie ich war, was wohl an der jahrelangen Spielpraxis mit ihm lag, ahnte ich, was als nächstes kommen würde. So fuhr ich fort: »Genauso wäre es doch blödsinnig, heutzutage zur Schule zu laufen, wenn doch mittlerweile Busse fahren. Bei euch gab es das eben noch nicht, sodass ihr die 10 Kilometer zur Schule laufen musstet!« – »Elfeinhalb«, fuhr mein Vater dazwischen und setzte noch drauf: »barfuß« und machte den Hattrick voll mit »auch im Winter.« Ich konnte an dieser Stelle aufgeben oder weiterkämpfen. Ein Sieg kam gegen meinen Vater nicht in Betracht, es würde höchstens auf ein Remis hinauslaufen. Nach Aufgeben war mir aber nicht. Ich versuchte ihn aus der Reserve zu locken und fragte: »Warum machst du es dir heute nicht ein bisschen einfacher? Du könntest beispielsweise das Essen im Supermarkt kaufen statt selbst anzubauen und dann für zwei Generationen im Keller einzulagern. Und wenn wir schon dabei sind ...« Dabei deutete ich auf das leere Glas eingekochter Zwetschgen, das noch auf der Anrichte stand, » ... warum isst du dann nicht die frischen Sachen zuerst?« – »Soll ich die alten wohl wegschmeißen?« »Nein«, beschwichtigte ich ihn, »aber wenn du erst die alten Sachen aufbrauchst, dann sind die neuen, bis sie an der Reihe sind, auch wieder alt und verdorben!« – »Das verdirbt doch nicht, das ist doch eingemacht! Bei den alten Ägyptern hat man 4.000 Jahre alten Honig ...« »... gefunden, der immer noch verzehrbar ist.«, vollendete ich den Satz, auch diese Geschichte hatte ich ein ums andere Mal gehört. »Auf dem letzten Marmeladenglas, das du aufgemacht hast, war Schimmel!«, schimpfte ich. »Den kann man wegkratzen«, sagte er gelassen. »Hast du es nicht komplett weggeworfen?«, fragte ich ungläubig, und in der folgenden Antwort war enthalten, dass mein Frühstück unter anderem aus abgekratzter Schimmelmarmelade bestanden hatte, was meine Magensäfte so stark abgeschwächt hatte, dass sie den Kampf gegen den Zwetschgenkuchen wohl verlieren würden. Es ist hoffnungslos, mit Menschen Diskussionen zu führen, denen der Zweite Weltkrieg ein Trauma verursacht hat. Der Verzicht in den Jahren des Krieges und der Zeit danach hat aus dieser Generation einen Men-

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schentyp gemacht, der nichts wegwerfen kann. Essbares (Originalzitat: »Wir haben uns von Kartoffelschalen ernährt.«) ebenso wie harte Werte. Einseitig bedrucktes Papier gab super Schmierpapier ab, aus alten Holzteilen konnte man irgendetwas basteln oder zur Not damit heizen, leere Büchsen oder Schachteln waren prima Aufbewahrungsbehälter, löchrige Socken konnte man flicken, somit allesamt aufheben, und jede Form von technischem Gerät konnte man bestimmt irgendwie reparieren. Falls doch nicht, waren es einlagerungsbare Wertstoffe. Sogar alte Stromkabel stapelten sich im Keller meines Vaters, denn wenn man die Isolierung entferne, bekäme man dafür ein paar Pfennige beim Kupferhändler. Bei letzterem verkniff ich mir immer die Bemerkung, dass der Beruf des Kupferhändlers vermutlich nicht mehr existierte, zumindest aber der Pfennig sein Leben vor einigen Jahren ausgehaucht hätte. Als ich meinen Laptop in die Schutzhülle packte und ihn auf die Seite legte, um meinen Papa schleunigst in den Garten zu treiben, auf dass wir beim Bau des Frühbeetes vielleicht weniger streitbare Themen finden würden, deutete er noch kurz auf meinen PC. Dabei sagte er: »Und dann diese Computer! Wir hatten früher nur Asbest zum Spielen!« Ich verdrehte die Augen, sicher, dass Vater nun endgültig übertrieb, und schüttelte den Kopf. »Du willst mir ja wohl nicht ernsthaft erzählen, dass ihr mit Asbest gespielt habt!« – »Doch«, entgegnete er, »wir haben aus den Platten Männchen und Bäume und Häuser herausgebrochen oder mit der Laubsäge ausgesägt und damit gespielt.« – »Asbest! Vater, Asbest! Auch wenn‘s früher nicht viel gab, ihr hattet doch bestimmt ... Steine, Holz und … Dreck zum Spielen, oder?«, fragte ich, immer noch der festen Überzeugung, dass mein werter Herr Papa mir gerade einen Bären aufband, der größer war als die Stapel Schmierpapier im Keller und auf Schuppen und Dachboden zusammen. »Na ja, schon, aber die ließen sich so gut verarbeiten. Moment, ich glaub, ich weiß, wo ich noch etwas davon habe.« Mit diesen Worten verschwand er im Keller. Ich holte meinen Laptop wieder aus der Schutzhülle hervor, wohl wissend, dass, wenn Vater glaubte zu wissen, wo etwas läge, es sich um einen fünf- bis zwölfstündigen Suchvorgang handeln konnte, bei dem auch Google keine Hilfe war. Während Werkzeugkisten zu Boden oder auf Füße fielen und Dutzende von »Kreizkieseldunnawetter«-Flüche durchs Haus schallten, kamen meist ein paar nette Überraschungen an »Dingen« zum Vorschein, die er irgendwann einmal gesucht hatte, oder

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von denen er gar nicht mehr gewusst hatte, dass er sie besaß. Selten aber fand er das, wonach er aktuell suchte. Als mein Vater zurückkam, hatte bereits die Dunkelheit Einzug gehalten. Das Frühbeet musste wohl bis zum nächsten Tag warten. Stolz präsentierte er mir einen großen Holzrahmen, der wie ein Kasperle-Theater aussah, und eine staubige Kiste. Er baute den Rahmen auf, hing ihn mit einem alten Tuch ab, das einst weiß gewesen sein musste und baute in einiger Entfernung dahinter einen Bauscheinwerfer auf, den er selbst mit einem alten Stecker eines kaputten Toasters konfektioniert hatte, wie er betonte. Nachdem Vater zweimal zum Sicherungskasten gegangen war, hielt die Stromversorgung beim dritten Versuch, und das Tuch wurde von hinten hell erleuchtet. Nun hob er den Deckel der Schachtel an und kramte kleine Figuren aus Asbest auf verrosteten Drahtresten hervor. Natürlich blies er zuerst den krebserregenden Staub von den Figuren, der sich gleichmäßig im Raum verteilte, dann setzte er zu einer wahrlich spannenden Schattentheaterinszenierung von »Damals im Bergwerk« an, die mühelos das Niveau der Augsburger Puppenkiste erreichte. In den tiefsten Gehirnwindungen glühten ein paar Synapsen auf, die mir glauben machen wollten, dass ich als kleiner Junge diesem Schauspiel bereits einmal beigewohnt hatte. Mit Tränen in den Augen klatschte ich Beifall, während mein Vater alles fein säuberlich abbaute und aufräumte. Den Rest des Abends saßen wir bei einer Flasche Schnaps zusammen, die Urgroßmutter zur Hochzeit (1903) geschenkt bekommen hatte, und ich spürte, wie das Gebräu meinen Magensäften half, die Schimmelmarmelade und den Zwetschgenkuchen zu neutralisieren. Mit diesem wohligen Gefühl im Bauch beschloss ich am nächsten Morgen, den kurzen Videomitschnitt, den ich mit meinem Handy gemacht hatte, an Endemol zu schicken. In Zeiten von 3DFernsehen, ständiger Erreichbarkeit und zunehmender Digitalisierung aller Lebensbereiche musste so etwas Anachronistisches wie »Schattentheater mit Asbestfiguren« die Menschen einfach berühren. Zu einnehmend waren Charme und Nostalgiefaktor dieses Materials. Und das Praktische daran: Die Kinder könnten das Gesehene sofort nachbasteln und selbst spielen, denn in vielen deutschen Haushalten ist Asbest noch immer in großen Mengen vorhanden!

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Sabrina Schauer

Toyboy »Macht Sex Spaß?«, fragt mein zukünftiger Toyboy. Ich denke, eigentlich müsste es heißen »Macht + Sex = Spaß«. Aber eine Frage ist das eigentlich nicht. »Macht er nicht?«, fragt er mit großen, erwartungsvollen Augen. Er sieht ein bisschen ängstlich aus, aber so habe ich vor meinem Ersten Mal auch ausgesehen. »Warum sollte er denn keinen Spaß machen?«, frage ich. »Weil du nicht geantwortet hast.« »Weil man beim Sex nicht redet«, sage ich, »Sexregel Nummer 1: Halt die Klappe. Rede nicht von dem, was du auch tun kannst.« »Und was ist mit Dirty Talk?«, fragt er ganz ehrfürchtig. »Was soll damit sein? Das sind halt dreckige Gespräche«, sage ich. »Ich weiß, was das ist, aber damit würde man Sexregel Nummer 1 brechen.« Ich denke einen Moment nach und denke, entweder versteht niemand diese Sexregel Nummer 1 oder wir befinden uns definitiv gerade nicht im Vorspiel und es wird gleich keinen Sex geben. »Dirty Talk ist fürs Telefon«, erkläre ich. »Aber es gibt doch auch Leute, die machen Dirty Talk im Bett«, sagt er und geht mir mit seiner Beharrlichkeit langsam auf die Nerven.

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»Es gibt auch Menschen, die hängen sich mit einem Strick in den Wandschrank und spritzen in ihren Wintermantel.« »Neeeein!«, sagt er ganz erstaunt, »Ist das ein Fetisch?« »Das ist Sexregel Nummer 2: Fetische werden nie ohne vorherige Absprache ausgelebt.« »Hast du einen Fetisch?«, fragt er. »Ja, ich lasse mich gern ans Bett fesseln.« »Warum?« »Wie, warum?« »Na ja, du hast doch selbst gesagt, Fetische werden nie ohne vorherige Absprache ausgelebt«, sagt er und setzt ein feistes Grinsen auf, das echt abturnend ist. »Hör mal, Sex soll kein freudsches Erlebnis werden. Man spricht vorher lediglich ab, was für einen Fetisch man hat, nicht warum man einen hat.« »Und wenn nun mein Fetisch wäre, vorher über den tieferen Sinn von Fetischen zu sprechen?« »Dann geh halt in eine Gesprächsgruppe mit Menschen, die sich dafür interessieren.« »Hast du zufällig auch den Fetisch, herrisch zu sein?«, fragt er und grinst wieder feist. »Sexregel Nummer 3: Sex ist ernst. Humor ist zwar schön, wenn etwas schief geht, aber ansonsten ist er ein Lusttöter«, sage ich und denke, das habe ich jetzt sehr nachdrücklich gesagt. »So richtig Spaß macht das hier aber gerade alles nicht«, äußert er seinen Unmut, der mich gerade so gar nicht interessiert. »Spaß macht, was erlaubt ist«, sage ich, »siehe Regeln 1 bis 3.« Ich glaube zu erkennen, dass er eine Flunsch zieht. »Können wir dann anfangen?«, fragt er. »Du sagst das so, als würde es hier um Arbeit gehen.« »Das erinnert mich auch gerade sehr an die Einführung in die Sicherheitsbestimmungen am Arbeitsplatz bei meiner Lehrstelle.« »Mann, du hast mich doch gefragt, wie Sex funktioniert. Wenn dir die Antwort nicht gefällt, dann hast du Pech gehabt«, sage ich. »Ja, können wir dann anfangen?«, fragt er, und ich spüre eine gewisse Feindseligkeit in seinem Unterton. Männer Anfang Zwanzig haben vielleicht einen knackigen Körper, aber noch kein ausgeprägtes Taktgefühl. Einige werden das nie bekommen. Ich stehe auf und gehe zum CD-Player. »Wo willst du denn jetzt hin? Ich dachte, wir fangen jetzt an«, sagt er.

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»Ja, tun wir auch. Ich will nur etwas romantische Atmosphäre erzeugen«, sage ich und denke, dass der leichteste Weg zur romantischen Atmosphäre der ist, meinen Toyboy einfach vor die Tür zu setzen und es mir selbst zu machen. Die ersten Klänge von der Kuschelrock-CD ertönen. »Ich bin gleich wieder da«, sage ich und gehe ins Badezimmer. Eigentlich nur, um mich kurz abzureagieren, bevor ich gleich meinen neuen Fetisch entdecke, Männer zu verprügeln. Als ich wiederkomme, ist mein Toyboy verschwunden. »Jonas?«, frage ich verwundert in den Raum hinein. Keine Antwort, nur die Klänge von »Love is in the Air« von John Paul Young ertönen, dessen Aussage ich gerade überhaupt nicht zustimmen kann. »Jonas, willst du mich verarschen? Wo bist du?«, frage ich in doppelter Zimmerlautstärke. »Ich bin in deinem Wandschrank und spritze in deinen Wintermantel. Muaaaahhhh!«, grunzt es aus meinem Kleiderschrank, und dann macht er die Schranktür auf und kommt lachend heraus. »Guck mal, was ich gefunden habe«, sagt er und hält mir rote Dessous mit halterlosen Strümpfen entgegen, »Willst du die nicht anziehen?« »Nein«, sage ich, »ich habe schon etwas anderes an.« »Aber willst du mir nicht gefallen? Ich meine, darum geht es doch, oder?« Es gab schon immer eine Sache, bei der ich es für sinnvoller erachtet habe, sie unter dem Bett aufzubewahren als im Keller: eine Axt. »Nein, hier geht es gerade um Sexregel Nummer 1, und jetzt leg dich aufs Bett«, sage ich. Mein Toyboy wirft die roten Dessous brav in den Schrank zurück und legt sich aufs Bett. »Soll ich dir eine Kerze anmachen, damit es romantischer ist?«, frage ich. »O.K.«, sagt er und zuckt mit den Schultern. Ich hole eine große Kerze, zünde sie an und stelle sie auf die Kommode am Fußende des Bettes. Dann mach ich das Licht aus. Ganz schön dunkel, denke ich, jetzt kann ich ja gar nicht mehr so richtig seinen athletischen Körper sehen, dafür sind meine Sinne für seine verbale Taktlosigkeit gestärkt. Ich versuche das zu ignorieren; und den scheiß Song von dieser scheiß Kuschelrock-CD und die scheiß Stimmung, die gerade den scheiß Raum ausfüllt und dass ich mich gerade scheiß unsexy fühle, weil ich die roten Dessous nicht anhabe. Mann, ich bin erfüllt von Igno-

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ranz, was sag ich, ich bin das Universum der Ignoranz, und war noch nie weiter entfernt von meiner Geilheit. Ich setze mich auf ihn drauf und küsse ihn. Dann hält er wenigstens die Klappe. Ich ziehe ihm sein T-Shirt aus und warte darauf, selbst angefasst zu werden. Aber da sind keine Hände, die mich im Halbdunkel anfassen. Und irgendwie sind seine Hände weg, stattdessen leuchtet gerade etwas sein Ohr an, und dann klingelt mein Handy. Wenn ich verwirrt bin, werde ich bewegungslos und starre. Ich starre meinen Toyboy an. Er grinst und deutet mir mit seinen Augen, ans Handy zu gehen. Ich gehe ran und sage: »Hallo.« »Dirty Talk«, haucht mein Toyboy durch mein Handy in sein Handy. Ich lege auf. »Hihi«, kichert er, »ich breche die Regeln. Ich bin ein Badboy. Soll ich dich ans Bett fesseln?« »Ja, unbedingt«, sage ich. Klick, klick machen die Handschellen, und ich denke, juhu, jetzt geht’s los. »Ich muss mal kurz für kleine Königstiger«, sagt mein Toyboy und verschwindet aus dem Zimmer. Ich hasse meine bescheuerten Ideen und trete wütend in die Luft. Zumindest denke ich, dass es die Luft ist, die sich verdammt hart anfühlt, so hart, wie sich sonst nur eine Holzkommode anfühlt, und da fällt die brennende Kerze auch schon aufs Bett. Etwas unbeholfen puste ich so vor mich hin, doch ich muss sehr schnell feststellen, dass ich zu weit weg liege. Da fängt die Bettdecke auch schon an zu brennen. »FEUER!«, schreie ich, »FEUER!«, aber niemand kommt. »Feuer?«, sage ich mit zittriger Stimme vollkommen verängstigt. »Jungfrau in Not!«, schreit mein Toyboy im Flur, »Ich eile zur Rettung.« Die Tür geht auf, und in des Toyboys Gesicht ist pures Entsetzen zu sehen. Und zu meinem Leidwesen auch Hilflosigkeit. »Oh mein Gott, es brennt ja wirklich!«, schreit er und entleert sofort eine Flasche Wasser über der Feuerstelle. »Ich habe dein Leben gerettet, jetzt gehörst du mir. Hab ich mal in einer Zeitschrift gelesen, über fremde Kulturen«, sagt er ganz stolz. Dann wirft er sich auf mich drauf und fängt an, mich wild zu knutschen, mit viel Zunge und viel Speichel, und ich denke, ich habe mir mein Gefängnis selbst gebaut, als ich die kalten Handschellen an meinen Handgelenken spürte.

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Plötzlich hört er auf und guckt mich mit so einem Funkeln in den Augen an. »Was ist?«, will ich wissen. Und zwar sofort. »Was würdest du machen, wenn ich die Handschellen nie wieder öffne und du jetzt meine Sexsklavin wärst?«, erdreistet sich der Toyboy doch glatt zu fragen. »Mach die Handschellen auf«, sage ich. »Ich hab mal so ein Buch gelesen, da waren eine Frau und ein Mann in ihrem Ferienhaus im Wald, und sie war gefesselt und er ist dann gestorben und sie ...«, erzählt er, und ich unterbreche ihn: »Das hat er auch nicht anders verdient. Und jetzt mach die Handschellen auf !« Mein Toyboy legt seinen Kopf schief und grinst satanisch. »JONAS!«, schreie ich, und mein Toyboy seufzt enttäuscht. Dann macht er die Handschellen auf. Zu seinem Leidwesen, denn ehe er sich versieht, klatsch ich ihm eine, aber so doll, dass er die Glocken noch bis zum Tod läuten hören wird. Mein Toyboy sieht mich verdutzt an. Dann haben wir den ersten Sex seines Lebens. Xavier Naidoo singt »Halte durch«, und ich denke, recht so, immerhin bin ich hier diejenige, die alles macht, und dann denke ich, wer so einen Song bitte auf eine Sexmusik-CD packt. Jonas – ich sehe es nicht ein, ihn weiterhin Toyboy zu nennen, weil er kein Spieljunge ist, sondern eher ein zu bespielender Junge – jedenfalls grunzt Jonas vergnügt vor sich hin. Ich denke derweil an einen flotten Dreier mit Johnny Depp und Jason Statham, nur damit ich von dem Sex wenigstens auch ein bisschen was habe. Und um mich von den Gedanken an die Axt abzulenken. Eine Minute Missionarsstellung. Kommentar Jonas: »Ich dachte immer, Missionare wären heilige Männer, die keinen Sex haben dürfen.« Eine Minute Reiterstellung. Kommentar Jonas: »Ich dachte immer, bei der Reiterstellung müsste der Mann auch eher oben sein, sonst müsste es doch eigentlich Reiterinnenstellung heißen, oder nicht?« Eine Minute Doggystyle. Kommentar Jonas: »Ah, jetzt versteh ich.« Kommentar ich: »Nein, das glaube ich nicht.« »Ist das nicht schön?!«, fragt/sagt/labert Jonas. »Ja, es ist nicht schön«, sage ich. Und plötzlich ist er ganz still und ganz bewegungslos, und in meinem Augenwinkel kann ich sehen, dass er vor sich hinstarrt, und ich frage mich, warum er denn jetzt verwirrt ist.

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»Geht’s dir nicht gut?«, frage ich. Dann kommt ein leises Stöhnen, und er sagt: »Ging mir noch nie besser.« Dann fällt er von mir ab und legt sich neben mich. Mit leerem Blick sehe ich ihn an und denke, sich einen jugendlichen Lover zu besorgen, ist mehr als Leichtsinn. Es grenzt an Wahnsinn. »Wie war ich?«, fragt er, und seine blauen Augen strahlen mich an. Ich beginne zu weinen. »Ich habe mal in einer Zeitschrift gelesen«, beginnt er, »wenn eine Frau nach dem Sex weint, dann war es besonders schön für sie und es hat sie ganz tief im Inneren berührt.« Ich höre auf zu weinen. »Ich glaube, du liest zu viel«, sage ich. »War’s für dich denn nicht genauso schön wie für mich?«, fragt er. »Sexregel Nummer 4«, schreie ich, »wenn man nichts Nettes zu sagen hat, dann hält man die Fresse! Gute Nacht!« Aus dem CD-Player kommen die ersten Klänge von »Time to Say Goodbye«, und ich liebe Sarah Brightman für ihr perfektes Timing. Ich drehe mich um und schlafe lautstark schnarchend ein.

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The Punchliner Nr. 10  

Leseprobe aus dem Buchmagazin für Satire und Slam Poetry, Herbst 2013 Verlag Andreas Reiffer www.verlag-reiffer.de ISBN 978-3-934896-00-0

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Leseprobe aus dem Buchmagazin für Satire und Slam Poetry, Herbst 2013 Verlag Andreas Reiffer www.verlag-reiffer.de ISBN 978-3-934896-00-0

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