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Frank Schäfer, geboren 1966, lebt als Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker in Braunschweig. Er schreibt für taz, Neue Zürcher Zeitung, Rolling Stone u. a. Neben Romanen und Erzählungen erschienen diverse Essaysammlungen und Sachbücher.

since 1968

Dann trennen sich The Petards und für fast zwei Jahrzehnte kehrt Ruhe ein auf der Burg, bis Kalle Becker 1991 die Legende wiederbelebt. Das Burg Herzberg Festival trifft erneut einen Nerv und avanciert bald zum größten Hippietreffen in Europa. Wer wissen will, wie sich »Love, Peace & Music« in den späten Sechzigern angefühlt haben – näher als in »Freak City« kommt man dem nicht mehr. »Burg Herzberg Festival – since 1968« zeichnet die wechselvolle Geschichte dieser »Traditional Hippie Convention« nach. Selbstironisch, anekdotenreich, mit vielen Bildern und Illustrationen – und keineswegs nüchtern.

Mit einem Nachwort von Ulrich Holbein

ISBN 978-3-945715-68-0

Burg Herzberg Festival

Burdon weiß nur zu gut, wovon er spricht. Nach der Show bringt man ihn ins Hotel. Das hat sich für heute was besonderes ausgedacht und gegen Mittag ein Brunchbüfett aufgefahren. Die einschlägige Werbung zeigt Wirkung, der Speisesaal ist gut gefüllt mit Gästen aus der Umgebung, die sich mal wieder richtig mästen wollen. Schließlich kommt Eric Burdon aus seinem Zimmer, so erzählen es sich die Älteren in Fulda noch heute, ganz Rockstar, noch im Vollgefühl des nächtlichen Triumphes und vielleicht auch unter dem Einfluss der einen oder anderen kolumbianischen Spezerei und mischt sich für die erste Tasse Kaffee des Tages unter die Gäste. Bekleidet mit Cowboy-Hut, Stiefeln und Unterhose. Man muss sich den Spaß eben auch leisten können.

»Noch bevor ich mir überhaupt Gedanken machen konnte, wie ich wohl die Nacht verbringe, hatten mich schon Leute eingeladen, mit ihnen zu essen, zu feiern, zu musizieren und in deren Festival-Camp zu wohnen. Das waren die schönsten Hippie-Busse, die ich jemals gesehen hatte, und wir hatten wundervolle Tage auf dem Berg.« Stefan Wöhrle, Orange

Frank Schäfer

Now the only thing a gambler needs Is a suitcase and trunk And the only time he’s satisfied Is when he’s on a drunk

»Dies ist das Festival mit der schönsten Stimmung, die ich je erlebt habe.« Patti Smith

Die Geschichte des Burg Herzberg Festivals beginnt mit einem Bandwettstreit. Die Veranstalter The Petards wollen auf diese Weise ihr jährliches Fan-Club-Treffen aufwerten. Aber das Schicksal hat mehr mit diesem Ort vor. Binnen dreier Jahre wächst sich die provinzielle »Burg-Beat-Show« zu einem professionellen Festival von nationaler Bedeutung aus, das mit Can, Embryo, Amon Düül II, Guru Guru, Tangerine Dream und anderen so ziemlich alle maßgeblichen Bands des Krautrocks auf der Bühne versammelt.

39,90 (D)

Das sei eine Wahnsinnsversion von »House Of The Rising Sun« gewesen, erinnert sich Elmar Feuerstein. »Bei Sonnenaufgang. Einfach magisch. Keiner hätte gedacht, dass Eric Burdon noch in der Lage ist, eine solche Show abzuliefern. Vielleicht hat auch einfach der Moment gepasst. Die Magie. Die Freude darüber, dass es jetzt endlich weitergeht.« Wer die Veteranen nach ihren eindrücklichsten Erlebnissen auf dem Festival befragt – dieser Moment gehört immer dazu. »Das war für alle, die dabei gewesen sind, eine bleibende Erinnerung«, meint Ernst Liebich, Herzberggänger der ersten Stunde. »So was vergisst man nicht.«

»Nur einer war, voll stoned & betrippt, von der Polizei erwischt und temporär festgehalten worden, der Stuttgarter Pit. Er wurde gefragt: ›Wissen Sie eigentlich, was Sie hier tun?‹ Diese Frage hat ihn noch Jahre beschäftigt ...« Werner Pieper »Das ist das Erstaunliche, wie viel Spaß die Leute haben können unter widrigsten Umständen, wenn man sich darauf einlässt. Das finde ich gut am Herzberg. Man ist in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit. Und es spielt auch gar keine so große Rolle, wer da auftritt, man braucht nur diesen Rahmen drumherum. Und deshalb gehen die Leute auch da hin. Man ist entrückt.« Jochen Irmler, Faust »Es ist eine Art Übungscamp für alternatives Zusammenleben, ein Trainingslager für die andere, die bessere Welt. Woodstock war mal. Wie utopisch, wie chaotisch, wie un- oder politisch, das müssen die wissen, die dabei waren. Auch der Schlamm von Herzberg fällt von den Füßen, wenn er erst mal trocken ist. Aber irgendwas bleibt hängen. Und das ist zumindest auch politisch.« Volker Schmidt


Frank Schäfer Burg Herzberg Festival – since 1968 Mit einem Nachwort von Ulrich Holbein Artwork Schutzumschlag: Martina Stobinsky, namaste-media.de Satz und Layout: Andreas Reiffer Lektorat: Anselm Neft Korrektorat: Manja Oelze 1. Auflage 2018 © Verlag Andreas Reiffer ISBN 978-3-945715-68-0 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/verlagreiffer

Schutzumschlag Rückseite: Robert Hansen / Beardfish (oben); Arthur Brown (unten) Vorsatzseiten: Orange machen Dampf!


Frank Schäfer

Leseprobe


»Man macht sich seine Träume selbst« John Lennon

Burg Herzberg since 1968

W

enn viele Menschen über eine sehr lange Zeit einen gemeinsamen Traum träumen, wird dieser manchmal Realität. Und das Burg Herzberg Festival ist ein selbst gemachter, wahr gewordener Traum. Es ist an der Zeit einen Blick zurück zu werfen und die Geschichte des Burg Herzberg Festivals zu erzählen. Eine Geschichte für alle, die von Anfang an dabei waren, irgendwann dazugekommen sind und auch für alle, die nicht dabei sein konnten, weil es einfach schon so lange her ist. Wir sind sehr dankbar dafür, dass das Festival lebt, sich verändert und wir es weiter mit euch gemeinsam feiern dürfen. Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch auf Objektivität, sondern möchte eine Geschichte erzählen. Mit Frank Schäfer hat sich ein Autor dieser Geschichte angenommen, der das Festival gut kennt, wunderbare Bücher und Artikel über Rockmusik geschrieben hat und mit dem wir uns persönlich verbunden fühlen. Frank hat unzählige Gespräche geführt, Zeitungsartikel recherchiert und viel Herzblut in dieses Vorhaben gesteckt. Uns ist schnell klar geworden, dass es die eine »Wahrheit« nicht geben kann, sondern immer individuelle Erlebnisse berichtet werden und jeder seine Sicht der Dinge zu erzählen hat. Frank ist während der Arbeit zu dem Buch aufgefallen, dass es beim Burg Herzberg Festival manchmal verdammt schwierig ist, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, da es von ein und derselben Anekdote viele unterschiedliche Versionen gibt, je nachdem von wem sie erzählt werden und wie der oder diejenige sich noch erinnern konnte. Dieses Buch ist ein Stück Zeitgeschichte und erzählt von einem Festival, das bis zum heutigen Tag stolz darauf ist, nicht zum Mainstream zu gehören


Hans Cath, Wolfgang Wortmann Jens Vaupel, Elmar Feuerstein, Gunther Lorz, Katja Schmirler-Wortmann, Norbert Geier


– inklusive aller scheinbaren Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten, von denen dieses Buch berichtet. All das Gute, all das Schlechte, der hohe Flug und der tiefe Fall haben das Burg Herzberg Festival in unzählbaren Ereignissen über Jahrzehnte zu dem gemacht, was es heute ist. Sei es die Musik, die Lesungen, die Gemeinschaft oder das Lebensgefühl in Freak City. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen und seinen Traum, was das Festival für ihn bedeutet. Als die Petards 1968 das erste Mal auf der Burg spielten, haben sie sich sicherlich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass es 2018 immer noch ein Burg Herzberg Festival gibt. Deshalb sei an dieser Stelle auch einmal Dank gesagt an alle, die das Festival zu dem gemacht haben, was es heute ist. Dieses Buch gäbe es nicht, wenn die Petards 1968 nicht den Mut gehabt hätten, das Ganze zu beginnen. Es wäre ebenso wenig entstanden, wenn Kalle Becker 1991 nicht die Neuauflage gewagt hätte. Wir als die Menschen, die dieses Festival derzeit organisieren dürfen, möchten diese Geschichte im vorliegenden Buch mit euch gemeinsam Revue passieren lassen. In diesem Sinne wünschen wir euch viel Spaß beim Lesen, diskutieren und hoffentlich auch beim Schmunzeln. Findet eure eigenen Herzbergmomente, füllt eure Herzen damit und macht euch eure Träume selbst! Das Festival-Team


Inhalt Urgeschichte Unerträgliches Gedröhne ........................................... 12 Gestärkt und Gebügelt ............................................... 16 Weg mit dem Bauern-Beat .......................................... 22 Leider sind wird noch keine Millionäre ..................... 28 Paradiesisch ................................................................. 34 Bonsai-Woodstock ........................................................ 44 Furioses Finale ............................................................. 48

The Kalle Becker Years Shake Baby Shake ........................................................ 56 Der große Zampano .................................................... 60 Elektrolurch ................................................................. 68 Die Kondome sind fast weg ....................................... 72 Wo sollen die alle hin? .............................................. 78 Legitime Erben ............................................................. 84 Ein Horrorfilm in gut ................................................... 90 Da ihr keine Schweine seid ...................................... 98 Vorstüfchen und Generalpröbchen ........................... 102 Ein physisches Erlebnis .............................................. 110 Etikettenschwindel ..................................................... 116 Teure Sonnenbrillen statt Blumenkränzen ................. 120 Stahlpakt .................................................................... 126

Das Festival Mark III Freak Again ................................................................ Milch und Honig ........................................................ Ein Brett an Arbeit ................................................... Es wird immer heißer .............................................

132 138 146 156


Die Herzbergvibes ..................................................... 160 Sogar mit Morgenlatte ............................................. 164 Richtig durchgetröstet .............................................. 172 Die richtigen Zutaten ............................................... 180 Kein Catering, kein Backstage-Pass, keine Gage ....... 186 Diese verrückten, schönen Wesen .......................... 192 Bands zum Tanzen ..................................................... 196 Hippies beim Schlüpfen ............................................ 202 Was machst du eigentlich in meiner Garderobe? .... 206 Mal schauen, was passiert ....................................... 210 Matsch More Love .................................................... 216 Ein Wert an sich ....................................................... 220 Es kommt vom Berg ................................................. 224 Ihr seid die Zukunft ................................................. 232 Du bist hier nicht allein .......................................... 236 Nicht zu weich werden ............................................ 240 Vergesst Woodstock! ................................................. 242 Den Kreis öffnen ........................................................ 246 Alles hört immer gleich auf – die Party geht weiter! Kurze Universalgeschichte jeglichen Hippietums Von Ulrich Holbein ................................................... 250 Quellen ....................................................................... 265


Unerträgliches Gedröhne

T

he Petards sind Mitte der 60er-Jahre der heißeste Scheiß im oberhessischen Schwalmgebiet. Sie machen in den ländlichen Amüsierstätten, in den Dorfkaschemmen, Gemeindehäusern und Tanzsälen – dort, wo man infolge des großen Kontrollverlusts die kleinen Revolutionen plant – die Rüschenblüschen und Sonntagssakkos nass. Und wie sich das gehört für eine schwer schuftende Rockband, sind sie auch bereits aktenkundig. Ihr »unerträgliches Gedröhne« hat die Kulturbanausen und Quadratschädel des kleinen Fleckens Oberaula am 9. September 1965 erst mit ziemlicher Verspätung in den Schlaf kommen lassen. Das Amtsgericht Treysa verhängt ein Bußgeld von 50 Mark für jeden, eine publikumswirksame Mehrausgabe, die sich mit vier Anschlussgigs leicht amortisieren lässt. Zwei Jahre später haben die Petards drei Singles aufgenommen und einen Plattenvertrag für das erste Album in der Tasche. Sie professionalisieren sich, treten in der ZDF-»Drehscheibe« auf. Jetzt wird es ernst. Die systematische Arbeit am Ruhm beginnt. Die beiden Gitarristen Klaus und Horst Ebert und Bassist Rüdiger »Roger« Waldmann schmeißen ihr Studium, für den Schlagzeuger Hans-Jürgen Schreiber kommt Arno Dittrich, der sich bereits bei Cliff Kenneth and the Lights und The Ducks als Profi-Drummer verdingt hat, und in dieser Besetzung avancieren sie tatsächlich gegen Ende des Jahrzehnts zu Herausforderern der Lords und Rattles, der beiden bekanntesten Beatbands des popmusikalischen Dritte-Welt-Landes Bundesrepublik. Aber die Band vergisst nie, wo sie herkommt. Aus Schrecksbach nämlich. Hier sind sie aufgewachsen, und hier haben sie ihr Hauptquartier. Sie leben in einer weiblich betreuten Musikerkommune, Mutter Ebert kocht und macht die Wäsche, das

Doppelseite zuvor: The Petards


Bunte. Damit die Lokaljournaille ordentlich was zu kalauern hat, gehen sie bei ihren diversen PR-Aktivitäten offensiv mit dem sprechenden Ortsnamen um. Zu ihren Spezialitäten gehören die jährlichen Treffen der Fanclubs, üblicherweise am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Bei dieser hard workin’ Band passt das ganz gut. Für das erste Familientreffen, noch im Herbst 1966, hat man sich gleich etwas Besonderes ausgedacht – ein Konzert am Rand des Gemeindewaldes von Schrecksbach. Die Einnahmen spendet die Band für eine karitative Organisation. Die »Bild«-Zeitung ist von den langhaarigen Bombenlegern mit Herz so beeindruckt, dass sie gleich eine Meldung bringt. Im Jahr darauf zieht man die »Wald-Beat-Show« dann richtig groß auf. Ein Rundschreiben an die Fan-Clubs (freier Eintritt für Mitglieder!), Anzeigen in den Lokalzeitungen und schließlich Plakate locken nicht nur die Jugend aus der Umgebung, sondern auch aus Freiburg, Heidelberg und Hamburg zum alten Tanzplatz »Unter den drei Buchen«. Immerhin 1500 Besucher finden sich hier ein. Möglicherweise ist die »Wald-Beat-Show« das erste Open-Air-Rockfestival Deutschlands. Die Betonung liegt auf »Rock«! Das Burg-Waldeck-Festival existiert nämlich schon seit 1964, kümmert sich aber zunächst nur um die Chanson-, Folk- und Songwriter-Szene, erst bei der letzten Veranstaltung 1969 wird es lauter. Und die Internationalen Essener Songtage, ohnehin zum größten Teil ein Indoor-Festival, finden erst Ende September 1968 statt. In Schrecksbach werden bereits ein Jahr früher die Röhrenamps angeworfen. Rechtsanschlag, Baby! Kommando »Unerträgliches Gedröhne«. Neben den Petards als Hauptact spielen noch »mehrere Beat-Kapellen« aus dem Schwalm-Eder-Kreis, etwa Percy and the Fellows aus Neukirchen und The Rocks aus Loshausen. Von 13.00 bis 22.00 Uhr geht die große Freiluft-Party, eine Mischung aus Konzert, Tanzveranstaltung und Rummelplatz mit dem entsprechenden gastronomischen Angebot – Bier, Bratwurst, Lutschestangen ... Ein Dieselaggregat, ein sogenannter Moppel, versorgt die Verstärker und die Lichtanlage mit Strom. Nur das Wetter spielt nicht richtig mit. Das Datum wird sich auch in den folgenden Jahren noch mehrfach ungünstig auswirken auf die Live-Ereignisse. Mitten drin fängt es an zu regnen. Aber ein Open-Air-Konzert 1967 ist noch eine ziemlich unangestrengte, verhältnismäßig unaufwendige Sache. Kurzerhand bauen die Bands ihr Equipment ab und ziehen mit der gesamten Festival-Gesellschaft in den nahegelegenen Petards-Club im Dorf, wo die Band üblicherweise zu proben pflegt. Eine ziemlich lange Prozession sei Arno Dittrich, Horst Ebert, Klaus Ebert, ein Fan und Rüdiger Waldmann / The Petards


das gewesen, erinnert sich Walter Simon, Petards-Fan der ersten Stunde, der später im Club eine Discothek betreibt. »Die Menschenmenge stand im Hof und auf der Straße, weil nicht alle drinnen Platz fanden. So was hatten die Schrecksbacher noch nicht gesehen.« Bald danach scheint wieder die Sonne, und nun defiliert die Menge zurück in den Wald, wo man die Show zu Ende bringt. Die Petards ziehen alle Register, spielen ihr damaliges Repertoire von »Baby, Run, Run, Run« bis »Shoot Me Up To The Moon« und diverse Cover-Versionen, vornehmlich von Jimi Hendrix, den Klaus Ebert, der Leadgitarrist und musikalische Kopf der Band, sehr verehrt, wie es alle Leadgitarristen und sowieso alle vernünftigen, urteilsfähigen Menschen tun. Der damalige Gemeindepfarrer hat sich die Petards offenbar ebenfalls angesehen. Ein paar Tage später trifft er zufällig auf Simon und nimmt ihn kurz beiseite. »Walter«, sagt er dräuend, »ich habe direkt in die Hölle gesehen!«


Ein physisches Erlebnis

2000 13.-16. Juli

Main Stage Donnerstag Volga Ozma

D

ie Millennium-Spiele sind mit dem eher zaghaften, unpolitischen Motto »Hippies unite!« überschrieben. Die Verlängerung des Festivals wird von den Herzberg-Addicts wohlgefällig aufgenommen, also darf der Zusatz-Donnerstag im Programm bleiben. Er wird mit einem »russischen Abend« begangen, den das Petersburger Rhythm&-Blues-Quintett Ozma und die Moskauer Avantgarde-Folk-Band Volga um Klang- und Sprachästhetin Angelika Manukian bestreiten. In den folgenden Tagen lässt sich die mittlerweile bewährte Arbeitsteilung beobachten. Die heißen, wilden, faltenfreien Jams von Colour Haze, Tribe of Cro oder Kangaroo Moon sieht man auf der Prog Stage, auf der Hauptbühne finden die großen und mit wenigen Ausnahmen altbekannten Namen statt – am Freitag Them und Steppenwolf mit John Kay, am Samstag Blue Cheer, Mitch Ryder, Kraan, Big Brother & the Holding Company und am Sonntag Birth Control. Eine der Ausnahmen ist Porcupine Tree, das in der Szene gefeierte Band-Vehikel des Neo-Prog-Genialissimo Steven Wilson, der Samstagnacht die Wolken vertreibt. Es ist Matschwetter, deshalb sind es in diesem Jahr ein paar Gäste weniger – nicht mal Becker legt die üblichen 10 Kilo drauf, sondern korrigiert die Zahlen nach unten. Mit seinen gefühlten 20.000 liegt er zwar immer noch deutlich daneben, aber eben nicht mehr ganz so überdeutlich wie in den Jahren zuvor. Der Knüllwälder Schriftgelehrte Ulrich Holbein ist auch wieder dabei. »Man sah Mercedesse, Barfüßer und Rollstuhlfahrer im knietiefen Matsch auf der Stelle vorwärtsstreben«, schreibt er seiner Freundin Viera Janárčeková. »Aber das Optische und Atmosphärische war mal wieder ganz zauberhaft, die Textilien, die ich nur als überbunte Masse sah: ja, wunderschön, jetzt aber weiter, die sich jedem anderen aber, z.B. Dir, in jubelschreiauslösende Einzelheiten aufgefächert hätten, und so viel Schmuck und Mobiles, und Instrumente, und Statuetten, Figürchen (ich kaufte bloß Ganesha-Karten), ständig Regenküsse;

Paul Whaley und Dickie Peterson / Blue Cheer

Freitag Blues Power Them John Kay & Steppenwolf Ole Lukkoye Samstag Blue Cheer Hypnotix Mitch Ryder Kraan Big Brother & the Holding Co. Porcupine Tree Sonntag Argile Birth Control Rufus Zuphall

Prog Stage Freitag Neversaid Cosmic Connexion Nova Drive HAL 9000 Grimble Gramble Samstag Colour Haze Versus X S/T Tribe of Cro Sweet Williams Kangaroo Moon


Manfred knipste, wie ich aus der Kapuze guckte, dann aber brach sofort Sonne aus, brachte jeden Matsch zum Glitzern, dann wieder Regen, und abends Mond, also jedes Aprilwetter in abrupterer Folge denn je. Alle Sonnenschirme wurden, nachdem sie minutenlang zu Regenschirmen wurden, sofort wieder Sonnenschirme. 1999 war also schöneres Wetter, aber diesmal umfassenderes, polyphoneres Wetter, Synthese aus saumäßig und leuchtend, während damals bloß eine einheitliche einfallslose Kopfwehhitze herrschte. Flotte Worte fielen: ›Was gibst du mir für deinen Regenmantel?‹ Und wirklich seltsam, alle hatten lange Haare und Bärte, also wirklich wie 1972. Ich ging auch in den backstage, zur Mitarbeiterwiese und fragte Kalle Becker dies und das, den Gesamtveranstalter: Glatze, übernächtigt, todmüde, abgeschuftet, unsympathisch, alt, eher Mafioso-Flair als Hippie-Aura – das Duzen war das einzig Junge an uns, und erfuhr, daß Herzberg auch deshalb sterben solle, weil die ganzen Rocker der 60er Jahre sich nun ins Altersheim verabschieden würden.« Hier zitiert sich Becker selbst resp. sein Editorial der diesjährigen Festivalzeitung, das ihm zu einem eitlen, mit Kinder- und Jugendfotos bebilderten, leicht wehmütigen Veranstalterrückblick gerät, in dem er das Festival schon einmal zu Grabe trägt. Er räumt durchaus ein, dass es


»mannigfache andere Probleme« gebe. Ja, nämlich enorme Zahlungsrückstände, die dafür sorgen, dass ihm reihenweise die Dienstleister abspringen. Aber darüber schweigt er sich lieber aus. Statt dessen schützt er inhaltliche Bedenken vor, die ihn angeblich zu einer Einstellung des Festivals nötigen. »Wir haben aus der Ära der 60/70er alles produziert, was qualitativ vertretbar und machbar war. Vieles hätten wir noch gerne gewollt, aber es ist aus dem einen oder anderen Grund gescheitert. Alles, was nach diesem Jahr noch machbar wäre, fällt entweder durch unser qualitatives Raster oder ist schlichtweg zu teuer. Der Rock’n’Roll der 60er verabschiedet sich nun langsam ins Altersheim, wie es der Lauf der Welt will, auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen …« Becker hat den Blues. Aber noch steht er ja auf der Bühne, der »Rock’n’Roll der 60er«. »Alle warteten wie wild auf die Stargruppe Steppenwolf, in der alten Besetzung«, schreibt Holbein weiter, »und da especially auf ihren einzigen Welthit ›Born to be wild‹. Damit gings aber erst 22 Uhr 30 los. Irgendwo erfuhr ich, daß die Namen der vier, fünf Steppenwölfe noch die von früher waren, doch einzig der Haupttyp, ca. 60, war noch der von damals, die andern trugen zwar noch die Namen von damals, waren aber jüngere Leute, die extra so ähnlich aussahen wie die von damals, nur 30 Jahre jünger. Das scheint wohl bei all den ollen Hülsen gern der Fall zu sein, Namen und Hittitel werden durch die Jahrzehnte geschleppt, immer noch ein Quentchen vom 1969-Erfolg irgendwo rauspressend, obwohl nichts mehr identisch blieb ...« Aber auch Holbein macht dann noch die typische Altrocker-Erfahrung. »An einem Stand, wo ich ein Glas Himbeerwein zurückgab, erzählte mir ein Junghippiemädchen, daß sie das toll fände, wenn man in meinem Alter immer noch usw. Fragte auch: ›Wie hast du das Leben so bemeistert?‹ So als wär’s längst passé.« Auch Them, eine weitere »Kultband der 60er«, habe »Riesenbegeisterung« geerntet, schreibt die »Gießener Allgemeine Zeitung« am 18. Juli 2000. »Die einstige Formation von Van Morrison gefiel mit großartigen Gitarrensoli und hochklassiger Unterhaltung.« Nun ja, Pop und Bourama Badji / Hypnotix, Mitch Ryder, Steven Wilson / Porcupine Tree


John Kay & Steppenwolf

Ness und Frol / Ole Lukkoye

Lokaljournalismus – nicht immer eine glückliche Paarung. Aber man ist ja gewarnt, wenn man bereits in der Überschrift etwas von »Woodstock-Feeling bei Them und Led Zeppelin« liest. Led Zeppelin? Steppenwolf? Egal … Auch Blue Cheer bekommen ihr Häkchen von den Gießenern, schließlich sind Dickie Peterson und Paul Whaley »maßgeblich für die Entwicklung des Psychedelic Sounds Ende der 60er mitverantwortlich.« Peterson hätte es wohl anders ausgedrückt. »Zuallererst waren wir eine laute, voll reinhauende Rock-’n’-Roll-Band, Mann«, diktiert er zwei Jahre vor seinem Tod dem Interviewer der »Pittsburgh Post« in die Feder. »Unser einziges Ziel war es, Musik zu machen, die mindestens genauso ein physisches wie ein akustisches Erlebnis war.« Und das haben sie auf dem Berg einmal mehr unter Beweis gestellt. Gunther Lorz, damals schon eine Weile für das Festival tätig, lässt sich mitreißen vom Charme der Band, und zwar ganz unabhängig von ihrem Einfluss auf die Entwicklung des Psychedelic Sounds der 60er. »Bei Dickie Peterson dachte man immer, er sei ein finsterer Rocker«, erzählt er, »aber wenn du den kennengelernt hast, nach drei Minuten hast du ihm dein Kind anvertraut. Der hat als Lagerist in Hannover gearbeitet und konnte bis zu seinem Tod kein Deutsch. Als Kalle ihm die Japan-Tour besorgt hat, musste er seinen Chef fragen, ob er mal Urlaub bekommt, und dann war er der Gott für zwei Wochen, und danach ist er wieder zurück in sein Lager nach Hannover und seinem Job nachgegangen. Der Schlagzeuger hat das überhaupt nicht auf die Reihe bekommen, der war ein schwerer Alkoholiker. Wenn du dem ein Ticket geschickt hast, dann hat er das flüssig gemacht. So hart war der schon drauf. Wenn du den auf dem Herzberg haben wolltest, musstet du jemanden nach Nürnberg schicken, der ihn dort abgeholt hat. Und vorher wurde dem Fahrer eingeschärft: Der kriegt keinen Alkohol. Und dann kommt zehn Minuten hinter Nürnberg der Anruf: Ich muss dem jetzt ne Flasche Mariacron


Argile

kaufen, sonst flippt der mir aus. Aber Dickie Peterson war wirklich ein großartiger Mensch. Der hat keinen Wert darauf gelegt, dass er mal mit ›Summertime Blues‹ Nr. 1 in Amerika war. Mit dem Song hat er später übrigens seinen Frieden gemacht. First we loved it, then we hated it, now we used to live with it.« Dickie Peterson stirbt am 12. Oktober 2009 in Erkelenz bei Mönchengladbach an Prostatakrebs, ohne noch einmal an den Herzberg zurückzukehren. Eine der großen Unterlassungssünden der Bernd Noske / Veranstalter. Birth Control


Kein Catering, kein BackstagePass, keine Gage

U

nabhängig vom offiziellen Booking treibt eine umtriebige Session-Szene in Freak City ihr schönes Unwesen. Jams kommen und gehen. »Es gibt einige Bands«, weiß Wortmann, »die organisieren sich da auf dem Gelände völlig autonom, die wollen gar nicht in die übliche Infrastruktur eingebunden werden. Auch das ist ja das Coole am Herzberg, dass wir selbst manchmal nicht wissen, wer da irgendwo auftritt.« Den Höllenschuppen und die Mental Stage jedoch kennen alle. Diese beiden freien Bühnen sind längst Institutionen, zusätzliche Attraktionen des Festivals. Die Veranstalter würdigen diese Initiative seit einiger Zeit, indem sie ihr musikalisches Angebot ins Programmheft aufnehmen. Die Mental Stage hat es zuerst dorthin geschafft. »Verantwortlich ist Manu Kalb«, setzt mich Wortmann auf die Fährte. »Manu hat eine Indie-Rock-Vergangenheit, ist ein sehr netter Mensch, sehr zuverlässig und freundlich. Er hat irgendwann mal angefangen, auf seiner Bühne Bands zu buchen. Und da haben wir jetzt diesen Deal, 50 oder 60 Musiker kann er einladen zu dem Festival, es gibt keine Gagen, die Bands zahlen teilweise sogar ihre Tickets und alles selbst, bekommen aber Strom.« Auf dem Festival 2016 treffe ich Manu Kalb bei der Bar Jeder Sinne, wo damals 2008 alles begann. Wir sitzen auf einem gemütlichen Sofa, in der Soundeinflugschneise der Freak Stage. Ein Gitarrist macht seinen Orange Amp heiß. Er matscht und röhrt, wie er soll. Man fühlt sich hier gleich heimisch. »Ich glaube, 2006 habe ich angefangen bei der Bar Jeder Sinne zu arbeiten«, erzählt Kalb. »Ich habe da mit ein paar Freunden aus der Heimat beim Bierausschank geholfen. Und wir haben gemerkt, wenn in der anderthalbstündigen Umbaupause auf der

We Believe in Hyperspace


Freak Stage nichts passiert, wäre ein bisschen Musik ganz cool. Es ist ja enorm viel Potential vor Ort, überall auf dem Berg spielen Leute. Im Jahr darauf, 2007, hat die Band Ginger eine Steckdose von uns bekommen und direkt neben der Bar gespielt. Und dann haben wir gesagt, im nächsten Jahr machen wir das gleich bei uns im Zelt, um den Gästen Live-Musik anzubieten.« Es funktioniert schon im ersten Jahr. Ginger heben ab mit Vier-, Fünf-Stunden-Jams. »Denen musste ich irgendwann den Stecker ziehen, weil die wie in einem Rausch waren und gar nicht wieder aufhören wollten. Das habe ich wirklich noch nie erlebt, ich habe schon einige Konzerte veranstaltet, noch nie musste ich den Stecker ziehen. Hier war das tatsächlich mal der Fall. Es kam so gut an, dass wir uns sagten, wir müssen das alles noch besser, noch Klaus der Geiger


professioneller machen und noch mehr Bands ranziehen. Das ist dann organisch gewachsen. Im ersten Jahr gab es wirklich nur eine Steckdose, dann haben wir so ein paar Bühnenplatten ausgelegt und eine kleine P.A. gemietet.« Schließlich stellt Kalb ein richtiges Programm zusammen und fragt auch Bands, die nicht zum Festival-Inventar gehören. »Mental Stage jedenfalls hieß es schon relativ früh, da hatten wir noch gar keine richtige Bühne.« Der Erfolg ist nicht zuletzt verbunden mit dem Schweizer DJ Electric, der von Anfang an mitmacht und nach dem Live-Programm auflegt. »Es gibt eine Fangemeinde, die allein wegen ihm hier ist. Früher, als es noch keine Nachtruhe gab, standen bei Sonnenaufgang ein paar hundert Leute vorm Zelt und tanzten zu ›Shine On You Crazy Diamond‹, das war immer der Klassiker. Dafür haben die Leute die ganze Nacht durchgemacht, damit sie den Sonnenaufgang mit DJ Electric erleben können. Ein sehr spezieller Moment.« Kalb kann auf ein paar solcher »Running Gags« zurückgreifen. Ginger sind meistens dabei, bis sie sich 2014 auflösen. Schreng Schreng & La La spielen sonntags um 11 Uhr morgens und One Take Toni eröffnet die Bühne am Donnerstag. Aber in der Regel müssen auch beliebte Bands wie Sons of Morpheus, Basement Saints, Love Machine, Oracles oder

Cosmic Finger


Blackberries nach dem dritten Gig in Folge die Bühne erst einmal räumen für neue Mental Power. Diese letztlich für den Herzberg typische Mischung aus Tradition und Innovation verschafft der Mental Stage ihre Stammgäste. »20, 30 Gesichter sind seit zehn Jahren da, und es gibt einige Leute, die mir jedes Jahr sagen, dass ihnen das Musikprogramm hier besser gefällt als auf den anderen Bühnen. Das nehme ich ihnen auch ab, das ist kein bloßes Rumgeschleime, sondern offenbar trifft es genau deren Nerv. Bei denen hat man wirklich das Gefühl, hier ist ihr Hot Spot in Freak City. Eine kleine eingeschworene Gemeinde, die sich auch schon vorher über die Bands informiert, die hier spielen.« Und es kann dann auch schon mal Gedränge geben. »Wir überlegen jedes Jahr aufs Neue, wo wir die Bühne hinstellen, weil wir teilweise Platzprobleme haben für die Zuschauer, die stehen dann nämlich komplett auf dem Hauptweg. Bei 3-400 Leuten ist es schon ziemlich voll, wenn da 500 stehen, ist Schluss. Mehr geht einfach nicht mehr. Bei Ginger kamen immer so viel, oder auch bei Love Machine, die sind seit zwei Jahren ein Geheimtipp. Dafür ist es ganz gut, wenn eine Band bei uns öfter mal auftritt, dann wissen die Leute schon, was sie erwartet.« Ein fester Zeitplan wird nötig, als die Mental Stage mit im Programmheft steht. »Davor hat auch mal jemand spontan angefragt, ob er nicht kurz auf die Bühne könne. Da ist dann zum Beispiel Klaus der Geiger vorbeigekommen und hat was gespielt. Das hatte auch seinen Charme, geht aber heute natürlich nicht mehr, weil wir komplett durchgetaktet sind.«


Ginger

Der nächste Professionalisierungsschub betrifft den Sound. Die Veranstalter spendieren eine eigene kleine Anlage nebst Mixer. »Ich hatte das bis dahin selber gemacht, hab das auch immer irgendwie hingekriegt, aber ich bin nun mal kein Tontechniker. In einem Jahr gab es eine achtköpfige Band mit einer Sitar und Bongos, das klang einfach grottenschlecht.« Kalb lacht schuldbewusst. »Seit einigen Jahren haben wir dafür einen echten Profi, ein richtiges Ass, der das hauptberuflich macht und auch mit großen Bands unterwegs ist. Unglaublich, was der da rausholt.« In der Folge rückt die Mental Stage zur dritten Bühne des Festivals auf und wird vor allem von der Underground-Psychedelic-Szene Deutschlands und der Schweiz belagert. »Jedes Jahr bekomme ich rund 200 Bewerbungen, obwohl es sich längst rumgesprochen hat, dass es keine Gage und keine Sonderbehandlung für die Musiker gibt. Also kein Catering, kein Backstage-Pass, keine Gage, nur einen Gästelistenplatz und ein paar Getränkemarken. Das macht das Buchen von Bands natürlich manchmal auch schwierig, solche Bedingungen sind nicht immer leicht zu vermitteln. Aber die Leute, die das kennen, schätzen es auch. Es ist nicht so abgehoben. Jeder kann zur Band gehen, mit ihr labern, das macht es etwas nahbarer. Das ist ein netter Aspekt.« Manu Kalb freut sich besonders darüber, dass es kein Konkurrenzdenken zwischen den freien Bühnen gibt. Man hilft sich gegenseitig mit Equipment, vermittelt Bands, allenthalben herrscht ein reger produktiver Austausch, der nicht mit dem Ende des Festivals einschläft. »Ich wohne ja in Düsseldorf, da hat sich eine kleine, feine Psychedelic-Szene entwickelt, die haben sich alle erstmals auf dem Herzberg getroffen. Das ist auch ganz schön, dass hier was entsteht, das auch darüber hinaus Bestand hat.«


Frank Schäfer, geboren 1966, lebt als Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker in Braunschweig. Er schreibt für taz, Neue Zürcher Zeitung, Rolling Stone u. a. Neben Romanen und Erzählungen erschienen diverse Essaysammlungen und Sachbücher.

since 1968

Dann trennen sich The Petards und für fast zwei Jahrzehnte kehrt Ruhe ein auf der Burg, bis Kalle Becker 1991 die Legende wiederbelebt. Das Burg Herzberg Festival trifft erneut einen Nerv und avanciert bald zum größten Hippietreffen in Europa. Wer wissen will, wie sich »Love, Peace & Music« in den späten Sechzigern angefühlt haben – näher als in »Freak City« kommt man dem nicht mehr. »Burg Herzberg Festival – since 1968« zeichnet die wechselvolle Geschichte dieser »Traditional Hippie Convention« nach. Selbstironisch, anekdotenreich, mit vielen Bildern und Illustrationen – und keineswegs nüchtern.

Mit einem Nachwort von Ulrich Holbein

ISBN 978-3-945715-68-0

Burg Herzberg Festival

Burdon weiß nur zu gut, wovon er spricht. Nach der Show bringt man ihn ins Hotel. Das hat sich für heute was besonderes ausgedacht und gegen Mittag ein Brunchbüfett aufgefahren. Die einschlägige Werbung zeigt Wirkung, der Speisesaal ist gut gefüllt mit Gästen aus der Umgebung, die sich mal wieder richtig mästen wollen. Schließlich kommt Eric Burdon aus seinem Zimmer, so erzählen es sich die Älteren in Fulda noch heute, ganz Rockstar, noch im Vollgefühl des nächtlichen Triumphes und vielleicht auch unter dem Einfluss der einen oder anderen kolumbianischen Spezerei und mischt sich für die erste Tasse Kaffee des Tages unter die Gäste. Bekleidet mit Cowboy-Hut, Stiefeln und Unterhose. Man muss sich den Spaß eben auch leisten können.

»Noch bevor ich mir überhaupt Gedanken machen konnte, wie ich wohl die Nacht verbringe, hatten mich schon Leute eingeladen, mit ihnen zu essen, zu feiern, zu musizieren und in deren Festival-Camp zu wohnen. Das waren die schönsten Hippie-Busse, die ich jemals gesehen hatte, und wir hatten wundervolle Tage auf dem Berg.« Stefan Wöhrle, Orange

Frank Schäfer

Now the only thing a gambler needs Is a suitcase and trunk And the only time he’s satisfied Is when he’s on a drunk

»Dies ist das Festival mit der schönsten Stimmung, die ich je erlebt habe.« Patti Smith

Die Geschichte des Burg Herzberg Festivals beginnt mit einem Bandwettstreit. Die Veranstalter The Petards wollen auf diese Weise ihr jährliches Fan-Club-Treffen aufwerten. Aber das Schicksal hat mehr mit diesem Ort vor. Binnen dreier Jahre wächst sich die provinzielle »Burg-Beat-Show« zu einem professionellen Festival von nationaler Bedeutung aus, das mit Can, Embryo, Amon Düül II, Guru Guru, Tangerine Dream und anderen so ziemlich alle maßgeblichen Bands des Krautrocks auf der Bühne versammelt.

39,90 (D)

Das sei eine Wahnsinnsversion von »House Of The Rising Sun« gewesen, erinnert sich Elmar Feuerstein. »Bei Sonnenaufgang. Einfach magisch. Keiner hätte gedacht, dass Eric Burdon noch in der Lage ist, eine solche Show abzuliefern. Vielleicht hat auch einfach der Moment gepasst. Die Magie. Die Freude darüber, dass es jetzt endlich weitergeht.« Wer die Veteranen nach ihren eindrücklichsten Erlebnissen auf dem Festival befragt – dieser Moment gehört immer dazu. »Das war für alle, die dabei gewesen sind, eine bleibende Erinnerung«, meint Ernst Liebich, Herzberggänger der ersten Stunde. »So was vergisst man nicht.«

»Nur einer war, voll stoned & betrippt, von der Polizei erwischt und temporär festgehalten worden, der Stuttgarter Pit. Er wurde gefragt: ›Wissen Sie eigentlich, was Sie hier tun?‹ Diese Frage hat ihn noch Jahre beschäftigt ...« Werner Pieper »Das ist das Erstaunliche, wie viel Spaß die Leute haben können unter widrigsten Umständen, wenn man sich darauf einlässt. Das finde ich gut am Herzberg. Man ist in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit. Und es spielt auch gar keine so große Rolle, wer da auftritt, man braucht nur diesen Rahmen drumherum. Und deshalb gehen die Leute auch da hin. Man ist entrückt.« Jochen Irmler, Faust »Es ist eine Art Übungscamp für alternatives Zusammenleben, ein Trainingslager für die andere, die bessere Welt. Woodstock war mal. Wie utopisch, wie chaotisch, wie un- oder politisch, das müssen die wissen, die dabei waren. Auch der Schlamm von Herzberg fällt von den Füßen, wenn er erst mal trocken ist. Aber irgendwas bleibt hängen. Und das ist zumindest auch politisch.« Volker Schmidt

Burg Herzberg Festival - since 1968  

Frank Schäfer: Burg Herzberg Festival - since 1968 (Leseprobe) (c) Verlag Andreas Reiffer 2018 www.verlag-reiffer.de

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Frank Schäfer: Burg Herzberg Festival - since 1968 (Leseprobe) (c) Verlag Andreas Reiffer 2018 www.verlag-reiffer.de

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