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Ein behobener »Unfall« Allein in Deutschland gibt es nach Schätzungen von einigen Experten 6.000 bis 8.000 Menschen, die in ein Geschlecht geboren werden, das sie als falsch empfinden. Andere schätzen, dass die Dunkelziffer sehr hoch sei und es sich eher um 170.000 Personen drehen dürfte. Seit etwa zwei Jahrzehnten bestehen operativ und bürokratisch gute Möglichkeiten, sich dem gefühlten Geschlecht anzugleichen. Auch Thomas C., heute 29 Jahre alt, war biologisch mal Pamela C. Thomas’ Weg zur Arbeit führt durch die Schildergasse in Köln. Die Schildergasse zählt pro Stunde etwa 15.000 Passanten und ist damit eine der größten Einkaufsstraßen Deutschlands. In den Wochen vor Weihnachten hat man das Gefühl, in einem riesigen Strom durch sie hindurch getrieben zu werden. Man muss sich diesem anpassen, um nicht ständig anderen Menschen auf die Füße zu treten oder gegen sie zu rempeln. Auch im Strom der gesellschaftlichen Normalität können sich diejenigen, die der Norm nicht entsprechen, anpassen, vielleicht untertauchen und, meist mehr schlecht als recht, lange mitschwimmen. Für eine gewisse Dauer muss man es zuerst auch mal, meistens zumindest bis zur eigenen Volljährigkeit. Transsexualität ist der populärste Begriff für das Phänomen, den Wunsch zu besitzen, das Geschlecht zu wechseln. Vielfach ergeben sich durch diesen Wunsch aufgrund bestimmter Vorstellungen und Vorurteile Probleme mit dem eigenen Selbst, der eigenen Familie, aber auch mit der Gesellschaft. Bevor der Betroffene volljährig ist, hat er nicht viele Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Vor zwei Jahren trafen Thomas’ neue Kollegen in der Schildergasse zum ersten Mal auf ihn: Kurzgeschnittene, dunkelblonde Haare, gebräunte Haut, ein weites Hemd über der sehr weiten Jeans getragen und hellbraune Herrenschuhe. Wenn man Thomas so sah, dachte man an einen neuen, noch jüngeren Arbeitskollegen. »Das ist Pamela, eure neue Arbeitskollegin.« Auffällig war die Stimme. Sie war sehr dunkel, rauchig. Pamela war damals, wie sich schnell herausstellte, und Thomas ist mittlerweile auch wieder starker Raucher. Eine Hormontherapie ist einer der ersten Schritte, den man bei einer angestrebten Geschlechtsangleichung auf seinem Weg zu gehen hat. Biologischen Frauen wird einmal monatlich eine Spritze mit Testosteron verabreicht. Die Wirkung kann sich relativ schnell einstellen. Eine operative Geschlechtsangleichung ist danach der weiteste Sprung, den man bewältigen kann und den nicht jeder macht – und auch nicht unbedingt machen muss. Man entscheidet sich für eine Handvoll operativer Eingriffe, die das bewerkstelligen sollen, was einem von Geburt an verwehrt wurde. Betritt man die Schildergasse morgens vor zehn Uhr, existiert sie noch in unberührter Atmosphäre. Kaum Menschen, ein, zwei Obsthändler, die tagtäglich ihre Auslegwaren aufbauen. Der erste Musiker beschallt mit seiner Stimme, begleitet von seiner Gitarre, die Einkaufsstraße. Pkws, Lkws und Lieferwagen stehen und fahren Meter für Meter, um die Geschäfte mit Waren auszustatten. Riesige Mengen an Artikeln werden für die potentiellen Käufer der nächsten Stunden, Tage, Wochen und Monate angeliefert. Ein buntes Sortiment zahlloser Wahlmöglichkeiten. Bei seiner Geburt hat der Mensch keine Wahl. Laut des gängigen Meinungsstroms kommt er als eines von zwei Geschlechtern zur Welt. Mutter Natur oder der liebe Gott wählt Frau oder Mann. In weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert man mittlerweile auch die unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, die das Leben begleiten – heterosexuell, homosexuell oder bisexuell. Und transsexuell? Ist das eine weitere sexuelle Orientierung?


Bezüglich dieser historisch ersten passenden Definition – transsexuell – und der zweiten Silbe dieses Wortes – sexuell – kam es zu Irritationen. Trans bedeutet »jenseits, über, darüber hinaus«. Jenseits der Sexualität, der sexuellen Orientierung? Ist das überhaupt eine sexuelle Orientierung? Vor einigen Jahren wuchs im Kreis von Sexualforschern und Beteiligten die Erkenntnis, dass transsexuell, immerhin als Begriff und Beschreibung akzeptiert, viele Nuancen nicht exakt trifft, die mit diesem Thema in Zusammenhang stehen. Intersexualität, Transsexualität und Transidentität, Transgender und Bigender, Transvestit und Travestie, Mann-zu-Frau, Frauzu-Mann, Transfrauen und Transmänner. Ein buntes Sortiment. (Aber Wahlmöglichkeiten?) Thomas würde sich selbst als Transmann bezeichnen. Auf seiner neuen Arbeit ergaben sich schnell über gemeinsame Interessen private Kontakte. Einerseits Filme, grundsätzlich das große Interesse daran, aber auch das exzessive Sammeln, welches manche mit Schallplatten und andere mit Computerspielen ausleben; Thomas wiederum sammelt Videos und DVDs. Andererseits Fußball, beziehungsweise Fan eines Vereins zu sein. Thomas fuhr wegen seiner Liebe zu 1860 München ein halbes Jahr lang mit einer Rückrunden-Dauerkarte ausgestattet fast jede zweite Woche von Köln nach München, um seinen Verein in der Allianz Arena zu sehen. Die Fahrt in den Süden Deutschlands hatte aber auch noch mit einer weiteren Liebe zu tun. Seine Freundin Gertrud wohnt in Straubing, etwa eine Stunde Autofahrt von München entfernt. Die meisten Menschen, die in einer Situation wie Thomas stecken, haben nicht das Glück, eine Beziehung zu führen. Viele Faktoren können es ungemein erschweren, in einer Partnerschaft zu leben. Gertrud kam mit Pamela zusammen, ging alle Schritte der Geschlechtsangleichung mit und steht weiterhin an Thomas’ Seite. Sie verstand sich selbst ihr Leben lang immer als heterosexuell, hatte nie lesbische Kontakte oder Beziehungen. Thomas wiederum diente Homosexualität in seiner Pubertät und auch Jahre danach als Schutzmaske und Erklärungsmuster seiner »Andersartigkeit«. Auch wenn es für manche Schwule oder Lesben komisch klingt, so war für Thomas, der schon immer Frauen liebte, das Lesbischsein der einfachere Weg, seine Sexualität auszuleben. Alle Partnerinnen vor Gertrud lebten in dem Glauben, mit einer anderen lesbischen Frau zusammen zu sein. Thomas bezeichnet das und auch den kompletten Deckmantel Homosexualität heute als falsch: »Mir war immer bewusst, dass da was nicht stimmt, ich keine Lesbe bin«. Falsch kam einem befreundeten Kollegen auch Monate nach dem Kennenlernen von Thomas die E-Mail Adresse des Absenders einer an ihn gerichteten Mail vor. Er hatte die E-Mail an »pamela.c.@gmx.de« geschrieben. Merkwürdig war, dass die Antwort von einem »thommy.c.« kam. Ein wenig verwundert fragte er Thomas in der folgenden Woche nach dem Grund. Die Antwort war, dass Thomas ihm das irgendein anderes Mal erklären werde. In diesem Moment spiegelte sich in Thomas’ Mimik Verunsicherung wieder – er wirkte, als ob er bei etwas ertappt worden wäre. Die Antwort auf die Frage nach der »falschen« E-MailAdresse wurde dann ein paar Wochen später gegeben. Alle anwesenden Kollegen wurden mit der Ankündigung in den Konferenzraum gebeten, Pamela wolle etwas mitteilen. »Ich werde in Kürze eine Personenstandsänderung vornehmen lassen können und habe dann in meinen Papieren Herr statt Frau stehen. Damit einher geht eine Angleichung des Vornamens. Da mir Pamela keine männliche Form anbietet, habe ich meine Eltern gefragt, wie ich geheißen hätte, wäre ich von Geburt an biologisch als Junge auf die Welt gekommen. Deswegen möchte ich euch bitten, mich von nun an Thomas zu nennen. Ich weiß, dass das für den ein oder anderen seltsam ist und Gewöhnung bedarf, aber ich sehe es auch jedem nach, wenn man mal Pamela sagt.«


Falls man diesen Weg geht, müssen zwei unabhängige Gutachten, die man aus eigener Tasche bezahlen muss, beim Amtsgericht eingereicht werden. Das Gutachten für die Namensänderung muss bestätigen, dass die antragstellende Person sich dem gewünschten Geschlecht zugehörig fühlt und seit drei Jahren unter dem »Zwang« steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben. Weiterhin muss mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen sein, dass sich das Zugehörigkeitsgefühl zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird. Das Gutachten für die Personenstandsänderung muss zusätzlich beweisen, dass der Antragsteller nicht verheiratet und fortpflanzungsunfähig ist. Außerdem muss man eine Operation nachweisen, durch die man äußere Geschlechtsmerkmale verändert hat. Hierzu zählt für einen Transmann zum Beispiel die Mastektomie, die Brustamputation. Thomas hatte diese bereits vor der Hormontherapie vornehmen lassen. »Wirkliche Brüste«, hätte er, »Gott sei Dank eh nie gehabt.« Er trug sein ganzes Leben lang auch nie einen BH. Die Brustamputation nahm ein Arzt vor, »der das so, in diesem Stadium, gar nicht hätte tun dürfen.« Deklariert wurde es als Brustverkleinerung. Thomas war damals im Konferenzraum die Anspannung anzumerken. Er wirkte äußerst konzentriert, bereit, mit jeder Reaktion umgehen zu können. Beeindruckend war die Souveränität, in der er alles vortrug. Ohne Zögern, in klar verständlicher Sprache. Die Reaktion im Kollegenkreis war ungewöhnlich unverkrampft. Ein paar vorweggenommene Entschuldigungen vor unabsichtlichen Versprechern folgten und damit war das „Outing“ abgeschlossen. Wenige Minuten später im Büro musste sich der neue Vorname von den Kollegen erst einmal zurecht gelegt werden: » ... äh, Thomas ...«, »Thomas ...! Telefon.« An diesem ersten Tag reagierte Thomas selbst selten auf seinen Namen, wenn man ihn rief. Bei der ersten Zigarette, die kurze Zeit später gemeinsam geraucht wurde, löste sich dann spürbar Einiges – selbstverständlich bei ihm, aber auch bei allen Anderen. Klarheit überwog Verwunderung. Irgendwie war das alles so schlüssig. In seinem zweiten Job, in dem er schon länger arbeitete, war die Sache schon seit einiger Zeit »geklärt«. Er war sehr erleichtert über die Reaktionen. »Boah – ich dachte nur – Oh fuck! Wie erklärst du das jetzt?«, sprach er die E-Mail Geschichte von damals noch mal an.

Eineinhalb Jahre später. Auf dem Weg zu Thomas’ Wohnung. Haltestelle Köln-Efferen. Mit der Linie 18 fährt man nur eine Station aus der Stadt heraus und fühlt sich beim Aussteigen, als ob man viel weiter draußen im Kölner Umland gelandet wäre. Eine kleinstädtische, fast dörfliche Atmosphäre erwartet einen. Die Umschreibung der hochgeklappten Bürgersteige kommt unweigerlich in einem hoch, wenn man hier um 20 Uhr unter der Woche die Straßen entlang läuft. Kurz vor Thomas’ Haustür steht ein Gyros-Grill, der noch offen hat. Er wirkt so deplatziert wie eine bayrische Weißwurst-Bude in Ehrenfeld oder Kreuzberg wirken würde. Thomas wohnt in Efferen, weil der Wohnraum bezahlbar ist. Er benötigt viel Wohnraum, wie man unschwer erkennt, wenn man die Wohnung unter dem Dach betritt. Um die tausend DVDs und Videokassetten stapeln sich in Regalen an drei Wänden des Wohnzimmers. Eine holzvertafelte Fernsehwand schließt die vier Wände ab. Etwa hundert Film- und Fantasyfiguren, circa 30-60 cm hoch, stehen auf den Regalen und den Fensterbänken. Trotzdem ist die Wohnung absolut aufgeräumt und ordentlich. Nichts wirkt so, als ob es nicht an seinem richtigen Platz stehen würde. An der Holzwand hängen Leuchtdioden-Bilder mit HollywoodSchauspielern der 30er bis 60er Jahre. Unter anderem von Marilyn Monroe, der blonden Sexbombe dieser Epoche. In den 90ern galt eine andere Schauspielerin als blonde Sexbombe, insbesondere durch ihr Mitwirken in der TV-Serie Baywatch. Sie trägt den gleichen Vornamen wie Thomas früher: Pamela. Pamela Anderson. Nicht leicht, wenn man eigentlich gar keine Frau sein will und so


eine Namensgenossin besitzt. Mittlerweile ist Pamela Anderson von der Bildfläche so gut wie verschwunden. Ist Pamela C. auch verschwunden? Thomas erzählt, dass er für seine Großeltern immer noch Pamela heißt. Das wird wohl auch Zeit seines, beziehungsweise wahrscheinlich vielmehr ihres Lebens – beide sind über 80 Jahre alt – so bleiben. Es gab mit seiner Oma mal eine ähnliche Situation wie die damals mit der EMail: Thomas hatte einen Überweisungsträger, den seine Oma einwerfen sollte, ihr mitgegeben – ausgefüllt auf den Namen Thomas C. Als er dies bemerkte, war es bereits zu spät. Die Hoffnung, die Oma würde nicht so genau hinschauen, wurde leider nicht erfüllt und ein paar Tage später sprach sie Thomas’ Vater darauf an. Er entgegnete, das würde mit Thomas’ Arbeit zusammen hängen. Eine weitere Frage kam nicht auf. Fragen wurden auch früher schon von seinen Großeltern nicht gestellt, als Thomas durch die begonnene Hormonbehandlung vor zwei Jahren innerhalb kürzester Zeit eine dunklere Stimme bekam. Manchmal übergeht der Verstand einfach Anzeichen, wenn die Schlussfolgerung zu abwegig scheint oder zu einem Ergebnis führt, das man gar nicht wissen möchte. Zwei weitere Menschen, die sich verhältnismäßig schwer mit der ganzen Geschichte tun, sind sein jüngerer Bruder und seine Zwillingsschwester. Letztere empfand es als Verrat an dem Zwillingsschwester-Dasein der beiden. Schicksalshafterweise half sie Thomas vor einigen Jahren unbeabsichtigt selbst ein wenig auf seinem Weg. Sie hatte aufgrund einiger Probleme in ihrer Pubertät eine Therapie durchzuführen. Als hilfreich wurde von ihrer damaligen Therapeutin eine Familientherapie empfunden, zu der Thomas dann auch eingeladen wurde. Hierdurch ergab sich mehr oder weniger zufällig ein Vertrauensverhältnis zwischen der Kinder- und Jugendtherapeutin seiner Schwester und ihm, wodurch Thomas eine professionelle »Betreuung« für zehn Jahre an seiner Seite wusste. Aufgrund ihrer Spezialisierung musste er sich irgendwann jedoch einen Therapeuten für Erwachsene suchen und fand im Internet einen Sexualtherapeuten in Köln. Im Internet finden Interessierte umfangreiche Informationen, die das Thema behandeln. Es gibt zahlreiche Selbsthilfe-Seiten, über die man Erfahrungen austauschen kann. Der Sexualtherapeut nannte Thomas unter anderem die Website »www.transmann.de«, auf der man zum Beispiel auch alle notwendigen Formulare für eine Geschlechtsangleichung findet. Sein Bruder ist gerade 18 Jahre alt geworden. Er hat immer noch Schwierigkeiten, Thomas bei seinem neuen Namen zu rufen und umgeht diese Situation, soweit es ihm möglich ist. Wie erklärt man sich und seinem Umfeld in diesem Alter auch die Tatsache, dass eine der beiden großen Schwestern plötzlich ein großer Bruder ist? Früher schon spielte Thomas immer mit seinem Zwilling Bruder und Schwester. Monatsblutungen habe er vielleicht vier bis fünf Mal in seinem Leben gehabt. »Wenn man das damals bei mir überhaupt so nennen konnte.« Dass die große Schwester nie Röcke oder Kleidchen trug – bis auf ein einziges Mal, so erzählt Thomas, bei seiner Kommunion half kein Lamentieren, das Kommunionskleidchen musste übergestreift werden – hat ja nicht unbedingt etwas zu sagen. Auf dem großen Bankett-Tisch aus Holz steht eine Rotweinflasche, Thomas’ Hausmarke, und ein großer, gläserner Aschenbecher. Thomas hatte von der ersten bis zur letzten Operation mit dem Rauchen aufgehört, obwohl er mehr als ein Päckchen Zigaretten am Tag rauchte. Der operierende Arzt legte dies Thomas sehr ans Herz, da die Wundheilung bei Rauchern um ein Vielfaches schlechter verläuft.


Die erste Operation nach der Brustentfernung ist die Hysterektomie. Hier werden die Gebärmutter, die Eierstöcke und die Eileiter entfernt. Weitere Operationen folgen. Es wird eine Harnröhre geformt. Die abschließenden Operationen betreffen den Penoidaufbau, bei dem das männliche Glied modelliert wird. Grundsätzlich sind die Erfolge bei der Durchführung dieser Operationen sehr unterschiedlich. In Deutschland gibt es laut Thomas genau zwei Chirurgen, die diese Operationen mit guten Erfolgen durchführen. Nicht jeder Mensch, der ähnlich empfindet wie Thomas, lässt alle Operationen durchführen. Teils aus Gründen, die mit den eigenen Wünschen zusammenhängen. Manchmal aus gesellschaftlichen oder familiären, aber auch aus Gründen, die während der Operationen entstehen. »Ich habe in der Klinik andere Transmänner kennen gelernt, die nach der ersten Operation aufgrund der Schmerzen nicht mehr weiter wollten. Die Schmerzen waren unvorstellbar.« Nach den ersten Eingriffen versuchte Thomas zwar, sich nichts anmerken zu lassen, aber wenn man ihn damals durch die Büroflure laufen sah, wirkte er wie ein Cowboy, der ohne eine einzige Pause von der Ost- an die Westküste geritten war. Sitzen konnte er kaum und breitbeiniger sah man selten jemanden gehen. Wenn man ihn jetzt, nachdem alle Operationen abgeschlossen sind, am Tisch sitzen sieht, ist das auch breitbeinig. Aber ohne Schmerzen. Zurückgelehnt. Entspannt. Eine um die andere Zigarette wird geraucht. Als die letzte Operation abgeschlossen war, dauerte es keine zwei Tage, bevor Thomas sich wieder voller Freude die Erste ansteckte. »Trotz all der Schmerzen habe ich zu keinem Zeitpunkt meine Entscheidung bereut.« Der Chirurg aus München, der Thomas operierte, erzählte ihm, dass er bisher noch keinen Transmann erlebt habe, der alle Eingriffe in so kurzer Zeit vornehmen ließ. Thomas wurde innerhalb eines Jahres siebenmal operiert. »Man weiß ja selbst nicht, nachdem das alles überstanden ist, wie gut das Ergebnis ist. Vergleichsobjekte habe ich ja kaum gesehen.« Als Thomas’ Urologe im Urlaub war, ging er, da ein Katheter gezogen werden musste, zu dessen Urlaubsvertretung. Unsicher ließ Thomas seine Hosen herunter. Als der Arzt ohne Kenntnis der Ursache der Operation und der Katheter-Legung fragte, was denn die Gründe hierfür wären, war die Erleichterung groß. Als Thomas hiervon erzählt, wirkt er unsicher. Unsicherheit merkt man ihm selten an. Es gibt sie aber, die Situationen, in denen er es ist. Die Phalloplastik, bei der ein Hautlappen mit dem darunter liegendem Gewebe aus dem Unterarm entnommen wird, um daraus einen Penis zu formen, hinterlässt natürlich eine deutliche Narbe. Wenn fremde Menschen oder diejenigen, die ihn kennen, aber von nichts Bescheid wissen, diese bemerken, kann das manchmal zu Fragen führen. Das Angenehme ist, dass niemand auch nur ansatzweise den wirklichen Grund vermutet. Unangenehm ist es, eine Antwort geben zu müssen. Bei einer Familienfeier von Gertrud fragten ihn Verwandte nach der Ursache für seine Verletzungen am Unterarm. Thomas hat sich für diese Fälle eine Ausrede überlegt. Er mag es nicht zu lügen, aber in diesen Situationen erzählt er von einem Autounfall. Das mit dem Auto ist gelogen. Aber ging nicht ein Unfall dem ganzen »Driss«, wie Thomas sagen würde, von Geburt an voraus? Ein Unfall, der zu vielen, auch nicht sichtbaren Verletzungen führen kann. Dieser Unfall, der bei der Geburt von Mutter Natur oder dem lieben Gott begangen wurde, ist nun, so gut es geht, behoben. Thomas ist den Weg zu Ende gegangen. Er ist wahnsinnig froh darüber, angekommen zu sein. Mitsamt Job, Freunden, Familie und Freundin ist das mehr als ungewöhnlich.


QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN: • TransMann e.V.: www.transmann.de/ • transray - information system for transsexual matters: transray.com/ • Portal: Geschlecht und Geschlechtsidentität: de.wikipedia.org/wiki/Portal:Transgender • The World Professional Association for Transgender Health, Inc.: www.wpath.org/ • Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.: www.dgti.org/ • Jacobeit, J. W.: Transsexualität - Transgender Blickpunkt der Mann: www.kup.at/kup/pdf/5794.pdf • The Gender Identity Research & Education Society: www.gires.org.uk/

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