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Reiffer Haus aus Stein Nr 8 Cover Freitag, 15. Mai 2015 14:27:06


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Holger Makarios Oley und Frank Pichelstein Bröker (Hg.) Haus aus Stein Nr. 8 »Der Abend ist gelungen« Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Tagebuch-Motivs aus Pratajevs »Phase der gestohlenen Spätjugend«. Rückseite: Zwei der Wissenschaftler namens Rymov nach gelungener Forschungsarbeit. Fotos und Zeichnungen (sofern nicht namentlich genannt): Archiv der Pratajev-Gesellschaft e.V. 1. Auflage 2015, Originalausgabe © Verlag Andreas Reiffer, 2015 Satz und Layout: Wallgold II jun. Lektorat: Manjoschka Gnatz Druck und Weiterverarbeitung: PRESSEL, Remshalden ISBN 978-3-945715-51-2 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/pratajevbibliothek

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Inhaltsverzeichnis Editorial: Das 8. Haus der Pratajev-Gesellschaft .................. 6 Das Werk Pratajevs .................................................................... 8 Aus den Tagebüchern eines Karussellführers ..................... 9 Auf der Suche nach Pratajev ............................................. 22 Im Gefängnis von Dalkigoje ............................................ 28 Gedichte aus der Miloproschenskojer Phase, Teil I ....... 32 Pratajevs Fragmente .............................................................. 35 Zigarettengedichte .................................................................. 38 Neues aus der Forschung ......................................................... 42 Die Grodno-Funde ............................................................... 43 Die Tagebücher der Helga Bauer, Teil IV ....................... 51 Frauen die wie Katzen kreischen ...................................... 63 Fetischforschung: Die Sache mit dem Postwesen ........ 65 Das 25. und das 26. Trovlower Chorleitertreffen .......... 73 MPi versus Mπ .................................................................... 79 Holzlöffelgerichte, Fischmushäppchen ..., Teil IV .......... 82 Die große Fraglichkeit ............................................................. 88 Biber am Amur .................................................................... 89 Die Postfrau von Miloproschenskoje ............................... 92 Torgau, die Elbe und ein Foto ......................................... 96 Das Krakadil Gjena .......................................................... 102 Fälschungen .............................................................................. 106 In den Labyrinthen Kashavliens, Teil IV ...................... 107

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Rückblick vom Turm .......................................................... 112 Die Pratajev-Filme, Teil III .............................................. 113 Aus dem Vereinsleben ........................................................... 120 Pratajev in Garbisdorf 2013-2014 ................................... 121 Das Tourtagebuch der Russian Doctors ........................... 133 Ausgewählte Mitschriften VIII ......................................... 134 Ausblick vom Turm ............................................................ 142

»Unbestätigten Gerüchten zufolge ist Pratajev gar nicht im Jahre 1961 verstorben, sondern mit Juri Gagarin ins Weltall geflogen und nicht zurückgekehrt. Wir gehen der Sache gerade nach …« Aus einem Brief der Nachfolger der Wissenschaftler namens Rymov an die Haus aus Stein-Redaktion im März 2015 »Es war eine Frechheit. Helga Bauer saß nackt auf dem Traktor und imitierte immerzu einen stotternden Motor. Die Männer aus dem Dorf hatten so etwas noch nie gesehen und es war klar, dass sie nun nach Hause gingen, um ihren Frauen das gleiche abzuverlangen. Und was soll ich sagen, es kam, wie es kommen musste. Am nächsten Tag liefen 50 stotternde Motoren durchs Dorf, angetrieben von Männern, die die Peitsche schwangen.« Aus einem Bericht Igor Rymovs an das Sittlichkeitskomitee der Traktorenstation Rotes Lenkrad, 1955 Bild Seite 1: Pratajev in einem Selbstportrait. Motiv aus der Petroperbolsker Sammlung um 1938.

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Das Werk Pratajevs

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Anekdoten und Anekdotisches

Aus den Tagebüchern eines Karussellführers Vorab Pratajev wurde nach dem Versiegen der Mineralwasserquelle in Loptschevsk, die ihm in den 20er Jahre kurzfristigen Reichtum eingebracht hatte, 1928 zum Karussellführer in Trovlow ausgebildet. Von dem Geld, das ihm der verbotene, jedoch durch Kontakte seinen Mitstreiters Uschakow ermöglichte, Export der Marke »Ural-Export« eingebracht hatte, war nach einer Phase der Extravaganz1, dem Bezahlen der Führerscheingebühr sowie dem Kauf eines Handkurbel-Karussells nicht mehr viel übrig. Pferd, Wagen und drei Hunde als Geleitschutz überließ ihm Dimitrij Koslow, Wirt des Loptschevsker Teehauses »Milzbrand«, in dem Pratajev jahrelang Stammgast war. Obendrein wollte Koslow ihm seine älteste Tochter Karina überlassen, doch Pratajev lehnte ab. Karinas glamouröse Zeiten als Heuballen-Modell waren eindeutig vorbei. Nicht einmal mehr die Bauern der älteren Generation ließen sich von der Dorfschönheit in spe beeindrucken. Dass es vorläufig mit leeren Taschen enden würde, dafür konnte Pratajev nichts. Im Familienstammbaum der Pratalinkos war der sogenannte »unverschuldete Kurzreichtum mit jähem Ende« bereits über Generationen weit verbreitet gewesen. Oft hatte es nur wenige Stunden gedauert, bis einer der Vorfahren große Mengen Geld verpulvert hatte. Selbst der einzige, bisher durch die Forschung ermittelte Nachfahre Pratajevs, der Prager Jarda Švec, schaffte es in nur einer Juni1 Bekanntlich durfte Wladimir Petrowitsch Uschakow an dieser Phase nicht teilhaben, was er nie verwand. Er landete schließlich in der Mongolei, verfasste Schmähgedichte über Pratajev, die in einem Plagiatwerk namens »Der Landarbeiter« gipfelten. Vergleiche u.a.: »Das große Pratajev-Lexikon«, Meine, 2011.

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woche des Jahres 2011, das stattliche Erbe eines Angehörigen durchzubringen. Wenigstens wurden die Kronen an richtigen Orten gut angelegt. Die zahlreich vorhandenen Lokalitäten des Künstler- und Arbeiterstadtteils Žižkov erzählen heute noch davon. Pratajev hatte zu Anfang keine blasse Ahnung von dem, was ihn als Karussellführer in den Weiten Russlands erwarten würde. Als diese Phase im Spätherbst 1931 zu Ende ging und er fortan in der Praxis des deutschstämmigen Zahnarzt Dr. Hermann Schädler als Hilfszahnarzt arbeitete, hatte er genug Lehrgeld zahlen müssen. Empfänger waren zumeist Milizionäre, raffgierige Ärzte und harte Wirtinnen. In seinem Buch »Der Dorfsowjet greift ein2«, ist darüber im Besonderen die Rede. Viele Gedichte, Geschichten und Fachbücher, die Pratajev späteren Ruhm bescherten, haben ihren Ursprung in dieser verbalakrobatischen Zeit, die er in einem Brief an seinen Freund Anatoli Prumski einmal als »gestohlene Spätjugend« bezeichnete. Es ist kein Wunder, dass weise Sätze, die man dieser sinistren Zeit zuschreibt, noch heute – wenn auch zumeist unwissentlich – von Menschen rezitiert werden, die sich vom Leben schwer benachteiligt fühlen. Sei es in der Kneipe liegend oder in der falschen Schlange an der Supermarktkasse stehend. Zitate wie: »Es sind die Umstände, die das Leben so schwer machen. Ein richtiger Gegner ist nicht auszumachen« oder »Abschied ist eine scharfe Klinge mit der man besser ein Schwein schlachten könnte« haben ihren Platz im Sprachschatz des 21. Jahrhunderts gefunden. Pratajevs Tagebuchaufzeichnungen, die er in den Jahren seiner Karussellführertätigkeit anfertigte, geben einen tiefen 2 Pratajevs vierter Roman, erschienen 1952 im Miloproschenskojer Verlag. Bis heute ist es leider nicht gelungen, eine Ausgabe des »Dorfsowjets« zu beschaffen. Das Buch gilt als verschollen; einzelne Details daraus sind bisher lediglich in wiederentdeckten Notizbüchern und auf Zigarettenpapieren erhalten.

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Einblick in das Leben eines Menschen, der den falschen Beruf gewählt, diesen aber dennoch mit Hingabe und Kreativität ausgeübt hat. Die Erkenntnis, dass man es als Karussellführer zwar auf etliche Kilometer, jedoch ansonsten nicht sehr weit bringt, muss für einen literarisch und musikalisch geprägten jungen Mann geradezu furchtbare Konsequenzen haben. Noch dazu, wenn er sich dann und wann, auf dem Weg zum nächsten Fest, in einem Wald verirrt, der Schnaps ausgeht und hungrige Dorfbewohner ihm die Hunde streitig machen. Wir wissen aus der Forschung, dass Pratajev weniger ein Romantiker war; umso mehr liebte er die pragmatischen Dinge. Ein gutes Essen, ein Dach über dem Kopf, eine Wirtshaus-Ofenbank, ein Hinterstübchen reichten ihm zum Glück. Wenn eine sehr junge Schwesternschülerin auftauchte, umso besser. Allzu unbeschwert ging es in der »gestohlenen Spätjugend« selten zur Sache. Die zynische Tagebuch-Lyrik »Der Starke«, in der ein Kind aus dem Karussell fällt, sich dabei das Genick bricht, und dann noch fröhlich den herbeieilenden Eltern übergeben wird, ist so ein Beispiel. Der Starke Das Kettenkarrussell Dreht sich rasend schnell Es wird geschoben von einem Mann Der hat zwei dicke Arme dran Und alle jungen Mädchen Nehmen gerne Platz Sie kreischen wenn es schaukelt Bei dieser wilden Hatz

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Und fällt ein Kind hinunter Und bricht sich das Genick Dann tröstet er die Eltern Und gibt das Kind zurück Ist er auch mal betrunken Muss er auch manchmal spucken Er dreht die Kurbel, schiebt das Rad Als tät´s ihn gar nicht jucken Das Kettenkarrussell Dreht sich rasend schnell Es wird geschoben von einem Mann Der hat zwei dicke Arme dran Die vorliegenden, bisher aufgetauchten Tagebuchaufzeichnungen mögen uns Mahnung genug sein. Denn wir wissen nur zu gut: Viele Künstler lebten lange Zeit in Armut und Vergessen, bevor nicht die Muse, sondern ein besseres Leben sie küsste. Das ist heutzutage nicht anders. Wie viele talentierte Musiker müssen sich nach einem Konzert drei Flaschen lauwarmes Exportbier teilen? In den Backstage-Bereich dürfen sie auch nicht zurück. Bloß weil der Rahmen ihres Vorprogramms um wenige Minuten überzogen wurde und der abendliche »Top Act« darüber sehr verstimmt ist. Folgende Gedanken seien noch erlaubt: Wenn man auf einer Landstraße einen relativ verzweifelten Karussellführer begegnet, sollte er unbedingt ins nächste Wirtshaus eingeladen werden. Dort angekommen, wird er von seinem Leidensweg berichten. Muntern Sie ihn nach der Maxime »Fröhliches Tun ist eine Folge fröhlichen Denkens« auf. Seien Sie charismatisch. Suggerieren Sie ihm, dass das Leben oftmals interessante Wendungen nimmt und Gegenüber: Nicht überall herrschte eitel Sonnenschein, wenn Pratajev mit seinem Holzkarussell vorfuhr.

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nicht jede Ochsentour ewig währt. Kaufen Sie ihm aromatisch abgewogene Schnäpse zum gebratenen Schwein. Wenn er die Augen nicht von Ihrer Frau lassen kann – nur zu, er wird ihr nichts Böses tun. Zur Belohnung schreibt Ihnen der arme Karussellführer, aber nur, wenn ihm danach ist, ein Gedicht. Vielleicht malt er zum Dank auch ein Stoffserviettenbild. Daran dürfen Sie sich noch im hohen Alter erfreuen. Und hinterlässt er auch nur eine Stellschraube seines Karussells: Tragen Sie diese für immer um den Hals. Es könnte allerdings sein, dass es Ihrer Frau beim Karussellführer so gut gefällt, dass sie plötzlich mit einem spitzen Schrei aufsteht und für immer mit ihm weggeht. Abschrecken sollte Sie das nicht. Mitgefühl ist jetzt nicht gefragt. Vor allem für Künstler ist das etwas sehr privates. Erfreuen Sie sich lieber an seinen abschließenden Worten. Sie könnten lauten: »Auch andere Großmütter haben schöne Töchter«.

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Aufzeichnungen aus dem Jahr 1929 12.11.1929 Ich glaube, das waren die letzten Pilze aus dem Mischwald für dieses Jahr. Ich muss mich am Stadtrand von Bolwerkow befinden. Die Teiche sind bereits zugefroren. Trauben junger Damen laufen auf seltsamen Schuhen sehr schnell übers Eis. Ohne hinzufallen jagen sie mit Stöckern einem Ball aus Holz hinterher. Das habe ich ja noch nie gesehen. Werde anhalten, ein Loch ins Eis schlagen, damit mein Pferd trinken kann. Außerdem hätte ich schon gerne ein paar Eiswürfel in meinem Schnapstee. Wenn ich Glück habe, saust eine der Damen mitten ins Loch hinein. Dann kann ich sie retten und man lädt mich ins Wirtshaus ein. 14.11.1929 Nachtrag vom 12.11.: Einzig der Ball aus Holz fiel ins Loch und versank. Da waren die Damen untröstlich. Habe in Bolwerkow bei der »Woche des Wildschweins« mein Karussell aufgebaut und bisher ordentlich verdient. Die Damen vom Teich waren auch da. Ich schnitzte ihnen mit bestmöglichster Menschenliebe einen Pi-ck. Eine Scheibe aus Holz, denn ein Ball hat auf dem Eis nun wirklich nichts zu suchen. Das habe ich den Damen gesagt und sie taten sehr erstaunt. 20.11.1929 Es geht weiter. Da will ich dem Tag Feuer machen. Mein Gewerke ist auf dem Karren verstaut, Pferd und Hunde sind startklar. Nur ich nicht, die Nacht war lang. Aber das macht nichts. Das Pferd kennt den Weg besser als mein vergilbtes Kartenmaterial. Mit wehenden Mützen aus Mastbärenfell spielen auf dem Teich wieder die Damen. Diesmal mit meinem Pi-ck. Das sieht gut aus, sehr geschickt und elegant fegen

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sie die Holzscheibe mit ihren Schlägern übers Feld von Tor zu Tor. 24.11.1929 An einer Wandzeitung in Rovtlovensk las ich etwas über ein neues Sportvergnügen namens Eishockey. Es wird mit einem Puck gespielt, einer Scheibe aus Holz. Der Puck sieht genauso aus wie mein Pi-ck. Merkwürdig ist das. Ich habe eine Notiz hinterlassen, auf der ich vorschlage, die Scheibe besser aus Reifengummi anfertigen zu lassen. Denn ein umherfliegendes Stück Holz kann sehr gefährlich sein3. 25.11.1929 Der Winter hat das Land bald fest im Griff. Die alten Mütterchen schauen in den Stuben sauertöpfisch drein und zeigen nach draußen, wo Äxte und Baumstämme einschneien. Ich kann es beim Vorbeifahren sehen. Doch die Männer vorm Ofentisch ignorieren die Mütterchen, spielen lieber Karten und trinken Schnaps. Schubkarren voller Brennholz zu schieben – danach steht ihnen nicht der Sinn. Statt in der Liebe sind sie in der Hölle gelandet. Jeder im Dorf kennt hier jeden. Ein nahezu beklemmendes Gefühl. Werde Quartier beziehen in Tolschok. Habe neulich ein Gerücht aufgeschnappt, dass es dort Siebenschläfer-Teehäuser geben soll, die einen erst wieder im Frühling quietschvergnügt aus der Tür lassen. 05.12.1929 Tolschok ist erreicht in einer Wolke aus Dämmerlicht und Schmerzen. Das Karussell überwintert gut geölt in einer 3 Eishockey setzte sich erst ab den 40er Jahren in Russland durch. Vorher war Springball, auch »Bandy« genannt, auf glattem Geläuf äußerst populär. Vergleiche: Frank Bröker: »Eishockey in Deutschland – nichts für schwache Nerven«, Meine, 2013. Sollte es wirklich so gewesen sein, dass Pratajev mit der Erfindung seines Pi-cks maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt war, müssen die Weltgeschichtsbücher des Pucksports neu geschrieben werden.

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Scheune. Traf auf dem Weg zum Teehaus Kusmi einen kavaliershaften Landdichter. Der Zausel lud mich zum Essen ein und rezitierte romantisch anmutende Gedichte wie dieses hier: »Wirklich reich ist, wer mehr Träume in seiner Seele hat, als das Leben zerstören kann«. Um uns herum saßen junge Zuchtkomsomolzinnen, die derlei Worte nassforsch mit rosafarbenem Kreuzstich auf Geschirrhandtücher stickten. Anmutig saßen sie da, so, als würden sie für ein Portrait gemalt. Das fand ich sehr beeindruckend. Als der Landdichter mit der ersten Stickerin ins Hinterstübchen verschwunden war, nahm ich seinen Platz ein und trug Abwandlungen meiner Poesie »Die Pflanze stirbt und schimmelt, gestern habe ich sie noch angehimmelt« vor. Ich hätte das nicht tun sollen. Nach den Versionen »Das Mütterchen«, »Die Nachbarstochter« und »Die Katze« saß ich allein am Tisch mit einer debilen Trinkerin. Sie trug ein Stück Stoff um den Kopf gewickelt. Vorher trug sie einen alten Putzeimer mit sich herum. Kieloben schwamm darin ein Fisch. Den hat sie dann verschlungen und wahrlich: er zuckte noch. Als ich sie kritisch ansah, regnete kalter Spott auf mich herab. Aber meine Zeit als Dichter wird kommen, das spürte ich nach dem 14. Krautschnaps sehr genau. Vielleicht auch erst nach dem 20. Zwischen dem 15. und dem 19. sah ich einer tanzenden Birke durchs Fenster zu. Sie kämpfte und verlor. Der Schneesturm war einfach stärker. Auch ein Zaun verlor. Nur ein stolzer Bauer nicht, der sich krampfhaft daran festhielt4. Auch ein Dach verlor. »So ein schönes Dach«, sagte der Wirt und blickte wehmütig hinterher. »Der Wind ist ein gemeiner«. 4 Pratajev modellierte später aus diesem Eintrag das Gedicht »Griff am Zaun«. Vergleiche im vorliegenden Haus aus Stein, Rubrik »Das Werk Pratajevs«, Kapitel: »Gedichte aus der Miloproschenskojer Phase, Teil I«.

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Pratajevs Fragmente

Neues aus der Minimalforschung Im September 1982 gründete sich bereits unter den sogenannten »Modernen Pratajevianern« die kleine, aber feine Sektion der Minimalforschung um den ukrainisch-polnischen Tischruderer Karabin Oljoschin. Mit frühen Funden wie »Kleine Stickereien sind die Zierde der Hausfrau« oder »Gute Frauen arbeiten gerne ohne Lob« sowie unveröffentlichtem Manuskriptmaterial aus »Die Kriminalfälle des Igor Pavlowitsch« verdiente sich Oljoschin manchen Forscher-Pokal auf Pratajev-Kongressen. Seit dem er im September 2014 in den wohlverdienten Ruhestand ging, wird das Komitee vom Ehrenmitglied der Pratajev-Gesellschaft Fürst Fedja angeführt. Lange Zeit des Jahres verbringt der getarnte Kaufmann Fedja mit viel Ach und Krach im weißrussischen Grodno, gleich hinter der Westgrenze zu Polen damit, Artefakte Pratajevs aus dem Verkehr zu ziehen. Denn dort, wo die Landeswährung am Boden liegt, wie es in Weißrussland sehr oft der Fall ist, blüht der verbotene Tauschhandel mit wertvollen Hinterlassenschaften großer Dichter und Denker besonders. Unter der Hand wird mancherorts gerne mal ein Stall voller Schweine gegen einen gut erhaltenen Pratajev-Dreizeiler eingetauscht. Fedja hatte es sich zunächst zur Aufgabe gemacht, Holzschnitte wie Eintragungen aller Art aus den 40er bis 60erJahren aufzuspüren und mit charmanter, manchmal unbotmäßiger Handlange zu beschlagnahmen und dem Leipziger Pratajev-Museum i.A. (im Aufbau) zuzuführen. Die Arbeit der ersten drei Monate möchten wir an dieser Stelle kurz vorstellen. Im Forschungskapitel »Die Grodno-Funde« (vorliegende

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Haus aus Stein-Ausgabe) folgt eine weitere Ausführung des Fedjaschen Wirkens zum Wohle der Forschung. Holzschnitt VII, Wirtshaus »Nasses Nest«, Grislorka um 1944 Der Mettschweinmann mit Bauch Hält sich fest am Brombeerstrauch Eintrag in das Ehrenbuch der Köche von Luporsk, vermutlich um 1950 Nächtelang heulten Hund und Katze, dann gab es ein Fest. Schwein am Spieß, sagte Juri Nastarenko und freute sich, dass es den Bauern schmeckte. Eintrag in das Gästebuch der Geburtsklinik von Kolsnowo-Parputsk, April 1956 Sie war jung, sie war blond, sie sammelte Beeren. Da konnte Dalmatow ja gar nicht anders, als ihr einen Schluck aus der Flasche anzubieten. Neun Monate später brachte sie ein Mädchen zur Welt und Dalmatow wusste nicht warum. Holzschnitt VIII, Tischplatte Teehaus Protnik um 1954 Menschen, die nicht rauchen Sind nicht zu gebrauchen Einträge in der Kongressschrift illegal praktizierender Orthopäden, Mai 1959 Trunkenheit ist stets Ausdruck des Willens Großes zu leisten Wer viele Flecken auf seiner Brust und seinem Hemde trägt Hat gut gegessen

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Postskriptum auf einer Postkarte an Helga Bauer, August 1957 Der Schnaps danach und die Zigarette davor Müssen sein Tischtuchgedichte, Teehaus Protnik, Oktober 1960 I Ich würde ja gerne weniger trinken Aber ich leide nun mal am Schluckreflexphänomen II Mehr als die Wurst doppelt aufs Schwein legen Kann man mit Reichtum nicht Eintrag ins »Buch der Besten« der Braunkohleveredlungsfabrik Traktov, Juni 1953 Jeder, der meine Bücher kauft, ist mir willkommen. Und wischt er sich auch nur den Arsch damit ab, dann kriegt er wenigstens einen gebildeten Hintern. Eintrag ins Ehrenbuch der Holz-Ornamentkünstler von Novo Schilk, Oktober 1954 Nie sah ich schöneres Handwerk. Gebirkter Huf wird schön geblümt, in geeichtem Zahn strebt eine Tulpe dem Gartenzaun entgegen. Tischtuchgedicht, Kantine der Wertstoffzerleger, Juni 1954 Der Mann vom Schrottplatz wird immer schöner Bloß weil ihn alle so nennen Besucht ihn keine Frau Pratajev war samt Gefolge bereits drei Tage aus der Kreisstadt Ogornik verschwunden, als der Wertstoffzerleger Ale-

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xei Blechov dieses Fragment auf einem gestickten Tischtuch beim Pausenschnaps in der Kantine entdeckte. Man hätte denken können, der gestandene, kräftige Mann in den 30ern, wäre nach dem Lesen der Zeilen vor Wut außer sich gewesen. Doch nein, es kam ganz anders. Blechov weinte bitterlich und war für den Rest des Jahres krankgeschrieben. Als seine besorgte Mutter im Dezember 1954 nach einem Arzt für einen erneuten Hausbesuch schickte, hatte der keine Zeit. Seiner statt erschien eine sehr junge Schwesternschülerin an der Haustür. Blechov, in den Monaten fern aller Ölkannen und Schweißgerätschaften sauber und ansehnlich geworden, verliebte sich sofort und ließ das Mädchen herein in die gute Stube. Glücklicherweise war das Zimmer aufgeräumt und es roch auch nicht nach Schweißfüßen. Die Schwesternschülerin war sofort Feuer und Flamme. Beide heirateten wenig später und dankten Pratajev für seine alles verändernden Worte, damals im Juni 1954, in der Kantine der Wertstoffzerleger von Ogornik. Gästebucheintrag, Hotel zum Brenner, September 1951 Anatoli Prumski war glücklich. Er hatte einen Rüsselhund gefangen und ärgerte nun die Kinder auf dem Dorfplatz, indem er den Hund grässlich bellen ließ. Dabei klatschte er mit seinem Rüssel auf den Boden, dass der Schlamm nach allen Seiten spritzte. Es war wirklich ein grässliches Tier. Manche behaupteten sogar, der Rüsselhund hätte aus dem Hintern geleuchtet. Das habe ich jedoch nicht gesehen.

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