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Axel Klingenberg (Hg.)

Blau-Gelb-Sucht Ein Eintracht Braunschweig-Fanbuch

Leseprobe

reiffer

Edition The Punchliner

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Axel Klingenberg (Hg.) Blau-Gelb-Sucht Ein Eintracht Braunschweig-Fanbuch Umschlaggestaltung von Karsten Weyershausen unter Vewendung eines Fotos von Sergey Petermann/fotolia Satz/Layout: Andreas Reiffer Lektorat: Max Lßthke 1. Auflage, 2013, Originalausgabe Š Verlag Andreas Reiffer, 2013 Druck und Weiterverarbeitung: CPI books, Leck ISBN 978-3-934896-65-9 Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine www.verlag-reiffer.de www.facebook.com/verlagreiffer

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F端r Torsten Lieberknecht und die Aufstiegsmannschaft 2013. Und f端r die besten Fans der Welt.

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Inhalt

Anstoss von Axel Klingenberg .............................................. 6 Das goldene Zeitalter Gerald Fricke: Mein erstes Spiel 1978ff. ............................... 9 Lars Dobbertin: »Unsere Mannschaft ist in diesem Keller gewachsen!« ....................................................................... 14 Udo Muras: Wie der Hubertus-Hirsch aufs Trikot kam .......... 20 Matthias Heine: Eintracht, meine Wunde ............................. 24 Marc Wittfeld: Sozialisierung nach Verlängerung ............... 29 Frank Schäfer: Zwei zu Null .................................................... 32

Die schweren Jahre Marc Wittfeld: Der schönste Schlusspfiff aller Zeiten ........ 41 Christina Fröhlich: Mein erstes Spiel ...................................... 45 Peter Schanz: Ein Mann vom Fach ........................................... 47 Maximilian Burkhardt: Es gibt nur ein richtiges Derby ....... 48 Armin Burkhardt: Der Eintracht-Virus und die blau-gelben Krücken ....................................................... 52 Maximilian Burkhardt: Auswärts in Paderborn ...................... 55 Marc Wittfeld: Von Dedensen-Gümmer direkt zum Fußballgott ............................................................. 57 Armin Burkhardt: Saarbrücken? ............................................... 65 Peter Schanz: Noch ein Mann vom Fach ............................. 68 Marc Wittfeld: Zum Glück dann doch nicht Riddagshausen ... 70

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Das Comeback Till Burgwächter: Abteilung Rollentausch ............................ 74 Florian Arnold: Aus dem Tal der Tränen ........................... 81 Till Burgwächter: Lieber Knecht in Braunschweig ... .............. 84 Peter Schanz: Und noch ein Mann vom Fach ........................ 88 Jan-Heie Erchinger: Lars Schilling mit Brockenblick ............ 90 Roman Grussu: Eintracht ist mein Leben ............................. 97 Gerald Fricke: Mein erster Aufstieg nach 28 Jahren .............. 101

Kurvendiskussion Till Burgwächter: Dann geh doch nach drüben .................... 113 Roman Grussu: Frau Merz ........................................................ 117 Ole Schulz-Weber: Dein Gegner ist keine Gefahr ............... 118 Till Burgwächter: Kinderchöre an der frischen Luft ............ 124 Marc Wittfeld: Die dritte Halbzeit ........................................ 127 Maximilian Burkhardt: Einti und ich ................................... 130

Glossar von Axel Klingenberg ............................................. 136 Legenden .................................................................................... 156

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Lars Dobbertin

»Unsere Mannschaft ist in diesem Keller gewachsen!«

Wann genau ich mein erstes Spiel von Eintracht Braunschweig live im Stadion gesehen habe, kann ich heute nicht mehr erinnern. Mir jedes Detail aus der Vergangenheit zu merken, ist nicht meine Stärke. Die genaue Saison, der Name des Gegners, gar das exakte Ergebnis – Nebensache! Es ist doch auch einerlei, zu welcher Stunde man ein Mädchen das erste Mal geküsst hat. Am Ende zählt bloß, dass die Liebe entfacht ist. Meine Liebe zu Eintracht Braunschweig begann als Grundschüler in Veltenhof. Es waren noch die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und Grundsätzliches habe ich natürlich trotz allem nicht vergessen. Die ersten Spiele in der Bundesliga sah ich auf dem Schoß von Lutz Lochte, einem mittlerweile verstorbenen Freund meiner Eltern, der immer auf der Haupttribüne saß. Und ich erinnere auch den Kindergeburtstag von Tim Kilian, der in unserer Reihe im zweiten Haus wohnte (»Tim, was ist eigentlich aus Dir geworden?«). Er kam auf die glorreiche Idee, seine Feier nicht nachmittags im Kino oder bei McDonald‘s auszurichten, sondern abends: Mit zirka zehn Jungs besuchten wir am 10. Juni 1981 das Aufstiegsspiel gegen die Offenbacher Kickers. Schon von Weitem sahen wir das wunderschön leuchtende Flutlicht am dunklen Himmel über der Hamburger Straße und erlebten aus der Südkurve, wie Eintracht mit einem 2:0Sieg triumphal in die 1. Bundesliga zurückkehrte. Es war wahnsinnig aufregend und ich kam mir geradezu ein wenig rebellisch vor, weil wir am nächsten Morgen in der Grundschule eine Mathearbeit zu schreiben hatten und ich trotzdem abends Fußball im Stadion sah. (Ich muss einräumen, dass die anschließende Aufstiegsfeier komplett an mir vorbeirauschte. Gleich nach

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dem Schlusspfiff nahm ich – habe ich eben wirklich rebellisch geschrieben? – die Linie 14 und fuhr wegen der aus heutiger Sicht vollkommen überbewerteten Mathearbeit brav mit dem Bus zurück nach Veltenhof.) Apropos Veltenhof. Dieser unauffällige Stadtteil im Norden Braunschweigs war Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre Schauplatz einer der anrührendsten Episoden der gesamten Vereinsgeschichte unserer Eintracht – ein Wunder, dass bis heute kaum jemand davon erfahren hat und eine schöne Gelegenheit, endlich einmal über ein besonderes Kleinod aus der längst untergegangenen, romantischen Zeit des Profifußballs zu berichten. Mitte des Jahres 1974 erhielt die Familie von Karl-Heinz (»Charly«) Handschuh einen Anruf. Handschuh, der neue Mittelfeld-Regisseur der Eintracht, ein filigraner Techniker mit enormer Übersicht, war gerade vom VfB Stuttgart nach Braunschweig gewechselt und hatte in Veltenhof eine Wohnung in der grauen Hochhaussiedlung bezogen, die heute noch steht und damals, gerade frisch erbaut, als äußerst modern galt. Am anderen Ende des Telefons der örtliche Tischlermeister Heinz Quick, dessen Frau Jutta auch noch die Schlachterei nebenan betrieb. »Quick mein Name!«, sagte der Tischler, der die Nummer des BundesligaStars irgendwo besorgt hatte. »Sie werden mich nicht kennen! Ich vermute, Sie kennen kaum Leute hier. Wenn Sie mögen: Ich lade Sie zum Kaffeetrinken ein!« Handschuh willigte ein, und bald darauf entstand eine Freundschaft, die bis heute hält. »Es passte einfach sofort, wir haben uns gut verstanden«, sagt Handschuh heute, mit bald 40 Jahren Abstand. Doch beim Kaffeetrinken blieb es nicht. »Bald hatte Heinz Quick die Idee, sonntags bei sich im Keller einen Frühschoppen auszurichten.« Nur am allerersten Sonntag stand Quick mit Handschuh alleine am heimischen Tresen. Dann kamen weitere EintrachtSpieler. »Ich habe die anderen motiviert«, sagt Handschuh, »Ich habe Bernd Franke gesagt: ›Wir treffen uns sonntags bei Heinz Quick, möchtest du mal mitkommen?‹ Dem hat das dann auch gefallen.« Und bald waren noch andere im Keller versammelt: Franke, der Nationaltorwart, Wolfgang Dremmler,

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Wolfgang Grobe, Danilo Popivoda. Erstmal alle Profis, die wie Handschuh in Veltenhof wohnten. Veltenhof ! Das war damals wie ein Abenteuerspielplatz für junge Eintracht-Fans wie mich. An jeder Ecke wohnte tatsächlich einer unserer Stars. Nicht abgeschirmt hinter hohen Zäunen und mit bewaffneten Wachposten, nein, mitten unter uns. Popivoda – Mannheimstraße. Grobe – Dreisch. Handschuh – Leimenweg. Franke – Heidelbergstraße. Es war eine unserer Nachmittagsbeschäftigungen, an den Häusern und Wohnungen zu klingeln, um immer aufs Neue nach Autogrammen zu fragen. Bevorzugt schellten wir natürlich bei unserem Idol Bernd Franke, den sie den Adler nannten, und fragten seine Frau Hedi, die meistens leise die Tür öffnete, nach Karte und Unterschrift. Der Stoß meiner gesammelten Franke-Autogrammkarten, die ich mir so im Laufe der Zeit zusammengesammelt hatte, war gewaltig und dürfte die Dicke sämtlicher bisher erschienenen Eintracht-Vereinschroniken kaum wesentlich unterschreiten. Franke, Dremmler, Handschuh, Grobe, Popivoda. Sie waren das Gerippe der Eintracht und die erste Stammbesetzung beim Frühschoppen am Sonntag. Später kamen weitere Spieler hinzu, aus der Stadt und anderen Vororten: Friedhelm Haebermann, Dietmar Erler, Frank Holzer, Peter Lübeke, Wolfgang Grzyb, manchmal auch der Schwede Hasse Borg. »Wir waren jeden Sonntag bei Heinz«, sagt Handschuh. »Wirklich jeden Sonntag.« Morgens gingen die Profis nach ihren Bundesligaspielen zur Massage oder zum lockeren Auslaufen ins Stadion. Danach fuhren sie nach Veltenhof. »Man konnte sich da aussprechen, wir haben alles auf den Tisch gebracht«, sagt Handschuh. »Was am Samstag gut gelaufen war, was nicht so gut. Und was wir besser machen können.« Der nächste Bundesligaspieltag wurde getippt, Einsatz für jeden eine D-Mark. Und die aktuelle Form der kommenden Gegner diskutiert. Die Marotten des Trainers und der neuste Klatsch aus der Kabine. »Sie kennen doch die Sendung Doppelpass im SportFernsehen«, sagt Handschuh heute. »Im Prinzip war unser Stammtisch ein Vorläufer davon. Einer hat etwas reingeworfen

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und dann hat man darüber diskutiert.« Bloß ohne Journalisten und Kameras wie heute – rein privat und mit ein paar Gläsern Wolters Pilsener aus dem Zehn-Liter-Fass von Heinz. Undenkbar ist so etwas in der heutigen Welt des Profifußballs, in dem die Spieler ständig hin- und herwechseln und sich selten eine echte Gemeinschaft ergibt. »Heute verstehen sich in einer Mannschaft immer höchstens zwei, drei Leute. Nach dem Training fährt jeder in eine andere Richtung, alle haben unterschiedliche Interessen«, sagt Bernd Franke, zwischen 1971 und 1985 bei Eintracht und bis heute das Braunschweiger FußballIdol. Bei Eintracht war es Mitte der Siebziger, dieser besonderen Zeit der Vereinsgeschichte, so: »Montags sind wir direkt nach dem Nachmittagstraining rüber zum Gemütlichen Conni am Neustadtring und haben dort unser Hähnchen gegessen. Da waren von 18 Vertragsspielern, die wir damals hatten, mindestens 14 dabei. So lerntest du deine Kollegen richtig kennen. Da hat man vom anderen auch mal erfahren, wenn ihn was bedrückt«, sagt Franke. »Und dann wusstest du, warum er vielleicht gerade nicht so gut drauf ist. Wenn du jemanden aber nur fünf Minuten vor dem Training siehst, ist das anders.« Montags bei Conni und sonntags bei Heinz, der am Zapfhahn stand und Bier nachschenkte. »Jeder hat zwei Gläser getrunken. Es wurde nie ein Besäufnis, mittags um halb eins war Schluss. Dann gingen alle zu ihren Familien«, sagt er. Sein kleiner Partykeller ersetzte die Kabine im Stadion, in der sich Mannschaften gewöhnlich aussprechen und die Köpfe heißreden. Bei Eintracht fielen die Gespräche dort nach dem harten Training unter Branko Zebec eher kurz aus. Aber an jedem Sonntag traf sich der harte Kern im kleinen Keller mit den tiefen Decken. »Branko hat mal im Spaß gesagt: Die Mannschaft wird ja da unten aufgestellt«, sagt Quick. »Die Mannschaft ist auch im Keller von Heinz gewachsen«, meint Franke. Die schönsten Geschichten kamen auf den Tresen zwischen Bierdeckeln, ein paar Gläsern Salzstangen und höchstens mal einem kleinen Schnaps. Wie der jugoslawische Wunderstürmer

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V.l.n.r.: Karl-Heinz Handschuh, Wolfgang Dremmler, Bernd Franke und Harald Aumeier (Foto: privat)

Danilo Popivoda im Winter-Trainingslager im Reitlingstal bei Zebec auflief und in gebrochenem Jugo-Deutsch flehte: »Trainer, ich bitte nicht mehr bei Adler schlafen. Das ist wie Sibirien!« Franke, Spitzname Adler, war auf einem Zimmer mit dem Dribbler untergebracht und pflegte selbst bei Minusgraden das Fenster aufzureißen, damit frische Luft hereinkam. »Einmal«, sagt Franke, »kehrte ich vom Mittagessen zurück, und da lag Popivoda mit Parka in seinem Bett.« Oder der Zwist mit Paul Breitner, der 1977 tatsächlich von Real Madrid zu Eintracht gewechselt war. Ein Eigenbrötler vor dem Herrn, dieser Breitner, der ständig den Superstar mimte und immer absichtlich aus der Reihe tanzte. Sollte die Mannschaft im Trainingsanzug erscheinen, zog er todsicher Freizeitsachen an. War Freizeitoutfit vorgeschrieben, erschien Breitner im Trainingsanzug. Überflüssig zu erwähnen, dass er nicht ein einziges Mal beim Stammtisch in Veltenhof erschien. Die Storys aber kreisten in diesem einen Jahr sehr wohl um ihn, bevor er 1978 Braunschweig frustriert verließ und zu Bayern München weiterzog. »Wir hatten 1:2 in Bremen verloren«, erinnert sich Franke. Er war von Werder-Verteidiger Hartmut Konschal kurz vor Schluss mit einem Schuss in den Winkel überrascht worden. In der Dusche nach dem Spiel lästerte Breitner für alle hörbar: »Ja, im Training, da köpft er solche Dinger raus.« Seine Mitspieler Grobe und Dremmler stupsten Franke an: »Hast du das gehört?« Franke sagte nichts. Er wusste: Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Und die

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gab es erst beim Schusstraining am Dienstag. »Immer wenn der Breitner dran war, habe ich seine Bälle rausgeköpft. Selbst wenn er flach geschossen hat, bin ich mit dem Kopf hingegangen«, sagt Franke. »Dem Breitner ist bald der Schnäuzer runtergefallen.« Eine hübsche Tresen-Geschichte für den folgenden Sonntag bei Heinz im Keller. »Was bist du nur für ein Hund, Adler«, lachten Grobe und Dremmler und prosteten ihm zu. Zehn Jahre lang stand die Frühschoppen-Runde im Veltenhöfer Keller fest zusammen. Sie erlebte die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte nach dem Meistertitel 1967: Beinahe wäre 1977 sogar die zweite Deutsche Meisterschaft geglückt, und das mit atemberaubenden Fußball unter Trainer Zebec. Im September 1977 schaltete Eintracht in zwei legendären UEFA CupSpielen die damalige Übermannschaft von Dynamo Kiew aus. 1985 war alles vorbei. Eintracht war, von Jägermeister-Chef Günter Mast fast zu Tode gespart, zum dritten Mal in die zweite Liga abgestiegen. Der Schwabe Karl-Heinz Handschuh hatte unseren Verein nach sechs Jahren 1981 verlassen. Aber auch ohne seinen Gründervater bestand der Stammtisch noch vier Jahre fort. Dann beendete auch »Adler« Franke nach 14 Jahren Vereinstreue seine Fußballkarriere und ging zurück ins Saarland. Eine glorreiche Epoche unserer Eintracht ging unter blaugelben Tränen zu Ende. »Wir haben alle geheult, als es vorbei war«, sagt Tischler Quick. In seinem Keller hängt noch heute ein Eintracht-Wimpel, der Rest sind Erinnerungen an untergegangene, aber niemals verblassende Tage. Ich selbst war in diesen legendären Zeiten als Grundschüler ein einziges Mal Gast beim Eintracht-Stammtisch gewesen. Mein Vater hatte mich mitgenommen, als Quick ihn sonntags als Freund dazu gebeten hatte. Im Getümmel erspähte ich plötzlich unser Idol, und mein Vater arrangierte eine persönliche Begrüßung. Schüchtern streckte ich meine kleine Hand nach oben. Mein Herz schlug laut und außer Takt, als sich der Torwart zu mir herunterbeugte. Franke – mein Adler – sagte: »Du darfst Onkel Bernd sagen.«

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Armin Burkhardt

Der Eintracht-Virus und die blau-gelben Krücken

Wenn man einmal von dem Eintracht-Virus befallen ist, hat man sein Leben lang das Blau-Gelbfieber, und man wird fußballverrückt. Infiziert habe ich mich Mitte der 70er Jahre, als ich – zum Studium nach Braunschweig gekommen – der Handballabteilung beitrat und ab und zu Freikarten für die Südkurve bekam (so etwas gab es damals noch!). Deutliche Symptome des blau-gelben Virus zeigten sich bei mir am 28. Mai 2005. Zwei Wochen zuvor hatte ich mich in der Uniklinik Magdeburg am Knie operieren lassen müssen. Eintracht spielte noch in der Regionalliga Nord, die damals eine der beiden 3. Ligen war. Obwohl unsere Mannschaft nur auf Platz 3 lag, herrschte in Braunschweig mal wieder Aufstiegseuphorie. Bei mir natürlich auch. Und als am Tag nach der Operation ein Pfleger in mein Zimmer kam und mich fragte, was für Gehhilfen er für mich bringen sollte, antwortete ich spontan: »Eine blaue und eine gelbe.« Ich war selbst überrascht, als er nach einer halben Stunde wieder in mein Zimmer kam und mir eine blaue und eine gelbe Krücke übergab, mit deren Hilfe ich mich ein paar Wochen lang würde fortbewegen müssen. Eintracht verlor auswärts gegen Pauli und gewann zu Hause gegen Union. Die Euphorie nahm zu. Aber immer noch lag Eintracht hinter den Paderborner Möbeltischlern und dem VfB Lübeck auf Platz 3, und nur die ersten beiden Tabellenplätze würden zum Aufstieg berechtigen. Der vorletzte Spieltag musste die Entscheidung bringen: Sekt oder Selters. Halb Braunschweig setzte sich mit Zug, Bus oder Auto in Bewegung nach Paderborn. Am 28. Mai 2005 herrschte Kaiserwetter: blauer Himmel und Temperaturen um 35 Grad. Ich setzte mich morgens in

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mein Auto, und schon auf der Tangente begegneten mir blaugelb dekorierte Autos voller Fans. Auch die A2 war fest in blaugelber Hand. Man überholte sich, hupte sich freudig an oder winkte einander zu. Unterwegs legten viele auf dem Rastplatz mit dem zum Anlass sehr passenden Namen »Löwenburg« einen Zwischenstopp ein, zumeist um sich die Beine zu vertreten und (wie ich damals noch) eine Zigarette zu rauchen. Dann ging es in blau-gelber Kolonne weiter nach Paderborn, wo man auf den Stadionparkplatz geleitet wurde. Der war zwar extrem staubig, aber besetzt von Blau-Gelb. Auch mein Sohn, der mit seinen Freunden im Zug anreiste, war inzwischen dort angekommen. Das (wieso eigentlich?) nach dem Heidedichter Hermann Löns benannte Stadion im Stadtteil Schloß Neuhaus, in dem damals noch gespielt wurde, lag weit ab vom Parkplatz, mehr oder weniger im Wald, und man musste etwa einen Kilometer weit gehen, um dorthin zu gelangen. Für jemanden, der Thrombosestrümpfe tragen, Medikamente nehmen und mit Krücken gehen muss, war das bei der Hitze natürlich eine erhebliche Anstrengung. Aber was tut man nicht alles, wenn es ums Ganze geht. Das Stadion muss mit 10.200 Zuschauern annähernd ausverkauft gewesen sein und war gefühlt zu mehr als der Hälfte in blau-gelber Hand. Die Sonne sandte ihre sengenden Strahlen auf unsere Stehplätze herab, und das lange Stehen mit den Krücken war eine echte Herausforderung. Auf den Tribünen wurde es so heiß, dass mehrere Zuschauer kollabierten und von den Sanitätern abtransportiert und versorgt werden mussten (ein bisschen schwummerig wurde mir manchmal auch). Trotzdem war der Braunschweiger Support lautstark und unüberhörbar. Er beflügelte das Team. Schon nach 15 Minuten erzielte Ahmet Kuru das 0:1 – genaue Einzelheiten waren von der gegenüberliegenden Kurve aus leider nicht zu erkennen. Nach seinem zweiten Treffer war der blau-gelbe Jubel unbeschreiblich und die Paderborner Fans wurden immer stiller. Nach der Pause erzielten die Ostwestfalen zwar per Foulelfmeter noch den Anschlusstreffer, aber Daniel Graf machte in den 77. Minute per

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Köpfchen alles klar. Riesiger Jubel bei Blau-Gelb – wobei mich mein Sohn und seine Freunde ständig davor schützen mussten, im allgemeinen Trubel versehentlich umgerempelt zu werden. Schon auf dem Weg zum Stadion hatten wir die geschmückten Pferdewagen gesehen, mit denen wohl die Paderborner Spieler nach erfolgreichem Aufstieg durch die Stadt gefahren werden sollten. Vor allem Kuru hat ihnen durch seine beiden Tore einen Strich durch diese Rechnung gemacht (aber gehässig sind wir ja nicht). Nach diesem Spieltag war Eintracht auf Platz 1 und gab diese Position auch am letzten Spieltag durch ein schwer erkämpftes 3:2 gegen Arminia Bielefeld II nicht mehr ab. Der Aufstieg 2005 war geschafft – und wir vom Eintrachtvirus infizierten Fans hatten nicht unwesentlich dazu beigetragen. Ach ja: Auch die Paderborner stiegen auf, aber wen kümmert(e) das an der Oker schon. PS Als ich dies schrieb, musste ich gerade nach einer erneuten Knieoperation wieder meine blau-gelben Krücken benutzen, auch ins Stadion. Und wieder wurde der Aufstieg geschafft – diesmal sogar in Liga 1! Ich hoffe, die Krücken haben nun für immer ausgedient.

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Till Burgwächter

Dann geh doch nach drüben

»Dann geh doch nach drüben« war in Braunschweig und Umgebung jahrzehntelang ein beliebter Satz, der immer dann zur Anwendung kam, wenn sich jemand über die Gegebenheiten vor Ort aufregte. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen teilt die Mauer die Republik zwar nicht mehr in Deutschland und Zonenrandgebiet; aber nach drüben können wir Braunschweiger immer noch gehen. Denn schlimmer als die Südfruchtwüste im Osten ist bekanntlich der Nachbar im Westen, der sich nicht nur anmaßt, Landeshauptstadt zu sein, sondern in den letzten Jahren auch noch erfolgreicher Fußball spielt als die einheimischen Löwen. Als Blau-Gelber kann man sich natürlich mit der Tatsache trösten, dass die Rothosen bei den wirklich wichtigen Dingen bisher immer das Nachsehen hatten (Vereinsgründung 1895 plus 1, Bundesligaaufstieg erst 1964, pah!) und sich die Sache schon wieder von alleine einrenken wird. Oder man setzt sich Schlapphut und Sonnenbrille auf, schlägt den Mantelkragen hoch und mischt sich undercover unter die feindliche Mischpoke, um zu schauen, ob sich die Jahrhunderte währende Apathie wirklich noch lohnt. Ein Selbstversuch am Rande des Wahnsinns. 15. Dezember Habe mir kurz vor dem Fest eine Wohnung in Linden besorgt. Blau-gelbe Tapeten, als Türklingel das Brüllen eines Löwen, wenn ich die Klospülung ziehe, ertönt »Zwischen Harz und Heideland«. Dachte immer, die wohnen hier im MöchtegernKönigreich in Höhlen, stimmt aber nicht ganz. Na ja, in Linden größtenteils schon, aber ich will ja auch ganz tief rein in die stinkende Kanalisation der feindlichen Seele. Die Nachbarn

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scheinen jedenfalls ganz nett zu sein, ich habe noch keinen getroffen. 24. Dezember Erlaube mir eine kurze Auszeit, um die Feiertage im Kreise normaler Menschen zu verbringen. Endlich wieder Straßenschilder, die einen Sinn haben. Und hier schlägt die Kierchturmuhr auch wieder ölf. Schön! Ob ich mir mit meinem Experiment am Ende zu viel zugemutet habe? 9. Januar Zurück im Land der Trolle. War bei REWE einkaufen (den gibt es hier auch). An der Kasse schaut mich ein amöbenartiges Wesen dreist aus schlimm umtuschten Augen an und verlangt für die gebunkerten Lebensmittel 18,96 Euro. Bin ich enttarnt? Ich schmeiße ihr einen Zwanziger entgegen und verlasse fluchtartig den Laden. 16. Februar Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass sich zwischen den grauen Überresten dessen, was vielleicht mal ein Wohnviertel gewesen sein mag, Menschen mit grün-weißen Schals gen Straßenbahnhaltestelle bewegen. Die Winterpause ist vorbei, in der Bundesliga rollt wieder der Ball. Ich überlege kurz, ob ich mich in die Nähe des Stadions begeben soll, um Beobachtungen zu tätigen, aber so weit bin ich noch nicht. Mein Stress-Herpes könnte mich verraten. Koche mir einen Kakao und hoffe, dass Nürnberg sein Auswärtsspiel in Niedersachsen heute gewinnt. 28. März Mittlerweile ganz gut eingelebt, wenn man das so sagen kann. Die Dichte von Verrückten auf 100 Einwohner macht mir aber immer noch zu schaffen. Hier scheint wirklich jeder zweite Passant kurz vor der Entmündigung zu stehen. Sind wahrscheinlich die Langzeitfolgen, wenn man sich zu lange im preußisch-

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englischen Einflussgebiet aufhält. Hoffentlich trage ich keine Folgeschäden davon! 2. April Habe mich direkt vor die Arena gewagt, dieses unsymmetrische Ei mit Überrollbügel, das (noch) den Namen dieses sympathischen Finanzdienstleisters trägt. Die »Fans« trinken kein Bier, sondern Lindner, Herrenhäuser oder Gilde und strömen schwatzend auf die Eingänge zu. Was für ein Volk. Der heutige Gegner heißt TSG 1899 (haha) Hoffenheim. In welchen Block soll man sich denn da stellen? Beschließe, wieder in meine Wohnung zu gehen und die neuesten Statements von Martin Kind zu studieren. Der Mann mit dem ausgehängten Unterkiefer steht ja seit langem auf dem Lohnzettel von Eintracht Braunschweig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum der Präsident eines Clubs seine eigenen Anhänger in schöner Regelmäßigkeit beschimpft. Zum Beispiel, weil sie eine Flagge mit dem Konterfei des Massenmörders Fritz Haarmann hochhalten. Er selbst ist allerdings Ehrenmitglied des Fanclubs »Rote Reihe«. Wo die wohl ihren Namen her haben? Kleiner Tipp, Herr Kind: nicht von der SPD. 14. Mai Heute muss es sein, ich muss in die Höhle derer, die die Löwen hassen. Sonst sind meine Forschungen nicht vollständig und damit wertlos. Als Gegner steht der SC Freiburg parat, eine unverfängliche, wo nicht sogar irgendwie sympathische Truppe, in deren Reihen man es sich vorübergehend gemütlich machen kann. Schon kurz nach dem Einlass reibe ich mir verwundert die Augen. An den Getränkebuden verlangt man kein Geld, sondern die sogenannte Arena-Karte, die man aufgeladen erwerben kann, um sie dann leer zu saufen. Tausche Bargeld gegen Plastikkarte gegen Bier gegen Geld bei Rückgabe der Karte. Tolles System, macht den Kaufvorgang nach §433 BGB deutlich einfacher. Die Stimmung im Stadion ist okay, für eine graue Maus der Bundesliga. Wegen mir könnte man Oli Pocher noch

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häufiger verhöhnen. Nach dem 0:2 für Freiburg wird es endlich etwas ruhiger. Muss mir das Grinsen auf dem Weg nach Linden verkneifen. 23. Mai Die Saison ist vorbei, die Roten haben sich durch irgendwelche Hinterzimmertricks wieder in den Europacup geschmuggelt. In Linden tanzen nackte Landstreicher mit Punks, Schäferhunden und schlimm geschminkten Supermarktkassiererinnen durch die Straßen um Herrenhäuser-Fontänen herum und grölen dabei etwas von »96« und »alter Liebe«. Igitt! Vielleicht habe ich das aber auch nur geträumt, weil ich bei den Renovierungsarbeiten in meiner Übergangsbaracke zu viele Lösungsmittel eingeatmet habe. Jedenfalls sieht das Loch jetzt wieder aus, wie es sich für Linden gehört, und ich darf nach Hause. Als Fazit meiner Untersuchungen halte ich fest: Die Landeshauptstadt Niedersachsens ist immer eine Reise wert. Denn es gibt nichts Schöneres als die Ortseingangsschilder dieser Stadt, die im Rückspiegel langsam immer kleiner werden.

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Fußballfans

Ein Beitrag zum Verständnis von A bis Z

Habe ich die freie Wahl bei meiner Lieblingsmannschaft? Muss ich jedes Lied mitsingen? Wie werde ich ein Ultra? Stehen oder sitzen? Und wer ist eigentlich der Typ auf dem Zaun, der andauernd ins Megaphon brüllt? Dieses Buch kennt die Antworten. Dazu enthält es neben unerlässlichen Verhaltensregeln fürs Stadion viele nützliche und spannende Tipps und Informationen rund um das Thema Fußballfans. »Max Lüthke vermittelt auf unterhaltsame Weise Hintergrundwissen zu Kurve und Co. und verrät, wie Fans eigentlich so ticken.« Stadtkind Hannover Max Lüthke: Fußballfans 96 S., ISBN 978-3-934896-36-9, 7,95 EUR

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Döner mit Braunkohl und Bier Das Braunschweig-Buch

Wilhelm Raabe verspottete Braunschweig einst, indem er es in »Bumsdorf« umtaufte. Axel Klingenberg greift diesen Spott auf und lässt Urmenschen im Zeitraffer zu echten Braunschweigern heranreifen. Am Ende haben sie alles, was sie brauchen: die Eintracht, den Karneval und ein Schloss zum Shoppen. »Ein böses Buch, ein despektierliches Buch? Auch das (...) Am Ende der Lektüre wird einem einiges klar. Klingenberg und sein Buch – er schrieb es aus Liebe.« Braunschweiger Zeitung Axel Klingenberg: Döner mit Braunkohl und Bier 120 S., ISBN 978-3-934896-73-4, 10,00 EUR

Eintracht und Zwietracht Braunschweiger Geschichten

Braunschweiger Schriftsteller verraten die letzten Geheimnisse über die Metropole an der Oker. Mit Beiträgen von Till Burgwächter, Luc Degla, Hartmut El Kurdi, Gerald Fricke, Uli Hannemann, Axel Klingenberg, Holger Reichard, Wiebke Saathoff und Frank Schäfer. »Als ich in der Latenzperiode war, hielt ich alle Mädchen für doof und Braunschweig für eine riesige Stadt.« Holger Reichard Axel Klingenberg (Hg.): Eintracht und Zwietracht 120 S., ISBN 978-3-934896-31-1, 9,90 EUR

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Leseprobe aus: Axel Klingenberg: Blau-Gelb-Sucht Ein Eintracht Braunschweig-Fanbuch Verlag Andreas Reiffer, 2013

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