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20,00 EUR (D)

ISBN 978-3-945715-82-6


Wolfgang Welt

Die PannschĂźppe und andere Geschichten und Literaturkritiken

Herausgegeben von Martin Willems

Leseprobe


Herzlich zu danken ist: Gabriele Wörenkämper geb. Welt, Heinz-Jürgen Welt, Andreas Böttcher, Sabine BrennerWilczek, Eberhard Franken, Walter Hartmann, Rolf Hiby, Thomas Rusch, Peter Wasielewski, Philipp Wente sowie dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. – Wolfgang Welts Nachlass wird im Heinrich-Heine-Institut aufbewahrt.

Wolfgang Welt Die Pannschüppe und andere Geschichten und Literaturkritiken Herausgegeben von Martin Willems Umschlaggestaltung von Marcel Pollex unter Verwendung eines Fotos von Thomas Rusch (Wolfgang Welt auf seiner Mansarde, Mai 1987) Copyright/Bildnachweis für alle nicht weiter gekennzeichneten Abbildungen: Heinrich-Heine-Institut (Nachlass Wolfgang Welt) Gedruckt auf Bilderdruckpapier aus verantwortungsvollen Quellen, FSC® C107574 1. Auflage 2020 © Verlag Andreas Reiffer ISBN 978-3-945715-82-6 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de


Inhaltsverzeichnis Editorische Notiz ......................................................................... 10 Vorwort .......................................................................................... 11 Skandalös spät ............................................................................... 17 Alien ................................................................................................ 19 Lokaltalent. »Schnelles Geld« – Roman aus Bochum .......... 21 Peter Handkes »Langsame Heimkehr« ................................. 25 Flächenbrand. Max von der Grüns neuer Roman ................. 28 Rock Session 3 .............................................................................. 32 Der Ledermann ............................................................................. 34 Cold Farmer .................................................................................. 35 Peter Weiss in Bochum ............................................................... 37 A Day In The Life ....................................................................... 38 Peter Rosei: Das schnelle Glück ............................................... 39 Ahnsberch. Jürgen Lodemanns Erstling in Bochum ............. 40 Der Lenz war da. Begegnung mit einem Schriftsteller .......... 43 Ian McEwan ................................................................................... 47 Werner Streletz. Ein Autor aus dem Ruhrgebiet .................. 49 Günter Herburger: Die Augen der Kämpfer ........................ 51 Thomas Bernhard: Die Billigesser ........................................... 53 Gerd Brantenberg: Die Töchter Egalias ................................ 54 Fischer-Almanach der Literaturkritik 1978/79 ...................... 56 Ist der Ball rund? Neue Sportbücher geben Auskunft ........... 58 Der Weltverbesserer ..................................................................... 60 Makler Walser ................................................................................ 62 Neue und alte Gedichte .............................................................. 64 Fast ein Eigentor ........................................................................... 66 Bukowskis Heimkehr ................................................................... 68 Im tiefen Österreich. »Der Ackermann aus Kärnten«, Josef Winklers zweiter Roman ................................................ 70


Langsame Heimkehr. Zum letzten Roman von Walter E. Richartz ............................................................... 72 Elvis und der Zehnkampf. Silvio Blatters »Love Me Tender« .................................................................... 75 Wo der Spucknapf regiert. Zum vierten Teil von Thomas Bernhards Autobiografie .............................................. 77 Seminararbeit ................................................................................ 79 Tintenfässer ................................................................................... 97 Amos Tutuola: My Life In The Bush Of Ghosts ................ 99 Bochum ist überall ...................................................................... 101 Bochum (Zeche Prinz Regent) ................................................ 105 Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe ....................................... 108 Irrtum Ruhrgebiet. Zum Thema »Ruhrgebiet« sprach MARABO-Mitarbeiter Wolfgang Welt mit dem Dortmunder Schriftsteller Wolfgang Körner ........................ 138 Bomp! ............................................................................................ 143 Kalter Bauer in Bochum ........................................................... 144 Einmal Tchibo und zurück ...................................................... 151 Neue Popliteratur. Was wäre das Lesen ohne Musik ........ 157 Happiness Is A Warm Colt Combat Commander ............ 162 Natürlich nicht normal ............................................................. 171 Unsere kleine Stadt. Michael Schulte enthüllt die Geheimnisse von »Bisbee, Arizona« .................................... 174 Norwegian Wood. In seinem Roman »Yesterday« schildert Lars Saabye Christensen eine Jugend im Zeichen der Beatles .................................................................... 178 Der Tele-Fick. Eine Andeutung .............................................. 181 Das dritte Ei. Sieben Sekunden, die uns mehr bewegten als der Mord an J. F. Kennedy ................................................ 185 Herbert Grönemeyer lebt hier nicht mehr. Das Ruhrgebiet ist auch nicht mehr, was es einmal war (Ein Blues in zwölf Takten) ..................................................... 192 Tribute to Eddie Cochran ....................................................... 197


Geben Sie mir den Peter-Weiss-Preis, Frau Dr. Canaris! Eine Petition ............................................................................... 201 Kein zurück ................................................................................. 203 Abschied von der Trümmerfrau ............................................. 221 Das Bermudadreieck ist eine Fata Morgana. Ein Streifzug ... 226 Außer mir ..................................................................................... 229 Nachtsicht. Endspielerlebnis auf den Schienensträngen und Fernsehfußball mit Mephistopheles ............................ 232 Fußballerlebnisse an der Ruhrgebiets-Bierfront. Im Three Sixty nimmt keiner Notiz, im Haus Schulte interessiert nur die Pannschüppe ........................................... 234 Wo ist die Avantgarde? Ob Fußball, ob Dichterschaft: Um den hiesigen Nachwuchs ist es schlecht bestellt ......... 236 Es reichte zur Mystifizierung .................................................. 238 Der tote Punkt ........................................................................... 240 Der Spind. Die Dinge des Lebens ......................................... 242 Kein Geld und keine Frau. Ein missglückter Tag .............. 245 Dank von Willy Hagara. Ein geglückter Tag ...................... 247 Tod in London ........................................................................... 250 Letzter Ausweg Amsterdam ................................................... 253 Der Roman als Explosion ....................................................... 256 Pott ohne Pütt ............................................................................ 258 Ich bin a stiller Zecher ............................................................. 260 Die Spielzeit 1976/77 ............................................................... 263 Der lange Weg von der Wilhelmshöhe zum Schauspielhaus ............................................................................ 267 Ich wäre gerne ein Star geworden, schon in den achtziger Jahren .......................................................................... 277 Mehr Majoran. Weihnachten vor fünfzig Jahren ............... 281 Mutters letzte Weihnacht ........................................................ 283 Die Pannschüppe ....................................................................... 286 Der Ulysses in mir. Wie ich das eine Buch nie lesen brauchte, weil die, die ich schrieb, doch besser waren ........ 291


Schnapsidee ................................................................................. 293 Die Widmung ............................................................................. 295 Haldol 99 .................................................................................... 296 Das Verschwinden der Pilsnarren von der Wilhelmshöhe ... 298 Langendreer-Dorf ...................................................................... 300 An der Baumgrenze ................................................................... 303 Von Moni und Udo zur Pannschüppe ................................... 321 Die Pannschüppe (Romanfragment) ..................................... 322 Herantasten an den ersten Roman (1981–1983) Summertime Blues ..................................................................... 368 WoW! ........................................................................................... 372 Das Porzellan im Elefantenladen ............................................ 374 Ich weiß gar nicht, ob ich heute schreiben darf ................... 384 Vier O-Töne »Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe« (Auszug) ............. 387 »Herbert Grönemeyer lebt hier nicht mehr« (Auszug) ... 388 »Abschied von der Trümmerfrau« (Auszug) ....................... 389 Über Hermann Hesses »Steppenwolf« ................................ 390 Textnachweise .............................................................................. 391 Über Wolfgang Welt und Martin Willems ........................ 396


Editorische Notiz Das Gros der vorliegenden Textsammlung erschien 2012 in dem seit längerem vergriffenen Band »Ich schrieb mich verrückt«. Für diese Ausgabe wurde sie durchgesehen, geringfügig vereinheitlicht und korrigiert, um neue Funde (»Skandalös spät«, »Natürlich nicht normal«, »Pott ohne Pütt«) sowie nach Drucklegung Veröffentlichtes (»Mehr Majoran«, »Mutters letzte Weihnacht«, »Die Pannschüppe«, »Der Ulysses in mir«, »Schnapsidee«, »Die Widmung«, »Haldol 99«, »Das Verschwinden der Pilsnarren von der Wilhelmshöhe«, »Langendreer-Dorf«, »An der Baumgrenze«) ergänzt. Darüber hinaus fanden »Von Moni und Udo zur Pannschüppe«, das posthum publizierte (ebenfalls vergriffene) Fragment »Die Pannschüppe«, nicht zu verwechseln mit oben genannter Erzählung, und vier bislang unveröffentlichte Romanvorstufen aus den Jahren 1981–1983 Eingang; auch hier wurden offensichtliche Rechtschreibfehler stillschweigend verbessert. Vereinzelte Auslassungen – (…) – gehen auf unleserliche beziehungsweise nicht eindeutig nachzuvollziehende Stellen im jeweiligen Typoskript zurück. Zwei Weglassungen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht. Die chronologisch angeordneten Texte folgen der neuen Rechtschreibung. Im Vorwort ist die weibliche der männlichen Form gleichgestellt; lediglich der Vereinfachung wegen wurde die männliche Form gewählt.


Vorwort Als Kind, teilt Wolfgang Welt im Romanfragment »Die Pannschüppe« mit, sei er regelrecht »lesefaul« gewesen; »kein ›Robinson Crusoe‹, keine ›Schatzinsel‹, auch kein ›Moby-Dick‹«: »Die Schule brachte uns nicht die Liebe zu Büchern bei.« Generell haben die Menschen in Bochum-Langendreer, wo Welt am 31. Dezember 1952 geboren wird, wenig Affinität zur Literatur. Alltag und Gespräche sind von Arbeit dominiert, Bochum zählt 150.000 Werktätige, 40.000 Bergleute, siebzig Schachtanlagen. Lesezirkel, die leihweise Illustrierte ins Haus liefern, erfreuen sich dagegen großer Beliebtheit. Auch Welt blättert eifrig, vor allem, wenn Hitlisten zu finden sein könnten. Als Zwölfjähriger beginnt er, den Spiegel zu lesen, ebenso »Baal«, was eine Erektion, aber noch kein literarisches Erweckungserlebnis auslöst. Was Brechts Drama nicht vermag, schafft Peter Handkes »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«. Es folgt Kafkas »Verwandlung«, Hesses »Steppenwolf« … dann fasst Welt einen Entschluss: Er will Schriftsteller werden. Doch worüber schreiben? Zunächst nimmt er ein Englisch- und Geschichtsstudium auf. Gut möglich, dass Welt in der Cafeteria, welche er weitaus häufiger als Seminare frequentiert, auf Handkes »Einladung, Hermann Lenz zu lesen« stößt, die Ende 1973 in der Süddeutschen Zeitung erscheint. Lenz, der sich »nebendraußen« verortet, macht die eigene Biografie zum Erzählgegenstand, ein Schreibansatz, der Welt außerordentlich anspricht. Wie ein Besessener sammelt er Texte des deutlich älteren Autors, schickt ihm, nachdem er den dritten Band der Romanreihe »Vergangene Gegenwart«, »Neue Zeit«, gelesen hat, einen Brief:


»Ich selbst fühle mich in der jetzt bestehenden ›Neuen Zeit‹ ebenso unwohl wie Sie damals. Zwar komme auch ich fast mit jedem klar, doch ist zwischen mir und den anderen eine Distanz, die mir oft unerklärlich ist. Vielleicht dieses Unterschieds wegen werde ich im September nach London ziehen, um dort zu arbeiten und mal etwas zu erleben. (…) Ich werde im größten Buchladen der Welt, Foyles, beschäftigt sein«. Der Job gerät zum Fiasko: »Man steckte mich in die medizinische Abteilung, obwohl ich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Ich stand hinterm Tresen unten im Kellergeschoss, und dauernd kamen irgendwelche Gelehrte aus aller Herren Länder an, um nach ganz speziellen Büchern über irgendeinen bestimmten Knochen zu fragen, oder um das Standardwerk über Vestibularisbefunde bei der plötzlichen einseitigen Innenohrhörstörung zu erwerben, während ich nur den Standort des Bestsellers der Abteilung kannte: ›The Joy Of Sex‹.« So verprasst Welt das Geld, das er vor dem Trip auf einem Bierwagen verdient hat und liest alles, was ihm in die Hände fällt. Neben Lenz und Handke, Malcolm Lowry, »Stolz« von Paul Nizon, Ken Keseys »Einer flog über das Kuckucksnest«, William S. Burroughs: »Die letzten Worte von Dutch Schultz«, Vladimir Nabokov – seine Zukunftspläne manifestieren sich. Obendrein begegnet er einem Dichter, der während des Schreibens weiße Handschuhe trägt: Erich Fried. Die Wohnung des österreichischen Lyrikers, dem Welt eine Reihe Gedichte vorlegt, ist »überlaufen«, »eine Art Madame Tussauds für alle möglichen Leute, die sich für links hielten«. Zurück in Bochum, meldet sich Welt dennoch umgehend: »Ich selbst leide noch an einer Art Kater (…), an Anpassungsschwierigkeiten, die jetzt noch schlimmer sind, als sie ohnehin schon vor meinem sechswöchigen Aufenthalt in England waren. Hier erscheint mir alles eng, und ich brauche sozusagen viel Welt. Die Anonymität, die mich manchmal in


London bedrückte, scheint mir ein besserer Zustand für mich zu sein als dieses Jeder-kennt-jeden-Milieu, das mir hier sehr zu schaffen macht. (…) Falls mein Stück tatsächlich mal aufgeführt wird, lade ich dich und deine liebenswerte Frau zur Uraufführung ein. (…) Offensichtlich bin ich seit geraumer Zeit süchtig nach Literatur, da hilft kein Gegengift. Vor meiner Abreise aus London musste ich sogar noch einen Koffer kaufen, damit ich alle Bücher zurückschaffen konnte.« Wolfgang Welt hat ein Theaterstück geschrieben? Jein. Der Zadek-Assistent und Entdecker Herbert Grönemeyers, Joachim Preen, hatte ihn aufgefordert, den Musical-Plot »Abseits« – einem Fußballprofi wird nach brutalem Foul von Berti Vogts ein Bein amputiert – auszuarbeiten. Dieser wie auch spätere Anläufe, ein Bühnenwerk durchzugestalten, gelangen nicht über das Stadium einer Skizze hinaus. Bevor das Ruhrgebietsmagazin Marabo Welts erste Literaturkritik veröffentlicht, druckt SuS-Aktuell, die Vereinszeitschrift des SuS Wilhelmshöhe, zwei recht verhaltene Beiträge über Mannschaftskameraden. Die Premiere als richtiger Schreiber klingt pointierter: »Wer die Bibel, ›Das Kapital‹ und ›Ulysses‹ schon hat, braucht nur noch ›The Sound Of The City‹.« Mit jedem Artikel, er rezensiert Thomas Bernhard, Charles Bukowski, Hubert Fichte, wachsen Selbstbewusstsein und Prägnanz. Welts Beurteilungen kommen nicht von ungefähr, die Bibliothek auf seiner Mansarde umfasst 2000 Bände. Anlässlich der Beförderung zum Literaturredakteur (Mai 1980) – hauptberuflich ist Welt nun Schallplattenverkäufer – gelingt ihm ein Coup, er trifft Hermann Lenz. Der Porträtierte reagiert begeistert: »Besser als Sie es gemacht haben, kann man’s nicht machen (Ihr Interview mit mir nämlich). Und dass Sie erzählen, wie Sie zu meinen Büchern gekommen sind, das macht Ihren Bericht lebendig: denn Sie schreiben als einer, der beteiligt ist, den die Arbeit des anderen interessiert und der sich mit ihr auseinandersetzt.«


Im März 1981 übernimmt Wolfgang Welt auch das Musikressort des Marabo. Er muss also die Szene zwischen Duisburg und Iserlohn, in der sich über 200 Bands tummeln, beobachten, Neuerscheinungen besprechen, Kontakte zu Plattenfirmen pflegen. Derweil werden in Bochum Forderungen nach einem autonomen Veranstaltungsort laut, Flugblätter kursieren (»Polizeiknüppel stoppen«). Welt verfolgt die Demonstrationen von Anfang an und bemängelt reaktionäre Kulturpolitik. Kontinuierlich ersetzt das Leben das Lesen, was reichlich Material für sein angekündigtes Opus magnum, eine »kollektive Autobiografie über die Wilhelmshöhe in Bochum-Langendreer«, generiert. Quasi nebenbei will er Bücher über Buddy Holly und George Orwell (»1984«) verfassen, Titel aus dem Englischen übersetzen – für Belletristik bleibt (vorerst) keine Zeit. An einem Samstag (12. September 1981) wird Wolfgang Welt zum Schriftsteller. Zwischen 14 und 23:21 Uhr, Beginn und Ende des Schreibprozesses werden explizit festgehalten, entsteht »Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe«. Eine faszinierende Mischung aus automatic writing und Oral History, die er dann auch bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Café der kurz zuvor eröffneten Zeche performt. Eineinhalb überaus ereignisreiche Jahre darauf, es geht in die Top Ten der Musikjournalisten, in die Psychiatrie, hat Welt schließlich sein literarisches Thema gefunden: »Ich werde mein ganzes Leben aufschreiben«. Ein Vorhaben, das er in sechs Romanen sowie zahlreichen Erzählungen (den Authentizitätsgrad beziffert er jeweils auf 99 Prozent) konsequent umsetzt; hier plätschert der Bewusstseinsstrom nicht, er rauscht. Im Gegensatz zu beispielsweise Gerhard Henschel, der für seine autobiografischen Martin-Schlosser-Romane riesige Sammlungsbestände heranzieht, schreibt Wolfgang Welt aus dem Gedächtnis – von bedeutenden wie (vermeintlichen) Miniaturerlebnissen. Es sind dies Wirklichkeitsmitschriften mit


erheblicher Sogwirkung, Sensationen, um Michael Rutschky zu zitieren, des Gewöhnlichen. »Der Tele-Fick«, »Kein zurück«, »Außer mir« oder »Der tote Punkt« vergegenwärtigen ungemein plastisch Vorboten und Auswirkungen seiner schizophrenen Psychose – Schreiben ist für Welt gleichermaßen Rettungsanker und Katalysator. Wiederholt beschäftigen ihn die Wechselbeziehungen von Popmusik und Literatur. Ob Wissenschaftler sein Werk der Popliteratur zuordnen, kümmert ihn nicht. 1964, vier Jahre, bevor Rolf Dieter Brinkmann mit »Keiner weiß mehr« den ersten genuin entwickelten deutschen Pop-Roman publiziert, prägt der Schriftsteller H. C. Artmann den Begriff »Popliteratur«. Mitte der neunziger Jahre startet eine zweite Pop-Phase: Autoren wie Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre werden (so scheint es) zu Rockstars hochstilisiert. Als Wolfgang Welt reüssiert, spielt Popliteratur eine untergeordnete Rolle. Popsozialisiert, ist es für ihn selbstverständlich, dass Musik, aber auch Nachtleben, Sex, Lifestyle – Sujets jener kaum eindeutig zu definierenden Gattung – in seinen Texten dauerpräsent sind. Die fortwährend aufgestellte These, er sei möglicherweise »Urvater« der zweiten Popliteratur-Generation, kommentiert Welt (in einem Brief an Phillip Goodhand-Tait) mit der ihm eigenen Lakonie: »They think I´m the german Nick Hornby. Do you think, too?« 25 Jahre lang arbeitet Wolfgang Welt als Nachtwächter am Bochumer Schauspielhaus. Während seiner Schicht hört er Oldies, WDR 4 (»Musik zum Träumen«), sieht »Die Tagesschau vor 20 Jahren«, liest, meist deutsche Gegenwartsliteratur. Lob (Wilhelm Genazino, Frank Witzel, Anna Katharina Hahn, Peter Kurzeck) ist selten, »Die kochen auch nur mit Wasser« eine gern gebrauchte Kurzzusammenfassung. Der Umstand, dass Welt sich auf Bochum festgelegt hat, hindert ihn freilich nicht daran, literarisch zu experimentieren;


seine Streifzüge durch Langendreer oder das Ausgehviertel Bermudadreieck erinnern an Guy Debords Dérive-Methode. »Herbert Grönemeyer lebt hier nicht mehr« ist etwa ein Abbild des Niedergangs der Kneipenkultur sowie der allgemeinen Infrastruktur vor Ort. Zunehmend wird Welts Blick melancholischer; bisweilen gewinnt man den Eindruck, er müsse seine Umgebung archivieren, sich ihrer immer wieder versichern. »Die Pannschüppe« – Bezeichnung für eine Kohlenschaufel und abschätziger Spitzname des SuS Wilhelmshöhe – soll seine Kindheit und Jugend, ferner die Jahre als Bierfahrer und linker Außenverteidiger behandeln. Hierfür möchte Welt seinen Schreibstil entschleunigen, im neuen Erzähltempo sind ihm jedoch nur vierzig Manuskriptseiten vergönnt. In einer E-Mail bekennt er: »Jeden Tag, den ich nicht schreibe, habe ich ein schlechtes Gewissen.« Am 19. Juni 2016 stirbt Wolfgang Welt in einem Hagener Krankenhaus. Welt unternimmt erst gar nicht den Versuch, politisch-gesellschaftliche Großereignisse zu analysieren, werkrelevant ist ausschließlich, was ihn direkt beeinflusst. Die Art und Weise, wie er sein Leben – trotz aller (psychischen) Krisen – zu Literatur werden lässt: einmalig. Martin Willems


Foto: Andreas Bรถttcher


Einmal Tchibo und zurück Für Jane Smith Ich war gestern Nachmittag gerade auf dem Weg von meinem Psychiater zu Bochums schönster Apothekerin, um mir von ihr meine Monatsration Lithium abzuholen, als ich an einer Baustelle in der Innenstadt Andreas traf, mit dem ich vor Jahren für einige Monate in einem Schallplattenladen gegenüber vom Hauptbahnhof gearbeitet hatte und dessen Mutter 1959 meine erste Lehrerin gewesen war. »Was macht denn dein Roman? Soll ja der nächste Hammer sein.« »Wer hat das gesagt?« wollte ich wissen. »Einer, der viele Bücher liest – Bertram. Und noch einer, so’n Kleiner. Ich weiß nicht, wie der heißt.« »Diederichsen?« »Nee. Den kenn ich.« »Also, wenn du’s genau wissen willst, Andreas: Am 4. September ist das Dingen fertig.« Er war schon wieder am Gehen, rief mir ein »Dann bin ich ja gespannt« nach und verschwand im Getümmel. Der Roman. Ich habe erst einen Satz, einen Titel und einen Lektor. Den Satz könnt ihr schon mal haben: »Ich würde sie ficken.« Ein gutes Intro, find ich. Mehr will ich aber im Moment noch nicht verraten und geh nach Tchibo. Die Frau hinter der Bar kannte mich und stellte mir ohne Aufforderung einen Kaffee ohne alles hin. Ich steckte mir meine 43. Benson an. Bob Dylan rauchte dieselbe Marke, stand neulich im Rolling Stone. Meine Schwester tauchte auf. Sie holte sich das gleiche Gesöff wie ich. Unsere gesamte Familie ist süchtig nach Tchibo ohne alles. Gabi hatte Auf einen Blick und Die Aktuelle bei. Auch ich bin höchst interessiert an den Vorgängen im Jetset. Stéphanie von Monaco will sich jetzt unbedingt ein Kind von dem jungen Belmondo machen lassen. Vor zwanzig Jahren


wollte ich unbedingt der Gemahl von Prinzessin Anne werden, doch plötzlich erkaltete meine Liebe zu ihr, als ich in der Musik Parade 1966 ein Bild von Nancy Sinatra sah. Sie hatte gerade ihren ersten Hit mit »These Boots Are Made For Walkin’« gelandet. Den Song fand ich auch toll, vor allem wegen Duane Eddys Basslinie, doch nun, als ich sie so in ihren hohen Stiefeln, ihrem kurzen, vielversprechenden Rock, dem nichts verheimlichenden engen Pulli und den langen, blonden Haaren betrachtete, wie sie auf einer Gangway posierte, war ich, dreizehnjährig, erstmals richtig hin. Aber wie das so ist. Ich hatte sie nicht unter Kontrolle. Im darauffolgenden Jahr machte sie mich furchtbar eifersüchtig, als sie mit ihrem Daddy das inzestuöse »Somethin’ Stupid« im Duett sang. Ich wette, dass Ol’ Blue Eyes tatsächlich damals an der dran war. Sie ist auch wahrscheinlich gar nicht seine Tochter. Und war’s nicht Frankieboy, der den Satz geprägt hat: »In Amerika gehört man zur Aristokratie, wenn man den Stammbaum bis zum leiblichen Vater zurückverfolgen kann.« Ich musste mir eine andere ausgucken – auf dem Schulhof: Heidi, die in die Parallelklasse ging. Ich wollte ihretwegen damals katholisch werden, denn es gab noch keine Koedukation, und die einzige Möglichkeit, mit Mädchen eine Schulstunde zu verbringen, war der katholische Religionsunterricht. Doch die Konfirmation stand vor der Tür, und ich dachte an die Verwandtschaft, die sich nicht lumpen lassen würde. Ich entschied mich für den Erwerb von »Revolver« und »Pet Sounds« und »If Music Be The Food Of Love«. Ich habe Heidi nie was von ihrem Glück erzählt, obwohl sie wahrscheinlich von ihm wusste. Wir sind dann später gelegentlich mit ihrem Freund ausgegangen, einem Arno-Schmidt-Fan, der mir immer ganz stolz seine komplette Bargfelder Flöte zeigte. Als die beiden auseinander waren, verkehrte ich mehr mit ihm, einem gelernten Mathematiker, als mit ihr. Heidi und ich besuchten nur noch ein paar Konzerte zusammen. Ich erinnere mich an Lou Reed in Münster und J. J. Cale in Düsseldorf. Vor


gut zwei Jahren war dann endgültig Schluss. Heute ist Heidi nicht mehr in der Kirche, arbeitet als Lehrerin in Pusemuckel und verdreht irgendwelchen Vierzehnjährigen wieder den Kopf. Im Grunde hatte ich sie und ihren schmidtschen Freund auseinanderdividiert. Diese Story fing 1975 an. Ich wollte hier weg und heuerte bei Foyles in London an, dem angeblich größten Buchladen der Welt. Man steckte mich in die medizinische Abteilung, obwohl ich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Ich stand hinterm Tresen unten im Kellergeschoss, und dauernd kamen irgendwelche Gelehrte aus aller Herren Länder an, um nach ganz speziellen Büchern über irgendeinen bestimmten Knochen zu fragen, oder um das Standardwerk über Vestibularisbefunde bei der plötzlichen einseitigen Innenohrhörstörung zu erwerben, während ich nur den Standort des Bestsellers der Abteilung kannte. »The Joy Of Sex«. Ich wohnte damals zur Untermiete bei Mark und Judy in Thornton Heath, kurz vor Croydon. Ich gab ihnen jede Woche neun Pfund für volle Kost, Logis und Familienanschluss. In diesem typischen Suburban-Bau war das Klo sozusagen Teil der Küche, und ich brachte es nie fertig, kacken zu gehen, wenn nebenan, nur durch eine Tür getrennt, Judy einen Yorkshirepudding im Herd hatte. Abends war ich meist in Soho unterwegs, im Marquee, aber auch des Öfteren im Theater. Ich sah Claire Bloom als Blanche in »A Streetcar Named Desire«, ich bewunderte Henry Fonda in dem Einmannstück »Clarence Darrow«, das hier später von Curd Jürgens geboten wurde. Am meisten beeindruckt war ich aber von Ralph Richardson und John Gielgud in Pinters »No Man’s Land«. Vielleicht hat sich aber dieser Theaterabend auch nur so eingeprägt, weil ich in der Pause ein schwedisches Au-pair-Girl kennenlernte. Wir verabredeten uns für den nächsten Abend in einer Folkkneipe am Charing Cross. Aber leider war nach einer Bombendrohung der IRA das halbe West End abgesperrt


worden, und ich hab dieses Kind aus Bullerbü nie mehr gesehen. Ich besuchte damals gelegentlich den ollen Erich Fried in seiner Budicke. Seine Gedichte hatten mich nie besonders interessiert, wohl aber seine Sylvia-Plath-Übertragungen (»Ariel«). Er erzählte mir von deren ehemaligem Mann, dem Lyriker Ted Hughes, dass der nur noch als lady killer in der Branche gehandelt wurde, nachdem auch seine zweite Frau sich aufgeknüpft hatte. Sonst aber wurde ich mit Erich nicht recht warm. Er war damals auch überlaufen, eine Art Madame Tussauds für alle möglichen Leute, die sich für links hielten, eine touristische Attraktion in London. In jenem Spätsommer wollte ich unbedingt Dramatiker werden. Ich hatte auch schon Titel und Plot für ein Stück: »Offside«. (Englische Titel waren in jener Zeit der Wolfgang-Bauer-Magic-Afternoon-Schule im deutschsprachigen Theaterraum sehr beliebt.) Es ging darin um einen Fußballprofi aus armen Verhältnissen, der, kurz vor dem Sprung in die Nationalmannschaft, ein Bein nach einem groben Foul von Berti Vogts verloren hatte. Eigentlich hatte ich aber von vornherein ein Musical geplant, nachdem Joachim Preen vom Bochumer Schauspielhaus, der Regisseur des »Ekel Alfred« und, wichtiger noch, von »John, George, Paul, Ringo and Bert« featuring Herbert Grönemeyer, unverbindlich Interesse an meiner Posse mit Gesang gezeigt hatte. Da traf es sich, dass es mir gelungen war, mich nach New Ash Green/Kent, zu meinem Lieblingssinger-songwriter Phillip Goodhand-Tait einzuladen. Ich erläuterte ihm meinen Plan, und dass ich Musik dafür brauchte, wenigstens ein Titelstück, am besten von ihm. Bei einem Bénédictine versprach er es mir. Am selben Nachmittag bat er mich, einen Song zu übersetzen, den er gerade für Roger Daltrey und Gene Pitney (und sich selbst) geschrieben hatte, »Oceans Away«. Meine Nachdichtung hatte ich in einer knappen Stunde fertig. Phillip setzte sich an sein Harmoni-


um und sang gebrochen meinen Text: »Weck mich nicht auf, wenn ich von dir träume.« Danach holte er, der auch sein eigener Verleger war, ein Vertragsformular aus dem Schreibtisch, und ich unterschrieb meinen ersten Vertrag als Autor. Phillip schickte den ganzen Rotz anschließend zu seinem deutschen Vertreter Ralph Siegel Junior. Ich rechnete schon hoch, was ich an einer Goldenen Schallplatte verdienen würde bei vereinbarten 5% pro verkaufter Single. Natürlich hat nie einer meine Version aufgenommen. Aber wir haben auch keine Sänger wie Roger Daltrey, Gene Pitney oder meinen Freund Phillip Goodhand-Tait. Jedenfalls fühlte ich mich von jenem verregneten Nachmittag an als Künstler. Judy hatte eine siebzehnjährige Schwester, Mary, die mich bei einem Besuch in ihrem Elternhaus bat, ihr beim Deutschlernen zu helfen. Wir lasen »Das Brandopfer« von Albrecht Goes, das ich mal in einer Fernsehfassung mit Hilde Krahl und Benno Sterzenbach gesehen hatte. Ansonsten verliebte ich mich in sie. Leider ging mein Schickermoos alle, und ich musste nach sechs Wochen London, nach der schönsten Zeit meines Lebens, nach Hause. Ein paar Tage nach meiner Rückkehr kam mit der Post eine Kassette von Phillip mit dem versprochenen Titelstück für mein dramatisches Debüt. Wie er schrieb, hatte es ihn drei Tage und drei Nächte gekostet. Es war genauso, wie ich es erhofft hatte. Jemand schießt das entscheidende Tor, das wegen Abseits nicht gegeben wird. Phillip benutzte diese Situation auch als Metapher für eine unerfüllte Liebe. Ich kriegte trotzdem mein Musical nie auf die Reihe und verlor auch Joachim Preen aus den Augen, bis ich im vergangenen Frühjahr in einer kleinen Notiz der FAZ las, dass er sich, noch keine fünfzig, am Bodensee das Leben genommen hatte. Einer, der uns am Fernsehen und hier in Bochum auf dem Theater so viel Spaß bereitet hatte, wurde mit keinem Nachruf gewürdigt. Ein Jahr nach meinem England-Aufenthalt, den ich an der Victoria station mit dem Kauf des Buches »Mary« von Vladi-


mir Nabokov (deutscher Titel: »Maschenka«) abgeschlossen hatte, kam Mary mit ihrem Rucksack und einer Freundin hier an. Mary und ich intensivierten unsere Beziehung, während Heidis Freund sich an die andere ranmachte. Und wie ich höre, sind die beiden angeblich heute immer noch zusammen, während Mary und ich nicht mal mehr on speaking terms sind. Meine Schwester nahm sich eine Benson von mir und ging wegen ihrer Scheidung zum Anwalt, einem Freund von mir, dessen erste Kundin sie nach knapp einjähriger Ehe geworden war. Ich blieb noch ein bisschen bei Tchibo, und es fiel mir auf, dass die »Ihr Pfund ist wieder da«-Kampagne wohl beendet war, und ich dachte an einen im Moment noch sehr toten Dichter, der aber nächstes Jahr zu seinem 100. Geburtstag unter Garantie ein mit allen Schikanen gemanagtes Revival erleben wird. Ich seh’s schon auf den Plakatwänden prangen: IHR EZRA POUND IST WIEDER DA. SUHRKAMP. Drei Tassen später kam ich an einem Wohnwagen zwischen Kortum und C&A vorbei. Ein Engländer aus Bochums Partnerstadt bot allerlei Gimmicks von dem Klub Sheffield Wednesday an, von der Vereinsnadel übers Bierglas bis zum Lederball mit Autogrammen. Ich wollte erst mit ihm ins Gespräch kommen, aber ich wollte auch an nichts mehr denken, schon gar nicht an meine Brieffreundin Sue in Sheffield, deren Mutter Peggy hieß, und dass ich es für keinen Zufall hielt, dass mein Lieblingslied schon seit 1963 Buddy Hollys »Peggy Sue« ist. Ich ging weiter und kam an einem Café/Bistro/Restaurant vorbei, das auf einer Tafel unter anderem Bunte Bohnensuppe anbot. Die Schrift in Kreide kam mir bekannt vor. Ich ging kurz rein und sagte nur: »Tach, Christiane. Ich wollte nur mal gucken, wer sich hinter der Klaue versteckt.« Auf dem Weg zur schönsten Bochumer Apothekerin summte ich Gerry Raffertys »Her Father Didn’t Like Me Anyway«. Sie gab mir ein paar Minze zu meinem Lithium, die ich in der S-Bahn schluckte. Zu Hause fragte mich meine Mutter, wie’s beim Psychiater gewesen war, und ich sagte: »Och, wie immer.«


Neue Popliteratur

Was wäre das Lesen ohne Musik

In der Geschichte der Popmusik sind nur wenige Künstler bekannt, die sich von der Literatur beeinflussen ließen. Soft Machine und Steely Dan etwa wurden von William S. Burroughs bei ihrer Namensgebung inspiriert. Lou Reed war sehr beeindruckt von seinem Lehrer Delmore Schwartz (1913–1966), einem Literaturwissenschaftler (Spezialgebiet: James Joyce) und früh vollendetem Poeten (»In Dreams Begin Responsibilities«). Auf »The Blue Mask« widmete Reed ihm einen Song. Es hat auch, allerdings von Jazzern, den Versuch einer Vertonung von Malcolm Lowrys »Unter dem Vulkan« gegeben, 1978. Wenn man der Financial Times glauben darf: »a perfect marriage of words and music.« Eno und David Byrne benannten zwar ein gemeinsames Album nach dem Roman »My Life In The Bush Of Ghosts« von dem in der Bundesrepublik weitgehend unbekannten Nigerianer Amos Tutuola, doch hat das Werk sonst nichts mit dem Buch zu tun. Die Popschreiber kamen also im Grunde ohne die Literatur aus. (Randy Newman erzählte mir mal, dass er nur für Laien geschriebene wissenschaftliche Bücher liest.) Andererseits hat es eine ganze Anzahl von Schriftstellern gegeben, die poppig waren. Jack Kerouac ließ den Jazz erklingen, während bei Rolf Dieter Brinkmann in »Keiner weiß mehr« die Stones »Satisfaction« sangen. Ausdrücklich widmete Peter Handke seine »Publikumsbeschimpfung« John Lennon. Allerdings, bei all den Anklängen, nie ist mir der große Poproman in die Hände gefallen, auch nicht »Irre«. (Goetz kann noch nicht mal richtig Siouxsie schreiben.) Nun hatte ich mir einiges erhofft von der Musik-Anthologie »Thank you good night«, die Bodo Morshäuser (»Blende«) in der edition suhrkamp herausgegeben hat. Ich dachte, vielleicht ist unter den Autoren eine Neuentdeckung wie in der Musik The


Pogues oder ein großer Wiedererwacher wie Tina Turner, deren »We Don’t Need Another Hero« übrigens im vergangenen Sommer mein Lieblingslied war. Zu einem Vorwort, in dem er zum Beispiel hätte erklären können, warum er gerade diese Autoren und keine anderen eingeladen hat, mochte sich Morshäuser nicht durchringen. »Es gab nichts Vorformuliertes, keine Thesen von mir. Nicht die Autoren haben sich einem festumrissenen Thema oder gar einem Programm gefügt. Vielmehr zeigen die in diesem Schmöker versammelten Texte an, welches Spektrum unter dem Oberbegriff Musik zur Sprache gekommen ist.« Apropos Schmöker: »Ein Schmöker war aber für mich immer ein Buch, das dazu verleitet, unsystematisch zu lesen, einfach eine Seite aufzuschlagen und anzufangen.« Ich hab ihm einen Streich gespielt und vorne angefangen. Dort begegnet mir Hubert Winkels, der Chefredakteur der Düsseldorfer Stadtillustrierten Überblick. Er hört Prince Charles (nicht den Di-Gatten, sondern den amerikanischen Sänger). Dessen »Combat Zone« ermuntert ihn, wirres Zeug zum Thema Kampfzone rauszukotzen. Unter anderem will da jemand einen Roman schreiben: »Der Text wird eine Schleimspur sein von der Antarktis bis Feuerland. 500 Seiten Schleim, und am Ende liegt eine Rasierklinge mit der Schneide nach oben …« Mir ist Prince Charles zu hart, und ich bin froh, dass mir der Überblick mein Frei-Abo gestrichen hat. Dann kommt schon – wie sich am Ende herausstellt – die schönste Geschichte des Bandes, Altmeister Jürgen Theobaldys »Der Sammler«. Theobaldy erzählt von einem Stück Jugendrebellion in Heidelberg im Jahre 1972, gerade als der Abgesang »American Pie« ein Hit war. In der Story gibt sich der Autor selbst das Motto: »Oft sind es die scheinbar nebensächlichen Einzelheiten, die, weil ungewöhnlich und nicht vorhersehbar, am meisten aussagen – gar nicht die großen Linien, die ohnehin jeder nachziehen kann.« Ein Mofa wird geklaut, es wird in der Schule gegen die neue Sitzordnung protestiert, der Ich-Erzähler hört (den damals noch


nicht verstorbenen) Mike Bloomfield. Alles ist scheinbar unbedeutend, doch ist es eindringlich geschildert. Und vor allem möchte man Mike Bloomfield dabei hören. Von mir aus hätte die Geschichte ruhig länger sein können. Die folgenden Gedichte überschlage ich erst mal. Bernd G. Cailloux’ Story handelt von einem Soldaten und hat nur wenig mit Musik zu tun. Weiter. Matthias Zschokke, Robert-Walser-Preisträger, stellt fest: »Wo ich bin, da ist wenig Musik.« Da ist auch keine Popliteratur. Rudi Thiessen wird in »John Coltranes Love Supreme und die Stimme Aarons«alttestamentarisch. Ich bin nicht religiös veranlagt und flüchte mich zu einer Story, deren Titel mir bekannt vorkommt, Ingeborg Middendorfs »Start Me Up«, eine Entlehnung von den späten Rolling Stones. Im ersten Satz kommt ein Schwanz vor. Endlich, denke ich, hat jemand mitbekommen, dass Rock auch was mit Sex zu tun hat. Frau Middendorf schildert Szenen aus dem Leben einer Fixerin, deren erste Schallplatten von Paul Anka, Bill Haley und Elvis stammten. Später zitiert sie unter anderem die Everly Brothers, Jacques Dutronc und immer wieder die Stones. Immerhin hat man bei dieser Geschichte den Eindruck, dass Popmusik im Leben eines Menschen sein kann. Joy Markert liefert die »Notizen eines verwirrten Musikfans«. Er erzählt von der Zeit, als die Doors noch existierten (und der SDS und Dutschke). Erwähnenswert ist, dass er bekennt: »Ich kann nicht’n ganzen Abend Mossmann zuhören!« Ich kann das nicht mal drei Takte lang. Hugo Dittberner, mit gut vierzig auch nicht gerade dazu prädestiniert, der Popautor der achtziger Jahre zu werden, schreibt einen offenen Brief an einen Fats. Gemeint ist wohl Fats Domino. Jedenfalls kommt sein »Blueberry Hill« in dem Schrieb vor. Das reimt sich in dem Song auf thrill. Der fehlt aber in dieser Geschichte über einen entlaufenen Affen. Für einen gewissen RO’ 82 ist Rock mittlerweile »ein verwitterter Schuppen an einer stillgelegten Hochbahn oder an einem Fluss, in dem Blumen, angebissene Pilze und ’ne Menge


Leichen treiben.« Ich hab da keine Lust mehr, weiterzulesen. Ich sehe dann die x-te Iggy-Pop-Huldigung vor mir. Einzig neu daran ist, dass Egbert Hörmann, der Autor, Rock ’n’ Roll ohne Apostroph schreibt. Jürgen Wellbrock berichtet über »Das geplünderte Ohr oder Roll Over Beethoven«. Chuck Berry kommt aber nicht drin vor. Er beginnt mit einer ellenlangen Aufzählung von Musikern, die ihre große Zeit in den sechziger Jahren hatten, und ordnet ihnen Attribute zu, zum Beispiel »Das Barbarische an den Rolling Stones …, die scheinbare Unbeschwertheit der Kinks …, die Belanglosigkeiten der Beach Boys.« Dann legt er »T.B. Sheets« auf. Damit stellt er sich »ein Wohlbehagen her«. Leider überträgt sich das nicht auf den Leser. Danach folgt Jürg Laederach, der einzige Suhrkamp-Autor, den der Herausgeber eingeladen hat. Der schreibt sicher gute Literatur, nur hat die nichts mit Pop zu tun, mehr mit Klassik, Julia Migenes und Alfred Brendel kommen drin vor. Mich ließ der Text unbeeindruckt. Auch Nora Seibert liefert was Altes: die »Passacaglia c-Moll / The Priestess«. »Wieder Nippes auf dem Klavier« heißt es da. Wieder Nippes auf dem Papier, denke ich mir. Zsuzsanna Gahse, die letztes Jahr den »Aspekte«-Literaturpreis kriegte, ist auch kein Pop-Fan. Im ersten Absatz geht ihr ein Lied durch den Kopf. »Ein vertontes Horazgedicht.« Ich summe »We Don’t Need Another Hero« und stelle fest, dass die Autorin eine Verehrerin des abscheulichsten aller Schnulzensänger ist, von Pat Boone. Auch läuft sie innerlich auf und ab. Im Fernsehen sieht sie sich nicht etwa »Formel Eins« an, sondern eine Dvořák-Symphonie. So langsam fange ich an, mich heftig über das Buch zu ärgern beziehungsweise über meine Erwartungen. Die werden, wenigstens teilweise, von Rena Tangens und padeluun erfüllt, obwohl auch deren Thema nicht aktuell ist. Sie erfinden eine Geschichte über die Organisation eines Erik-Satie-Konzerts. Das ist flott geschrieben im Gegensatz zu dem langweiligen Schlussbeitrag von


Morshäuser, »Thank you good night«, in dem es an einer Stelle heißt: »Neulich waren Schriftsteller hier, die auf die Literatur geschimpft haben, weil sie nichts habe, was die Musik habe.« Richtig erkannt. Ich empfehle daher, lieber eine LP anzuhören oder Spex zu lesen. Man hat dann mehr von der Musik. Peter Glaser, der in der gerade besprochenen Anthologie einen der wenigen lesenswerten Beiträge veröffentlicht hat, bringt selbst einen Band Storys heraus, »Schönheit in Waffen«. Auch in ihnen spielt Musik eine gewisse Rolle. Schon zu Beginn der ersten Geschichte heißt es – während gerade »Killing An Arab« von The Cure läuft – »Was wäre ein Leben ohne Musik? Barbarei, Kälte und Tod.« Wenn Glaser von etwas beeinflusst ist, dann von der New Wave mehr als von Hemingway und Bukowski. Seine Storys sind aber keineswegs so wild, so unerbittlich wie die Songs etwa der Sex Pistols, eher schon so erträglich wie die der Talking Heads. Aber wie bei denen, habe ich mich auch bei Glaser gelegentlich gelangweilt. Als ich die Storys durchhatte, konnte ich mich kaum an was erinnern. Das mochte an meinem schwachen Gedächtnis liegen. Deshalb las ich noch mal: Da ist ein Möchtegern-Bond, der aber Hilfsarbeiter bleibt und Lonski heißt. Der ruft ein Callgirl und verdonnert es zum Schweigen. Dann ist da die Story »Die rote Präzision«, in der eine Gruppe von Leuten viel mit Computern zu tun hat. Es kommen Sachen vor wie System Operators, Scanner, Sensormanschetten, Terminals, operation research, bei denen ich nicht ganz durchblicke. Das futuristische Geplänkel schläfert eher ein. Obwohl dies wahrscheinlich die Zentralstory ist, vielleicht ein Schlüssel zum Verständnis der Hacker-Generation. In all seinen Geschichten benutzt Glaser einfache Sätze, so auch in »Ruchwärts«, wo zwei Österreicher zu einem Punkfestival nach Polen fahren. Hier kommt so was wie New-Waveon-the-road-Stimmung auf. Das ist lustig zu lesen und für Punks schon wieder ein Stück Nostalgie. Dennoch: Ein Boris Becker der neuen deutschen Literatur ist Peter Glaser nicht.


Herbert Grönemeyer lebt hier nicht mehr Das Ruhrgebiet ist auch nicht mehr, was es einmal war (Ein Blues in zwölf Takten)

Günther Rostek pfeift auf dem letzten Loch, aber die Karten kann er beim Skat noch genial nachhalten. Er verliert nur eine Anstandsrunde. Dieter Breitscheid, der gegen ihn gespielt hat, zeigt dem Wirt, dass der Deckel voll ist. 38 Mark muss er blechen. Gegen den ollen Günther kommt er noch immer nicht an, obwohl er auch kein junger Spund mehr ist. Ich bin nach langer Zeit mal wieder im Haus Schulte, hundert Meter von meiner Wohnung auf der Wilhelmshöhe entfernt, einer ehemaligen Bergmannssiedlung an Bochums Grenze zu Dortmund. Früher war hier der Bär los, so vor zwanzig Jahren, als ich in der ersten Mannschaft Fußball spielte, beim SuS Wilhelmshöhe, und dies das Vereinslokal war. Meinen Vater, der damals erster Vorsitzender war, habe ich öfter hier als zu Hause angetroffen. Mittlerweile haben sich die Kriegsteilnehmer weitgehend von der Öffentlichkeit verabschiedet. Ein paar Frührentner stehen am Tresen und schocken. Das haben wir früher auch gemacht und geflippert. Doch da, wo der blinkende und ratternde Apparat stand, ragt jetzt ein Dartautomat in die Höhe. Ein paar Meter davor ein Strich. Der Wirt hat dafür einen Tisch geopfert. Zum Glück wirft gerade keiner seine Pfeile, und ich kann erhobenen Hauptes zur Musikbox gehen. Da ist nur Schrott drin. Das war schon immer so. Ewig hinkte sie zwei Monate hinter der Hitparade her. Pedro, der Inhaber der Pinte, ist kein Mexikaner, sondern Grieche. Aus irgendwelchen Gründen, die keiner kennt, hat er bei der letzten Jahreshauptversammlung nicht mehr als Vereinswirt kandidiert. Es bleiben ihm noch die Kleintierzüchter und der »Luftbote«, der Taubenverein. Neben mir trinkt Eberhard Klette sein sechstes Vest Pils. Auch er züchtet die intelligenten Vögel. Ich frage ihn, wie viele


Schläge noch auf der Wilhelmshöhe sind. Neun. Es waren schon mal weniger. Aber jetzt sind die Taubenväter alle über fünfzig, und Nachwuchs kommt nicht nach. Das ist auch das Problem des Gesangvereins »Eintracht«. Neulich wurde dessen Ehrenvorsitzender Alex Brasse beerdigt. (Am 1.9.89 hatte ich ihn im Fernsehen gesehen, weil er den Polenfeldzug von Anfang an mitgemacht hatte.) Seine Sangesbrüder können alleine schon lange nicht mehr auftreten, und wahrscheinlich haben sie sich an Alex’ Grab mit einem anderen Chor zusammentun müssen, um ihrem ehemaligen Präsidenten ein Abschiedsständchen zu bringen. »Beim Rudi Gießler«, sagt Eberhard, »haben wir am Grab Tauben mit schwarzen Schleifchen hochgehen lassen.« Bevor ich weitergehe, überlege ich, ob ich mir nebenan eine Currywurst mit Pommes leisten soll. War das ein Auflauf, als vor dreißig Jahren der »Spikes« Rotermund in dieser Bude, die zur Kneipe gehört, die ersten Pommes mit Schlamm verkauft hat! So etwas kannten bis dahin ja nur die paar Holland-Fahrer (und wer war schon 1963 motorisiert?). Das Geschäft ging auch jahrelang gut. Der Gerd Neemann (im Nachhinein mit Abstand mein Lieblingswirt) hat seine Frau hierhin abgeschoben, weil er sie nicht in der Gaststube haben wollte. Heute verkauft Pedros Frau vielleicht fünf Currywürstchen am Abend – und ein paar Portionen Gyros. Die anderen rufen eine Pizzeria oder Mac Mao an. Ich will noch die übrigen drei Kneipen abklabastern, in denen die 5000 Wilhelmshöher ihren Durst nach Feierabend löschen könnten. Aber nur wenige tun das. Ich gehe die viel befahrene Hauptstraße entlang, den Zubringer für Opel vor meiner Haustür. Die Seltersbude ist schon monatelang zu. Irgendwie läuft auf der Wilhelmshöhe das Geschäft mit der Trinkhalle nicht mehr. Früher hielten die LKW-Fahrer jeden Tag wegen einer Schachtel Streichhölzer, nur um beim Kauf einen Blick auf den dicken Busen von Hermine Abich werfen zu können. Als sie weg war, folgten nur noch Pleiten.


Teilweise die Funktion einer Selterbude übernommen hat Bernd Wagner. Jedenfalls nimmt er auf Lottoscheinen nicht nur die Illusionen der Wilhelmshöher entgegen, sondern verkauft neben Schreibwaren, Zigaretten und Zeitschriften auch Getränke und für die Kinder etwas zu schnuckern. Faber (der ohne Wenn und Aber) hat ihm noch nicht viele Kunden abspenstig gemacht. »Lass den erst einmal den ersten Musterprozess verlieren.« Die taz führt er nicht, weil kaum jemand danach verlangt, dafür wird er täglich 120 Bild-Zeitungen los. Die Neugier auf Focus hat stark nachgelassen. Das Blatt steht unverkäuflich im Regal. Zwei Frisiersalons halten sich auf der Wilhelmshöhe. Ich gehe immer zur Dietlinde, mit der ich konfirmiert worden bin. Wie hier oben zwei Blumengeschäfte überleben können, ist mir schleierhaft. Eine Goldgrube hingegen ist der Fußpflegesalon von Thérèse, weil es hier so viele alte Frauen mit Hühneraugen gibt. Der Bäcker Franz Mersmöller kann sich eben über Wasser halten. Seitdem der Plus in der Somborner Straße zu ist, hat er sein Angebot ums Nötigste erweitert und betreibt jetzt eine Art Tante-Emma-Laden. Nebenan die Volksbank wurde schon vor ein paar Jahren, wie die Post neulich, dichtgemacht, angeblich wegen der ungünstigen (eigentlich günstigen) Verkehrslage in B1-Nähe, die einige Ganoven zu Überfällen verleitet haben soll. Wahrscheinlich aber haben die Wilhelmshöher zu wenig Gewinn gebracht. Hier gibt es keine Großanleger. Danach hat es in dem Ladenlokal ein Arzt mit einem Sonnenstudio versucht und sich eine Blase gelaufen. Jetzt ist nach dessen Pleite schon der zweite Videoverleiher drin. Ich glaube nicht, dass der sich eine goldene Nase verdient, denn die Wilhelmshöhe ist fast voll verkabelt. Am Tresen von Goldberg sitzen ein paar Männeken. Es sieht nicht mehr aus wie einst, wie ein Wartesaal. Gerade werden die Sparkästen geleert. Ich verkneife mir die Frage an die Vertrauensleute, ob noch eifrig gespart wird. Sonst läuft hier wenig ab außer einem bisschen Politisieren über Krause und Herbert Wehner.


Beim Bruno (Haus König) steht auch eine Jukebox. Sie ist aber ausgestellt, und es tönt etwas aus dem CD-Player hinter dem Tresen. Jetzt ist Bruno, ein gemütlich wirkender Dicker, der neue Vereinswirt des SuS. Nach dem Training haben sich drei Spieler eingefunden und diskutieren mit Karl-Heinz Sallner, auch ein Taubenvater, ob der VfL Bochum tatsächlich »unabsteigbar« ist, wie es in dem Lied heißt. Unser Klub steht mit an der Spitze der Kreisliga A. Allerdings ist er auf Neuzugänge aus anderen Vereinen angewiesen. Mangels Masse musste die Jugendabteilung abgemeldet werden. Die Wilhelmshöhe ist überaltert, und die jüngeren Eltern schicken ihre paar Kinder lieber zum Tennis. Im Sputnik (eigentlich: Bürgerkrug) bin ich neben »Curd Jürgens« der einzige Gast. (Fragt mich nicht, wie der wirklich heißt!) Er schimpft auf die Asylanten. Tatsächlich wohnen etliche in einem alten Bullenkloster von Opel. Das gab anfangs Theater, als die einzogen, vornehmlich mit den Besitzern von Eigenheimen in der Nachbarschaft. Da konnte auch der Bundespräsident nicht helfen, der hier, tatsächlich hier auf der Wilhelmshöhe, nach den Vorfällen von Hoyerswerda leibhaftig erschienen ist, um Schönwetter zu machen. Inzwischen scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Ich drücke »Jive Buddy«, während »Curd Jürgens«, der, bevor RTL über den Sender ging, immer ein paar Pornohefte in der Aktentasche bei sich führte, etwas wehmütig einen Bericht der Bild-Zeitung zitiert, wonach in Budapest Zwölfjährige für zwanzig Mark die Stunde zu haben sind. Auch im Sputnik ist der Flipper durch ein Dartboard ersetzt worden. Wenn ich noch Bock hätte, könnte ich meinen Freund Alfred Schmalz anrufen, und wir würden in die Stadt fahren, so wie wir’s vor zehn Jahren öfter gemacht haben. Aber ich weiß nicht, was seine neue, wesentlich jüngere Lebensgefährtin dazu sagen wird. Ab und zu singt er noch, der Pavarotti von der Wilhelmshöhe, für hundert Mark pro Lied, bei Hochzeiten und anderen Festlichkeiten. Meine Mutter erzählt heute noch gerne, dass Alfred


es war und nicht der Pastor, der sie mit seinem »Ave Maria« zum Weinen gebracht hat, als 1969 mein Bruder geheiratet hat. Im Bermudadreieck, der Bochumer Suffmeile, ist sicher wieder die Hölle los, weil die Bauernknüppel aus dem nördlichen Bergischen und südlichen Münsterland eingefallen sind. Einheimische gehen hier nicht vor zwei in die Kneipe. Ich streiche den Abstecher in die City und gehe lieber die zehn Minuten zu Fuß in den Bahnhof Langendreer. Die Leute, die das Ding leiten, stöhnen wie die meisten freien Kulturveranstalter über die Sparwut der SPD-Bürokratie. Trotzdem läuft hier ein ansehnliches Programm ab, von Richard Rogler und drei Tage Helge Schneider bis FM Einheit und Jack Bruce. Das angeschlossene Kino wird jedes Jahr wegen seiner Verdienste vom Bundesinnenminister ausgezeichnet. Nur das kurzlebige »Dschungelkino« im legendären Rub-Pub an der Uni hatte Ende der siebziger Jahre ein ähnlich anspruchsvolles Programm. Hier im Bahnhof ist überhaupt kein automatisches Spielgerät vorhanden. Ich genehmige mir zwei Bier zu einem zivilen Preis und nehme eine S-Bahn zum Zwischenfall, wo für zwölf Mark Eintritt eine Hardcoreband aus der Nirvana-Stadt Seattle zu sehen ist. Vielleicht treffe ich meinen 23-jährigen Neffen Marcus, der selber mal in einer harten Combo Schlagzeug gespielt hat. Jetzt zieht er solo sein Techno-Ding durch. Er ist aber nicht da und wird wohl im Planet stecken, der von den Spex-Lesern bei einer Umfrage zur besten Disco im Westen gewählt worden ist und wo auch schon mal Konzerte mit avantgardistischen Bands, ähnlich wie im Macao oder im Cave, ablaufen. Wahrscheinlich bin ich für derlei Krach zu alt. Aber für junge Leute ist hier in Bochum genug los, weitaus mehr als in meiner Jugend. Ich werde lieber wieder öfter in den Kneipen der Wilhelmshöhe auftauchen und samstags bei den Alten Herren spielen. Und wenn dann Alfred Schmalz unter der Dusche auf Italienisch »O sole mio« schmettert, weiß ich, wo ich hingehöre.


Tod in London Let’s go back, back in time. 1970 war der Krieg in Vietnam noch nicht gewonnen, aber wir Langhaarigen an der Heimatfront, denen Lennon/McCartney mehr bedeuteten als Marx & Engels, hatten endgültig, nach einer schier endlosen Schlacht, unsere Eltern und Lehrer zerschmetternd besiegt: Der Damm war gebrochen – unsere Haare wuchsen ins Ungeahnte und sollten praktisch erst nach zehn Jahren, Punk sei Dank und weil die Schöpfe dünner wurden, wieder geschnitten werden. In jenem Jahr fuhren wir mit unserer Oberprima ins Ziel meiner Teenager-Träume, nach London. Einige Mitschüler hatten zwar für Paris plädiert, aber wir Anglophilen behielten die Oberhand. Der September war schön. In den knapp zwei Wochen, die wir dablieben, hatten wir keinen regnerischen Tag und auch sonst: never a dull moment. Wir wohnten mit je zwei Jungs bei einer englischen Familie. Mir gefiel meine (Mutter mit Adoptivsohn) so gut, dass ich später öfter bei ihnen übernachten sollte. Das übliche Programm war rasch erledigt (Madame Tussauds, Tower, Windsor Castle). Wir kauften uns go-as-youplease-tickets und kurvten damit in unserer freien Zeit durch halb London. Abends ging’s in Pubs oder Konzerte, samstags zum Fußball. Ich sah Crystal Palace gegen Manchester United, damals noch mit Bobby Charlton, Dennis Law und George Best im Angriff. Wir verfolgten mit offenem Mund im berühmten Marquee Gruppen wie die Keef Hartley Band und Gentle Giant. Nach ein paar Tagen wollten wir uns Eric Burdon & War ansehen, die laut Time Out im Ronnie Scott’s Club auftreten sollten, der einem bekannten englischen Jazzer gehörte. Wir kamen nachmittags in der Frith Street in Soho an. Wir wussten nicht, wie groß der Laden war. Jedenfalls zu klein für uns.


Er war ausverkauft, oder man wollte uns Schnösel mit dem deutschen Akzent einfach nicht dabeihaben. Wir gingen stattdessen Cider trinken. Zwei Tage später erreichte uns von den Zeitungsschlagzeilen die Nachricht, dass Jimi Hendrix in London gestorben war. Dienstags riss ich dem Händler den New Musical Express aus der Hand, um Genaueres aus meiner Bibel zu erfahren. Dass er an seiner eigenen Kotze nach Drogengenuss erstickt war, überraschte mich kaum, wohl aber, dass er an jenem Abend, als ich Eric Burdon & War sehen wollte, eben mit dieser Band auf der Bühne von ebenjenem Ronnie Scott’s Club gejammt und dabei die Nummern »Mother Earth« und »Tobacco Road« gespielt hatte. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt, und ich hatte ihn knapp verpasst. Im Jahr darauf flog ich nach dem Abitur und dreimonatiger Maloche auf der Ritter-Brauerei wieder in ein sonniges London und mir geschah Ähnliches. Ich hatte die Wahl, entweder in den Marquee in die Wardour Street zu gehen, um einen Rock ’n’ Roller der ersten Stunde, Gene Vincent (»Be-Bop-A-Lula«), live zu erleben, der noch immer an den Verletzungen litt, die er sich in dem Verkehrsunfall zugezogen hatte, bei dem sein Freund Eddie Cochran (»Summertime Blues«) am 17. April 1960 sein Leben gelassen hatte. Oder, und dafür entschied ich mich, am selben Abend endlich mal die Crickets zu sehen, die Buddy-Holly-Gruppe, die als Stargäste eines Rock-Filmfestivals im National Film Theatre auftreten sollten. Ich fuhr also zur Southbank und kaufte mir im NFT ein paar Songbooks, in die ich mir Autogramme von den »Grillen« geben lassen wollte. Aber die Veteranen schafften es nicht rechtzeitig bis an die Themse. It’s a long way from Lubbock. Stattdessen erklomm Marty Wilde die Bühne, ein mittelmäßiger englischer Cliff-Richard-Rivale. Berühmter als er wurde zehn Jahre später seine Tochter Kim (»Kids In America«). Scheißabend. Ich hatte die Legende Gene Vincent nicht erlebt.


Ein paar Tage später starb auch er, und ich hatte auch seinen letzten Auftritt versäumt … Bob Dylan hatte im Januar 59 in seinem Heimatort Duluth/Minnesota Buddy Holly noch drei Tage vor dessen Tod mitkriegen können und schwärmte noch Jahre später davon im Rolling Stone. Solch ein Schlüsselerlebnis war mir nicht vergönnt. Als ich im Herbst 1997 mal wieder in London war, sah ich zwei Leute singen, die Ende der siebziger Jahre zu meinen Favoriten gezählt hatten, Al Stewart (»Year Of The Cat«) und Steve Forbert (»Alive On Arrival«). Abgestürzt aber ist im Oktober John Denver (»Leaving On A Jet Plane«). Diesmal war ich nicht in der Nähe, auch nicht bei seinem letzten Gig. Aber immerhin hatte er denselben Geburtstag wie ich. So was verbindet.


Foto: Peter Wasielewski


Foto: Peter Wasielewski


Wolfgang Welt, geboren am 31. Dezember 1952 in Bochum-Langendreer, wächst in der Zechensiedlung Wilhelmshöhe auf. Englisch- und Geschichtsstudium – ohne Abschluss. Anschließend Schallplattenverkäufer. Zeitgleich fängt er an, für das Ruhrgebietsmagazin Marabo und Musikzeitschriften wie Sounds zu schreiben. Ab 1982 Nachtwächter, davon 25 Jahre im Schauspielhaus Bochum. 1983 erkrankt Welt an einer schizophrenen Psychose mit manisch-depressivem Einschlag. »Peggy Sue«, sein erster autobiografischer Roman, erscheint 1986. Es folgen »Der Tick«, »Der Tunnel am Ende des Lichts«, »Doris hilft« und »Fischsuppe«. Am 19. Juni 2016 stirbt Wolfgang Welt in einem Hagener Krankenhaus. »Die Pannschüppe«, der Roman, an dem er bis zuletzt arbeitet, wird posthum veröffentlicht.


Martin Willems, geboren 1984, arbeitet in einem Literaturarchiv. Nebenbei schreibt er Literaturkritiken, vor allem für den Rolling Stone. Mit dem Werk von Wolfgang Welt beschäftigt er sich seit 2007, als Leser, Kurator, Nachlassbearbeiter, Herausgeber und Autor (»Die Lange Nacht über den außergewöhnlichen Schriftsteller Wolfgang Welt«, Deutschlandfunk Kultur).


20,00 EUR (D)

ISBN 978-3-945715-82-6

Profile for Andreas Reiffer

Wolfgang Welt: Die Pannschüppe  

Leseprobe aus dem Buch Wolfgang Welt: Die Pannschüppe Herausgegeben von Martin Willems Verlag Andreas Reiffer, (c) 2020, ISBN 978-3-945715-8...

Wolfgang Welt: Die Pannschüppe  

Leseprobe aus dem Buch Wolfgang Welt: Die Pannschüppe Herausgegeben von Martin Willems Verlag Andreas Reiffer, (c) 2020, ISBN 978-3-945715-8...

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