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Hausmitteilung Dezember 2016

EIN

GESCHICHTE

Als vor hundert Jahren die Zarenherrschaft zu Ende ging, dauerte es nicht lange,

bis eine kleine, zu allem entschlossene Gruppe die Macht in Russland eroberte und sie nicht mehr aus den Händen gab. Die Oktoberrevolution von 1917 wurde zu einem Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts. Bald strahlte das sowjetische Experiment auf die ganze Welt aus, und auch die Massenmorde der Stalin-Zeit änderten nichts an dieser enormen Wirkung. In der Konkurrenz der beiden globalen Machtsysteme musste erst ein Menschenalter vergehen, ehe der von den USA geführte Westen den Sieg davontrug – ein Erfolg der Demokratie, aber eine schwere Demütigung für das sowjetische Imperium, das die Welt einst mit dem „Sputnik“-Schock verblüffte und den Sozialismus in viele Länder exportierte. Nicht wenige im heutigen Russland glauben, dass sie nach der epochalen Niederlage noch etwas gutzumachen haben. Klußmann in Lenins Arbeitszimmer

GESPALTENES LAND, EINE ZERRISSENE GENERATION

Dieses Heft schlägt den Bogen von den Bolschewiki bis zu Wladimir Putin. Das

Konzept und mehrere Beiträge hat Uwe Klußmann verfasst, der sich seit Schüler- und Studententagen mit sowjetischer Geschichte beschäftigt und von 1999 bis 2009 als SPIEGEL-Korrespondent in Moskau gearbeitet hat. Auch mithilfe russischer Quellen zeichnet er nach, wie Stalin sich vom marxistischen Revolutionär zum Imperator wandelte, der an Traditionen anknüpfte, die bis zurück zu Iwan IV. („der Schreckliche“) reichen (siehe Seite 64). Besucht hat Klußmann jetzt auch den Ort, wo Staatsgründer Lenin seine letzten Jahre verbrachte, Gorki Leninskije, südlich von Moskau. „In dem ehemaligen Gutshof lebte Lenin mit wenigen Vertrauten und vielen Büchern fern des Volkes“, sagt Klußmann. Heute befindet sich dort ein gut ausgestattetes Museum.

Klappenbroschur mit farbigen Abb. 336 Seiten | € 16,99 [D] Auch als E-Book erhältlich

Viele der Politiker, die ein neues Russland

schaffen wollten, hat Christian Neef als SPIEGEL-Reporter kennengelernt. Mit Anatolij Tschubais war er unterwegs, als die Ausgabe der sogenannten Voucher zur Privatisierung der Staatsindustrie begann (siehe Seite 120). Er traf Jegor Gaidar, den ersten Regierungschef des neuen Präsidenten Boris Jelzin, ebenso wie Boris Nemzow, den Gouverneur von Nischni Nowgorod, der später zum ersten Vizepremier aufstieg, und Boris Beresowski, den bedeutendsten Oligarchen jener Zeit. Gaidar wehrte sich gegen den Vorwurf, er habe die Russen mit seiner Schocktherapie in die Armut gestürzt. „Der Schock hat eben gerade gefehlt“, Neef 1992 in Moskau erläuterte er Neef unter großem Bedauern. Und Beresowski erzählte, wie er Jelzin mit seiner Medienmacht 1996 zur Wiederwahl verhalf. Später hievte er Putin ins Amt. Viele von Jelzins Reformern sind tot – Beresowski hat sich im Londoner Exil wohl erhängt, Nemzow wurde in Moskau erschossen, Gaidar starb mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt. Tschubais dagegen, obwohl mehrmals Ziel von Attentaten, hat überlebt.

SPIEGEL GESCHICHTE

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3

Viele junge Russen sind hin- und hergerissen zwischen Ost und West, zwischen der Sehnsucht nach einem starken Führer und dem Traum von einem freien Leben. SPIEGEL-Korrespondent Benjamin Bidder hat ganz unterschiedliche Vertreter dieser »Generation Putin«, junge Männer und Frauen, die die Sowjetunion nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen, über Jahre begleitet. Er zeichnet ein überraschend anderes Bild des heutigen Russlands – und zeigt, wie eine Generation sich aufmacht, ihr Land zu verändern.

www.dva.de


Inhalt

16

40

Dem Anführer der bolschewistischen Partei gelang es 1917, die Energie der vielen Unzufriedenen populistisch für den Umsturz zu bündeln.

Die Malerei in der Sowjetunion wandelte sich mit der Gesellschaft. Zunächst war Avantgardistisches gefragt, dann Heldenkult.

Wladimir Lenin im Mai 1919 in Moskau

6

Geschichte in Bildern

Ölgemälde „Die Weltraumeroberer“ von Alexander Deineka, 1961

46

Sowjetische Plakate

Mit kühler Vernunft setzten Marxisten wieder auf Marktwirtschaft

Ein Reich wird rot

16

„Russland aus den Angeln heben“ Die Bolschewiki verwandelten Russland in einen neuen Staat

24

26

50

53

54

32

Zwischen Moskau und Berlin

57

Seit hundert Jahren ist die Ukraine hin- und hergerissen

Sowjetische Experimente

40

Im Zeichen des schwarzen Quadrats Nach der Revolution schufen Künstler die aufregendsten Avantgardewerke der Welt

4

58

72

75

76

Nackt im Glockenturm Im Gulag litten Millionen

80

Schuften und lächeln Die Diktatur modernisierte den Alltag

„Im Land meiner Träume“ Dokument: Erich Honecker begeisterte sich für das neue Moskau

84

Utopie aus Stahl

88

„Die Seele umpflügen“

„Stalins Name ist auf allen Lippen“ Dokument: André Gide über enttäuschte Hoffnungen

„Ingenieure der Seele“ Heroismus war Leitlinie der Literatur

Ein Bild: Die sozialistische Musterstadt Magnitogorsk

60

Herrschaft des Hungers Die Kollektivierung führte zu bitterer Not

Der einsame Volkstribun Leo Trotzki, der eisenharte Kommandeur der Roten Armee, scheiterte mit seinem Machtanspruch

Jahrelang verwüstete ein Bürgerkrieg das riesige Reich

Leben im Führerstaat Der letzte freie Leser Stalin setzte sich durch als Autodidakt und Gewaltherrscher

„Das Kollektiv erziehen“ Anton Makarenko erprobte Pädagogik für traumatisierte und kriminelle Kinder

Land in Blut und Feuer

64

Sex wie Wasser Alexandra Kollontai warb für freie Liebe

Kriegsgefangene für Lenin Auch viele Deutsche waren bei der Revolution dabei

„Bereichert euch“

Aus dem Negativ gekratzt Ein Bild: Rote Fahne über dem Reichstag

90

Das sowjetische Kino sollte vor allem der Volkserziehung dienen

SPIEGEL GESCHICHTE

„Die Revolution hat viele fasziniert“ Gespräch mit dem OsteuropaHistoriker Jörg Baberowski

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100

124

Chruschtschows Verurteilung seines Vorgängers Stalin erschütterte die sozialistische Welt und beflügelte Rebellen.

Die imperiale Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin imponiert vielen Russen, auch jungen Leuten, weil sie ihren Nationalstolz stärkt.

Ungarische Aufständische zerstören eine Stalin-Statue, 1956

Aufbruch und Zerfall

96

100

116

120

„Chruschtschow muss weg“

Im Galopp zum Kindergarten

124

Die Gleichberechtigung der Frau blieb Theorie

107

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110

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Stolz auf das Erreichte Leonid Breschnew träumte vom Wohlstand für alle

Gute Kämpfer, böse Kämpfer Essay des Historikers Jochen Hellbeck über postsowjetische Identitäten in Russland und seinen Nachbarländern – und die Schwierigkeiten, aus der Vergangenheit zu lernen

3 Hausmitteilung; 137 Buchempfehlungen / Impressum; 138 Vorschau/Credits

Der Kreml-Bonaparte

„Ich habe das Parteibuch immer noch“ Dokument: Putins kritische Sicht auf Lenin ist in Russland umstritten

„Lüge, Lüge, Lüge“ Dokument: Alexander Solschenizyn über die inneren Widersprüche des Systems

134

Wladimir Putin zeigte sich als Feldherr und schuf mit fragwürdigen Mitteln einen starken Staat

Bolschewikin im Ballkleid Jekaterina Furzewa war als Kulturpolitikerin populär

Kontrollverlust in Moskau Präsident Boris Jelzin ließ eine chaotische Privatisierung zu und machte sich von Oligarchen abhängig

Dokument: Unruhe in der DDR nach der Geheimrede

104

Der Sterbehelfer Michail Gorbatschow meinte es gut mit seinen Landsleuten, aber er scheiterte tragisch und wird heute gehasst

„In die Fresse“ Der mutige Reformer Nikita Chruschtschow war ein Grobian

103

Rückkehr des Imperiums

„Piep, piep, piep“ Der „Sputnik“-Flug ins All verblüffte die Welt

Junge Russin mit T-Shirt-Slogan „Ich will Putin“

132

Botox und Kokain Ein Bild: Protz in Moskau, der neuen Hauptstadt der Milliardäre

SPIEGEL GESCHICHTE

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Stalin, Lenin, Putin Collage: DER SPIEGEL

Kontakt: info@spiegel-geschichte.de

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ROTGEFÄRBT

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Die kommunistische Ideologie durchdrang in der Sowjetunion alle Lebensbereiche. Oft ging es um schlichte Verbesserungen im Alltag, aber natürlich auch um Personenkult oder Kriegspropaganda.

Josef Stalin ließ sich als Fortsetzer der Ideen von Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Lenin darstel-

len, so auf diesem Plakat von 1936 mit der Parole: „Höher das Banner von Marx, Engels, Lenin und Stalin!“

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1

2

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1 Die Sowjetmacht propagierte das Lesen. Für „Bücher aller Wissenszweige“ wirbt auf diesem Plakat von Alexander Rodchenko die Schauspielerin Lilja Brik, Freundin des Dichters Wladimir Majakowski.

2 Plakatwerbung für den dokumentarischen Spielfilm „Oktober“ des Regisseurs Sergej Eisenstein von 1928, der Ereignisse der Oktoberrevolution realitätsnah inszenierte. 3 Werbeposter des Unternehmens „Mospoligraf“ in Moskau, das Bleistifte herstellte, 1928.

3

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1 Mit der Losung „Unter dem Banner

2 „Jetzt kommt Wrangel an die Reihe“

Lenins für den sozialistischen Aufbau“ warb der konstruktivistische Künstler Gustav Klucis für die Industriealisierung. Klucis wurde 1938 unter dem fingierten Vorwurf, er sei Mitglied einer terroristischen Organisation, in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. 1956 wurde er posthum rehabilitiert.

heißt es auf dem Plakat aus dem Bürgerkrieg, das 1919 zum Kampf gegen den adligen General Pjotr Wrangel anstachelte. 3 „Es leben die Artilleristen und Mi-

nenwerfer der Roten Armee!“ – das Plakat des staatlichen Kunstverlags von 1944 zeigt Stalin als Feldherrn.

2

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1 Mit Sport sollte sich der Sowjetbürger stählen. Ein Werbeplakat des Künstlers Alexander Deineka mit der Parole „Kolchosbauer, werde Sportler“.

2 Ein Aufruf des Künstlers El Lissitzky von 1931 zum Wintersport in den Sperlingsbergen am damaligen südwestlichen Stadtrand Moskaus.

3 Der Staat propagierte einen gesunden Lebensstil: „Nein!“ zum Wodka, 1954.

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Die Propaganda versuchte im Kalten Krieg zugleich die Luftwaffe zu rühmen als auch Kinder für die

Militärluftfahrt zu interessieren. „Wir werden Piloten“, heißt es auf diesem Plakat von 1951.


KAPITEL 1 EIN REICH WIRD ROT


Die weltverändernde Diktatur der Bolschewiki war am Anfang schwach. Unter Lenins Führung stützten sich die Revolutionäre auf nicht viel mehr als die große Unzufriedenheit ihrer Landsleute.


Es wird sehr still auf dem Roten Platz, wenn Lenin dort zu seinen vorwiegend jungen Anhängern spricht (Aufnahme 1919).

„Russland aus den Angeln heben“


Ein Reich wird rot Revolution

Von Georg Bönisch

D

er folgenschwere Umsturz ist ein Akt weniger Stunden nur – und perfekt geplant. Ab zwei Uhr in der Nacht zum 7. November 1917, einem Mittwoch, besetzen Bewaffnete die strategisch wichtigsten Punkte in Russlands Hauptstadt Petrograd: alle fünf Brücken über die Newa, die Bahnhöfe, Hauptpost, Telegrafenamt, Staatsbank. Der Panzerkreuzer „Aurora“, dessen Auf dem Fluss positioniert sich, aufSchüsse am 7. November 1917 das gebracht von meuternden Matrosen, der Signal zum Aufstand gegeben haben, Panzerkreuzer „Aurora“ – die Kanonen ist heute ein Museumsschiff. gerichtet auf das Winterpalais, den liederlich geschützten Sitz der Regierung. Deren Chef Alexander Kerenski kann Ein großer Irrtum. fliehen, wenig später werden alle KabiLenin, ihr unumstrittener Führer, ist nettsmitglieder festgesetzt. erst wenige Tage zuvor aus seinem finniAn Wänden und Mauern kleben bald schen Versteck in die Hauptstadt geeilt – schon Plakate mit der Siegesnachricht: den Bart abrasiert, eine Perücke auf dem „Die staatliche Gewalt“ sei „in die Hände fast kahlen Schädel. In der Stunde des des Organs des Petrograder Sowjets der Sieges ist er überwältigt: „Der Übergang Arbeiter- und Soldatendeputierten“ über- von der Illegalität und dem Umhergetriegegangen. Es ist ein Putsch, der in der benwerden zur Macht ist zu schroff“, sagt Öffentlichkeit kaum wahrgenommen er zu Leo Trotzki, dem Mitorganisator wird. Kein spektakulärer Coup, eher ein des Umsturzes. Wachwechsel. Sechs Tote werden in der Und der kleine, 47 Jahre alte Mann Millionenmetropole gezählt. fügt lächelnd hinzu, auf Deutsch: „Es Der Alltag, notiert ein Augenzeuge, schwindelt einem.“ der US-amerikanische Reporter John „Nach dieser einzigen, mehr oder minReed, gehe „seinen gewohnten Trott“. der persönlichen Bemerkung, die ich von Straßenbahnen fahren, Geschäfte und ihm gehört habe“, notierte Trotzki den Restaurants sind geöffnet, auch die Thea- historischen Moment, „folgte der einfache ter. Vor der – geschlossenen – Staatsbank Übergang zu den Aufgaben des Tages.“ Aufgaben des Tages, eine interessante patrouillieren Uniformierte. „Wozu gehört ihr, zur Regierung?“, fragt Reed. Formulierung. Was am 7. November in PeKnappe Antwort: „Die Regierung ist trograd geschah, sollte die Welt verändern – hier wurde der Grundstein gelegt für den futsch, Slawa Bogu“, Gott sei Dank. Ein paar Straßenecken weiter trifft der ersten sozialistischen Staat, für eine allJournalist einen Hauptmann. „Hat der mächtige kommunistische Partei, für ein Aufstand wirklich stattgefunden?“ Der rotes Reich. Eines, das sich mehr als sieben Offizier zuckt mit den Achseln: „Tschort Jahrzehnte halten würde. Und hier wursnajet“, weiß der Teufel. Er glaube, dass den die gerade begonnene Demokratie sich die Bolschewiki „keine drei Tage hal- und der Parlamentarismus wieder abgeschafft. Lenin lobte den „neuen Staatstyten können“.

1917

pus“ überbordend als „unermesslich höher und demokratischer als die besten der bürgerlich-parlamentarischen Republiken“. Zunächst unmerklich entstand ein totalitäres Regime – mit Bevormundung, Unterdrückung und brutalem Terror, dem schließlich Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die Bolschewiki, sagte Lenin, seien die „Jakobiner des 20. Jahrhunderts“ und müssten „Großes, Unvergängliches und Unvergessliches vollbringen“ – eine Diktatur des Proletariats, jener „Macht, die an keine Gesetze gebunden“ sei. Der „weise Zar“, wie er nach seinem Tode auch genannt wurde, glaubte an Aufklärung, Fortschritt, Wissenschaft, Technik – vor allem aber an sich selbst. Nichts, urteilt der britische Historiker Robert Service, habe Lenins „Gewissheit erschüttert, die richtigen Ideen zu haben“. Ein intellektueller Solitär, dessen Leben geprägt war von über zwei Jahrzehnten Haft, Verbannung und Emigration, von Konspiration und Furcht. Der deshalb nur ganz wenigen Mitmenschen vertraute. Der zum politischen Kompromiss nicht fähig war. Und doch: Sein brennender Machthunger, „seine Autorität und seine Entschlossenheit“, sagt der Russlandspezialist Manfred Hildermeier, seien „unersetzbar“ gewesen. Lenin, der Mann, der wie aus dem Nichts kam, war Architekt der UdSSR. Und ihr erster Baumeister.

R

ussland, ein Riesenland. Im Nordwesten die Ostsee, im Südwesten das Schwarze Meer, im fernen Osten der Pazifik. Ein Land der Vielfalt, in dem über 130 Sprachen gesprochen werden. Ein Land, dessen Einwohnerzahl nachgerade explodiert ist – zwischen 1860 und 1913 von 74 auf 164 Millionen Menschen. Ein rückständiges Land freilich, autokratisch gelenkt vom Zaren (oder einer Zarin), schon in der kaiserlichen Titulatur

1918

1917

1922

Daten aus hundert Jahren Das sowjetische System brachte dem Land Bürgerkrieg und Gewaltexzesse, aber auch den Sieg über Hitler und Erfolge im Weltraum.

18

UdSSR

Nach Aufständen in Moskau und Sankt Petersburg drängen Generäle im März den Zaren Nikolai II. zur Abdankung.

Im November ergreifen die Bolschewiki bewaffnet die Macht. Deren Führer Lenin wird Regierungschef des neuen Sowjetstaates.

Im Januar gründet die Sowjetregierung die Rote Armee. Die Truppe führt bis 1920 einen verlustreichen Bürgerkrieg.

SPIEGEL GESCHICHTE

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In Moskau wird im Dezember die Sowjetunion als gemeinsamer Staat mehrerer Sowjetrepubliken gegründet.


war dieses starre politische System manifest: „Selbstherrscher“. Das uneingeschränkte Entscheidungs- und Machtmonopol der Autokratie bildete in einer immer politischer werdenden Gesellschaft nach und nach ein Angriffsziel: mittels Agitation, Demonstration – und Terror. Parteien entstanden, revolutionäre Zirkel und Bewegungen, die im Namen anderer sprachen, im Namen der einfachen Leute: der Bauern und Arbeiter, fast 80 Prozent von ihnen Analphabeten. Die Zahl der Aktivisten, die diese repressive Monarchie stürzen wollten und von einer besseren, gerechteren Ordnung träumten, stieg beständig. Einer von ihnen war Lenins älterer Bruder Alexander. Er wurde im Mai 1887 hingerichtet – weil er angeb-

Junge bewaffnete Männer auf Panzerwagen sichern in Petrograd im November 1917 die soeben errungene Macht.

lich an einem Attentatsversuch auf den Zaren beteiligt war. Als ihn jemand fragte, was er denn jetzt tun wolle, antwortete Lenin mit einer glasklaren Botschaft: „Was gibt es da für mich zu wollen? Der Weg ist mir durch meinen Bruder vorgeschrieben.“ Lenin: ein Kampfname, dessen Bedeutung er im Dunkeln ließ. Eigentlich hieß er Wladimir Iljitsch Uljanow, geboren am 22. April 1870 im Wolga-Städtchen Simbirsk. Mutter Maria war eine Deutschstämmige, Vater Ilja ein hoch angesehener Schulkurator. Den Eltern gehörte ein Gut von 225 Morgen Land – recht bescheiden

zwar für russische Verhältnisse, aber doch ein ordentliches Stück Kapital. Seine Familie war das, was Lenin als Bolschewik stets verdammte: „kleinbürgerlich“. Der junge Uljanow studierte Jura – und die Werke von Karl Marx, übrigens gern draußen auf der elterlichen Scholle, deren Pächter den Bauern Geld abnahm. Marx faszinierte ihn, vor allem eine Maxime: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Marx und Friedrich Engels hatten dafür das theoretische Modell entwickelt – Uljanow, von scharfem politischen Verstand, wollte es umsetzen in die Praxis. Im südsibirischen Dorf Schuchenskoje, dorthin verbannt wegen „Agitation“,

1927

1929

1936

1939

1945

KP-Generalsekretär Josef Stalin lässt seinen Rivalen Leo Trotzki aus der Partei ausschließen und entmachtet dessen Anhänger.

Durch massiven Druck und Terror werden die Bauern zur Kollektivwirtschaft gezwungen. Hungersnöte sind die Folge.

Mit einem Schauprozess gegen ehemals führende Bolschewiki beginnt die „Große Säuberung“. Hunderttausende werden erschossen.

Stalin schließt einen Nichtangriffsvertrag mit Deutschland. Ein geheimes Zusatzprotokoll regelt die Aufteilung Osteuropas.

Die siegreiche Rote Armee hisst in Berlin die rote Fahne auf dem Reichstag. Die Sowjetunion beherrscht Ostdeutschland.

SPIEGEL GESCHICHTE

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schrieb der Rechtsanwalt 1899 sein erstes bedeutendes Werk: „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“. Die These, zusammengefasst: Eine marxistische Politik müsse primär auf die Industriearbeiterschaft als mögliche Revolutionsschicht abzielen, nur sekundär auf die Bauern. Im Münchner Exil legte er 1902 nach, nun unter dem selbst gewählten Namen Lenin. „Was tun?“ war eine programmatische Schrift, die ihn in marxistischen Kreisen bekannt machte – und deren Wirkung bald schon Russland erschüttern sollte. Mit „Handwerkelei“ und unverbindlichem Geplauder „in Aufklärungszirkeln“ sei der Autokratie nicht beizukommen, nur so: mit einer schlagkräftigen Kaderpartei von Berufsrevolutionä-

Nach der Erstürmung des Winterpalais in Petrograd und der Festnahme der bürgerlichen Regierung durch die Revolutionäre liegen Dokumente in einem Sitzungssaal herum.

ren. „Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden Russland aus den Angeln heben.“ In der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die hauptsächlich illegal und im Exil tätig war, standen sich seitdem zwei Lager gegenüber. Das von Lenin dominierte, das eben diese militärisch straffe Struktur forderte – und die gemäßigteren Verfechter einer prinzipiell offenen Massenpartei. Auch die Gewaltfrage wurde kontrovers diskutiert. Lenin war für bewaffnete Aggression und sogar Raubüber-

fälle, um eine Partei zu finanzieren. Die anderen waren strikt dagegen. Als auf dem Londoner Parteitag im Juli 1903 das Zentralkomitee gewählt werden sollte, verließ eine Gruppe Delegierter den Saal. Lenins Gefolgsleute besaßen für einen Moment plötzlich die Mehrheit, eine ganz knappe freilich nur. Fortan nannten sie sich „Bolschewiki“, Mehrheitler also, bezogen auf die Zahl der innerparteilichen Lenin-Gegner – nunmehr „Menschewiki“, Minderheitler genannt. In der Minderheit waren die Gemäßigten aber nur auf dem Parteitag. Lenin verstand es, Begriffe zu besetzen. Darin war er ein Meister – und, was zu einem russischen Anführer nicht so recht zu passen schien: Er war ein diszi-

1953

1956

1961

1964

1979

Im März endet mit dem Tod Stalins eine Ära. Gefangene kommen frei, der politische Druck nimmt etwas ab.

Im Zuge der Enthüllungen über Stalins Herrschaft kommt es in Ungarn zu einem Aufstand. Die Sowjetunion marschiert ein.

Im April fliegt der Russe Jurij Gagarin als erster Mensch ins Weltall. Die Sowjetunion ist einige Jahre führend in der Weltraumfahrt.

Das ZK setzt den cholerischen Parteichef Nikita Chruschtschow ab. Sein Nachfolger wird Leonid Breschnew.

Die Sowjetunion lässt im Dezember ihre Truppen nach Afghanistan einmarschieren. Der Westen protestiert.

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SPIEGEL GESCHICHTE

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Ein Reich wird rot Revolution

plinierter Asket. Rauchte nicht, trank kaum, war bescheiden, sparsam, übertrieben ordentlich. Einer, der brüllte und beleidigte, Männer wie Frauen. Allerdings nicht seine gebildete Gattin Nadeschda Krupskaja, die er in einem marxistischen Zirkel in Sankt Petersburg kennengelernt und in der Verbannung geheiratet hatte. Erst recht nicht die hübsche Inessa Armand, eine junge Dame mit kastanienbraunen Haaren, revolutionäre Tochter eines französischen Opernsängers, stets chic gekleidet, die so gern extravagante Hüte trug. Dass an seiner Seite auch eine Geliebte war, blieb lange ein streng gehütetes Geheimnis. Inessa galt nur als Kampfgefährtin.

S

onntag, der 22. Januar 1905, Sankt Petersburg. Auf den Straßen bis zu 100 000 Arbeiter, die friedlich vor dem Palast des Zaren „Gerechtigkeit und Schutz“ verlangten. Schutz vor wachsender Not und Armut, der anhaltende Krieg gegen Japan hatte zu Inflation und Lebensmittelverknappung geführt. Gerechtigkeit als Synonym für Freiheit: Pressefreiheit, Redefreiheit, Streikfreiheit, Einberufung einer Konstituierenden Versammlung. In Panik geratene Soldaten feuerten ohne Vorwarnung in die Menge – 130 Demonstranten starben, 1000 wurden verletzt. Dieser „Blutsonntag“ war ein gewaltiges Fanal. Unaufhaltsam griff die revolutionäre Bewegung um sich, in mehr als 20 Großstädten gab es Massenunruhen, Streikwellen rollten durchs Land. Auf dem Panzerkreuzer „Fürst Potjomkin von Taurien“ meuterte die Besatzung. In der Folge wurden 2000 Menschen niederkartätscht. Fast ein Jahr lang dauerten die Unruhen an. Im ersten russischen Revolutionsjahr entstand ein völlig neuer Typus politischer Macht, der sich verblüffend schnell etablieren konnte und später einem Staat,

1985

einer Ära, den Namen gab – „Sowjets“, Räte. Anfangs nur eine Art Streikorgan in einer ländlichen Textilfabrik, breitete sich diese Form des Arbeiterrates in alle Industriezweige und alle Regionen aus. Den Petersburger Autokraten war klar, dass sie nach den Bauernaufständen, Streiks der Eisenbahner und Stürmen auf Herrenhäuser reagieren mussten: mit Einrichtung der Duma, einem Parlament, zumindest einer Art von Volksvertretung. Als im Oktober 1905 der Zar ein Manifest verkündete, das die allgemeinen Bürgerrechte versprach, traute sich Lenin wieder in seine Heimat zurück. Es blieb eine Episode. Weil ihm Geheimpolizisten auf der Spur waren, ging er Ende 1907 wieder ins Exil. Erst nach Helsinki, dann nach Genf, Paris, Krakau, Bern, schließlich Zürich. Ein Ziel trieb ihn, nie ließ er locker – dem Bolschewismus, der „leninschen Dialektik des orthodoxen Marxismus“, wie es der Politikwissenschaftler Eugen Kogon formulierte, zum Durchbruch zu verhelfen. Und zwar um jeden Preis. Eine Folge war, 1912, der endgültige Bruch mit den Menschewiki, markiert durch die Herausgabe einer eigenen Parteizeitung, der „Prawda“. Erscheinungsort war Sankt Petersburg. Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, setzte Lenin von Beginn auf die „Niederlage der zaristischen Monarchie“, im Gegensatz zu allen anderen Oppositionellen. Gleichzeitig ist er überzeugt, dieser Krieg könne „in einen Bürgerkrieg verwandelt“ werden und dann eines auslösen: die „proletarische Revolution“.

D

er Petersburger „Blutsonntag“ hat Gärung in das Riesenreich gebracht. Zu Beginn des vierten Kriegsjahrs, 1917, bricht die russische Wirtschaft zusammen, es mangelt an Roh- und Brennstoffen. In den Kapitalen werden die Mehlvorräte knapp.

1991

1994

Kantinen müssen dichtmachen. Zuerst demonstrieren Arbeiter, dann schließen sich am 8. März in Petrograd (so heißt Sankt Petersburg seit Kriegsanfang) Tausende Frauen an, die vor Lebensmittelgeschäften Schlange gestanden hatten. Dies ist der – unerwartete – Durchbruch. Kosaken, eine Art Elitepolizei, lassen Aufständische gewähren. Massenweise begehen Soldaten Fahnenflucht und solidarisieren sich mit der aufbegehrenden Bevölkerung. Zar Nikolai II., völlig überfordert, gibt auf. Nach drei Jahrhunderten ist die Romanow-Dynastie am Ende. Eine provisorische, anfangs gemäßigt konservative Regierung übernimmt die Amtsgeschäfte, an ihrer Seite quasi ein Kontrollorgan: der Petrograder Sowjet, der Rat der Arbeiterund Soldatendeputierten. Eine Doppelherrschaft, die freiheitliche und zugleich fragile Verhältnisse herbeiführt, mit Versammlungsfreiheit und Pressefreiheit,

Petrograd, Leningrad, Sankt Petersburg Während der Revolution von 1917 hieß Sankt Petersburg, gegründet von Zar Peter I. („der Große“), Petrograd. Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, war die größte Stadt Russlands umbenannt worden. Der aus dem Deutschen stammende Name Sankt Petersburg war im Krieg gegen das Deutsche Reich durch ein russisches Wort ersetzt worden. Die Kommunisten benannten die als „Wiege der Revolution“ bezeichnete Stadt nach Lenins Tod im Januar 1924 in Leningrad um. Im September 1991 gab das Präsidium des Obersten Sowjets der Russischen Unionsrepublik der Stadt ihren ursprünglichen Namen zurück. Zuvor hatten sich in einem städtischen Referendum 54 Prozent für die Umbenennung ausgesprochen.

2000

2014

Kri

Im März wählt das KPdSUZentralkomitee Michail Gorbatschow zum Generalsekretär. Er setzt auf Öffnung und Reformkurs.

Im August scheitert ein Putsch von Anhängern des alten Systems. Vier Monate später löst sich die Sowjetunion auf.

Russlands Präsident Boris Jelzin beginnt den ersten Tschetschenienkrieg gegen die abtrünnige Teilrepublik im Nordkaukasus.

SPIEGEL GESCHICHTE

6/2016

Der Exgeheimdienstchef Wladimir Putin wird im März zum Präsidenten gewählt und gewinnt den Feldzug in Tschetschenien.

m

Im Februar und März organisiert Wladimir Putin nach einer Militärintervention die „Rückkehr der Krim“ nach Russland.

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Ein Reich wird rot Revolution

aber auch einer zerfallenden Armee. Das ins nahe Finnland zurück, das seit 1809 Endlich stimmt das ZK dem „bewaffneReich, urteilt Historiker Hildermeier, habe ein autonomes russisches Großfürsten- ten Aufstand“ zu. Und Lenin legt das Dasich „auf dem besten Wege zu einer de- tum ist und kurz vor seiner Unabhängig- tum fest: 7. November. Der Tag der Tage. mokratischen Regierungsform“ befunden. keit steht. anach gab es keine Minister Anfang Oktober wird Trotzki zum In dieser entscheidenden Phase ist Lemehr, sondern Volkskommisnin wieder nicht vor Ort. Er sitzt in Zürich Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gesare, eine Wortschöpfung fest, „eingepfropft wie in einer Flasche“, wählt, als Nachfolger eines MenschewiTrotzkis. Das Kabinett hieß notiert ein Zeitgenosse. Lenin hat kaum ken, ein wahrhaft symbolischer Wechsel. Geld, in Kriegszeiten sind die Wege kom- Die Bolschewiki dominieren das gerade nun Rat der Volkskommissare, ihr Vorpliziert, da hilft Berlin: Die kaiserliche für die Verteidigung der Hauptstadt ins sitzender: Lenin. Ad hoc war die erste Regierung betrachtet den Führer der Bol- Leben gerufene „Revolutionäre Militär- „Arbeiter-und-Bauernregierung“ aus der schewiki wie eine Geheimwaffe, die Russ- komitee“. Dieses Komitee wird entschei- Taufe gehoben, die Macht errungen – sie auch zu behaupten, war der schwerere land im Inneren destabilisieren und den dend sein beim Coup d’Etat. In seinem finnischen Domizil spürt Le- Part. Kriegsgegner schwächen kann. Mögliche Das Land stand am Abgrund, bald Folgen einer Machtergreifung Lenins be- nin, dass ein erfolgreicher Umsturz greifdenkt niemand. Der zu allem entschlos- bar nahe ist, er weiß es in seiner atem- schon sollte ein brutal geführter Bürgersene Politiker wird mit dem Zug durch beraubenden Selbstsicherheit. Doch die krieg ausbrechen. Lebensmittel und meisten Genossen zögern. Sie glauben Brennstoffe wurden immer knapper. Deutschland nach Norden geschleust. Am 8. November verabschiedete der Am Abend des 16. April, gegen 23 Uhr, weiter an eine friedliche Machtergreifung trifft Lenin in Petrograd am Finnischen – nach baldigen Wahlen in ganz Russland. Rat der Volkskommissare zwei Dekrete Bahnhof ein – empfangen mit roten Fah- Der Termin für eine Konstituierende Ver- – es waren Kernpunkte der „Aprilthenen, Musikkapellen, für das Jubelvolk sammlung ist längst anberaumt. Lenin sen“. Im „Dekret über den Frieden“ gibt es jede Menge Freibier. Bis zu seiner schreibt Briefe, Artikel, im Tonfall eines schlug die neue Regierung allen kriegfühAnkunft waren die Bolschewiki uneins „Donnerschleuderers“, wie der linksso- renden Staaten vor, unverzüglich Frieden darüber, wie sie sich zur Regierung stel- zialdemokratische Publizist Nikolai Such- zu schließen und bot die Aufnahme solen sollten. Jetzt gibt Lenin das Tempo anow meint, der Lenin vorwirft, er ver- fortiger Verhandlungen an. Lenin selbst vor und den Ton an: weg mit der Regie- trete „gnadenlos anarchistische“ Thesen. war es, der im März 1918 mit Deutschland rung, die den Krieg fortsetzt und die Bo- Lenin verweist auf Marx und dessen Be- und Österreich-Ungarn einen Friedensdenreform versäumt und sich auf Bour- merkung, die „Kunst des Aufstandes“ be- vertrag schloss, zu harten Bedingungen. geoisie und Beamtenschaft stützt. Nein stehe darin, den rechten Zeitpunkt zu er- Russland musste auf weite Teile seines zum Krieg, Abschaffung der Polizei, der kennen. Einen solchen Moment zu ver- Imperiums verzichten, zum Beispiel auf Armee, Land in Bauernhände, Fabriken schlafen, sei entweder „vollendete Idiotie Polen, Litauen und Kurland. Das „Dekret über den Grund und Boin Arbeiterhände – und: „Alle Macht den oder vollendeter Verrat“. Idiotie, Verrat, das zeigt Wirkung. den“ nahm den Gutsbesitzern entschädiSowjets!“. Was nach diesen kompromisslos vorgetragenen „Aprilthesen“ beginnt, Wieder vor Ort, beschwört er eindring- gungslos ihr Land, alle Bodenschätze, lich die Parteibasis: „Die Regierung Wälder und Seen wurden ebenso verist: Weltgeschichte im Zeitraffer. wankt. Man muss ihr den Rest geben.“ staatlicht. Wie der Besitz verteilt würde, darüber sollte die „vom ganzen Volk geuf einen Schlag ändert sich der wählte Konstituante“ entscheiden. Das programmatische und strategiBodendekret war ein Plagiat, abgekupsche Kurs der Partei, aus der Oktoberrevolution fert vom Agrarprogramm der linkssoziaKaderorganisation von Berufsim November listischen Partei der Sozialrevolutionäre revolutionären wird eine populistische Nach dem damals in Russland aus dem Jahr 1905. Es war vor allem ein Sammlungsbewegung der Unzufriedenen: gültigen Julianischen Kalender fand politischer Trick, um die Bauern, die Arbeiter, Bauern, kriegsmüde Soldaten die bolschewistische Revolution in mehrheitlich mit den Sozialrevolutionäkommen in Scharen, die Zahl der BolPetrograd am 25. Oktober 1917 statt. ren sympathisierten, auf die Seite der schewiki wächst von 20 000 zu JahresbeDaher stammt der Name „OktoberBolschewiki zu ziehen. ginn 1917 auf 400 000 im Oktober. Bei den revolution“. Dann folgte Dekret auf Dekret: TrenWahlen der Moskauer Stadtbezirksräte Im Februar 1918 setzte die Sowjetnung von Staat und Kirche, Acht-Stunam 24. September holen sie die absolute regierung den im Westen üblichen den-Arbeitstag, Verbot der Kinderarbeit, Mehrheit – mit einem Sprung von 11,5 Gregorianischen Kalender durch, benannt nach Papst Gregor XIII. Der Gleichberechtigung, Versicherungspflicht, auf fast 51 Prozent. Diesen Sieg hat niehatte ihn durch eine päpstliche Bulle Verstaatlichung der Banken, Beseitigung mand erwartet, nicht einmal Lenin. Der 1582 verordnet. Das orthodoxe der Pressefreiheit, Einrichtung einer „Auhatte noch im Januar 1917 im Zürcher Russland unter Zar Iwan IV. („der ßerordentlichen Kommission zum Kampf Volkshaus in einem Vortrag auf Deutsch Schreckliche“) verweigerte sich gegen Konterrevolution und Sabotage“, gesagt: „Wir, die Alten, werden vielleicht dieser Entscheidung. Die Russen kurz Tscheka. Sie entwickelte sich rasch die entscheidenden Kämpfe dieser komhielten am Julianischen Kalender zur berüchtigten, allmächtigen Geheimmenden Revolution nicht erleben.“ fest, den Julius Caesar eingeführt polizei. Nach dem Ende der Zarenherrschaft hatte. All dieser Eifer konnte nicht verberfindet die Macht monatelang keine neue Nach dem Gregorianischen Kalender gen, wie fragil die Macht der Bolschewiki Heimat. Ein linker Aufstand scheitert fand der Oktoberumsturz am 7. November statt. war. Lenin, der auf eine Ein-Parteienebenso wie ein bürgerlicher Putsch unter Regierung hinarbeitete, musste auf Druck General Lawr Kornilow. Lenin zieht sich

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Lenin, hier 1918 in seinem Arbeitszim-

mer im Kreml, bewundert die Disziplin einflussreicher Gesinnungsgenossen Ender Deutschen und schreibt im selben de November mit den SozialrevolutionäJahr: „Lerne vom Deutschen! ren und der Eisenbahnergewerkschaft Bleibe dem brüderlichen Bund mit den eine Koalition eingehen; diese erhielten deutschen Arbeitern treu.“ acht Kommissariate, darunter die Bereiche Justiz, Landwirtschaft, Post und Verkehr. Die Koalition war ein kurz- wählte, demokratische Gremium auseifristiges Zweckbündnis, kein Wegweiser nanderjagen zu lassen: „Um nichts in der Richtung Zukunft. Sie zerbrach nach we- Welt werden wir die Sowjetmacht hergenigen Monaten, vor allem, weil die Sozi- ben.“ Es war eine Entscheidung für die alrevolutionäre den Friedensvertrag mit Parteidiktatur, gegen die parlamentariden Deutschen ablehnten. sche Republik. Dass die Bolschewiki nicht so verAnders als erhofft, gelang es trotz alankert im Volk waren, wie manche von ler Eingriffe nicht, den tiefen Fall ins ihnen glaubten, zeigten die Wahlen zur wirtschaftliche Chaos abzubremsen, im „Konstituante“, zur Konstituierenden Gegenteil: Die Inflation stieg ins UnerVersammlung, die Ende November 1917 messliche. Die Menschen vor allem in stattfanden. Die Partei der Sozialrevolu- den Städten litten unter ständigem Huntionäre holte mehr als die Hälfte der fast ger und im Winter unter entsetzlicher 42 Millionen Stimmen – die Bolschewiki Kälte, weil die Industrie das Holz als nur ein knappes Viertel, 9,8 Brennstoff benötigte. Der ilMillionen. legale Tauschhandel blühte, VIDEO: Wieder waren es aufregengegen den die Tscheka mit Lenin – Führer der de Tage in Petrograd, als die Gewalt vorging. Zahlreiche Revolution Konstituante im Januar zuNotmaßnahmen schufen ein sammentrat. Marodierende ökonomisches und gesellSoldaten zogen durch die schaftliches System, das in Stadt, Überfälle und Plündekeinem bolschewistischen rungen blieben ungeahndet. Programm vorgesehen war – spiegel.de/ Der Staat verflüchtigte sich im den „Kriegskommunismus“. sg062016lenin Winternebel. In dieser Phase Die Antwort darauf ist ab oder in der App DER SPIEGEL der Nervosität konnte Lenin 1921 die Neue Ökonomische es sich leisten, das gerade gePolitik (siehe Seite 46).

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Ende Dezember 1922 wird die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gegründet, die UdSSR, anfangs ein Bundesstaat aus Russland, Weißrussland, Ukraine und Transkaukasien. Lenin ist schwer krank, auch Spätfolgen eines Attentats im Sommer 1918, bei dem Hals und Lunge verletzt worden waren. Die Malaise macht ihn nachdenklich – und selbstkritisch. Die Partei, schreibt er, sei „vom Fieber geschüttelt“, der Parteiapparat tauge „absolut nichts“, es gebe „keine schlechter organisierten Institutionen als die unserer Arbeiter- und Bauerninspektion“ – eine Art Rechnungshof, das zentrale Kontrollgremium gegen Bürokratismus, Schlendrian, Korruption. Alles schon da gewesen im Reich der Romanows, und fast resignierend stellt Lenin fest, der alte Zarismus sei lediglich „mit Sowjetöl gesalbt“ worden – „nur ganz leicht“. Am 21. Januar 1924 stirbt Lenin. Sein Leichnam wird zunächst beigesetzt. Dass er heute wie zu Sowjetzeiten im Mausoleum liegt, erweckt den Eindruck, dass sich das Land noch nicht von Lenins Wirken verabschiedet hat. Einbalsamiert und von Spezialisten immer wieder neu hergerichtet, ruht er an der Kremlmauer, der Sarg besteht aus Panzerglas. Außer freitags und sonntags kann er jeden Tag besichtigt werden, von ■ 10 bis 13 Uhr.

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Ein Reich wird rot Deutsche in der Revolution

„die ökonomische Lage der Kriegsgefangenen zu verbessern und im sozialdemokratischen Sinne für uns, aber nicht für die russische Politik tätig zu sein“. Einem radikaleren Teil der Kriegsgefangenen war das zu wenig. Eine Gruppe von ihnen in Petrograd (heute Sankt Petersburg) bezeichnete in einem Schreiben im Februar 1918 die Führung der Sowjetrepublik unter Lenin als „Arbeiter-undBauern-Regierung des freien Russland“ und rief dazu auf, „dem mächtigen, vom russischen Volk erhobenen Banner des Internationalismus zu folgen“.

Auch Tausende Deutsche unterstützten die Bolschewiki. Einige machten später in der DDR Karriere.

Kriegsgefangene für Lenin Von Uwe Klußmann

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as bringt einen 16-jährigen Holzarbeiter dazu, sein heimatliches Dorf Altenberg im Erzgebirge zu verlassen, um an einem fernen Bürgerkrieg teilzunehmen? Es war vor allem revolutionäre Romantik, die Fritz Große 1920 nach Russland trieb. Der Sohn eines Zimmermanns und einer Textilarbeiterin war zwischen Mitgliedern der sozialistischen Arbeiterbewegung aufgewachsen. Lenin und die Bolschewiki faszinierten ihn. Er sah sie als Vortrupp der erträumten Weltrevolution. So brach der Junge auf und schlug sich nach Russland durch. Dort trat er in ein Kavallerieregiment der Rote Armee ein und posierte stolz mit Fellmütze neben russischen Genossen. Große war einer von mehreren Tausend Deutschen, die an der Revolution in Russland teilnahmen. Die weitaus meisten reisten allerdings nicht extra an, sondern waren Kriegsgefangene. Rund 165 000 deutsche Soldaten und 2800 Offiziere befanden sich gegen Ende des Ersten Weltkriegs in russischer Gefangenschaft. Ihre Lager verteilten sich über das Riesenreich von Moskau bis Mittelasien und Sibirien. Viele der Kriegsgefangenen wurden durch die Revolution überrascht, erschreckt, auch verängstigt. Doch diejenigen von ihnen, die in Deutschland zum linken Flügel der Sozialdemokratie gehört hatten, waren von den Vorgängen elektrisiert. Manche nahmen am 1. Mai 1917 unter roten Fahnen an Demonstrationen der russischen Linken teil, so in Jaroslawl nordwestlich von Moskau, in Jekaterinburg, in Tomsk und anderen sibirischen

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Städten, trotz Verbotes durch die Provisorische Regierung. Mit der Revolution verbanden viele von ihnen die Hoffnung auf Frieden und „die baldige Rückkehr in die Heimat“, wie sich der Kriegsgefangene Rudolf Rothkegel später erinnerte. Die Machtübernahme der Bolschewiki im November 1917 fand ein geteiltes Echo in den Lagern. Die mehrheitliche Stimmung drückten Lagerinsassen in Kuschwa bei Jekaterinburg im Januar 1918 aus. In einer Resolution bekundeten sie, eine Selbstorganisation solle dazu dienen,

Der 16-jährige Holzarbeiter Fritz Große (l.) aus dem Erzgebirge schloss sich 1920 der Roten Armee an.

In diesem Geiste bildeten Deutsche gemeinsam mit Slowaken, Ungarn und Tschechen in Petrograd im selben Monat ein revolutionäres „Zentrum Kriegsgefangener-Internationalisten“. Die Sympathisanten der Bolschewiki im deutschen Soldatenmantel waren Lenin und seinen Genossen sehr willkommen. Bereits im Dezember 1917 ließ die bolschewistische Partei in Moskau eine Konferenz von 200 „internationalistischen“ Kriegsgefangenen des Moskauer Militärkreises abhalten, die angeblich 20 000 revolutionäre Kameraden vertraten. Eine wesentliche Rolle spielten dabei Deutsche und Österreicher. Am 24. Februar 1918 fand in Moskau ein weiterer überregionaler Kongress revolutionärer Kriegsgefangener statt. Dabei brachten die russischen Organisatoren eine heikle Frage auf die Tagesordnung. Diskutiert wurde der Eintritt bisheriger Kriegsgefangener in die gerade gegründete Rote Armee. Zwei Tage zuvor hatte der Rat der Volkskommissare, die bolschewistische Regierung, den Aufruf veröffentlicht: „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr.“ Darin hieß es, die Rotarmisten sollten „jede Position bis zum letzten Blutstropfen verteidigen“. Zudem proklamierte der Appell, „Konterrevolutionäre“ sowie auch „deutsche Spione“ sollten „am Ort der Tat erschossen“ werden. Zum Dienst in den Revolutionstruppen meldeten sich bis 1920 schätzungsweise 5000 Deutsche. Am 26. Februar 1918 wurde in Moskau die erste internationale Abteilung der Roten Armee an die Front verabschiedet. Ihre Parole lautete: „Die Russische Revolution ist auch unsere Revolution, ist unsere Hoffnung.“ So kämpften bald Deutsche gegen Deutsche: Als Rotarmisten zogen sie gegen Landsleute ins Gefecht, die im heutigen Grenzgebiet zwischen Weißrussland und der Ukraine, zwischen Gomel

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An den revolutionären Demonstrationen 1917, hier in Petrograd, und Tschernihiw, im Dienst des Kaisernahmen vielerorts auch deutsche reichs die Ostfront sicherten. Kriegsgefangene teil. Deutsche Rotarmisten kämpften im russischen Bürgerkrieg an weit entfernten Frontabschnitten. Im sibirischen kestanischen Tagebuch“, viele Deutsche Tomsk sicherten sie die Amur-Eisenbahn. seien vor allem durch die „gebotene VerIm südrussischen Rostow am Don halfen pflegung und Löhnung“ in die Rote Arsie, weißgardistische Truppen aus der mee gelockt worden, als Ausweg aus dem Stadt zu vertreiben. Sie nahmen teil an „Hungerdasein“ der Gefangenen. Doch Kämpfen um die ukrainische Stadt Char- auch die geistige Kost der roten Revolukow. In der „Eisernen Division“ erober- tionäre fand begierige Aufnahme. So verten sie Lenins Geburtsstadt Simbirsk für teilten deutsche Rotarmisten allein 1918 rund eine halbe Million Exemplare ihres die Rote Armee zurück. deutschsprachigen Zentralorgans „WeltDeutsche und Österreicher stellten in Ir- Revolution“. Hinzu kamen Broschüren kutsk eine komplette Kompanie eines In- mit Titeln wie „Wem nützt der Krieg?“ ternationalen Wachregiments. Auch im und „Der Zusammenbruch des Imperiasowjetrussischen Geheimdienst, der „Au- lismus“. ßerordentlichen Kommission“ (Tscheka), Gesteuert wurde diese Propaganda dienten zahlreiche Deutsche. Im tatari- von der Deutschen Gruppe in der Russischen Kasan stellten sie ein Bataillon mit schen Kommunistischen Partei. Gegrün160 Mann. det wurde sie im April 1918 im Hotel Fritz Willfort, österreichischer Offizier „Dresden“ in Moskau von elf deutschen in einem Gefangenenlager im usbeki- und österreichischen Kriegsgefangenen. schen Fergana, argwöhnte in seinem „Tur- Die Kaderorganisation, die 1919 etwa 400

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Mitglieder zählte, unterstand direkt dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki). Jahrzehnte später rückten einige Mitglieder dieser Gruppe in hohe Staatsämter auf – in der DDR. Rotarmist Joseph Gutsche, der 1918 an den Kämpfen um Rostow teilgenommen hatte, wurde 1952 Leiter der Bezirksverwaltung Dresden des Ministeriums für Staatssicherheit. Fritz Große, der als 16-Jähriger in den revolutionären Kampf gezogen war, wurde 1932 für die KPD in den Reichstag gewählt und später von den Nazis im Zuchthaus und im KZ inhaftiert. Nach der Befreiung 1945 begann für ihn ein unerwarteter Aufstieg. Der Berufsrevolutionär ging Ende 1949 aufs diplomatische Parkett, als erster Botschafter der DDR in der Tschechoslowakei. Später war er Hauptabteilungsleiter des Ostberliner Außenministeriums, bis zu seinem Tode 1957. Die DDR ehrte ihn 1984 mit einer ■ Briefmarke. 25


Ein Reich wird rot Bürgerkrieg

Nach der Machtergreifung der Bolschewiki versank Russland für Jahre im Bürgerkrieg. Die antikommunistischen„Weißen“ scheiterten aus Mangel an strategischer Weitsicht.

Land in Blut und Feuer Von Ralf Zerback

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Deutschland. Es sind verfreundete Halbverbündete, ein Teil der Bolschewiki spricht von einem „unverschämten Frieden“. Russland verzichtet auf Finnland, das Baltikum, Polen und die Ukraine – und damit auf ein Viertel der Bevölkerung, ein Drittel der Textilindustrie, drei Viertel der Eisen- und Kohleproduktion. Lenin will Frieden um jeden Preis, weil er ihn versprochen hat und weil die Armee auseinandergelaufen ist.

eicht, fast spielerisch haben die Bolschewiki 1917 in Petrograd, heute Sankt Petersburg, die Macht erobert. Aber der Schein trügt. Denn die wahre Macht müssen die Revolutionäre erst in einem Bürgerkrieg erringen, einem Krieg, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat: wirr und wild, grausam, ein infernalischer Strudel von Gewalt und Gegengewalt. Für den deutschen Schriftsteller Edwin Erich Dwinger, der aufseiten der antikommunistischen „Weißen“ kämpft, ist der Krieg eine „Mörderei in Massen“, eine „sadistische Orgie“. Ähnlich sieht es der russische Autor Artjom Wesjoly, der in den gegnerischen Reihen steht: „Das Land kocht in Blut und Feuer.“ Immer wieder rennen die Weißen gegen die Roten an, umkreisen deren Herrschaftszone. Immer wieder ziehen Truppen beider Seiten durch dieselben Dörfer, rauben und morden. Moderne Waffen wie Artillerie und Maschinengewehre steigern die Todesraten. Allein die Zahl der zivilen Opfer in dem dreijährigen Blutvergießen wird auf acht Millionen geschätzt. Alles ist Front, alles Krieg, der Kampf gegen den äußeren Feind vermengt sich mit dem gegen den inneren. Als die Kämpfe gerade begonnen haben, beendet Russland den Ersten Weltkrieg mit einer schweren Niederlage. Die sowjetische Regierung schließt im März 1918 den erniedrigenden Frieden von Brest-Litowsk – mit dem Regime des kaiserlichen

Mit dieser MauserPistole erschoss ein Bolschewik den letzten Zaren und seine Familie; die Tatwaffe hier mit der Parteizeitung „Uralski Rabotschi“ (Ural-Arbeiter). – Mit beschlagnahmten Autos war die Revolution mobil – bewaffnete Bolschewiki in Petrograd im November 1917.

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Doch nun kommt der Krieg erst recht – an

überraschender Stelle. Im Frühjahr 1918 steht in Russland eine 35 000 Mann starke Tschechoslowakische Legion. Einst Verbündete des Zaren gegen die Mittelmächte, wollen die Soldaten nun das Land verlassen. Es passiert aber etwas Merkwürdiges: Entlang der Transsibirischen Eisenbahn beginnt nach Missverständnissen ein Kampf zwischen Tschechen und der jungen Roten Armee. Leo Trotzki als deren Chef befiehlt am 25. Mai, jeden bewaffneten Tschechen zu erschießen. Doch denen gelingt die Eroberung der Städte an der rund 9000 Kilometer langen Bahnstrecke, am 29. Juni erreicht ein Stoßtrupp den Pazifikhafen Wladiwostok. Für die Roten ist dieser faktische Verlust Sibiriens nicht nur blamabel, er ist gefährlich. Und es kommt noch schlimmer für das bolschewistische Regime: Denn nun rücken andere ausländische Armeen vor, die den Weltkrieg noch nicht beendet haben. Sie wollen zugleich die Deutschen stoppen, dem Kommunismus den Garaus machen, und sie verfolgen dazu noch eigene Ziele. Im Juni landen 600 britische Soldaten in Murmansk, es folgen weitere Briten und Franzosen in Archangelsk, dazu kommen 5000 Amerikaner. In Odessa am Schwarzen Meer 6/2016


Ein Reich wird rot Bürgerkrieg

FINNLAND Archangelsk

St. Petersburg

Von Sowjets behrrrschte Gebiete August 1918

POLEN Moskau Kiew RUMÄNIEN

Wo lga

Orjol Kursk

Odessa

Samara Rostow

Ufa

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Wolga

Schwarzes Meer

nigung. In Ufa, zwischen Wolga und Ural, kommen im September 170 Delegierte zu einer „Allrussischen Staatskonferenz“ zusammen. Vertreter von 20 weißen Regionalregierungen wollen endlich eine gemeinsame Staatsspitze TÜRKEI schaffen. Nach einigem Zank rauft man sich zusammen; als Regierung wird ein Direktorium aus fünf Personen gebildet, vier Zivilisten und ein General. Doch das mühsam zusammengekleisterte Gebilde, das sich großspurig „Allrussischer Ministerrat“ nennt, zerbricht im Nu – diesmal nicht an inneren Gegensätzen. Die Rote Armee erobert Ufa im Dezember 1918 und jagt die „Staatskonferenz“ auseinander. Der Erfolg der Roten ist kein Zufall. Mit äußerstem Fanatismus haben sie ihre Armee aufgebaut. Architekt ist Trotzki, ein geschickter Stratege. Die Stärke der Roten Armee wächst binnen zweier Jahre von 100 000 Mann auf fünf Millionen. Nach anfänglichen idealistischen Experimenten kehren die Roten zu einer traditionellen Armee zurück: allgemeine Wehrpflicht, keine Wahl der Offiziere durch die Mannschaften, hierarchische Befehlsstruktur, strenge Feldgerichte. Trotzkis bester Coup: Er wirbt Offiziere der Zarenarmee an, damit hat er exzellente Profis an den Schaltstellen. Rund 50 000 Offiziere, dazu über 200 000 Unteroffiziere der Roten Armee haben zuvor unter dem kaiserlichen Doppeladler gedient. Sie treibt nicht Sympathie für die Kommunisten, sondern der Wille, Russland gegen ausländische Mächte zu verteidigen. Schon am 10. Juli 1918 wird die Verfassung der neuen russischen Sowjetrepublik verabschiedet. Doch viel wichtiger: Von Beginn an setzen Lenin und seine Genossen auf Terror. Im Dezember 1917 haben sie die Sicherheitspolizei Tscheka unter

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Murmansk

Gebiete, die nach dem deutsch-sowjetischen Vertrag von 1939 an die Sowjetunion fielen

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Dann gibt es doch noch einen Versuch der Ei-

Nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion

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geht ein französisch-griechischer Verband an Land. Im äußersten Osten, am Pazifikhafen Wladiwostok, setzen ebenfalls Amerikaner und Briten über, dazu noch Japaner, die von einer ostsibirischen Kolonie träumen. 1919 stehen Soldaten aus 14 Ländern in Russland. Während so die westlichen Großmächte gegen die Roten aufmarschieren, ergeht Anfang Juni an die Truppen der Tschechoslowakischen Legion ein Hilferuf der Antibolschewisten aus Samara an der mittleren Wolga. Am 8. Juni marschieren die Tschechen in den quirligen Ort ein. Wie in vielen südrussischen Städten haben sich auch hier die Feinde der Kommunisten gesammelt, Männer jeder Art und Couleur. Darunter sind etliche Funktionäre der nichtbolschewistischen Parteien, vor allem der Rechten Sozialrevolutionäre, die viele Anhänger unter den Bauern haben. Die Antikommunisten gründen in Samara nun einen Gegenstaat zum bolschewistischen Russland mit einer Exilregierung, dem „Komutsch“. Aber die anderen Parteien – Menschewiki und Kadetten – machen nicht mit. Die Gegner der Roten, die Weißen, sind in Wahrheit eher „Bunte“: Sie vermögen gegen die straff geführten Bolschewiki keine politische Einheit zu finden. Schon bilden sich auch andernorts weiße Gegenregierungen.

Kaspisches Meer

General Anton Denikin führte die antibolschewistischen Truppen im Süden Russlands 1918 bis 1920. Er starb 1947 im Exil in den USA.

dem „eisernen“ Felix Dserschinski gegründet, Sohn eines polnischen Adligen und überzeugter Bolschewik. Aus einem Häuflein von 600 Mitgliedern Anfang 1918 schwillt die gefürchtete Truppe bis 1921 auf rund 280 000 an. Vor allem in der Provinz wütet die Tscheka, erschießt, foltert, verstümmelt – wie auch die Sicherheitsdienste der Weißen. Dann töten die Bolschewiki den Zaren, 16 Monate nach dessen Abdankung. Der Mord geschieht am 16. Juli in Jekaterinburg am Ural; unter Lenins Leitung haben führende Bolschewiki die Bluttat beschlossen. Lenin hat Angst, der Exherrscher könne von den Weißen befreit und als Aushängeschild benutzt werden. Nicht nur Zar, Zarin und Thronfolger werden bestialisch umgebracht, auch die vier Töchter und sogar vier Bedienstete einschließlich des Arztes. Im Anschluss vertuscht und leugnet der Sowjetstaat die

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USA

DEUTSCHES REICH

St. Petersburg

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Dezember 1922

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Irkutsk

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Kaspisches Meer

MONGOLEI CHINA

Tat, deren Details erst 1991 enthüllt werden. Auch aufseiten der Weißen wandelt sich das Bild. Das politische Experiment in Ufa ist gescheitert, statt auf linke oder liberale Versprechungen setzt man nun auf die Herrschaft des Militärs. Der neue starke Mann ist Alexander Koltschak, einst Admiral der russischen Marine und der wichtigste Gegenspieler Lenins. Er handelt als Militärdiktator und residiert als „Oberster Regent Russlands“ im südwestsibirischen Omsk, eine Art Großfürst von Sibirien. „Ein Führer!“, durchzuckt es Dwinger, als er ihm gegenübersteht. Der deutsche Schriftsteller wird später unter dem „Führer“ Adolf Hitler in den Krieg gegen die Sowjetunion ziehen, als Propagandist. Andere urteilen skeptischer, General Alexej Budberg beschreibt Koltschak als „Neurotiker, der schnell aufbraust“. Wie auch immer: Der weiße Diktator habe als „unbesiegbare Macht“ gegolten, sagt Lenin rückblickend. Und tatsächlich scheint 1919 das Ende der Kommunisten gekommen. Das von ihnen beherrschte Gebiet schnurrt auf ein Fünfzehntel des alten Russischen Reichs zusammen. Die nichtrussischen

Baikalsee

Junge Revolutionäre standen an der Spitze der Roten Armee: Semjon Budjonny, Michail Frunse und Kliment Woroschilow.

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Wladiwostok JAPAN

Nationen an den Rändern wollen sich ohnehin abspalten. Koltschaks sibirische Armee startet im März eine Offensive und stößt rund 300 Kilometer nach Westen vor. Ende April erobert sie Ufa, wo viele wichtige Eisenbahnlinien zusammenlaufen. Lenin mahnt, warnt, droht: Wenn vor dem Winter kein Sieg errungen sei, sei das Ende der Revolution unvermeidlich. Die Roten sammeln sich, verstärken ihre Ostarmee von gut 80 000 auf 360 000 Mann, die Führung übernimmt der vormalige Zaren-Oberst Sergej Kamenew. Und es gelingt: Im Sommer brechen die Bolschewiki so massiv durch, dass den Weißen nur noch ein chaotischer und fluchtartiger Rückzug bleibt. Im November muss Koltschak sogar aus seiner Residenz in Omsk weichen. Noch gefährlicher sieht es für die Rote Armee im Süden aus. Dort vereint der ehemalige Generalleutnant Anton Denikin eigene Truppen der Freiwilligenarmee mit den versierten Reitern der Donkosaken. Im Sommer gelingen erste Erfolge, der entscheidende Vormarsch gen Moskau soll – flankiert von zwei weiteren Vorstößen – im Herbst erfolgen. Am 20. September 1919 erobern Denikins Truppen Kursk, Mitte Oktober fällt Orjol: Bis Moskau sind es nur noch gut 300 Kilometer. Die Chancen der Weißen stehen so gut wie nie, unter den Kommunisten beginnt Panik. Doch erneut gelingt das rote Wunder. Eine vereinte Truppe aus Kosaken, Kavallerie und einer lettischen Einheit hat erste Er-

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Ein Reich wird rot Bürgerkrieg

folge, dann wirft sich die legendäre 1. Rote Reiterarmee unter General Semjon Budjonny ins Gefecht und schneidet den Weißen die Nachschublinien ab. Bis Januar 1920 werden Kiew und das Dongebiet einschließlich Rostow von den Bolschewiki überrollt. Im Nordwesten ist Petrograd bedroht. Während die Rote Armee im Süden gegen Denikins Truppen gebunden ist, überschreitet im Mai eine weiße Armee die estnisch-russische Grenze. Im Oktober 1919 steht sie kurz vor Petrograd. Rasch müssen die Kommunisten Truppen aus dem Süden abziehen; Trotzki selbst übernimmt die Verteidigung der alten russischen Hauptstadt. Schließlich stehen 70 000 Mann der Roten Armee dem 15 000-Mann-Häuflein der Weißen gegenüber. Der dritte große Befreiungsschlag der bolschewistischen Truppen erfolgt. Binnen eines halben Jahres haben sie wider Erwarten an allen Fronten gesiegt – Oben: Sie sollten die Bolschewiki stürzen, ein fulminanter Triumph. Zwar geht der Krieg noch ins folgen- weckten aber russische Abwehrkräfte: de Jahr, ja in Ostsibirien wird noch bis alliierte Soldaten bei 1922 gekämpft. Doch es ist ein einziger einer Parade in WladiSiegeslauf der Roten. Sie erschießen wostok im September Koltschak im Februar 1920 in Irkutsk, 1918. – Denikin gibt im April auf und flüchtet Links: Der Schriftstelnach Amerika. Eine Niederlage erleiden ler Isaak Babel hat die Bolschewiki allerdings beim Vor- ihnen in seinem Werk marsch gegen Polen, dem durch das „Die Reiterarmee“ ein „Wunder an der Weichsel“ im August literarisches Denkmal gesetzt: die beritte1920 der Übergang zum Sowjetsystem nen Truppen der erspart bleibt. Roten Armee unter Im Schatten dieses russisch-polnischen General Budjonny. – Kriegs erfolgt die letzte Offensive der Panzerzüge hier mit Weißen. Der aus einer deutsch-baltischen der antibolschewistiFamilie stammende General Pjotr Wran- schen Tschechoslogel rückt mit rund 40 000 Soldaten von wakischen Legion, der Krim aus bis zum Dnjepr vor. Doch ermöglichten Militärs nach dem polnisch-sowjetischen Waffen- hohe Mobilität. stillstand im Oktober haben die Roten wieder Truppen frei und drängen die Weißen zurück. Unter Wrangels Regie gelingt 146 000 Menschen, vor allem Zivilisten, die Flucht über das Schwarze Meer. Dass die Roten glanzvoll siegen, wird

schon von den Zeitgenossen als „Wunder“ bezeichnet, auch von Lenin selbst. Wer auf eine Karte von 1919 blickt, sieht riesige weiß beherrschte Gebiete und ein kleines rotes Fleckchen. Der Eindruck täuscht indes, denn die Roten besitzen stets die Hauptzentren Moskau und Petrograd. Auch strategisch ist ihre Linie von Vorteil gegenüber der zerrissenen weißen Front. Legendär wird Trotzkis rot beflaggter Eisenbahnzug, mit dem er von Front zu Front hastet. An eine solche SPIEGEL GESCHICHTE

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Verbindung zwischen den Kriegslinien ist bei den Weißen nicht zu denken. Doch ausschlaggebend für die Niederlage der Weißen ist die Haltung der Bauern – sie bilden die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Zwar gehen gerade die Roten brutal gegen sie vor, denn der Hunger der Städte und Soldaten nach Getreide ist immens. Die Sowjetmacht presst das letzte Korn aus den Dörfern. Das führt sogar zur Gründung einer dritten Partei: Neben Weißen und Roten organisieren sich 1919 „Grüne“ – Partisanen, die sich gegen die Plünderung durch die beiden Kriegsparteien zur Wehr setzen. Aber: Viele Bauern sehen in den Roten das kleinere Übel. Sie erleben die Weißen als Schutztruppe der Gutsbesitzer und machen die Erfahrung, dass sie das mancherorts bereits verteilte Land wieder abgeben müssen. Den Antibolschewisten fehlt eine politische Vision. Lenin hat einmal einen weiteren Grund für den roten Sieg angedeutet. In einer Rede am 1. März 1920 bezieht er sich auf eine Äußerung Karl Radeks, des Deutschlandspezialisten in der Sowjetführung. Auf russischem Boden, so Radek, könne kein Fremder kämpfen. Das ist gemünzt auf die Alliierten; Lenin führt vor allem Franzosen und Engländer an. So wurde der traditionelle russische Patriotismus zu einer Ressource der Revolutionäre. Und der Terror? Ist es nicht die größere Grausamkeit, die den Roten hilft? Zwar ist der Weiße Terror kaum milder. Vor allem entsetzliche Judenpogrome geschehen in ihrem Machtbereich. Aber die Bolschewiki gehen strategisch vor, offen bekennen sie sich zum „Roten Terror“ als System und widmen ihm sogar eine gleichnamige Zeitschrift. Lenin bewundert den jakobinischen Terreur der Französischen Revolution. Erschießungen, Deportationen und Folter sind den Roten erlaubte, ja notwendige Mittel bei der Schaffung eines weltlichen Paradieses. Ins Schussfeld geraten Bürger wie Bauern, Arbeiter wie Intellektuelle. Trotzki lässt meuternde Soldaten erschießen. Es ist auch die Effizienz des Schreckens, die den Kommunismus voranbringt. Die roten Ideale einer völkerverbindenden, friedlichen und freien Welt stehen dazu im Kontrast und haben doch mobilisierende Wirkung. Und die Sowjetunion, die 1922 aus dem Blutbad hervorgeht, ist dem Hang zur Anwendung massiver ■ Gewalt bis zu ihrer Auflösung 1991 nie entkommen.

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Mit der Ukrainischen Sowjetrepublik schufen die Bolschewiki erstmals eine stabile Staatsform für das osteuropäische Land. Doch willkürlich gezogene Grenzen führten zu schweren Konflikten.

Zwischen Moskau und Berlin Lwiw (Lemberg)

WESTUKRAINE Bis 1939 Teil Polens, im September 1939 von der Roten Armee besetzt und im November in die Sowjetunion eingefügt. Sowjetische Panzerwagen in der Westukraine, September 1939

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DONEZKER-KRIWOROGER SOWJETREPUBLIK 1918/1919 Im Osten der Ukraine entstand 1918 eine eigene russischsprachige Sowjetrepublik. Soldaten der Roten Armee bei Charkiw 1919

„VOLKSREPUBLIKEN“ DONEZK UND LUHANSK

Charkiw russ. Charkow

Luhansk Kiew

russ. Lugansk

Im April 2014 ausgerufen, von Russland unterstützt, international nicht anerkannt. Prorussische Rebellen in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk im April 2014

Donezk

U K R A I N E

Asowsches Meer

Odessa

Schwarzes Meer

200 km

KRIM Am 18. März 2014 nach Militärintervention Russland beigetreten, der Beitritt wurde jedoch von der Ukraine und der Mehrheit der Vereinten Nationen nicht anerkannt. Vertreter der Republik Krim und Sewastopols nach Unterzeichnung des Beitrittsvertrags im Kreml mit Wladimir Putin (M.)

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Ein Reich wird rot Ukraine

Von Uwe Klußmann

D

er Versuch, die Entwicklung in Kiew von Berlin aus zu lenken, ging gründlich schief. Unter der Obhut deutscher Militärs, die im Frühjahr 1918 in die Ukraine einmarschiert waren, hatte sich ein ukrainischer Staat formiert, das „Hetmanat“. Die Hetmane waren Kosakenführer. Zum Staatschef von Berlins Gnaden avancierte Pawlo Skoropadsky, ein General der Zarenarmee. Das strategische Ziel der deutschen Führung fasste der baltendeutsche Ostexperte Paul Rohrbach in die Worte: „Wer Kiew hat, kann Russland zwingen.“ Während in Russland der Bürgerkrieg zwischen „Roten“ und „Weißen“ begann, versuchte der Hetman Skoropadsky, seine Ukraine als Hort der Ordnung zu profilieren. Doch seine Herrschaft erwies sich als instabil. Weil die Staatsführung mit den Großgrundbesitzern paktierte, wurden die Bauern wütend. Außerdem merkten sie bald, dass Skoropadsky ein Büttel der deutschen Besatzer war. Ein Aufstand, der im November 1918 begann, ließ das Regime zusammenbrechen. Der Hetman floh nach Berlin. Die kurze Episode des „Hetmanats“ zeigt, wie schwer es für die Ukraine war, sich als Staat zu behaupten. Erst nach dem Ende des Zarenreichs hatte sie die Unabhängigkeit erreicht, aber von Stabilität konnte keine Rede sein. Auf Skoropadskys Abdankung folgte das Regime des Nationalisten Symon Petljura. In seinem Herrschaftsbereich kam es zu Pogromen, bei denen Zehntausende Juden umkamen. Petljuras brutales Regime wurde von der Roten Armee beendet. „Rücksichtslos“ drang die sowjetische Reiterei in Kiew ein, wie ein Zeitzeuge, der Schriftsteller Michail Bulgakow, notierte. Die Bolschewiki machten Kiew zur Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik, die sie schon 1919 in Charkiw in der Ostukraine ausgerufen hatten. Die Ukrainer schlossen zunächst einen Bund mit der Russischen Sowjetrepublik. Zusammen wurden beide Ende 1922 Gründungsmitglieder der Sowjetunion, auch UdSSR genannt („Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken“). Zuvor

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hatte Moskau nach einem verlorenen Krieg die Westukraine um Lemberg an Polen abtreten müssen. In der bäuerlich geprägten Ukraine hatten die Bolschewiki nur wenige Anhänger. 80 Prozent der Parteimitglieder in der Ukraine waren Nichtukrainer, vor allem Russen. Um die Macht in diesem Randgebiet des Sowjetreichs zu festigen, fügten die Bolschewiki unter Lenin russische Gebiete hinzu, so die Gegend um Charkiw, Luhansk und Donezk. Im dortigen Kohlebergbaugebiet, dem Donbass, hatte in den Jahren 1918/19 die russischsprachige Donezker-Kriworoger Sowjetrepublik

Die deutsche Führung versuchte, in der Ukraine ein ihr genehmes Regime zu etablieren: Kaiser Wilhelm II. mit dem Chef des „Hetmanats“, Pawlo Skoropadsky.

bestanden. An deren Tradition sollten prorussische Aufständische ab Frühjahr 2014 demonstrativ anknüpfen. Die Bedenken vieler Bewohner des russischsprachigen Donbass gegen ihre Vereinnahmung in die Ukraine wuchsen, als die Moskauer Parteiführung eine Politik der „Ukrainisierung“ begann. Der Rahmen dafür hieß ab 1923 „Korenisazija“, Einwurzelung. Der Grundgedanke lautete: Das Sowjetregime sollte populär werden, indem

es die Sprache der örtlichen Bevölkerung benutzte. Die Kommunisten in der Ukraine, so Lenin schon 1919, müssten „die ukrainische Sprache zur einer Waffe der kommunistischen Aufklärung unter den werktätigen Massen machen“. Doch Lenin unterschätzte, dass diese Politik nationalukrainische Kräfte stärken würde, auch innerhalb der Kommunistischen Partei. Zu den Wortführern gehörte der ukrainische Dichter und Kommunist Mykola Chwylowy. Der propagierte die Parole: „Los von Moskau!“ Den Russen in der Ostukraine ging das alles entschieden zu weit. So konstatierte das Zentralkomitee der ukrainischen KP im April 1925 einen „passiven Widerstand eines Teils der Arbeiter und Parteimitglieder“ gegen die Sprachenpolitik. Elternversammlungen im Osten des Landes protestierten gegen die Ukrainisierung der Schulen. Von der Schärfe der Konflikte kündet ein anonymer Brief russischer Studenten aus der Ukraine an Stalin vom Mai 1926. Die Briefschreiber warnten vor „ukrainischen Chauvinisten“ und vor einer „Feindschaft, die beginnt und zum Zerfall der UdSSR führt“. Was die Absender nicht wissen konnten: Stalin hatte wenige Wochen zuvor in einem Schreiben an den ukrainischen KP-Generalsekretär Lasar Kaganowitsch gemahnt, man dürfe „nicht die russischen Arbeitermassen zwingen, auf die russische Sprache zu verzichten“. Stalin, der „russifizierte Nichtrusse“, wie ihn Lenin genannt hatte, kritisierte die Forderung des Dichters Chwylowy nach einer „sofortigen Entrussifizierung des Proletariats“ und wandte sich gegen dessen „Losvon-Moskau“-Parole. Denn Moskau, so Stalin, sei schließlich „die Zitadelle der weltrevolutionären Bewegung“. Anfang der Dreißigerjahre initiierte Stalin eine Kampagne gegen die „nationale Abweichung“ in der Ukraine. Tausende Intellektuelle, vor allem Lehrer und Wissenschaftler, auch führende Parteifunktionäre, wurden entlassen, viele von ihnen verhaftet und hingerichtet. Chwylowy beging 1933 aus Verzweiflung über die Verfolgungen Selbstmord. In jener Zeit wuchsen die Industriestädte im Osten der Ukraine zu imposan-

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ter Größe. Im Donbass-Gebiet wurden „die Hypothese eines von Stalin geplan1932/33 rund 70 Prozent der Steinkohle ten Völkermordes bisher nicht nachgeund des Eisenerzes der Sowjetunion ge- wiesen“ sei. fördert. Die Einwohnerzahl von Donezk, Die Hungersnot traf gleichzeitig auch das damals Stalino hieß, stieg zwischen andere sowjetische Regionen im Süden 1926 und 1939 von 105 000 auf 462 000. Im Russlands und in Kasachstan. In der UkraiSchmelztiegel Donbass entstand eine eth- ne hungerten Russen ebenso wie Ukrainer. nisch gemischte, russischsprachige Iden- Die dortigen Nationalisten nutzten die Katität, dem russischen Kernland näher als tastrophe propagandistisch; Stalins Reder ländlichen Ukraine. gime gab ein gutes Feindbild ab.

Das Gebot der Nationalisten: „Behandle die Feinde deiner Nation mit Hass und ohne Rücksicht.“ Parallel zum politischen Terror gegen „Abweichler“ wurde auch die Ukraine von der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft getroffen. Es kam zu einer Hungersnot, der 1932/33 etwa 3,5 Millionen Menschen in der Ukraine zum Opfer fielen. In der Publizistik und Geschichtsschreibung der heutigen Ukraine wird diese Tragödie als Genozid an der ukrainischen Nation gesehen („Holodomor“). Nicht nur russische, auch amerikanische und westeuropäische Historiker bezweifeln das, wie zum Beispiel der UkraineKenner Andreas Kappeler. Er sagt, dass

Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee in die damals von Polen beherrschte Westukraine ein, gemäß geheimer Vereinbarungen mit Hitlerdeutschland. Man könne die „blutsverwandten Ukrainer“ nicht schutzlos lassen, lautete die offizielle Begründung. Doch schon bald ließ das Sowjetregime bei den „Blutsverwandten“ Blut fließen. Denn Stalins Leute brachten nicht nur Schallplatten voll ukrainischer Volkslieder mit, sondern auch ihre Folterknechte. Rasch füllten sich die Gefängnisse mit Gegnern des Sowjetstaates.

Die Westukraine war eine Hochburg nationaler Gefühle. Gegen die Versuche des polnischen Militärregimes, die Bewohner unter Druck zu polonisieren, hatte sich 1929 die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) formiert. Geführt wurde die Organisation von dem Priestersohn Stepan Bandera, der auf eine Strategie des Terrors setzte. So ließ er 1934 den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki ermorden. Banderas OUN fasste ihre Ideologie im Zweiten Weltkrieg in die „Zehn Gebote des ukrainischen Nationalisten“. Darin hieß es: „Du wirst einen ukrainischen Staat erreichen oder im Kampf dafür sterben.“ Das Gebot für den Umgang mit politischen Gegnern lautete: „Behandle die Feinde deiner Nation mit Hass und ohne Rücksicht.“ Unfassbare Brutalität gab es auf allen Seiten. Beim Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 rückte Hitlers Wehrmacht Ende Juni auf Lemberg vor. Dort Im russischsprachigen, multiethnischen Kohlerevier des Donbass entwickelten die Bewohner über Jahrzehnte eine eigene Identität: Bergarbeiterinnen 1930 in Horliwka bei Donezk.


Ein Reich wird rot Ukraine

ermordete die sowjetische Geheimpolizei nach einem Aufstand kurz vor dem deutschen Einmarsch etwa 3000 gefangene ukrainische Nationalisten. Die „Deutsche Wochenschau“ machte sich das Massaker zunutze. In quälend langen Einstellungen zeigte sie die Leichen, „unschuldige Opfer bolschewistischer Mordgier“, so der „Wochenschau“Sprecher. Die Bilder dienten den Nazis

Untergrundkampf. Dessen Inspirator Stepan Bandera hielt sich nach dem Krieg jahrelang in München versteckt, wo er 1959 von einem KGB-Agenten mit einer Giftpistole ermordet wurde. Die Mentalität, die viele Westukrainer in den aussichtslosen Kampf gegen die Sowjetunion trieb, beschrieb einer von ihnen, der nach Berlin emigrierte Philosoph Iwan Mirtschuk. In seinem

Politisch empfand die Mehrheit der Krimbewohner schon lange eine große Nähe zu Russland. dazu, ihre Leute anzustacheln, zu noch „Handbuch der Ukraine“ notierte er größeren Bluttaten. Dabei halfen ihnen 1941, zu den „Grundelementen der ukraiukrainische Nationalisten als Kollabora- nischen Weltanschauung“ gehöre „das teure. starke Überwiegen des Emotionalen, des Die ersten Opfer waren mehr als 3000 Gefühlslebens über das rationale EleJuden in Lemberg und Umgebung. Bei ment“. In diesem Zusammenhang bedem Terror tat sich auch Roman Schu- scheinigte Mirtschuk seinen Landsleuten chewytsch hervor, Hauptmann des von auch einen „übermäßigen, den Wirklichden Deutschen gebildeten Bataillons keitssinn gänzlich zurückdrängenden „Nachtigall“. Aus ukrainischen Nationa- Idealismus“. listen rekrutierte sich auch die 14. WafWie ein Zugeständnis wirkte die Entfen-Grenadier-Division der SS, die bis zu scheidung der Sowjetunion 1945, die 22 000 Mann zählte. Die Truppe war an Ukrainische Sowjetrepublik zur MitgrünMassakern gegen polnische und jüdische derin der Vereinten Nationen zu machen. Zivilisten beteiligt. Nach Stalins Tod sorgte dessen NachfolSelbst nach dem Sieg der Sowjetunion ger Nikita Chruschtschow für eine weiüber die Hitler-Truppen führten Nationa- tere Überraschung. Er fügte die mehrlisten in der Westukraine ihren Krieg mit heitlich von Russen bewohnte Halbinsel Zehntausenden Kämpfern weiter. Dabei Krim in die Ukrainische Sowjetrepublik konnten sie auf Hilfe aus den USA zäh- ein, ohne Referendum. Mit dem verfaslen. Der amerikanische Geheimdienst sungsrechtlich umstrittenen Schritt legte setzte bis 1953 rund 75 Exilukrainer per Chruschtschow einen politischen SprengFallschirm in der Westukraine ab. Schu- satz in das ohnehin konfliktgeladene chewytsch kommandierte die Unter- Land. grundgruppen, die über Bunker und WafErst einmal blieb es friedlich, auch fenlager in Wäldern verfügten. Er fiel noch nach dem Zerfall der Sowjetunion. 1950 bei einem Gefecht mit sowjetischen Präsident der unabhängigen Ukraine Sicherheitskräften. Den Untergrundkampf führten die Ukrainische Nationalisten zeigten ukrainischen Nationalisten nach grauwährend der Maidan-Proteste in Kiew Bilder des zeitweiligen Nazisamen Regeln. Sie töteten mehrere Taukollaborateurs Stepan Bandera. send, Parteifunktionäre, Kolchosvorsitzende, Dorfvorsteher, Schullehrer und Schriftsteller, und sie hatten einen eigenen Sicherheitsdienst, der ein Spiegelbild der sowjetischen Geheimpolizei war und auch folterte. Die Sowjets verhängten Todesurteile gegen militante Nationalisten. In den Jahren 1945 bis 1953 deportierten die Sowjetbehörden rund 204 000 Westukrainer in entfernte Gegenden der Sowjetunion. Erst Mitte der Fünfzigerjahre endete der bewaffnete

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wurde der bisherige Vizechef der KP, ein geschmeidiger Wechsel in die neue Zeit. Allerdings hatte die politische Führung in Kiew von Anfang an Probleme, die Grenzen aus der Zeit der Ukrainischen Sowjetrepublik zu bewahren. Nach dem Ende der UdSSR wurde die Krim sofort zum Zankapfel. Im Oktober 1991, zwei Monate nach der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung, forderte der Oberste Sowjet der Krim einen Volksentscheid über die Zukunft der Halbinsel. Im Mai 1992 beschloss das Parlament der Krim die Unabhängigkeit und eine eigene Verfassung. Die Russische Föderation unter Präsident Boris Jelzin übte Druck auf die Krim aus – für deren Unterordnung in der Ukraine. Die Führung in Kiew erklärte die Beschlüsse des Krim-Parlaments für ungültig. Russland erkannte in einem Freundschaftsvertrag mit der Ukraine 1997 deren Grenzen an und einigte sich mit ihr über eine Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol auf der Krim. Politisch empfand die Mehrheit der Krim-Bewohner eine große Nähe zu Russland. In einem Referendum, das als Meinungsumfrage deklariert werden musste, hatten sich am 27. März 1994 rund 78 Prozent für eine Souveränität der Krim ausgesprochen. Am selben Tag stimmten im ostukrainischen Gebiet Donezk 80 Prozent für einen föderativen Staatsaufbau der Ukraine. Im Nachbarbezirk Luhansk votierten 90 Prozent für Russisch als zweite Staatssprache. Doch die ukrainische Zentralmacht lehnte diese Forderungen ab. Die politische Elite in Kiew war gegen jeden Föderalismus, weil sie die Ressourcen des Staates in ihren Händen bündeln wollte. Dabei hatte Selbstbereicherung Vorrang vor dem Gemeinwohl. Die politische Macht in der ukrainischen Hauptstadt geriet in den Neunzigerjahren in die Hände korrupter Klans. Zur Symbolfigur der Verhältnisse wurde der zeitweilige Ministerpräsident Pawlo Lasarenko. Der wurde 1999 in den USA festgenommen und 2006 wegen Erpressung und Geldwäsche zu neun Jahren Haft verurteilt. Während der Regierungsapparat in Korruption versank, entfremdeten sich vor allem die russisch geprägten Regionen im Süden und Osten des Landes vom ukrainischen Staat. Der tat sich schwer mit der Suche nach seiner Identität. Erst 1996, fünf Jahre nach der

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Unabhängigkeit, gab das Land sich eine Verfassung. Durch das Vakuum, das kleptokratische Regierungen hinterließen, gewann allmählich der westukrainische Nationalismus an Bedeutung. Dessen Anhänger besetzten Schlüsselfunktionen im Bildungsausschuss des Parlaments und in wissenschaftlichen Einrichtungen. Mithilfe von Exilukrainern vor allem in Kanada gelang es ihnen seit den Neunzigerjahren, die Inhalte der Schulbücher zu bestimmen. Darin erschienen die Nationalisten der OUN als Heroen. Zudem verlieh der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko, der unter großer Anteilnahme des Westens nach der „Orangenen Revolution“ 2005 ins Amt gekommen war, den OUN-Führern Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch den Titel „Held der Ukraine“. Dies sorgte im Osten des Landes für Empörung. Und trug dazu bei, dass der jahrelang von den USA unterstützte Juschtschenko bei den Präsidentschaftswahlen 2010 mit nur 5,5 Prozent der Stimmen scheiterte. Doch auch der Wahlsieg des aus dem ostukrainischen Donezk stammenden Wiktor Janukowytsch konn-

te den offenen Ausbruch des Konfliktes zwischen pro- und antirussischen Kräften nicht lange verhindern. Janukowytsch hatte versprochen, Russisch zur zweiten Amtssprache zu machen und eine Föderalisierung einzuleiten. Der neue Staatschef, letztlich weniger Kreml-freundlich als kriminell, rückte im Amt von seinen Wahlversprechen ab. Mit größerer Energie kümmerte er sich um sein eigenes Wohlergehen. Als der korruptionsumwitterte Präsident ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen wollte, begannen ab November 2013 Massenkundgebungen seiner Gegner. Auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, demonstrierten vor allem Menschen aus dem Westteil und dem Zentrum der Ukraine. Auf der Tribüne des Maidan stand auch ein Verbündeter der deutschen Regierung. Das Kanzleramt hatte den politisch gemäßigten Berufsboxer Vitali Klitschko zum Wunschkandidaten für die Führung der Ukraine erwählt. Doch es kam anders, als in Berlin erhofft. Je mehr sich die Proteste radikalisierten, desto

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Bei bitterer Kälte fanden in Kiew im Januar und Februar 2014 Straßenschlachten zwischen Polizeieinheiten und Regierungsgegnern statt: Eiszapfen vor einer Polizeikette im Januar 2014.

mehr traten auf dem Maidan auch nationalistische Gruppen wie der „Rechte Sektor“ auf. Sie zeigten große Bandera-Plakate sowie die schwarzroten Fahnen der OUN. Und sie schossen in Kiew auf Polizisten, bevor zahlreiche Demonstranten durch Schüsse von Sicherheitskräften getötet wurden. So starben im Februar 2014 auf dem Maidan 84 Demonstranten und 16 Polizisten. Die Toten auf dem Maidan waren die ersten Opfer des ukrainischen Bürgerkriegs. Der Sturz Janukowytschs am 22. Februar 2014 erfolgte unter Bruch der ukrainischen Verfassung. Die ukrainische Parlamentsmehrheit hielt ihr Vorgehen für legitim, um ein Machtvakuum zu verhindern. Ein neuer Präsident, der Oligarch Petro Poroschenko, wurde erst drei Monate später gewählt. So kam zunächst eine Übergangsregierung an die Macht, der auch die nationalistische Partei „Svoboda“ angehörte, die sich in der Tradition Banderas sieht.

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Der Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde brutal geführt. Prorussische In Sewastopol auf der Krim sagten sich auch massiv Artillerie ein. An der Seite Milizen zwangen im August 2014 Soldadaraufhin Zehntausende in einer Massender Regierungstruppen kämpften natioten der ukrainischen Regierungstruppen kundgebung unter russischen Fahnen von nalistische Freiwilligenbataillone. Die zu einem Fußmarsch durch Donezk. der Ukraine los. Zwischen Gegnern und Angst vor den „Banderowzy“, wie die Anhängern Russlands kam es in der Bandera-Verehrer im Osten genannt Krim-Hauptstadt Simferopol zu Zusam- habe eine „Gefahr für den ganzen Süden wurden, mobilisierte in den „Volksmenstößen. Prorussische Krim-Bewohner Russlands“ bestanden. republiken“ jetzt Hunderttausende, die formierten Selbstverteidigungseinheiten. Die Regierung der Ukraine verurteilte in international nicht anerkannten ReZu deren Unterstützung erschienen ab die russische Intervention als „Besetzung ferenden für ihre Eigenständigkeit vo27. Februar 2014 Soldaten ohne Hoheits- der Krim“. Eine Mehrheit von 100 Mit- tierten. abzeichen. Es waren russische Militärs, gliedern der Vereinten Nationen erkannAls die prorussischen Rebellen im die von der Flottenbasis Sewastopol aus te das Krim-Referendum nicht an. 58 Sommer 2014 durch den Vormarsch der auf die gesamte Halbinsel ausschwärm- Staaten enthielten sich, 11 befanden den ukrainischen Regierungstruppen in Beten. Der neue Ministerpräsident der Krim Beitritt der Krim für rechtmäßig, darun- drängnis gerieten, griffen russische rief Russland jetzt offiziell um Hilfe an. ter Kuba und Venezuela. Die Bundesre- Soldaten in die Kämpfe ein; der Kreml Nach der ukrainischen Verfassung hatte gierung sieht in Russlands Verhalten ei- bestreitet das. Kiew sprach von einer er dazu kein Recht. nen „Bruch des Völkerrechts“. „russischen Aggression“. Unter der russischen Truppenpräsenz Weit dramatischer als auf der Krim Nach einem ab September 2014 im hielten die Krim-Behörden am 16. März entwickelten sich die Konflikte zwischen weißrussischen Minsk geschlossenen und ein Referendum ab. Nach amtlichen An- prorussischen Kräften und Regierungs- sehr brüchigen Waffenstillstand verfestigaben stimmten 96,8 Prozent „für die anhängern im Osten der Ukraine. Nach gen sich die beiden „Volksrepubliken“ im Wiedervereinigung mit Russland“. Die Demonstrationen für eine Föderalisierung Donbass als De-facto-Staaten. Sie wererfolgte zwei Tage später in einem Staats- verhaftete der ukrainische Sicherheits- den von Russland massiv mit Geld und akt in Moskau, der den völkerrechtlich dienst Organisatoren. Danach bildeten Beratern unterstützt. Im Bürgerkrieg in umstrittenen Beitritt besiegelte. Russ- sich in den Regionen Donezk und Lu- der Ostukraine sind bis Herbst 2016 etwa lands Präsident Wladimir Putin begrün- hansk ab Anfang April 2014 bewaffnete 10 000 Menschen umgekommen. Drei dete sein Vorgehen damit, dass die Krim „Volksmilizen“, die schon bald eigenstän- Jahre nach dem Aufbruch des Maidan historisch „russischer Boden“ sei, auf dige „Volksrepubliken“ ausriefen, mit Un- und ein Jahrhundert nach der ersten Undem „1,5 Millionen russische Menschen terstützung aus Russland. abhängigkeit ist die Ukraine tief gespalleben“. Den USA warf er vor, sie hätten Die ukrainische Regierung begann ten und instabil. Ihre 1991 von der UkraiRussland „immer wieder betrogen“, gegen die von Russland unterstützten nischen Sowjetrepublik geerbten Grendurch die „Ausdehnung der Nato nach bewaffneten Aufständischen eine mili- zen bestehen über weite Strecken nur Osten“. Da Kiewer Politiker den Nato- tärische „antiterroristische Operation“. noch auf dem Atlas. uwe.klussmann@spiegel.de Beitritt der Ukraine forderten, so Putin, Dabei setzte sie ab Anfang Mai 2014

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KAPITEL 2 S O WJ E T I S C H E E X P E R I M E N T E


Sowjetische Experimente Künstler

Nach der Revolution verfiel die Avantgarde der russischen Künstler in einen Rausch der Kreativität – bis Stalin den Sozialistischen Realismus verordnen ließ.

Im Zeichen des schwarzen Quadrats Von Michael Sontheimer

A

ls Sergej Eisenstein im Juni 1920 mit einer Propagandaeinheit an die Westfront im Bürgerkrieg fuhr, machte sein Zug im weißrussischen Witebsk halt. Der revolutionäre Filmregisseur schrieb später über die Provinzstadt: „Die Backsteinmauern verrußt und freudlos. Diese Stadt ist besonders merkwürdig. Hier sind in den Hauptstraßen die roten Ziegel weiß getüncht. Und auf dem weißen Grund verteilt sind grüne Kreise. Orangefarbene Quadrate. Blaue Rechtecke. Das ist Witebsk im Jahre 1920. Über seine Ziegelmauern ist Kasimir Malewitschs Pinsel hinweggegangen. Die Plätze sind unsere Paletten, tönt es von den Mauern.“ Witebsk war gerade der aufregendste Schauplatz moderner Kunst weltweit. Und das ist keine journalistische Übertreibung. Nach der Revolution arbeiteten hier die wichtigsten Vertreter der russischen Avantgarde, die sich begeistert in den Dienst der Diktatur des Proletariats stellten. Sie hatten die Unterstützung der Sowjetregierung, und sie träumten davon, eine neue Kunst, einen neuen Menschen, eine neue Welt zu schaffen. Verantwortlich dafür, dass Kunststudenten aus Petrograd, Moskau und allen Teilen des Landes nach Witebsk kamen, war Marc Chagall. 1887 hier geboren, in einer der jüdischen Familien, die in der Stadt mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Der junge Maler, der etliche Jahre in Paris gearbeitet und dort Fernand Léger, Amedeo Modigliani und andere Künstler kennengelernt hatte, erlebte im November 1917 die Revolution in Petrograd, bevor er nach Witebsk zurückkehrte. Mit den Bolschewiki hatten Männer die Macht übernommen, die Chagall zum Teil aus Paris kannte. Der Journalist und

Die Ikone der ungegenständlichen Kunst – das erstmals 1915 von Kasimir Malewitsch gemalte „Schwarze Quadrat“, hier in einer Version von 1929. – Sie brannten für ihre revolutionäre Kunst: Malewitsch und seine „Bestätiger der Neuen Kunst“ aus Witebsk reisten 1920 nach Moskau.

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Schriftsteller Anatolij Lunatscharski, der den ersten Artikel über Chagall auf Russisch geschrieben hatte, war zum Volkskommissar für Bildung ernannt worden und damit zum obersten Kulturpolitiker des Sowjetstaats. Im Gegensatz zu dem in Fragen der Kunst eher konservativen Lenin war Lunatscharski gegenüber der Avantgarde aufgeschlossen. Er postulierte, sein Kommissariat werde bezüglich der „einzelnen Richtungen im Kunstleben unparteiisch“ sein. „Allen Personen und Gruppen im Kunstbereich ist eine freie Entwicklung zu gewähren!“ Der Maler David Schterenberg, der in Paris Chagalls Ateliernachbar gewesen war, leitete nun die Abteilung für Kunst des Kommissariats. Bald war Chagall zum „Beauftragten für Angelegenheiten der Kunst in der Provinz Witebsk“ ernannt. Seine erste große Aufgabe bestand im Organisieren der Feiern zum

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ersten Jahrestag der Revolution. Chagall war Vorsitzender des Komitees für die Dekoration der Stadt und malte oder zeichnete selbst Entwürfe für große Wandbilder, etwa mit dem Titel: „Vorwärts, immer vorwärts. Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Auch Chagalls bekanntes Motiv einer im Himmel über Witebsk fliegenden Frau fand Verwendung. Während der zweitägigen Feiern war die Stadt mit großen farbenfrohen Bildern geschmückt, die an volkstümliche Holzschnitte erinnerten. Weniger kunstsinnige Genossen hielten Chagall vor, wie viele Hemden man aus den Leinwänden hätte nähen können. Von den 80 000 Bewohnern von Witebsk nahmen drei Viertel an den Aufmärschen teil.

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Kurz darauf bekam Chagall die frühere Villa eines Bankiers für die von ihm geplante Volkskunstschule. Bei der Eröffnung Ende Januar 1919 schwärmte er davon, dass die Pforten der künstlerischen Heiligtümer nun den Arbeitern offenstünden. Allerdings kritisierte ein Lokaljournalist: „Zu unserer großen Überraschung und unserem Verdruss stellten wir fest, dass bei der Eröffnung dieser proletarischen Institution keine Arbeiter anwesend waren.“ Der Maler Marc Chagall agierte anfangs als Kulturpolitiker in Witebsk; hier bei künstlerischer Arbeit um 1919. Doch 1922 verließ er die Sowjetunion und wanderte nach Berlin, später nach Paris aus.

Chagall forderte lieber in einer Petrograder Kunstzeitschrift alle Künstler auf, nach Witebsk zu kommen und dort zu unterrichten. Im Mai 1919 folgte ein junger Grafiker namens Lasar Lissitzki diesem Ruf. Er war unweit von Witebsk aufgewachsen und kannte Chagall aus Kindheitstagen. Lissitzki hatte vor dem Ersten Weltkrieg in Darmstadt Architektur studiert und sich in Paris um die Renaissance jüdischer Kunst bemüht. Der umfassend talentierte El Lissitzky, wie er sich bald nannte, baute die „Studios für grafische Künste, Druck und Architektur“ auf. Gleichzeitig schuf er zahlreiche Theaterkulissen, Plakate, Karikaturen und Grafiken für Zeitungen. Sein Plakat „Schlagt die Weißen mit dem Roten Keil“ wurde zu einer Ikone. Der Enthusiasmus der linken Künstler, die ihr Schaffen aus der bürgerlichen, elitären Nische führen und den Arbeitern und Bauern nahebringen wollten, war groß. Ebenso groß waren die Schwierigkeiten, dies in die Tat umzusetzen. Angesichts von Krieg und Bürgerkrieg fehlte es den Künstlern wie den meisten Bürgern Russlands an allem; an geeigneten Räumen, an Heizmaterial für ihre Ateliers, an Leinwänden und Farben. Die Euphorie, welche die Revolutionskünstler erfasst hatte, machte auch vor den Schriftstellern, Theaterschaffenden und Musikern nicht halt. Doch was die Entwicklung neuer Formen anging, waren die bildenden Künstler mit Abstand die radikalsten. Der einflussreichste Maler der Avantgarde war Kasimir Malewitsch. 1878 in Kiew geboren, hatte er sich in enormer Geschwindigkeit von einem Maler, der figurativ und realistisch arbeitete, über den Impressionismus, Futurismus und Kubismus zum Vater des „Schwarzen Quadrats“ entwickelt, jenem Symbol für moderne, ungegenständliche Kunst schlechthin aus dem Jahr 1915. Zudem hatte er die Lehre des „Suprematismus“ entwickelt, mit der er die erste gegenstandslose Kunstrichtung theoretisch zu untermauern versuchte. Malewitsch leitete nach der Revolution in Moskau die „Freien staatlichen Künstler-Ateliers“, aber hatte nicht mal eine Wohnung und hauste zusammen mit seiner schwangeren Frau in einer unbeheizbaren Datsche außerhalb der Stadt.

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Als El Lissitzky in die Hauptstadt fuhr und Malewitsch nach Witebsk einlud, ließ sich dieser nicht zweimal bitten. Im November 1919 kam der charismatische Künstler an, zehn Tage später veröffentlichte er sein erstes Manifest, weitere zwei Tage darauf begann er mit Vorlesungen. Zu dieser Zeit gab es in Witebsk die „erste allrussische Kunstausstellung“, mit 41 Künstlern, etwa die Hälfte aus Witebsk, die andere Hälfte aus Moskau. In den Vorträgen und Diskussionen, welche die Schau begleiteten, erläuterte Malewitsch, ein brillanter Redner, in überfüllten Sälen seine radikale Sicht der Kunstgeschichte. Die meisten Referenten plädierten für eine figurative Kunst, El Lissitzky und Malewitsch dagegen für ihre gegenstandslosen Bilder und Skulpturen. Als Direktor hatte Chagall den undankbarsten Job an der Volkskunstschu-

Ungegenständliche Avantgarde-Kunst als Waffe in Klassenkampf und Bürgerkrieg: „Schlagt die Weißen mit dem roten Keil“, Plakat von El Lissitzky, 1920.

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le. Zum einen musste er die in viele Fraktionen gespaltenen Künstler organisatorisch zusammenhalten und zugleich ständig bei staatlichen Stellen um Unterstützung betteln. Als er Mitte Mai 1920 von einem solchen Bittgang aus Moskau zurückkehrte, stellte er fest, dass alle seine Studenten zu Malewitsch übergelaufen waren. Chagall reiste am 5. Juni 1920 aus seiner Heimatstadt ab und ging nach Moskau, wo er einen Job als Bühnenbildner beim staatlichen Jüdischen Theater fand. Kasimir Malewitsch übernahm das Direktorenamt; kurz zuvor

hatte er mit seinen Anhängern die Gruppe „Bestätiger der neuen Kunst“, Unowis, gegründet. In deren „Zentralem Kreativ-Komitee“ wirkten Malewitsch und Lissitzky, bald formierten junge Künstler in anderen russischen Städten lokale Dependancen. Malewitsch hatte Sinn für Theatralik. Er lief mit weißem Mantel und Hut herum, wie ein Guru. Seine Adepten nähten sich schwarze Quadrate, das Symbol des Suprematismus, auf die Ärmel. Lissitzky charakterisierte die Suprematisten von Unowis als „die Avantgarde der Roten Armee der Kreativität“. In der Zeitschrift der Gruppe hieß es: „Lasst uns die Erde in den Kleidern einer neuen Form und eines neuen Denkens an6/2016

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Sowjetische Experimente Künstler

ziehen.“ Den realen Arbeitern und Bauern blieben diese Gedankenexperimente fremd. Als Malewitsch und seine Unowis-Aktivisten zu einer großen Konferenz nach Moskau reisten, kamen sie dort wegen der schlechten Verkehrsverbindungen sechs Tage zu spät an. Das Foto von ihrer Abreise am 5. Juni 1920 in Witebsk (siehe Seite 40) zeigt eindrucksvoll die großen Emotionen, das Existenzielle ihrer künstlerischen Arbeit im Dienste der Revolution. Die Suprematisten erregten in Moskau erhebliches Aufsehen. Mit einer großen Ausstellung mitgebrachter Bilder etablierten sie ihre Schule als die einflussreichste Kunstrichtung Russlands. Heute werden die Jahre von der Revolution bis zur pragmatischen Wende 1921 in Russland als „Heroischer Kommunismus“ gesehen. 1920 plädierte Lunatscharski für den „Einsatz aller Kunstarten zur Propaganda und Verwirklichung der Ideen des Kommunismus“. Ein Jahr später wandte er sich jedoch gegen die „absolut inhaltsleere Sujetlosigkeit“ von Malewitsch und seinen Anhängern. Die

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Chagalls romantisches Bild „Über der Stadt“ hängt heute in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Während der Stalin-Ära war solche Kunst verpönt.

kommunistische Staatsmacht bewegte sich bei der Suche nach Stabilität wieder in konservativen Bahnen. Zu diesem Zeitpunkt war der Stern der Volkskunstschule in Witebsk schon im Sinken. Sie war der Provinzverwaltung unterstellt, die Kunst als Propaganda für die Partei und die Diktatur des Proletariats verstand. Es gab so gut wie keine finanzielle Unterstützung, die Gehälter wurden nicht bezahlt. „Die Dozenten waren buchstäblich am Verhungern“, klagte der Direktor 1923. Malewitsch ging nach Petrograd, ab 1924 Leningrad, und seine Schüler folgten ihm. Das Museum mit etwa 120 Ölbildern, das Chagall aufgebaut hatte, wollten die Provinzfunktionäre auch nicht haben. Die meisten Bilder landeten in Leningrad. Witebsk verfiel wieder in den tiefen Schlaf einer Provinzstadt. Mit der Einführung der pragmatischen Neuen Ökonomischen Politik verloren die Künstler ihr Recht auf „akademische Rationen“. Der Leiter der Hauptverwaltung Kunst des Volkskommissariats, der Deutsche Alfred Kurella, später Kulturideologe in der DDR, analysierte rückblickend: „Der Künstler verwandelte sich aus dem Mitglied einer privilegierten, vom Staat gefütterten Gilde zu einem vom Verkauf seiner selbstproduzierten Waren lebenden Heimarbeiter.“ Dies habe zu einer „Krise der Künstlerschaft“ geführt. „Der Künstler wurde arbeitslos.“ Gegen die Suprematisten erhob sich bald eine konservative Kunstvereinigung namens „Assoziation der Künstler des revolutionären Russland“, deren Mitglieder naturalistisch malten und viele Aufträge von der Armee und den Gewerkschaften bekamen.

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Malewitsch schrieb, diese Künstler seien „Lebensbeschreiber und Ereignisschilderer, die linken Künstler dagegen sind die Schöpfer dieses Lebens und Teilnehmer an den revolutionären Ereignissen“. Doch es kam noch schlimmer für die Avantgarde. 1929 wurde Lunatscharski, der unter dem Schutz des kulturpolitisch liberalen Trotzki gestanden hatte, weitgehend entmachtet. Der ihm nachfolgende Apparatschik setzte den „Sozialistischen Realismus“ als Doktrin der Kulturpolitik durch – einen von Stalin favorisierten Versuch, Romantik und Naturalismus wieder aufzugreifen. Mit fließenden Übergängen zum Kitsch. Je mächtiger Generalsekretär Stalin wurde, umso schwerer hatten es auch die anderen wichtigen Vertreter der Avantgarde im Land. Alexander Rodtschenko zum Beispiel wurde wegen angeblicher konterrevolutionärer Tätigkeiten aller seiner Ämter enthoben und aus dem Verband sowjetischer Künstler ausgeschlossen. Wladimir Tatlin, dessen großartiger Ent-

wurf für ein 400 Meter hohes, himmelstürmendes „Monument der Dritten Internationale��� aus dem Jahr 1919 nie gebaut wurde, fand in den Dreißigerjahren als Bühnenbildner ein bescheidenes Auskommen. Gleichwohl wurde er nach dem Krieg als „Volksfeind“ verurteilt und starb 1953 vergessen in Moskau. Trotzki giftete aus dem Exil: „Es ist nicht möglich, ohne ein Gefühl des physischen Ekels und Entsetzens sowjetische Verse und Romane zu lesen oder Reproduktionen sowjetischer Plastiken zu betrachten.“ Marc Chagall war 1922 nach Berlin gegangen und wanderte nach Paris weiter, wo er ein weltberühmter Maler wurde. 1941 flüchtete er vor den Nazis in die USA, kehrte sieben Jahre später nach Frankreich zurück und wurde dort 97 Jahre alt. Kasimir Malewitsch wurde 1929 beim Wladimir Tatlin Institut für die Geschichte der Kunst ent- propagierte eine lassen. Im folgenden Jahr wurde er fest- „Maschinenkunst“ und entwarf 1919 genommen und zwei Wochen verhört. einen Turm, um den Seine Bilder wirkten jetzt wie eine ironi- Aufstieg der sche Kritik des Sozialistischen Realismus. kommunistischen Er porträtierte Bäuerinnen, seine Frau Dritten Internationale zu symbolisieren. und sich selbst im Stile der Renaissance. Das Monument sollte 1935 starb er in Leningrad an Krebs. 400 Meter hoch El Lissitzky heiratete die deutsche werden, wurde aber Kunsthistorikerin Sophie Küppers, lehrte nie gebaut. von 1925 bis 1930 in Moskau, gestaltete Bücher und Zeitschriften, aber auch Parks. Er starb 1941 in Moskau an Tuberkulose. SPIEGEL GESCHICHTE

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Ein Jahr bevor er von Stalins Schergen ermordet wurde, schrieb Trotzki 1939: „Die Oktoberrevolution hat der sowjetischen Kunst in allen Bereichen einen wunderbaren Aufschwung geschenkt. Die bürokratische Reaktion hat dagegen das künstlerische Schaffen mit ihrer totalitären Hand erstickt.“ Der Sozialistische Realismus blieb auch nach Stalins Tod 1953 die verbindliche Kunstdoktrin der Sowjetunion, die von der DDR und den osteuropäischen Ländern übernommen werden musste. In die Annalen der internationalen Kunstgeschichte allerdings gingen nicht die kitschigen Stalin-Porträts ein, sondern der Rausch der Avantgarde in den ersten Jahren nach der Revolution. Wie hatte es Malewitsch gefordert: „Lasst uns die Welt aus den Händen der Natur reißen und eine neue Welt ■ bauen, die dem Menschen selbst gehört.“

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Sowjetische Experimente Neue Bourgeoisie

Nach Jahren des Mangels und Hungers begann ab 1921 mit der „Neuen ökonomischen Politik“ eine Zeit der Marktwirtschaft. Die verbesserte die Versorgung und förderte die Korruption.

„Bereichert euch“ Von Sebastian Borger

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ie Feststellungen des Revolutionsführers waren so dringlich wie eindeutig. Erst im kleinen Kreis des Politbüros, anschließend auch vor dem X. Parteitag der Bolschewiki begründete Wladimir Lenin, warum Russland eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik brauche. Im kriegskommunistischen Eifer sei man „zu weit gegangen auf dem Wege der Nationalisierung des Handels und der Industrie“, teilte der Staatsführer mit. Es komme nun darauf an, die Bedürfnisse der Landbevölkerung nicht länger zu vernachlässigen. „Noch heute Abend“, so die Rede an jenem 21. März 1921, müsse den Provinzen die Nachricht überbracht werden: Mit der Beschlagnahme allen Getreides wird Schluss gemacht. Stattdessen führte das Sowjetregime eine Naturalsteuer ein, „prodnalog“ genannt. Abhängig von der Größe der Anbaufläche und der Bodenbeschaffenheit mussten die Bauern auch zukünftig einen Teil ihres Ertrages dem Staat abliefern. Aber die Menge war deutlich geringer als in den Jahren zuvor. Was darüber hinaus geerntet wurde, durfte auf dem freien Markt verkauft werden. Diese Politik habe zwar den Nachteil, dass sie das kleinbürgerlich-kapitalistische Denken stärke, räumte Lenin einige Wochen später ein. Aber jetzt gehe es darum, einen Schritt zurück zu machen, um anschließend zwei Schritte nach vorn zu ermöglichen. „Je mehr Markt, desto mehr Sozialismus“, fasste er zusammen. So begann im vierten Revolutionsjahr ein neues Experiment, „Nowaja ekonomitscheskaja politika“ (NEP), also Neue ökonomische Politik. In rascher Abfolge liberalisierte die Regierung nicht nur den Handel mit Getreide und anderen Lebens-

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mitteln sowie Industriegütern. Gewerbe aller Art gehorchten nun nicht mehr staatlichen Vorgaben und Verboten, sondern dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Plötzlich gab es in Moskau und Petrograd wieder private Kaffeehäuser, Nachtklubs und Bordelle. Vormals leer gefegte Läden quollen über von Brot und exotischen Früchten. Was zuvor Millionen von Schwarzhändlern erledigt hatten, nämlich anstelle der überforderten Verwaltung das Überleben der Bevölkerung zu ermöglichen, war über Nacht legal. Aus den nach ihrem wichtigsten Utensil „Sackmännern“ genannten illegalen Kleinhändlern wurden im Volksmund die legalen „Nepmänner“. Deren findigste Vertreter brachten es binnen Kurzem zu

stritten verschiedene Parteiströmungen über Vor- und Nachteile der NEP. Stets ging es dabei mindestens so sehr um die ideologische Rechtfertigung der Reformen wie um deren ökonomischen Sinn. Und es ging um Macht, welche die Kommunisten ausgerechnet durch wilden Kapitalismus sichern wollten. Sicherlich lag es in der inneren Logik der Marktlösung, als der Parteivordenker und „Prawda“Chef Nikolai Bucharin im Juni 1925 an die Bauern appellierte: „Bereichert euch, akkumuliert, entwickelt eure Wirtschaft.“ Nur wenn die Landbevölkerung größere Kaufkraft erwarb, konnte sie Industrieprodukte kaufen und dadurch zum Aufbau der Volkswirtschaft beitragen. Doch mit dem Aufruf zu kapitalistischen Me-

„Sie prahlten lauthals mit den gewaltigen Summen, die sie beim Pferderennen oder im Kasino verloren hatten.“ Wohlstand und Reichtum in einem weiterhin bitterarmen Land. Der Ausdruck Nepmann habe deshalb „im ganzen Land und jenseits der Grenzen einen degradierenden Klang“, urteilte 1926 der später als Schriftsteller berühmt gewordene Joseph Roth, damals Feuilletonkorrespondent der „Frankfurter Zeitung“. Von Anfang an schlug der neuen Wirtschaftspolitik die Skepsis von Parteimitgliedern entgegen. Lakonisch beschrieb Roth das Dilemma des Gleichheitsideals in der Marktwirtschaft am Beispiel eines seiner Verkehrsmittel: „Der WolgaDampfer trägt den Namen eines berühmten russischen Revolutionärs und hat vier Klassen für Passagiere.“ Noch zu Lenins Lebzeiten, umso härter aber nach seinem Tod im Januar 1924,

thoden machte sich Bucharin die Parteilinken zu bitteren Feinden. Dabei blieb für sämtliche Bolschewiki stets klar: Es ging ausschließlich um den wirtschaftlichen Aufbau des Landes; von politischer Veränderung im Sinne einer Teilhabe an der Macht für die neue Bürgerschicht war nie die Rede. Im Gegenteil: Nicht umsonst ging die Einführung der NEP einher mit dem Verbot sämtlicher parteiinterner Oppositionsgruppen und konkurrierender Parteien wie der Menschewiki. Den „Luxus von Diskussionen“, so Lenin 1921 auf dem X. Parteitag, könne man sich nicht mehr erlauben. Die Wirtschaftsliberalisierung war lediglich ein taktisches Zugeständnis, um den Machterhalt zu sichern. Kühler als andere hatte Lenin im März 1921 diagnostiziert, dass nach sieben Jahren Welt- und Bür-

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Den Besuch feiner CafÊhäuser konnten sich nur wenige leisten (Aufnahme um 1930).


Sowjetische Experimente Neue Bourgeoisie

gerkrieg die Sowjetmacht auf dem Spiel stand. Die Bevölkerung des riesigen Landes war durch Hungersnöte, Kämpfe und Krankheiten von 171 Millionen Menschen vor dem Krieg um knapp ein Viertel auf 132 Millionen geschrumpft. Übrig geblieben waren, so Lenin 1919, „hungernde Arbeiter und zerlumpte und völlig abgerissene Bauern“. Die Industrie lag danieder. Die verarbeitende Industrie erreichte 1920 gerade noch 13 Prozent ihrer Leistung von 1913. Die Förderung von Eisenerz war mit 1,6 Prozent des Vorkriegsstandes praktisch zum Stillstand gekommen, bei Roheisen, Stahl und Baumwolle sah es nicht viel besser aus. Das Pro-Kopf-Einkommen, ohnehin niedrig, sank um 60 Prozent auf „ein wirklich schreckliches Niveau“, wie der englische Wirtschaftshistoriker Paul Kennedy urteilt. Zusätzlich zerstörerisch wirkte die verfehlte Wirtschaftspolitik der Kommunisten, vor allem die überstürzte Verstaatlichung der Industriebetriebe ab 1918 und die Quasiabschaffung des Geldes als Symbol kapitalistischer Unterdrückung. Verbrämt durch das Lob der „proletarischen Naturalwirtschaft“, war dies in den Worten des Göttinger Historikers Man-

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Die Moskauer Straßenszene vom 1928 zeigt das geschäftige Treiben in der roten Hauptstadt. – Das Plakat des staatlichen Leningrader Lebensmittelkonzerns suggeriert eine schier unbegrenzte Auswahl (um 1925).

fred Hildermeiers die „Rückkehr in die ökonomische Steinzeit“. In Moskau schnellte die Inflation bei Nahrungsmitteln im Finanzjahr 1919/20 auf 1312 Prozent. Nur noch die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung hielt sich dort mühsam auf den Beinen, in Petrograd war die Bevölkerung sogar auf ein Drittel geschrumpft. Die Menschen lebten „von hundert Gramm Brot und ein paar gefrorenen Kartoffeln am Tag“, so der Trotzki-Biograf Isaac Deutscher. Unbeirrt hielten die Machthaber zunächst dennoch an ihrem rigorosen Kurs fest. Im November 1920 wurden die bis dahin noch privat geführten kleineren Betriebe enteignet, so wie große Unternehmen bereits unmittelbar nach der Revolution. Allerdings umfasste die Maßnahme lediglich Firmen mit mehr als zehn Angestellten; Kleinbetriebe, Gewerbetreibende und Handwerker, zwei Drittel aller 1920 registrierten Unternehmen,

blieben auch weiterhin Teil der Privatwirtschaft. Der Ablieferungszwang für Getreide sorgte dafür, dass die Bauern nur noch das Nötigste produzierten. Lieber verwendeten sie ihre Produkte zur illegalen Schnapsbrennerei als sie den verhassten Kontrolleuren zu übergeben. Der Winter 1920/21 brachte eine schwere Hungersnot, die sich im Folgewinter zu einer Katastrophe auswuchs. Schon im Sommer 1920 war es zu Unruhen gekommen. Das Regime antwortete mit Massenerschießungen, brutal wurden die rebellischen Bauern unterdrückt; im Gebiet Tambow setzte General Michail Tuchatschewski Gas gegen sie ein. Lenins Kehrtwende, von Trotzki bereits ein Jahr zuvor angeregt, geschah nicht aus Einsicht in die Vorzüge der Marktwirtschaft, sondern aus Furcht um die Macht in dem Bauernland. Neu war an der NEP deshalb vor allem das Alte: In begrenztem Umfang, stets unter den misstrauischen Augen der Staatsgewalt, wurde wieder freier Handel möglich. Durch die Naturalabgabe erhielten die Bauern Planungssicherheit, sie hatten einen Anreiz, mehr zu produzieren. Daran änderte sich auch nichts, als 1924 eine Geldsteuer die „prodnalog“ ersetzte.

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Die Steuer konnte greifen, weil die wiedereröffnete Staatsbank eine erfolgreiche Währungsreform durchgeführt hatte. Der Staat behielt den Außenhandel und die Schwerindustrie sowie die Banken, von Lenin als „Kommandohöhen der Wirtschaft“ bezeichnet, unter Kontrolle. Das Ergebnis war eine Mischökonomie, nach der totalen Verstaatlichung im Kriegskommunismus. Die NEP sorgte rasch für Veränderung.

Die amerikanische Anarchistin Emma Goldman sah schon 1921 entgeistert dem neuen Staatskapitalismus zu. „Über Nacht öffneten Läden mit Delikatessen, die Russland seit Jahren nicht gesehen hatte. Große Mengen Butter, Käse und Fleisch; Gebäck, seltene Früchte und Süßigkeiten jeder Art lagen zum Kauf bereit.“ Freilich nicht für die normale Bevölkerung: Den Männern, Frauen und Kindern „mit abgehärmten Gesichtern und hungrigen Augen“ fehlten die Mittel, um sich endlich einmal wieder ordentlich satt zu essen. Goldman verließ angewidert das Land noch im gleichen Jahr. Zehntausende einst begeisterter Bolschewiki machten ihrem Ärger auf andere Weise Luft: Sie zerrissen ihre Parteiausweise und sprachen abfällig von der NEP als Neue Exploitation (Ausbeutung) des Proletariats. Schwerer als solcherlei Unmut wog für die Staats- und Parteiführung, dass die Reformen ungewollte Folgen nach sich zogen, die den marxistisch geschulten Ökonomen Kopfzerbrechen bereiteten. Während die Kleinindustrie rasch wieder florierte und schon 1922 immerhin 54 Prozent des Vorkriegsstandes produzierte, kam die Erholung der großen Industrieunternehmen, nach amerikanischem Vorbild als Trusts bezeichnet, nicht recht vom Fleck. In ihrer Verzweiflung über zerstörte Betriebsanlagen und den anhaltenden Kapitalmangel gingen viele Trust-Direktoren dazu über, ihre Produkte zu Schleuderpreisen anzubieten, ja sogar das Inventar zu versilbern. Um dem Einhalt zu gebieten, bildete die Regierung Handelssyndikate und grub damit dem bäuerlichen Kleinhandel das Wasser ab. Rasch verschob sich die Balance, erhielten die

Bauern immer weniger Konsumgüter und andere Waren für ihre Lebensmittel, zumal die Ernten 1922 und 1923 gut ausfielen. Trotzki beschrieb das Problem im April 1923 als „Scherenkrise“, das Grundproblem der russischen Wirtschaft. Gemeint war die sich öffnende Schere zwischen wachsender landwirtschaftlicher und niedriger industrieller Produktion. Im September desselben Jahres erhielten die Bauern für ihre Produkte im Einzelhandel nur noch 58 Prozent des Vorkriegspreises, hingegen lagen die Industriepreise bei 187 Prozent. Der dringend nötige Warenaustausch zwischen Stadt und Land kam ins Stocken. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit. Zeitweilig waren zwei Millionen Menschen ohne Erwerb, beinahe so viele wie insgesamt in der Großindustrie arbeiteten. Inmitten dieses anhaltenden Elends erregten die NEP-Gewinnler vielfach Neid und Ekel, „Symbolfiguren des neuen und hässlichen Kapitalismus“, wie der englische Historiker Orlando Figes karikierend schreibt: „Sie verwöhnten ihre Frauen und Geliebten mit Diamanten und Pelzen, fuhren in riesigen importierten Autos herum und prahlten in teuren Hotelbars lauthals mit den gewaltigen Sum-

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men, die sie beim Pferderennen oder im Kasino verloren hatten.“ Mögen solche Exzesse auch einer kleinen Gruppe vorbehalten gewesen sein – der neue russische Bourgeois, in Joseph Roths Worten „ein Freibeuter halb und halb ein Händler“, ging vielerorts eine Symbiose ein mit korrupten Sowjetbeamten. So entstand erstmals ein Beamtenkapitalismus, wie er sich mit dem Zerfall der Sowjetunion später vollends durchsetzte. Bezeichnend war, dass die Kommunistische Partei im Juni 1922 auf Weisung des Zentralkomitees eine „Woche des Kampfes gegen die Bestechlichkeit“ organisierte. Bereits im Mai 1922 war der Geheimdienst in einer Analyse zu dem Schluss gelangt: „Im Volkskommissariat für Außenhandel herrschen Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft.“ Noch immer lebten 78 Prozent der sowjetischen Bevölkerung auf dem Land. Dort wuchs die Klassenspaltung. Ein Jahr später ergab eine statistische Erhebung: Das eigentlich verstaatlichte Land wurde nur zu zwei Prozent von Sowchosen bearbeitet; die restliche Landwirtschaft war in Privathand verblieben. 1925 waren zwei Drittel der Getreideanbauflächen im Besitz von 12 Prozent der Bauern, der wohlhabenden Kulaken. Genau dies blieb den NEPGegnern ein Dorn im Auge. Die Förderung der Bauern, so die Kritiker, verzögere den dringend nötigen Industrialisierungsprozess, ohne den der Aufbau des Sozialismus nicht möglich sei. Tatsächlich lag die Industrieproduktion erst 1928 wieder auf Vorkriegsniveau, der Anschluss zu den Industriestaaten des Westens drohte verloren zu gehen. Mindestens ein Jahrzehnt, „wahrscheinlich länger“, werde die Reformpolitik dauern, hatte Lenin zu Beginn der NEP gesagt. Stattdessen beschloss der XV. Parteitag im Dezember 1927 unter Leitung des Generalsekretärs Josef Stalin nicht nur Trotzkis Parteiausschluss, sondern machte auch der NEP den Garaus: Hinfort galten Fünfjahrespläne zur Umwandlung des rückständigen Agrarlandes in eine führende Industrienation. Diese dramatische Wendung führte zur Vertreibung und Ermordung von MilI lionen Bauern.

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Sowjetische Experimente Sexuelle Freiheit

Die aus adeliger Familie stammende Marxistin Alexandra Kollontai war eine unbequeme Genossin.

Sex wie Wasser Von Christine von Brühl

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itten im stürmischen Revo- ziale Fürsorge, Dybenko als erster politilutionsjahr 1917 muss es pas- scher Kommissar der Roten Flotte. Lenin wollte sich Kollontai unbedingt siert sein. Da sind sie sich zum ersten Mal begegnet. erhalten. Sie war die profilierteste FrauDie bürgerliche, provisorische Regierung enpolitikerin seiner Partei, die gegen die war noch nicht gestürzt. Aufgeregt no- „Haussklaverei“ Front machte. 1872 als tierte die Bolschewikin Alexandra Kol- Tochter aus begütertem Adelshaus gebolontai in ihr Tagebuch: „Eine Sitzung im ren, hatte sie eine standesgemäße AusAlexandra-Theater. Der Vorsitzende des bildung genossen, Fremdsprachen gelernt und am Petersburger GymnaZentralkomitees der Baltisium ihr Abitur abgelegt. Ein schen Flotte, Dybenko, ein Bild von 1897 zeigt sie noch Bolschewik, hat gesprochen. „Die Liebe als sittsame Ehefrau in weiDybenko ist die Seele des ist ein Kleid mit Stehkragen. Zentralkomitees der Baltigrundlegend ßemDoch schon als Jugendliche schen Flotte, kräftig und wilhatte sich Kollontai den Sozialensstark, wie er ist. Die ,Va- soziales listen angeschlossen. Mit 26 terlandverteidiger‘ fürchten Gefühl, trennte sie sich von ihrem ihn.“ keine Mann und zog nach Zürich, Kräftig gebaut, das ist er um zu studieren. Sie nahm tatsächlich, dieser Pawel Jefi- private Kontakt zu Rosa Luxemburg mowitsch Dybenko, Marine- Sache.“ und dem noch von Karl Marx offizier und Revolutionär der geschulten Paul Lafargue auf, ersten Stunde, ein Hüne von Mann. Er trägt einen tiefschwarzen Bart publizierte propagandistische Texte und und hat eine Stimme wie Donnerhall. reiste nach London, um die englische ArKollontai verliebt sich sofort in ihn. Sie beiterbewegung zu studieren. Rasch fiel ist geschieden und hat einen Sohn, den Sozialisten ihre rhetorische BegaDybenko ist 16 Jahre jünger, doch die bung und Gewandheit sowie ihr ausgebeiden lassen sich nicht beirren. Kurz- prägtes Selbstbewusstsein auf. Bereits 1905 empfahl Lenin in einem zeitig verlassen sie das Revolutionsgeschäft und reisen auf die Krim, um zu seiner Briefe nach Russland, Kollontai unbedingt bei der politischen Arbeit hinheiraten. Viele führende Bolschewiki sind er- zuzuziehen. So hieß sie ihn am 16. April bost, sogar von Erschießen ist die Rede. 1917 bei seiner Rückkehr aus dem Exil Doch Wladimir Iljitsch Lenin glättet die am Petrograder Bahnhof mit den andeWogen. Nicht erschießen solle man die ren willkommen und übernahm nach der Liebenden, sondern dazu verurteilen, ei- Oktoberrevolution entscheidende Posinander fünf Jahren treu zu bleiben. Er tionen. 1920 wurde sie Vorsitzende der Frauenabteilung im Zentralkomitee, sorgerntet Applaus und Gelächter. Derart „amnestiert“ kehrte das Paar te für eine Vereinfachung von Scheidunvon der Krim zurück. Beide bezogen wie- gen, verbesserte den Mutterschutz und der ihre Posten, sie als Ministerin für So- setze das Recht auf Abtreibung durch.

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Bei ihrem nächsten Coup zeigte sich Lenin weniger langmütig. In ihrem Essay „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ (1920) propagierte Kollontai sexuelle Offenheit und freie Liebe. Geschlechtsverkehr solle für Frauen genauso wie für Männer zum Alltag gehören, wie ein Schluck Wasser. Dafür hatte Lenin kein Verständnis: „Die berühmte Glas-Wasser-Theorie halte ich für vollständig unmarxistisch und obendrein für unsozial“, sagte er zu der deutschen Kommunistin Clara Zetkin. Statt wilden Thesen zu einer neuen Moral zu folgen, solle sich die Jugend lieber auf die Revolution konzentrieren. Doch Lenin hatte seine erste Ministerin womöglich missverstanden. Kollontai ging es keinesfalls um Sexorgien oder locker-flockigen Partnertausch, und gleich gar nicht um das Ausleben individueller Begierden. Bei ihren Visionen hatte sie immer das Wohl des Kollektivs im Sinn: „Die Liebe ist ein grundlegend soziales Gefühl, keine private Sache zweier sich liebender Herzen: Liebe enthält ein für das Kollektiv wertvolles, verbindendes Element.“ Kollontais Ansicht nach dürfe man keinen Menschen zwingen, sich dauerhaft an einen Partner zu binden. Daraus entstünden gegenseitige Abhängigkeiten, wenn nicht gar Besitzansprüche. Von derlei bürgerlichen Zwängen müsse sich der neue Mensch befreien. „Die Vorstellung des unteilbaren Besitzrechts der Ehegatten aneinander ist in dem Moralkodex der bourgeoisen Klasse mit besonderer Sorgfalt kultiviert worden, gleichzeitig mit dem Ideal der in sich abgeschlossenen, individualistischen Familie, die ganz und gar auf den Grundlagen des Sondereigentums beruht.“ Doch Kollontais Thesen kamen zu früh.

Noch war die Revolution mit dem Kampf gegen Weißgardisten und Interventionsarmeen beschäftigt. Überlegungen über die Auflösung der bürgerlichen Moral und ein freies Zusammenleben von Frauen und Männern in Kommunehäusern waren zu diesem Zeitpunkt einfach undenkbar. Trotz der Kritik konnte sich Kollontai in der Politik halten. 1922 schickte sie die sowjetische Führung, vielleicht, um sie vor sich selbst zu schützen, als Gesandte der Sowjetunion nach Oslo. In den fol-

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Lenin schätzte schon früh die politischen Fähigkeiten der gebildeten Alexandra Kollontai (Foto um 1905).

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1 Entwürfe von Warwara Stepanowa: Ihre Mode sollte Geschlechts- und Klassenunterschiede überwinden.

2 Anfangs noch eine Seltenheit – eine sowjetische Traktoristin, 1928

3 Kantinen, wie hier in einer Fabrik, sollten Frauen von der „Haussklaverei“ befreien, 1928.

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Kollontai blieb ihren Thesen zur Gleichberechtigung der Frau ihr Leben lang treu. 1

genden Jahren vertrat sie ihr Land als Diplomatin nacheinander in Norwegen, Mexiko und Schweden. Als die Sowjetunion 1935 in den Völkerbund aufgenommen wurde, war Kollontai Mitglied der russischen Delegation in Genf. 1940 und 1944 griff sie entscheidend in die Verhandlungen über die Friedensschlüsse Finnlands mit der Sowjetunion ein. 1943 erhob Stalin sie in den Rang einer Botschafterin. Was ihre Beobachter beeindruckte, war Kollontais durchweg elegantes Auftreten, die perfekte Garderobe und der mühelose Umgang mit den Gepflogenheiten auf internationalem Parkett. Diese

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Gewandtheit verdankte sie ihrer aristokratischen Erziehung. Zu den Superlativen in ihrem Leben – erste Ministerin und erste Diplomatin weltweit – gehörte die traurige Tatsache, dass sie als einziges leitendes Mitglied der parteiinternen Abweichlergruppe „Arbeiteropposition“ Stalins mörderische Säuberungen überlebte. 1945 zog sie sich von allen politischen

Ämtern zurück, gab gelegentlich Diplomaten Ratschläge und lebte zurückgezogen auf ihrer Datscha bei Moskau, wo sie am 9. März 1952 verstarb. Ihren feministischen Thesen blieb sie bis zum

Schluss treu. In ihren Memoiren schrieb sie 1950: „Bei meinem Eintreten für die völlige Gleichberechtigung der Frauen im Sowjetstaat bei gleichzeitiger Gewährleistung ihrer zweiten Aufgabe, der gesunden und gesicherten Mutterschaft, war ich stets der Meinung und bin dies nach wie vor, dass die Gleichberechtigung der Frau nicht ohne Beseitigung der Grundlagen der bürgerlichen Moral erreicht werden kann. Daher mein Kampf für die neue Moral. Nicht die sexuellen Beziehungen bestimmen die moralische Haltung der Frau, sondern ihr Wert bei der Arbeit, bei der gesellschaftlich nütz■ lichen Arbeit.“

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Sowjetische Experimente Neue Pädagogik

Der Pädagoge Anton Makarenko versuchte, den „neuen Menschen“ zu formen.

„Das Kollektiv erziehen“ Von Michael Sontheimer

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unächst paradierten die Kinder feierlich an dem Ehrengast vorüber. Als Maxim Gorki am 8. Juli 1928 die schon 1921 nach ihm benannte „Arbeitskolonie für minderjährige Rechtsbrecher“ in der Ukraine besuchte, herrschte große Aufregung. Die Kinder führten den Schriftsteller herum und zeigten ihm stolz die Pferde, die Schweine, die Wiesen und Gärten. Zu Anton Makarenko, dem langjährigen Leiter der Kolonie bei Charkiw (russisch: Charkow), sagte Gorki anerkennend: „Alles geht mit Schwung – die Arbeit und das Vergnügen. Das Leben ist einfach brodelnd – das neue Leben, das wirkliche Sowjetleben.“ In der Tat folgte Makarenko – der einflussreichste und bekannteste Pädagoge der Sowjetunion – einem Leitbild, dem „neuen Menschen“. Im September 1920 hatte er die Leitung eines Arbeitslagers für verwahrloste Kinder übernommen. Nach Krieg und Bürgerkrieg gab es in der Sowjetunion bis zu neun Millionen heimatlose Kinder und Jugendliche, die in furchtbarem Elend zu überleben versuchten, als Bettler, Diebe oder Prostituierte; traumatisierte Kinder, von denen manche nicht einmal ihren Namen kannten. Makarenko gab ihnen notfalls neue Namen, verordnete ihnen militärische Disziplin und hielt sie zu harter Arbeit an. Gleichzeitig durften die Kinder und Jugendlichen sich in einer Art Rätesystem selbst verwalten und auch über sich selbst Gericht halten. Makarenko initiierte Theateraufführungen und sorgte dafür, dass sie Filme zu sehen bekamen.

Der leidenschaftliche Pädagoge Makarenko galt im Sowjetstaat als Experte für schwer erziehbare Jugendliche.

Doch die Kinder zu sozialisieren war schwer, zumal

die Kolonie ständig Neulinge aufnehmen musste, etliche „sehr verdorben“, wie Makarenko klagte, manche „hoffnungslos verdorben“. Immer wieder war er der Verzweiflung nah; was er in seinem Studium der Pädagogik gelernt hatte, schien wenig zu helfen. „Nicht einmal mit einem einzelnen Rowdy wird man fertig“, schrieb er, „es gibt keine Methode, kein Werkzeug, keine Logik, einfach nichts.“ SPIEGEL GESCHICHTE

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Anton Makarenko kam zu der Überzeugung, „dass weder die Disziplinierung des Einzelnen noch die volle Freiheit des Einzelnen unsere Musik ist“. Dialektisch argumentierte er: „Nur wenn wir das Kollektiv erziehen, können wir damit rechnen, dass wir eine Form seiner Organisation finden, in der der Einzelne im höchsten Maße diszipliniert und im höchsten Maße frei ist.“ Doch im März 1928 befanden Pädagogen des Volkskommissariats für Volksbildung in Kiew, dass Makarenkos Konzept „kein sowjetisches System“ sei. Für die meisten Erzieher passte Makarenkos militärischer Drill nicht in die neue Zeit. Lenins Witwe Nadeschda Krupskaja verdammte die Gorki-Kolonie als „eine Sklavenschule, ja eine Leibeigenenschule“. Makarenko verarbeitete seine Erfahrungen in einem Buch, das in mehr als 60 Sprachen übersetzt wurde: „Der Weg ins Leben – ein pädagogisches Poem.“ Seine wichtigsten Begriffe sind darin „ganzheitliche Erziehung“, „Kollektiv“ und „Perspektive“. Einer seiner zentralen Sätze an seine Zöglinge lautet: „Ich fordere dich, weil ich dich achte.“ Schon im Sommer 1927 hatte Makarenko neben der Gorki-Kommune auch die Dserschinski-Kolonie in Charkiw übernommen, die von der Geheimpolizei GPU gegründet worden war. Als die Kiewer Bürokraten die Gorki-Kolonie kurz nach dem Besuch des Namenspatrons schlossen, zog Makarenko mit 50 Jungen und 10 Mädchen aus dem umstrittenen Projekt nach Charkiw. Nun stand er unter dem Schutz der immer mächtigeren GPU. Mit seinen rigiden Methoden passte er gut in die anbrechende stalinistische Periode. Später wurde er selbst Bürokrat – im Volkskommissariat des Inneren in Kiew, in der Abteilung Arbeitskolonien. Außerdem arbeitete er als Autor und wurde in den Schriftstellerverband aufgenommen. 1939 erhielt der einstige ideologische Schädling einen der höchsten Orden der Sowjetunion, die Auszeichnung „Rotes Banner der Arbeit“. Drei Monate später erlitt er einen Herzinfarkt und starb im Alter ■ von 51 Jahren.

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Sowjetische Experimente Trotzki

Kein Revolutionär hat in jungen Jahren einen derart steilen Aufstieg zu geschichtlicher Größe erlebt wie Leo Bronstein alias Trotzki. Und keiner stürzte so jäh vom Gipfel der Macht.

Der einsame Volkstribun Von Rainer Traub

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ei seiner ersten Verhaftung wegen sozialistischer Agitation war er 18 Jahre alt. Da hieß er noch Leo Bronstein, Sohn eines ukrainischen Grundbesitzers, geboren 1879. Die Gefängniszeit und die folgende sibirische Verbannung nutzte der Umstürzler, um sich enormes Wissen anzulesen. Mit glänzenden Beiträgen in der Untergrundpresse verdiente er sich bald den Beinamen „Die Feder“.

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Nach vier Jahren gelang ihm, anfangs unter dem Heu eines Bauernwagens versteckt, die Flucht. Für den gefälschten Pass war dem jungen Bronstein der Name eines seiner Gefängnisaufseher eingefallen, unter dem er weltberühmt werden sollte: Trotzki. Er schlug sich nach Westeuropa durch. Eines frühen Morgens im Herbst 1902 klopfte er bei einem Landsmann im Londoner Exil, dessen marxistische Analysen („Die Entwicklung des Kapitalismus

in Russland“) und revolutionäre Propaganda („Was tun?“) er verschlungen hatte. Mit den Worten „,Die Feder‘ ist da!“ wurde Wladimir Iljitsch Lenin von seiner Frau Nadeschda aus dem Bett gescheucht. Die Neugier der künftigen Revolutionsführer aufeinander war wechselseitig. Aber trotz der marxistischen Grundüberzeugung, die den jungen Feuerkopf Trotzki mit dem neun Jahre älteren Lenin verband, war ihr persönliches Ver-

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hältnis bis ins Frühjahr 1917 immer wieder von verletzenden politischen Polemiken überschattet. Trotzki attackierte schon 1904 mit einer Warnung, die im Rückblick geradezu hellseherisch erscheint, Lenins Konzept einer straff geführten Partei von Berufsrevolutionären: „Zuerst tritt die Parteiorganisation an die Stelle der ganzen Partei; dann nimmt das Zentralkomitee die Stelle der Organisation ein, und schließlich ersetzt ein einziger ,Diktator‘ das Zentralkomitee.“ Im Jahr 1905 zog die Nachricht vom Mas-

saker an einer proletarischen Bittprozession vor dem Winterpalast des Zaren und von der daraus erwachsenden Empörung den 25-jährigen Trotzki in die russische Hauptstadt zurück. Als Massenstreiks in Petersburg im Oktober 1905 spontan gewählte Arbeiterräte („Sowjets“) hervorbrachten, tauchte Trotzki aus dem Untergrund auf. Der charismatische Redner, der als Agitator bald witzig, bald sarkastisch auftrat, erreichte Arbeiter und Bauern in ihrer jeweils eigenen Sprache, verstand es aber ebenso, bürgerliche Zuhörer zu beeindrucken. Binnen Kurzem wurde der Volkstribun zum Vorsitzenden des ersten Arbeiterrates der Geschichte gewählt. Er trat nun als Wortführer von 200 000 Fabrikarbeitern auf. Mit seiner Tatkraft und Geistesgegenwart erwarb er sich im aufbegehrenden Proletariat enormes Ansehen. Nach knapp zwei Monaten behielt die Autokratie zwar noch einmal die Oberhand. Aber beim Prozess gegen die Arbeiterführer nutzte Trotzki die Verteidigungsrede mit seiner sonoren, metallischen Stimme, die sich den Zeitzeugen eingeprägt hat, zu einem legendären Tribunal gegen das Zarenregime. Die so gewonnene Beliebtheit überdauerte seine zweite Deportation, aus der ihm auch diesmal die Flucht nach Westeuropa gelang. Als der Erste Weltkrieg die Geduld der arbeitenden Bevölkerung mit der zaristischen Autokratie erschöpft hatte, war die Zeit der Monarchie abgelaufen: Im Februar 1917 übernahm eine provisorische und schwache bürgerliche Regierung die Staatsgeschäfte. Erneut kehrte Trotzki aus dem Exil zurück. Er schloss sich im Sommer 1917 Lenins bolschewistischer Partei an. Die gemeinsame Überzeugung vom Bevorstehen der proletarischen Revolution ließ frühere Differenzen jetzt belanglos erscheinen. Im September 1917 von der Arbeiterschaft wieder zum Vorsitzenden des Hauptstadt-Sowjets gewählt, wird Trotzki

kurz darauf von den Bolschewiki zum Chef eines „Militärisch-Revolutionären Komitees“ bestimmt. So wird Trotzki zum Organisator des Aufstands im November. Wie aber soll der „Rat der Volkskommissare“ – so nennt sich die Revolutionsregierung auf Trotzkis Vorschlag – in einem riesigen, rückständigen und vom Krieg zerrütteten Land, dessen Bevölkerung zu vier Fünfteln aus Bauern besteht, sozialistische Pläne verwirklichen? Die meisten Bauern können nicht einmal lesen und schreiben. Die internationalistisch denkenden Anführer rechnen fest und kurzfristig mit der sozialistischen Revolution in Westeuropa. Das Szenario eines einheitlichen, dynamischen und internationalen Prozesses hat Trotzki schon vor dem Aufstand von 1905 als politische Perspektive einer „permanenten Revolution“ entwickelt. Und Lenin zufolge ist die Weltkette des Imperialismus erst an ihrem schwächsten Glied Russland gerissen. Die Ausbreitung der Revolution auf entwickelte Nachbarländer soll Russland entscheidend dabei helfen, den schrittweisen Aufbau des Sozialismus einzuleiten. Das aber erweist sich als Wunschdenken. Trotz zeitweiliger Unruhen wie dem

Die zaristische Geheimpolizei füllte ein Dossier mit Spitzelberichten über Leo Bronstein alias Trotzki. – Als flammender Redner, hier 1919 am Roten Platz in Moskau, fesselte er Anhänger der Bolschewiki.

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Berliner Spartakusaufstand 1918/19 zieht überall in Westeuropa die Mehrheit der Arbeiterschaft Reformen vor. Russland dagegen versinkt nach dem bolschewistischen Umsturz für Jahre im Bürgerkrieg. Die Herkulesaufgabe, aus Bauernsoldaten, die oft gerade erst aus den Schützengräben des Weltkriegs desertiert sind, kampftüchtige revolutionäre Truppen zu schmieden, fällt Trotzki zu. Als Gründer und Oberbefehlshaber der Roten Armee zeigt sich „Die Feder“ von einer ganz neuen Seite. Mit drakonischer Härte – Deserteure lässt Trotzki gnadenlos exekutieren – führt er seine bis auf fünf Millionen wachsende Armee zum Sieg. Der Preis dafür ist fürchterlich, acht bis zehn Millionen Menschen sterben in den ersten vier Jahren nach der Revolution, viermal so viele wie im Weltkrieg. Die basisdemokratische Verheißung „Alle Macht den Räten!“ ist in weite Ferne gerückt, ein Großteil der angeblich herrschenden Proletarier im Bürgerkrieg umgekommen. Im befehlsgelenkten System des „Kriegskommunismus“ ist nur noch das Machtmonopol von Lenins Partei geblieben. Die völlig zerrüttete Wirtschaft bringt weniger als ein Fünftel der Vorkriegsproduktion hervor. Deshalb fordert Trotzki jetzt die „Militarisierung der Arbeit“ und die „Verstaatlichung der Gewerkschaften“. Er wendet sich gegen eine innerparteiliche „Arbeiteropposition“, die die Rückkehr zur Rätedemokratie verlangt. Lenin kritisiert seine „Vorliebe für rein administrative Maßnahmen“. Derweil er-

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Sowjetische Experimente Trotzki

fasst eine Streikwelle 1921 auch die vor Petrograd liegende Garnison Kronstadt. Die Rebellen fordern „Räte ohne Kommunisten“. Das Revolutionsregime steht am Ab-

grund. Ohne Zögern lässt Trotzki im März 1921 die Meuterei im Blut ersticken. Der gleichzeitige X. Parteitag der Bolschewiki verurteilt nicht nur die Arbeiteropposition. Er verbietet angesichts der dramatischen Lage auch jede Fraktionsbildung gegen das „Zentralkomitee“ der einzigen noch legalen Partei. Diese folgenreiche Richtungsentscheidung steht im Widerspruch zur gesamten bisherigen Parteitradition, die seit je von offenen Auseinandersetzungen um die politische Linie geprägt war. Niemand hat je zuvor die innerparteiliche Demokratie und die Rechte von Minderheiten infrage gestellt. Im März 1922 ereilt Lenin der erste Schlaganfall. Im April wird das neue Amt des Generalsekretärs geschaffen; den Posten bekommt ein eher stiller Netzwerker der Macht, der fast genauso alt ist wie Trotzki: Josef Dschugaschwili, genannt Stalin. Als Lenin 1924 stirbt, machen jene, die der bolschewistischen Partei seit 1917 angehört haben, nur noch weniger als ein Prozent der Mitglieder aus. Wer soll die Partei und das rote Russland künftig führen? Im In- und Ausland erscheint der Chef der Roten Armee als erster Nachfolgekandidat. Aber trotz der historischen Aureole, die ihn umgibt, hat er mit seinem überbordenden Selbstbewusstsein nur wenige Freunde. Sein Eintreten für die Militarisierung der Arbeit und die Verstaatlichung der Gewerkschaften hat ihn Sympathien gekostet. 1923 veröffentlicht Anatolij Lunatscharski – in der ersten Revolutionsregierung „Volkskommissar für Bildung“ – ein abgewogenes Trotzki-Porträt. Er hebt dessen herausragende Talente „im großen Meer politischer Ereignisse“ hervor und nennt ihn „den wahrscheinlich größten Redner unserer Zeit“. Zugleich notiert er jedoch: „Die Unfähigkeit, aufmerksam zu den Menschen zu sein, das Fehlen jenes Charmes, der Lenin immer eigen war, verurteilte Trotzki zu einer

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bestimmten Einsamkeit. Als Mensch ist „Aufbau des Sozialismus in einem Land“ er von stacheliger und herrischer Art.“ zum Inbegriff des „Leninismus“, inszeAuch deshalb sei er „für die organisato- niert sich als treuester Schüler des Toten rische Kleinarbeit der Partei ungeeignet“. und attackiert „Trotzkismus“ als immer Und auf diesem Gebiet ist der ver- schon parteifremd. schlagene Stalin nicht zu übertreffen. SeiWährend der künftige Diktator Schritt ne neue Schlüsselposition als General- für Schritt seine Macht im Apparat ausbaut, sekretär nutzt er, um systematisch An- verachtet und unterschätzt Trotzki den hänger zu fördern und Gegner auszu- Georgier als mittelmäßigen Bürokraten. schalten. Um Trotzki als Lenin-Nachfol- Doch der sorgt dafür, dass Trotzki 1925 als ger zu verhindern, schließt er sich im Chef der Roten Armee abgesetzt wird. engsten Führungszirkel der Partei, dem Nachdem er Stalin im Oktober 1926 als Politbüro, mit den Altbolschewiken Si- „Totengräber der Revolution“ attackiert nowjew und Kamenjew zu einer „Troika“ hat, lässt dieser den Verfemten 1927 aus zusammen. Die beiden unterschätzen der Partei und 1929 aus dem Land werfen. den Generalsekretär sträflich, der sie späIm Exil prangert Trotzki unermüdlich ter, wie einen Großteil der „Alten Garde“ „die verratene Revolution“ an. Im gleichdes Bolschewismus, als „Konterrevolu- namigen Buch fordert er die Wiederhertionäre“ erschießen lassen wird. stellung der Rätedemokratie und ein Mehrparteiensystem – aber seiner alten Prophezeiung erinnert er sich nicht. Trotzki weiß, dass er auf den vielen Stationen seines unsteten Exils vor Stalin auf der Hut sein muss, aber dessen Spitzeln entgeht er nicht. Als der Kremlherrscher erfährt, Trotzki arbeite in Mexiko an einer Stalin-Biografie, beauftragt er sicherheitshalber gleich drei Mördertrupps. Trotzki und seine Frau entkommen 1940 in ihrem zur Festung ausgebauten Haus mit knapper Not einem nächtlichen Maschinengewehrangriff. EffektiAuch im Exil, hier in der Türkei 1931, blieb Trotzki ein unermüdlicher Publizist. ver ist kurz darauf ein Agent, der sich an eine Trotzki-Sekretärin heranmacht und als deren Gefährte Zutritt zum Haus Vor allem Stalin und Sinowjew fabri- erschleicht. Der angeblich lernbegierige zieren den Mythos vom monolithischen Anhänger des Meisters hat ein Manu„Leninismus“ (ein Begriff, den Lenin nie skript dabei und bittet ihn, einen kritiverwendete) und von der Unfehlbarkeit schen Blick darauf zu werfen. Während des Idols. Dessen balsamierter Leichnam Trotzki sich zur Lektüre an seinen wird gegen den erklärten Willen des Ver- Schreibtisch niedersetzt, ergreift der spastorbenen und gegen den Protest seiner nische Stalinist Ramón Mercader den unWitwe wie ein ägyptischer Pharao ausge- ter einem Mantel verborgenen Eispickel. stopft und in einem Mausoleum ausgestellt. Mit aller Kraft lässt er ihn auf den HinBeim vorentscheidenden Parteikongress terkopf seines Opfers niedersausen. Der einstige Volkstribun stirbt am 21. 1924 schweigt Trotzki angewidert. Er beruft sich nicht einmal darauf, dass der tod- August 1940 – und bannt ein letztes Mal kranke Lenin ihm ein Bündnis gegen Sta- eine riesige Menge: Etwa 300 000 Menlin vorgeschlagen und die Partei in einem schen defilieren im Lauf von fünf Tagen diktierten Brief vor dem Generalsekretär vorbei an der Bahre von Leo Trotzki. gewarnt hat, der „eine unermessliche Sein Mörder Mercader wird gefasst und Macht in seinen Händen konzentriert verurteilt. 1940 erhält er auf Stalins Weisung den Lenin-Orden und nach seiner habe“ und abgesetzt werden müsse. Da die Träume von der Weltrevolu- Haftentlassung 1960 den Titel „Held der I tion geplatzt sind, erklärt Stalin 1925 den Sowjetunion“. SPIEGEL GESCHICHTE

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Dokument

„ I m L a n d m e i n e r Tr ä u m e “ Erich Honecker über seine Zeit in der Sowjetunion 1930/31 Moskau war in den Zwanziger- und Dreißigerjahren das Mekka marxistischer Revolutionäre aus aller Welt. Die Kommunistische Internationale schulte dort Funktionäre aus zahlreichen Ländern, darunter mehrere Hundert Deutsche. Einer von ihnen war der Bergarbeitersohn Erich Honecker aus dem Saarland, später SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR. In seinen 1981 veröffentlichten Erinnerungen „Aus meinem Leben“ schilderte Honecker, wie er im August 1930 mit knapp 18 Jahren erstmals in die Sowjetunion reiste (Auszüge): artei und Jugendverband hatten mich zu einer Teilnahme an einem Lehrgang der Kommunistischen Jugendinternationale vorgeschlagen, der an der Internationalen Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale in Moskau stattfinden sollte. Noch heute kann ich mich gut an jenen Tag erinnern, als der Zug im ersten Morgenschein auf der Strecke zwischen Baranowitschi und Minsk in langsamer Fahrt die polnisch-sowjetische Grenze passierte. Polnische Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten sprangen ab, Rotarmisten sprangen hinzu. Für mich war das ein Vorgang von ungeheurer symbolischer Kraft. In den Rotarmisten, die auf die Trittbretter der Waggons sprangen, sah ich, obgleich mir persönlich unbekannt, meine Brüder und Genossen. Ich war im Land meiner Träume. Nach kurzem Aufenthalt rollte der Zug weiter, in Richtung Moskau. Die heutige Gorkistraße, die vom Belorussischen Bahnhof zum Roten Platz führt, hieß damals noch Twerskaja. Geschäfte gab es viele in der Twerskaja, aber keine Auslagen. Dafür hingen Plakate in den Schaufenstern, die zur Erfüllung des 1929 beschlossenen Fünfjahrplanes aufriefen. Ich wusste, dass bestimm-

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te Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs zum Zwecke einer leistungsgerechten Versorgung wieder rationiert waren. In der Lenin-Schule fühlte ich mich gleich zu Hause. Das Studium habe ich diszipliniert und fleißig betrieben, wie es sich für einen Arbeiterjungen gehört. Regelmäßig leisteten wir Arbeitseinsätze in Betrieben. Die gesellschaftliche Arbeit vermehrte nicht nur unsere russischen Sprachkenntnisse, sondern gab uns auch Einblick in manche sozialen Probleme. Die forcierte Industrialisierung verlangte riesige Investitionen. Für den Wohnungsbau blieben nur wenige Mittel übrig. Die Narben des Krieges und des Bürgerkrieges waren noch nicht verheilt. Ganze Stadtviertel bestanden aus den vorrevolutionären Holzhäusern. In den Straßen traf man noch Spekulanten aus der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik (NEP), die knappe Waren zu Schwarzmarktpreisen anboten. Und es gab auch noch „Besprisornis“, eltern- und heimatlose Jugendliche, Strandgut des Bürgerkrieges. Trotz der vielen Heime und Kinderkolonien schliefen sie im Freien und wärmten sich im Winter an öffentlichen Feuerstellen auf Straßen und Plätzen. Die beschleunigte Industrialisierung half auch solche Probleme zu lösen. Arbeitslose gab es schon nicht mehr in der Sowjetunion. Und der Bedarf an Arbeitskräften wuchs von Tag zu Tag. Das ganze Land lernte. Die letzten Analphabeten setzten sich auf die Schulbank. Das Moskau, das ich im Sommer 1931 verließ, war schon sichtlich ein anderes Moskau als das bei meiner Ankunft im Jahr zuvor. Es war mir vertraut geworden. Ich hatte erlebt, wie hier tagtäglich Geschichte gemacht I wurde.

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Ein Bild und seine Geschichte

Utopie aus Stahl Von Dietmar Pieper

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eit weg von Moskau, am südlichen Ende des Urals, entstand in der Stalin-Zeit die sozialistische Musterstadt Magnitogorsk. Ausgangspunkt war eine geologische Anomalie: Zwei mächtige Erhebungen bestanden dort zum größten Teil aus Eisenerz. Schon im 18. Jahrhundert war Siedlern des Gebiets aufgefallen, dass sich ihre Kompassnadeln in seltsame Richtungen drehten. Sie nannten den Ort Magnitnaja Gora, Magnetberg. In den Zwanzigerjahren reifte der Plan, am nahen Fluss ein Stahlwerk zu errichten. Es ging um den Aufbau der Industrie im Land, aber es ging auch um ein starkes Signal im Wettbewerb mit dem Kapitalismus: In Magnitogorsk („Magnetbergstadt“) wollte die Sowjetmacht beweisen, dass die von ihr geführten Proletarier an der Spitze des Fortschritts marschierten, als Avantgarde einer besseren Zukunft. Auf Hilfe aus der kapitalistischen Welt konnten die Sowjets allerdings nicht verzichten, deshalb holten sie für viele ihrer Projekte westliche Fachleute ins Land. Für den Ausbau der Metallindustrie wurde 1927 das Ingenieurbüro Henry Freyn & Co. aus Chicago engagiert, das im US-Bundesstaat Indiana die bis dahin größte Stahlfabrik der Welt entworfen hatte. Amerika war für fortschrittliche Sowjetbürger nicht nur ein ideologischer Gegner, sondern auch ein Vorbild: Dort gelang es, große Träume wahr zu machen; das wollte man nun selbst. Das Projekt Magnitogorsk steckte voller Gigantomanie: 1928 sah der Plan vor, in den neuen Fabriken jährlich 656 000 Tonnen Roheisen zu produzieren. Zwei Jahre später stand die vierfache Menge auf dem Programm. Die Stadt wuchs in kurzer Zeit aus dem Nichts auf mehr als 100 000 Einwohner. Im Sinne der sozialistischen Utopie wurden Bildungsprogramme für alle aufgelegt. Bergbaustudenten sollten die große russische Literatur und Musik ebenso kennen wie ihr Fachgebiet. Die Bedingungen waren freilich hart, viele Menschen hausten in Zelten und Baracken, es fehlten Möbel und Heizmaterial. Der Schriftsteller Wenjamin Kawerin, der Magnitogorsk 1931 als junger Mann besucht hatte, erinnerte sich im Alter an die dunklen Seiten der Retortenstadt: „Der Friedhof wuchs schneller als die Stahlfabrik.“

► Bau einer Werkhalle in Magnitogorsk

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Sowjetische Experimente Kino

Anfangs war die rote Filmkunst avantgardistisch und revolutionär. Doch dann mischte sich Stalin ein.

„Die Seele umpflügen“ Von Till Hein

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uf den Fleischstücken krabbeln bewerb zuzulassen. In der Folge erlebt Maden. Dennoch drängt ein za- auch das Filmschaffen einen Aufschwung. ristischer Offizier die Matrosen Lenin macht aber auch deutlich, dass auf dem Kriegsschiff im Hafen sowjetische Filme mehr als Unterhaltung von Odessa, das Gammelfleisch zu essen. bieten sollen. „Von allen Künsten ist die Die Besatzung gerät in Wut – und wagt Filmkunst für uns die wichtigste“, belehrt den Aufstand. er im Februar 1922 einen KulturfunktioDer Beginn der Rebellion ist eine der när. Das Regime ruft die Regisseure zum eindringlichsten Szenen in Sergej Eisen- „Wettstreit zwischen den künstlerischen steins Stummfilm „Panzerkreuzer Pot- Formrichtungen“ – im Rahmen der komjomkin“, der am 21. Dezember 1925 in munistischen Idee. Moskau uraufgeführt wird. Als die AufBesonders Sergej Eisenstein, ein eheständischen die rote Fahne hissen, bricht maliger Militärtechniker der Roten Ardas Premierenpublikum in Jubel aus. Der mee, läuft zu Hochform auf. Als er mit Film handelt von Ereignissen während den Dreharbeiten zu „Panzerkreuzer der ersten Russischen Revolution im Jahr Potjomkin“ beginnt, ist er erst 27 Jahre 1905. Völlig neu ist Eisensteins eigenwil- alt. Er will „die Seele des Zuschauers lige, suggestive Bildsprache. 300 000 Men- umpflügen“: Das faulige Fleisch zeigt schen sehen den Film allein in den ersten er genauso naturalistisch wie eine Mutdrei Wochen. Ein Triumph für ter auf der Freitreppe von den Regisseur. Odessa, die, ihr Kind an sich Schon bald zeigt auch das „Von allen gepresst, im Kugelhagel zaAusland Interesse. Im Dezem- Künsten ist ristischer Truppen stirbt. ber 1926 feiert „Panzerkreuzer die Filmkunst Sein zentrales Stilmittel ist die Potjomkin“ Premiere in New Montage: Stakkatoartig schneiYork. Auch in Deutschland für uns die det er Kontraste hart aneinkommt Eisensteins Werk in wichtigste“, ander. Durch den „Zusamdie Kinos. „Es ergibt etwas sagt Lenin menprall der Bilder“, wie er Großes, wenn Künstler Heilisagt, will er das Publikum ge sind“, schreibt der einfluss- seinen aufrütteln. reiche Kritiker Alfred Kerr Genossen. Eisensteins wohl bedeuüber das propagandistische tendster Zeitgenosse unter Werk. 1958, auf der Weltausstellung in den frühen sowjetischen Filmemachern, Brüssel, wird ein internationales Exper- Wsewolod Pudowkin, wird besonders für tengremium „Panzerkreuzer Potjomkin“ überraschende Kameraperspektiven bezum besten Film aller Zeiten küren. kannt. So erscheinen die Protagonisten Eisenstein und seine avantgardisti- in seinen Filmen mitunter riesengroß und schen Mitstreiter – allesamt überzeugte hyperbolisch verzerrt. In anderen EinKommunisten – können in den Zwanzi- stellungen presst der Regisseur sie durch gerjahren noch nicht ahnen, dass das Re- den Blick von oben scheinbar in den Bogime in Moskau schon bald jede kreative den. Internationale Berühmtheit erlangt Energie ersticken wird. Noch stehen die Pudowkin 1926 mit der Tragödie „Die Dinge gut für das sowjetische Kino. Mutter“ (nach dem Roman von Maxim 1921 hat Wladimir Lenin entschieden, Gorki), in der sich die verhärmte Frau wieder etwas mehr ökonomischen Wett- eines Schmieds zu einer mutigen Kom-

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munistin entwickelt und für ihre Ideale in den Tod geht. Das Jahr 1928 aber bringt einen schweren Einschnitt für Filmemacher und Kinoliebhaber: Josef Stalin, der neue Machthaber im Sowjetstaat, setzt auf Kommandowirtschaft und verfügt einen ersten Fünfjahresplan – auch für die Kinobranche. Den Diktator ärgert es, dass das Volk für Hollywoodfilme schwärmt, während heimische Propagandastreifen vor leeren Rängen laufen. Stalins Forderung lautet: Jeder sowjetische Film muss das Publikum ideologisch erziehen – und ein Kassenschlager werden. Dabei schweben ihm Filme vor, die eine simple, poli-

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tisch korrekte Geschichte möglichst konventionell erzählen. Den Arbeiten von Starregisseuren wie Eisenstein und Pudowkin unterstellt er dagegen „Formalismus“: geschmäcklerische, eitle Spielereien. Stalin wird Pudowkin 1933 gar für fünf Jahre Drehverbot erteilen. Eisenstein geht für längere Zeit ins Ausland und laviert sich durch. Filme sollen das Leben so darstellen, wie es idealerweise zu sein hat, nach Ansicht der Partei. „Sozialistischer Realismus“ wird die neue Stilrichtung genannt, genau wie in Literatur und Bildender Kunst. Ausländische Filme dürfen ab 1933 nicht mehr gezeigt werden.

Eisensteins epochales Werk „Panzerkreuzer Potemkin“ dramatisiert ein Ereignis von 1905.

Im Dezember 1930 ruft Stalin die Behörde „Sojuskino“ ins Leben, die Planung, Produktion und Verleih aller Filme von Moskau aus zentral steuern soll. Zu ihrem Leiter ernennt er den Parteifunktionär Boris Schumjatski, der über keinerlei fachliches Vorwissen verfügt. Filmemacher verachten Schumjatski. Er gilt als unintellektuell und in künstlerischen Fragen wenig sensibel. Doch er ist begeisterungsfähig und umtriebig. Um den Bau von Fabriken zur Herstellung von Rohfilm kümmert er sich ebenso wie

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um die technische Ausstattung der Studios. So beschäftigt ist der Funktionär, dass er die ideologische Überwachung von Filmprojekten, die auch zu seinen Aufgaben gehört, vernachlässigt. Immer wieder interveniert jedoch Stalin persönlich und lässt bereits fertige Filme verbieten. Bei Komödien bewegen sich die Regisseure auf ganz dünnem Eis. Schon der leiseste Spott über Auswüchse des Systems kann gefährlich sein. Niemals dürfen hochrangige Parteifunktionäre veralbert werden. Zu lachen hat das Publikum – wenn überhaupt – nur über niedrige Chargen wie Buchhalter von Kolchosen.

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Sowjetische Experimente Kino

Großen Erfolg erlangt 1934 die Komödie „Lustige Burschen“ (Regie: Grigorij Alexandrow): ein Musical um einen Kolchose-Viehhirten, der die Stars der internationalen Musikszene in einem Gesangswettbewerb besiegt. Gedreht wurde es im abchasischen Gagra am Schwarzen Meer, einem beliebten sowjetischen Badeort. Parteifunktionäre wollten den Film, der ihnen zu unpolitisch erschien, verbieten lassen. Schumjatski aber setzte die Freigabe durch – und bewies Gespür für Stalins Geschmack. „Ich fühle mich, als wäre ich einen Monat im Urlaub gewesen!“, schwärmt der Diktator, der sich selbst gern in Abschasien erholt, nach der Vorführung. „Lustige Burschen“ wird zu einem seiner Lieblingsfilme. In der Folge entstehen viele Nachahmungen, die ein verkitschtes Bild des Alltags zeichnen: mit singenden Viehhirten, glücklichen Traktorfahrern und dem Diktator als väterlichem Freund. Auch ein ernster Film aus den Dreißigerjahren schlägt hohe Wellen: Als „Tschapajew“ (Regie: Sergej und Georgij Wassiljew) 1934 in die Kinos kommt, überzeugt die Stilform „sozialistischer Realismus“ erstmals weite Teile der Bevölkerung. Im Zentrum der Handlung steht der heißblütige Partisan Wassili Tschapajew, der sich im Bürgerkrieg zu einem Kommandeur der Roten Armee entwickelt. Doch prestigeträchtige Großprojekte wie „Tschapajew“, die Stalin von den Filmschaffenden einfordert, fressen Zeit und Geld – und insgesamt schrumpft die Branche angesichts industrieller Prioritäten: Während Ende der Zwanzigerjahre noch jährlich mehr als hundert neue Produktionen in die Kinos kamen, so sind es 1933 gerade mal 45. Aus Mangel an Nachschub werden wieder US-Produktionen gezeigt. Das Jahr 1935 markiert einen letzten Höhepunkt in der Geschichte des sowjetischen Kinos: Schumjatski lädt die internationale Filmbranche zu einem Festival nach Moskau ein – und die Sowjetunion gewinnt mit „Tschapajew“ den Wettbewerb. „Das Kino in den Händen der Sowjetmacht stellt eine ungeheure Macht dar“, triumphiert Stalin. Filmschaffende und Kulturfunktionäre werden mit Staatsorden geehrt. Und Schumjatski erhält die Erlaubnis, für einen Monat in den Westen zu reisen: nach Hollywood. Als er zurückkehrt, ist er voller Enthusiasmus. Er peppt die Kinowerbung auf, lässt Slogans wie „Das ganze Land

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„Das Kino in den Händen der Sowjetmacht stellt eine ungeheure Macht dar“, erkennt Stalin.

Regisseur Eisenstein posiert an der Filmkamera; darunter Szenen aus seinen Werken „Oktober“ (1928) und „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925).

sieht ,Tschapajew‘!“ plakatieren. 100 internationale Filmemacher will er zum zweiten Sowjetischen Kinofestival nach Leningrad locken. Und er lässt immer prachtvollere Kinopaläste bauen, an deren Frontseite im Stil eines Heiligenbildes meist Stalin prangt. 1936 wird im GorkiPark in Moskau ein Filmtempel eröffnet, der 20 000 Zuschauer fasst – beinahe so viele wie alle bisherigen Kinos der Hauptstadt zusammen. Schumjatskis wohl ehrgeizigster Plan: eine sowjetische „Kinostadt“ nach dem Vorbild Hollywoods. 200 Filme pro Jahr will er dort produzieren lassen, mittelfristig sogar 700. Zu einer Zeit, als in der ganzen Sowjetunion jährlich keine 40 Spielfilme mehr entstehen. Doch von 1936 an fällt Schumjatski in Ungnade. 1938 wird er verhaftet, zum Tode verurteilt und erschossen. Die Partei rehabilitiert ihn posthum während der Chruschtschow-Ära. Stalin will kein Hollywood, sondern harte Propaganda. 1938 erhält der frühere Avantgardist Eisenstein einen Großauftrag: Mit Staatsgeldern soll er einen antideutschen Propagandafilm über den russischen Fürsten Alexander Newski drehen. Der Nationalheld hat im Mittelalter die Ausbreitung der Deutschordensritter nach Russland abgewehrt. Als Eisenstein, dessen „Alexander Newski“ 1938 bei der Zensur glatt durchgeht, zwei Jahre später vom Staat einen weiteren Auftrag erhält, bestimmt bereits ein Geheimdienstoffizier über das sowjetische Kino. Wieder geht es um ein nationales Epos, das Leben des von Stalin bewunderten Zaren Iwan IV., „der Schreckliche“, im 16. Jahrhundert. Für den ersten Teil des Films, eine Lobhudelei auf Zar Iwan, wird Eisenstein mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet. Doch Mitte der Vierzigerjahre lodert noch einmal das rebellische Feuer aus der Anfangszeit des Regisseurs auf: Im zweiten Teil von „Iwan der Schreckliche“ zeigt er in eindringlichen Bildern die Terrorherrschaft des Zaren. Stalin lädt Eisenstein im Februar 1947 zum Gespräch und kritisiert, dessen Zar Iwan sei „unentschieden, Hamlet-ähnlich“. Doch die „Weisheit Iwans“, so Stalin, habe in dessen „nationalem Standpunkt“ bestanden. Man dürfe zeigen, dass Iwan „grausam war, aber man muss zeigen, warum es notwendig war, grausam zu sein“, sagt Stalin. Eisenstein geschah nichts. Der zweite Teil des Films über den Zaren Iwan aber kam erst nach Stalins Tod in die Kinos. ■

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KAPITEL 3 L E B E N I M F Ü H R E R S TA AT


Leben im Führerstaat Stalin

Josef Stalin vernichtete durch Terror und Gewalt die bisherige Elite. Gestützt auf junge Aufsteiger führte er das Land in russisch-imperialer Tradition.

Der letzte freie Leser Von Uwe Klußmann

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ie Kluft zwischen Propaganda und Realität im Leben des Josef Stalin beginnt schon beim Blick auf sein Geburtsdatum. So hieß es in der offiziellen „Kurzen Lebensbeschreibung“ Stalins, er sei am 21. Dezember 1879 in Gori nordwestlich von Tiflis geboren. Doch gegen Ende der Sowjetunion stellten Forscher fest, dass Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, der später den Parteinamen „Stalin“ trug, bereits am 18. Dezember 1878 zur Welt gekommen ist. Warum er sich ein Jahr jünger machen wollte, gehörte zu den vielen Rätseln, die dieser bedeutendste aller sowjetischen Herrscher der Nachwelt aufgab. Dschugaschwili war der Sohn eines Schuhmachers und einer Bauerntochter. Seine Kindheit verbrachte er in bescheidenen Verhältnissen. Geboren wurde er in einem kleinen Haus aus Backund Natursteinen in Gori, heute Teil eines Museums. Seine Eltern schickten den intelligenten Sohn, den sie „Sosso“ nannten, auf eine geistliche Elementarschule. Nach deren Abschluss 1894 besuchte er das griechisch-orthodoxe Seminar in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, damals eine Provinz des russischen Zarenreiches. Dort wurde der junge Mann wesentlich geprägt. Er lernte die Macht der Worte kennen und auch perfide Kontrollmechanismen. Dem Schriftsteller Emil Ludwig erzählte Stalin 1931 von der Spitzelei im Internat: „Um neun Uhr wird zum Tee geläutet, wir gehen in den Speisesaal; nach Rückkehr in unsere Zimmer aber stellen wir fest, dass während dieser Zeit alle unsere Schubladen durchsucht und durchwühlt worden sind.“ Stalin, damals bereits Oberherr des weltgrößten Ge-

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Als Schüler einer geistlichen Elementarschule zeigte sich Josef Dschugaschwili, der spätere Stalin, als intelligent und lesefreudig.

heimdienstes, fügte hinzu: „Was kann daran Positives sein?“ Die Internatsleitung wollte die Seminarschüler vom Marxismus fernhalten, der in ganz Russland immer mehr junge Menschen faszinierte. Das Verbotene lockte auch den jungen Josef. Heimlich las Dschugaschwili mit 15 Jahren marxistische Broschüren. Ab 1896 organisierte Sosso, der Gedichte schrieb, im Seminar verdeckte Schulungen. Zwei Jahre später wurde er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Dort schloss er sich der bolschewistischen Richtung Lenins an. Dschugaschwili vermittelte jungen Beschäftigten einer Eisenbahnwerkstätte in einer Privatwohnung in Tiflis Grundbegriffe des Sozialismus. Dabei hörte er Tifliser Arbeitern aufmerksam zu. Er nannte sie später „meine ersten Lehrmeister“. So entwickelte er ein Gespür für Stimmungen im Volk. Die stoische Haltung einfacher Menschen imponierte ihm mehr als intellektuelle Höhenflüge. Die waren ihm früh verdächtig. Weil seine politische Arbeit bekannt wurde, flog er im Mai 1899 aus dem Priesterseminar. Er war nun Anfang zwanzig und entschied sich für ein Leben als Berufsrevolutionär. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zeitweise mit Nachhilfestunden, dann als Mitarbeiter der Sternwarte in Tiflis. Nach einer Hausdurchsuchung dort ging Dschugaschwili in den Untergrund. Im April 1902 erstmals verhaftet, musste er mehrmals ins Gefängnis und auch in die Verbannung nach Sibirien. Dort erwarb er sich eine Art inneren Schutzpanzer, der ihn später auch schwerste Krisen ertragen ließ. In Freiheit organisierte er immer wieder bolschewistische Gruppen, schrieb Flugblätter und Zeitungsartikel. Er war stark darin, komplizierte Themen in einfacher, verständlicher Sprache zu behandeln.

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1905 warnte Dschugaschwili in einer Parteizeitung vor „Schwätzern“. Die Partei, so Stalin, sei „keine Anhäufung schwatzender Einzelgänger“, sondern „eine Partei des Kampfes“ und „eine Organisation von Führern“. Aus den Zeilen des Mittzwanzigers sprach bereits der Wille zur Macht. Lenin gefiel dieser energische junge Genosse. So wurde Dschugaschwili 1912 Redakteur der Parteizeitung „Prawda“. Da verwendete er erstmals das Pseudonym „Stalin“, der Stählerne. Unter diesem Namen veröffentlichte er 1913 die Broschüre „Marxismus und nationale Frage“. Zuvor hatte ihn die Partei zu einer Studienreise ins multikulturelle Wien entsandt. Der junge Funktionär fasste seine Eindrücke in der These zusammen, eine Nation sei eine „stabile Gemeinschaft von Menschen“ mit einer „sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart“. So fügte er der marxistischen Doktrin ein Stück Völkerpsychologie hinzu. Dass der „prächtige Georgier“, wie Lenin ihn nannte, mehr ein Mann der Tat als der Theorie war, sprach sich bald herum. Dazu trug eine spektakuläre Aktion bei, die Dschugaschwili am 26. Juni 1907 in Tiflis organisiert hatte. Dort überfiel eine von ihm geführte Gruppe von rund 20 Männern und Frauen einen Geldtransport der russischen Staatsbank. Die Räuber warfen Granaten auf einen Panzerwagen und beschossen Kosaken und Polizisten, die den Transport bewachten. Bei der extrem brutalen Aktion wurden rund 40 Menschen getötet und 90 verletzt. Die Beute, circa 250 000 Rubel, nach heutigen Maßstäben mehrere Millionen Euro, schickten die Genossen an die Parteiorganisation im Exil. Die sowjetische Propaganda verschwieg später diese Aktion. Sie vermied auch, das kaukasische Milieu zu beschreiben, in dem die Grenze zwischen Revolutionären und Räubern, zwischen belesenen Bolschewiki und mafiösen Männerbündlern fließend war. Niemand ahnte 1907, dass Dschugaschwili zehn Jahre später ministrabel werden würde. Im März 1917, kurz nach dem Sturz des Zaren, schloss sich der aus der sibirischen Verbannung heimgekehrte Stalin in Petrograd seinen bolschewistischen Genossen an. Im April 1917 wählten sie ihn zum Mitglied des Zentralkomitees. In dieser Funktion bereitete er den Aufstand der Bolschewiki vor. So wurde Stalin Teilhaber der Macht, als Mitglied der von Lenin geführten Regierung, des „Rates der Volkskommissare“. Dort war er zuständig für Nationalitätenfragen.

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Als junger Marxist im kaukasischen Rebellenmilieu verband Dschugaschwili politisches Gespür mit der Bereitschaft zu Gewalt.

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Lenin schätzte Stalin als Multitalent der Machtsicherung. Während des Bürgerkriegs sandte die Partei ihn daher an verschiedene Frontabschnitte zwischen Perm am Ural und Petrograd. In Zarizyn an der Wolga, der Stadt, die später als Stalingrad weltbekannt wurde, zeigte er seinen rigorosen Führungsstil: Stalin ließ Getreide requirieren, Gegner hinrichten und Kritiker unter den aus der Zarenarmee übernommenen Militärberatern einsperren. Für seine militärischen Leistungen verlieh die sowjetische Führung ihm 1919 die höchste Auszeichnung, den Rotbannerorden. Der militärische Ruhm half Stalin nach dem Ende des Bürgerkriegs beim weiteren Aufstieg. Im April 1922 wählte ihn das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, wie die Bolschewiki sich inzwischen nannten, zum Generalsekretär. Damit unterstand ihm der gesamte Parteiapparat. Zwar präsentierte sich Stalin stets als „der beste und treueste Schüler und Kampfgefährte Lenins“. Doch Lenin, ein Menschenkenner, warnte in einem Brief an den Parteitag der Kommunisten am 24. Dezember 1922: „Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen.“ Wenige Tage später fügte Lenin diesem Brief hinzu, Stalin sei „zu grob“, was „in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden“ könne. Lenin schlug vor, „sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte“. Stalin sorgte dafür, dass dieser Brief nicht veröffentlicht, sondern nur den Parteitagsdelegierten vorgelesen wurde. Wo immer er in den Zwanzigerjahren auftrat, präsentierte er sich als Mahner für innerparteiliche Demokratie. Parteifunktionäre, so Stalin auf einer Parteiversammlung im Moskauer Arbeiterbezirk „Krasnaja Presnja“ im Dezember 1923, müssten „unbedingt gewählt“ werden – und nicht ernannt. Dabei krempelte er die Partei um, die jahrelang von Trotzki und seinen Anhängern geprägt worden war. Mit dem „Lenin-Aufgebot“ nahm die Partei in den Jahren 1924/25 rund 500 000 neue Mitglieder auf, vor allem junge Arbeiter. Neuzugängen verordnete Stalin eine Pflichtlektüre: Seine Vorlesungen „Über die Grundlagen des Leninismus“, die er an der Swerdlow-Universität in Moskau 1924 gehalten hatte. Darin definierte Stalin den „Leninismus“ auf eine Weise, die sich von der Praxis der kurz zuvor gestorbenen Gründerfigur deutlich unterschied. So

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gab es unter Lenin in der Partei noch Meinungsstreit und unterschiedliche Strömungen. Stalin aber verkündete 1924, die Partei sei „eine mit der Existenz von Fraktionen unvereinbare Einheit des Willens“. Sie werde „dadurch gestärkt, dass sie sich von opportunistischen Elementen säubert“. So baute sich Stalin in wenigen Jahren eine neue Partei. Hatte die russische KP im März 1921 noch 700 000 Mitglieder, stieg die Anzahl der Mitgliedschaften bis 1933 auf 3,1 Millionen. Die Kommunistische Partei der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre war eine Bewegung junger Leute. Die begeisterte Stalin für sich, indem er ihnen vermittelte, sie seien die neuen Leiter des Landes. Dabei ging er demonstrativ auf Distanz zur Parteielite. Auf dem Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes (Komsomol) im Mai 1928 geißelte der Generalsekretär „neue Bürokraten“ und warnte: „Der Kommunist-Bürokrat ist der gefährlichste Typ des Bürokraten.“ Denn: „Der maskiert seinen Bürokratismus unter dem Banner eines Parteimitglieds.“ Und sprach voller Abscheu von „schändlichen Fakten der Zersetzung und des Zerfalls der Sitten in einigen Gliedern unserer Parteiorganisationen“. Stalin lagen Berichte vor über Korruption in örtlichen Leitungen der Partei und des Staates, unter anderem in Smolensk und im südrussischen Astrachan. Dort im Süden hatten Parteibonzen in großen Gruppen „elende Orgien“ gefeiert, so eine Schilderung. Exzesse mit Alkohol und Mätressen gingen einher mit Schmiergeldern privater Unternehmer für Staatsaufträge. Stalins Schlussfolgerung: Er schaffte die von Lenin eingeführte, marktwirtschaftlich orientierte „Neue Ökonomische Politik“ ab und ging vollends zur Staatswirtschaft über. Die sollte von einer neuen Führungsschicht gelenkt werden, geformt von Stalin, dem Stählernen. Die Aufgabe sei, so der Generalsekretär auf dem Komsomol-Kongress 1928, „die Wissenschaft zu beherrschen und neue Kader von Bolschewisten-Spezialisten in allen Bereichen zu schmieden“. Die jungen Delegierten applaudierten ihm stürmisch. Stalins Attacken auf Bürokraten und Parteibonzen wirkten glaubwürdig. Denn der Anführer war bescheiden. Er lebte im Kreml in einer kleinen, einfach möblierten Wohnung, in der zu Zarenzeiten Hofbedienstete gewohnt hatten. Keine der Datschen, die er nutzte, war je sein Eigentum. Und anders als Trotzkis Visionen von der Weltrevolution war Stalins Projekt, der „Aufbau des Sozialismus in einem Land“, etwas Greifbares. Der erste Fünfjahresplan, der im Oktober 1928 begann, sollte vor allem die Schwerindustrie entwickeln. Wie prekär die Lage des Sowjetlandes war, zeigt ein Beschluss des Politbüros („streng geheim“) vom Juli 1929. Die Parteiführung konstatierte, die Rüstungsindustrie befände sich „in einem unbefriedigendem Zustand“. Sie monierte „eine gefährliche

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Umfrage in Russland Anteil der Russen, die über Stalin sagen, es sei das Wichtigste, dass Russland unter seiner Führung im Zweiten Weltkrieg siegreich war: 2016 Angaben in Prozent

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29 Quelle: Levada-Zentrum

Byzantinischer Personenkult war die äußere Erscheinungsform des stalinschen Regimes. Hier ein Bild von Leningrader Kunststudenten aus dem Jahr 1934.

Kluft zwischen der Industrie und den Bedürfnissen der Verteidigung“. Bereits 1927 hatte Stalin in seinem Dienstzimmer im Kreml Generäle der Roten Armee empfangen. Die Militärs räumten ein, die Armee könne das Land im Ernstfall kaum verteidigen. Denn es fehle ihr an Panzern, Industriewaffen und modernen Flugzeugen. Stalin wollte das ändern und begann, die Industrialisierung mit allen Mitteln voranzutreiben. Der nötige Import von Technologie und Fachleuten sollte durch Getreideexporte finanziert werden. In der Praxis hieß das: um den Preis von Millionen Hungertoten. Für Stalin zählte dieses ungeheure Elend nicht so viel wie das, was er für die imperialen Interessen seines Landes hielt. Wie er die Lage sah, erklärte er am 4. Februar 1931 in einer Rede vor mehr als 700 Partei- und Wirtschaftsfunktionären aus der gesamten Sowjetunion. Das „alte Russland“, so Stalin, sei „wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen“ worden. Wenn das Land nicht seine Unabhängigkeit verlieren wolle, müsse es „in kürzester Zeit seine Rückständigkeit beseitigen“. Die Sowjetunion sei „hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben“. Seine Schlussfolgerung: „Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder wir bringen das zuwege, oder wir werden zermalmt.“ Zehn Jahre später überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Stalins Strategie stützte sich auf die neue junge Elite von Hunderttausenden Ingenieuren und Facharbeitern. Viele von ihnen stiegen rasch zu Betriebsleitern auf. Eine technische Intelligenz, politisch gebunden an die Kommunistische Partei, wurde zur Machtbasis des Regimes. Zu ihr gehörten junge Männer wie der Arbeitersohn Leonid Breschnew aus der Ostukraine, der spätere KPdSU-Generalsekretär. Innerhalb weniger Jahre errichtete eine Generation junger Sowjetbürger Traktorenwerke und Panzerfabriken, Staudämme und Kraftwerke. Die Lebensbedingungen der Arbeiter waren dabei äußert hart. Die Erbauer des Stalingrader Traktorenwerks setzten mit bloßen, blutenden Händen bei bis zu minus 38 Grad in schneidendem Steppenwind Scheiben in Fabrikhallen ein. Sie hausten zunächst in Erdlöchern, schließlich in hölzernen Baracken, wo ihnen Wanzen und Läuse zusetzten. Wie das Regime sich die Baumeister des Sozialismus wünschte, verkündete die Parteizeitschrift „Bolschewik“ im Juli 1937. Der „rote Spezialist“ sei jemand, der „amerikanisches Know-how und die russische Vision kombiniert“. Sein Charakter verbinde „unbegrenzte Loyalität gegenüber der Partei und dem Sozialismus“ mit „unbegrenztem Hass gegen alle Feinde“. Dabei waren die gegenwärtigen Feinde oft die Genossen von gestern. In Stalins Diktion wurden aus „Trotzkisten“, also Abweichlern, bis 1937 „trotzkistische Agenten des Faschismus“. „Trotzkisten“ waren in den Augen des stalinschen Regimes längst nicht mehr nur Anhänger des seit 1929 im Exil le-

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benden Trotzki. Denn die waren als politisch arbeitende Organisation in den Dreißigerjahren im Lande gar nicht mehr präsent. Stalin verwendete den Begriff inflationär, zumal er wusste, dass Trotzki im Volk nie beliebt gewesen war. Auf dem „Parteitag der Sieger“ Ende Januar/Anfang Februar 1934 demonstrierte die KP nach außen Einigkeit. Die Delegierten klatschten ihrem Generalsekretär begeistert Beifall und riefen „Hurra Stalin!“ Vielen von ihnen verging bald das Jubeln. Von den 1225 stimmberechtigten Delegierten des Parteitags 1934 überlebte weniger als die Hälfte die Säuberungen der nächsten fünf Jahre. Ab 1936 begannen Schauprozesse gegen frühere Politbüromitglieder wie Grigorij Sinowjew und Nikolaj Bucharin. Stalin rottete das bohemienhafte Milieu des Bolschewismus der Zwanzigerjahre regelrecht aus. Berichte, die er Mitte der Dreißigerjahre vom Geheimdienst und der Zentralen Kontrollkommission der KP erhielt, zeichneten ein alarmierendes Bild vom Zustand der Partei. Die wurde vielerorts von korrupten Machthabern geführt, die sich Loyalität mit Geldgeschenken erkauften. Regionale Potentaten schworen die Genossen auf sich ein.

Oben: Aus Genossen wurden Todfeinde. Stalin 1924 mit den Politbüromitgliedern Alexej Rykow und Grigorij Sinowjew und dem späteren Politbüromitglied Nikolaj Bulganin. Sinowjew und Rykow wurden 1936 und 1938 als „Volksfeinde“ erschossen. – Unten: Der enge Führungskreis um Stalin schlug einen nationalbolschewistischen Kurs ein: Andrej Schdanow, Wjatscheslaw Molotow, Stalin, Kliment Woroschilow 1934.

Stalin sah sich in einem Sumpf von Illoyalität, um-

geben von Saboteuren und potenziellen Verschwörern. Er wollte die Parteibürokraten massiv unter Druck setzen. In einem Interview mit dem amerikanischen Korrespondenten Roy Wilson Howard kündigte Stalin am 1. März 1936 an, mit einer neuen Verfassung, die im selben Jahr in Kraft trat, könnten „alle möglichen öffentlichen parteilosen Organisationen“ Kandidaten zu Wahlen aufstellen, nicht bloß die Kommunisten. „Geheime Wahlen“, so Stalin sollten „zur Reitpeitsche in den Händen der Bevölkerung gegen schlecht arbeitende Machtorgane werden“. Ein pluralistisches Mehrparteiensystem mit konkurrierenden politischen Programmen kam für ihn nie infrage. Doch Archivdokumente, die der Moskauer Historiker Jurij Schukow ausgewertet hat, zeigen, dass Stalin nach einem Instrument suchte, missliebige Parteibonzen durch Konkurrenten per Wahlen auszuhebeln. Provinzpotentaten taten so, als begrüßten sie Stalins Vorschlag. Sie baten aber darum, zuvor noch zahlreiche Feinde vernichten zu dürfen. Stalin hatte keine Einwände. Wie sehr er die Parteielite verachtete, bekannte Stalin Anfang März 1937 auf einer Sitzung des Zentralkomitees der KP. Da klagte er, viele Funktionäre hüllten sich in „eine betäubende Atmosphäre der Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit, der Paradekundgebungen und des geräuschvollen Eigenlobs“. Er wünschte sich viele derjenigen, die ihm heuchlerisch huldigten, zum Teufel. So begann die furchtbarste Periode in der Geschichte der Sowjetunion, die „Große Säuberung“ der Jahre 1937/38. Stalins Weisungen und der Machtwahn örtlicher Klans führten zu fatalen Synergieeffekten. Am Ende der Handlungskette standen Sadisten in den Folterkellern des Geheimdienstes. Eine „gezielt geSPIEGEL GESCHICHTE

Stalin 1938 mit Geheimdienstchef Nikolai Jeschow. Nach dessen Hinrichtung 1940 wurde er aus dem Bild retuschiert.

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schaffene Atmosphäre des Verdachts“, so der Historiker Schukow, steigerte sich zu einer „Massenpsychose“. Schlüsselfigur des Schreckens war der Ende September 1936 von Stalin ernannte Geheimdienstchef Nikolai Jeschow. Nach der Devise „Besser zu viel, als zu wenig“ ließ der langjährige Parteifunktionär ungehemmt Blut fließen. Während der „Jeschowschtschina“ in den Jahren 1937/38 wurden Hunderttausende hinter den Stacheldraht des Gulag gesperrt und mindestens 681 692 Menschen erschossen. Sowjetpropagandisten behaupteten noch lange nach dem Tode Stalins, der Parteiführer habe vom Umfang des Terrors nichts gewusst. Er sei getäuscht worden. Inzwischen zugängliche Akten von Partei und Geheimdienst widerlegen diese Legende. Zwischen Februar 1937 und Oktober 1938 stimmte Stalin der Erschießung von 38 955 Menschen zu, die zuvor von willfährigen Gerichten verurteilt worden waren. Allein am 12. Dezember 1938 verfügte Stalin den Tod von 3167 Menschen. Schließlich verschlang die Terrorwelle auch den Geheimdienstboss Jeschow. Stalin setzte ihn im November 1938 ab. Wenige Monate später wurde er verhaftet und 1940 erschossen. Als Stalin den exzessiven Massenterror beendete, gab es die Partei als offen diskutierende politische Organisation nicht mehr. Was von ihr übrig blieb, glich einer militärischen Organisation. So wollte es Stalin. Schon in der Zentralkomiteesitzung im März 1937, die den Auftakt zur härtesten Terrorwelle gegeben hatte, nannte er die Führungsgruppe von 3000 bis 4000 höheren Funktionären „die Generalität unserer Partei“. 30 000 bis 40 000 mittlere Funktionäre seien „das Offizierskorps unserer Partei“, während 100 000 bis 150 000 untere Funktionäre das „Unteroffizierskorps“ bildeten. Junge Emporkömmlinge etablierten sich nun als neue Machtbasis. Im Jahre 1940 waren 57 Prozent der Parteisekretäre in den Regionen jünger als 35 Jahre. Sie hatten die Revolution 1917 als Kinder erlebt. Ihr Idol war Stalin. Die Säuberungswellen zerschlugen auch die bisherige Führung der Roten Armee. Drei von fünf Marschällen und 13 von 15 Armeekommandeuren waren dem Terror zum Opfer gefallen. Diese Schwächung des Militärs war umso dramatischer, als Stalin im Oktober 1936 ein Bericht der sowjetischen Auslandsaufklärung vorlag, in dem es über Deutschland hieß: „Die Stimmung der führenden Parteikreise mit Hitler an der Spitze ist in letzter Zeit auf die Vorbereitung zum Krieg in vergleichsweise nicht ferner Zukunft gerichtet.“ Doch die Ausschaltung potenzieller Konkurrenten und Putschisten hatte für Stalin Priorität. Dramatisch verlief Anfang der Dreißigerjahre auch das Privatleben Stalins. Seine erste Frau, die Georgierin Kato Swanidse, war bald nach der Geburt des Sohnes Jakow 1907 gestorben. Elf Jahre später hatte er die 22 Jahre jüngere Arbeitertochter Nadeschda Allilujewa geheiratet. Mit ihr hatte er

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zwei Kinder, den Sohn Wassilj, geboren 1921, und die Tochter Swetlana, geboren 1926. Dazu erzog er auch noch einen Stiefsohn, Artjom Sergejew, Sohn eines umgekommenen Genossen. Die Ehe mit Allilujewa endete tragisch. Nach einem

Streit mit Stalin auf einem Bankett zum Jahrestag der Oktoberrevolution im November 1932 erschoss sich seine Frau mit einer Pistole. „Stalin veränderte sich sehr nach der Tragödie“, erinnerte sich sein Pflegesohn Artjom. Er habe seltener gescherzt, weniger gelächelt und „sein Gesicht verfinsterte sich oft und unerwartet“. Stalin heiratete nicht wieder. Erst Jahre später begann er ein enges Verhältnis mit einer 39 Jahre jüngeren Frau, Walentina („Walja“) Istomina. Die Bauerntochter und frühere Fabrikarbeiterin diente als Hauswirtschafterin auf Stalins „Naher Datscha“ in Kunzewo am damaligen südwestlichen Stadtrand Moskaus. Dort lebte sie von 1946 bis an sein Lebensende, im Dienstrang eines Sergeanten der Staatssicherheit. Öffentlich zeigte sich Stalin nie mit ihr. Doch war sie für ihn ein wichtiger Kontakt mit der sozialen Wirklichkeit. Propagandisten hingegen präsentierten Stalin als Landesvater ohne Familienleben, gleichsam mit der Sowjetunion verheiratet. Auf den Datschen lief Stalin stets im Uniformkittel herum, wie sich sein Pflegesohn erinnerte. Auch fernab von Moskau nahm sich der Diktator keine Auszeit. Auf seiner Datsche „Kaltes Flüsschen“ nahe Gagra in Abchasien stand ein Schreibtisch selbst im Schlafzimmer. Akten lieferten ihm Kuriere regelmäßig per Flugzeug aus Moskau auf die abchasischen Datschen. Die befanden sich am Riza-See in den Bergen und in Meeresnähe bei Gagra und Nowy Afon. Viel Zeit nahm Stalin sich für die Literatur. „Er war umgeben von Büchern, Zeitungen, Broschüren“, so sein Pflegesohn. Oft lag er rücklings auf einem Sofa und las. Er hatte eine Vorliebe für Klassiker von Goethe und Shakespeare bis zu Dostojewski. Dazu Historisches: Machiavellis „Der Fürst“, Bismarcks Memoiren und Werke über römische Kaiser. Schriften seiner innerparteilichen Rivalen wie Trotzki oder Kamenew studierte er ebenso aufmerksam wie eine Übersetzung von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. So war er im größten Land der Welt der letzte freie Leser, der ohne Angst seine Neigung zu verbotener Lektüre ausleben konnte. In den Büchern unterstrich er Sätze mit Buntstiften, blau, rot, violett und grün. In einer Erzählung des sowjetischen

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Scheinbar eine ganz normale Familie: Stalins zweite Ehefrau Nadeschda Allilujewa 1927 mit Tochter Swetlana. 1932 erschoss sich Allilujewa nach einem Streit mit Stalin.

Schriftstellers Alexej Tolstoi über Zar Iwan „den Gestrengen“, wie man Iwan „den Schrecklichen“ in Russland nennt, notierte er am Rand: „Lehrer“. Bei der Feier zum 20. Jahrestag der Revolution im November 1937 verblüffte Stalin leitende Genossen durch seine neue Sicht der Geschichte: Die Zaren, so Stalin, hätten zwar „viel Schlechtes getan“, aber auch „eine große Sache vorzuweisen: Sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert“. Zar Iwans blutiger Kampf gegen die Oberschicht der Bojaren inspirierte Moskaus mächtigsten Mann bei seinen Schlägen gegen die Parteielite. Im Kampf gegen die Hitler-Truppen mobilisierte Stalin Millionen Nichtkommunisten mit traditionellem russischen Patriotismus. In einer Rede auf dem Roten Platz vor Soldaten im November 1941 verkündete er, der Feind vor den Toren Moskaus sei „nicht so stark, wie ihn einige allzu erschreckte Intelligenzlerchen darstellen“. In dieser Rede rühmte er auch den zaristischen Generalissimus Alexander Suworow sowie Michail Kutusow, den Sieger über Napoleon. Die Porträts beider Heerführer ließ Stalin neben dem Lenins in seinem Arbeitszimmer anbringen. Seine Soldaten stürmten in den Kampf mit dem Ruf: „Für Stalin! Für die Heimat!“ Der ehemalige Seminarschüler erkannte auch das Potenzial der vielen Millionen russisch-orthodoxen Christen. Jahrelang hatte das Sowjetregime die Kirche brutal unterdrückt, auch mithilfe einer „Gottlosenbewegung“, die gewaltsam Kirchen in Kuhställe verwandelte. Doch wenige Monate nach Kriegsbeginn 1941 ging dem Kampfblatt der Gottlosen wie durch einen Wink des Kremlherrn das Papier aus. Im September 1943 empfing Stalin im Kreml die drei Metropoliten Sergej, Alexej und Nikolai. Stalin lobte die „patriotische Tätigkeit der Kirche“, die Geld für Panzer gesammelt hatte. Der Sowjetmachthaber gestattete ihr die Wahl eines Patriarchen und die Herausgabe einer Zeitschrift des Moskauer Patriarchats. Das politische Risiko war gering. Denn Stalin ließ die Kirche von einem staatlichen Rat beaufsichtigen, dessen Leiter zugleich der Chef der Kirchenabteilung des sowjetischen Geheimdienstes war. Dass ihm die Wende in der Kirchenpolitik mental nicht schwerfiel, schilderte Stalins Pflegesohn in einem Interview. Stalin habe zu Hause zwar keine religiösen Feiertage begangen, so Artjom Sergejew, aber „niemals schlecht über die Religion gesprochen“. Redewendungen wie „Gott sei Dank“ und „Behüte Gott“, so Sergejew, gehörten zu Stalins ständigem Wortschatz.

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Die neue Kirchenpolitik machte den „Woschd“, den Führer, wie Stalin sich auch nennen ließ, noch populärer. Orthodoxe Religion und der Glaube an Stalin wurden zu Säulen einer paternalistischen Gemeinschaft. Der rote Führer, analysiert der US-amerikanische Historiker David Brandenberger, habe durch einen „nationalen Bolschewismus“ als „modus vivendi“ dem Volk ein „modernes Gefühl von russischer nationaler Identität“ vermittelt.

So sahen ihn seine Kinder oft auf den Datschen bei Moskau und an der kaukasischen Schwarzmeerküste. Stalin las viel und gründlich, Zeitschriften, Geheimdokumente und klassische Literatur.

Dazu passte auch, dass Stalin als Generalissimus

nach dem Sieg über Hitler auf einem Empfang im Kreml am 24. Mai 1945 „auf das Wohl des russischen Volkes“ anstieß. Es sei „die führende Kraft der Sowjetunion“. Den Nichtrussen im Sowjetreich präsentierte die Propaganda Stalin als „Vater aller Völker“. Einen nationalbolschewistischen Akzent setzte Stalin auch bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, auf dem KPdSU-Parteitag am 14. Oktober 1952. Mit Blick auf den Einfluss der USA in Westeuropa behauptete er: „Jetzt verkauft die Bourgeoisie die Rechte und die Unabhängigkeit der Nation für Dollars.“ Stalin rief die Kommunisten auf, „Patrioten ihres Landes“ zu sein und „führende Kraft der Nation“ zu werden. Fiel schon der Umschwung ins Nationale manchen Kommunisten schwer, erschreckte Stalin Ende 1952 selbst treue Gefolgsleute. Er hatte den Verdacht, jüdische Ärzte wollten ihn und andere SPIEGEL GESCHICHTE

VIDEO: Josef Stalins Strafjustiz

spiegel.de/ sg062016stalin oder in der App DER SPIEGEL

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sowjetische Führungsmitglieder umbringen. Schon seit Ende der Vierzigerjahre hatte er in einer Kampagne gegen „wurzellose Kosmopoliten“ antisemitische Klischees bedient. Er war erbost über Sympathien sowjetischer Juden für Israel. Ende 1952 ließ Stalin mehrere Kremlärzte verhaften und foltern. Am 13. Januar 1953 veröffentlichte das Parteiblatt „Prawda“ einen Artikel, den Stalin handschriftlich redigiert hatte. Darin behauptete er, die verhafteten Ärzte seien „vom amerikanischen Geheimdienst gekauft“ gewesen und hätten einer „zionistischen Spionageorganisation“ angehört. Sowjetische Juden fürchteten eine Verfolgungswelle. Doch dazu kam es nicht. Denn am 5. März 1953 starb Stalin auf seiner Datscha in Kunzewo an den Folgen eines Schlaganfalls. Wache an seinem Sarg, aufgebahrt im Kolonnensaal nahe des Kreml, hielt auch Metropolit Nikolai. Der Geistliche hatte den roten Terror selbst erlitten. Er war 1923 im Moskauer Butyrka-Gefängnis inhaftiert gewesen. Die Anwesenheit des Kirchenmannes wies weit über den Tag hinaus. Ein halbes Menschenalter nach der Revolution hatte der frühere Seminarschüler Stalin imperiale Traditionen des russischen Reiches wiederbelebt. Ein weiteres halbes Menschenalter später würde sich das sowjetische System auflösen. Russland kehrte allmählich zurück in die traditionelle Bahn seiner Staatlichkeit, die geistig eng verbunden ist mit der Russisch-Orthodoxen Kirche. ■

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Leben im Führerstaat Kollektivierung

In den Jahren 1932/33 starben in der Sowjetunion mehrere Millionen Menschen an Unterernährung. Hauptsächliche Ursache der Katastrophe war Stalins gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft.

Herrschaft des Hungers Von Felix Bohr

I

m Herbst 1932 besucht Arthur Koestler die ukrainische Stadt Charkiw. Sie gleicht einem Totenhaus. Am Hotel des österreichischungarischen Autors ziehen täglich Leichenprozessionen vorbei. Und auch der Anblick der Lebenden schnürt Koestler die Kehle zu: Klapperdürre Kinder mit geschwollenen Hungerbäuchen betteln um Brot; Frauen stillen unterernährte Säuglinge, deren Lippen von Fliegen bedeckt sind. Und auf dem Basar der Stadt tauschen barfüßige Greise ihre abgewetzten Stiefel gegen Schwarzbrot. „Das Volk auf der Straße“, sagt Koestler zu einem Freund, „hat seit drei Monaten nichts zu fressen bekommen – und

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Vermeintlich freiwillig schlossen sich die Bauern ab 1929 in Kolchosen zusammen. Doch die Blicke der einstimmig Votierenden sind frei von jeder Begeisterung.

deshalb sterben die Leute wie die Fliegen“. Auch im knapp 500 Kilometer entfernten Kiew ist das Elend allgegenwärtig. Hier entdeckt der deutsche Konsul Andor Hencke „apathische, ausgezehrte, elende Menschen“, wie er notiert. In der Stadt gibt es kaum noch Lebensmittel. Eines Morgens findet Hencke zwei Hungertote im Nachbargarten des Konsulats. In den Jahren 1932/33 starben in der Sowjetunion Menschen in ungeheurer Zahl an Unterernährung; nach sorgfälti-

gen Schätzungen waren es bis zu sieben Millionen. Damals leugnete das totalitäre Regime in Moskau die verheerende Hungersnot beharrlich. Heute gilt sie als eine der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Ukraine, eine der Kornkammern der Sowjetunion, traf es mit etwa 3,5 Millionen Opfern besonders schwer. Wie kam es zu dem Massensterben? Der Grund war ein radikaler Politikwechsel der sowjetischen Führung. Im Zuge von Revolution und Bürgerkrieg hatten sich die Bolschewiki die Gunst der Bauernschaft erkauft, indem sie ihr einen jahrhundertealten Traum erfüllten: privaten Grundbesitz. Doch Ende der Zwan-

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zigerjahre brach Diktator Josef Stalin mit der teils marktwirtschaftlich organisierten Agrarpolitik und setzte auf eine autoritäre Planwirtschaft. Das Ziel des allmächtigen Herrschers: die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft. Ein Ausgangspunkt für die plötzliche Kehrtwende war die 1927 getroffene Entscheidung der kommunistischen Partei, die Sowjetunion im Hauruckverfahren zu industrialisieren. Seinerzeit war das Land wirtschaftlich marode, technisch rückständig und außenpolitisch isoliert. Nur ein „großer Umbruch“, so Stalin, könne die Krise beenden und den Aufbau eines autarken Sozialismus sichern. Das Kapital für den Bau gigantischer Stahlwerke, Staudämme und Traktorenfabriken sollte vor allem aus Agrarexporten gewonnen werden. Aber die sowjetische Landwirtschaft war auf die überstürzten Pläne Moskaus nicht vorbereitet. Der Besitz der privaten Kleinbauern zergliederte sich in Zehntausende Parzellen. Stalin spottete, solche ineffizienten „Zwergwirtschaften“ böten nicht einmal genug Raum, „um ein Huhn auslaufen lassen zu können“. Wohlhabende sowjetische Landwirte, darunter die großbäuerlichen „Kulaken“, bevorzugten es, ihr Getreide gewinnbringend an private Kleinhändler zu verkaufen. Ihre Ware zu den staatlich festgesetzten Niedrigpreisen abzugeben, kam ihnen freiwillig nicht in den Sinn. Mitunter horteten sie Teile der Ernte monatelang, um einen besseren Ertrag zu erzielen. Die sowjetische Führung wollte die Marktanarchie schnell beenden. Doch dafür fehlte ihr der politische Zugriff auf die Landbevölkerung. Die Macht der Bolschewiki lag traditionell in den Städten. In ländlichen Regionen, wo rund 80 Prozent der Sowjetbürger lebten, besaßen sie nur wenig Einfluss. Im Schnitt war für je 30 Dörfer nur eine Parteizelle zugegen, in der immer häufiger wohlhabende ortsansässige Bauern den Ton angaben. Als die agrarischen Missstände im Winter 1927/28 in eine folgenreiche Getreidekrise mündeten, war für Stalin die Zeit zum Handeln gekommen. Trotz guter Ernteergebnisse waren die staatlichen Ankäufe weit hinter den Erwartungen der sowjetischen Führung zurückgeblieben. Der stagnierende Getreideexport gefährdete die Finanzierung des ambitionierten Wirtschaftsprogramms.

Als Folge der überstürzten Zwangskollektivierungen hungerten auch Kinder, hier in der Ukraine.

Die sowjetische Führung entschied sich zum Angriff auf die Bauernschaft. Im Januar 1928 behauptete Stalin, die Kulaken hätten gewaltige Getreidereserven gehortet, und er verfügte „außerordentliche Maßnahmen“. Tausende städtische Parteifunktionäre fuhren durch die Dörfer und stellten die Bauern vor die Wahl: Entweder sie verkauften ihre Ernte zu Spottpreisen an den Staat – oder ihnen drohte eine Anklage wegen Spekulation und der Arbeitseinsatz in Sibirien. Trotz der staatlichen Zwangsmaßnahmen spitzte sich die Agrarkrise immer weiter zu. Und die sowjetische Führung ergriff die Flucht nach vorn. Im November 1929 beschloss das Moskauer Zentralkomitee die „vollständige Kollektivierung“ der sowjetischen Landwirtschaft

in einem „wirklich rasanten“ Tempo. Das Regime entsandte 25 000 Arbeiter auf das Land, um die Verstaatlichung zu überwachen. Lokale Parteikader legten durchschnittlich rund 15 Höfe zu einer Kollektivwirtschaft mit 80 Hektar zusammen. Sie zogen massenweise Nutzvieh ein, darunter Milchkühe, Geflügel und sogar Küken. Viele Bauern töteten eilig ihre Tiere und verkauften das Fleisch, bevor sie in die Kolchose eintreten mussten. Innerhalb eines Jahres wurden 7,6 Millionen Rinder geschlachtet. Das Regime zeigte sich davon unbeeindruckt. Allein im Februar 1930 zwang es sieben Millionen Höfe in die Kollektivwirtschaft. Einen Monat später waren auf dem Papier bereits 57 Prozent der sowjetischen Landwirtschaft kollektiviert. Formell galten die Bauern fortan als Mitglieder in einer genossenschaftlich organisierten Kolchose und wirtschafteten in Eigenverantwortung. In der Praxis arbeiteten sie als Knechte ohne Mitspracherecht in einem staatsabhängigen Großbetrieb. Zunehmend prägten Unzufriedenheit, Chaos und Gewalt den Alltag auf dem Land. Bauern setzten staatliche Scheunen in Brand oder attackierten Parteivertreter. Weil die Lage für die sowjetische Führung immer bedrohlicher wurde, mahnte Stalin am 2. März 1930 im KPOrgan „Prawda“ zur Ruhe. Es seien „einige unserer Genossen durch Erfolge von Schwindel befallen“, verkündete er. Scheinbar moderat plädierte er für den „Grundsatz der Freiwilligkeit“ bei der

Mit Propagandafotos wollte die Sowjetunion die Kollektivierung als erfolgreich darstellen, hier 1933 in der Ukraine.

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Leben im Führerstaat Kollektivierung

Trupps von Arbeitermilizen aus den Städten beschlagnahmten verstecktes Getreide bei Bauern, hier 1930 im südrussischen Stawropol.

Kolchosgründung. In väterlicher Manier Herbst 1931 vertrieben seine gewaltmahnte er zur „Nüchternheit des Blicks“ erprobten Handlanger insgesamt etwa und zum „Gefühl für das richtige Maß“. sechs Millionen Menschen. NeuerfundeDamit schob er die Schuld für die Ge- ne Fantasiebegriffe wie „Halbkulak“ und waltexzesse örtlichen Hitzköpfen zu. „Unterkulak“ dienten dazu, den staatHinter den Kulissen hatte der Diktator lichen Raubzug auf nahezu alle Bauern längst ein tausendfaches Todesurteil ge- mit Landbesitz auszudehnen. Die sowfällt: die „Liquidierung des Kulakentums jetische Führung konfiszierte Hundertals Klasse“. Die sowjetische Führung tausende Höfe und überführte sie in die enteignete sogleich zahllose Bauern, die Kolchosen. wegen ihres Besitzes als „SaStalins mörderische Maßboteure der Landwirtschaft“ nahmen zeigten Wirkung. Die Nach der oder „konterrevolutionäre Akpolitische Macht der Bauerntivisten“ galten. Schergen des Ernte im schaft war endgültig elimiRegimes stürmten nachts ohne Herbst 1932 niert. Doch in ökonomischer Vorwarnung die Gehöfte und Hinsicht war die Kollektivieerfasste die zerrten die Opfer und ihre Farung ein Fiasko. Zwar traten Hungersnot milien aus den Betten. die verängstigten Bauern nun Hunderttausende Männer, die gesamte massenweise in die rund Frauen, Kinder und Greise 000 Staatsbetriebe ein. Sowjetunion. 211 wurden in ungeheizte GüterAber im Chaos des Kampfes waggons gepfercht und nach waren vielerorten Nutzvieh, Sibirien deportiert. Dort mussten sie in Stallungen und Inventar vernichtet worden Lagern der Eiswüste Zwangsarbeit den; es mangelte an Gerätschaften und verrichten oder erhielten auf freiem Maschinen. Oft mussten GenossenschaftFeld zynisch das „Recht, sich zu Kolcho- ler die riesigen Felder ohne Traktoren sen zusammenzuschließen“. Andere bewirtschaften. Landbewohner flohen vor dem staatliAuch deshalb geriet die Ernte vom chen Massenterror in die Städte. Hun- Herbst 1931 zum Desaster. Nach wirtderte Bauern leisteten vor Ort gewaltsa- schaftlicher Logik hätte die sowjetische men Widerstand gegen das Regime. Zwi- Führung umgehend die Getreideexporte schen 1929 und 1930 starben auf dem einschränken müssen. Stattdessen erhöhLand 1100 Funktionäre bei 22 887 Über- te sie die Beschaffungsquoten. Stalin hatgriffen. te inzwischen seine Forderung nach beStalin setzte seinen Krieg gegen das schleunigter Industrialisierung bekräftigt. Dorf ununterbrochen fort. Bis zum Die Sowjetunion, verkündete er, solle in

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zehn Jahren nachholen, wozu Westeuropa fünfzig bis hundert Jahre gebraucht habe. Die Folge: Allein die Ukraine musste 43 Prozent der Getreideernte für den Export abgeben. Das große Hungern begann. Schon im Frühjahr 1932 registrierte die sowjetische Führung im Donbass „vereinzelte Brennpunkte mit Versorgungsschwierigkeiten“. Als die Ernte im Herbst 1932 erneut missglückte, erfasste die Hungersnot die gesamte Sowjetunion. Die Menschen ernährten sich von schimmligem Brot oder Wassersuppe; andere aßen Blätter und Borke von den Bäumen. In ukrainischen Dörfern gab es Fälle von Kannibalismus. Viele Bauern flohen vor dem Hunger in die Städte, bis das Regime den Zuzug verbot. Stalin war durch seinen Geheimdienst über das Ausmaß der Katastrophe informiert. Aber er setzte wohl ganz bewusst auf eine Herrschaft des Hungers, um auch den letzten Widerstand zu brechen. Die sowjetische Führung zog weiterhin den Großteil der Ernte ein, notfalls mit Waffengewalt. Wer Getreide stahl, musste als „Kulakendiener��� mit drakonischen Strafen rechnen. Allein im November 1932 verurteilten mobile Gerichte 700 Menschen zum Tode, wegen „Sabotage des Requirierungsplans“. Dem kommunistischen Regime gelang es, die hungernden Massen vor dem Ausland weitgehend zu verbergen. Manche westliche Besucher ließen sich von Moskaus Propagandamaschine blenden. Für den britischen Dramatiker George Bernhard Shaw etwa, der die Sowjetunion 1932 bereiste, deckte man eigens potjomkinsche Speisetafeln ein. Die Gerüchte über eine Hungersnot seien Unsinn, sagte er später: „Niemals habe ich so gut gegessen wie in der Sowjetunion.“ Arthur Koestler kam zu einem anderen Urteil. Er bezweifle, dass es jemals zuvor eine „Hungerkatastrophe größeren Ausmaßes gegeben“ habe, notierte er während seines Aufenthalts in Charkiw. Koestler war als Mitglied der KPD in die Sowjetunion gekommen, um ein Buch über die Erfolge der kommunistischen Partei zu schreiben. Zu Weltruhm gelangte der Sohn eines jüdischen Industriellen wenige Jahre später mit seinem Roman „Sonnenfinsternis“. Es war eine Abrech■ nung mit dem Stalinismus.

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„Stalins Name ist auf allen Lippen“ Nach einer Reise durch die Sowjetunion beschrieb André Gide 1 9 3 6 d e n a l l g e g e n w ä r t i g e n S t a a t s t e r r o r. In seinem Reisebericht schilderte der französische Schriftsteller André Gide (1869 bis 1951), Sympathisant der Oktoberrevolution, 1936 seine Enttäuschung über das Land der Stalin-Zeit. Gide hatte sich zuvor für die von Moskau unterstützte Kommunistische Partei Frankreichs engagiert. Sein Buch war auch eine Auseinandersetzung mit anderen westlichen Intellektuellen, die das sowjetische System weiterhin unterstützten (Auszüge): n der Sowjetunion ist es von vornherein und ein für alle Mal ausgemacht, dass nur eine einzige Meinung existieren kann über sämtliche Dinge der Welt. Übrigens hat man die Denkungsart der Leute so geformt, dass dieser Konformismus ihnen leicht, natürlich, unmerklich geworden ist, und ich glaube nicht, dass irgendwelche Heuchelei dabei infrage kommt. Sind es wirklich d i e s e Menschen, die die Revolution gemacht haben? Nein; es sind die, denen der Gewinn zufällt. Jeden Morgen unterweist sie die P r a w d a, was sie schicklicherweise denken, glauben müssen. Und es tut nicht gut, davon abzugehen! Dergestalt, dass jedes Gespräch mit einem Russen den Eindruck erweckt, als spräche man mit a l l e n Russen. Ich habe erkennen müssen, dass die S e l b s t k r i t i k nichts anderes ist als ein Diskutieren darüber, ob dieses oder jenes „in der Linie“ sei oder nicht. Nicht sie, die Linie, bildet den Gegenstand der Kritik; debattiert wird einzig darüber, ob irgendeine Schrift, Betätigung oder Theorie sich im Einklang befindet mit dieser heiligen Linie. Und wehe dem, der die Redeübung darüber hinaus treiben möchte! Und nichts gefährdet die Kultur so sehr wie eine solche Geistesverfassung.

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In der UdSSR gibt es keine Klassen mehr: Das ist eine ausgemachte Sache. Aber es gibt Arme. Es gibt deren zu viel; viel zu viel. Was man heute wünscht, ist: Mitmachen, Konformismus. Was man will und fordert, ist: eine Zustimmung zu allem, was in der UdSSR geschieht. Was man zu erreichen sucht, ist: dass diese Zustimmung keine resignierte sei, sondern eine aufrichtige, sogar enthusiastische. Das Erstaunlichste ist, dass man dies wirklich zustande bringt. Andererseits ist der geringste Protest, die geringste Kritik mit den schwersten Strafen bedroht und wird übrigens sofort erstickt. Und ich bezweifle, dass irgendwo in der Gegenwart, und wäre es in Hitler-Deutschland, der Geist weniger frei, mehr gebeugt sei, mehr verängstigt (terrorisiert), in tiefere Abhängigkeit geraten. Stalins Bild findet sich überall, sein Name ist auf allen Lippen, sein Lob kehrt unfehlbar wieder in allen Reden. Dass Stalin immer recht habe, besagt: dass Stalin alles recht m a c h t. D i k t a t u r d e s P r o l e t a r i a t s hatte man uns versprochen. Wir sind weit vom Ziel. Ja: Diktatur zweifellos, aber die eines Mannes, nicht mehr die der vereinigten Proletarier, der Sowjets. Es kommt darauf an, sich nichts vorzumachen, sondern klar zu erkennen: Das ist nicht das, was man gewollt hat. Noch ein Schritt weiter, und wir müssen sagen: Das ist genau das, was man nicht gewollt hat. Die Opposition in einem Staat unterdrücken oder sie auch nur am Sichtbar- und Hörbarwerden verhindern – das ist etwas ungemein Bedenkliches: Aufforderung zum I Terrorismus.

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Leben im Führerstaat Gulag

Terror gegen tatsächliche oder vermeintliche Feinde gehörte von Anfang an zur Revolution. Ein riesiges Netz von Arbeitslagern überzog bald das ganze Land.

Nackt im Glockenturm Von Norbert F. Pötzl

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olowezki war einmal ein idyllischer Ort und ist es nun wieder. Die Gruppe von sechs größeren und einigen kleineren Inseln im Weißen Meer, 530 Kilometer nördlich von St. Petersburg, liegt vom Herbst bis zum Frühjahr viele Stunden täglich im Dämmerlicht. Dafür leuchtet im Sommer die Sonne fast ununterbrochen, die Polarwiesen blühen auf, Belugawale springen über die Wasseroberfläche, Seehunde sonnen sich an den Gestaden. Auf der Hauptinsel erhebt sich eine mächtige Klosteranlage mit einem Wald aus Zwiebeltürmen, umgeben von sechs Meter dicken und zehn Meter hohen Mauern. Das im 15. Jahrhundert erbaute Ensemble wurde fast ein halbes Jahrtausend von Mönchen bewohnt, bis sie 1922 von den Bolschewiki vertrieben wurden. Seit 1992 steht der Solowezker Kreml als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco. Ein paar Mönche leben wieder im Kloster, Pilger und wenige Touristen reisen von weither an. In den Jahrzehnten dazwischen aber war Solowezki ein Ort des Schreckens – einer von vielen in der Sowjet-Ära und doch ein besonderer: Hier lag „die Geburtsstätte des Gulag“, wie der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel sagt, „seine Experimental- und Embryonalphase gewissermaßen“. Der Massenterror gegen tatsächliche oder vermeintliche Feinde begann bald nach der bolschewistischen Oktoberrevolution. Schon im August 1918 forderte Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin: „Sperrt die unzuverlässigen Elemente in Konzentrationslager.“ Geeignete

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Scheinbar endlos waren die Tage für die Lagerhäftlinge. Hier hat ein Gefangener jeden Tag ausgestrichen.

Camps waren gerade frei geworden: Nach dem Frieden von Brest-Litowsk im März 1918, mit dem Russland aus dem Ersten Weltkrieg ausgeschieden war, hatte die Regierung die weitaus meisten der mehr als zwei Millionen Kriegsgefangenen entlassen. Die frei gewordenen Lager wurden sofort der Geheimpolizei Tscheka unterstellt. Aber das waren nur Provisorien. 1922 übergab die Sowjetregierung der Tscheka-Nachfolgerin GPU den SolowezkiArchipel zur Internierung von Gefangenen. Am 1. Juli 1923 wurden hier die ersten 150 politischen Häftlinge eingeliefert. Zwei Jahre später war die Zahl der Gefangenen bereits auf 6000 gestiegen.

Neben Gegnern der neuen Ordnung, Monarchisten ebenso wie Mitgliedern sozialistischer Parteien, die sich nicht Lenin angeschlossen hatten, wurden auch gewöhnliche Kriminelle auf das frostige Eiland deportiert. Tscheka-Chef Felix Dserschinski pries Arbeitslager als Instrument zur ideologischen Umerziehung der Bourgeoisie. Über dem Haupteingangstor des Solowezker Klosters wurde eine Inschrift angebracht: „Lasst uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben.“ Die Gefangenen waren, wie die amerikanische Gulag-Chronistin Anne Applebaum recherchierte, „einem Sadismus und sinnlosen Folterungen ausgesetzt, wie sie im Gulag später nur noch selten vorkamen“. Eine Moskauer Untersuchungskommission beschrieb Ende der Zwanzigerjahre den Lageralltag: Gefangene mussten unbekleidet bei klirrender Winterkälte in Glockentürmen stehen oder bis zu 16 Stunden lang bewegungslos auf Pfählen sitzen, wobei Stürze tödlich sein konnten; sie wurden nackt im Sommer den Stechmücken und im Winter dem Frost ausgesetzt, oder man gab ihnen absichtlich verdorbenes Fleisch zu essen und verweigerte ihnen medizinische Behandlung. Der Dichter Maxim Gorki besuchte Solowezki im Juni 1929. Über das aus diesem Anlass herausgeputzte Lager veröffentliche Gorki einen hymnischen Bericht. Es handle sich um ein „großartiges Experiment“ der „Umerziehung krimineller, asozialer Charaktere zu nützlichen Sowjetbürgern“. Lenins Nachfolger Josef Stalin verfolgte mit den Lagern ein doppeltes Ziel: Gegner aus dem Weg zu räumen und zugleich Arbeitssklaven zu gewinnen, die ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit verheizt werden konnten. Der 1929 beschlossene Fünfjahresplan sah eine jährliche Steigerung der Industrieproduktion um 20 Prozent vor. Um den Plan zu erfüllen, wurden riesige Mengen Kohle, Gas, Öl und Holz benötigt. Diese Naturschätze gab es reichlich in Sibirien, Kasachstan und im hohen Norden. Außerdem brauchte das Land Gold, um im Ausland moderne Maschinen kaufen zu können. Geologen hatten Goldvorkommen kurz zuvor an der Kolyma im fernen Nordosten Sibiriens entdeckt. Freiwillig mochten kaum Arbeitskräfte in diese unwirtlichen Regionen gehen. Genrich Jagoda, Chef der Geheim-

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In den Gefängnissen wurde Propaganda zum Zynismus: „Die Sowjetmacht straft nicht, sie korrigiert“ lautet die Parole in einer Lagerzelle; ein Lager mit Wachturm im Norden der Sowjetunion.

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Leben im Führerstaat Gulag

polizei GPU, schlug deshalb vor, „zehntausend Gefangene aus Haftanstalten in der Russischen Republik zu verlegen, damit ihre Arbeitskraft besser organisiert und eingesetzt werden kann“. Für den Bau neuer Gefängnisse sei ohnehin kein Geld da. So aber könne man „die Ressourcen des Nordens erschließen“, befand Jagoda. „Die Erfahrungen von Solowezki zeigen, was in dieser Hinsicht möglich ist.“ So wurde die Weißmeerinsel zum Aus-

gangspunkt eines riesigen Netzes von Zwangsarbeitslagern, das die Sowjetunion schließlich von der finnischen Grenze bis zum fernen Osten Sibiriens überzog. Über die Jahre entstanden mindestens 476 Lagerkomplexe mit Tausenden von Einzellagern, in denen jeweils einige Hundert bis zu mehrere Tausend Menschen lebten. Seit 1929, als der Gulag expandierte, bis zu Stalins Tod 1953 wurden etwa 18 Millionen Menschen als Arbeitssklaven ausgebeutet. Das Wort Gulag ist die russische Abkürzung für „Hauptverwaltung Lager“. Der ökonomische Nutzen der Fron war oft fragwürdig. Ein besonders krasses Beispiel, wie Stalin in seinem Größenwahn über Leichen ging, war der Weißmeerkanal. Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn hat berichtet, wie es zum Bau dieses Schifffahrtsweges kam. 1930 habe Stalin, vor einer Landkarte Nordrusslands stehend, „mit seinem Pfeifenmundstück quer übers Zentrum dieses Landstrichs, wo dazumal der Großteil der Lager versammelt war, eine gerade Linie von Meer zu Meer“ gezogen, von der Ostsee bei Leningrad bis zum Weißen Meer. Ein Kanal, der die dazwischenliegende Seenkette verbindet, würde den bisherigen Umweg um Skandinavien herum um 4000 Kilometer abkürzen. Dafür musste der künstliche Wasserweg 227 Kilometer Felsboden und Sümpfe überbrücken, 19 Schleusen waren zu bauen – und das, nach Stalins Vorgabe, binnen 20 Monaten. Etwa 170 000 Häftlinge gruben mit primitiven Werkzeugen, die sie selbst gefertigt hatten, das Kanalbett und

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errichteten die Schleusen. Geschätzte 25 000 Häftlinge, nach manchen Quellen sogar 50 000, sollen bei diesem Kanalbau umgekommen sein. Doch ökonomisch sinnvoll war das Projekt nicht: Für Hochseeschiffe reichte die geringe Tiefe von drei Metern nicht aus, sodass Frachten in Leningrad und Belomorsk auf Schuten umgeladen werden mussten. Wieder half jedoch Maxim Gorki, das Werk propagandistisch zu feiern. Nach einer Dampferfahrt im August 1933 auf dem soeben fertiggestellten Kanal schrieb er Vor- und Nachwort für ein Buch mit „fast religiös wirkenden Geschichten von Häftlingen, die durch die Arbeit am Kanal zu neuen Menschen wurden“, so die Historikerin Applebaum. Solschenizyn bezeichnete Gorkis Buch als ein „schändliches Werk, in dem zum ersten Mal in der russischen Literatur der Sklavenarbeit Ruhm gesungen wurde“. Die „Mehrheit der darin verherrlichten und Gefangene wurden mit der Aussicht auf vorfristige Entlassung zur Arbeit angetrieben. Plakat für Zwangsarbeiter: „Durch heiße Arbeit verringert sich deine Straffrist.“

abgebildeten Funktionäre“ wurde indes, wie der Nobelpreisträger über die „seltsame Schicksalsfügung“ spottete, „nach zwei, drei Jahren als Feinde des Volkes entlarvt“. Deshalb wurde die Gesamtauflage kurzerhand eingestampft. Denn nach dem Mord an dem Leningrader Parteisekretär Sergej Kirow im Dezember 1934 löste Stalin eine blutige Säuberungskampagne aus, die zuerst die Parteihierarchie, dann die ganze Gesellschaft erfasste. GPU-Chef Jagoda, der führend für das Lagersystem verantwortlich war, wurde 1938 erschossen. Viele der Lagerkommandanten, die Jagoda ausgewählt und gefördert hatte, erlitten dasselbe Schicksal. Der Gulag verschlang seine Gründer. Das Lagersystem aber dehnte sich weiter aus, und die Zahl der Gefangenen stieg im folgenden Jahrzehnt noch. Den höchsten Stand erreichte sie 1952, im Jahr vor Stalins Tod. Die politischen Gefangenen stellten Applebaums Studien zufolge jedoch selbst in den schlimmsten Terrorjahren 1937 und 1938 nur zwischen 12 und 18 Prozent der Insassen. Während des Krieges wuchs ihr Anteil auf 30 bis 40 Prozent und stieg 1946 auf fast 60 Prozent an, da die Kriminellen, zu denen auch sogenannte Arbeitsbummelanten zählten, weitgehend unter die nach dem Sieg über NaziDeutschland verkündete Amnestie fielen. Dann füllten sich die Lager wieder, und bis zu Stalins Tod pendelte der Anteil der Politischen zwischen einem Viertel und einem Drittel. Zu den Opfern der stalinschen Säuberungen zählte auch Jewgenija Ginsburg. Als 30-Jährige wurde die Dozentin für Geschichte an der Universität Kasan im Februar 1937 verhaftet und wegen „Terrorismus“ verurteilt; nach zweijähriger Inhaftierung im Moskauer Butyrka-Gefängnis wurde sie nach Sibirien deportiert und erst 1955 rehabilitiert. In ihrem Buch „Marschroute eines Lebens“, 1967 erstmals in Italien veröffentlicht, schilderte Ginsburg ihren Leidensweg. „Im Steinbruch erfuhr ich am eigenen Leib, was Zwangsarbeit ist. Es war Juli. Erbarmungslos trafen uns die

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ultravioletten Strahlen der fernöstlichen Sonne. Noch aus der Ferne ging von dem Gestein eine höllische Glut aus. Es kam hinzu, dass wir über zwei Jahre lang nicht einen einzigen Sonnenstrahl gesehen hatten und nach der Zeit in den Einzelzellen körperliche Arbeit nicht mehr gewohnt waren. Wir litten an Skorbut und Pellagra. Und ausgerechnet wir mussten Erd- und Steinbrucharbeiten leisten, die selbst von Männern große Kraft und Widerstandsfähigkeit verlangten.“ Im Gulag, schreibt Applebaum, „konnte man um sein Leben singen, tanzen oder spielen“. Schon 1923 hatten in Solowezki einige Gefangene das erste Lagertheater gegründet. Ein Jahr später kamen als Konterrevolutionäre verurteilte Schauspieler, die Tschechows „Onkel Wanja“ und Gorkis „Kinder der Sonne“ gaben, Opern und Operetten wurden aufgeführt, Akrobaten und Clowns traten auf. Die Künstler mussten zumindest während der Proben nicht im Wald oder in den Steinbrüchen schuften, oft bekamen sie besseres Essen, und selbst wer keine Sonderbedingungen herausschlagen konnte, empfand die Aufführungen als moralische Stütze, die beim Überleben half. Dies machte sich auch die in fast allen Lagern eingerichtete Propagandaabteilung „Kultur und Erziehung“ zunutze. Ihr ging es darum, die Stimmung der Gefangenen zu heben, um bessere Produktionsergebnisse zu erzielen. So spielte in einem Lager eine aus Berufsmusikern und Laien bestehende Kapelle jeden Morgen Militärmärsche, damit die Häftlinge „stark und glücklich“ zu ihrem Tagwerk ausrückten, wie einer von ihnen berichtete: „Wenn das Ende der Kolonne das Tor passiert hatte, setzten die Musiker ihre Instrumente ab, reihten sich ein und zogen mit allen anderen in den Wald.“ In Stalins Lagern saßen auch Zehntau-

sende Deutsche. Für viele Kommunisten, die auf der Flucht vor den Nazis in die Sowjetunion emigriert waren, erwies sich das rettende Exil als Falle. Die in Magdeburg geborene Schriftstellerin und Historikerin Trude Richter, die 1934 nach Moskau emigriert war, wurde 1937 wegen „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ zu Lagerhaft verurteilt, die sie in Kolyma verbüßte. 1946 aus der Haft entlassen, kam sie drei Jahre später erneut nach Sibirien. 1956 konnte sie in die DDR ausreisen. Sie blieb bis zu ihrem Lebensende 1989 über-

Enge und Dunkelheit prägten den Alltag der Lagerinsassen. Das zeigt der Blick aus einer Lagerzelle in Kortkeros in der nordrussischen Teilrepublik Komi.

zeugte Kommunistin. Ihre Erinnerungen an die Lagerhaft durfte sie zwar Schriftstellerkollegen erzählen, aber nicht publizieren, ihr Lebensbericht „Totgesagt“ erschien erst posthum 1990 in der DDR. Der Kommunist Wolfgang Ruge, später einer der bekanntesten Historiker der DDR, wurde 1941, nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, nach Kasachstan deportiert und ein Jahr später in ein Straflager im Nordural geschickt. Auch er durfte erst 1956 heimkehren. Sein Sohn Eugen Ruge verarbeitete das Schicksal seines Vaters in dem preisgekrönten Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Der Emigrant Lorenz Lochthofen, der in Moskau als Redakteur arbeitete, wurde 1937 zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Tatsächlich verbrachte er 20 Jahre im Gulag und in der Verbannung, ehe auch ihm die Ausreise in die DDR gestattet wurde. Als einziger ehemaliger Insasse eines sowjetischen Lagers war Lochthofen von 1963 bis 1967 Mitglied des SED-Zentralkomitees. Sein in Russland geborener Sohn Sergej, nach dem Untergang der DDR Chefredakteur der „Thüringischen Allgemeinen“, veröffentlichte ein Buch über das Leben seines Vaters unter dem Titel „Schwarzes Eis“. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg

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wurden Deutsche in sowjetische Lager deportiert, zum Beispiel ehemalige Sozialdemokraten in der DDR wie Peter Bordihn. Der Ostberliner, damals 20 Jahre alt, hatte von sowjetischen Offizieren, deren Fahrer er war, Einzelheiten über den stalinistischen Machtapparat und den Gulag erfahren; diese Informationen hatte er weitererzählt. Deshalb wurde er 1948 als „Saboteur“ verurteilt und nach Workuta gebracht. Erst 1953 kehrte er zurück. Bisweilen rebellierten Häftlinge in den Lagern, vor allem als sich viele von ihnen nach dem Tod Stalins Erleichterungen versprachen. Am bekanntesten wurden drei große Streiks: 1953 in Norilsk und Workuta im Polargebiet sowie 1954 im kasachischen Kengir. Alle drei Revolten wurden blutig niedergeschlagen. Allerdings stellten auch Stalins Erben selbst fest, dass das System die Rückständigkeit der sowjetischen Wirtschaft konserviert hatte. Schon wenige Tage nach Stalins Tod begann die Demontage des Gulagsystems. Die Streiks beschleunigten den Prozess, doch ganz verschwanden die Lager nicht. In den Siebziger- und Achtzigerjahren füllten sie sich mit einer neuen Generation von Häftlingen, vor allem mit Aktivisten der Demokratiebewegung und antisowjetischen Nationalisten. Die Lager bestanden fast so lange wie die Sowjetunion selbst. Erst Michail Gorbatschow, dessen Großvater selbst im Gulag gesessen hatte, ließ 1987 die Straflager für politische Gefangene abschaffen. ■

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Leben im Führerstaat Roter Wohlstand

Beim Aufbau der Industrie stützte sich Stalin auf eine Arbeiteraristokratie. Während der Terror tobte, gab es für sie moderne Wohnungen und Urlaub am Schwarzen Meer.

Schuften und lächeln Von Katharina Sperber

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m späten Abend des 30. August 1935 fährt Alexej Grigorjewitsch Stachanow in den Schacht eines Kohlebergwerks im Donezbecken ein. Um Mitternacht beginnt seine Schicht. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages hat der Bergmann nicht nur 102 Tonnen Kohle gefördert, sondern mit seiner Leistung die bis dahin gültige Arbeitsnorm um das 14-fache übertroffen. Um sechs Uhr in der Früh bewertet das Zechenkomitee der Kommunistischen Partei seine Arbeit als „Weltrekord“, als Meilenstein auf dem „wahren Weg“ zum Kommunismus. Die Grubenleitung zahlt Stachanow eine Prämie in Höhe eines Monatslohnes von 220 Rubel. Darüber

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Die südrussische Stadt Sotschi am Schwarzen Meer wurde zum größten Kurbad der Sowjetunion.

hinaus bekommt der 29-Jährige eine neue Wohnung mit Telefon und neue Möbel; es ist ein für Arbeiter eigentlich unerschwinglicher Luxus. Bereits Mitte September befiehlt die Versammlung der KP-Mitglieder und des Komsomol dem Grubendirektor, alle Abteilungen im stachanowschen Sinne umzugestalten. Ein Abteilungsleiter soll als „Saboteur“ verurteilt werden, weil er es ablehnt, extremen Arbeitseifer mit hohen Belohnungen zu prämieren. Stachanow findet rasch Nachahmer in allen Wirtschaftszweigen. Es sind Männer und Frauen, ausgebildete Arbeiter und Angelernte. Sie werden als Helden gefeiert, die den Berechnungen der Ingenieure und den Widrigkeiten der Produktion zum

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Trotz die Arbeitsproduktivität steigern. Der Histo- Der Bergarbeiter riker Robert Maier spricht in seinem Buch über die Alexej Stachanow Stachanow-Bewegung von einer „Kaste“, die jetzt (hier 1938) ist die Symbolfigur einer Geld, Kleider, Autos, Motorräder, Goldzähne, Rei- Bewegung zur maxisen in den Kaukasus oder auf die Krim bekommt – malen Steigerung der und vor allem Wohnungen, die von den Betrieben Arbeitsleistung. renoviert werden. Vergessen ist die bolschewistische Kritik an den Sozialdemokraten, deren politische Basis sei eine materiell privilegierte Arbeiteraristokratie. Die Stachanow-Bewegung schafft für Josef Stalin die Grundlage seiner imperialen und industriellen Projekte. Mit Bedacht wählt Stalin die „Erste AllunionsVersammlung der Stachanow-Leute“, um ein Versprechen zu geben – das zugleich eine Drohung ist. Wer die „Es lebt sich jetzt besser, Genossen. Es lebt sich jetzt froher. Und wenn es sich froh lebt, dann geht die Erfolge Arbeit gut vonstatten“, sagt der KPdSU-Chef am anzweifelt, 17. November 1935 in Moskau. Stachanow schreibt spürt den später in seinen Erinnerungen, ihm sei bei dieser Rede klargeworden, „wie Genosse Stalin unser gan- gnadenlosen zes Land leitet, wie er auch dafür sorgt, dass wir Druck des Wurst und gute Seife bekommen, dass die Bonbons Regimes. in schönes Papier gewickelt sind“. Nur wenige Kilometer vom Ort des Versprechens entfernt, in Butowo am Südrand Moskaus, werden auf einem Schießplatz des Geheimdienstes NKWD Menschen ermordet. Wer die Erfolge des Sowjet-

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systems anzweifelt, spürt den gnadenlosen Druck des Regimes, verliert Arbeit und Zuhause, oft sogar sein Leben. Während der „Großen Säuberung“ 1937 und 1938 werden allein in Butowo mehr als 20 000 Menschen exekutiert. Der französische Autor und spätere Literaturnobelpreisträger André Gide reist 1936 auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbands durch die UdSSR und schreibt: „Wenn alles, was wir in Sowjetlanden sehen, fröhlich erscheint, so auch deswegen, weil alles, was nicht fröhlich ist, verdächtigt wird. Zum Klagen ist nicht Russland der rechte Ort, sondern Sibirien.“ Für seine offenen Worte wird Gide in der Sowjetunion geächtet. Alle seine Werke werden aus den Bibliotheken des Landes verbannt (siehe Seite 77). Jene aber, die an den Kommunismus glauben, und auch jene, die die Köpfe gesenkt halten, werden hin und wieder belohnt. Die Heilbäder in Sotschi, der einzigen russischen Großstadt mit subtropischem Klima, werden für Werktätige erschwinglich. Für Arbeiterinnen und Arbeiter baut der Staat Sanatorien. Gab es Ende der Zwanzigerjahre sechs Erholungszentren mit rund 650 Betten, sind es 1940 zehnmal so viele mit rund 9000 Betten. Tatsächlich finden in den Dreißigerjahren viele Bürgerinnen und Bürger, es gehe langsam bergauf. Seit Jahrzehnten kennt die Mehrheit des Volks kaum etwas anderes als Entbehrung und Tod: im rückstän-

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Leben im Führerstaat Roter Wohlstand

digen Agrarreich des Zaren, im Ersten Weltkrieg, in den Wirren der Oktoberrevolution und im anschließenden Bürgerkrieg. Stalin und seine Getreuen treiben die Industrialisierung ohne Rücksicht auf Verluste voran. Stand im ersten Fünfjahresplan ab 1928 die Entwicklung des Energiesektors und der Schwerindustrie im Mittelpunkt, geht es ab 1933 auch darum, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, durch neue Wohnungen und ein besseres Lebensmittelangebot. Am 2. Mai 1936 notiert die Pädagogin Galina Wladimirowna Stange in ihrem Tagebuch: „Ganz Moskau ist auf den Beinen, und alle Straßen und Plätze sind voller fröhlicher, festlich gekleideter

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Arbeiter beim Bau eines Tunnels für die Moskauer Metro – der Staat scheute für dieses Projekt keinen Aufwand.

Menschen. Die Straßen sind liebevoll geschmückt, das Zentrum aber stellt alles in den Schatten! Die Maler haben all ihre Fantasie eingesetzt, um die zentralen Plätze nach dem diesjährigen Thema ,Eine glückliche Kindheit‘ zu gestalten.“ Bereits 1922 war die Pionierorganisation „Wladimir Iljitsch Lenin“ gegründet worden, eine Art kommunistische Pfadfinderorganisation. Das drei Jahre später eröffnete Pionierlager „Artek“ auf der Halbinsel Krim wird Vorbild für eine Vielzahl solcher Lehreinrichtungen des stalinistischen Glücksgefühls. „Stalin ist sehr kinderlieb“, schließt Stange ihren Tagebucheintrag. „Er tut tatsächlich alles, damit Kinder eine glückliche Kindheit haben.“ Der junge Staat erlebt eine beispiellose Migrationsdynamik. Von 1926 bis 1939 ziehen mindestens 23 Millionen Menschen vom Land in die Städte und Industriezentren, um zu arbeiten. Wohnraum ist entsprechend knapp. Am Neujahrstag 1937 schreibt Stange: „Ich habe von einem Ingenieur gehört, der mit seiner Frau auf neun Quadratmetern lebt. Als sie Besuch von seiner Mutter bekamen, hatte er überhaupt keinen Platz mehr zum Arbeiten. Also stellte er die Lampe auf den Boden und legte sich selbst unter dem Tisch auf den Bauch und arbeitete in dieser Stellung – aufschieben konnte er die Arbeit nicht, sie war dringend.“ Am selben Tag jubelt die Zeitung „Iswestija“: „Fast eine Viertelmillion Tannen wurden allein in der Hauptstadt in der Neujahrsnacht entzündet. Die Neujahrstanne ist zum Symbol für die ausgelassene, funkelnde Freude der Jugend unseres Landes geworden. Sie stand im Mittelpunkt der Neujahrsfeste, Maskenbälle und Tanzvergnügen.“ In den Jahren zuvor war die Tanne als Symbol des Weihnachtsfestes verboten. Weil viele Männer in Revolution und Bürgerkrieg umgekommen sind, müssen Frauen jetzt an vorderster Front der ehrgeizigen Industrialisierung mitkämpfen und in den Betrieben arbeiten. Aber sie sollen auch Kinder gebären. 1936 werden Abtreibungen, die 1920 legalisiert worden waren, wieder verboten. Zugleich baut der Staat die Kinderbetreuung aus: Von 1927 bis 1937 verzehnfacht sich die Zahl der Vorschuleinrichtungen auf rund eine Million. Nach 1917 war es leicht geworden, ohne den Segen der russisch-orthodoxen Kirche zu heiraten. Ebenso leicht und vor allem preiswert war es, geschieden zu werden. Nun steuert die Staatsführung um, Ehen müssen wie-

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der vor Gericht geschieden werden. Das verteuert die Sache. Anscheinend wussten sich die Sowjets nicht anders zu helfen. „Es wäre verfehlt, die Kehrtwende als völlige Rückkehr zu den Rollen- und Moralvorschriften der Zarenzeit zu verstehen“, schreibt der Historiker Manfred Hildermeier, denn es sei auch immer darum gegangen, Frauen in die Betriebe einzugliedern. „Das Ergebnis war eine eigentümliche Verbindung von Altem und Neuem, die im Regelfall auf eine Doppelbelastung hinauslief.“ Der „neue Mensch“, von dem wie in anderen Diktaturen auch in der Sowjetunion einige träumen, muss das eben aushalten. Der Historiker Dietmar Neutatz nennt den Bau der Moskauer Untergrundbahn die „Schmiede des neuen Menschen“. 1931 wird mit den Arbeiten begonnen, die ersten 13 Stationen gehen am 15. Mai 1935 in Betrieb. Mehr als 75 000 Menschen sind beim Metrobau im Einsatz – und immer im sozialistischen Wettbewerb. Die gigantische Anlage, die zügig und fast nur mit menschlicher Muskelkraft in den Grund der Stadt getrieben wird, ist nicht nur eine Anstrengung, mit der die Sowjetführung ihre Stärke beweisen will. Sie ist auch Lehrbetrieb für ehemalige Landbewohner, die sich an die neuen Lebensverhältnisse gewöhnen sollen. „Die Komsomolzen und Kommunisten führten einen Kampf gegen die bis dahin in den Baracken blühenden Trinkgelage, Raufereien und das Kartenspiel. Sie brachten den Arbeitern bei, sich zu wa-

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Die Moskauer U-Bahn, die Metro, hier die 1954 eröffnete Station Kiewskaja, verbindet moderne Technik mit russischimperialem Stil.

Die Arbeiter lernen, sich zu waschen, Unterwäsche zu tragen und nicht auf den Boden zu spucken.

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schen, Unterwäsche zu tragen, die Stiefel beim Schlafengehen auszuziehen und nicht auf den Boden zu spucken“, so Neutatz. Wie Kathedralen des Volkes werden die Metrostationen mit Marmor, Fresken und Säulen ausgestattet. „Früher haben nur die Gutsbesitzer, die Reichen Marmor benutzt“, jetzt aber werde der kostbare Stein auch für die Arbeiter und Bauern verwendet, ruft Lasar Moissejewitsch Kaganowitsch, einer der engsten Vertrauten Stalins und oberster Aufseher des Metrobaus, bei der Eröffnung des ersten Bauabschnitts. Der Historiker Klaus Gestwa analysiert: Inhalt und Intention des Kults um die Großbauten verwiesen auf den „beharrlichen Versuch der Parteiführer und Meinungsmonopolisten, in der Sowjetgesellschaft eine Konsensdiktatur zu implantieren“. Die Metapher der „großen sowjetischen Familie“ mit Stalin als fürsorglichem Vater, der Heimat als Mutter und den Sowjetmenschen als zu erziehenden Kindern, so Gestwa, habe ungeachtet aller Distanz und Infantilisierung gewisse Gefühle von Nähe und Wärme geschaffen und eine „eigentümliche Sphäre schrecklicher Gemütlichkeit“ hervorgebracht. Bis heute gilt die Moskauer Metro als eine der schönsten Untergrundbahnen der Welt. Doch der Glanz ihrer Kronleuchter kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil der Bevölkerung durch die Kollektivierung, Industrialisierung und ■ den tobenden Terror schwer gelitten hat.

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Leben im Führerstaat Sozialistischer Realismus

Der Sozialistische Realismus in der sowjetischen Literatur und Kunst hatte Partei und Staat zu dienen. Hauptziel war die Produktion von Heldenepen.

„Ingenieure der Seele“

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„Die zukünftigen Piloten“ heißt dieses 1938 gemalte Bild von Alexander Deineka (1899 bis 1969), einem führenden Vertreter des realsozialistischen Stils. Für das Gewölbe der Metrostation Majakowskaja in Moskau hat er die Mosaiken entworfen.

Von Carmen Eller

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ie Einladung kam überraschend. Wenngleich die Gäste nicht wussten, was sie am 26. Oktober 1932 im Moskauer Haus des Schriftstellers Maxim Gorki erwartete, ahnten sie: Es wäre unklug, nicht zu erscheinen. Bereits an der Treppe begrüßte Gorki die Gäste – etwa den späteren Nobelpreisträger Michail Scholochow und den Romancier Alexander Fadejew. Der Tisch war festlich gedeckt, am Kronleuchter brannten die Kerzen. Nachdem alle Platz genommen hatten, trat ein Mann in grüner Uniform und kniehohen Stiefeln in den Saal: Stalin. An diesem Abend nahm er die sowjetischen Schriftsteller in die Pflicht. „Die Produktion von Seelen ist wichtiger als die von Panzern“, rief er. „Und deshalb erhebe ich mein Glas auf euch, Schriftsteller, auf die Ingenieure der Seele.“ Diese Ansprache setzte den Ton für die Rolle der Kunst in Stalins Reich: Literatur soll als politisches Werkzeug von Nutzen sein. Ideen stehen im Dienste der Ideologie. Und der Wert eines Werks bemisst sich an seiner Wirkung in der Gesellschaft. Als literarischer Schirmherr mit Richtlinienkompetenz agierte Maxim Gorki. Nach jahrelangen Aufenthalten in Berlin und Sorrent an der Küste Italiens war der 1868 geborene Tischlersohn 1928 nach Russland zurückgekehrt. Der Starschriftsteller mit dem markanten Schnurrbart wurde am Bahnhof in Moskau auf Schultern getragen. „Ich muss geschminkt und mit falschem Bart auf die Straße“, schrieb er in einem Brief, „das ist meine einzige Chance, etwas von Moskau zu sehen.“ Obwohl Gorki mit den Ideen der Revolution sympathisierte, hatte er sich 1921 ins westliche Ausland abgesetzt. Denn ihn schreckten die materialistische Philosophie und brachiale Praxis der Bolschewiki. Nach dem Tod Lenins 1924, der Gorki schon mal als „Gottsucher“ verspottet hatte, überdachte der Dichter seine Haltung. Verglichen mit dem aufkommenden Faschismus in Italien erschien

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das sowjetische Russland als das überlegene System. Zudem hatte Stalin die ideologischen Hardliner besiegt, und er umgarnte den Schriftsteller mit Lobhudelei und großzügigen Geschenken. Gorki residierte nun in einem Moskauer Herrenhaus und verfügte über eine Villa auf der Krim – mit Personal, das für den Geheimdienst spionierte. Stalins Umarmung war ein Klammergriff, den der Schriftsteller in Kauf nahm. 1932 ließ der Diktator Nischni Nowgorod, die Geburtsstadt des Autors, in Gorki umbenennen. „Gorki ist ein eitler Mann“, bemerkte Stalin einmal, „wir müssen ihn mit Tauen an die Partei binden.“ Der Autor des 1907 erschienenen Romans „Die Mutter“, der später als idealtypisches Werk des sozialistischen Realismus gefeiert wurde, positionierte sich als Vaterfigur und Funktionär. Gorki förderte junge Schriftsteller wie

Isaak Babel und Wassilij Grossman und führte den Schriftstellerverband. In seinem Verständnis verband der sozialistische Realismus die realistischen Traditionen des 19. Jahrhunderts mit der revolutionären Romantik eines Teils der Bolschewisten. „Meine Freude und mein Stolz ist der neue russische Mensch, der Baumeister eines neuen Staates“, notierte er 1927. „Ihm gilt mein aufrichtiger Segensgruß, diesem kleinen Menschen, der so groß ist, zerstreut in den Fabriken, den Dörfern, verloren in der Steppe und in der sibirischen Taiga.“ Stalin jedoch wollte seine Bürger nicht lesen lassen, wie das Sowjetleben war, sondern wie es sein sollte. Auf der Gründungsversammlung des sowjetischen Schriftstellerverbands im Sommer 1934 erklärten Soldaten der Marine die Schriftsteller zu „Waffenbrüdern der Arbeiterklasse“. Stalins führender Kunstideologe, Andrej Schdanow, hielt eine programmatische Rede und forderte einen Bruch mit der „Romantik der nichtexistierenden Helden“. Und Gorki verkündete: „Die Bourgeoisie in Westeuro-

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Alexander Gerassimow (1881 bis 1963) huldigte dem Personenkult. Sein Gemälde von 1938 zeigt Josef Stalin und Kliment Woroschilow, von 1925 bis 1940 sowjetischer Volkskommissar, im Kreml.

pa ist darauf aus, Andersdenkende zu un- Karriere als Funktionär: Zwischen 1958 terdrücken. Bei uns dagegen gibt es keine und 1964 war er erster Sekretär des Sowherrschende Klasse. Die Mitglieder des jetischen Künstlerverbands, schon ab 1947 Zentralkomitees sind unsere Lehrer und Abgeordneter der Obersten Sowjets. In Freunde.“ seinen Schriften propagierte Gerassimow Doch Gorkis Stern sollte bald sinken. die staatliche Kunstdoktrin. So bezeichAls der Leningrader Parteichef Sergej Ki- nete er Stalins Anspruch an den sozialisrow 1934 einem Attentat zum Opfer fiel tischen Realismus – „national in der Form“ und unter unterem das mit Gorki gut be- zu sein und „sozialistisch im Inhalt“ – als kannte ehemalige Politbüromitglied Lew „Leitstern für alle sowjetischen Künstler“. Kamenew verhaftet wurde, bat Gorki Seine Worte klingen wie eine Definition Stalin um Zurückhaltung. Das gefiel dem der politischen Doktrin: „Unsere Bilder Diktator gar nicht. Er brach den Kontakt und Skulpturen sollen die großen Ideen ab, in der „Prawda“ nannte ein Kommen- von Lenin und Stalin propagieren, und tator Gorki einen „schlaffen Liberalen“. diese Werke sollen in einer dem Volk verDer Dichter hatte ausgedient, er starb ständlichen Sprache sprechen.“ am 18. Juni 1936. Wenige Stunden später untersuchte man sein Gehirn im Moskau- Und natürlich sollte das Volk seine Heler Institut für Neurologie auf körperliche den bekommen – eine wichtige Aufgabe der Literatur. Bis heute in Russland beMerkmale von Genialität. Unter dem Banner des sozialistischen kannt ist Pawel Kortschagin, der ProtaRealismus gängelte das Regime nicht nur gonist des Romans „Wie der Stahl gehärdie Literaten. Von der Architektur bis tet wurde“, geschrieben von Nikolai zur Musik, vom Gedicht bis zum Gemäl- Ostrowski. Das erstmals zwischen 1932 de sollte Kultur als Katalysator wirken und 1934 erschienene Werk entsprach im Kampf für die ideologische Erziehung. den Erwartungen an literarische Figuren Ein prominenter Maler dieser Epoche der Dreißigerjahre. Kortschagin, der war der 1881 geborene Künstler und vier- Sohn einer Köchin, kämpft freiwillig an fache Stalin-Preisträger Alexander Ge- der Front und reift zu einem disziplinierrassimow. Mit seinem Hang zu plakati- ten Bolschewiken: Seiner politischen vem Pathos frönte er gern dem Personen- Überzeugung opfert er sein privates kult. Lenin malte er auf der Rednertribü- Glück. So sagt er sich los von seiner June, Stalin mit wehendem Mantel auf dem gendliebe Tonja, der fein gekleideten Förstertochter, die sich den „dreckigen Roten Platz. Als erster Maler erhielt Gerassimow Feldblusen nicht anpassen“ will. Beim 1941 den Titel „Volkskünstler der Sowjet- Abschied erklärt er ihr: „Ich werde imunion“. Wie einst Gorki machte er auch mer zuerst der Partei gehören.“

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In einer anderen Schlüsselszene steht Kortschagin an einem Massengrab und reflektiert über das größtmögliche Opfer: das eigene Leben. „Hier waren seine Bürger tapfer gestorben, damit das Leben schön sei für alle, die in Armut geboren waren.“ Der Sinn des Lebens, so die Botschaft, erfüllt sich nur im Glauben an die Gemeinschaft. „Das Kostbarste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und leben soll er so, dass er im Sterben sagen kann: Mein ganzes Leben und all meine Kräfte habe ich hingegeben für das Schönste der Welt – den Kampf um die Befreiung der Menschen.“ Kortschagin galt als der positive Sowjetheld schlechthin. Der Roman prägte Generationen – auch den ehemals reichsten Russen, den einstigen Ölmagnaten Michail Chodorkowski. „Wir wollten alle mal sein wie Pawel Kortschagin“, sagte er 2002 in einem SPIEGEL-Interview. „Ich glaubte damals wirklich, so aufopferungsvoll müsse man leben – und rücksichtslos. Wenn es sein müsste, eben auch dem Gegner den Hals brechen.“ Nicht nur in der Sowjetunion galt der Roman als Meilenstein. „Pawel Kortschagin ist unsterblich, weil die Sache, für die er bis zu seinem letzten Atemzug stritt, unsterblich ist“, schrieb Erich Honecker 1986 in seinem Vorwort zur 44. Auflage der deutschen Übersetzung. „Wer die Geschichte aktiv mitgestaltet, will seine Zeitgenossen zu Recht in bewegenden Ge-

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Leben im Führerstaat Sozialistischer Realismus

stalten der Literatur und Kunst wiederfinden.“ Ostrowskis Roman ist stark autobiografisch. Der 1904 in Wilija geborene Autor ging bereits mit 15 Jahren als Freiwilliger an die Front und wurde schwer verwundet. Als er 1935 den Lenin-Orden erhielt, war er blind und bettlägerig. 1936 starb er an Knochentuberkulose – mit nur 32 Jahren. Seine letzte Wohnung im Moskauer Stadtzentrum ist heute ein Museum. Ostrowski, der sein Schicksal einmal als „typisch“ bezeichnete für seine Zeit, steht für den Idealismus junger Russen, die sich den bolschewistischen Revolutionären anschlossen. Dieses Lebensgefühl griff der 1901 geborene Autor Alexander Fadejew in seinem Werk „Die junge Garde“ für die Zeit des Großen Vaterländischen Krieges wieder auf. Die Geschichte spielt während der deutschen Besatzung 1942 und 1943 und erzählt vom Schicksal einer Partisanengruppe im Donbass. Stalins Ingenieure der Seele sollten nicht kreativ sein, sondern bewährte Muster wiederholen. Zudem standen selbst gut positionierte Autoren unter einem enormen politischen Druck. Als das Zentralkomitee Fadejew 1943 beauftragte, über den Widerstand in der Bergarbeiterstadt Krasnodon zu schreiben, war der Autor bereits seit fünf Jahren Sekretär des Schriftstellerverbands. Die proletarische Literatur sah Fadejew als „Synthese zwischen Wirklichkeit und Vision“. In diesem Sinne sei „der proletarische Künstler nicht einfach der nüchternste Realist, sondern auch der größte Träumer.“ Nach der Veröffentlichung seines Romans 1945 gab es zunächst positive Rezensionen und 1946 den Stalin-Preis. Doch 1947 monierten Kritiker, der Autor habe in „Die junge Garde“ die Rolle der Partei zu wenig betont. Fadejew begann sein Buch zu überarbeiten. Aus 54 Kapiteln wurden 64. Wie gewünscht treten in der Version von 1951 lokale Parteifunktionäre in den Vordergrund. Nachdem die ideologischen Zügel während des Krieges etwas gelockert worden waren, verschärften sich anschließend die Bedingungen erneut. Stalin ließ seinem Vertrauten Schdanow freie Hand. Am 14. Mai 1947 empfingen die Politiker Fadejew und einen weiteren Schriftsteller im Kreml. Das Volk sei stolz, sagte Stalin, doch die „mittlere Intelligenz, Doktoren und Professoren, hat keine patriotische Erziehung“. Unter ihnen herrsche „eine ungerechtfertigte Bewunderung für aus-

ländische Kulturen“, die auf Peter den Großen zurückgehe. „Bewunderung der Deutschen, der Franzosen, für Ausländer, also für Arschlöcher.“ Stalin lachte. „Wir müssen den Geist der Selbsterniedrigung ausmerzen.“ Der Auftrag an die von Fadejew angeführten Autoren lautete, den „sowjetischen Patriotismus“ zu propagieren. Die Schriftsteller sollten „Verständnis für die Rolle, die Russland spielt“, entwickeln. Die intensivierte ideologische Kontrolle

Maxim Gorki (1868 bis 1936)

Nikolai Ostrowski (1904 bis 1936)

Anna Achmatowa (1889 bis 1966)

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Alexander Fadejew (1901 bis 1956)

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hatte sich bereits in der Affäre von 1946 um die in Leningrad erscheinenden Zeitschriften „Swesda“ und „Leningrad“ gezeigt. Literaturzeitschriften, in denen programmatische Beiträge und selbst Bücher erschienen, waren politisch äußerst relevant. Schdanow attackierte in einer von Stalin inspirierten Verordnung des Zentralkomitees vom 14. August 1946 die Redaktionen von „Swesda“ und „Leningrad“. Konkret richtete sich die Kampagne gegen dort veröffentliche Texte des Schriftstellers Michail Soschtschenko und der Dichterin Anna Achmatowa. Soschtschenko spezialisiere sich auf „vulgäre Sachen“ und verderbe den Geist der Jugend, schrieb Schdanow. Und Achmatowa sei „eine typische Vertreterin einer unserem Volk fremden gehaltlosen ideenlosen Lyrik.“ In einer Rede nannte er sie „halb Nonne, halb Dirne“. Eine solche Schrift musste angesichts der noch nicht weit zurückliegenden „Säuberungen“ starke Ängste schüren. Es gab auch außerliterarische Gründe für die Hetzkampagne, in deren Folge Soschtschenko und Achmatowa aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurden. Achmatowa unterhielt 1945 Kontakte mit dem britischen Diplomaten Isaiah Berlin, als dieser an der britischen Botschaft in Moskau weilte. Die Autorin und Achmatowa-Biografin Elaine Feinstein nannte Berlin die „letzte große Liebe“ der Dichterin. „Leningrad“ wurde verboten, „Swesda“ bekam einen neuen Chefredakteur. Zum 60. Jahrestag von Schdanows Verordnung machte Jakow Gordin, heutiger Chefredakteur von „Swesda“, in einem Interview deutlich, dass der Schrecken von damals noch nachwirkt: Man müsse sich „an solche Marksteine in der Geschichte des Staats und im Leben der Intelligenzija erinnern“. Es gelte, so Gordin, sich psychologisch zu wappnen für die Situation, in der die Staatsmacht „eine Grenze überschreitet. Und dich womög■ lich erniedrigt. Und zertritt“.

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Ein Bild und seine Geschichte

Aus dem Negativ gekratzt Von Michael Sontheimer

s sei am frühen Morgen des 2. Mai 1945 gewesen, erzählte Jewgenij Chaldej später. Der 28 Jahre alte Kriegsfotograf im Range eines Leutnants der sowjetischen Armee war in Berlin zum Reichstag gegangen. Kurz zuvor hatte der letzte deutsche Kampfkommandant Berlins kapituliert, nur vereinzelt wurde noch gekämpft. Chaldej hatte seine Leica-Fotokamera dabei und eine rote Sowjetfahne; in dem verwüsteten einstigen Parlamentsgebäude traf er einen jungen Kameraden und überredete ihn, auf dem Dach mit der Fahne zu posieren. Zwei weitere Rotarmisten gesellten sich dazu. Chaldej belichtete einen ganzen Film, 36 Bilder. Eines von ihnen avancierte in verschiedenen Varianten zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts, zu dem Bild, das im kollektiven Gedächtnis von Deutschen und Russen gleichermaßen die Niederlage Nazideutschlands und den Sieg der Roten Armee repräsentiert. Nachdem er auf dem Reichstag fotografiert hatte, flog Chaldej noch in der Nacht nach Moskau. Als das ausgewählte Bild in dem Gewerkschaftsmagazin „Ogonjok“ am 13. Mai 1945 erstmalig gedruckt wurde, war bereits ein Detail manipuliert. Auf dem Original hatte der Rotarmist, der seinen die Fahne hissenden Kameraden sicherte, an beiden Handgelenken eine Uhr getragen. Mit der Forderung „Uri, Uri“ waren Sowjetsoldaten damals plündernd durch Berlin gezogen. Chaldej, das räumte er später ein, hatte die Uhr am rechten Arm des Soldaten mit einer Nadel aus dem Negativ gekratzt. Auf der nächsten Version des Fotos dräuten auf einmal dunkle Rauchwolken am Himmel. In der letzten Version war eine andere Fahne zu sehen, die sich dramatisch im Wind bauschte. Später auf die Manipulationen angesprochen, antwortete Chaldej nur: „Es ist ein gutes Foto und historisch bedeutend. Die nächste Frage bitte.“

E

► Auf diesem Bild der Serie trägt der Rotarmist unten rechts zwei Uhren.

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Gespräch Die Revolution und ihre Folgen

Der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski analysiert, wie viel russische Tradition im Sowjetreich steckte, und beschreibt, welcher kommunistische Parteichef am mutigsten war.

Orden aus dem Zweiten Weltkrieg und Gedenkmedaillen eines Veteranen aus der früheren Sowjetrepublik Aserbaidschan –

„Die Revolution hat viele fasziniert“

Gedenkmedaillen, darunter links oben die vom russischen Präsidenten gestiftete Auszeichnung zum 70. Jahrestag des Sieges über Hitler

SPIEGEL: Herr Professor Baberowski, die russische Revolution von 1917 hatte weltweit gravierende Auswirkungen. War sie das prägende Ereignis des 20. Jahrhunderts? BABEROWSKI: Aus der Rückschau war sie das. Aber als die Oktoberrevolution stattfand, nahmen nicht einmal die Akteure die Bedeutung des Geschehens wahr. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass eine kleine Schar von Revolutionären die Macht nicht nur behalten, sondern schließlich auf große Teile Europas ausdehnen würde.

Menschen starben. Wie sehr hat dieses Blutbad die sowjetische Gesellschaft geprägt? Der Bürgerkrieg bot Lenin eine einzigartige Chance, seine Anhänger gegen reale Feinde zu mobilisieren. Diese Mobilisierung hat die Bolschewiki als Gruppe gestärkt und bewirkt, dass aus einer Partei eine militärisch organisierte Sekte wurde. Die Kommunistische Partei war ein Produkt des Bürgerkrieges. Er erzeugte jene rigide Disziplin und jenen autoritären Habitus, der die Kommunistische Partei in einen Schwertträgerorden verwandelte.

Wodurch siegten die Bolschewiki? Weil ihre Tagesforderungen wie „Frieden“ und „Land für die Bauern“ populär waren – oder weil sie auf die hemmungslose Anwendung von Gewalt setzten? Beides. Das Erfolgsgeheimnis der Bolschewiki liegt darin, dass sie im Gegensatz zu ihren Gegnern, den Liberalen und den gemäßigten Sozialisten, bereit waren, alle Forderungen und Wünsche zu artikulieren. Vor allem aber versprach Lenin, den Krieg sofort zu beenden. Und das wollte jeder. Deshalb schwammen die Bolschewiki wenigstens in der Hauptstadt im Sommer 1917 auf einer Welle wachsender Unzufriedenheit.

Die bolschewistische Diktatur war auch ein Erziehungs- und Modernisierungsregime. Das drückte sich aus in Lenins Parole: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung.“ Zugleich setzte Lenin ab 1921 mit seiner „Neuen Ökonomischen Politik“ auf Marktwirtschaft. War das ein taktischer Rückzieher oder Ausdruck pragmatischer Lernfähigkeit? Niemand wusste, wie eine sozialistische Ordnung eigentlich aussehen sollte. Es gab kein bolschewistisches Konzept für die Entwicklung einer Planwirtschaft. Karl Marx hatte darüber nichts gesagt. Lenin kopierte einfach die staatliche Wirtschaftslenkung der deutschen Obersten Heeresleitung und nannte sie dann Planwirtschaft. Auf den Zusammenbruch der Versorgung während des Bürgerkrieges reagierte er pragmatisch. Er wusste, dass man die Bauern nur gewinnen konnte, wenn man sie für ihre Produkte entlohnte. An die Stelle des Tributs trat die Steuer. Die Kommunisten mussten das

Könnte man das Populismus nennen? Die Bolschewiki versprachen vieles, wussten aber, dass sie nicht halten konnten, was sie versprachen. Vor allem aber mussten sie an der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols arbeiten, an der ihre liberalen Vorgänger gescheitert

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Baberowski, 55, lehrt osteuropäische Geschichte an der Berliner HumboldtUniversität. 2012 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse für „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“.

waren. Lenin wusste um die Schwäche seines Staates. Und er sah klarer als andere, dass man diese Schwäche nur durch den brachialen Einsatz von Gewalt kompensieren konnte. Ist es richtig, von einer „Machtergreifung“ zu sprechen? Lenin sagte im Sommer 1917, die Macht liege auf der Straße, und man müsse nur nach ihr greifen, mit Waffengewalt. Und die Proteststimmung zum eigenen Vorteil nutzen. So geschah es auch. Aber es formierte sich Widerstand gegen die Bolschewiki, im Frühjahr 1918 begann ein jahrelanger Bürgerkrieg, in dem mehrere Millionen

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Gespräch Die Revolution und ihre Folgen

Dorf befrieden, davon hing das Überleben des Sowjetstaates ab. In der Sowjetunion gab es den Begriff des „neuen Menschen“, den die Revolution hervorbringen sollte. Ab wann spielt der eine Rolle? Vom neuen Menschen haben einige bolschewistische Theoretiker schon vor der Revolution gesprochen, auch der Schriftsteller Maxim Gorki; Lenin nicht, zu keiner Zeit. Er wollte keinen Übermenschen schaffen, sondern den russischen rückständigen Bauern mit moderner Technik und Bildung in einen Europäer verwandeln. In jemanden, der lesen und schreiben konnte und einen europäischen Anzug trug. Das leninsche Modernisierungsprojekt wurde nach dessen Tod 1924 von Stalin weitergeführt. Der war zunächst eine Randfigur in der Partei. Wie konnte er sich durchsetzen gegenüber dem glänzenden Rhetoriker und Publizisten Leo Trotzki, der erfolgreich die Rote Armee geführt hatte? Stalin war ein Produkt des sowjetischen Staatsbildungsprozesses. In einer Gesellschaft von Analphabeten, in der es wenige Zeitungen und noch keinen Rundfunk gab, war die Wirkung eines Redners, und erst recht eines Publizisten, begrenzt. Die Macht war für die Masse unsichtbar. Lenin selbst wurde 1918 auf der Straße ausgeraubt, weil die Täter nicht wussten, wer er war. Stalin, der am Rande des Reichs in Georgien aufgewachsen war, wusste, dass man unter solchen Bedingungen Macht durch persönliche Beziehungen und Patronage erlangen konnte. Also ist das von der sowjetischen Geschichtsschreibung gepflegte Bild von der Mobilisierung der Massen stark überzeichnet? Die Bolschewiki waren nicht durch den Volkswillen legitimiert. Lenins Diktum, der Analphabet stehe außerhalb der Politik, ist ein Beleg für dieses Dilemma. Zwischen Bauern und Kommunisten bestanden kaum Verbindungen. Erst mit der Kollektivierung der Landwirtschaft unter Stalin kam der Staat überhaupt ins Dorf. Und erst zu dieser Zeit konnte auch die Landbevölkerung für die Zwecke des Regimes mobilisiert werden. Spätestens im Zweiten Weltkrieg trat Stalin als Imperator in Zarentradition auf. Im November 1941

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rief er Soldaten bei einer Parade zu: „Möge euch in diesem Krieg das große Vorbild unserer mutigen Ahnen beseelen.“ War das noch kommunistisch? Nein. Das sowjetische Regime lebte vor allem von der Unterstützung junger Menschen, die den Bolschewismus als Industrialisierungs- und Modernisierungsprojekt verstanden. Stalin wusste aber, dass die meisten Menschen für das Projekt des Kommunismus nicht ansprechbar waren, und deshalb berief er sich 1941 auf vorrevolutionäre Traditionen, mit denen auch er selbst sich identifizieren konnte.

Sowjetischer Siegesorden, 1943 gestiftet als höchster militärischer Verdienstorden der Sowjetunion

Die Sowjetunion unter Stalin war auf den ersten Blick ein totalitäres Einparteiensystem. Aber bei näherer Betrachtung funktionierte die Staatsführung fast wie ein mafiöser Männerbund. Erklärt das die heftigen Konflikte zwischen der Parteibürokratie und dem Staatsführer Stalin? Stalins erste Opfer waren Kommunisten. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion war keine politische Partei im klassischen Sinne, weil sie nicht Teil von etwas war, sondern eine Repräsentation der Diktatur. Staat und Partei waren nicht voneinander getrennt. Darin ähnelte die Kommunistische Partei dem multiethnischen Adel des Zarenreiches. Die Kommunisten waren die neue herrschende Elite, die das Imperium integrierte. Stalin

stützte sich auf Freundschafts- und Familienverbände. Nicht auf bürokratische Verfahren und Regeln kam es an, sondern auf persönliche Beziehungen. Es gab keine Trennung von Amt und Person. Stalin zog daraus für seine Alleinherrschaft mehr Vor- als Nachteile. Stieß dieses System nicht schon bald an seine Grenzen? Ja, denn die Personenverbände konnten sich mit ihrer Klientel gegen das Zentrum verbünden. Sie waren an Umwälzungen wie der Kollektivierung der Landwirtschaft nicht interessiert. Stalin bemerkte natürlich, dass sich ihm die Satrapen in den Provinzen widersetzten und ihre Leute vor Verfolgung schützten. Er versuchte, Widerstand durch die Inszenierung von Krisen zu brechen. So griff er auf die Mittel des Bürgerkrieges zurück und begann einen Krieg gegen die Bauern, der das Regime an den Rand des Abgrundes brachte. Unter diesen Bedingungen konnte er die Gefolgschaft im Zentrum und in den Provinzen disziplinieren und an sich binden. Das setzte voraus, dass Stalin schon eine diktatorische Machtposition besaß. Wie hatte er die erreicht? Als Generalsekretär der Kommunistischen Partei war er seit 1922 Personalchef der Partei. Lenin warnte bereits im Dezember 1922, Stalin habe eine „unermessliche Macht angehäuft“. In den Zwanzigerjahren schützte Stalin die Parteisekretäre in den Regionen vor innerparteilichen Kritikern. Dafür forderte er unbedingten Gehorsam. Er setzte im Zentralkomitee seine Anhänger ein und erweiterte das Gremium auf eine Weise, dass es unmöglich war, gegen ihn eine Mehrheit zu organisieren. Im Politbüro umgab er sich vor allem mit Gefolgsleuten, die ihm treu ergeben waren. Er unterwarf sie sich mit perfiden Machtspielen: Er inszenierte Krisen und drohte Abweichlern, die Gewalt ablehnten, mit Vernichtung. In den Jahren 1937/38 kulminierte der Massenterror. Stalin hatte den blutrünstigen Geheimdienstchef Nikolai Jeschow eingesetzt, löste ihn dann ab und ließ ihn erschießen. Das erinnert an den Zaren Iwan „den Schrecklichen“, der schließlich gegen seine Sicherheitstruppe Opritschnina vorging. Wenngleich sich in diesen Jahren archaische Muster des Gewalteinsatzes wieder-

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holten, die es auch schon im 16. Jahrhundert gegeben hatte, handelte er 1937 im Sinne der Machtfestigung rational. Er zerstörte Partei, Staat und Armee und ließ die Provinzen verwüsten. Die alte Elite verschwand, Adelige und Geistliche wurden umgebracht, und auch die meisten bolschewistischen Funktionäre wurden getötet. Nach dem Ende des Großen Terrors brauchte Stalin auf die Notwendigkeit gewalttätiger Lösungen überhaupt nicht mehr hinzuweisen, weil die Funktionsträger seine Gewaltmethoden verinnerlicht hatten. Der Terror bot jungen, ungebildeten Funktionären wie Nikita Chruschtschow, der 1935 mit 41 Jahren Parteichef von Moskau wurde, ungeahnte Aufstiegsmöglichkeiten. Sie übernahmen die Ämter der Getöteten und verwandelten sich in loyale Anhänger des Diktators. Bevor der Massenterror einsetzte, hatte das sowjetische Experiment eine große Anziehungskraft auch auf Intellektuelle im Westen. Woher rührte diese Begeisterung? Die Revolution faszinierte nicht nur die Linken in Europa. Auch Konservative bewunderten die Bolschewiki dafür, dass sie die Macht erobert und gegen alle Widerstände verteidigt hatten, dass es ihnen gelungen war, die Anarchie des Marktes zu brechen und eine neue Ordnung zu schaffen. Nur wenige Marxisten, wie etwa der Sozialdemokrat Karl Kautsky, verurteilten das Gewaltregime der Bolschewiki. In den frühen Dreißigerjahren pilgerten linke Intellektuelle in die Sowjetunion, um Zeugen des großen Umbruchs zu werden. Von den Kosten des Experiments, von Hunger und Elend wollten sie nichts wissen. Und die Kommunisten, die vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion geflohen waren, mochten und konnten ihren Glauben nicht aufgeben. Die Angst vor einem militärischen Überfall aus dem Westen spielte unter Stalins Anhängern eine große Rolle. Im Februar 1931 sagte Stalin in Moskau vor Wirtschaftsfunktionären, die Sowjetunion müsse die Industrialisierung, für die andere Länder 50 bis 100 Jahre gebraucht hätten, in 10 Jahren durchlaufen, „sonst werden wir zermalmt“. Noch konnte niemand wissen, ob das paranoid war oder realistisch. Aber zehn Jahre später überfiel Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion.

Das industrielle Wachstum war zweifellos beeindruckend. Im Angesicht der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 war, was in der Sowjetunion geschah, außergewöhnlich. Es gab keine Arbeitslosigkeit, es entstanden Städte, Fabriken und Staudämme. Es schien, als seien die Bolschewiki Meister der Krise. Tausende Spezialisten und Ingenieure aus dem Westen gingen in die Sowjetunion, weil sie den Sozialismus als Antwort auf die Herausforderung der Weltwirtschaftskrise verstanden. Sie wollten teilhaben am großen Umbau der Gesellschaft. Im August 1939 sorgte Stalin für den überraschendsten Coup der Weltge-

Lenin-Orden, 1930 gestiftet von der Sowjetführung als höchste Auszeichnung der Sowjetunion.

schichte. Er schloss einen Nichtangriffsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Ein geheimes Zusatzprotokoll regelte die Aufteilung Osteuropas. Was war aus Stalins Sicht der Sinn des Vertrages? Und glaubte er, Hitler werde sich daran halten? Stalin war in dieser Frage völlig unrealistisch, weil er unterstellte, Hitler sei ein Pragmatiker. Stalin gewann 1939 den Eindruck, Deutschland sei in der Tradition Bismarcks an guten Beziehungen zu Moskau interessiert. Es waren deutsche Diplomaten wie der konservative Botschafter in Moskau, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, die ihm diesen Eindruck vermittelten. Deshalb ließ sich Stalin auch von seinem Geheimdienst nicht davon überzeugen, dass Hitler einen

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Überfall plante. Der Sinn des Nichtangriffspaktes bestand für ihn darin, dass die Rote Armee Territorien besetzen konnte, die vor der Revolution zum Zarenreich gehört hatten. Solch eine Option hätte ihm ein Bündnis mit Frankreich und Großbritannien nicht eröffnet. Als Stalin dann sein Land gegen die Deutschen verteidigen musste, ließ er die Russisch-Orthodoxe Kirche unter der Kontrolle des Geheimdienstes wieder beleben. Sah der ehemalige Priesterseminarschüler, dass er den Krieg nur gewinnen konnte, wenn er Millionen Nichtkommunisten und Gläubige mobilisierte? Stalin betrachtete den Krieg von Anfang an als ein imperiales und nicht als kommunistisches Projekt. Schon in seiner ersten Kriegsrede Anfang Juli 1941 richtete er sich in orthodoxer Tradition an die „Brüder und Schwestern“. Nach seinem Tod gab es in der sowjetischen Gesellschaft ein Bedürfnis nach Ruhe und einer gewissen Rechtssicherheit. Wie weit setzte der neue Parteichef Nikita Chruschtschow dies politisch um? Chruschtschow ist zweifellos die beeindruckendste Persönlichkeit der sowjetischen Geschichte. Seine Entstalinisierung war das moralische Projekt eines Mannes, der an seinem schlechten Gewissen litt. Er litt, weil er in den Jahren des Großen Terrors zum Vollstrecker Stalins geworden war. Die Geheimrede, die er im Februar 1956 vor den Delegierten des XX. Parteitages der KPdSU hielt, war ein mutiger Akt. Zwei Millionen Menschen wurden aus den Lagern entlassen, 750 000 Opfer des Stalinismus rehabilitiert. Chruschtschows große Leistung bestand darin, dass er die Gewalt als Machttechnik in der politischen Führung abschaffte. Er verwandelte das Land nicht in eine Demokratie. Aber die allgegenwärtige Furcht, verhaftet oder getötet zu werden, verschwand aus dem Alltag. Man versteht die Nostalgie vieler Russen nur, wenn man begriffen hat, dass die späte Sowjetunion ein Raum des Friedens war. Doch schon unter Chruschtschow begann nach einer Zeit des „Tauwetters“ eine neue kulturelle Eiszeit, in der Künstler und Schriftsteller eingeschüchtert wurden. Es gab Grenzen der Reformbereitschaft. Chruschtschow musste Kompromisse ma-

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Gespräch Die Revolution und ihre Folgen

chen, weil er auf die Unterstützung der Parteiführung angewiesen war. Aber es gab Diskussionen und Streit im Politbüro, Menschen wurden nicht mehr nach Quoten getötet, weil es einem Diktator gefiel. 1964 wurde er von der Parteiführung abgesetzt, weil er als zu sprunghaft und cholerisch galt. Dann kam Leonid Breschnew als Generalsekretär, dessen Ära in Stagnation und Lethargie endete. Warum? Der Begriff der Stagnation beschreibt nicht angemessen, was die späte Sowjetunion auszeichnete. Zwar wurden die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Aber sie wurden nur von wenigen Menschen wirklich nachgefragt. Die meisten Sowjetbürger lebten besser als je zuvor, wohnten in eigenen Wohnungen, machten Urlaub im Kaukasus oder am Schwarzen Meer. Breschnew wollte keine Experimente. Die meisten Sowjetbürger wollten sie auch nicht. Nach einem kurzen Zwischenspiel mit zwei kranken Parteichefs kam im März 1985 Michail Gorbatschow an die Macht. Was trieb ihn an? Gorbatschow war der letzte Gläubige unter den Kommunisten. Als junger Mann war er ein Verehrer Chruschtschows, ein Bewunderer der Entstalinisierung gewesen. Er glaubte an die Möglichkeit eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Aber er machte den Fehler, die Kommunistische Partei zu demokratisieren, und beraubte sich damit des einzigen Instruments zur Durchsetzung seiner Reformen. Der chinesische Weg, die Wirtschaft zu liberalisieren und die politische Ordnung zu bewahren, war jedenfalls erfolgreicher als Gorbatschows Perestroika. Wie war die Parteiführung auf die Idee gekommen, Gorbatschow zum Chef zu machen? Seine Ernennung ist ein Resultat der Klientelbeziehungen innerhalb der Partei. Gorbatschow war Parteichef im südrussischen Stawropol. Dort erholten sich in Kurheimen führende Funktionäre, die er natürlich kennenlernte. So fand der reformorientierte KGB-Chef Jurij Andropow Gefallen an dem jungen Mann, der sagte, was er dachte. Andropow, der 1982 Generalsekretär wurde, hatte Gorbatschow schon 1980 als Vollmitglied ins Politbüro aufnehmen lassen. Gorbatschow sprach Probleme an, die für die meisten Funktionäre ein Tabu waren, vor allem

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den wachsenden wirtschaftlichen Abstand der Sowjetunion zum Westen. Er war ein Kompromisskandidat, niemand konnte sich vorstellen, dass der damals 54 Jahre alte Mann das System aus den Angeln heben würde. Spielte dabei auch das Problem der Überrüstung des Landes eine Rolle? Gorbatschow hatte erkannt, dass die Rüstung eine gewaltige Belastung für die Wirtschaft war und dass er gute Beziehungen zum Westen brauchte, um diesen Zustand zu ändern. Seine Tragik lag darin, dass er den Ordnungsrahmen zerstörte, in dem sich marktwirtschaftliche

Rotbannerorden, 1918 gestiftet von der Sowjetregierung als höchster militärischer Orden, mit der Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“

Strukturen hätten entfalten können. So versank das Land allmählich im Chaos. Das ist der Grund, warum der Reformer Gorbatschow von den meisten Russen geradezu gehasst wird. Hinterließ die zerbrechende Sowjetunion ein Vakuum, das sich Nationalisten zunutze machten? Die baltischen Republiken wollten die Sowjetunion schon früh verlassen. In der Ukraine aber wurde der stellvertretende KP-Chef Leonid Krawtschuk der erste Präsident des unabhängigen Staates. Die Kommunisten spielten die nationale Karte aus, weil sie erkannt hatten, dass sie nur so an der Macht bleiben würden. In der Ukraine fand der radikale, antisowjetische Nationalismus eigentlich nur im Westen des Landes Unterstützung.

Aus politischen Stimmungen wurde ein erbittert geführter Konflikt. Wie kam es dazu? Die Nationalisten aus der westlichen Ukraine haben irgendwann damit begonnen, ihre Vorstellungen von der Nation als Abstammungsgemeinschaft auf die gesamte Ukraine auszudehnen. Diese Konzeption ergab für die Mehrheit im Osten der Ukraine keinen Sinn. Dort widersetzen sich die meisten Menschen einem ethnisch begründeten ukrainischen Nationalismus, weil sie sich dem sowjetischen Patriotismus verbunden fühlen. Dieser Konflikt hat die Ukraine zerrissen. Russland hat aber militärisch eingegriffen – mit der Intervention auf der Krim und verdeckt durch die Unterstützung Aufständischer im Donbass. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde Russland Schutzmacht der Minoritäten, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Moldau, Kasachstan oder Georgien. Die Abchasen wollten sich dem ethnonationalen Projekt Georgiens nicht unterwerfen. In der Sowjetunion waren sie Sowjetbürger gewesen, nun empfanden sie sich als Ausländer. Putin gab den Abchasen russische Pässe und erkannte 2008 ihre Republik an. Auch auf der Krim wollte die Mehrheit der Bevölkerung lieber zu Russland als zur Ukraine gehören. Die multinationale Sowjetunion der NachStalin-Zeit war kein Völkergefängnis, sondern auch ein Raum friedlichen Zusammenlebens. Wer das nicht weiß, wird auch nicht verstehen, warum das imperiale Projekt Putins von vielen Menschen bewundert wird. Auch Stalin wird von vielen wieder positiv gesehen. Ist das Sehnsucht nach dem stalinistischen Kommunismus? Nein. Das Wissen über den Umfang des Terrors ist in Russland gering. Stalin gilt vielen als Symbolfigur für imperiale Größe und den Sieg über Hitler, er wird heute als Repräsentant russischer Größe gefeiert, nicht als Terrorist und Gewalttäter. Stalin selbst sah sich in der Tradition russischer Herrscher. Deshalb kann man ihn auch heute noch für das imperiale Projekt instrumentalisieren. Herr Baberowski, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Das Gespräch führten die Redakteure Uwe Klußmann und Dietmar Pieper.

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KAPITEL 4 A U F B R U C H U N D Z E R FA L L


Aufbruch und Zerfall „Sputnik“

Erde und Sonne spiegeln sich in der glänzenden „Sputnik“-Hülle, aus dem dunklen All leuchtet der Mond (ComputerIllustration 2015).

Die Sowjetunion schoss den ersten Satelliten und den ersten Menschen ins Weltall. Doch für einen bemannten Mondflug reichten die Ressourcen nicht.

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Funksignale des ersten künstlichen Erdsatelliten werden am Boden als Oszillogramm aufgezeichnet (Dokument vom 11. Oktober 1957).

„Piep, piep, piep“ SPIEGEL GESCHICHTE

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Aufbruch und Zerfall „Sputnik“

Von Marc von Lüpke

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as Programm amerikanischer Radiosender im Oktober 1957 war zeitweise eintönig. „Piep, piep, piep“, schallte es aus den Radiogeräten. Trotzdem waren die monotonen Laute ein Hit, denn sie kamen aus dem Weltall. Der erste künstliche Satellit zog seit dem 4. Oktober 1957 seine Bahnen und schickte sein Signal zur Erde. Als schauderhaftes Krächzen einer verschnupften Grille beschrieb es das USMagazin „Life“. „Sputnik 1“, zu Deutsch: „Begleiter“, hieß dieser Himmelskörper, der in den USA für Aufmerksamkeit und Unruhe sorgte. Ausgerechnet der Sowjetunion war im Kalten Krieg der erste Schritt ins Weltall gelungen. „Amerika hat eine Schlacht verloren, die wichtiger und größer war als Pearl Harbor“, urteilte der Physiker Edward Teller, der führende Entwickler der Wasserstoffbombe. Das Magazin „Time“ schrieb: „Roter Mond über den Vereinigten Staaten.“ Tatsächlich war „Sputnik 1“ weder rot noch nahm er die Gestalt des Erdtrabanten an. Vielmehr hatte Sergej Koroljow, der „Vater der modernen sowjetischen Raumfahrt“, die silbrige Aluminiumhülle mit einem Durchmesser von 58 Zentimetern auf Hochglanz polieren lassen. Lediglich mit Handschuhen durfte das 83,6 Kilogramm schwere Kleinod mit seinen zwei Antennenpaaren berührt werden. „Der erste Satellit muss schön aussehen“, hatte Koroljow dekretiert. Der makellose Zustand hatte aber noch einen anderen Grund: „Sputnik“ sollte am Firmament optisch auffallen, indem er möglichst viel Sonnenlicht reflektierte. Auch die Apparatur, die den Satelliten in den Kosmos befördert hatte, sorgte in den USA für große Besorgnis. Die „R-7“, ebenfalls in Koroljows Raketenschmiede entworfen, war die erste Interkontinentalrakete. Zumal die Sowjets den Amerikanern bald den nächsten Schlag versetzten sollten, noch bevor der „Sputnik“ am 4. Januar 1958 in der Erdatmosphäre verglühte. „Sind wir in der Lage, zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution etwas noch Spektakuläreres im Weltraum zu zeigen?“, bedrängte der kommunistische Parteichef Nikita Chruschtschow den begnadeten Ingenieur bereits kurz nach dem „Sputnik“-Start. Koroljow, der unter Sowjetdiktator Josef Stalin im Arbeitslager leiden musste, verfolgte in der Tat eine weitere Idee: Nun sollte die Sowjet-

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In handschriftlichen Aufzeichnungen und Skizzen entwickelte Sergej Koroljow seine bahnbrechenden Raumfahrtideen.

union gezielt das erste Lebewesen in den Weltraum schießen. In aller Eile bauten Koroljows Techniker eine Kabine mit Lebenserhaltungssystemen und Futterautomat zusammen, während ein geeignetes Tier gesucht wurde. Die Wahl fiel auf die Mischlingshündin Laika, zu Deutsch: „Kläffer“, die bereits Teil des sowjetischen Höhenforschungsprogramms gewesen war. Eingepfercht in eine winzige Überlebenskapsel schossen die Ingenieure Laika mit „Sputnik 2“ am 3. November 1957 in den Kosmos. Ihr Puls raste beim Start, 260 Herzschläge registrierte das Überwachungssystem in der Minute. Bilder des Weltraumhundes sorgten weltweit für Aufsehen. Chruschtschow war begeistert. Laikas Rückkehr zur Erde war dagegen nicht vorgesehen. Selbst die wenigen Tage, die sie eigentlich den Planeten um-

Dutzende Hunde wurden von den Sowjets ins Weltall befördert (im Bild Malyschka).

kreisen sollte, waren ihr nicht vergönnt. Zunächst bellte das arme Tier nach dem überstandenen Start, und sie fraß sogar etwas Futter. Bald erhöhte sich aber die Temperatur in der Kapsel aufgrund mangelhafter Isolierung. Schließlich verendete Laika an Überhitzung. Offiziell lautete die Geschichte anders: Gut sieben Tage habe die Hündin überlebt, dann habe ihr der Futterautomat Gift verabreicht. Die Sowjetunion „ehrte“ Laika, indem sie eine Zigarettenmarke nach ihr benannte. Während die UdSSR so Triumph um Triumph erzielte, blamierte sich der Klassenfeind. In Florida hob im Dezember 1957 die amerikanische Trägerrakete „Vanguard“ ab. Doch ihr Flug dauerte nur wenige Sekunden. Dann detonierte sie in einem Flammenmeer. Höhnisch bot die Sowjetunion den USA technische Hilfestellung an. Koroljow plante bereits den nächsten Schritt: einen Menschen ins Weltall zu befördern. Der umtriebige Tüftler verkörperte das sowjetische Raumfahrtprogramm wie kein anderer. „Je einfacher eine Konstruktion ist, desto genialer ist sie“, bekundete Koroljow. Unter den verschiedenen staatlichen Experimental-Konstruktionsbüros (OKB) für Raketen- und Raumfahrttechnik, die in der Sowjetunion miteinander konkurrierten, war sein „OKB-1“ führend. Rund 15 000 Mitarbeiter waren Anfang der Sechzigerjahre darin beschäftigt. Wichtigster Standort war das seit 1955

aus dem Steppenboden Kasachstans gestampfte Raketentestgelände Tjuratam, heute besser bekannt als Weltraumbahnhof Baikonur. Die gewaltige Anlage täuschte allerdings über den tatsächlichen Stellenwert der Raumfahrt in der UdSSR hinweg. Ihr triumphaler Siegeslauf im All war keineswegs das Resultat eines nationalen Kraftakts. Statt alle Anstrengungen auf die technische Entwicklung zu konzentrieren, verschliss sich Koroljow im Kampf mit Politikern, Bürokraten und Konkurrenten um Geld und Ressourcen. Das Militär war ohnehin nur an Weiterentwicklungen der Waffentechnologie interessiert. Diese Sisyphusarbeit forderte ihren Preis: 1960 erlitt Koroljow seinen ersten Herzinfarkt. Der Bau des „Sputniks“ war überhaupt nur möglich geworden, weil er Chruschtschow die Erlaubnis dazu abgerungen hatte. Erst später erkannte der Parteichef die ungeheure Propagandawirkung erfolgreicher Weltraummissionen. Und trieb die Ingenieure bei propa-

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gandistischem Bedarf immer wieder zu entwickelte Wladimir Tschelomej im übereilten Aktionen an, die Menschen OKB-52 zeitgleich die 50 Meter hohe gefährdeten. „Proton-K“. Die Sowjetunion leistete sich Einer von ihnen hieß Jurij Gagarin. damit den Luxus gleich zweier MondproUnter rund 3000 Piloten der sowjetischen gramme. Armee war der junge Oberleutnant als „Vor uns liegt der Mond“, frohlockte potenzieller Kosmonaut ausgewählt worKoroljow noch 1965, wenig später war den. Sein ausgeglichener Charakter empder Tüftler tot. Er starb im Januar 1966 fahl ihn den Ingenieuren, seine Herkunft während der Operation eines Darmtuals Arbeiter-und-Bauernsohn gefiel der mors. Erst jetzt wurde seine Anonymität Partei. gelüftet, Koroljow erhielt ein StaatsbeSo konnte Gagarin um 9.07 Uhr am gräbnis und wurde an der Kremlmauer 12. April 1961 an Bord des Raumschiffs bestattet. Zu seinen Sargträgern gehörte „Wostok“ sein legendäres „Pojechali!“ unter anderem Jurij Gagarin, der nach aussprechen: „Auf geht’s!“ Mit der entprivaten Eskapaden wieder für die Raumfesselten Gewalt von rund 20 Millionen fahrt arbeitete. Raumfahrt-Held Jurij Gagarin trifft PS hob der erste Kosmonaut vom ErdWie Koroljow nahm auch seine „N1“ 1964 in Moskau den lateinamerikanischen Revolutionshelden Che Guevara. boden ab. Außer Staunen und einigen kein gutes Ende. Keiner der vier Tests Versuchen hatte der Pionier nicht viel zu war erfolgreich. Der zweite Flugversuch tun, das Raumschiff navigierte automatisch. vor Ende dieses Jahrzehnts einen Men- in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1969 „Herrlich“, kommentierte Gagarin sein schen auf dem Mond zu landen und si- endete sogar im völligen Desaster. Aus Abenteuer, das ihn bis auf eine Höhe von cher zur Erde zurückzubringen“, verkün- rund 200 Metern stürzte die „N1“ plötzgut 300 Kilometern ins All führte. Zu- dete US-Präsident John F. Kennedy im lich zurück auf die Erde. „Die Druckwelnächst wusste die Welt nichts von dieser Mai 1961 als Ziel. le der Explosion fegte über uns hinweg Sensation, bis sich um 10.02 Uhr der leKoroljow hatte bereits ebenfalls Pläne und nahm alles mit sich und ebnete alles gendäre Radiosprecher Jurij Lewitan mel- für dieses gewaltige Unternehmen ge- ein, was eben noch stand“, berichtete der dete: „Achtung, Achtung. Hier sind alle schmiedet. Seine 1969 erstmals gestartete Augenzeuge Leutnant Walerij MenschiRundfunkstationen der Sowjetunion.“ „N1“ sollte als schubstärkste Rakete aller kow. „Dann regnete es heißes Metall vom 108 Minuten sollte Gagarins Reise dau- Zeiten sowjetische Kosmonauten zum Himmel.“ ern. Er überlebte sie nur knapp. Zwar Mond befördern. Mit ihren 105 Metern Und auch der Versuch, den Amerikazündete wie vorgesehen das Bremstrieb- erreichte sie fast die Höhe des amerika- nern die Schau zu stehlen, schlug gründwerk. Ungeplant war hingegen, dass sich nischen Pendants „Saturn V“. Während lich fehl. Während Neil Armstrong am Landekapsel und Gerätesektion nicht die Amerikaner mit der Nasa aber alle 20. Juli 1969 seine Landefähre „Eagle“ voneinander lösten. Minutenlang zog die Kräfte bündeln konnten, verzettelten sich sicher auf dem Mond landen konnte, zerKapsel das andere Modul hinter sich her die Sowjets weiterhin. Neben Koroljow schellte die sowjetische unbemannte Sonund geriet in eine gefährliche Drehbewede „Luna 15“ am 21. Juli an einem Berg gung. Endlich, in den dichteren Schichten des Erdtrabanten. Sie hatte vor den Ameder Atmosphäre, rissen die Kabelstränge. rikanern Mondstaub zur Erde bringen Gagarin war frei. In sieben Kilometer sollen. Erst „Luna 16“ brachte den SowHöhe schoss der Kosmonaut mit seinem jets im September 1970 ihr „Stückchen“ Schleudersitz aus der Kapsel, dann flog Mond zur Erde: eine mickrige Bodener per Fallschirm der Erde entgegen. probe von 100 Gramm. Dass die Sowjets Und noch einmal hatte der Himmelskeinen Mann auf den Mond brachten, stürmer Glück. Aus Versehen hatte er war auch eine Folge ihrer RüstungspoliFallschirm und Ersatzfallschirm ausgelöst, tik. Raketen wurden in erster Linie für es bestand die Gefahr, dass sich die das Militär entwickelt. Eine zentrale BeLeinen verhedderten. Von diesen Misshörde für die zivile Raumfahrt gab es geschicken schwieg die sowjetische Pronicht. paganda später. Ebenso darüber, dass GaDie Kosmonauten werden in Russland garin gar nicht mit seinem Raumschiff bis heute verehrt. Gagarin bekam maswieder auf der Erde gelandet war. senhaft Orden, ehe er 1968 mit einem Der frisch Zurückgekehrte wurde freJagdflieger verunglückte. Noch immer netisch gefeiert. Per Autokorso kutschiersind viele Straßen nach ihm benannt. te man den Helden durch Moskau, der Und auch Walentina Tereschkowa, 1963 Mann, der all das ermöglicht hatte, saß die erste Frau im Weltall, ist noch in Rang dagegen unscheinbar in einem anderen und Würden – als Abgeordnete der PuWagen. Niemand, außer einem kleinen tin-treuen Partei Einiges Russland in der Karikatur aus dem Magazin „Punch“, 1970: Kreis von Eingeweihten, durfte wissen, russischen Duma. Dort befasst sie sich „Ganz offen, Genosse: Der Absatz eines wer Sergej Koroljow war. Aus Angst vor mit eher bodenständigen Anliegen. AnWeltraumstiefels und etwas, das aussieht Anschlägen. fang Oktober 2016 schlug sie im Parlawie die Überreste von Armstrongs MittagDie USA wollten den Wettlauf im ment vor, Wladimir Putin zum 64. Geessen – ich glaube, das ist kein großer Schritt für die sowjetische Wissenschaft.“ ■ Weltall nun für sich entscheiden. „Noch burtstag 450 Rosen zu verehren. SPIEGEL GESCHICHTE

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Aufbruch und Zerfall Entstalinisierung

Mal pragmatisch, mal poltrig-cholerisch milderte Nikita Chruschtschow die Härten des Regimes. Doch wie zuvor herrschte der Parteiapparat.

„In die Fresse“ Von Andreas Wassermann

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itunter konnte Nikita Chruschtschow so richtig ausrasten. Und es reichten Petitessen, um den Vorsitzenden der KPdSU und Regierungschef der Sowjetunion in den Furor zu treiben. Wie 1959 auf seiner ersten USA-Reise. Angeblich aus Sicherheitsgründen hatten ihm die Gastgeber einen Ausflug in den kalifornischen Freizeitpark Disneyland aus dem Programm gestrichen. Chruschtschow drohte mit dem Abbruch des Staatsbesuchs. Nach einem Empfang im Hotel Ambassador durch den Bürgermeister von Los Angeles legte er stiernackig los: Nicht nur dass er reihenweise langweilige Bankette ertragen müsse, jetzt werde ihm auch noch der einzige Spaß der Reise genommen. Zuvor hatte

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er den Bürgermeister ordentlich abgekanzelt. Später wird Chruschtschow notieren: „Ich musste diesem antisowjetischen Hornochsen eins in die Fresse hauen, öffentlich und sofort.“ US-Präsident Dwight D. Eisenhower lenkte ein. Zwar blieb Chruschtschow das ersehnte Tête-à-Tête mit Mickymaus verwehrt, aber sonst konnte nun der Sowjetführer das Programm beim Klassenfeind bestimmen und treffen, wen er sehen und sprechen wollte. Es mag diese Staatstourismus-Erfahrung gewesen sein, die Chruschtschow ermutigte, auch in politisch bedeutsameren Angelegenheiten den Flegel zu geben. Legendär wurde sein Auftritt bei der Uno-Vollversammlung in New York 1960 nach dem Abschuss eines US-Spio-

nageflugzeugs über sowjetischem Gebiet. Chruschtschow zog aus Protest einen Schuh aus und postierte ihn vor sich auf dem Tisch. Ob er dann wirklich mit seinem Treter mehrmals auf den Tisch schlug, wie jahrzehntelang im Westen kolportiert wurde, ist nicht belegt. Unbekannt blieben im Westen manche Wutausbrüche des Kommunistenchefs im eigenen Land – etwa als sowjetische Künstler und Intellektuelle glaubten, mit dem Ende von Stalins Terrorregime und der Öffnung der sibirischen Lager sei auch die Kunst von Fesseln befreit. Sie sollten sich gründlich täuschen. Moskau, 8. März 1963, im Kreml: Chruschtschow hatte Schriftsteller und Künstler eingeladen. Der Bauernsohn aus dem Westen Russlands pflegte ein volkstümliches Kunstverständnis wie wohl die meisten im weiten Sowjetreich. Chruschtschow schätzte Gemälde, die romantisch-naturalistisch russischen Birkenwäldern oder dem Morgenrot entgegenblickenden Proletariern huldigen. Er sang gern alte Rotgardisten-Kampflieder, wie die von Demjan Bedny, einem populären Dichter, der in der Hochphase des stalinschen Terrors Elogen auf die Erschießung von „Volksfeinden“ verfasst hatte. Kunst, sagte Chruschtschow, habe dem Aufbau des Kommunismus zu die-

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Wenn Chruschtschow Künstler und Schriftsteller empfängt, geht es selten so heiter zu wie auf diesem Gemälde von 1957.

nen und müsse dem Volk gefallen. Alles andere sei konterrevolutionär. Dann ging er einzelne Kulturschaffende ganz persönlich und direkt an: „Widerwärtige Kleckserei“ habe der Künstler Ernst Neiswestny produziert, „Kakofonie“, die nur „Gereiztheit“ auslöse, die Gruppe moderner Komponisten und Jazzmusiker. Doch besonders intensiv widmete sich der Sowjetführer einem Kinofilm, der noch nicht einmal komplett fertiggestellt war: Marlen Chuzijew hatte im „Vorposten von Iljitsch“ eine zweifelnde Jugend geschildert, im Stil des italienischen Neorealismus, unsicher mit sich selbst und mit den kommunistischen Apparatschiks hadernd. Chruschtschow war der Film nicht parteilich genug. „Die Nichtstuer und moralisch zersetzenden Typen“ würden nicht richtig „angeprangert“. Statt sich mit „Abschaum“ und „Schmarotzern“ auseinanderzusetzen, hätte der Filmemacher sich an der „sowjetischen Jugend“ orientieren sollen, die „heldenhafte Traditionen“ des Marxismus-Leninismus „im Kampf und in der Arbeit“ fortsetzten. Der Film wurde zensiert und musste gründlich überarbeitet werden. Erst dann, zwei Jahre später, kam er ins Kino. Da wusste Chuzijew, dass Chruschtschow zwar die Sowjetunion von den mörderischen Exzessen des Stalinismus befreit hatte, doch weder den Sozialismus demokratisieren noch Freiheit des Denkens und der Kunst gewähren wollte. Die kleine Episode zeigt, dass Chruschtschow an echten Reformen kein Interesse hatte, sondern nostalgisch an den alten Zeiten hing. Seine Entstalinisierung der Sowjetunion bedeutete vor allem die Restauration des Leninismus und der kollektiven Macht der Parteibürokratie. Die Modernisierung beschränkte sich im Wesentlichen auf Technik und Technokratie. Und es war Chruschtschow selbst, der daraus keinen Hehl machte, wie bereits seine Geheimrede am 25. Februar 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU belegt. Sie war Chruschtschows Abrechnung. Bis dahin hatten nur Regierungsgegner, die in den Westen geflohen waren, so deutliche Wor-

te gefunden. Stalin, der bis zu seinem Tod im Jahre 1953 als eine Mischung aus allwissendem, alles vermögendem Gottvater und gütigem St. Nikolaus der kommunistischen Weltbewegung verklärt worden war, erschien nun als das Böse schlechthin: ein selbstherrliches Monster, das verhaften, foltern und morden ließ, wie es ihm gerade beliebte. Ein Diktator, der aus dem Land der glorreichen Oktoberrevolution einen Raum für straffreien Massenmord gemacht hatte. „Stalin galt nun als prima causa des Stalinismus, eine nicht eben marxistische Erklärung“, analysiert der Historiker Dietrich Beyrau. Um das System der Parteiherrschaft zu retten, betrieb Chruschtschow eine Teildämonisierung des Diktators. Erst sei Stalin, der Weggefährte Lenins, ja ein aufrechter Kommunist gewesen. Der Feldzug gegen die Anhänger Leo Trotzkis und Grigorij Sinowjews galt weiterhin als Verteidigung der Revolution. Und natürlich schwieg Chruschtschow über die Grausamkeiten beim Aufbau des Sozialismus und seine eigene Rolle dabei. Die Oktoberrevolution und die leninistische Diktatur des Proletariats sollten unbefleckt erscheinen. Dennoch wirkte die Rede auf die Genossen auf dem Parteitag wie ein Paukenschlag. Noch nie zuvor hatte ein ParGeste im Kalten Krieg: US-Präsident John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow reichen sich 1961 in Wien die Hände.

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teichef seinen Vorgänger so in den Staub getreten. Chruschtschow hatte Stalin faktisch zum Verräter erklärt, der in den letzten Lebensjahren immer „launenhafter, gereizter, brutaler“ wurde. Vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätte dessen „Verfolgungswahn unwahrscheinliche Ausmaße erreicht“, sagte Chruschtschow, der selbst in der Hochphase des Stalinismus Parteikarriere gemacht hatte. Chruschtschows Abrechnung wurde erst mal zur geheimen Verschlusssache. Die Teilnehmer durften über das Gehörte nicht sprechen. Auch die KPdSU-Funktionäre in der Provinz, die später in diskreten Runden auf die neue Parteilinie eingeschworen wurden, mussten die brisanten Informationen für sich behalten. Notizen waren verboten. Am Ende der Versammlungen wurde der Redetext wieder eingezogen. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen fanden wesentliche Teile von Chruschtschows Philippika den Weg zum Klassenfeind, und über den US-Propagandasender „Radio Free Europe“ erfuhren nun auch die  Sowjetbürger von den Lagern in Sibirien und der systematischen Ermordung von Stalin-Kritikern.  Jedoch destabilisierten solche Enthüllungen keineswegs das Regime, wie im Westen so mancher spekuliert hatte. Denn die KPdSU und ihre Apparatschiks hatten in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre im eigenen Land wenig zu fürchten. Der Sowjetmensch nehme „staatliche Anordnungen widerspruchslos hin, weil er nicht an der Kompetenz der Führung zweifelt“, schrieb 1958 der deutsche Journalist und SowjetunionKenner Klaus Mehnert. Doch es war nicht nur Fatalismus. Die Bevölkerung war in den ersten Jahren der Chruschtschow-Ära leidlich zufrieden, weil sich die Lebensverhältnisse spürbar verbesserten. Die inzwischen weitgehend industrialisierte Landwirtschaft fuhr überwiegend gute Ernten ein. Die Regale der Lebensmittelgeschäfte waren erheblich voller als in den von Hunger geprägten Nachkriegsjahren. Auch konnten nun Sowjetbürger in Maßen ihren Wohnort frei wählen. Dissidenten der Stalin-Ära durften aus der Verbannung zurückkehren, dosierte Kritik wurde möglich, ohne dass Lagerhaft drohte. Zumindest, wenn

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sie nicht direkt der Partei, dem Apparat und den Funktionären galt. Es wehte ein Lüftchen der Freiheit, wenn auch ein ziemlich laues. Zudem steigerten Erfolge in Wissenschaft und Technik das Selbstbewusstsein der Menschen. Vor allem in der Weltraumfahrt schien den Sozialismus in seinem Lauf nichts mehr aufhalten zu können. Im Oktober 1957 schoss die Arbeiter-und-Bauernmacht den ersten Satelliten in den Orbit, einen Monat nach „Sputnik“ folgte die Hündin Laika als erstes Lebewesen im All. 1961 schließlich flog der sowjetische Luftwaffenoffizier Jurij Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. Solche Missionen verschafften Chruschtschows Sowjetunion Anerkennung über die sozialistische Staatengemeinschaft hinaus. Zudem hatte sich die Moskauer Tonlage auf der internationalen Bühne verändert. Chruschtschow, Regierungschef einer Atommacht mit Weltvernichtungspotenzial, sendete im Kalten Krieg erste Signale einer friedlichen Koexistenz zwischen Ost und West.  Denn in jener Zeit war die Systemfrage bei Weitem nicht entschieden. In westeuropäischen Demokratien wie Großbritannien und Frankreich hegten linke Politiker – nicht nur Kommunisten – Sympathien für staatlich gelenkte Wirtschaft und Landwirtschaft. Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika sahen in der Sowjetunion einen willkommenen Bündnispartner, um sich ihrer Kolonialherren oder korrupter Militärjuntas zu entledigen. Damit wuchs der globale Einfluss der Sowjetunion.

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Beim Ungarnaufstand 1956 kommt es zu Gräueltaten: Die Leiche eines gelynchten Geheimpolizisten hängt an einem Baum in Budapest.

In der kommunistischen Weltbewegung hingegen sorgte Chruschtschows Stalin-Entsorgung für Irritationen. Moskautreue KP-Führer im Westen, die Stalins Kopf jahrzehntelang als Ikone betrachtet hatten, wirkten verstört. Manche wünschten sich, die blutrünstige Vergangenheit wäre nie enthüllt worden. Das nationalkommunistische Albanien, die letzte Bastion des Stalinismus in Europa, brach mit der Sowjetunion und wandte sich Mao Zedongs China zu, der zweiten kommunistischen Großmacht. Denn in

reits im Sommer und Herbst 1956 hatten dies auf äußerst brutale Art die Polen und Ungarn erfahren. In beiden Ländern, die seit Kriegsende zum sowjetischen Machtbereich gehörten, war es zu Demonstrationen, Streiks und Aufständen gekommen. In Ungarn bildete sich schließlich eine Mitte-linksRegierung, die als Erstes den Austritt aus dem sowjetisch dominierten Verteidigungsbündnis Warschauer Pakt verkündete und die Sowjetarmee aufforderte, umgehend aus Ungarn abzuziehen. Auf den Straßen aber lynchten Rechtsnationalisten kommunistische Aktivisten und Bedienstete der Staatssicherheit. Die sowjetischen Truppen blieben und schlugen den Aufstand nieder. Die Regierung wurde entlassen und durch Kommunisten ersetzt, die anfangs moskautreu und später unter Parteichef János Kádár gemäßigt reformerisch agierten. In der westeuropäischen Linken gab es viele Sympathisanten. Als die Panzer der Sowjetarmee in Budapest den Freigeist niederwalzten, war Rossana Rossanda Funktionärin der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) in Mailand, zuständig für Kultur. Die damals 32-jährige Genossin hatte schon länger ihre Probleme mit der Sowjetunion wie viele italienische Kommunisten. Chruschtschow galt aber auch Rossanda anfangs als Hoffnungsträger, die Niederschlagung der Demokratiebewegung in Ungarn änderte fast alles. „Es ist Zeit, dass wir die sowjetische Hypothek loswerden“, zitiert Rossana Rossanda in ihren Lebenserinnerungen aus einer Sit-

Französische Kommunisten debattierten bald über einen Sozialismus „in den Farben Frankreichs“. Peking galt Chruschtschow bald als „re- zung des KPI-Zentralkomitees in jenem visionistischer Verräter“. Dem „ersten Herbst 1956. Kurz danach fand der achte sozialistischen Staat der Welt, den das Parteitag der KPI statt, ein Kongress, der große Sowjetvolk mit Blut und Schweiß zwar nicht die Trennung von den sowjeerbaut hat“, drohe „die beispiellos ernste tischen Genossen verkündete, aber zum Gefahr einer Restauration des Kapitalis- ersten Mal den eigenen Weg zum Soziamus“, zeterte das chinesische KP-Zen- lismus offen postulierte. tralorgan „Renmin Ribao“ am 14. Juli Auch französische Kommunisten de1964 in einer mehrere Zeitungsseiten um- battierten bald über einen Sozialismus fassenden Abhandlung über den „Pseu- „in den Farben Frankreichs“. Chruschdokommunismus Chruschtschows und tschow hat willentlich oder unwissend eidie historischen Lehren für die Welt“. nen ideologischen Erosionsprozess geDoch hier sollten Mao Zedongs Ge- fördert, auch in der Sowjetunion selbst. nossen irren, wenngleich sie erkannten, Und das fanden seine Parteiapparatschiks dass der revolutionäre Elan im Lande Le- in Moskau eines Tages zu riskant. Im nins zu erlahmen begann. Chruschtschow Herbst 1964 entfernten sie den leicht aufwollte auf die Alleinherrschaft der Kom- brausenden Bauernsohn aus dem Amt. andreas.wassermann@spiegel.de munistischen Partei nicht verzichten. Be-

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Dokument

„Chruschtschow muss weg“

Aus: Die DDR im Blick der Stasi 1956 Bearbeitet von Henrik Bispinck, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016

Die Abkehr von Stalin sorgte in der DDR für Unruhe. Die Enthüllungen Nikita Chruschtschows über Josef Stalin auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 verunsicherten viele Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Bis dahin galt für sie die Devise, die der Kommunist Ernst Busch in die Zeile gefasst hatte: „Stalins Wort gibt uns das Wissen, Stalins Wille macht uns hart.“ In geheimen Berichten an die SED-Führung beschrieb das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), wie DDR-Bürger mit und ohne Parteibuch über die politische Entwicklung diskutierten (Auszüge von 1956):

gleichen. So erklären Arbeiter dieser Abteilung, „dass der Genosse Ulbricht genau so ein Diktator ist und es nicht besser macht, wie der Genosse Stalin. Außerdem hätte er schon einige Menschen in der DDR auf dem Gewissen“. Diese Worte fanden Zustimmung bei den übrigen Kollegen. Aus einem Bericht vom 26. Oktober: Dr. Loch 2 äußerte, dass Chruschtschow weg muss, da seine Politik falsch ist. Die Entstalinisierung würde sich sehr negativ auswirken. Z. B. Polen und Ungarn. Das russische Volk brauche immer jemanden, zu dem es aufschauen könne, und diese Person hat man ihm jetzt genommen.

Aus einem Bericht vom 28. Februar: In der Berichtszeit haben die Diskussionen über den XX. Parteitag der KPdSU unter allen Bevölkerungsschichten wesentlich an Umfang zugenommen. Neben diesen positiven Stellung- Aus einem Bericht vom 28. Oktober: Die Äußerungen gegen die Führung der SED – insbesondere gegen Walter nahmen gibt es jedoch eine ganze Anzahl Unklarheiten beziehungsweise negative Diskussionen. Derartige Dis- Ulbricht – haben wieder zugenommen. Forderungen auf kussionen werden in größerem Umfang unter Angestell- Änderungen im Politbüro wurden in Verbindung mit den Ereignissen in Polen und Ungarn erhoben (Hochschule ten örtlicher und zentraler Verwaltungen, Mitgliedern der SED, Angehörigen der Volkspolizei, Lehrern und Stu- für Ökonomie, Universität Leipzig, Humboldt-Universität). denten sowie in geringerem Maße auch von 1 Abkürzung für Aus einem Bericht vom 7. November: In den Arbeitern der Industrie geführt. Zeitschriften „Der Sonntag“, „Die WochenEin Arbeiter im VEB 1 Kaliwerk Bleicherode, Volkseigener Betrieb. Kreis Nordhausen, sagte, „dass man jetzt von- 2 Hans Loch (1898 post“ und „Eulenspiegel“ werden Artikel bebis 1960), Vorsitzenseiten der neuen Regierung eine andere Politik der der von der SED ziehungsweise Zeichnungen veröffentlicht, die einschlägt und dass man dabei ist, die Werke gelenkten Liberalgeeignet erscheinen, die staatliche Autorität von Stalin zu vernichten, dass man Straßen demokratischen Partei und das Ansehen gesellschaftlicher Organisa(LDPD) und Städte umbenennt und dass man über- Deutschlands tionen zu untergraben. und stellvertretender haupt die stalinsche Politik völlig verwirft“. Auch das letzte Programm der Berliner „DisDDR-Ministerpräsident, pflegte tel“ 3 – O du geliebtes Trauerspiel – bedürfte einer Überprüfung. Ein Transparent trägt die Aus einem Bericht vom 8. Juni: In der Abtei- enge Kontakte in die Sowjetunion. Aufschrift „Hoch“, das andere „Nieder“. Auf lung Montage der Rathenower Optischen Wer3 Das Kabarettdie Frage, was das bedeute, wird geantwortet, ke diskutiert man erneut über Stalin und ver- Theater „Distel“ war das würde man erst nach dem XXI. Parteitag sucht mit allerlei Varianten, den Genossen Wal- 1953 in Ostberlin erfahren. I ter Ulbricht mit dem Genossen Stalin zu ver- gegründet worden.

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Aufbruch und Zerfall Frauen in der Sowjetunion

Mit großer Geste förderte das Sowjetsystem die Gleichberechtigung der Frau. Doch die Alltagsprobleme der Mangelwirtschaft und das patriarchalische Denken bremsten den Fortschritt.

Im Galopp zum Kindergarten Von Christine von Brühl

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nallrot ist Nikita Chruschtschow angelaufen. Auf seiner Glatze bilden sich die Venen ab. Der sowjetische Regierungschef steht in der Küche eines Modellhauses, das die Amerikaner kurzzeitig in ihrer Nationalausstellung in Moskau errichtet haben, es ist der 24. Juli 1959. Soeben hat US-Vize Richard Nixon stolz einen Putzroboter präsentiert, der automatisch Böden und Flure reinigt. Man brauche keine Hausfrau mehr, hat Nixon behauptet. Das hat Chruschtschow zur Weißglut gebracht. Ob sie in Amerika wohl auch eine Maschine hätten, die einem das Essen in den Mund stecke und es gleich noch hinunterdrücke, soll er gebrüllt haben. Die Provokation war perfekt. Tagelang hatten die Amerikaner in ihrer Moskauer Produktionsschau Dias von Supermärkten und Elite-Universitäten aus den Staaten gezeigt, hatten Farbfernseher, Spülmaschinen und Rasenmäher vorgeführt und mit Backmischungen sowie eleganten Damenschuhen aufgetrumpft. Das eingerichtete Modellhaus stellte die innovativsten Haushaltsgeräte zur Schau, die Amerika damals zu bieten hatte. Und die Menschen strömten herbei: 2,7 Millionen Gäste konnten die Veranstalter verbuchen. Aber Chruschtschow tobte. Er war der Überzeugung, auf die vorgeführten Geräte hätten nur jene Amerikaner Zugriff, die sie sich auch leisten konnten, also die Reichen. In der Sowjetunion, lautete seine Vision, würden derlei Arbeitshilfen sämtlichen Bürgern zur Verfügung stehen. Niemand habe Armut zu leiden, jeder

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bekäme seinen eigenen Staubsauger, einen eigenen Mixer und zuletzt auch ein eigenes Haus. Ja, man würde schon bei der Produktion von Haushaltsgeräten darauf achten, dass sie später günstig im Preis und massenhaft vorhanden seien. Überraschend war nicht, dass diese Diskussion ausgerechnet in einer Küche stattfand (als sogenannte „Küchendebatte“ ging sie damals ins Zeitgeschehen ein), denn gerade das häusliche Leben lag Chruschtschow besonders am Herzen. Während seiner Regierungszeit verabschiedete er zahlreiche Beschlüsse, die auf eine verbesserte Lage der Familie, insbesondere der Frauen, zielten. Dazu gehörten der flächendeckende Aufbau öffentlicher Wäschereien, subventionierter

Mit seinen Reformansätzen musste Chruschtschows historisch nicht weit zurückgreifen. Die Gleichstellung von Mann und Frau war eines der Grundanliegen der Russischen Revolution gewesen. Zahlreiche Dekrete und Gesetze wurden erlassen, die damals zu den fortschrittlichsten weltweit zählten. Durch ein gelockertes Ehe- und Scheidungsgesetz und die Einführung des Prinzips, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu bezahlen, sollte die Arbeiterin aus doppelter Unterdrückung befreit werden: als Klassenangehörige und als Frau aus der Herrschaft des Mannes. In Siegerpose hatte Lenin auf dem ersten Gesamtrussischen Kongress aller Arbeiterinnen im November 1918 verkündet: „Die Erfahrung aus allen Befreiungsbewegungen hat gezeigt, dass der Erfolg einer Revolution davon abhängt, wie viele Frauen daran teilnehmen.“ Betrachtet man die Zahlen und Fakten, so muss sich in den Nachkriegsjahren vieles zum Besseren verändert haben. Die Tauwetter-Periode nach Stalins Tod sorgte nebst Planwirtschaft für erhebliche Umsatzsteigerungen in der Sowjetunion. In den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren konnte ein wirtschaftliches Wachstum von zehn bis elf Prozent pro Jahr verzeichnet werden, das war zwei- bis dreimal so hoch wie in vielen westlichen Demokratien. Das kam auch den Frauen zugute. Während 1960 noch landesweit 500 000 Kindergartenplätze zur Verfügung standen, waren es Anfang der Siebziger schon fünf Millionen. Auch herrschte keinerlei Diskriminierung der erwerbstätigen Frauen. Sobald sie ein Kind erwarteten, hatten angehende Mütter die Freiheit, auf Schwerstarbeit zu verzichten.

Die Frauen waren für alles gleichzeitig zuständig: Geld verdienen, Kinder bekommen, putzen. Kantinen, Krippen und Kindertagesstätten. Die Frauen sollten, was Hausarbeit und Kinderversorgung betrifft, deutlich entlastet werden. Ziel war es, ihnen ein Studium und weiterführende berufliche Ausbildung zu ermöglichen, berufliche Tätigkeiten in Vollzeit und hinreichend Raum für gesellschaftlich-politisches Engagement. Für die Betreuung der Kinder, die Zubereitung warmer Mahlzeiten und das Waschen der Kleider sollte möglichst ausschließlich der Staat sorgen. Frauen sollten sich politisch genauso aktiv am Aufbau der neuen, nachstalinistischen Sowjetunion beteiligen können wie die Männer.

Sie durften laut Beschluss des XX. Parteitages im Jahr 1956 ihren Arbeitsplatz acht Wochen vor der Entbindung verlassen, sowie acht Wochen danach ansatzlos wieder zurückkehren. Heftig diskutiert wurde die Frage, ob Frauen mit Kleinkindern verkürzt arbeiten gehen könnten. Ab den Siebzigern erhielten sie gar das Recht, sich der Nachtarbeit und der Beschäftigung untertage zu verweigern. Während Männer mit 60 in Rente gehen konnten, war das Frauen schon mit 55 gestattet. Die Regelung gilt in Russland bis heute. Diese Sicherheiten schlugen sich auch in den Beschäftigungsraten nieder. Der

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Szenen aus dem Berufsleben: Einige Frauen drangen in Männerdomänen vor, zum Beispiel als Ingenieurin, doch häufig blieb für sie bloß die einfachere Arbeit in der Fabrik, und ihre Löhne waren geringer.

Anteil der Frauen, die eine Höhere Ausbildung abgeschlossen hatten, stieg von 28 Prozent im Jahr 1927 auf 43 Prozent im Jahr 1960 bis zu 49 Prozent im Jahr 1979. 1964 machten die Frauen fast die Hälfte aller sowjetischen Arbeitskräfte aus. Nur Länder wie Finnland oder Frankreich konnten vergleichbare Zahlen aufweisen. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen stieg im gesamten Zeitraum auf mehr als das Doppelte, auf 73 Jahre. Die Kindersterblichkeit sank um 90 Prozent. Trotzdem konnten die Frauen, was Le-

bensqualität und Selbstbestimmung angeht, von den Verbesserungen im Einzelnen nicht wirklich profitieren. Die Gründe dafür sind komplex. In dem 1979 gedrehten Spielfilm „Moskau glaubt den Tränen nicht“ („Moskwa sljosam ne we-

rit“) von Wladimir Walentinowitsch Menschow, der 1981 einen Oscar erhielt, werden sie dem Zuschauer mit gewisser Tragikomik, aber wirkungsvoll vor Augen geführt. Man sieht die Protagonistinnen Katja, Ljudmila und Antonina, allesamt Anfang 20, in ihrem Moskauer Arbeiterwohnheim, in dem sie sich zu dritt ein Zimmer teilen. Tagsüber arbeiten sie in der Fabrik, erlernen ihr Handwerk; nachmittags und abends bemühen sie sich um höhere Abschlüsse. Am Wochenende waschen sie in den Gemeinschaftsduschen ihre Wäsche von Hand. Auf den Gängen fahren Kinder mit dem Dreirad um die Wette, während die Frauen in den Zimmern versuchen, für die Prüfungen zu lernen. Später fahren die Freundinnen in aufgekratzter Stimmung mit Nikolai, einem Bauarbeiter, der sich in Antonina verliebt

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hat, aufs Land. Er hat die Mädchen auf die Datscha eingeladen, um die Geliebte seinen Eltern vorzustellen. Das Auto holpert über unbefestigte Straßen, vorbei an unbestelltem Land, bescheidenen Kleingärten, in denen in dichten Reihen Gemüse und Obst gezogen wird, und es ist jetzt schon klar, wer die Arbeit in diesen Gärten später verrichten wird. Die Frauen waren für alles gleichzeitig zuständig: Sie mussten studieren, Geld verdienen, außerdem einen Mann finden, Kinder bekommen, kochen, putzen, einkaufen, die Datscha versorgen und all diese verschiedenen Baustellen ununterbrochen im Auge behalten. Dabei waren die Aufgaben im Einzelnen schlecht planbar. Auch funktionierten die Abläufe im System nicht reibungslos. Waren die Ausbildung abgeschlossen, die Kinder gebo-

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Aufbruch und Zerfall Frauen in der Sowjetunion

Szenen aus dem Privatleben: Das Programm aus Küche, Kindern und kommunistischer Bildung mussten Frauen ohne viel männliche Unterstützung bewältigen.

ren, die volle Berufstätigkeit erlangt, haupt leisten zu können; zudem galt es rannten die Frauen jeden Tag im Galopp als anrüchig, Haushaltshilfen oder Reinizum Kindergarten, um die Kinder ab- gungskräfte zu beschäftigen. Und dann zuholen. In zahlreichen Briefen an die war auch noch die Versorgung mit LeRedaktion der Frauenzeitschrift „Rabot- bensmitteln und Konsumgütern mangelniza“ („Die Arbeiterin“) beklagten sich haft, was die Organisation des Haushalts Leserinnen über mangelhafte Öffnungs- mühsam und zeitraubend machte. Mänund Schließzeiten von Krippen und Kitas, ner übernahmen hier in den seltensten die nicht mit ihren Arbeitszeiten korre- Fällen Verantwortung. Zur traurigen Realität der Sowjetlierten. Unterstützung mussten sie sich bei ihren Müttern oder Schwiegermüt- gesellschaft gehörte, dass sich das berufliche tern holen, die Verantwortung für Kinder Engagement der Frauen kaum in ihren und Haushalt blieb aber ihnen überlas- Gehältern niederschlug. In ihrem Buch sen, und damit auch der tägliche Druck. „Kinder, Küche, Kommunismus“ schreibt Carmen Scheide, schon zwischen den Ein Kernproblem ergab sich aus der Man- Kriegen habe es im Arbeitsleben die Kagelwirtschaft: Der Dienstleistungssektor tegorie „Frauenarbeit“ gegeben, die eiwar chronisch unterentwickelt, sodass nen minderen Status besaß und niedritägliche Pflichten kaum delegiert werden gere Löhne legitimierte. Melanie Ilič bekonnten. Auch waren die Gehälter im stätigt in ihrer Aufsatzsammlung „WoEinzelnen zu gering, um sich das über- men in the Khrushchev Era“, dass es trotz

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einer hohen Rate berufstätiger Frauen nur wenige weibliche Führungskräfte in der Sowjetunion gab. Allein in Bereichen wie im Gesundheitswesen oder in der Bildung, wo Frauen sowieso einen Großteil der Beschäftigten ausmachten, lag auch ein Teil des Managements in weiblicher Hand. Schwach waren Frauen in den politischen Organisationen repräsentiert. Obwohl sie nahezu die Hälfte der Arbeiterschaft ausmachten, waren sie 1962 nur zu 27 Prozent im Obersten Sowjet vertreten. Eher tummelten sie sich auf wenig einflussreichen lokalen Delegiertenversammlungen, wo sie sich für die spezifisch-konkreten Bedürfnisse der Frauen an ihrem Arbeitsplatz einsetzten. Sie wurden auch wesentlich seltener dafür offiziell ausgezeichnet. Bis 1963 erhielten doppelt so viele Männer wie

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Frauen eine Medaille oder einen Ehrentitel, nur ein Viertel aller Lenin-Orden ging an eine Frau. In den Reden zum jährlichen Frauentag am 8. März priesen meist Männer die Errungenschaften der Sowjetfrauen. Selbst die Dissidentinnen, die für einen Drang nach Veränderung standen, konnten sich dem alten Rollenverständnis nicht entziehen. Anke Stephan schil-

dert in ihrem Buch „Von der Küche auf den Roten Platz“, wie selbstverständlich eine kämpferische Frau wie die renommierte Bürgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa nach einem vollen Arbeits- und Haushaltstag spät nachts noch quer durch Moskau fuhr und sich durch den dunklen Korridor einer Kommunalwohnung tastete, um in ein überfülltes, verrauchtes Zimmer zu gelangen, wo sich eine „kom-

panija“ traf. Während die Männer Untergrundschriften, den Samisdat, lasen, Wodka tranken, Jazz hörten und bis zum Morgengrauen diskutierten, standen die Frauen am Herd, bereiteten Tee, belegte Brote und frische Piroggen. Der Wille zur Veränderung war da, eine „Küchendebatte“ hatte stattgefunden, doch für die nächste Revolution war ■ die Zeit noch nicht reif.

Der aus einer Weberfamilie stammenden Jekaterina Furzewa gelang der Aufstieg bis in die oberste Parteiführung.

Bolschewikin im Ballkleid Am 27. Dezember 1957 berichtete das „Hamburger Abendblatt“ ernannt. Aber das machte die Degradierung nicht wett, denn über eine Politpersonalie in der UdSSR: Jekaterina Furzewa wer- die Parteiführung war mächtiger als die meisten Ministerien. de ins Zentralkomitee (ZK) der KPdSU aufsteigen. „Frau Furzewa“, Nun war sie die bis dahin zweite Frau mit einem Ministerposten hieß es dazu, „gilt seit Langem als die politische, nach anderen in der Sowjetunion. Noch als ZK-Mitglied hatte sie 1959 das Internationale MosInformationen sogar als die persönliche Favoritin Chruschtschows“. Frauen in der Politik waren damals überall auf der kauer Filmfestival wieder aufleben lassen, das bis heute exisWelt eine Rarität. Auch deshalb stand Furzewa unter besonderer tiert. Als Ministerin hatte sie dann doch einigen Einfluss; so Beobachtung. Ob aber KP-Chef Nikita Chruschtschow und Fur- sorgte sie für Ausstellungen russischer Kunstschätze aus der Eremitage oder dem Russischen Museum in Japan, in Amerika zewa tatsächlich eine Affäre hatten, ist nicht bekannt. Jekaterina Alexejewna Furzewa war am 7. Dezember 1910 in und in europäischen Ländern. Sie initiierte die Gründung des Wyschni Wolotschok geboren worden, gut 270 Kilometer nord- berühmten Theaters an der Taganka in Moskau. Sie verurteilte zwar Alexander Solschenizyns regimekritische Halwestlich von Moskau. Ihr Vater kam im Ersten Welttung, forderte aber öffentlich, dass ihm der Litekrieg an der deutsch-russischen Front um. Jekateraturnobelpreis 1970 in Moskau überreicht werden rina lernte Weberin wie ihre Mutter, war bereits mit könne. 14 Jahren Mitglied im Komsomol, der JugendorgaFurzewa fiel auf Festen im Kreml als „unermüdnisation der KPdSU, und trat 1930 in die Partei ein. liche Tänzerin“ auf. Ihre Abendgarderobe erweckte Später studierte sie Luftfahrttechnik und Chedie Aufmerksamkeit der Presse. Häufig reiste sie mie; früh übernahm sie Führungspositionen in den nun ins Ausland, kleidete sich elegant und ließ lokalen Parteiorganisationen. Doch ihre Karriere wurde nicht nur wegen ihrer Hingabe zum Sozialismus, sich auch mal in Paris frisieren. ihrer Klugheit und ihrer rhetorischen Fähigkeiten geNoch vor Breschnew besuchte die Kulturminisfördert: Chancengleichheit von Arm und Reich, terin Westdeutschland, sie parlierte mit US-PoGleichberechtigung der Frau – Furzewa verkörperte Funktionärin Furzewa 1973 litikern, traf Romy Schneider und lud Elizabeth das Gelingen sozialistischer Heilsversprechen. Taylor in den Kreml. Ihre charmante Art, die sie Der 16 Jahre ältere Chruschtschow ließ an seiner Be- deutlich von anderen sowjetischen Politikern unterschied, kam geisterung für die blonde Frau keinen Zweifel. Er kannte sie gut an. schon früh aus gemeinsamer Arbeit in Moskau. Bei der In erster Ehe war sie mit einem attraktiven Piloten verheiraMaiparade 1955 auf dem Roten Platz winkte er sie aus der tet, der sie kurz nach der Geburt der Tochter 1942 verließ. Es Zuschauermenge zu sich hoch auf die Ehrentribüne am folgte eine langjährige Affäre mit einem verheirateten Mann. Lenin-Mausoleum. Während des XX. Parteitags im Februar Der zweite Ehemann war der weltgewandte Diplomat Nikolai 1956, bei dem er seine berühmte Rede hielt, saß sie zu seiner Firjubin, der sich schließlich für Furzewa von seiner damaligen Rechten. Frau scheiden ließ; es heißt aber, er habe Furzewa betrogen. Furzewa half maßgeblich, Chruschtschows Sturz durch Sta- Sie verliebte sich in den Direktor der Mailänder Scala. Jekaterina Furzewa starb im Oktober 1974 mit 63 Jahren. linisten 1957 zu verhindern. Sie verzögerte die Sitzung, in der es um seine Abberufung ging, durch eine sechsstündige Fili- Offizielle Todesursache: Herzinsuffizienz. Doch ein Suizid busterrede – bis Marschall Schukow und andere Chrusch- wurde nicht ausgeschlossen. Sie hatte bereits 1961 versucht, tschow-Unterstützer ihr zuhilfe kamen. Kurz darauf wurde Fur- sich das Leben zu nehmen. Berufliche und private Schwierigkeiten häuften sich in den letzten Jahren; sie trank viel. In zewa als erste Frau vollwertiges Mitglied des ZK. Bald darauf jedoch sank ihr Stern. Ihren Posten im ZK muss- ihrem Safe lag ein verbotenes Buch des Schriftstellers Katharina Stegelmann te sie räumen, immerhin wurde sie 1960 zur Kulturministerin Solschenizyn.

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Dokument

„Lüge, Lüge, Lüge“ Alexander Solschenizyns offener Brief an die sowjetische Führung vom September 1973 Wegen kritischer Äußerungen in Feldpostbriefen wurde Alexander Solschenizyn (1918 bis 2008) kurz vor Kriegsende 1945 zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Seine Erfahrung verarbeitete er in der Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Deren Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift „Nowy Mir“ wurde von Parteichef Nikita Chruschtschow 1962 genehmigt. Doch sein Romanmanuskript „Der erste Kreis der Hölle“ wurde 1965 vom KGB beschlagnahmt. Solschenizyn erhielt 1970 den Literaturnobelpreis, den er nicht entgegennehmen durfte. In seinem 1973 erschienenen Hauptwerk „Der Archipel Gulag“ beschrieb Solschenizyn das System der sowjetischen Straflager. KGB-Chef Jurij Andropow schlug dem KPdSUChef Leonid Breschnew am 7. Februar 1974 vor, Solschenizyn auszubürgern. Seine Ausweisung in die Bundesrepublik Deutschland erfolgte eine Woche später. Zur Begründung warnte Andropow, der Schriftsteller genieße die „Sympathie einiger Vertreter der schöpferischen Intelligenz“. Der KGB-Chef verwies dabei auch auf Solschenizyns offenen Brief. Darin prognostizierte Solschenizyn ein Scheitern des kommunistischen Systems, aber auch eine künftige autoritäre Ordnung in russischer Tradition (Auszüge): s ist paradox, unglaublich: Bei all den glänzenden Erfolgen in der Außenpolitik ist diese militärisch so gewaltige Großmacht im Bereich der Wirtschaft in eine Sackgasse und sogar hoffnungslose Lage geraten. Das Dorf, das jahrhundertelang Russlands Halt war, wurde seine Hauptschwäche! Lange Jahrzehnte haben wir das Kolchosdorf ausgelaugt, aller Kräfte beraubt, zur vollen Verzweiflung gebracht – schließlich haben wir angefangen, ihm die Werte zurückzubringen, es angemessen zu bezahlen, doch ZU SPÄT.

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Die Bedürfnisse der i n n e r e n Entwicklung sind für uns als Volk unvergleichlich wichtiger als die Bedürfnisse der ä u ß e r e n Machtentfaltung. Die ganze Weltgeschichte zeigt, dass Völker, die Imperien geschaffen haben, immer geistige Nachteile in Kauf nahmen. Die Ziele eines großen Imperiums und die moralische Gesundheit eines Volkes sind unvereinbar. Auch wir sollten nicht wagen, internationale Aufgaben zu erfinden und dafür zu zahlen, solange unser Volk sich in einer derartigen ethischen Armut befindet und solange wir uns als seine Söhne ansehen. Diese Ideologie, die unsere Lage nach außen zum schärfsten Konflikt führt, hat schon lang aufgehört, uns im Innern zu helfen, wie sie es in den Zwanziger- und Dreißigerjahren tat. Gegenwärtig wird n i c h t s im Lande k o n s t r u k t i v durch sie g e h a l t e n; das ist eine Theatersäule aus Pappmaschee, nimmt man sie weg, stürzt nichts ein, gerät nichts ins Wanken. Alles im Lande ist seit Langem nur von materieller Berechnung und von der Unterordnung der Untertanen getragen. Sie wissen das sehr gut. Schon heute schwächt und bindet diese Ideologie sie nur. Sie pfropft das ganze Leben der Gesellschaft, die Gehirne, die Reden, das Radio, die Presse nur mit einem voll – mit Lüge, Lüge, Lüge. Alles hängt davon ab, w e l c h e r Art die autoritäre Struktur ist, die uns auch weiterhin erwartet. Unerträglich ist nicht das Autoritäre selbst, sondern die aufgezwungene alltägliche ideologische Lüge. Ich selbst sehe heute keine andere lebendige geistige Kraft als die christliche, die die geistige Heilung Russlands übernehmen könnte. Wenn man ein solches Land leitet, muss man eine nationale Linie haben und muss sich ständig der ganzen 1100 Jahre seiner Geschichte bewusst sein und nicht nur der 55 Jahre, ■ der fünf Prozent davon.

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Aufbruch und Zerfall Breschnew

Dissident und Historiker Roi Medwedew urteilte daher: „Breschnew hatte weder einen starken Charakter, noch einen herausragenden Intellekt, aber gerade dieser Umstand brachte ihm mehr Anhänger ein und stärkte seine Stellung.“ Breschnew gab sich offen und einfach, hörte jedem zu, begegnete allen freundlich und entschied alles im Konsens. Er legitimierte seine Macht damit, Garant für die „kollektive Führung“ zu sein. Indem er sich duzen und „Ljonja“ nennen ließ, sorgte er für eine neue Vertraulichkeit im Politbüro. Breschnew und seine Mitstreiter wollten nicht alles anders als Chruschtschow, aber vieles besser machen. Sie trieben die Sozialreformen weiter voran und investierten Milliarden Rubel in den Wohnungsbau sowie in mehrere Renten- und Mindestlohnreformen. Die Bezüge sollten endlich ein Niveau erreichen, von dem Iwan Iwanowitsch leben konnte. Wohnten um 1960 erst 40 Prozent aller sowjetischen Familien in ihren eigenen vier Wänden, waren es 1980 immerhin 80 Prozent. Ein „kleiner Deal“ war das: Breschnew tauschte bescheidenen Wohlstand gegen Loyalität. Am schwierigsten war dabei die Lage auf dem Land. Wie Breschnew es formulierte, war der Sozialismus noch nicht bei den Bauern angekommen, die immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausmachten und weiterhin wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Die Produktivität der Landwirtschaft lag 1964 nur bei 20 Prozent des USNiveaus. Die Agrarreform vom März 1965 war so einfach wie revolutionär: Erstmals sollten die Bauern kostendeckende Preise für ihre Produkte erhalten und durch materielle Stimuli, nicht durch Repression, zur Arbeit motiviert werden. Unbedingt wollte der Parteicheferreichen, dass die Sowjetmenschen so viel Fleisch wie im Westen aßen. Doch Ende der Siebzigerjahre konsumierten seine Landsleute nicht mal halb so viel Fleisch wie US-Amerikaner.

Leonid Breschnew, Chef der KPdSU von 1964 bis 1982, wollte Wohlstand für die Sowjetbürger, führte das Riesenreich aber in die Stagnation.

Stolz auf das Erreichte Von Susanne Schattenberg

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nruhige Zeiten hatte es lange genug gegeben. Unter Stalin fürchteten die Menschen Repressionen, unter Chruschtschow die Versetzungen. Deshalb soll das Sowjetvolk in Zukunft in Ruhe leben, um friedlich arbeiten zu können.“ Das vertraute Leonid Breschnew (1906 bis 1982) gleich nach seiner Machtübernahme 1964 dem Ministerpräsidenten Alexej Kossygin an. Es war sein Motto für seine 18 Jahre als Erster Sekretär, seit 1966 wieder als Generalsekretär der KPdSU und damit als mächtigster Mann in der Sowjetunion: Die Sowjetmenschen sollten sich von den Jahren des Schreckens unter Stalin und des Chaos unter Chruschtschow erholen und in Frieden einen gewissen Wohlstand genießen. Eine eigene kleine Plattenbauwohnung für jede Familie, eine Datscha für den Sommer und ein Auto, um dorthin zu gelangen oder knappen Waren hinterherzujagen – das war der kleinbürgerliche Traum Breschnews für seine Sowjetunion. In einer Liste von Sprichwörtern, die er in seinem Büro im Kreml aufbewahrte, hatte er die wenig kommunistischen Worte von Albert Camus angestrichen: „Das Wohl aller entsteht durch das Glück jedes Einzelnen.“ Das galt auch für die Partei, das Zentralkomitee (ZK) und das Politbüro. Breschnew gab die Devise „Vertrauen in die Kader“ aus: Ruhe war sein Versprechen an die Bürger und Funktionäre. Lange ist im Westen gerätselt worden, wie ein scheinbar mediokrer Führer wie Breschnew sich 18 Jahre lang als mächtigster Mann der Sowjetunion behaupten konnte. Tatsache ist, dass sich die am 14. Oktober 1964 versammelten 329 ZK-Mitglieder einen Chef wünschten, der weder paranoid noch jähzornig war. Nach 40 Jahren Terror und Unsicherheit sehnten sie sich nach einem netten Genossen. Der

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Er schwärmte von einer modernen UdSSR, in der jedes Mädchen als Mitgift ein Auto erhielte.

Nach Breschnews Agrarreform folgte im Herbst 1965 die Wirtschaftsreform des Ministerpräsidenten Kossygin. Es war der vorsichtige Versuch, kapitalistische Marktmechanismen einzusetzen: Die Industriebetriebe sollten nach und nach dazu übergehen, kostendeckend zu arbeiten, über die Verwendung des ihnen zur Verfügung stehenden Budgets zu einem Teil selbst entscheiden und durch Lohnaufschläge den Arbeitern zusätzliche Anreize bieten. Gleichzeitig begann der Ausbau der Konsumgüterindustrie. Eine Produktion von Waschmaschinen, Kühlschränken und auch von Pkw gab es 1964 praktisch nicht. Also kaufte die UdSSR in Deutschland Lizenzen bei Bosch und Miele und schloss 1966 einen Vertrag mit Fiat für den Bau einer Automobilfabrik an der Wolga, die ab 1972 600 000 Kleinwagen im Jahr produzierte. Breschnew, selbst ein Autonarr, der sich von befreundeten Staatschefs Luxuslimousinen schenken ließ, schwärmte von einer modernen UdSSR, in der jedes Mädchen als Mitgift ein Auto erhielte. Doch 1977 gab es in der Sowjetunion einen Pkw auf 50 Personen, während in den USA und West-Deutschland 500 Autos und selbst in der DDR

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immerhin 206 Autos auf 1000 Einwohner kamen. Das Auto blieb ein heiß begehrtes, rares Luxusgut mit langen Wartezeiten. Auch die kossyginsche Wirtschaftsreform brachte nicht die erhofften Erfolge: Den Betrieben fehlte die Flexibilität, weil Preise und Planzahlen nach wie vor zentral diktiert wurden. Die staatliche Preisgestaltung gehörte zum Machtmonopol der zentralen Bürokratie. Breschnew kannte wesentliche Zahlen über Verschwendung, Misswirtschaft und PlanuntererfülSPIEGEL GESCHICHTE

Die Aufnahme zeigt Breschnew in entspannter Urlaubsatmosphäre bei Lektüre der Parteizeitung „Prawda“, 1978.

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lung. Aber anstatt zusammen mit Kossygin an Strukturreformen zu arbeiten, nutzte er die Misere, um sie dem Premier regelmäßig vorzuhalten. „Wir fördern mehr Öl und Kohle, produzieren mehr Stahl und Zement, Mineraldünger und viele andere Dinge mehr als alle anderen in der Welt. Und dennoch verzeichnen wir in allem ein Defizit, sogar dort, wo die Pläne erfüllt werden“, donnerte er 1977. Aus Breschnews Sicht gab es kein Strukturproblem, sondern nur persönliches Versagen und Inkompetenz.

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Aufbruch und Zerfall Breschnew

Breschnew war kein Stalin-Anhänger; er hatte unter Stalin zu viel gesehen und durchgemacht, um sich diese Zeiten zurückzuwünschen. Mehrfach betonte er: „Die Partei hat diese Praxis entschieden verurteilt, und sie soll sich niemals wiederholen.“ Aber als Mann der Mitte musste er den nostalgischen Hardlinern entgegenkommen, und als Vertreter strikter Parteidisziplin missbilligte er jede Form von Abweichung. Für Breschnew war es zudem eine Stilfrage, nicht das Negative in der Geschichte he-

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Ein warmer Tag auf dem Schwarzen Meer: Breschnew macht mit Bundeskanzler Willy Brandt im September 1971 eine Bootsfahrt vor der Halbinsel Krim.

rauszukehren, sondern auf das Erreichte stolz zu sein. Andersdenkende überließ er den KGB-Chefs. Anfang 1966 inszenierte die Partei zur Abschreckung einen Schauprozess gegen die Schriftsteller Julij Daniel und Andrej Sinjawski, die im Ausland Spottschriften über die Sowjetunion veröffentlicht hatten. Doch das Rumoren in der Intelligenz hörte nicht auf. So begannen zahlreiche Intellektuelle, darunter der Physiker Andrej Sacharow und der Schriftsteller

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Alexander Solschenizyn, in verschiedenen Formen und Foren vor einer Restalinisierung der Gesellschaft zu warnen. Breschnew war das Anliegen der Andersdenkenden schlicht fremd. Mehrfach soll er bei Tisch sein Unverständnis darüber ausgedrückt haben, wie ein so kluger Kopf wie Sacharow auf den falschen Weg geraten konnte. Ein Gespräch mit dem kritischen Wissenschaftler, wie es ihm KGBChef Jurij Andropow vorgeschlagen hatte, lehnte er ab. 1980 stimmte Breschnew im Vorfeld der Olympischen Spiele in Moskau der Verbannung Sacharows in die geschlossene Stadt Gorki zu, so wie er zuvor schon viele andere Verhaftungen, Verbannungen und Ausbürgerungen abgenickt hatte, veranlasst vom Chef des KGB. Andropow war einerseits der Herrscher über das

KGB, andererseits der Architekt von Breschnews neuer Westpolitik. Bevor er 1967 die Geheimpolizei übernahm, hatte er im ZK eine der internationalen Abteilungen geleitet und kluge Reformköpfe gefördert, die fortan Breschnew berieten und dessen Reden schrieben. Breschnews Start in die Außenpolitik war nicht glücklich: Traurige Weltberühmtheit erlangte er mit dem Einmarsch in Prag 1968. Den Grundsatz, dass die Selbstbestimmung eines sozialistischen Bruderstaats dort ende, wo die Interessen des Verteidigungsbündnisses des Warschauer Pakts berührt würden, bezeichnete der Westen fortan als „BreschnewDoktrin“. Dabei hatte Breschnew zunächst in den jungen Parteiführer Alexander Dubček große Hoffnungen gesetzt und ihn väterlich beraten. Dem Drängen Walter Ulbrichts und Władysław Gomułkas, der Parteichefs der DDR und Polens, die „Konterrevolution“ gewaltsam zu beenden, gab Breschnew erst nach, als Dubček die Macht der kommunistischen Partei infrage stellte. Die Motive für eine Entspannung nach der Intervention waren so zentral wie naheliegend: Breschnew hatte im Zweiten Weltkrieg als Politkommissar unmittelbar an der Front gedient. Er wollte einen dritten Weltkrieg um jeden Preis vermeiden. Zudem verschlang die Rüstungsindustrie Unsummen, die dringend für Konsumgüter gebraucht wurden. Zeitweilig drosselte der Parteichef deshalb die Waffenproduktion. Um den zu erwartenden Widerstand in ihren Apparaten auszubremsen, etablierten Breschnew und Andropow mit US-Präsident Richard Nixon und seinem Berater Henry Kissinger sowie mit Bundeskanzler Willy Brandt und Staatssekretär Egon Bahr jeweils einen „geheimen Kanal“. Über den tauschten sie Nachrichten aus und schufen ein Mindestmaß an Vertrauen. Breschnew setzte in der Außenpolitik auf persönliche Beziehungen. So lud er im September 1971 Willy Brandt, der ihm sofort sympathisch gewesen war, zu einem Wochenende auf die Krim ein. Dort plauderSPIEGEL GESCHICHTE

1974 sah sich der erste Mann im Kreml vor einem Scherbenhaufen.

Seit 1931 KP-Mitglied, dient Breschnew im Zweiten Weltkrieg als Politoffizier in der Roten Armee (hier 1942, vorn in der Mitte, ohne Mütze).

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ten beide unter Ausschluss der Öffentlichkeit über Entspannungspolitik, machten eine Bootspartie und gingen gemeinsam im Privat-Pool Breschnews schwimmen. Zwischen 1970 und 1974 jagte ein Gipfeltreffen das andere: Moskau, Bonn, Washington, Paris. Breschnew sah in sich, Nixon, Brandt und dem französischen Präsidenten Georges Pompidou die neuen „Big Four“: vier Männer, die Europa und der Welt eine neue Friedensordnung geben würden. Dafür trieb er die Verhandlungen zur Begrenzung von Nuklearwaffen mit den USA voran, die in der Unterschrift der SALT-Verträge 1972 in Moskau und 1979 in Wien mündeten; die Einrichtung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und das Vertragswerk, das 1975 in Helsinki unterschrieben wurde, gingen auf sein hartnäckiges Betreiben zurück. Doch als 1974 erst Brandt, dann Nixon zurücktrat und Pompidou im Amt starb, sah sich der erste Mann im Kreml vor einem Scherbenhaufen. Ende 1974 begann auch Breschnews physischer Verfall. Es waren nicht, wie im Westen gemutmaßt wurde, mehrere Schlaganfälle, er litt unter seiner Abhängigkeit von Schlaftabletten, mit denen er Stress und Schlaflosigkeit zu bekämpfen versuchte. Seine Tablettensucht ließ ihn immer öfter in Komaähnliche Zustände fallen. Um den Zustand des Generalsekretärs vor der Welt zu verheimlichen, schirm-

ten seine Mitarbeiter Breschnew weitestgehend ab. Der Westen mutmaßte, dass es im Politbüro einen Kurswechsel gegeben habe, weil Breschnew nicht mehr für Vieraugengespräche zur Verfügung stand. Neues Misstrauen entstand, die SALT-Verhandlungen gerieten ins Stocken, das Wettrüsten nahm Fahrt auf. Breschnew war ein Mann, der dem Militär aus nostalgischen wie strategischen Gründen sehr nahestand: Regelmäßig traf er sich mit Veteranen der 18. Armee, in der er gedient hatte; viele seiner Mit-

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Aufbruch und Zerfall Breschnew

kämpfer hatte er auf hohe Posten befördert. Er hatte dem Weltkriegskult 1965 zu neuer Geltung verholfen und gab nun der Rüstungsindustrie wieder, was sie wollte. 1977 ließ er sich zum Präsidenten der UdSSR wählen. Damit schaltete er seinen letzten potenziellen Rivalen, Nikolai Podgorny, aus. Breschnew war nun endlich auch formal oberster Repräsentant des

Sowjetreichs, obwohl er aufgrund seines durch die Tablettensucht verursachten körperlichen Verfalls bereits 1976 das Politbüro erstmals um seine Pensionierung gebeten haben soll. Doch seine Genossen wollten an dem fragilen Machtgleichgewicht im Politbüro nichts ändern. Sie genehmigten ihm kürzere Arbeitstage, mehr Urlaub und tagten ohne ihn. ZK und Politbüro blieben insofern funktionsfähig, als sie auch ohne Breschnew Entscheidungen fällten. Den Einmarsch in Afghanistan beschlossen im De-

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Aus der Hand des Staatsoberhaupts Nikolai Podgorny erhält Breschnew 1966 die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“.

360°-Foto: Der Rote Platz in Moskau

spiegel.de/ sg062016roterplatz oder in der App DER SPIEGEL

zember 1979 drei Politbüromitglieder – ohne Breschnew. Sie hielten diesen Schritt für unausweichlich, nachdem der afghanische Revolutionsführer Hafisullah Amin Hilfe von den USA erbeten hatte. Breschnew hatte 1964 den Personenkult Chruschtschows angeprangert, und etablierte doch selbst einen, der wesentlich bizarrere Ausmaße annahm. Als der erhoffte Friedensnobelpreis ausblieb, ließ er sich 1973 mit dem sowjetischen Pendant, dem Lenin-Preis für Frieden, auszeichnen. Neben zahlreichen militärischen Orden und Rängen empörte und erheiterte die Bevölkerung vor allem die Ernennung zum Marschall 1976. Gipfel der Absurdität war die Verleihung des Lenin-Preises für Literatur 1979, den Breschnew für sein dreibändiges Memoirenwerk erhielt, das Ghostwriter verfasst hatten. Breschnew, der einst mit seiner hochgewachsenen, schlanken Gestalt nicht nur die Frauen beeindruckt hatte, sondern auch der Weltpresse mit seinen akkuraten Anzügen positiv aufgefallen war, litt im Alter sehr an seinem körperlichen Verfall. In seinen Notizbüchern, wo er seit 1964 Stichwörter zu seinem Tagesablauf festhielt, vermerkte er in den letzten Jahren jeden Morgen sein Gewicht, oft zweimal: einmal vor dem Schwimmen und einmal danach. Laut seinem Leibwächter war er den ganzen Tag schlecht gelaunt, wenn er wieder zugenommen hatte. Seine Ärzte und Leibwächter hatten große Mühe, ihn von dem Tablettennachschub abzuschneiden. Letztlich fiel sein Siechtum im Politbüro kaum auf, da außer Michail Gorbatschow, der 1979 als Kandidat hinzukam, alle Breschnews Generation angehörten und an Altersgebrechen litten. Jetzt rächte sich Breschnews Versprechen, für Stabilität zu sorgen. Was er für stabil hielt, war Stagnation. Breschnew starb am 10. November 1982 in seinem Bett, nachdem er am Vortag noch gejagt hatte. Seine Nachfolger Andropow und Konstantin Tschernenko erlagen innerhalb kürzester Zeit ihren Krankheiten. Beide herrschten nur unwesentlich mehr als ein Jahr, bevor im März 1985 Michail Gorbatschow die Perestroika einleitete. Während Gorbatschow die Breschnew-Zeit unumwunden als „Zeitalter der Stagnation“ bezeichnete, wird sie heute unter Putin in einem deutlich milderen Licht gesehen, mitunter als „goldenes Zeitalter“, in dem die Menschen einen bescheidenen Wohlstand genossen und die Sowjetunion als Supermacht gefürchtet war. Die Historikerin Susanne Schattenberg, 47, ist Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen.

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KAPITEL 5 RÜCKKEHR DES IMPERIUMS


Rückkehr des Imperiums Perestroika

Michail Gorbatschow, der letzte Moskauer Staats- und Parteichef, wollte den maroden Kommunismus modernisieren. Dann verlor er die Kontrolle.

Der Sterbehelfer Von Jan Puhl

D

er Greis blickt starr geradeaus und hält sich schwankend an einer Wahlurne fest. Mit Mühe steckt er seinen Wahlzettel durch den Schlitz und hebt die Hand erleichtert zum Gruß. Die Wahl zum Obersten Sowjet der Russischen Unionsrepublik war wichtigstes pseudodemokratisches Ritual der Sowjetunion. Kameras filmten Staats- und Parteichef Konstantin Tschernenko bei der Stimmabgabe am 24. Februar 1985 – der Auftritt muss eine einzige Qual für den 73-jährigen schwer kranken Mann gewesen sein. Verdattert nimmt er danach rote Nelken und Glückwünsche entgegen. Eine Szene mit Symbolwert: Mitte der Achtzigerjahre war das Sowjetsystem überaltert, gebrechlich und erstarrt. Eine Weltmacht am Rande des Exitus.

Nur 14 Tage nach der peinlichen Inszenierung stirbt Tschernenko. Sein Nachfolger an der Parteispitze wird der 54 Jahre alte Michail Gorbatschow, den kaum jemand so richtig kennt. „Wir hatten einfach keinen anderen“, sagt später ein hoher Funktionär. Gorbatschows Wahl war mehr Ausdruck von Verzweiflung als von Strategie. Glücklos startet der Neue im Kreml: Auf Gorbatschow lasten die Erwartungen der jungen Intelligenz, die Reformen will. Die Konservativen bremsen, viele Sowjetrepubliken streben weg von der Moskauer Zentrale. Doch gewinnt Gorbatschow bald politischen Spielraum: Er wirbt für ein „neues Denken“, für „Glasnost“, das heißt Transparenz, und „Perestroika“, den Umbau der Staats- und Parteistrukturen. Er

will die Sowjetunion nicht auflösen, sondern runderneuern. Aber einmal in Gang gekommen, lässt sich das Streben nach Demokratie nicht mehr steuern, das kommunistische Imperium fliegt schließlich auseinander. Ungewollt wird Gorbatschow zum Sterbehelfer des Systems. Im Westen ist „Gorbi“ heute noch die Ikone eines erfolgreichen Wandels, der Mann, der Osteuropa die Freiheit und den Deutschen die Wiedervereinigung gebracht hat. In Russland dagegen gilt er vielen als Verräter, als Urheber von Chaos, Machtverlust und Armut. Wer war der Sowjetpolitiker Gorbatschow, geboren am 2. März 1931 im nordkaukasischen Priwolnoje? Der Sohn eines Bauern und Kolchosenleiters lernte Mähdreschermechaniker

Vom Bauernsohn zum Weltpolitiker

Kindheit im Dorf In jungen Jahren teilte Michail Gorbatschow, hier mit seinen Großeltern, das einfache Leben der Landbevölkerung.

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Junger Aufsteiger Im Jurastudium in Moskau lernte Gorbatschow (hier 1953) seine spätere Ehefrau Raissa Titarenko kennen. Sie hatte großen Einfluss auf ihn.

Verständigung Mit US-Präsident Ronald Reagan unterzeichnete er 1987 eine Vereinbarung über die Beseitigung von Atomraketen.

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Wiedervereinigung Zum Ärger der alten roten Garde stimmte Gorbatschow (hier im Februar 1990 mit Bundeskanzler Helmut Kohl) der deutschen Einheit vorbehaltlos zu.

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Zu Beginn seiner Amtszeit als Generalsekretär, hier im Oktober 1985 auf einer Pressekonferenz in Paris, zeigte sich Gorbatschow als kämpferischer Reformer.

und erhielt für harte Arbeit an der Drehbank den „Rotbannerorden der Arbeit“. Gorbatschow war kein Kind der Nomenklatura, er kannte – so schreibt sein ungarischer Biograf György Dalos – die „Kluft zwischen der Glückspropaganda des Regimes“ und den Entbehrungen der Provinz, aus der es nur ein Entkommen gab: eine Karriere in der Partei. Dafür war die einfache Herkunft eine gute Voraussetzung. Die KP, ausgeblutet nach den stalinschen Säuberungen und dem Zweiten Weltkrieg, brauchte neue Leute. Deshalb akzeptierte die Lomonossow-Universität Gorbatschow trotz schwacher schulischer Leistungen. Im August 1950 traf der 19-Jährige mit einem einzigen Koffer in Moskau ein. Die Zugfahrt hatte mehrere Tage gedauert. Gorbatschow studierte Jura und

lernte schon bald die Philosophiestudentin Raissa Titarenko aus der AltajRegion kennen. Die beiden passten zusammen „wie zwei Hälften eines Apfels“, schrieb Gorbatschow später. Sie heirateten 1953. Nach der Examensarbeit mit dem Thema „Die Beteiligung der Massen an der Verwaltung des Staates am Beispiel des örtlichen Sowjets“ kommandierte die Partei das Paar nach Stawropol – eine harte Entscheidung für die beiden jungen Leute. Stawropol ist damals eine zersiedelte

Großstadt aus hingewürfelten Plattenbauten ohne Kanalisation. Auch seiner „flinken Zunge“ wegen wird Gorbatschow dort Parteifunktionär und kommt voran. Bis 1970 bringt er es zum Ersten Sekretär

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für Landwirtschaft und wird 1971 Mitglied des Zentralkomitees. Gorbatschow ist ein typischer Apparatschik. Seinen Aufstieg verdankt er mitnichten kühnen Visionen. Ruhm bringt ihm erst gegen Ende der Siebzigerjahre eine kleinere Neuerung in der Landwirtschaft: In Stawropol hat er ein System mobiler Erntebrigaden eingeführt. Ein Glücksfall verschafft Gorbatschow zusätzlich Popularität. Stawropol verfügt über Heilbäder – und je mehr die Führungsclique um Breschnew vergreist, desto häufiger suchen ihre Mitglieder die warmen Quellen auf. Gorbatschow lässt es sich nicht nehmen, sie persönlich willkommen zu heißen. 1980 wird er Vollmitglied im Politbüro. Er kehrt nun nicht nur nach Moskau zurück, sondern darf sogar ins Ausland reisen, nach Kanada und Großbritannien: „Ich mochte ihn. Mit ihm könnte ich ins Geschäft kommen“, schreibt die britische Premierministerin Margaret Thatcher später in ihren Memoiren über ein Treffen der beiden 1984. Die Auslandsreisen führen ihm die Missstände zu Hause noch drastischer vor Augen. Kein Zufall, dass später seine beiden wichtigsten Mitstreiter aus der Reformerfraktion, Alexander Jakowlew und Georgij Arbatow, viel Auslandserfahrung haben: Der erste als Austauschstudent an der Columbia-Universität in New York, der andere als Direktor des Instituts für USA- und Kanada-Studien der Akademie der Wissenschaften. Als Parteichef übernimmt Gorbatschow schwere Altlasten: eine ineffektive Planwirtschaft, einen sinkenden Ölpreis, den aussichtslosen Krieg in Afghanistan, eine korrupte Nomenklatura, einen Rüstungswettlauf, der die technischen und ökonomischen Möglichkeiten der Sowjetunion schon lange übersteigt

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Rückkehr des Imperiums Perestroika

– und eine Bevölkerung, die ihren Frust in Alkohol ertränkt. Eine Abstinenzkampagne ist eine seiner ersten Amtshandlungen. Aber sie misslingt und bringt ihm nur Hohn und Spott ein. Die Sowjetbürger wenden sich dem Selbstgebrannten zu und versorgen sich auf dem Schwarzmarkt. Gorbatschow macht zum ersten Mal die Erfahrung, dass sich echte Veränderung nicht mit sowjetisch-obrigkeitsstaatlichen Mitteln umsetzen lässt. Es reicht nicht, Direktiven aufzusetzen. Die Bevölkerung muss mitmachen, dazu braucht es einen demokratischen Verständigungsprozess. Noch sein Bericht an den 27. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1986 zeigt, wie sehr Gorbatschow zu Beginn seiner Herrschaft dem alten Denken verhaftet ist: „Der von unserem Land zurückgelegte Weg, seine wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Errungenschaften bestätigen überzeugend die Lebenskraft der marxistisch-leninistischen Lehre und das dem Sozialismus innewohnende riesige Potenzial“, sagt Gorbatschow vor den Delegierten. Die Rede enthält daneben sehr vorsichtige Wendungen, die als reformerisch gedeutet werden könnten. Änderungen aber zeigen sich bald auf dem Gebiet der Außenpolitik. Unter vier Augen gibt Gorbatschow damals schon zu: „Durch den Rüstungswettbewerb kann man keinen Sieg über den Imperialismus erreichen.“ Langsam setzt sich im Politbüro die Erkenntnis durch, dass die nuklearen Waffen reduziert werden müssen, um die sowjetische Wirtschaft zu entlasten. Es gelingt Gorbatschow, einen guten Bekannten aus Stawropoler Zeiten in das Amt des Außenministers zu hieven: Eduard Schewardnadse ersetzt 1985 Andrej Gromyko, der 28 Jahre auf diesem Posten war. Der neue Mann hat keinerlei diplomatische oder außenpolitische Erfahrung. Die größten Erfolge in dieser Phase sind die Gipfeltreffen mit US-Präsident Ronald Reagan in Genf und in Reykjavík. Ende 1987 besucht der Generalsekretär sogar Washington. Es kommt zu bahn-

Im Jahr 1988, hier zu Besuch in Warschau, stieß Gorbatschow zunehmend auf Widerstände gegen seinen Kurs, Erfolge blieben aus.

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brechenden Verträgen über die Abrüstung, etwa INF, Start I und II. Gorbatschow avanciert im Westen jetzt zum Medienstar – doch zu Hause sinkt seine Popularität: Rubelverfall und leere Regale in den Geschäften treiben die Sowjetbürger zur Verzweiflung. Wie groß die Probleme des Landes sind, hat schon im April 1986 das Reaktorunglück von Tschernobyl deutlich gemacht, vor allem das dilettantische Krisenmanagement. Die Katastrophe zeigt den Sowjetbürgern und der ganzen Welt: Wenn es ernst wird, agiert die Parteiführung hilflos, und das Land hinkt technisch weit hinterher. Die Affäre um den Hobbyflieger Mathias Rust trifft dann vor allem Gorbatschows Gegner: Ausgerechnet am „Tag des Grenzsoldaten“, dem 28. Mai 1987,

unterfliegt der kurzsichtige, verhaltensauffällige 18-Jährige aus Wedel in Schleswig-Holstein mit seiner Cessna das sowjetische Radar. Rust landet in Moskau und rollt bis auf das berühmteste Pflaster des Imperiums, den Roten Platz. Es ist, wie Gorbatschow bilanzierte, „ein in jeder Hinsicht beispielloser Vorgang“. Gorbatschow fordert jetzt, sich den Realitäten zu stellen: „Und heute noch müssen wir dem Volk die ganze Wahrheit sagen“, schließt er seinen Redebeitrag auf einer Politbürositzung zur Fliegeraffäre. Danach gibt es kein Halten mehr: In nur wenigen Monaten testen die Medien die neuen Freiheiten so weit aus, dass die Zensur praktisch abgeschafft ist. Jahrzehntelang verbotene Romane, zum Beispiel „Die Kinder vom Arbat“ von Anatolij Rybakow über die Stalin-Zeit,


Putsch gegen Gorbatschow 1991

Todesopfer Bei Protestaktionen in Moskau gegen prosowjetische Putschisten kamen mehrere Demonstranten um.

Militär in Moskau Die Putschisten ließen Panzer in die Hauptstadt einrücken und brachten Hunderttausende gegen sich auf.

Am Ende Obwohl der Aufstand gegen ihn gescheitert war, hinterließ er Gorbatschow machtlos. Die Sowjetunion zerfiel.

dürfen erscheinen. Gorbatschow lässt nuar 1991 Sowjetsoldaten in Vilnius 14 Sowjetrepublik, Boris Jelzin, stellen sich ihnen entgegen. Hunderttausende Opfer der Stalin-Will- unbewaffnete Menschen töten. Von der Krim kehrt Gorbatschow in kür rehabilitieren und beauftragt den GeGorbatschow beteuert, den Feuerheimdienst KGB, politische Gefangene befehl nicht gegeben zu haben. Doch in ein anderes Land zurück. Er hat versucht, freizulassen. Tabuthemen werden öffent- jedem Fall zeigt das Massaker seine die Sowjetunion zusammenzuhalten, und lich diskutiert: etwa die Deportationen Schwäche im eigenen Land. Es hat ihn für einen Vertrag geworben, der die Uniaus dem Baltikum in den Vierzigerjahren auch nicht stärker gemacht, dass er im on auf ein neues konföderatives Fundaoder der Massenmord von Katyn, wo März 1990 das neu geschaffene Amt des ment gestellt hätte. So will es auch die 1940 der Geheimdienst 20 000 Angehöri- Präsidenten der Sowjetunion übernom- Bevölkerung, die im März 1991 mit 76,4 Prozent für den Erhalt des Unionsstaates ge der polnischen Elite per Genickschuss men hat. votiert hat. Aber den Eliten der Unionsgetötet hatte. Schon im Januar 1987 hat Gorba- Die konservativen Gegenkräfte unter- republiken passt das nicht – schon gar tschow im ZK bekannt: „Wir brauchen schätzt er weiterhin. Am 19. August 1991 nicht Jelzin. Die Stunde der Nationalstaadie Demokratie wie die Luft zum At- um 16.30 Uhr werden die Telefon- und ten ist gekommen. Und auch die der blumen.“ Seine Untertanen nehmen ihn Telegrafenleitungen der Datscha Gorba- tigen Scharmützelkriege von Aserbaibeim Wort, die Zentrifugalkräfte wach- tschows in Foros auf der Krim gekappt. dschan über Georgien bis Moldau. Am 8. Dezember 1991 unterzeichnet sen: Parteifunktionäre in den Sowjetre- Unangemeldet nähert sich eine Kolonne publiken des Kaukasus setzen sich an die militärischer Fahrzeuge: ein Putsch. Ab- Jelzin heimlich mit dem ukrainischen Spitze nationaler Bewegungen, im Balti- gesandte der Putschisten wollen Gorba- und dem weißrussischen Republikchef kum fordern Volksbewegungen die Un- tschow zum Rücktritt zwingen – ohne ein Dokument. Darin heißt es nüchtern: „Die Union der Sozialistischen Sowjetreabhängigkeit. Von Polen bis hinunter Erfolg. In Moskau rollen Panzer, die Armee publiken als Subjekt des internationalen zum Balkan setzen sich die Kommunisten mit Dissidenten an einen Tisch und besetzt strategisch wichtige Plätze. Ein Rechts und als geopolitische Realität selbst ernanntes „Staatskomitee für den stellt ihre Existenz ein.“ verhandeln den Wandel. Damit ist der Kreml ab sofort nicht In der DDR beschleunigt Gorbatschow Ausnahmezustand in der Sowjetunion“, sogar selbst die Wende: Am 7. Oktober geführt von einem alkoholkranken Funk- mehr Regierungssitz der Sowjetunion, 1989 besucht er die Feier zum 40. Jahres- tionär mit zitternden Händen, behauptet sondern der Russischen Föderation – debereits, die Macht übernom- ren gewählter Präsident Jelzin ist. Und tag der Republik und sagt men zu haben. Gorbatschow ist ein König ohne Land. sinngemäß, wer zu spät komVIDEO: Es ist der vergebliche VerAm 25. Dezember 1991 fügt er sich me, den bestrafe das Leben. Das Ende des such, die Zeit zurückzudre- und erklärt seinen Rücktritt als sowjetiDer Satz wird in dieser verSozialismus hen: Die Sowjetwirtschaft ist scher Präsident. In einer Fernsehanspradichteten Form zum geflügelbankrott, die Staatspartei von che verkündet er, das „totalitäre System“ ten Wort. inneren Widersprüchen zer- sei beendet, die Gesellschaft habe „FreiNicht überall verläuft der rissen. heit“ gewonnen. „Nicht einverstanden“ Umbruch friedlich: Im April Nur zwei Tage halten die aber sei er mit der „Zerteilung des Lan1989 stoßen in Tiflis Demonsspiegel.de/ tranten und Militäreinheiten sg062016gorbatschow Putschisten durch. Erhebliche des“. Zum Abschied sagt Gorbatschow Teile des Volkes unter Füh- seinen „lieben Landsleuten“, er wünsche aufeinander, es gibt 20 Tote. oder in der App DER SPIEGEL rung des 1991 frei gewählten ihnen „allen das Beste“. Einen Tiefpunkt erreicht die jan.puhl@spiegel.de Präsidenten der russischen Ära Gorbatschow, als im JaSPIEGEL GESCHICHTE

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Rückkehr des Imperiums Jelzin

In einer chaotischen Privatisierung bereicherte sich nach dem Ende der Sowjetunion eine kleine Gruppe. Präsident Boris Jelzin ließ Wahlfälschung und Medienmanipulation zu.

Kontrollverlust in Moskau Von Christian Neef

E

s war ein warmer Herbsttag 1992. Der „babje leto“, der Altweibersommer, zeigte sich von seiner besten Seite, und auf den ersten Blick wies nichts darauf hin, dass in Russland ein Jahrhundertprojekt begann. In einem kleinen Ort bei Moskau war an diesem 1. Oktober Anatolij Tschubais unterwegs, Vizepremier der russischen Regierung und Chef des Komitees für Staatseigentum. Er war 37 Jahre alt, voller Optimismus und Selbstbewusstsein. Hätte man ihm prophezeit, dass er bald zu einem der verhasstesten Politiker des Landes werden würde – Tschubais hätte es mit einem Lachen abgetan. Der Vizepremier hatte sich an jenem Tag unters Volk gemischt, um den Russen die wichtigste Erfindung seiner Politikerlaufbahn schmackhaft zu machen: den „Wautscher“. Just an diesem Morgen hatten die Sparkassenfilialen mit der Ausgabe jener Voucher begonnen – Bezugsscheine, mit denen die Russen Anteile am Staatseigentum erwerben sollten. Knapp ein Jahr nach dem Untergang der Sowjetunion ging es ans Eingemachte. Im Kernland des ehemaligen kommunistischen Reichs, das sich 1991 per Handstreich selbstständig gemacht hatte, sollte ein eherner Grundsatz zu Grabe getragen werden: dass Kombinate, Fabriken, Handelsfirmen und Läden allein dem Staat gehörten. Der neue Präsident Boris Jelzin hatte entschieden, das Staatseigentum zu privatisieren und ein Russland der Eigentümer zu schaffen. „Wir brauchen Millionen Eigentümer“, erklärte er, „nicht ein Häuflein von Millionären.“ Was bisher nur formal so hieß, sollte nun tatsächlich entstehen: Volkseigentum. Jeder der fast 150 Millionen Einwohner der Russischen Föderation konnte von diesem Tag an einen Privatisierungsscheck über 10 000 Rubel empfangen und ihn gegen Aktien privatisierter Betriebe tauschen. 10 000 Rubel wären nach heutiger Umrechnung 30 Euro.

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Beim Wahlkampfauftritt mit einer Popband 1996 im südrussischen Rostow am Don gibt sich Jelzin volksnah und vital.

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Rückkehr des Imperiums Jelzin

25 000 mittlere und große Unternehmen standen zum Verkauf, ihr Wert: angeblich 4,5 Billionen Rubel. Der Plan, sie zu privatisieren, stammte weitgehend von Tschubais, er hatte aber vor allem einen Haken: Bis zu 51 Prozent der Anteile an einer Firma sollten deren Arbeitern und Direktoren übergeben werden, zu herabgesetzten Preisen – um so den Widerstand der früheren Sowjetmanager gegen die Privatisierung zu brechen. So entstand eine neue Herrschaftsschicht, die roten Kapitalisten. Die Idee, das Staatseigentum möglichst breit unter der Bevölkerung zu verteilen, klang gut. Aber ihre Umsetzung misslang. In den Monaten zuvor waren die Preise in den Geschäften derart in die Höhe geschnellt, dass viele Menschen sich nur noch das Notwendigste leisten konnten, sie versilberten die „Wautscher“ beim nächsten Straßenhändler. Ihr Preis stürzte ab. Die meisten Papiere wurden auf dem Schwarzmarkt verkauft oder in Investitionsfonds eingebracht. Die waren oft in betrügerischer Absicht oder als Tarngesellschaften gegründet worden, mit denen die Führung der Staatskonzerne Aktien der eigenen Firmen erwarb. Auf diese Weise wurde nicht das Volk, sondern ein Teil der alten Sowjetelite zum Gewinner der Massenprivatisierung. Hinzu kamen Kriminelle und Schwarzmarktunternehmer, die mit den Vouchern den Grundstein für ihre späteren Wirtschaftsimperien schufen. Auch die zweite Phase der Privatisierung, in deren

Verlauf Staatsunternehmen per Auktion versteigert wurden, war nicht erfolgreich: Die Preise, zu denen die Firmen an ihre neuen Besitzer gingen, waren grotesk niedrig. Der Gasmonopolist Gazprom wurde für 22 Millionen Dollar an die neuen Besitzer verkauft, das riesige Moskauer Autowerk SIL mit seinen 100 000 Beschäftigten für 16 Millionen Dollar privatisiert. Der wilde Start in den Kapitalismus gilt den Russen heute als massenhafter Betrug, weil Millionen von ihnen in dieser Zeit verarmten. Ein Schatten legte sich über das gerade neu erstandene Land und die Herrschaft Boris Jelzins. Der frühere Moskauer Parteichef hatte den russischen Staat aus der Taufe gehoben, um dem wankenden Sowjetreich den Todesstoß zu versetzen – aber wohl mehr noch vom Ehrgeiz getrieben, seinen Gegner Michail Gorbatschow zu Fall zu bringen. Die Abrechnung mit der Vergangenheit war von Anfang an halbherzig. Jelzin verbot zwar die frühere Staatspartei KPdSU, kommunistische Parteien durften aber weiterwirken. Auch der Geheimdienst KGB wurde lediglich umbenannt und personell reduziert. Weder wurden die Archive geöffnet, noch das KGB als kriminelle Organisation eingestuft – es war ein Stillhalteabkommen mit den Männern der alten Repressiv-Organe. Der dramatischen wirtschaftlichen Lage versuchte Jelzin mit einer Schocktherapie Herr zu werden. Er scharte Reformer wie Tschubais oder den späteren Premier Jegor Gaidar um sich, gab die staatlich

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festgesetzten Preise frei und liberalisierte den Handel. Das brachte Waren in die Geschäfte, die Menschen aber verarmten. Tausende Betriebe stürzten in den Bankrott, Löhne wurden nicht mehr gezahlt. Das Land ging zum Tauschhandel über, die Russen verkauften ihre persönliche Habe. Die Schocktherapie sei unumgänglich gewesen, hieß es später entschuldigend. Das Land habe 76 Milliarden Dollar Auslandsschulden gehabt, die Goldreserven seien dramatisch gesunken, der Ölpreis auch, Russlands wichtigste Einnahmequelle sei fast versiegt. Gleichzeitig flossen jährlich bis zu 20 Milliarden Dollar Privatkapital ins Ausland ab. Heftiger Widerstand formierte sich gegen Jelzins Kurs. Er hatte seine Basis im Obersten Sowjet und im Kongress der Volksdeputierten, den parlamentarischen Gremien jener Jahre. Das Spektrum der Jelzin-Gegner reichte von Kommunisten bis Nationalisten. Bald lähmte eine Doppelherrschaft das Land: Das Parlament machte eine Regierungsentscheidung nach der anderen zunichte, Jelzin hob die Beschlüsse des Sowjets dann mit Dekreten wieder auf. Gerüchte, Abhörskandale, Intrigen und Mordkomplotte ersetzten politische Entscheidungen. Ende 1993 schien der Übergang zur Marktwirtschaft fast gescheitert. Jelzin versuchte, den Widerstand mit einem Referendum zu brechen: Fast 59 Prozent der Russen sprachen ihm noch einmal das Vertrauen aus. Mit diesem Rückenwind löste er den Obersten Sowjet auf (was der geltenden Verfassung widersprach), das Parlament erklärte ihn daraufhin für abgesetzt. Im Oktober 1993 kam es zum bewaffneten Aufstand von Imperiumsnostalgikern, den der Präsident mit Panzern niederschlagen ließ. Das Volk blieb zu Hause. Wie viele Tote es bei den Kämpfen ums Parlament und ums Fernsehzentrum gab, ist bis heute nicht bekannt – 180 sind verbürgt, andere Quellen sprechen von 1000 Erschossenen. Jelzin machte danach einen radikalen Schnitt: Er ließ eine neue Verfassung verabschieden, die der zaristischen von 1906 ähnelte, und erhielt durch sie fast unbegrenzte Macht: Das Parlament kann seither nicht

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Der wilde Start in den Kapitalismus gilt den Russen heute als massenhafter Betrug, weil viele verarmten.

Im Nordkaukasus zerfällt Jelzins Macht: bewaffnete Tschetscheninnen im Dezember 1994 in Grosny bei einem Aufmarsch gegen den Vorstoß russischer Bundestruppen in die Teilrepublik.


mal mehr die Regierungsbildung beeinflussen. De facto kehrte das Land zur früheren russischen Alleinherrschaft zurück. Nicht Nachfolger Wladimir Putin also hat diese Machtfülle geschaffen, sondern Jelzin. Immerhin: Gewählt wurde nun demokratisch. Gleich bei der ersten Abstimmung über die neue Staatsduma kassierte Jelzin eine Niederlage des ihn unterstützenden rechtsliberalen Blocks. Entsprechend vorsichtig agierte er danach gegenüber den noch starken Kommunisten: Er amnestierte die Aufständischen vom Oktober 1993, stellte die Umbenennung von Straßen mit Namen kommunistischer Säulenheiliger ein und beließ Revolutionsführer Lenin im Mausoleum. Wichtige Reformer mussten die Regierung verlassen. Den Popularitätsverlust des Präsidenten bremste das nicht. Denn Ende 1994 kam der von Jelzin losgetretene Tschetschenienkrieg als Problem hinzu, durch den die abtrünnige Kaukasus-Teilrepublik gewaltsam im Staatsverband gehalten werden sollte. Der Preis: 80 000 Tote; Soldaten, Rebellen und Zivilisten. Fast noch belastender wirkte seine Klientelwirt-

schaft: Jelzin umgab sich nun mit Leuten, die keinerlei Kontrolle mehr unterlagen. Sein Leibwächter Alexander Korschakow, seine Tochter Tatjana und der neue Oligarch Boris Beresowski hatten mehr Einfluss auf seine Entscheidungen als der Premier. Das neue demokratische Russland bekam Züge einer Familiendynastie. Zu den Wahlen von 1996 war das Ansehen des Präsidenten fast auf null gesunken, die Kommunisten erlebten eine Renaissance. Um sich zu retten, spielte Jelzin mit dem Gedanken, die Duma aufzulösen, die Wahlen um zwei Jahre zu verschieben und die KP zu verbieten. Doch dann entschied er anders: Er ging einen Deal mit der neuen Schicht der Oligarchen ein, die durch billig erworbenes Staatseigentum reich und mächtig geworden waren; selbst die Medien hatten sie unter sich aufgeteilt. Ihre Fernsehsender und Zeitungen trommelten nun gegen die „kommunistische Gefahr“. So wurde SPIEGEL GESCHICHTE

Jelzin im zweiten Wahlgang noch einmal wiedergewählt. Aber das war der erste große Tabubruch im demokratischen Russland. Nicht nur, dass Jelzin nun von den Oligarchen abhängig geworden war, die Wahl gilt heute zudem als gefälscht – in Wahrheit soll KP-Führer Gennadij Sjuganow mit 53 Prozent gewonnen haben. Das behauptet etwa der damalige Innenminister Anatolij Kulikow. Es war aber auch der erste Sündenfall der neu entstandenen freien Presse – sie gab 1996 ihre Neutralität auf und kämpfte auf Jelzins Seite. War es richtig, mit aller Macht die Rückkehr der Kommunisten zu verhindern und damit eine mögliche Restauration der Sowjetunion? So sehen es viele russische Liberale. Aber warum ist die Kommunistische Partei damals nicht auf die Straße gegangen, obwohl sie von den Wahlfälschungen wusste? Er habe eine neuerliche Spaltung der Gesellschaft verhindern wollen, sagt KP-Führer Sjuganow heute. Womöglich aber war die KP-Spitze auch in die trüben Machtspiele eingebunden. Nach seinem Scheinsieg blieben Jelzin noch dreieinhalb Jahre. Den politischen Todesstoß versetzte ihm der faktische Staatsbankrott von 1998 – als Russland seine Schulden nicht mehr bedienen konnte. Banken kollabierten, der Rubel brach ein, die Inflation erreichte fast hundert Prozent. Zum zweiten Mal seit 1992 verlor das Volk seine Ersparnisse. Jelzin versuchte, den weiteren Absturz mit wechselnden Regierungen aufzuhalten. Als die konsequenteste von ihnen die Rechte der Oligarchen zu beschneiden begann, machte Oberoligarch Beresowski Front gegen sie: Mit seiner Hilfe wurde der Chef des Geheimdienstes FSB zum Premier ernannt – Wladimir Putin. Es folgte die Überraschung vom Silvestertag 1999: die Übergabe des Präsidentenamtes an den neuen Premier. „Ich möchte Sie um Verzeihung bitten“, sagte Jelzin zu den Russen vor den Fernsehern. „Mich löst eine Generation ab, die es besser machen kann.“ 86 Prozent befürworteten seinen Rückzug – das erste Jahrzehnt im postkommunistischen Russ■ land war vorüber. 6/2016

Unter Jelzin werden Finanz-Oligarchen, die bei der Privatisierung Milliarden gewonnen haben, immer mächtiger. Hier bei einem Gespräch mit dem Präsidenten im September 1997: Michail Chodorkowski, Wladimir Gussinski, Alexander Smolenski, Wladimir Potanin, Wladimir Winogradow, Michail Fridman.

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Rückkehr des Imperiums Putin

Populär geworden im Kampf gegen nordkaukasische Islamisten, schuf Präsident Wladimir Putin ein autoritäres System, in dem Macht der höchste Wert ist.

Der Kreml-Bonaparte Von Uwe Klußmann

M

itarbeiter eines Hotels in Swetlogorsk an der Ostsee schüttelten den Kopf, als sie hörten, was der russische Präsident Boris Jelzin mit schwerer Zunge am 9. August 1999 zur Mittagszeit im Fernsehen verkündete: Zum neuen Premierminister habe er Wladimir Putin ernannt, den Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und Sekretär des Sicherheitsrats. Millionen Russen überall im Land waren genauso verblüfft: Wladimir wer? Von Präsident Jelzin erfuhren sie wenig über den neuen Regierungschef. Putins Herkunft als Sohn eines Fabrikarbeiters, seine früheren Funktionen als Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB, als Vizebürgermeister von Sankt Petersburg und Vize der Kremlvermögensverwaltung erwähnte er nicht. Putin, sagte der Staatschef, sei dazu fähig, „unsere Gesellschaft zu konsolidieren“, er werde „das große Russland erneuern“. Daran bestand Bedarf. Denn das Kernland der acht Jahre zuvor zerfallenen Sowjetunion war in einer dramatischen Lage. Durch übermäßige, extrem kurzfristige Staatsverschuldung war Russland in eine der schwersten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte gestürzt. Der Rubel hatte in wenigen Wochen über zwei Drittel seines Wertes eingebüßt. Zudem hatte Russland die Kontrolle über ein Gebiet von der Größe Thüringens verloren, in Tschetschenien. Dort herrschten seit dem Ende des ersten Tschetschenienkriegs 1996 ethnische Separatisten, organisierte Kriminelle und militante Islamisten. Es gab öffentliche Hinrichtungen. Auf Moskau pfiffen die Machthaber. Und die Dschihadisten setzten sogar auf Expansion. Ab dem 7. August 1999 drangen sie mit mehreren Hundert Bewaffneten von Tschetschenien aus in die benachbarte russische Teilrepublik Dagestan ein. Sie besetzten Dörfer und riefen

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Oligarchen unter Druck

Wladimir Gussinski Medienzar, im Jahr 2000 verhaftet, später nach Israel ausgereist

einen „Islamischen Staat“ aus. Putin flog an die dagestanische Front und ließ die Stoßtruppe rasch von örtlichen Freiwilligen und Soldaten zerschlagen. Doch damit hatte der Kampf erst begonnen. Im September sprengten nordkaukasische Terroristen in Moskau und anderen russischen Städten große Wohnhäuser. Dabei kamen mehr als 300 Menschen um. Jetzt rückten russische Truppen mit Panzern nach Tschetschenien ein. Dazu gab Putin die Linie aus: „Wir müssen uns von allen Syndromen befreien, darunter auch vom Schuldgefühl.“ In einer zweimonatigen Schlacht, teils mit schweren Luftangriffen, eroberte die russische Armee bis Februar 2000 die Landeshauptstadt Grosny. Im März standen Moskaus Truppen in ganz Tschetschenien. Mit dem Kaukasusfeldzug gewann Putin bei den Russen Respekt. Der 47-jährige Macher zeigte sich als vitale Alternative zum alkoholkranken Jelzin. Zur Jahreswende 1999 trat der Präsident zurück und ernannte verfassungsgemäß den Premierminister zum amtierenden Präsidenten. Noch in derselben Neujahrsnacht flog Putin in den Nordkaukasus. In der Stadt Gudermes bei Grosny sagte er vor Soldaten, sie kämpften, um „den Zerfall Russlands zu stoppen“. Der Auftritt machte „auf alle einen kolossalen Eindruck“, erinnert sich ein General. Mit diesem Paukenschlag begann eine neue Ära. Putin wurde populär. Nur eine liberale Minderheit beklagte

Boris Beresowski Mitbesitzer des TV-Senders ORT, nach London ins Exil gedrängt

Michail Chodorkowski Im Oktober 2003 verhaftet, bis 2013 im Gefängnis, seither im Exil

Oleg Deripaska 2009 öffentlich von Putin gedemütigt

die Opfer des Tschetschenienkriegs, die in die Tausende gingen. Putin gewann die Präsidentenwahlen im März 2000 im ersten Wahlgang mit 53 Prozent der Stimmen gegen den Kommunisten Gennadij Sjuganow, der 29 Prozent erhielt. Der einzige liberale, prowestliche Kandidat war mit 6 Prozent weit abgeschlagen. Schon wenige Wochen nach der Wahl begann Putin, die Macht der Oligarchen zu brechen. Die waren unter seinem Amtsvorgänger Jelzin eine symbiotische Verbindung mit der Staatsgewalt eingegangen. Zunächst traf es im Mai 2000 den Medienzaren Wladimir Gussinski, der den größten privaten TV-Sender des Landes besaß und dessen Medien USA-freundlich waren. Nach drei Tagen Haft wegen Betrugsvorwürfen gab Gussinski seine Mediaholding auf und zog schließlich nach Israel. Auch der Oligarch Boris Beresowski verlor unter Druck seine 49 Prozent Anteile am ersten Fernsehkanal ORT und setzte sich 2002 nach London ab. Der Staat brachte alle Fernsehsender bald auf Regierungskurs. Im Oktober 2003 verhaftete der Föderale Sicherheitsdienst den Oligarchen Michail Chodorkowski. Der Eigentümer des SPIEGEL GESCHICHTE

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Im Präsidentschaftswahlkampf 2000 setzt sich Wladimir Putin als erster Soldat seines Landes in Szene. Mit einem Kampfflugzeug SU-27 fliegt er in die kurz zuvor eroberte tschetschenische Hauptstadt Grosny.


Rückkehr des Imperiums Putin

Russlands Machtzuwachs unter Putin seit 1999

Luhansker und Donezker Volksrepubliken De-facto-Staaten seit 2014, von Russland unterstützt

Kiew Luhansk (russ.: Lugansk)

UKRAINE Donezk

MOLDAU

250 km

RUSSLAND

Sewastopol Schwarzes Meer

Jalta

Krim Nach einem umstrittenen Referendum und russischer Militärintervention 2014 Russland beigetreten, von der Ukraine beansprucht

größten russischen Ölkonzerns Jukos war politisch einflussreich, mit Lobbyisten auch in der Staatsduma, bis in die Reihen käuflicher Kommunisten. In politisch geprägten Strafverfahren wurde Chodorkowski zu langjähriger Lagerhaft verurteilt, die er verbüßte, bis Putin ihn im Dezember 2013 begnadigte. Da hatten sich Hoffnungen auf eine Liberalisierung, die Putin am Beginn seiner Präsidentschaft geweckt hatte, längst verflüchtigt. Zunächst war viel von Wirtschaftsreformen, einer Verwaltungs- und Gerichtsreform die Rede gewesen. Doch bald setzte sich die seit Zarenzeiten zähe Bürokratie wieder durch. Unter der Devise „gelenkte Demokratie“ triumphierten Bürokraten auch im politischen Leben. Kremlbedienstete machten die im Parlament vertretenen Parteien politisch und finanziell von der Zentralmacht abhängig. Erfolgsberauscht trieben Staatsbeamte das Wahlergebnis für den Präsidenten im März 2004 auf die schwindelnde Höhe von 71 Prozent. Die Manipulationsmethoden reichten vom „Karussell“ gekaufter Mehrfachwähler vor allem in der Provinz bis zur Fälschung von Wahlprotokollen, praktiziert schon unter Präsident Jelzin. So melde-

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„Tschetschenische Republik Itschkerien“ Von 1996 bis 1999 von Separatisten beherrscht, ab Oktober 1999 von Russland zurückerobert

Sotschi Abchasien De-facto-Staat, 2008 von Russland anerkannt, von Georgien beansprucht

Grosny Suchumi

Zchinwali GEORGIEN

Kaspisches Meer

Tiflis

TÜRKEI Südossetien De-facto-Staat, 2008 von Russland anerkannt, von Georgien beansprucht

Putin kanzelt den Finanzoligarchen Deripaska wegen „Habgier“ vor laufenden Kameras ab.

ten Provinzautokraten im Nordkaukasus im März 2004 Ergebnisse von 95 und 98 Prozent für Putin. Der Präsident hatte, so der US-amerikanische Historiker Stephen Kotkin, „geholfen den russischen Staat zu retten, aber ihn zurückgesetzt auf die Flugbahn der Stagnation und auch eines möglichen Scheiterns“. Von „Innovationstechnologien“ war oft, aber folgenlos die Rede. Modernisiert wurden Streitkräfte, Flughäfen und die Olympiastadt Sotschi. Aber es gab weder marktgängige Smartphones made in Russia noch Computer. Die Mehrheit der Russen billigte dennoch die putinsche Politik. Denn die Gehälter stiegen, vor allem durch steigende Preise für exportiertes Öl und Gas. In den Jahren 2003 bis 2007 verzeichnete Russland Wachstumsraten von sechs bis acht Prozent. Nie zuvor konnten sich so viele Russen einen Pkw, eine Auslandsreise oder eine Datscha leisten. Doch die Lage für viele russische Unternehmer blieb trotz einer liberalen Steuerreform prekär. Putin musste 2015 in seiner Rede zur Lage der Nation einräumen, die Geschäftswelt werde „von einer ganzen Armee von Kontrolleuren am Arbeiten gehindert“. Das putinsche System zeigt zarenähnliche Züge. Im Kern er-

weist es sich als bonapartistisch, weil es zwischen verschiedenen sozialen Klassen und politischen Kräften laviert, ähnlich wie einst Bismarcks Regime in Deutschland. Parlament und Parteien, selbst die Kremlpartei „Einiges Russland“, sind darin nur Beiwerk. Die Staatsführung stützt sich zugleich auf Kader aus den Sicherheitsdiensten und auf liberale Finanz- und Wirtschaftsfachleute. Sie sollen für Währungsstabilität und Kreditwürdigkeit sorgen. SPIEGEL GESCHICHTE

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Ein Beispiel für Bonapartismus in Aktion gab Putin im Juni 2009 in der Industriestadt Pikaljowo östlich von Sankt Petersburg. Dort hatten Beschäftigte dreier Fabriken dagegen protestiert, dass die Besitzer die Betriebe geschlossen und Löhne nicht gezahlt hatten. Putin bestellte die Eigentümer, unter ihnen den Milliardär Oleg Deripaska, nach Pikaljowo ein. Volksnah in grauer Jacke kanzelte er die Kapitaleigner wie Schuljungen ab. Er warf ihnen vor, sie hätten mit „Ehrgeiz“ und „Habgier“ in der Industriestadt „Tausende von Menschen als Geiseln genommen“. Putin zwang Deripaska, eine Vereinbarung zu unterschreiben, mit der Verpflichtung, die Produktion fortzusetzen. Die populäre Inszenierung verdeckte Defizite des Systems. Allenthalben bereichern sich Klüngel von Beamten und „Bisnesmeny“ (Geschäftsleuten) an Staatsgeldern. Oppositionelle stellen immer wieder Videos von Villen und Yachten hoher Staatsdiener ins Netz. Selbst der frühere Analysechef der KGB-Auslandsaufklärung Generalleutnant Nikolai Leonow, zeitweilig Staatsdumaabgeordneter, urteilt: „Die Korruption bei Putin ist der wirkliche Verwaltungsleiter geworden, sie hat das gesamte Land überflutet.“ Verwundbar zeigte sich das neue Moskauer Machtsystem, als Putin 2008 nach den verfassungsgemäßen zwei Amtszeiten seinen Vertrauten Dmitrij Medwedew zum Präsidenten wählen ließ, während er selbst wieder Premierminister wurde. Das Prozedere schwächte das Ansehen der Staatsmacht. Medwedews liberale Rhetorik weckte in der Mittel- und Oberschicht Reformerwartungen, die bald enttäuscht wurden. Die Folge waren Massenproteste in Moskau nach Fälschungsvorwürfen bei der Duma- und Präsidentenwahl Ende 2011 und Anfang

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2012. An den Protestkundgebungen in Moskau nahmen bis zu 100 000 Menschen teil. Putin, im März 2012 mit offiziell 64 Prozent der Stimmen abermals zum Präsidenten gewählt, schlug innenpolitisch einen noch konservativeren Kurs ein. Inspiriert von Werken national gesinnter Denker wie des Philosophen Iwan Iljin sprach er von der „Verteidigung traditioneller Werte“ und „geistiger Wurzeln“ Russlands. Dazu zählt für Putin auch das russisch-orthodoxe Christentum.

Der Präsident genießt Begegnungen mit jungen Russen, hier 2016 auf der Halbinsel Krim. Ein großer Teil der jungen Generation sieht in ihm das Symbol eines starken Russland.

Er unterstützte eine gesetzliche Regelung, die Nichtregierungsorganisationen mit westlichen Geldgebern dazu zwingt, sich als „ausländischer Agent“ registrieren zu lassen. Er rechtfertigte die Verurteilung der Aktionskünstlerinnen von Pussy Riot zu einer Haftstrafe von zwei Jahren. Und er unterzeichnete 2013 ein Gesetz, das die „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ unter Strafe stellt: faktisch ein Verbot für öffentliche Veranstaltungen von Schwulen und Lesben außerhalb von – legalen – Homosexuellenklubs. Der Trend zum harten Kurs in der Innenpolitik ging einher mit einer Ver-

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Rückkehr des Imperiums Putin

schlechterung der Beziehungen zum Wes- In einer Massenkundten. Am 25. September 2001, zwei Wo- gebung fordern chen nach den Terroranschlägen in New Bewohner der Hafenstadt Sewastopol auf York, war Putin für eine Rede im Deut- der Krim am 23. Febschen Bundestag mit stehenden Ovatio- ruar 2014 die Rücknen gefeiert worden. Der russische Prä- kehr der Halbinsel sident beschwor auf Deutsch die weltwei- von der Ukraine nach Russland. Danach te Zusammenarbeit gegen „internationa- lässt Putin Truppen le Terroristen“ und plädierte für eine einrücken. „standfeste internationale Sicherheitsar– chitektur“. Dahinter stand das Kalkül, der Westen Nach der militärischen Zerschlagung werde Russland eine Einflusszone in den der separatistischen Gebieten der früheren Sowjetunion zu- „Tschetschenischen billigen. Doch als die USA unter Präsi- Republik Itschkerija“ dent George W. Bush ab 2004 versuchten, liegt dieHauptstadt Grosny (hier im die Ukraine und Georgien nach von US- Februar 2005) noch Stiftungen geförderten Regimewechseln jahrelang in zu Nato-Mitgliedern zu machen, ging Pu- Trümmern. tin auf Gegenkurs. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2007 hielt er eine Rede, die eine Zäsur markierte. Putin warf den USA angesichts des Irakkriegs eine „durch nichts gezügelte, übersteigerte Anwendung von Gewalt in den internationalen Beziehungen“ vor. Die Amerikaner wollten eine „monopolare Welt“. Die Vereinigten Staaten, sagte Putin, „haben ihre nationalen Grenzen in allen Sphären überschritten: in der Wirtschaft, in der Politik, im humanitären Bereich“. Dies führe zu einer „Gefahr der Destabilisierung der internationalen Beziehungen“. Russland aber, so Putin, habe in seiner langen Geschichte fast immer „das Privileg gehabt, eine unabhängige Außenpolitik durchzuführen“. Anderthalb Jahre später machte Putin

von diesem „Privileg“ massiv Gebrauch. Es ging um Georgien. Anfang August 2008 hatte der proamerikanische Präsident Micheil Saakaschwili den abtrünnigen De-facto-Staat Südossetien mit Artillerie, Panzern und Bombern angegriffen, wohl weil er mit Washington im Rücken seine Stärke überschätzte. Südossetien war an Russland orientiert, dort standen russische Soldaten. Auch deren Stützpunkt, offiziell eine Friedenstruppe mit Mandat der Staatengemeinschaft GUS, ließ Saakaschwili angreifen, es gab viele Tote und Schwerverletzte. Daraufhin drängte Premierminister Putin den Präsidenten Medwedew zu einem Einmarsch russischer Truppen nach Georgien. Der Krieg endete nach fünf Tagen mit einem Waffenstillstand. Russland erkannte Südossetien und die Republik Abchasien, die sich gleichfalls von Georgien los-

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Umfrage in Russland Zustimmungsrate zu Wladimir Putin Okt. 2016

Angaben in Prozent

84

Jan. 2010

78

KrimIntervention Russlands Nov. 2013

61 Quelle: Levada-Zentrum

gesagt hatte, als Staaten an, gegen Proteste des Westens. Das russische Eingreifen ließ leicht übersehen, dass Moskau seine Militärmacht dosiert eingesetzt hatte. Obwohl russische Panzerkolonnen bis auf 50 Kilometer an die militärisch nicht gesicherte georgische Hauptstadt Tiflis herangerückt waren, wurde die Stadt nicht besetzt. Der begrenzte Einsatz militärischer Mittel unterschied Putins Vorgehen von dem sowjetischer Führer etwa in Ungarn 1956 und in Afghanistan 1979. Auch im Konflikt in der Ostukraine ab 2014 folgte die russische Führung nicht den Rufen von Hardlinern, die „Panzer nach Kiew“ schicken wollten. Die Entsendung von Soldaten beschränkte sich auf die jetzt von prorussischen Kräften kontrollierten Gebiete bei Donezk und Luhansk nahe der Grenze Russlands. Gleichwohl war es ein schwerer Schlag gegen ein Nachbarland, möglicherweise völkerrechtswidrig. Zuvor hatte Putin mit der Intervention auf der Krim seine Zu-

stimmungsraten auf 87 Prozent getrieben. Der Aufschwung imperialen Selbstbewusstseins ermöglichte ihm ab September 2015 auch den Militäreinsatz im verbündeten Syrien. Dort warf die russische Luftwaffe Bomben über mehrheitlich von islamistischen Aufständischen beherrschten Gebieten ab, unter anderem in Aleppo. Weil dort massenhaft Zivilisten starben und sogar Krankenhäuser attackiert wurden, erhoben viele im Westen schwere Vorwürfe gegen Putin. Doch Putin entschloss sich bislang nicht zum massiven Einsatz von Bodentruppen. Die afghanische Erfahrung der Sowjets wirkt nach, in allen äußeren Konflikten seiner Amtszeit. Putin setzte Gewalt ein, aber er ging nicht va banque. Sein Ziel in Georgien und der Ukraine war nicht in erster Linie territoriale Expansion, sondern eine geopolitische Zwangslage für den Gegner. Indem sie Gebiete an von Russland beeinflusste De-factoStaaten verloren, wurden Georgien und später die Ukraine mit Territorialproblemen konfrontiert. So können sie nicht Mitglied der Nato werden. Hinzu kommt: Putin ist kein völkischer Nationalist. Sein Ansatz steht in der imperialen, multiethnischen Tradition der Zaren und der Sowjets. „Nationalismus – das ist eine sehr schädliche, zerstörerische Erscheinung für die Integrität des russischen Staates“ sagte er in einer Fernsehdiskussion 2015. Die russische Nation, so Putin acht Monate zuvor vor jungen Historikern und Philosophen, habe sich „von Anfang an als multinationale formiert“. Diesen Staat will Putin langfristig sichern. Als Seismografen und Machtinstrumente dienen ihm dabei die Sicherheitsdienste. Die sollen, so der ehemalige Geheimdienstchef, „Bedrohungen abschneiden“ oder „neutralisieren“. Selbst für den Fall, dass diese Strategie einmal nicht mehr greifen sollte, hat Putin vorgesorgt. So schuf er im April 2016 eine „Nationalgarde“, geführt vom früheren Chef seiner Leibwache Wiktor Solotow. Die 300 000 Mann der Nationalgarde sind ausgerüstet mit Hubschraubern, Transportflugzeugen und Panzerwagen. Damit sind sie auf bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen vorbereitet. Zurzeit ist Putins Macht im Inneren wohl kaum bedroht. Gleb Pawlowski, früherer Kremlberater, jetzt oppositionell, sagt über Putins System, es sei „eine tief verwurzelte Facette der russischen Kultur, die über Politik und Ideologie hinausgeht und bestehen bleibt lange nachdem Putins Herrschaft beendet uwe.klussmann@spiegel.de sein wird“.

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Dokument

„Ich habe das Parteibuch immer noch“ Wladimir Putin hat sich 2015 persönlich und auch kritisch mit der sowjetischen Geschichte beschäftigt – und eine Gegenrede in der Wochenzeitung „Sawtra“ provozier t. Der russische Staatschef Wladimir Putin hat sich seit seinem ersten Amtsantritt im Jahr 2000 immer wieder zu historischen Fragen geäußert. Bei einem Forum der „Allrussischen Volksfront“, einer überparteilichen Sammlungsbewegung seiner Anhänger am 25. Januar 2015, sprach Putin über seine Sicht auf die sowjetische Geschichte. Zunächst antwortete er auf die Frage, wie er zu dem Vorschlag stehe, Lenins Leichnam aus dem Mausoleum zu entfernen und zu beerdigen (Auszüge):

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as die Umbettung und andere ähnliche Fragen betrifft, wissen Sie, mir scheint, da muss man sehr akkurat herangehen, um keine Schritte zu unternehmen, die unsere Gesellschaft spalten würden. Man muss, im Gegenteil, zusammenfügen. Das ist das Wichtigste. Und überhaupt, wenn Sie nach meinen Einschätzungen fragen, wissen Sie, ich war genauso wie Millionen sowjetischer Bürger, mehr als 20 Millionen, Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Und nicht bloß Mitglied, ich habe 20 Jahre in einer Organisation gearbeitet, die sich Komitee für Staatssicherheit der Sowjetunion nannte. Und diese Organisation war die Nachfolgerin der Tscheka 1, die man als bewaffnete Abteilung der Partei

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bezeichnete. Ich kann nicht sagen, dass ich so ganz ein ideenmäßiger Kommunist war, aber ich hatte dazu dennoch ein sorgsames Verhältnis. Im Unterschied zu vielen Funktionären war ich nicht Funktionär mit Parteistandpunkt, ich war einfaches Mitglied der Partei. Im Unterschied zu vielen Funktionären habe ich mein Parteibuch nicht weggeworfen, es nicht verbrannt. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion ist zerfallen, aber ich habe das Parteibuch immer noch irgendwo liegen. Mir gefielen und mir gefallen bis heute die kommunistischen und sozialistischen Ideen. Wenn wir uns den „Kodex der Erbauer des Kommunismus “2 ansehen, der in hoher Auflage in der Sowjetunion verbreitet wurde, dann erinnert er sehr an die Bibel. Das ist kein Witz, das ist in Wirklichkeit ein Auszug aus der Bibel. Das sind gute Ideen: Gleichheit, Brüderlichkeit, Glück – aber die praktische Verwirklichung dieser ausgezeichneten Ideen in unserm Lande waren weit von dem entfernt, was die Sozialisten-Utopisten Saint-Simon 3 und Owen 4 dargelegt haben. Alle haben das Zarenregime der Unterdrückung bezichtigt. Aber womit begann die Errichtung der Sowjetmacht? Mit Massenrepressalien. Ich spreche jetzt schon nicht vom Umfang, sondern nur über ein schreiendes Bei-

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Jahren der sowjetischen Machtfülle. Und man muss daran spiel – das ist die Vernichtung der Zarenfamilie zusammen erinnern, dass sogar unter den Umständen nicht gleichmit den Kindern. Verstehen Sie, wir haben früher darüber nie nachge- berechtigter Wahlen mindestens 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung ihre Anhänglichkeit gegenüber linken Ideen dacht. Gut, man hat gegen Leute gekämpft, die gegen und der kommunistischen Lehre zeigen, deren Verkörpedie Sowjetmacht mit der Waffe in der Hand gekämpft rung zweifelsohne Lenin ist. haben, aber warum hat man die Geistlichen vernichtet? Unter diesen Bedingungen zerreißt eine öfAllein im Jahre 1918 wurden 3000 Geistliche fentliche negative Stellungnahme des ersten erschossen und in zehn Jahren 10 000. Am Don 1 Tscheka – die im Dezember 1917 Mannes im Staate zu theoretischen und histowurden Hunderte unterm Eis ertränkt. gegründete GeheimWorüber sprechen wir? Darüber, dass eine polizei, die den „roten rischen Fragen, die mit der Rolle Lenins verbunden sind, die Einheit der Gesellschaft, und Mine unter das Gebäude unserer Staatlichkeit Terror“ ausübte dies in einer Periode beginnender Prüfungen gelegt wurde. Was meine ich? Jetzt konkret: 2 Kodex der Erbauer und vor allem in einer Situation der BedroIch meine die Diskussion zwischen Stalin und des Kommunismus – hung von außen. Dies umso mehr, als nach Lenin darüber, wie man den neuen Staat bauen ein Kanon von zwölf Geboten, den die muss, die Sowjetunion. So ist Lenin dafür ein- KPdSU 1961 auf ihrem Meinung eines großen Teils des Volkes die Zerstörung der Sowjetunion überhaupt nicht von getreten, dass die Sowjetunion sich auf der XXII. Parteitag beLenin und seinen Ideen herbeigeführt wurde, Grundlage der vollen Gleichberechtigung, des schloss und in dem sondern von den Renegaten der kommunistiRechts zum Austritt aus der Sowjetunion bildet. von „brüderlicher Solidarität“ und schen Lehre, Gorbatschow und Jelzin. Ja, und Und das ist eine Zeitbombe unter dem Gebäude „kameradschaftlicher die „Autonomisierung“ gab unter den Bedinunserer Staatlichkeit. Der Ukraine, zum Bei- Hilfe“ die Rede war gungen der Parteidiktatur überhaupt keine spiel, wurde der Donbass übergeben, unter wel- 3 Henri Saint-Simon Möglichkeit, das Land zu zerteilen. In jener chem Vorwand? Um den prozentualen Anteil (1760 bis 1825), franZeit hat gerade die Hinwendung des Landes des Proletariats in der Ukraine zu erhöhen, um zösischer Philosoph, der eine sozialistische zu den Ideen der sozialen Gerechtigkeit 1917 dort eine große soziale Basis zu haben. Das ist Utopie entworfen hat Russland zur weltweiten Führungsmacht erhodoch Irrsinn, verstehen Sie? 4 Robert Owen (1771 ben, die mit den Ideen des Sozialismus die halbis 1858), britischer be Welt vereint. Das ist es, was heute der RusDieser Sicht Putins widersprach drei Tage später Frühsozialist sischen Föderation fehlt, die heute unter dem in der imperial ausgerichteten Moskauer Wochenzeitung „Sawtra“ deren stellvertretender Chefredak- ideologischen und machtpolitischen Druck des Westens und vor allem Washingtons steht. teur Alexander Nagorny (Auszüge): Und in der Abwehr dieses gewaltigen Angriffs können m Lande verstärken sich in diesen Tagen negative dem Präsidenten Putin nur breite Schichten der einfachen Tendenzen in der Wirtschaft. Die sozialen Standards Menschen helfen – und kein Haufen von Oligarchen (mit sinken, die Armut wächst sogar nach den Daten der all ihrem Reichtum und ihren liberalen Werten), die nicht offiziellen Statistik. Entsprechend verstärken sich bei den in Russland leben und danach streben, völlig im westlibreiten Massen der Russen unvermeidlich positive Erin- chen Einflussbereich aufzugehen. Übersetzung: Uwe Klußmann nerungen an die Sowjetunion, Nostalgie gegenüber den

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Ein Bild und seine Geschichte

Botox und Kokain Von Dietmar Pieper

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ach dem Zerfall der Sowjetunion dauerte es nur wenige Jahre, bis sich der Kapitalismus als russische Leitkultur etablierte. Wie aus dem Nichts entstand eine Schicht von Reichen und Superreichen; die Namen der führenden Oligarchen von Abramowitsch bis Wekselberg waren bald in aller Munde. Wohl niemals zuvor in der Geschichte ist es den Gewinnern eines neuen Wirtschaftssystems gelungen, so rasch so viel Geld anzuhäufen wie unter Präsident Boris Jelzin. So wuchs das soeben noch sozialistische Moskau in den Neunzigerjahren zur Welthauptstadt der Milliardäre heran. Jelzins Nachfolger Wladimir Putin zeigte den Oligarchen zwar sehr deutlich ihre politischen Grenzen auf. Wer aber sein Spiel mitspielte, konnte weiterhin nach Herzenslust Millionen verdienen und ausgeben. Die neue Elite des Landes baute ihre Luxusvillen nach alter Tradition an der „Rubljowka“, der Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee im Westen Moskaus, sie feierte ihre Champagnerpartys in den VIP-Lounges, sie trieb die Umsätze in den Mode-, Uhren- und Schmuckgeschäften nach oben. Roberto Cavalli mit seinen glamourös-vulgären Kreationen, gern aus Stoffen mit Leoparden- oder Tigermustern und echtem Pelz, war der Designer der Stunde. Als Chronistin der Moskauer Glitzerwelt machte sich Oksana Robski einen Namen. 2005 veröffentlichte sie den Roman „Casual“, der in Russland ein Bestseller wurde (deutscher Titel „Babuschkas Töchter“). Der flotte Krimi spielt im Milieu der Oligarchengattinnen, die ein Leben zwischen Botox und Kokain führen und beim Kaviar die Frage diskutieren, woher man Personal bekommt, das einem nicht die Juwelen klaut. Erfolgreich war das Buch, weil Robski die Aura der Insiderin verbreiten konnte, mit ihren Kenntnissen der angesagten Klubs, einer Adresse an der Rubljowka und drei Exmännern, von denen einer unter geheimnisvollen Umständen ermordet worden sein soll. Stilecht hüllte sich Robski auf nähere Nachfragen in Schweigen.

► Eröffnung des „Maison Baccarat“ 2008 in Moskau

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Essay

Der Sieg der Roten Armee 1945 ist bis heute das Schlüsselereignis des russischen Nationalgefühls. Die ehemals sowjetischen Nachbarländer setzen sich klar davon ab.

GUTE KÄMPFER, BÖSE KÄMPFER Von Jochen Hellbeck

eit 2015 räumt die ukrainische Regierung rigoros mit dem sowjetischen Erbe auf, holt kommunistische Helden von den Denkmalssockeln, säubert Straßen- und Ortsnamen von sowjetischen Einflüssen. Russland hingegen sonnt sich im Schein sowjetischer Erfolge. Zu Ehren des Sieges über Hitlerdeutschland veranstaltete der Kreml am 9. Mai 2015 die größte Militärparade der russischen Geschichte. Was erklärt die anhaltende und noch zunehmende Rückbesinnung auf die sowjetische Vergangenheit? Warum stemmt sich Russland gegen die Entsowjetisierung, wie sie seine Nachbarn vormachen – neben der Ukraine auch Polen und die baltischen Staaten? Ein wichtiger Grund hierfür liegt im universalistischen Selbstverständnis, einer Haltung, die das heutige Russland fast unverändert von der Sowjetunion übernommen hat. Von Anbeginn an hatten die Begründer des bolschewistischen Staates die Befreiung des gesamten Menschengeschlechts Fast alle auf ihre Fahnen geschrieben. Auch wenn Russen beStalin später den „Sozialismus in einem zeichnen den Land“ – der Sowjetunion – zum Hauptziel Krieg als das erhob und mit den Unionsrepubliken die ethnonationale Gliederung stärkte, wirkte wichtigste der universalistische Anspruch der Revolution fort. Darin lag auch jakobinisches Ereignis des 20. Jahr- Erbe aus der Französischen Revolution. In den Dreißigerjahren wurde Russland hunderts. zum Großen Bruder erkoren, mit einer zivilisatorischen Mission betraut, um alle Mitglieder der sowjetischen Völkerfamilie in die lichte Zukunft zu führen. Hitlers Angriffskrieg brach sich an Leningrad und Moskau, den Wiegen der russischen Revolution. Im Ringen um Stalingrad an der Wolga wurde im Winter 1942/43 der Zweite Weltkrieg entschieden. Während die Rote Armee die Deutschen aus den sowjetischen Gebieten vertrieb, ersetzte Stalin die Internationale durch eine neue Staatshymne der Sowjetunion. Ihr Text feierte „Großrussland“ als Ursprung und Triebfeder eines unzerbrechlichen Vielvölkerstaates. Die maßgeblich von der multiethnischen Roten Armee vollbrachte „Befreiung Europas vom Faschismus“ verlieh dieser Reichsidee einen neuerlichen Glanz.

Zum Gedenken an den mit ungeheuren Opfern erkauften Sieg – die Sowjetunion erlitt mit 27 Millionen Toten fast die Hälfte der gesamten Menschenverluste des Zweiten Weltkriegs – schuf der Staat eine Sakralarchitektur, die den Heldenmut von Menschen und Städten aus dem gesamten Land feierte. Ausgeschlossen aus dem Pantheon waren Millionen von in deutsche Gefangenschaft geratenen und dort misshandelten und getöteten Rotarmisten. Stalin sah in ihnen Feiglinge und Verräter, viele der Überlebenden mussten jahrelang in Lagern leiden. Die von der Sowjetunion geprägten ästhetischen und moralischen Maßstäbe behielt das postsowjetische Russland bei. Ein Beispiel ist der 1995 von Boris Jelzin eingeweihte Park des Sieges in Moskau; an der Anlage war seit 1958 gearbeitet worden. Ein anderes Beispiel ist die heutige Sicht auf General Wlassow. Andrej Wlassow war 1942 in deutsche Gefangenschaft geraten und bot sich den Deutschen an, eine „Russische Befreiungsarmee“ gegen Stalin anzuführen. 1946 wurde er in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. Versuche einer kleinen Minderheit in Russland, Wlassow als Freiheitskämpfer darzustellen, werden von den meisten Russen abgelehnt. Sie beurteilen Menschen im Krieg weiterhin nach sowjetischen Moralvorstellungen; ethno-nationale Perspektiven sind ihnen fremd. Mit Verweis auf die Leistungen ihrer sowjetischen Vorväter werden russische Schulkinder auf Opfermut und Heldentum eingeschworen. Umfragen zufolge bezeichnen fast alle Russen den Krieg als das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts und den Sieg im Jahre 1945 als die Quelle ihres größten Stolzes. Es vergeht kaum ein Tag, an dem das russische Staatsfernsehen nicht in einem plakativen „patriotischen“ Geist über den Großen Vaterländischen Krieg berichtet. Auch das staatlich geförderte Kino liefert monumentale Schlachtenbilder. Dennoch ist dieses historische Bewusstsein nicht allein das Werk der Kreml-Regisseure. Es gibt viele junge Leute, die in der Bewegung der „Sucher“ auf russischen, ukrainischen und weißrussischen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs nach sterblichen Resten gefallener Soldaten graben, um ihnen eine würdevolle Bestattung zu geben. Die spektakulärste Lokalinitiative der letzten Jahre ist das „Unsterbliche

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Russische Rekruten

Regiment“, eine 2012 im sibirischen Tomsk entstandene Aktion, die sich in den Folgejahren rasant ausgebreitet hat. Die Initiatoren riefen Nachfahren von Kriegsteilnehmern dazu auf, biografische Angaben, Fotos und weitere Dokumente ihrer Mütter, Väter, Großmütter und Großväter auf eine Internetseite hochzuladen. Seitdem marschieren am 9. Mai jeden Jahres in Dutzenden von Städten Hunderttausende Russen mit großformatigen Fotos ihrer Vorfahren durch die Straßen. iese Bewegung will die Erinnerung an den Krieg nach dem Ableben der letzten Generation der Kriegsteilnehmer wachhalten. Die gleiche Frage beschäftigt auch Holocaustforscher und -pädagogen im Westen. Unlängst fertigte ein kalifornisches Institut aus vielstündigen Filminterviews mit Überlebenden der Shoah interaktive 3-DHologramme an. Der „virtuelle Holocaust-Überlebende“, der bereits in einem Museum in Illinois installiert ist und künftig in Schulen und Hörsäle gekarrt werden soll, ist so programmiert, dass er auf eine Vielzahl von zu erwartenden Fragen präzise antworten kann. Technologisch raffiniert, hat der Apparat jedoch auch Defizite, die gerade in Gegenüberstellung zum „Unsterblichen Regiment“ hervorstechen: Er lädt nicht zum Dialog ein und mobilisiert den Besucher weit weniger als den Marschteilnehmer. Das „Unsterbliche Regiment“ ist eine grenzüberschreitende Initiative mit Niederlassungen in zahlreichen Ländern, darunter auch den baltischen Staaten und der Ukraine. Von der ukrainischen Mehrheitsgesellschaft als ein imperial-russisches Projekt abgelehnt, spricht die Bewegung umgekehrt russisch sozialisierte Menschen im Land an, die sich im ethnisch-nationalen Projekt der

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ukrainischen Staatlichkeit nicht wieder- paradieren am 9. Mai 2016 zur Feier des finden. über HitlerSeit der Maidan-Revolution betreibt Sieges Deutschland auf dem die neue Staatsführung einen Kult um die Roten Platz. historischen Vorkämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine. Zu diesen neuen Helden gehören maßgeblich die 150 000 Soldaten der Ukrainischen Aufständischen Armee. Von denen dienten viele im Zweiten Weltkrieg zunächst als Hilfspolizisten für die Deutschen. Beim Rückzug der Besatzer kämpften sie zeitweise gegen diese, aber zugleich vor allem gegen die vorrückende Rote Armee. Die sieben Millionen Ukrainer, die in der Roten Armee dienten, spielen im heutigen Heldenkult allenfalls eine Randrolle. Nach dem neuen Staatsverständnis agierten sie nicht als Befreier. Der ehemalige Premierminister Arsenij Jazenjuk erklärte sie, noch im Amt, gar zu Besatzern, als er in einem Interview mit der deutschen „Tagesschau“ von der „Okkupation“ der Ukraine durch die Sowjetarmee im Jahr 1944 sprach. Dieser Logik und dem Buchstaben der ukrainischen „Gesetze zur Dekommunisierung“ folgend, gibt es nun in zahlreichen Städten des Landes keine „Straße der Helden von Stalingrad“ mehr. Und dies, obwohl nach den Russen die Ukrainer die größte Volksgruppe in den bei Stalingrad kämpfenden Einheiten der Roten Armee stellten. Die vormals sowjetischen Straßen und Denkmäler werden nun nach ukrainischen Nationalisten wie Stepan Bandera benannt. Die revisionistische Wucht dieses ethnisch-nationalen Geschichtsbilds, das im Baltikum schon früher als in der Ukraine zum Staatsprogramm erhoben wurde, steht in scharfem Kontrast zum russischen Blick auf die Vergangenheit: Im August 2016 brachte die Staats-

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Junge Russen am Tag der Siegesfeier in einer Moskauer Metrostation; das Foto eines Kriegsopfers gehört dazu.

bank eine Serie von Gedenkmünzen in Umlauf, die sowjetische Kriegsgedenkstätten in 14 von der Roten Armee „befreiten“ europäischen Städten, darunter Kiew, Tallinn, Vilnius und Berlin, zeigen. Zwei der Denkmäler, in Tallinn und Vilnius, stehen schon nicht mehr, weil sie von den Regierungen Estlands und Litauens weggeräumt wurden. Die Gedenkmünzen wirken wie ein symbolischer Restitutionsschrei vor dem Hintergrund anhaltenden Denkmalsturzes.

er Kampf um die Deutung der sowjetischen Vergangenheit reicht über die Grenzen Osteuropas hinweg. Im September 2016 sprach der israelische Präsident Reuven Rivlin anlässlich des Jahrestags des Massakers von Babi Jar im ukrainischen Parlament. Er warnte davor, die Taten der Ukrainer zu vergessen, die an den Kriegsverbrechen der Nazis beteiligt waren, und er hob besonders die ukrainischen Nationalisten unter Banderas Führung hervor, „die Pogrome und Massaker gegen die Juden verübten und in vielen Fällen ihre Opfer den Deutschen übergaben“. Nationalistische Parlamentsabgeordnete bedachten die Rede mit Schmährufen. Mit dem in Deutschland und Westeuropa gepflegten Gedenken an die Verbrechen des 20. Jahrhunderts ist die nationale Engschau, wie sie heute in der Ukraine oder im Baltikum gepflegt wird, schwer zu vereinbaren. Eine Sicht, die 1945 nicht als Befreiung, sondern vor allem als erneute Besatzung betrachtet, stößt in Europa weiterhin auf Widerspruch. Mehr Berührungspunkte gibt es hingegen zwischen dem deutschen und dem sowjetisch-russischen Erinnerungsdiskurs. Beide sind universalistisch, bekennen sich zu übernationalen,

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menschheitlichen Werten. Im Gegensatz zum triumphalistischen russischen Universalismus ist die deutsche und westeuropäische Sichtweise freilich selbstreflektierend und kritisch. Doch ist auch das deutsche Gedenken an den Holocaust als das singuläre Verbrechen des 20. Jahrhunderts und Auschwitz als seinem symbolischen Ort nicht unproblematisch. Es bringt nicht zum Ausdruck, dass 2,75 Millionen der von den Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden Bewohner der Sowjetunion waren. Hinzu kommt, dass der Kreuzzug gegen den „jüdischen Bolschewismus“ in der Sowjetunion auch Millionen von nichtjüdischen Kommunisten, Kriegsgefangenen und als Partisanen verdächtigten Menschen das Leben kostete. Auch das wissen in Deutschland nur wenige. Aber ist die Entsowjetisierung nicht doch ein Fortschritt, und die Fixierung auf das Sowjeterbe allzu rückwärtsgewandt? Näher besehen zeigt sich ein komplexes Geflecht gegensätzlicher Erfahrungen und Identitäten. Im wechselseitigen Austausch würden alle Seiten voneinander lernen: Ukrainer könnten ihr eigenes „VichySyndrom“ ausloten, sich dem Problem der Kollaboration stellen. Russen hätten die Möglichkeit, den althergebrachten heroischen Standard zu überprüfen. Westeuropäer könnten sich den noch wenig beachteten Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs wie den sowjetischen Kriegsgefangenen und den unzähligen ermordeten Zivilisten zuwenden. Doch wer ist heute zu diesem Dialog bereit? Hellbeck, 50, ist Osteuropa-Historiker und forscht vor allem über die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg und danach. Er lehrt an der Rutgers-Universität im US-Bundesstaat New Jersey.

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Buchempfehlungen

Impressum

Standardwerk I Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion. Verlag C. H. Beck; 1106 Seiten; 77,99 Euro

Biografie II Steven Lee Myers: Putin. Der neue Zar. Seine Politik – sein Russland. orell füssli Verlag; 703 Seiten; 28,95 Euro

Der Autor, Historiker und profunder Kenner der russischen Geschichte, hat ein ausführliches Standardwerk geschrieben, sozialgeschichtlich fundiert. Er beschreibt die Sowjetmacht kritisch als Erbin der russischen Träume von einem Durchbruch zu europäischer Moderne. So erscheint die Sowjetdiktatur auch als Anknüpfung an das Wirken von Zar Peter I.

Faktenreich stellt der langjährige „New York Times“-Korrespondent den Aufstieg und die Herrschaftsmethoden Putins dar. Eine akribische Recherche mit kritischer Wertung dieses oft als rätselhaft wahrgenommenen Herrschers.

Standardwerk II Dietmar Neutatz: Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert. Verlag C. H. Beck; 688 Seiten; 29,95 Euro

Der Preisträger des Verbandes der Osteuropahistoriker untersucht den dramatischen Verlauf der Bemühungen, Russland zu modernisieren. Sachlich beleuchtet er die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Reiseeindrücke Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland. Verlag C. H. Beck; 136 Seiten; 4,95 Euro

Die Reportagen des in der Westukraine aufgewachsenen Schriftstellers und Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung“ von 1926 zeigen die Dramatik der Konflikte am Rande der Sowjetunion. Die Spannungen reichen bis in die Gegenwart. Biografie I Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biografie. Siedler; 589 Seiten; 29,99 Euro

Der Moskauer Archivhistoriker schildert detailliert die Dynamik des totalitären Systems und der persönlichen Macht Stalins. Er grenzt sich ab von jeder Neigung zu Stalin-Nostalgie.

Filmgeschichte Christine Engel: Geschichte des sowjetischen und russischen Films. J. B. Metzler Verlag; 382 Seiten; 68,99 Euro

Vom Stummfilm bis zu Gegenwartswerken gibt die Autorin eine anschauliche Übersicht über die Kinoproduktion als Spiegel der Gesellschaft. Das Wirken maßgeblicher Regisseure und die Probleme mit der sowjetischen Zensur werden ausführlich dargestellt. Lebenswelten Heiko Haumann (Hrsg): Die Russische Revolution. Böhlau Verlag; 218 Seiten; 17,99 Euro

An ausgewählten Beispielen beschreiben die Autoren einfühlsam, wie Menschen in großen Städten und auf dem Lande die Auswirkungen der Revolution erlebten und erlitten. So kommt der Alltag jenseits des Kreml in den Blick. Russischer Alltag Matthias Schepp: Gebrauchsanweisung für Moskau. Piper; 220 Seiten; 14,99 Euro

Der langjährige Leiter des Moskauer SPIEGEL-Büros beschreibt die vielen Gesichter der russischen Hauptstadt. Schepp gibt Einblicke in die Künstlerszene, ins Milieu der Neureichen und erklärt die Liebe der Russen zu ihren Wochenendhäusern, den Datschen. Mit Reisetipps für Neugierige.

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SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG Ericusspitze 1, 20457 Hamburg Telefon (040) 3007-0, -2700 (Kundenservice) Telefax (040) 3007-2246 (Verlag), (040) 3007-2247 (Redaktion) E-Mail spiegel@spiegel.de Herausgeber Rudolf Augstein (1923 – 2002) Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (V. i. S. d. P.) Stellv. Chefredakteure Susanne Beyer, Dirk Kurbjuweit, Alfred Weinzierl Redaktionsleitung Dietmar Pieper; Dr. Susanne Weingarten Redaktion Annette Bruhns, Angela Gatterburg, Uwe Klußmann, Joachim Mohr, Bettina Musall, Dr. Johannes Saltzwedel, Dr. Eva-Maria Schnurr Redakteur dieser Ausgabe Uwe Klußmann Chef vom Dienst Thomas Schäfer Gestaltung Kristian Heuer, Nils Küppers Bildredaktion Frank Dietz Infografik Gernot Matzke Schlussredaktion Lutz Diedrichs, Manfred Petersen, Tapio Sirkka Dokumentation Anika Zeller; Jörg-Hinrich Ahrens, Johanna Bartikowski, Johannes Eltzschig, Cordelia Freiwald, Silke Geister, Renate Kemper-Gussek, Ulrich Klötzer, Dr. Walter Lehmann-Wiesner, Sonja Maaß, Sandra Öfner, Heiko Paulsen, Ulrike Preuß, Maximilian Schäfer, Stefan Storz, Malte Zeller Titelbild Suze Barrett, Arne Vogt; Svenja Kruse, Iris Kuhlmann, Gershom Schwalfenberg Organisation Heike Kalb, Kathrin Maas, Elke Mohr Produktion Solveig Binroth, Sonja Friedmann, Christiane Stauder, Petra Thormann Herstellung Silke Kassuba; Mark Asher Verantwortlich für Anzeigen André Pätzold Anzeigenobjektleitung Johannes Varvakis Mediaunterlagen und Tarife: Tel. (040) 3007-3631, www.spiegel-qc.de Verantwortlich für Vertrieb Stefan Buhr Druck appl druck GmbH & Co. KG, Wemding Objektleitung Manuel Wessinghage Geschäftsführung Thomas Hass © SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Dezember 2016 ISSN 1868-7318 Abonnementbestellung bitte ausschneiden und im Briefumschlag senden an: SPIEGEL-Verlag, Abonnentenservice, 20637 Hamburg oder per Fax (040) 3007-3070 Ich bestelle SPIEGEL GESCHICHTE: für € 7,20 pro Ausgabe für € 6,50 pro digitale Ausgabe für € 1,50 pro digitale Ausgabe zusätzlich zu meinem laufenden Printabonnement Name, Vorname des neuen Abonnenten Straße, Hausnummer oder Postfach PLZ, Ort E-Mail (notwendig, falls digitale Ausgabe erwünscht)

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Bildnachweise

Vorschau

Der Islam und Europa Als Truppen des Kalifen Walid I. 711 in Gibraltar landeten, begann die Auseinandersetzung des Abendlandes mit den Anhängern des Korans – eine Geschichte der kulturellen Blüte und des bitteren Streits.

Muslime in Russland 800 Kilometer östlich von Moskau liegt Kasan, Hauptstadt von Tatarstan, an der Wolga – und seit 1438 vom Islam geprägt. Etwa 20 Millionen Russen sind heute Muslime, und die meisten sehen sich als Europäer.

Andalusien „Al-andalus“ tauften die Eroberer die Iberische Halbinsel – ein rätselhafter Name. Nach einer neueren Theorie leiteten ihn die Araber vom sagenumwobenen „Atlantis“ ab. Auch wenn die Reconquista, die Wiedereroberung durch die Christen, den Herrschaftsraum der Muslime Zug um Zug verkleinerte: Sein Glanz und das dort gesammelte Wissen beeindruckten bald ganz Europa. Bis heute zieht das architektonische Erbe wie die Alhambra in Granada (Foto) oder die als Moschee errichtete Kathedrale von Córdoba Touristen aus aller Welt an.

Islamische Gelehrte Der Medizinkanon des Persers Avicenna war lange Standardwerk für Ärzte in Europa. Auch die Ideen des Aristoteles brachte ein Muslim den christlichen Philosophen nahe: Averroes, genannt „der Kommentator“.

Träume vom Orient 1870 malte Auguste Renoir seine „Femme d’Alger“, Zeugnis der Orientsehnsucht jener Zeit. In Deutschland war es Goethe, der den persischen Dichter Hafis im „West-östlichen Divan“ seinen „Zwilling“ nannte.

Die nächste Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE erscheint am Dienstag, dem 31. Januar 2017.

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