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20,00 EUR (D)

ISBN 978-3-945715-89-5


Beatrix Flatt

Grenzenlos Begegnungen am GrĂźnen Band Leseprobe


Beatrix Flatt Grenzenlos Begegnungen am Grünen Band Umschlaggestaltung: Karsten Weyershausen Satz und Layout: Andreas Reiffer Lektorat: lektorat-lupenrein.de Gedruckt auf Papier aus verantwortungsvollen Quellen, FSC® C107574 1. Auflage 2020 © Verlag Andreas Reiffer ISBN 978-3-945715-89-5 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de


Inhalt Vorwort .................................................................................... 8 1 Mit Muscheln auf Du und Du ............................................ 10 2 Engagiert in der Politik und für die Region ....................... 13 3 Starkes Band zwischen Hof und Plauen ........................... 16 4 Kulturlandschaft, die Pflege braucht .................................. 19 5 Das Mühlrad produziert wieder Strom .............................. 22 6 Alles Schiefer ...................................................................... 25 7 Hier lebt das Bauhaus ....................................................... 28 8 Waldcamp mit Grenzgeschichte ........................................ 31 9 Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer .............................. 34 10 Tropische Früchte aus Tettau ............................................. 37 11 Von einer starken Dorfgemeinschaft ................................. 41 12 Landkarten waren tabu ...................................................... 44 13 Fränkischer Dialekt in Bayern und Thüringen ................... 47 14 Als Hippie in der DDR ....................................................... 50 15 Waldbühne im Ehrenamt .................................................... 54 16 Ein Dorf wird zur Traktorstadt ............................................ 57 17 Jüdisches Leben in Berkach ............................................... 60 18 Mit Kunst die Grenze erklären ........................................... 63 19 Von der Freiheit, die Heimat kennenzulernen ................... 66 20 Wo der Kalte Krieg besonders heiß war ............................ 69 21 Junge Familie im alten Bahnhof ....................................... 72 22 Ein Berg aus Salz ................................................................. 75 23 Ein Juwel am Grünen Band ................................................. 78 24 Ein Wahrzeichen an der Werra ............................................ 81 25 Der Grenzausbau kannte keine Grenzen ............................. 85 26 Baumkreuz, Freiheit und Demokratie ................................. 87 27 Gemeinschaftsleistung von Ost und West .......................... 91 28 Bürger restaurieren einen alten Gutshof ............................ 94 29 Die Kraft der Gebete ............................................................ 97 30 Stiftung als Managerin des Grünen Bandes ...................... 100 31 Am Kolonnenweg geht ein Kindheitstraum in Erfüllung ... 103 32 Whisky und Wodka in Wanfried ...................................... 106 33 Vom schmucken Dorf auf die Teufelskanzel ..................... 108 34 Stilvoll mit Stock ................................................................ 112 35 Baracken und Jägerzaun in guter Nachbarschaft .............. 114 36 Frauenpower auf dem Rittergut ........................................ 117


37 Unternehmen bekennt sich zum Eichsfeld ....................... 120 38 Gewissenskonflikte eines katholischen Grenzbeamten ... 123 39 Natur im Schatten der Grenze erleben ........................... 126 40 Harzer Rotvieh am Grünen Band .................................... 129 41 Bauhaus im Harz: Mit Schwimmbad unter der Kirche ... 132 42 Wald macht Klimawandel sichtbar ................................... 136 43 Talsperre managt Wetterextreme .................................... 139 44 Schüler pflegen Grenzdenkmal ........................................ 143 45 Von Kirche, Brennnessel und Telegrafenlinie .................. 145 46 Von der Grenzkohle zum grenzenlosen See ................... 149 47 1.400 Kilometer in neun Tagen ....................................... 152 48 Ehrenamtliche entwickeln grenzenlose Wanderwege .... 154 49 Das Zuhause der Waldspatzen ......................................... 157 50 Naturschwimmbad am Fuße des Lappwaldes ................ 160 51 Neues Leben und Wirtschaften in alten Gemäuern ...... 163 52 Grenzenlose Kreativität .................................................... 167 53 Protest gegen ein Atommüllendlager .............................. 170 54 Apfelbäume und Literatur zur Versöhnung ...................... 172 55 Weinberge in der Altmark ............................................... 175 56 Ein Leben von und mit Büchern ..................................... 178 57 Vom Stadtwald zum Sorgenkind .................................... 181 58 Durch die Erinnerungslandschaft in der Altmark ............ 184 59 Von der Grenzkaserne zum Reiterparadies .................... 188 60 Lebensqualität in der Mini-Stadt ..................................... 191 61 Gefangen im eigenen Land .............................................. 194 62 Am Tag im Stall, abends im Atelier ................................. 197 63 Im »Wendland für Arme« ................................................ 200 64 International leben, arbeiten und genießen ..................... 202 65 Der Traum von einer Brücke ............................................ 205 66 Regional im »Gelben Richard« ........................................ 208 67 Damit Wasser wieder in den ursprünglichen Betten fließt ... 211 68 Heidelandschaft als Erinnerung ........................................ 214 69 Vom Hobbymoster zum Unternehmer ............................ 216 70 Nandus locken Touristen .................................................. 218 71 Grenzenlose Weite am Ostseestrand .............................. 221 Über die Autorin / Bildnachweis ........................................... 222


Vorwort Fast 1.400 Kilometer schlängelt sich das Grüne Band auf einer Breite zwischen 50 und 200 Metern vom Dreiländereck (Sachsen-Bayern-Tschechien) bei Hof nach Travemünde an der Ostsee durch Deutschland und berührt dabei neun Bundesländer. Als Grünes Band bezeichnet man den Streifen zwischen dem ehemaligen Kolonnenweg und der ehemaligen innerdeutschen Staatsgrenze. Es ist nicht nur der längste länderübergreifende Biotopverbund Deutschlands und zugleich eine Schatzkammer der Artenvielfalt. Gleichzeitig erinnert es an die Überwindung der deutschen Teilung. Neben zahlreichen Grenzmuseen und Gedenkstätten sind Grenzpfähle, Grenztürme, Reste der Grenzanlagen und der Kolonnenweg stumme Zeugen in der Landschaft. Das Grüne Band ist kein durchgängiger Wanderweg. An manchen Stellen ist es durch Autobahnen oder Zugtrassen zerschnitten, woanders musste es Ackerland oder Bauland weichen. Teilweise ist es zugewachsen oder in der Wildnis des ehemaligen Todesstreifens verschwunden. Aber im Schatten der Grenze, in dieser Wildnis und Einsamkeit, konnten viele Tier- und Pflanzenarten überleben, die woanders keinen Lebensraum mehr fanden. Mindestens 1.200 Arten, die im Grünen Band leben, gelten als gefährdet und stehen somit auf der Roten Liste. Menschen, die am Grünen Band leben, arbeiten und sich engagieren, stehen im Mittelpunkt dieses Buchs. Während meiner 63-tägigen Wanderung im Sommer und Herbst 2019 habe ich über 100 Interviews geführt und daraus Reportagen verfasst. Eine Auswahl dieser Geschichten lesen Sie in »Grenzenlos«. Die Natur kennt keine Grenzen und versucht, sich in jede Richtung auszubreiten. Die Dörfer sind Heimat für Alteingesessene, Zugezogene oder Rückkehrer. Das Grüne Band fasziniert viele Menschen. Die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit und die unaufgeregte Schönheit, die sich oft erst auf den zweiten Blick offenbart, locken und begeistern Naturliebhaber. Das Grüne Band steht aber auch für Erinnerungskultur. Hier standen sich 40 Jahre lang feindliche Armeen aufgerüstet gegenüber. Heu-


te ist es ein Friedensprojekt und ein Mahnmal gegen Krieg, Grenzen und Mauern. Die ehemalige Grenze hat das Leben von Menschen und Familien geprägt. Viele Schicksale wirken weiter. Auch Zugezogene oder Gäste können sich diesen Geschichten nicht entziehen. Die Menschen haben viel zu erzählen und sie haben es verdient, dass man ihnen zuhört. Nur wer weiß, was Menschen bewegt, kann für sie und ihre Lebenssituation Verständnis aufbringen. Ich bin dankbar für die vielen Eindrücke und Begegnungen während meiner Wanderung. Das vielfältige Engagement der Menschen hat mich beeindruckt. Das Grüne Band ist weit weg von Metropolen oder Großstädten. Die Entfernungen zu Schulen, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzten oder öffentlichen Verkehrsmitteln sind groß. Auch das Mobilfunknetz ist oft schlecht. Die Menschen dort halten trotzdem das Leben und die kulturelle Vielfalt in den kleinen Dörfern aufrecht. Als erlebbare Landschaft für Natur, Kultur und Erinnerung kann das Grüne Band wichtige Impulse für einen sanften Tourismus und eine nachhaltige Regionalentwicklung liefern. Das Grüne Band zieht sich nicht nur durch Deutschland, sondern entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs durch ganz Europa. Möge der Streifen Europa in Frieden zusammenhalten und gleichzeitig eine Mahnung sein, dass Grenzen und Mauern unmenschlich sind. Grenzen und Mauern können fallen, und aus einem Todesstreifen kann sich eine Lebenslinie entfalten, wenn Menschen daran glauben und mutig dafür einstehen.


Zwischen Lauenstein und Lichtenhain

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Waldcamp mit Grenzgeschichte Eine Gruppe Jugendlicher hantiert mit Sägen und Scheren im Wald am Grünen Band zwischen Lauenstein und Lichtenhain. »Wir arbeiten hier«, erklärt eine Siebtklässlerin des Gymnasiums Fridericianum Rudolstadt in Thüringen. »Wir kümmern uns um das Grüne Band«, erklärt eine andere Schülerin. »Wo Heide wächst, sollen die Bäume weg.« »Dieses Waldcamp gibt es seit 20 Jahren«, berichtet Kerstin Heinke, stellvertretende Schulleiterin und Campleiterin. »Jedes Jahr in der vorletzten Schulwoche fahren 50 Mädchen und Jungs der 6. bis 9. Klassen für sechs Tage an das Grüne Band. Freiwillig«, betont die Pädagogin. »Wir verfolgen mehrere Ziele mit dem Camp: Waldpädagogik, Nachhaltigkeit, Natur erleben und Geschichte.« Sie gibt zu, dass am Anfang Wald und Forst im Vordergrund standen. Es habe im Jahr 2000 einen Aufruf des Forstamts gegeben, ob Schulen sich an einer Aufforstaktion nach Sturmschäden beteiligen könnten. »Nur unsere Schule hat


sich gemeldet und Bäume gepflanzt. Das war der Anfang des Camps.« Mittlerweile gehört die ehemalige Grenze und deren Geschichte fest zu den pädagogischen Inhalten des Camps. »Wir laden abends regelmäßig Zeitzeugen zu Vorträgen ein.« Zurück bei der »Waldarbeitergruppe«: Einige Schülerinnen fertigen mithilfe eines Bündelbocks Bündel aus Reisig und feinem Geäst. Ein paar Jungs üben sich etwas lustlos am Bau eines Unterstands. »Sie beschweren sich, dass sie kein Netz haben«, kommentieren die Mädchen die schlechte Laune. Dietmar König, Mitarbeiter des Forstamts Saalfeld, unterstützt den Workshop und erläutert: »Wir wollen den Kindern Inhalte über den Wald vermitteln. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf Forstschutz.« So hätten die Kinder Forstschädlinge kennengelernt, kranke Bäume identifiziert und gefällt. Jetzt gehe es darum, das Kleinholz zu nutzen, wie man es früher auch gemacht habe. »Köhler bauten sich zum Beispiel im Wald Unterstände aus vorhandenen Materialien. Reisigbündel wurden zum Anschüren von Öfen benutzt.« Die Mädchen zeigen, wie man sie noch nutzen kann: Sie legen ein paar Bündel nebeneinander. Damit es nicht so pikst, bedecken sie sie mit frischem Grün, und fertig ist die Naturbank. »Ich bin zum dritten Mal dabei«, schwärmt ein Mädchen. »Es ist schön, mal wieder richtig in der Natur zu sein.« In einer anderen AG beschäftigen sich die Jugendlichen mit Naturkunst. »Wir haben heute Morgen verschiedene Sorten Erde gesucht und zu unterschiedlichen Farben angerührt«, erklären die Schüler. Entstanden ist eine kleine Ausstellung von Gemälden und ein Memory-Spiel mit Blütenmotiven und Symbolen in verschiedenen Erdtönen. Während die Schüler und Schülerinnen noch in ihren AGs sind, köchelt das Essen im großen Kessel, der mit Holz befeuert wird. »Wir haben sonst immer über offenem Feuer gekocht, aber aufgrund der Waldbrandgefahr ist das in diesem Jahr verboten«, so Heinke. Sie führt die Aufsicht über das Essen, bekommt aber tatkräftige Unterstützung von Eltern, Lehrkräften und Referendaren, ohne deren freiwilligen Einsatz das Camp nicht möglich wäre. »Alle sind in die Hygieneregeln eingewiesen, auch alle Schüler«, betont sie. Es gebe zwar nur eine Toilette, aber genügend Wasser zum Händewaschen. Der Speiseplan klingt nicht nach Campküche. An einem Abend gibt es Rehgulasch, Rot-


kohl und Thüringer Klöße. »Das Reh organisiert das Forstamt, aber die Schüler helfen beim Abziehen des Fells und beim Zerlegen des Tiers.« Vor ein paar Jahren wurde ein kleiner Backofen gemauert, sodass jetzt Brote, Kuchen oder Pizza gebacken werden können. Nachmittags ist Baden im nahegelegenen Weiher angesagt und abends gibt es öfters einen Film auf einer großen Leinwand zwischen Bäumen. »Es ist toll, dass wir hier alle aus verschiedenen Klassen zusammen sind und viel gemeinsam machen«, lautet das Fazit eines Mädchens.


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Görsdorf

Als Hippie in der DDR Auf einem Holztisch direkt am Kolonnenweg und in Sichtweite der Reste der Görsdorfer Mauer im Landkreis Sonneberg öffnet Horst Müller einen vollen Aktenordner. Es sind die kompletten Kopien seiner Stasiakte, die er vor einigen Jahren in Suhl eingesehen hat. »Ich habe lange überlegt, ob ich das machen sollte. Die Vorstellung, dass einer meiner Kumpels, mit denen ich meine Jugend verbracht habe, ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi gewesen sein könnte, hätte ich schwer ertragen«, erklärt er seine Bedenken. Zum Glück war das nicht der Fall. Horst Müller, Jahrgang 1949, lebte 27 Jahre im Sperrgebiet in Görsdorf in Thüringen, etwa 300 Meter von der innerdeutschen Grenze


entfernt. Somit lag Görsdorf gleichzeitig im Sperrgebiet und im 500 Meter breiten Schutzstreifen. 1981 wurde eine etwa 3,5 Meter hohe Betonmauer, die vor allem als Sichtblende dienen sollte, gebaut – die Görsdorfer Mauer. Von seiner Kindheit erzählt er nicht viel: »Uns ging es als Kinder in der DDR nicht schlecht.« Der tägliche Schulweg zu Fuß ins zwei Kilometer entfernte Truckendorf war eher Abenteuer als Last. »Wir waren unter ständiger Beobachtung der DDR-Grenztruppen und in Sichtweite der Amerikaner, die auf westlicher Seite patrouillierten.« Von seiner Jugend erzählt er lebendiger. »Ich hatte lange Haare. Es war die Hippie-Zeit, und da wollten wir doch auch mitmachen.« Er erinnert sich, dass er von der Verwandtschaft bunte Weststoffe bekam und seine Mutter ihm daraus modische Kleidungsstücke nähte. Er genoss das Leben, besuchte regelmäßig Tanzveranstaltungen, trank gerne Alkohol und war in der Schule und in der Ausbildung zum Schmied nicht besonders gewissenhaft. Vielleicht wäre das in einem anderen kleinen DDR-Dorf kaum zur Kenntnis genommen worden, aber die Bewohner im Sperrgebiet standen unter strenger Beobachtung. Den ersten Konflikt mit dem Staat hatte er 1967, als zwei ehemalige Schulkollegen in den Westen fliehen wollten. Sie kannten sich direkt an der Grenze nicht so gut aus und baten ihn um Hilfe. Er sollte das Moped bekommen, das sie zurücklassen wollten. Aber er wollte vor allem den Jugendlichen helfen. »Ich sollte mit in den Westen gehen, aber das wollte ich nicht. Ich hatte doch meine Kumpels hier.« Bevor es losging, wurden die beiden Flüchtlinge erwischt, und die Spur führte auch zu Horst Müller. Es folgten zehn Monate Gefängnis wegen Fluchthilfe. »In die Sperrzone kam keiner ohne Kontrolle rein«, beschreibt er die Situation. »Da gab es einen Schlagbaum und ein Kontrollhäuschen.« Der Schlagbaum wurde nur nach Kontrolle der Papiere geöffnet. Bewohner der Sperrzone hatten einen Eintrag im Pass, andere mussten einen Passierschein vorlegen. Diesen gab es nur für diejenigen, die Verwandtschaft im Sperrbezirk oder beruflich dort zu tun hatten. »Aber nur für zuverlässige Menschen.« Müller erzählt von Fußballern, die plötzlich nicht mehr zu den Spielen durften, da diese im Sperrgebiet stattfanden. »Man durfte auch immer nur in sein eigenes Sperrgebiet und nicht in das benachbarte.«


Müller ging als Jugendlicher viel auf Tanzveranstaltungen, allerdings »mussten wir immer bis elf Uhr zurücksein. Aber da war es doch oft am schönsten.« Er erzählt Geschichten, wie die Jugendlichen versuchten, diese Regel zu umgehen, und freut sich noch heute darüber, dass es manchmal geklappt hat. Bei einem Wirt haben sie die Uhr verstellt, sodass dieser sie nicht aus Pflichtbewusstsein nach Hause schickte.

Reste der Görsdorfer Mauer stehen noch als Mahnmal.

Manchmal schlichen sie sich an den Kontrollpunkten vorbei, manchmal waren die Volkpolizisten gnädig und ließen sie nachts einfach durch. Aber es sei auch vorgekommen, dass die Polizei gerufen wurde und sie verhört habe. Jahrzehnte später liest Müller seine Stasiakte und erfährt, wie genau er tatsächlich beobachtet wurde. Es sind alle Verhörprotokolle zu


seiner »Fluchthilfe« gesammelt. Danach folgen regelmäßige Notizen und Aussagen von IMs: »Er ist in seinem Auftreten prowestlich eingestellt. Besonders stark ist ausgeprägt, dass er sich viel, d. h. nur Westmusik und Westfernsehen anhört und ansieht.« Müller schwärmt: »Creedence Clearwater Revival war meine Lieblingsband. Wir haben viele Tonbandaufnahmen vom Westradio gemacht.« In der Stasiakte heißt es weiter: »Zu seinem charakterlichen Auftreten wäre noch zu sagen, dass er oft trinkt und lange Haare trägt.« Weiter wird erwähnt, dass er häufig mit seinem Moped zum Tanz fährt und die Bekanntschaften mit Mädchen wechselt. »Stimmt«, sagt Müller. »Ich hatte viele Freundinnen.« Später wird in den Akten sogar erwähnt, wann er mit welcher Freundin Schluss gemacht hat. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Stasimitarbeiter auch mit dem damaligen Bürgermeister über Horst Müller sprachen. »Er tritt nach wie vor überheblich und zum Teil auch frech in Erscheinung.« Und auch hier sind wieder die Tanzveranstaltungen außerhalb des Sperrgebiets Thema. »Bei uns war ja nichts los«, kommentiert er heute den Eintrag. In den Gesprächen rund um die Musterung für die NVA (Nationale Volksarmee) ist protokolliert: »Die Grundeinstellung ist negativ. Die Verhältnisse in Westdeutschland werden verherrlicht.« Er wird sogar zitiert: »… wenn wir erst drüben wieder ein Bier trinken.« »Im Grunde ist alles belanglos«, kommentiert Horst Müller die Akte. »Meine Kumpels standen zu mir, aber bei manchen, die über mich ausgesagt haben, habe ich mich schon gewundert.« 1976 verließ er das Sperrgebiet, da er heiratete. Danach benötigte er selbst einen Passierschein, um seine Eltern zu besuchen. »Als Besucher des Sperrgebiets durfte man nur auf kürzestem Weg zu seinen Verwandten und zurück. Aber ich kannte mich ja hier gut aus und ging als Besucher trotzdem regelmäßig in die Pilze.«


Geisa

Wo der Kalte Krieg besonders heiß war Ein unscheinbarer, etwa zwölf Meter hoher Beobachtungsturm aus Beton auf hessischem Gebiet unmittelbar an der ehemaligen DDR-Grenze ist heute das Symbol für den einst »heißesten Punkt des Kalten Krieges« zwischen Nato und Warschauer Pakt. Point Alpha war einer von vier Beobachtungsstützpunkten der US-Amerikaner an der innerdeutschen Grenze. Heute ist es ein friedlicher, schöner Ort mit Rundumblick auf die Kuppen der Rhön in Thüringen und Hessen. Selbst die Segmente an historischen DDR-Grenzzäunen haben ihre Bedrohlichkeit verloren. »Aber wenn wir mit den Menschen ins Gespräch kommen und ihnen die damalige Situation erklären, spüren sie die Konfrontation zwischen den beiden Supermächten. Es bestand immer die Angst, dass hier der Drite Weltkrieg beginnen könnte«, bringt es Christian Curschmann auf den Punkt. Er ist als Historiker für die pädagogische Arbeit in der Gedenkstätte Point Alpha verantwortlich.

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Point Alpha oberhalb der thüringischen Stadt Geisa hatte laut Curschmann von den vier amerikanischen »Observation-Points« an der innerdeutschen Grenze die größte Bedeutung. Im US-Militärjargon sprach man vom »Fulda Gap«. Man befürchtete, dass im Falle eines Dritten Weltkrieges Truppen des Warschauer Paktes an dieser Stelle einmarschieren würden, da hier am »Thüringer Balkon«, die DDR weit in den Westen hineinragte. »Es gibt Hinweise, dass es ein wahrscheinliches Szenario gewesen wäre. Bis nach Frankfurt und ins Rhein-MainGebiet sind es nur rund 80 Kilometer«, unterstreicht der Historiker. »Wir haben jährlich zwischen 70.000 und 80.000 Besucher«, so Curschmann. Eine große Zielgruppe sind Schulklassen ab der 9. Klasse, aber auch internationale Jugendgruppen. »Manchmal haben wir auch jüngere Besucher, zum Beispiel waren heute Kinder hier, die uns im Rahmen eines Feriencamps besuchten.« Curschmann wählt für diese Zielgruppe gern als Einstieg die Ausstellung »Vom Todesstreifen zur Lebenslinie« über seltene Tier- und Pflanzenarten im Grünen Band. »Wir liegen direkt im Grünen Band, deshalb wird das auch bei uns thematisiert. Und über den Lebensraum der Wildkatze kommen wir dann zur ehemaligen Grenze«, erläutert der Pädagoge. Curschmann ist überzeugt, dass bei den Kindern ganz viel hängenbleibt. »Und das schlichte Kreuz aus Birkenholz, mit dem an alle Opfer durch Flucht und durch die deutsche Teilung gedacht wird, kann man Kindern auch gut erklären.« Die Gedenkstätte Point Alpha, die von einer Stiftung betrieben wird, bietet viele Spezialführungen rund um das Thema DDR-Grenze und den amerikanischen Beobachtungsstützpunkt an. Immer wieder gibt es gesonderte Programme für Jugendliche aus Hessen und Thüringen, die gemeinsam an einem Thema arbeiten. Großes Interesse gibt es laut Curschmann bei Südkoreanern. »Nächste Woche kommen 100 Jugendliche aus Korea, die für ein Wochenende in der Gedenkstätte forschen.« Auch bei Gruppen, die im Rahmen von Schüleraustauschen nach Deutschland kommen, sei Point Alpha sehr beliebt. Der Historiker wünscht sich, dass Jugendliche nicht nur eine reguläre Führung über das Gelände machen, sondern sich mehr Zeit für die Gedenkstätte nehmen würden. »Wir bieten Workshops an, in denen Schüler selbst Inhalte erarbeiten können. Umfangreiches Material zur Recherche stellen wir dann zur Verfügung.«


Das US-Camp wurde nach der Wende als Asylbewerberunterkunft genutzt. Diesem Umstand ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass es nicht sofort abgerissen wurde. Aufgrund des großen Engagements von Bürgern und Institutionen aus Thüringen und Hessen entstand eine eindrucksvolle Mahn-, Gedenk-, Begegnungs- und Bildungsstätte. Das Gelände zieht sich entlang der Grenze auf über zwei Kilometer hin. »Der Weg der Hoffnung« entlang des Kolonnenweges auf dem ehemaligen Todesstreifen zeigt 14 riesige Kunstwerke, die an den christlichen Kreuzweg erinnern. Dann kommt das blaue »Haus auf der Grenze« mit einem Museum der deutschen Nachkriegsgeschichte. »Der Kolonnenweg geht mitten durch das Gebäude«, erläutert Curschmann den symbolischen Ort. Auf der anderen Seite geht der ehemalige Patrouillenweg der DDR-Grenztruppen weiter und zeigt exemplarisch die DDR-Grenzanlagen im Wandel der Zeit. Direkt dahinter befindet sich der ehemalige Observation-Point der Amerikaner, der über 35 Jahre lang Tag und Nacht besetzt war. In den Baracken des ehemaligen Mi- Point Alpha war einer der vier Beobachlitärcamps wird in Ausstellungen tungspunkte der Amerikaner an der innerüber das Leben der US-Soldaten deutschen Grenze. in Deutschland und deren Auftrag speziell an der ehemaligen Grenze informiert. In einer Vitrine ist ein amerikanisches Spiel namens »Fulda Gap« ausgestellt. »Dieses Strategiespiel gab es zunächst in der Brettversion und später als Computerspiel«, erzählt Curschmann. »Fulda Gap war in Militärkreisen ein stehender Begriff. Und die Geschichte dazu kann man hier nacherleben.«


Besenhausen

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Frauenpower auf dem Rittergut Es ist eine fantastische Symbiose: In der ehemaligen Zuckerfabrik auf dem niedersächsischen Rittergut Besenhausen in der Nähe des Dreiländerecks Thüringen-Niedersachsen-Hessen duftet es verführerisch nach Kaffee und selbstgebackenen Kuchen, während an hölzernen Webstühlen gearbeitet wird. Hier entstehen flauschige Wolldecken in unterschiedlichen Farbkombinationen und Mustern, die dem Café eine heimelige Atmosphäre verleihen. Vier Frauen haben hier das Sagen. Vor weniger als einem Jahr machte sich Inge Gräser mit dem Café selbständig, während Galina Schäfer, Kerstin Bermond und Martina Fenner-Fellmann für die Weberei zuständig sind. Beide Betriebe haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich, und alle Frauen verfügen über langjährige Erfahrung in ihrem jeweiligen Bereich. Die Handweberei wurde 1992 als sozialer Betrieb in Trägerschaft eines gemeinnützigen Vereins gegründet, erzählt Fenner-Fellmann, seit Ende der 90er Jahre mit Unterbrechung als Webermeisterin in der We-


berei tätig. Ziel war es, behinderte und anders benachteiligte Frauen durch handwerkliche Arbeit in der Weberei zu unterstützen. »Teilweise arbeiteten hier 28 Frauen«, schwärmt Fenner-Fellmann. Viele Frauen absolvierten eine Ausbildung und entwickelten Zukunftsperspektiven. Eine von ihnen ist Galina Schäfer. Sie stammt aus Russland und absolvierte 2001 ein Praktikum in der Weberei, machte danach eine Ausbildung und arbeitet seitdem ununterbrochen als Gesellin in dem Betrieb. Für Fenner-Fellmann ist ihre Kollegin ein Beispiel, wie nachhaltig die Arbeit des sozialen Betriebs war. Der Verein hatte jedoch in den letzten Jahren zunehmend finanzielle Probleme, da die Zuschüsse weniger wurden und soziale Arbeit sich veränderte. Ende 2018 musste der Verein seine Arbeit beenden. »Es war eine traurige Zeit«, blickt Kerstin Bermond zurück. »Wir haben uns quasi selbst abgewickelt, die Webstühle verkauft und die letzten Sachen ausgeräumt.« Als »Nacht- und Nebelaktion« beschreibt Bermond die Gründung des neuen Betriebs im November 2018. »Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es das Café und die Handweberei nicht mehr gibt. Also gründeten wir die zwei Betriebe. Wir lernen gerade laufen und eignen uns alles an, was zur Betriebsführung dazugehört«, beschreibt sie die Situation nach einem knappen Jahr Selbstständigkeit. Die drei Weberinnen sind von ihrem Produkt überzeugt, und das gibt ihnen Mut für die Zukunft. »Unsere Wolldecken sind ein perfekt ausgereiftes Produkt, in dem viel Entwicklungsarbeit steckt. Gestalterisch gibt es keine Grenzen.« Inge Gräser hat als gelernte Hauswirtschafterin Jahrzehnte auf dem Gut im Haushalt der Besitzerfamilie gearbeitet. Das Café startete im Jahr 2000 parallel zu einem Expo-Projekt, das auf dem Rittergut angesiedelt war. »2004 bin ich in den Cafébetrieb eingestiegen, 2016 fand das Café beim Verein der Handweberei eine neue Heimat«, fasst Gräser die Geschichte zusammen. So musste das Café 2018 ebenfalls schließen. »Ich backe viel zu gerne Kuchen«, so Gräser. »Uns liegt das Handwerk und das Weben so sehr am Herzen«, beschreiben die Frauen ihre Motivation. Während Gräser sich nicht über mangelnde Cafégäste und Tortenaufträge beschweren kann, sind die Weberinnen noch auf der Suche nach Vermarktungsmöglichkeiten. »Wir gehen auf Kunsthandwerker-


märkte und wir planen, in der Weihnachtszeit einen Laden in Göttingen zu mieten, um dort unsere einzigartigen Wolldecken zu verkaufen«, erklärt die Meisterin. Sie möchten aber auch Menschen an den Standort, also in die Weberei locken. »Denn hier können wir erklären und zeigen, was wir machen.« In der Handweberei kann man nicht nur seine individuelle Kuscheldecke nach eigenen Wünschen anfertigen lassen, sondern sich seine Decke sogar selbst weben. »Das dauert etwa zwei Tage und ist ein besonderes Erlebnis«, so Bermond. »Das ist wie Meditation«, ergänzt Fenner-Fellmann. Die Weberei hat auch am Wochenende geöffnet, wenn die meisten Cafégäste kommen. »Wir erklären den Menschen, dass unsere Wolle von einer speziellen Schafras- Inge Gräser managt das Café auf dem Rittergut. se aus Finnland stammt. Gesponnen wird die Wolle ohne chemische Zusätze ebenfalls in Finnland. Wir färben die Wolle nach eigenen Rezepten in der eigenen Färberei hinter der Werkstatt.« Im Café, das direkt in die Weberei übergeht, sind viele verschiedene Decken ausgestellt. Ein Regal mit Wolle in den unterschiedlichsten Farbtönen zeigt die unendlichen Möglichkeiten der Gestaltung. Die Frauen sind optimistisch: Im Moment lagert die Abteilung Zoologie der Uni Göttingen im oberen Stockwerk, das früher zur Handweberei gehörte, Ausstellungstücke. »Meine Vision ist es, dass wir in ein paar Jahren die Werkstatt so erweitern, dass wir die Räume wieder selbst nutzen«, wagt Fenner-Fellmann einen Blick in die Zukunft. Im Moment wird aber erst einmal für das Lager produziert, damit im Winter genügend Decken zum Verkauf vorrätig sind.


Dahrendorf

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Weinberge in der Altmark Es ist eine der am dünnsten besiedelten Region Deutschlands, die nächste Autobahn ist etwa eineinhalb Stunden entfernt, und das Dorf liegt in unmittelbarer Nähe zum Grünen Band. Mit diesen Kriterien begründet Amanda Hasenfusz, warum sie 2011 gemeinsam mit ihrem Mann in Dahrendorf im Altmarkkreis Salzwedel ein altes Haus gekauft hat. »Wir leben in einer der dunkelsten Regionen Deutschlands, sodass man die Milchstraße sehen kann«, schwärmt Hasenfusz weiter. »Und der Bahnhof mit guten Anschlüssen nach Magdeburg, Hamburg oder Berlin ist nur sechs Kilometer entfernt.« Amanda Hasenfusz und ihr Mann betreiben eine kleine Herberge. »Diesen Traum hegte jeder von uns schon lange.« Hier konnte er wahr werden. »Das Interesse an der Region ist groß, aber es mangelt an Unterkünften«, so die Kunsthistorikerin. Liebevoll renovierten sie das alte Bauernhaus, errichteten einen modernen Anbau und gestalteten


Gästezimmer und eine Ferienwohnung zum Wohlfühlen. Dann brauchte die Herberge nur noch einen Namen. Inspiriert durch die hügelige Endmoränenlandschaft in der sonst so flachen Altmark legten sie Weinberge an und pflanzten Weinstöcke – nicht für Wein, sondern für Tafeltrauben zum Essen. Der Name war dann schnell gefunden: »Herberge am kleinen Weingarten Dahrendorf«. Das Grüne Band ist für Amanda Hasenfusz nicht nur privat eine Herzensangelegenheit, seit kurzem arbeitet sie als Pressesprecherin der Koordinierungsstelle Grünes Band Sachsen-Anhalt des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz). Das Büro befindet sich in der etwa 25 Kilometer entfernten Kreisstadt Salzwedel. »Die naturschutzfachliche Arbeit im Grünen Band ist bereits sehr gut«, so ihr Urteil, aber die Pressearbeit sei genauso wichtig, um die Entwicklung des Grünen Bandes voranzubringen. Die Koordinierungsstelle in Salzwedel ist für die gesamten 343 Kilometer Grünes Band Sachsen-Anhalt zuständig, das gerade als Nationales Naturmonument ausgewiesen wurde. »Aber hier im Raum Salzwedel konzentrieren sich auf einer Länge von etwa 70 Kilometern die Projektgebiete.« Die Kunsthistorikerin, die aus der südlichen Altmark stammt, will mit ihrer Arbeit etwas bewegen, mit Menschen in Kontakt kommen und netzwerken. »Es gibt so viele Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren. Und das versuche ich medial gut zu begleiten.« Hasenfusz berichtet von einer chinesischen und einer süd-koreanischen Delegation, die in dieser Woche schon in Salzwedel waren. »Die interessieren sich sowohl für die Grenzgeschichte als auch für das Naturschutzprojekt.« Die PR-Frau sieht im Grünen Band eine Riesenchance für den Landkreis. Sie ist der Auffassung, dass der Altmarkkreis viel mehr aus dem Thema machen könnte. Aber die Altmark hat nach außen oft ein negatives Bild. »Damit kann man schwer Menschen motivieren, hierherzukommen oder sogar hierherzuziehen.« Mit Blick auf das benachbarte Wendland in Niedersachsen wünscht sie sich, dass sich die Bewohner der Altmark öffnen und kooperativer werden. Mit ihrer Auffassung »Wir müssen über Landkreis- und Ländergrenzen hinweg kooperieren und Visionen entwickeln« hatte sie beim Altmarkkreis, für den sie drei Jahre lang die Pressearbeit gemacht hat, wenig Erfolg. Viele Altmär-


ker hätten immer noch Angst vor Veränderung und der alternativen Kultur im Wendland. »Die Erstarrung geht bis in die Landkreisebene. Das Wendland hat aber im Vergleich zur Altmark Zuzug, Übernachtungsmöglichkeiten und in etlichen kleinen Dörfern sogar Cafés und Restaurants. Dort bemüht man sich auf vielen gesellschaftlichen und politischen Ebenen, einen Weg in die Zukunft zu finden.« Hasenfusz erzählt, dass sie sich am Anfang auch viel im Dorf engagiert hätten und mit Ideen das Dorfleben bereichern wollten. »Das hat leider nicht funktioniert. Wir konnten nichts bewegen, denn auch hier sollte alles so bleiben, wie es ist.« »Jetzt kanalisieren wir unsere Energie auf andere Dinge.« Es kämen viele Gäste, mit denen man sich austauschen könne. Regelmäßig gäbe es öffentliche Veranstaltungen in der Herberge oder auf dem Grundstück. »Es kommen aber in erster Linie Menschen aus den umliegenden Dörfern, die auch zugezogen sind.« In Kooperation mit dem BUND bietet sie mit ihrem Mann geführte Wanderungen am Grünen Band an. Anschließend sind alle zu Kaffee und Kuchen eingeladen. »Da gibt es oft tolle und offene Gespräche. Einmal im Jahr bestellen sie eine mobile Mostpresse, um auf dem Grundstück aus eigenen Äpfeln Saft pressen zu lassen. »Jeder ist eingeladen, mit seinen Äpfeln zu kommen. Es kommen viele Freunde, aber niemand aus Dahrendorf.« Hasenfusz bedauert das, macht aber trotzdem jedes Jahr wieder öffentlich Werbung dafür. Die Kunsthistorikerin gehört auch zu den Organisatorinnen des jährlich stattfindenden Kunstfestivals »Wagen & Winnen – Kunstperlen in der Altmark«. Nach dem Vorbild der »Kulturellen Landpartie« im Wendland beteiligen sich zirka 100 Künstler und Kunsthandwerker, die sich an etwa 30 Orten in und rund um Salzwedel präsentieren. »Alle zwei Jahre bieten wir Künstlern an, unser Grundstück mit ihren Werken zu bespielen.« Hasenfusz zitiert eine Studie, nach der der Landkreis im deutschlandweiten Ranking »ganz unten liegt«. »Es fordert enorme Kräfte, das zu ändern. Nur durch Kooperation und Vernetzung in alle Richtungen kann es besser werden.« Aber sie steht zu der Region. »Wir haben unser kleines Paradies gefunden.«


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Salzwedel / Ziemendorf

Durch die Erinnerungslandschaft in der Altmark Dietmar Wilhelm von der Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt ist zuständig für die stiftungseigenen Flächen im Grünen Band in den Landkreisen Salzwedel und Stendal. Von den rund 4.800 Hektar Grünes Band Sachsen-Anhalt gehören etwa ein Drittel der Stiftung. Der studierte Landwirt sucht regelmäßig das Gespräch mit den Menschen vor Ort. »Ich sitze an meinem Schreibtisch in Magdeburg und bin auf das Wissen, die Netzwerke und die Erfahrungen der Menschen vor Ort angewiesen.« Deshalb sei es für ihn wichtig, diese Menschen kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Er hat sich einen Tag Zeit genommen, um gemeinsam mit Jürgen Starck und Ralph Georgi die etwa 30 Kilometer Grünes Band von Lübbow bei Salzwedel bis zur Wirler Spitze bei Ziemendorf zu erkunden – mit dem Fahrrad auf dem Kolonnenweg. Georgi ist in der Rhön und in der Altmark am Grünen Band engagiert. Starck ist hier zu Hause und kümmert sich seit 2001 in Eigeninitiative, aber in Absprache mit dem Bund für Umweltund Naturschutz (BUND) um das Grüne Band. Er hat rund 50 Kilometer


zu einer Erinnerungslandschaft gestaltet. Überall gibt es kleine Hinweisschilder in einheitlichem Design, damit Menschen nachvollziehen können, wie die Grenze aufgebaut war. Mit Zeitzeugen hat er recherchiert, wo die verschiedenen Beobachtungstürme standen. Sechs der DDR-Grenzsäulen hat er nachbauen und am Originalplatz aufstellen lassen. »Sechs Tote durch Fluchtversuche gab es in dem Bereich, den ich betreue«, berichtet er. Ihre Geschichten hat er anhand von Unterlagen und mithilfe von Zeitzeugen recherchiert und an den betreffenden Orten dokumentiert. Starck hat auch den Blick für das Kleine, scheinbar Nebensächliche: ein Apfelbaum direkt neben dem Kolonnenweg. Er geht davon aus, dass ein Grenzsoldat den Rest eines Apfels weggeworfen hat und der Samen aufging. Die tragische Geschichte eines Dorfs Bewegend auf dieser Tour ist die Geschichte des geschliffenen Orts Jahrsau. 1946 hatte das Rundlingsdorf mit vier großen landwirtschaftlichen Anwesen 39 Einwohner, die sich auf die Bauernfamilien sowie Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien verteilten. Doch der Ort lag zu nah an der Grenze zum Westen im »Jahrsauer Sack«, einer Ausbuchtung der Landesgrenze Sachsen-Anhalts. Eine Familie floh vor der Grenzschließung in den Westen. Ab 1952 wurden die Einwohner des Dorfs, das im 500 Meter-Schutzstreifen lag, zwangsumgesiedelt. 1970 wurden die Gebäude und die Kapelle abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht. Die Glocke der Dorfkapelle läutet heute noch in einem Nachbardorf. Jürgen Starck hat sich intensiv mit dem Dorf befasst. Wir sitzen auf dem Kopfsteinpflaster der ehemaligen Dorfstraße, und Starck zeigt Fotos aus Jahrsau, die vor dem Krieg aufgenommen wurden. Er hat sie von einer Zeitzeugin bekommen, die in Jahrsau lebte. Die Fotos zeigen eine Hochzeitsgesellschaft einer Jahrsauer Familie, große Bauernhäuser, den Dorfplatz und vieles mehr. Ein Gruppenfoto zeigt alle Kinder aus Jahrsau. Starck hat einen kleinen Erinnerungspfad eingerichtet. Ein Trampelpfad im Wald führt zu den ehemaligen Hofstellen. Auf Schildern stehen die Namen der Familien, die in den Häusern wohnten. Überall liegen Relikte, die an die Bewohner erinnern. Auf einer Mauereinfassung, die wahrscheinlich einen Misthaufen begrenzte, legen Besucher ab, was sie im Wald finden: Türschlösser, Stromverteiler, Sensenblatt, Gummistiefelreste, Gläser, Konservendosen, Porzellanscherben.


Bei den Sammelstücken vermischt sich die Geschichte der Jahrsauer mit der Geschichte der Grenzsoldaten. Der Rundgang durch das ehemalige Dorf ist wie ein Gang durch ein Museum, das die Natur sich zurückholt und das direkt mit den Schicksalen der Menschen verbunden ist, für die es einst Heimat ‹ war. Archäologen könnten hier viel entdecken. Wir gehen über den ehemaligen Futtergang eines Stalls. Starck zeigt die Überreste eines Terrazzobodens, der oft in Küche und Flur verlegt wurde. Ein Stuhl aus einem Bauernhaus ist auseinandergefalPicknick mit Spezialitäten aus der Rhön auf der alten Dorfstra- len. Starck richtet ße des verschwundenen Orts Jahrsau. ihn wieder auf. Binnendüne in der Heidelandschaft Ein paar Kilometer weiter, nördlich des Arendsees an der Wirler Spitze, war die Grenze genauso brutal. Aber hier ist etwas entstanden, das einem kleinen Paradies gleicht. Auf den sandigen Böden erstrecken sich ausgedehnte, dichte Kiefernwälder. Das Grüne Band ist hier bis zur Spitze freigehalten und komplett mit Heide bedeckt. Auch im Oktober schimmert das Band noch violett in der Abendsonne. Direkt an der Spitze erhebt sich eine Binnendüne, die während der Eiszeit entstand. »Dieser Abschnitt ist nicht nur eine Augenweide, sondern viele Tier- und Pflanzenarten lieben diese halboffenen Landschaften«, erklärt Dietmar Wilhelm. Die Stiftung besitzt Flächen direkt im Anschluss an die Wirler Spitze. Noch sind sie dicht von Kiefern bewachsen, die sich vor 30 Jahren nach der Grenzöffnung angesiedelt haben. »Diese Kiefern werden in den nächsten Wochen gefällt«, so Wilhelm. Danach wird sich wieder das Heidekraut breitflächig etablieren. »Dieser Strei-


fen mit einer Länge von etwa einem Kilometer wird sich von einem Kiefernwald mit geringer Artenvielfalt zu einem Areal mit hoher Artenvielfalt entwickeln. Es werden sich unter anderem wärmeliebende Tiere ansiedeln«, so seine Prognose. Dazu gehören Schlingnatter, Zauneidechse, Libellen, Ziegenmelker, Heidelerche und viele heimische Singvögel, die den Wechsel von offenen Flächen und Wald mögen. Wilhelm räumt ein, dass die Flächen in Zukunft auch gepflegt werden müssen, damit sich die Kiefer nicht wieder durchsetzt. Starck denkt darüber nach, sie mit Schülergruppen oder mit Ehrenamtlichen sauber zu halten. Hier ist wieder die Zusammenarbeit zwischen Stiftung und den Netzwerken vor Ort wichtig.

Jürgen Starck aus der Altmark, Ralph Georgi aus der Rhön, Dietmar Wilhelm aus Magdeburg und Autorin Beatrix Flatt (von rechts) in der Altmark.

Aus dem Engagement von Starck in der Altmark und Georgi in der Rhön entstand eine Privatinitiative. »Wir wollen so viel bewegen, gelten aber immer als Exoten, da wir in keine Strukturen passen«, erklärt Georgi. Jeder ist in seiner Region am Grünen Band unterwegs. Doch dazwischen sind noch ein paar hundert Kilometer. Sie hoffen, dass es dort ähnliche Initiativen gibt und sie sich vernetzen können.


Priwall

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Grenzenlose Weite am Ostseestrand Nach 1.400 Kilometern grenzenlosem Wandern vom Dreiländereck Sachsen-Bayern-Tschechien bin ich am 8. November 2019 auf dem Priwall an der Ostsee angekommen. Ich bin in 63 Tagesetappen durch neun Bundesländer gelaufen, habe weit über 100 Interviews mit Menschen rund um die ehemalige Grenze geführt. Ich habe das Grüne Band als wilde Naturlandschaft – manchmal mit Weg, manchmal ohne Weg – und als Erinnerungslandschaft erkundet. Direkt am Ostseestrand auf dem Priwall, dort wo die innerdeutsche Grenze den scheinbar grenzenlosen Strand teilte, empfingen mich mein Mann Lorenz sowie die »Grenzgänger« Ilka und Ralph Georgi mit Sekt, Blumen, Kuchenkranz und einem wunderschönen Sonnenuntergang. Das Wasser war sehr kalt und die Erfrischung kurz. Danke an alle Menschen, die mir ihre Geschichten erzählt und ihre Herzen geöffnet haben. Jede dieser vielfältigen Begegnungen hat mich berührt. Ich bewundere, wie sich Menschen für ihre Region, ihre Heimat oder ihre Sache einsetzen – niemals egoistisch, sondern immer angetrieben von dem Willen, etwas zum Wohle anderer zu gestalten.


BEATRIX FLATT lebt als freie Journalistin seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Helmstedt, direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem sogenannten Eisernen Vorhang zwischen Ost und West. Als Fränkin, die lange in München gelebt hat, gehörte die Grenzsituation nicht zu ihrem Alltag. Umso spannender waren die zahlreichen Ausflüge und Erkundungstouren in die neuen Bundesländer in den 90er Jahren, die zum Wochenendprogramm gehörten. Zu Fuß und mit dem Fahrrad war sie immer wieder auf dem Kolonnenweg rund um Helmstedt unterwegs. Oft kam die Sehnsucht, den Weg doch weiterzugehen. Geht er denn tatsächlich bis zur tschechischen Grenze und bis zur Ostsee? Wer lebt an diesem Grünen Band? Gibt es die Grenze noch? Was bewegt die Menschen? Wie gestalten sie ihr Leben? Was bedeutet es, dass sich das Grüne Band 30 Jahre nach Grenzöffnung vom Todesstreifen zur Lebenslinie entwickelt hat? Um diesen Fragen nachzugehen, machte sich die Journalistin 30 Jahre nach Grenzöffnung auf, um die 1.400 Kilometer vom Dreiländereck bei Hof bis zum Priwall an der Ostsee in 63 Tagesetappen zu Fuß zu gehen und zu erkunden. Sie führte weit mehr als 100 Interviews mit Menschen, die am Grünen Band leben, arbeiten und sich engagieren.

BILDNACHWEIS | Das Copyright sämtlicher Abbildungen liegt bei den jeweiligen Rechteinhabern: S. 9-12, 14, 65-66, 139-141, 143, 148 Lorenz Flatt | S. 37, 38 Tropenhaus | S. 47 privat | S. 82 Uschi Baumgärtel | S. 84 Hermann Casel | S. 86 Helmut Schmidt | S. 132-135 Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode, Fotografin: Sabine Unterderweide | S. 152 Andreas Cukrowski | S. 153 Matthias Klein | S. 218 Florian Timm | S. 222 Asmus Foto und Video GmbH | Alle anderen: Beatrix Flatt Das Kartenmaterial der Umschlaginnenseiten basiert auf einer Vorarbeit von Lencer.


20,00 EUR (D)

ISBN 978-3-945715-89-5

Profile for Andreas Reiffer

Beatrix Flatt: Grenzenlos. Begegnungen am Grünen Band (Leseprobe)  

Beatrix Flatt: Grenzenlos. Begegnungen am Grünen Band (Leseprobe) Mai 2020, Klappenbroschur mit Fadenheftung, 14,5 x 21,5 cm, mit zahlreich...

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