Neies Lautre Nr. 9

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Neies Lautre

Zeitung für eine solidarische und basisdemokratische Gesellschaft Nummer 9

Juni 2018

kostenlos, aber nicht umsonst

Inhalt Bericht: Klimaschutz im Kapitalismus?

Bericht: Feministischer Widerstand in der Türkei

Kommentar zur Gesundheitsversorgung in Kaiserslautern

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­ Seite 6

Terror in Budapest

Wie du psychisch belastete Freund*innen unterstützen kannst

Bericht: Fest der Solidarität

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­ Seite 11

­ Seite 10

Editorial

Nicht mehr seit Monaten, sondern nun schon seit Jahren kreist die politische Debatte in Deutschland hauptsächlich um die Frage, ob man Menschen, die sich vor Krieg, Verfolgung und Hunger hierher geflüchtet haben, aufnehmen oder abschieben soll. Der unrühmliche Streit darüber in der nicht mehr ganz so großen Koalition verstärkt das ein weiteres Mal. Seehofer und Co. deuten Politik in allgemeine Maurer- und Zaunbauermeisterschaften um. Die Autor*innen der neunten Ausgabe des Neien Lautre sind dieser thematischen Verengung nicht gefolgt. Zu viele andere Fragen sind dringend geworden: Wie gelingt uns endlich wirksamer Klimaschutz? Warum ist eigentlich unsere Gesundheitsversorgung so beschissen? Macht der Staat eigentlich irgendetwas gegen die wachsende soziale Ungleichheit? Was können wir von anderen lernen, zum Beispiel von den Frauen, die in der Türkei gegen die männliche Gewalt kämpfen? Das sind nur einige der Fragen, die wir uns stellen. Ob wir auch Antworten gefunden haben, erfahrt ihr auf den nächsten Seiten.


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Klimaschutz im Kapitalismus? Bericht vom Vortrag im Eselsohr am 10. März 2018 Von: Thommy Der Vortrag „Klimaschutz und Kapitalismus“ von unseren Freunden der Kampagne gegen Tierfabriken hat auf sehr anschauliche Weise gezeigt, dass sich das kapitalistische System und Klimaschutz (richtigerweise eine Ende der Zerstörung der Natur) nicht vereinbaren lassen. Im ersten Teil des Vortrags wurde auf die kapitalistische Produktionsweise eingegangen. Im kapitalistischen System besteht die Notwendigkeit, ständig Mehrwert zu produzieren. Dabei wurde aufgezeigt, auf welche Art und Weise der Mehrwert produziert werden kann. Da die Unternehmen in ständiger Konkurrenz zueinander stehen, kann das wahre Wesen des Kapitalismus letztlich nur die Ausbeutung von Mensch und Natur sein. Veranschaulicht wurde dieses Szenario u. a. durch das paradoxe Beispiel, dass zwei konkurrierende Schlachtfabriken in Niedersachsen ständig wachsen und mehr Fleisch produzieren müssen, um nicht in der Konkurrenz zu unterliegen, und das obwohl der Fleischkonsum in Deutschland zurückgeht. Aber genau dies entspricht der Logik des Kapitalismus.

Dem ständigen Wachstumswahn des kapitalistischen Systems stehen die begrenzten Ressourcen der Natur gegenüber. Daher war die Schlussfolgerung des Vortrags, dass die herrschende Produktionsweise mit der Natur und dem ökologischen Wesen unserer Erde nicht vereinbar ist. Außerdem wurde aufgezeigt, welche Auswirkungen allein der Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung auf die Menschheit hat. Ein Zuschauer stellte in der anschließenden Diskussion richtigerweise fest, dass es in diesem Zusammenhang nicht verfehlt ist, von einer bevorstehenden Apokalypse zu sprechen. Des weiteren beschäftigten sich die Vortragenden mit der Frage, was bisher passiert ist, um den bevorstehenden Klimawandel zu verhindern. Leider ist festzustellen, dass außer Lippenbekenntnissen der Politiker und Beschlüsse, die nicht umgesetzt wurden, nichts passiert ist. Ganz im Gegenteil ist der CO2 Ausstoß ständig von Jahr zu Jahr gestiegen. Als Beispiel ist das traurige Ergebnis der deutschen Politik zu nennen. Denn bereits 1991 beschloss der


03 Proteste und Blockaden gegen Braunkohleabbau in der Lausitz durch die Kampagne Ende Gelände 2015.

Bundestag, die Emissionen bis zum Jahr 2005 um 25% unter das Niveau von 1990 zu senken. Dieses Ziel wurde krachend verfehlt. 2007 wurde als neues Klimaziel beschlossen, bis 2020 die Emissionen um 40% unter das Niveau von 1990 zu senken. Heute ist gewiss, dass mit einer Regierung aus SPD und Union, die wieder auf Kohlekraftwerke setzen, auch dieses Ziel unmöglich ist. Der neue Vorsatz der Politiker, dass bis 2050 die Treibhausgase auf 95% gegenüber 1990 abgesenkt werden, ist mit dem derzeitigen System des Profitwahns ebenfalls unmöglich und eine derartige Aussage kann nur als Zynismus bezeichnet werden oder muss als völliger Realitätsverlust gedeutet werden. Auch auf EU und internationaler Ebene sieht das Ergebnis nicht besser aus. Wobei das System des Emmissionshandels nur als schlechter Scherz der Herrschenden verstanden werden kann. Daher ist es vermessen, Hilfe von den Staaten oder einer Regierung zu erwarten. Denn auch die Staaten sind dem kapitalistischen System und der Konkurrenz unterworfen. Daher wird die Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt und unserer Lebensgrundlage somit letztlich unserer Zukunft unvermindert weitergehen. Nach dem Vortrag erfolgte eine Diskussion, wie dieses apokalyptische Szenario noch abgewendet werden kann. Offensichtlich war, dass allein durch einen Systemwandel die Menschheit, um nicht mehr

oder weniger geht es nämlich, gerettet werden kann. Allein durch eine Verschärfung der Gesetze oder durch Selbstregulierung des Markts, dies wurde im Vortrag und in der Diskussion offensichtlich, kann das Problem des Klimawandels nicht erfolgreich angegangen werden. Nur durch einen radikalen Systemwandel hat die Mehrheit der Menschen noch eine Möglichkeit, ein Leben in Würde auf dem blauen Planeten zu führen. Dabei könnte die kapitalistische Marktwirtschaft durch eine „Solidarische Ökonomie“ ersetzt werden. Wobei an die Stelle der Konkurrenz gegenseitig Hilfe treten würde. Dabei kann, dies ist offensichtlich, die Geschicke nicht weiter den Herrschenden und ihrem Mündel in den Parlamenten überlassen werden. Die Parlamente, die nicht die Interessen der Menschen sondern allein die Interessen des Kapitals vertreten, könnten ersetzt werden durch eine Basisdemokratie. Wie diese Zukunft im Detail auszieht, mag selbstverständlich niemand voraussehen. Jedoch muss sich etwas ändern und zwar radikal, damit die Menschheit auf dem blauen Planet eine Zukunft hat.

Der ganze Vortrag kann nachgehört werden unter archive.org/details/VortragKlimaschutzImKapitalism us


Widerstandsstrategien der feministischen Bewegung der Türkei

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Bericht vom Vortrag von Sibel Schick am 13. April 2018 Von: Luise „Wir werden Frauenmorde stoppen“ ist das Motto, unter dem sich in der Türkei in jedem Ort Frauen organisieren. Die Aktionsformen sind dezentral und niedrigschwellig. Es werden direkte Dialoge mit anderen Frauen geführt und Hilfe organisiert. Seit die meisten Haushalte mit Internet ausgestattet sind, gibt es zudem eine neue Welle des Internetaktivismus und es zeigt sich, dass einige Dinge besser angenommen werden, wenn sie humorvoll gesagt werden. Scheinbar schlägt diese Form von Aktivismus so hohe Wellen, dass Menschen dafür eingesperrt werden. Die Frauenbewegung ist aktuell die stärkste oppositionelle politische Gruppe, auch wenn sie von der Regierung erst seit kurzem als solche wahrgenommen wird. Sibel Schick zieht den Zusammenhang zu der um mehr als 1000% (in Worten: eintausend Prozent!) gestiegenen Rate an Frauenmorden, seit die AKP die Regierung stellt. Darüber hinaus schildert sie eine Normalisierung der Gewalt in der türkischen Gesellschaft, die häusliche Gewalt unsichtbar werden lässt. Ein Problem, was viele Frauen kennen, die in der Näher von Kriegsschauplätzen leben (müssen). Wo Totschlag zum Alltag wird, fällt eine Vergewaltigung nicht mehr ins Gewicht. Auch die Fälle von Kindesmisshandlung sind um 700% gestiegen und werden durch Straflosigkeit von der Regierung gebilligt. Ganz offensichtlich fördert die Repression in der Türkei ein Sexismusproblem, wenn der Widerstand nun von den Menschen angeführt wird, die jahrelang nicht politisch aktiv waren und sich nicht organisieren konnten oder wollten.

Frauen der Kampüs Cadıları (Campushexen) in Aktion. Diese Organisation war im Vorfeld des 8. März diesen Jahres Attacken und Einschüchterungsversuchen durch den Staat ausgesetzt. Siehe auch revoltmag.org/articles/türkei-angriff-auf-frauenvor-dem-8-märz

Ich persönlich muss mehrmals weinen, während Sibel Schick die Situation schilderte. Weinen, weil ich das Leid selbst kenne, das geschildert wurde und anschließend schlucken, ob des Mutes und der bewundernswerten Widerstandskraft von den Menschen in der Türkei. Frauen*, die sich nicht vorschreiben lassen, in welches Rollenklischee sie passen sollen. Mütter (und Väter), die versuchen, ihren Kindern eine lebenswertere Welt zu hinterlassen. Queere Personen, die sich nicht aufgeben und trotz der Repression am öffentlichen Diskurs teilnehmen, sich kämpferisch zeigen. Wo wir am Leben gehindert werden, fängt unser Widerstand an! Sibel Schick schildert Strategien, die ich aus der feministischen Arbeit in Deutschland ebenfalls kenne. Es gibt Frauenhäuser, die als Zufluchtsort fungieren. Gerichtsprozesse werden begleitet indem Frauen einfach Präsenz zeigen und somit als Zeuginnen und Beobachterinnen dienen. Was ich dabei nur anhand der zitternden Stimme der mutigen Referentin erahnen kann ist, was es an diesem anderen Fleckchen Erde für Mut erfordert, diese Maßnahmen zu ergreifen. So, und nun noch etwas Ehre, wem Ehre gebührt: Die erste Frauennachrichtenagentur der Welt heißt Jinha, kurz für Jinhaber Ajansi, wurde in der Türkei von Kurdischen Frauen initiiert und hat bis heute nicht an Relevanz verloren.


Umverteilung gibt es nicht

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... zumindest nicht von oben nach unten Von Ben

Die 15 Jahre seit Umsetzung der sogenannten „Agenda 2010“ waren für die einfachen Leute, für diejenigen, die nicht von ihrem Erbe, sondern ihrer Arbeit leben müssen, schwierige Jahre: Die Zahl der trotz Arbeit Armen hat sich verdoppelt, die Löhne vieler Geringverdiener sind faktisch gesunken, von der Hartz4-Schikane und der Rente mit 67 ganz zu schweigen. Seit letztem Jahr sitzt mit Christian Linders FDP eine Partei im Bundestag, die eine „Agenda 2030“ fordert und Umverteilung zurückfahren will. Aber welche Umverteilung meinen sie? Die steuerliche

Umverteilung von oben nach unten kann es nicht sein, denn wie die Grafik zeigt zahlen die Armen nicht weniger Steuern als die meisten anderen auch. Wir Anarchist*innen vertrauen nicht auf den Staat. Im Kapitalismus werden die Reichen schon aufpassen, dass sie nicht allzu viele Steuern zahlen. Unsere Umverteilung heißt Enteignung. Unser Ziel ist die Vergesellschaftung des Reichtums, den wir alle täglich erschaffen.


Zum Zustand der Gesundheitsversorgung

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Ein Kommentar Von: Luise Das Westpfalzklinikum umfasst die Standorte Kaiserslautern, Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen. Eigentümer sind die Gemeinden. Was bedeutet, dass die Kosten für das Klinikum aus Steuergeldern der Gemeinden getilgt werden, sofern der Bund sie nicht, wie im in der aktuellen Tarifrunde, gegenfinanziert. Deutschlandweit fehlen 36.000 Stellen im Gesundheitssektor und der Bund stellt Mittel bereit um 8000 neue Stellen zu schaffen. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes schreibt das Westpfalzklinikum 26 Stellen aus. In einem Krankenhaus in der Pfalz höre ich von den Menschen, die für die Einstellung von Personal zuständig sind, dass sie selbst die offenen Stellen nicht besetzt bekommen. Von Angestellten, dass sie weit über ihre Kräfte arbeiten und früh aus gesundheitlichen und /oder finanziellen Gründen aus dem Beruf ausscheiden. Der geplante Tarifstreik wurde aufgrund des zu hohen Krankenstandes verschoben. Oft höre ich, man brauche mehr Personal. Oft höre ich, dafür fehlten die Mittel. Das Klinikum wird aus Mitteln der Gemeinde finanziert, der Stadtrat entscheidet also darüber. Dann höre ich, dass sich nur wenige Abteilungen finanziell rentieren und diese dann andere Abteilungen, die regelmäßig Defizite erwirtschaften, ausgleichen müssen. Eine dieser Abteilungen ist die Geburtshilfe. Warum das so ist, ist lange bekannt: Es hängt mit den Pauschalvergütungen der Krankenkassen zusammen und den Haftpflichtversicherungen für Hebammen. Und was passiert mit den finanziell defizitären Abteilungen?

Deutschlandweit werden Geburtshilfe-Stationen geschlossen. Im oben beschriebenen Krankenhaus existiert die Geburtshilfe noch, dennoch höre ich immer wieder, wie Müttern abgeraten wird, dort zu entbinden, um stressbedingte Geburtskomplikationen zu verhindern. Wir halten also fest: die Angestellten arbeiten unter schlechten Bedingungen, die „Kunstfehler“ begünstigen. Die Leidtragenden sind Mütter, Kinder, Familien und natürlich das medizinische Personal selbst. Hier werden wirtschaftliche Fehlentscheidungen auf dem zulasten der nächsten Generation getroffen. Und zulasten von Müttern. Müttern, die nach der Geburt des Kindes mit höchster Wahrscheinlichkeit erstmal wenig Energie haben werden, um an dieser Stelle selbst politisch für ihr Wohlergehen einzutreten, da sie ein Kind versorgen müssen und da wird erfahrungsgemäß ein ganzes soziales Netz gebraucht um diese Zeit gut zu überstehen. Der Ruf wird laut nach gesellschaftlichem Engagement und gewerkschaftlicher Organisierung. Und Ja, auch ich rufe alle Menschen, die im medizinischen Sektor arbeiten, dazu auf sich gewerkschaftlich zu organisieren und für bessere Arbeitsbedingung zu kämpfen. Und alle anderen, würde ich gerne höflich und bestimmt um Solidarität bitten. Fast alle Menschen kommen im Laufe ihres Lebens in die Situation auf diese medizinische Hilfe angewiesen zu sein, also bitte nutzt eure Privilegien um den Menschen, die diese Hilfe jeden Tag leisten ebendies zu ermöglichen.


Trauer statt Hass

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Gegen Gewalt an Frauen und die falschen Lösungsansätze der Rechten Von: Initiative gegen Rechts / Solidarisches Lautre Auch in Kaiserslautern versuchten Rechte um den Neonazi Sascha Wagner, den Mord an der 14-jährigen Susanna in Mainz zu instrumentalisieren. Folgende Rede wurde auf der Gegenkundgebung am PhilippMees-Platz verlesen. Natürlich ruft der Mord an Susanna verschiedene Reaktionen hervor. Die Trauer und der Schock dürfte bei den Angehörigen des Mädchens am schlimmsten sein, doch auch scheinbar Unbeteiligte lässt dieses Verbrechen nicht kalt. Man fühlt sich unweigerlich an den Mord im Dezember in Kandel erinnert, bei dem auch ein junges Mädchen von einem Jungen aus ihrem nahen Umfeld umgebracht wurde. Beide jungen Männer sind Geflüchtete, der eine aus Afghanistan, der andere aus dem Irak. Manch einer zieht hier Parallelen und findet den Grund an den Morden in der deutschen Flüchtlingspolitik. So denken diese Menschen, besagte Morde könnten verhindert werden durch eine strengere Begrenzung der Einwanderung. Doch die Geflüchteten zum Sündenbock zu machen und die Täter auf ihre Herkunft zu reduzieren, ist bei weitem zu kurz gedacht; das ist ein rassistischer Erklärungsversuch, wie ihn die Rechten schon lange propagieren. Die Vergewaltigung und der Mord an dem Mädchen zeigen, dass die Gesellschaft noch immer männlich dominiert ist und viele Frauen Opfer von Männern werden, die ihre Vormachtstellung nutzen, um über sie zu bestimmen. "40% der in Deutschland lebenden Frauen haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt." Diese Studie des Familienministeriums, die seit 2004 läuft, beweist, dass Unterdrückung von Frauen weit verbreitet ist. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und wurde nicht erst durch Flüchtlinge ins Land getragen. Gewalt an Frauen gibt es schon immer, auch durch deutsche Männer und das ist nicht erst seit 2016 ein Problem. Die rechten Gruppierung missbrauchen diese Verbrechen, sodass der Eindruck entsteht, Morde und Vergewaltigungen an Frauen gäbe es erst, seit Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Das ist falsch.

Genauso falsch ist es, die Morde zu instrumentalisieren, um den Rassismus der eigenen Partei zu rechtfertigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass rechte Gruppierungen dieses Klima nutzen, um Hass gegen jene zu schüren, die unseren Schutz brauchen! Wie können wir solche Taten verhindern? Überall dort, wo Männer sich das Recht herausnehmen, über eine Frau zu bestimmen, über ihren Körper oder über ihr Leben, müssen wir Widerstand leisten. Wir alle haben das Recht, frei über uns und unseren Körper zu bestimmen und kein Mann der Welt, welcher Nationalität auch immer er ist, darf sich einmischen. Bei jeder Ungerechtigkeit, die wir erkennen, müssen wir laut werden und den Druck erhöhen auf jene, die uns dieses Recht auf Selbstbestimmung absprechen wollen. Natürlich kommen die meisten Flüchtlinge aus einem Land, das durch das Patriarchat, d. h. durch eine Herrschaft der Männer, geprägt ist. Die Lösung kann daher nur ein internationaler Kampf für die Rechte und Befreiung der Frauen sein, um die Welt so zu einem Ort zu machen, an dem keine Frau mehr Opfer von Gewalt sein muss.


Terror in Budapest

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Eine Genossin war auf Reisen und musste sich währenddessen Gedanken über rechte Politik und individuelle Verantwortung machen. Sie hat sie für uns aufgeschrieben. Schüsse hallen durch die Luft, dann das Platschen von Körpern auf Wasser. Zurück bleiben nur die Schuhe, aufgereiht am Kai. Ungarische Nazis erschießen Ende des zweiten Weltkriegs an der Donau ihre jüdischen Mitbürger_innen. Die Schuhe stehen immer noch dort, heute als Mahnmal aus Bronze. Zum Glück sind diese Zeiten schon lange vorbei, mag hier wohl die erste Reaktion sein. Ein leider falscher Schluss. Schießende Nazis muss man auch heute nicht lange suchen bzw. die Polizei sie dann wiederum doch. Mir fällt schnell der Nationalsozialistische Untergrund ein. Leute, die einfach mal beschließen, dass Menschen mit Migrationshintergrund kein Recht haben, zu leben. Und dabei ist selbst dieser nur die Spitze des Eisbergs. 921 Attacken auf Flüchtlingsheime gab es 2016. Das sind über 2,5 Angriffe pro Tag. Auch der zweite Teil, die Toten im Wasser kommt mir nur allzu vertraut vor. Nur dass sie heute im Mittelmeer statt der Donau treiben. „Terror in Budapest??!“ Ich, ein_e fiktive_r Leser_in

des Artikels, schrecke hoch. Ich warte gerade in einer kleinen Großstadt mit pfälzischen Akzent auf meinen Bus und überbrücke die Wartezeit damit, den neusten Eintrag zu lesen. Die Stimme kommt von einer leider nicht ganz fiktiven Person neben mir, die wohl gerne in Handys anderer Menschen schaut und eine Schwäche für brisante Überschriften hat. Noch während ich überlege, ob es sich lohnt, die Sache aufzuklären, fragt sie mich ob auch Deutsche unter den Opfern seien. Zwischen der Frage, ob dort wohl auch geflüchtete Deutsche Jüd_innen umkamen und der, wieso ich überhaupt über so etwas irrelevantes wie die Nationalität ermordeter Menschen nachdenke, murmele ich ein „vermutlich eher nicht“. Sichtlich erleichtert, von sterbenden Menschen, die nicht die Deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, lässt sich diese Person wohl nicht den Samstag versauen, beginnt sie loszuspekulieren, dass das bestimmt wieder irgendwelche Muslime waren. Wer auch sonst, oder wie war das gerade mit den schießenden Nazis nochmal? Es driftet ab in AFD-Gelaber, alles was Stereotype zu bieten haben wird ausgepackt und mit einem


09 zum Schaudern bringenden „und wenn das zu sagen jetzt rechts ist, dann bin ich jetzt halt mal rechts“ abgerundet. Der Bus kommt. Ich steige ein weil alle einsteigen. Im Bus frage ich Valentin ob der Bus zum Hbf von Linz fährt. Ich bin in Österreich und will nach Ybbs, zu den anderen Mitreisenden zurück. Valentin, so finden wir heraus, will den gleichen knappen Anschlusszug erwischen wie ich und so stellen wir uns vor, während wir durch die Bahnhofshalle rennen. Er studiert Politikwissenschaften und so liegt ein Gespräch über Wahlen, Europa und nationale Bewegungen nahe. Es ist interessant, all das von einer österreichischen Perspektive zu erfahren. Er wirkt informiert, berichtet dass er überzeugter Europäer sei und dann sagt er das, was mir heute wieder durch den Kopf hallt: „Wir können nicht alle aufnehmen.“ Zwei so unterschiedliche Begegnungen mit einem so ähnlichen Resümee. Kann es wirklich unmöglich sein, Menschen in Not bei uns willkommen zu heißen? Ich sitze am Fluss, der damals das Grab dieser jüdischen Menschen war und stelle mir vor, dass das Wasser am Mittelmeer vermutlich genau jetzt und

morgen und übermorgen zum Grab für jemanden wird. Was ist also die Alternative? Die Leute ertrinken lassen und gegen die, die doch durchkommen, Zäune hochziehen? So scheint es zumindest. Manchmal kommt mir der Eindruck, Dinge passieren obwohl sie moralisch kaum jemand verantworten kann. Bisher hat mir zum Beispiel noch nie jemand erzählt, dass er/sie Fan von Lebensmittelspekulationen sei, aber trotzdem haben viele ihr Konto bei einer Bank, die genau das tut. Das selbe scheint beim demokratischen Prozess zu passieren: Wenn Parteien durchsetzen, dass Grenzen geschlossen werden, alle (un)möglichen Länder als sicher erklären und fragwürdige Deals mit der Türkei abschließen, hat das für die Betroffenen Folgen, die lebensbedrohlich bis -beendend sind. Wer will die moralische Verantwortung für diese Handlungen übernehmen? Sich die Schuld auf die Schultern laden, dass Menschen sterben? Eigentlich niemand. Wir haben die Möglichkeit zu sagen, ob wir solche Aktionen wollen oder nicht und jeder/m sollte bewusst sein, dass Entscheidungen, egal ob im Alltag, bei Wahlen oder auf der Straße, existenzielle Konsequenzen für andere haben können und werden.

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Wie du deine psychisch belasteten Freund*innen unterstützen kannst

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Die folgenden Punkte basieren auf persönlichen Erfahrungen Viele Menschen leiden zeitweise unter emotionalem Stress. Gerade bei Depressionen gilt, dass es keine Patentlösung zur Besserung gibt. Dennoch gibt es einige Punkte, die für viele belastete Menschen hilfreich sein können: 1. Frag deine Freunde doch öfter mal, wie es ihnen geht und nimm dir die Zeit zum Zuhören Oft hilft es schon, einfach mal darüber zu sprechen, um sich nicht mit einem Problem alleingelassen zu fühlen.

2. Zeige ehrliches Verständnis Es ist in Ordnung sich über Erfahrungen auszutauschen, dies schafft oft Verständnis. Es hilft aber nicht, wenn du nur erzählst wie (viel) schlimm(er) es dir selbst geht. Leid gegeneinander aufzuwiegen oder sogar abzuwerten hat noch niemandem dabei geholfen, die eigenen Probleme in den Griff zu bekommen.

3. Es ist in Ordnung, nicht alles zu verstehen Menschen sind unterschiedlich und fühlen verschieden. Deshalb wird es Verhaltensweisen und Gedanken geben, die du nicht nachvollziehen kannst. Es hilft, wenn du diese nicht bewertest.

4. Nicht unter Druck setzen Leistungsdruck hat diese Person meistens selbst schon genug erlebt und ist häufig sogar eine der Ursachen für die psychische Belastung. Deshalb ermutige lieber zur Selbstfürsorge und vermittle das Gefühl, dass es OK ist, in einer Krise zu stecken.

5. Frage, ob Ratschläge und Hilfe erwünscht sind Du kannst deine Freund*in ermutigen, mitzuteilen, was ihr*ihm gut tut. Falls ihr Ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen wollt, ist die Hausärztin eine erste Anlaufstelle. Bei der Therapievermittlung hilft auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) z.B. mit aktuellen TherapeutenListen weiter. Tel.: Homepage:

6131 326-326 (Für Rheinland-Pfalz) https://www.kv-rlp.de/

6. Achte auch auf dich und deine Gefühle Es ist in Ordnung, dich zurückzuziehen, wenn du merkst, dass dich die Situation selbst belastet. Gemeinsame positive Erfahrungen stärken eure Freundschaft und helfen Druck abzubauen. Lachen hilft auch gegen Sorgen.


Bericht vom Fest der Solidarität am 1. Mai 2018 in Kaiserslautern 150 Menschen folgten am 1. Mai unserer Einladung zum Fest der Solidarität am Musikerplatz An einem sonnigen, wenn auch frischen Nachmittag informierten dort Redner*innen und Infostände zu verschiedenen Aspekten des Themas Solidarität. Aber auch die Livemusik und das warme Essen trugen zu einer guten Atmosphäre bei. Die Redebeiträge kreisten um unser Verständnis von Solidarität und Klassenkampf, zeigten den beiderseitigen Wert der internationalen Solidarität am Beispiel Rojavas auf und warben für ein Ende von Hartz 4 und die deutliche Verkürzung der Arbeitszeit. Uns ist es wichtig, nicht beim Reden stehenzubleiben, sondern unsere Bemühungen für solidarische Alternativen stetig weiterzuführen. Deshalb ist unter anderem die baldige Gründung einer Ortsgruppe der Basisgewerkschaft Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU) geplant. Musik für das Fest steuerte, vermittelt vom Mesopotamischen Kulturverein Kaiserslautern, ein TemburDuo bei. Während Mitglieder und Sympathisanten des Eselsohrs köstliche Linsensuppe ausschenkten, hatten die Vielfalter selbstgebackene Baklava mitgebracht. Wir danken den Musikern und Köchen, allen zur Verwirklichung des Festes beigetragen haben und den anwesenden Gruppen, u. a. Entrüstet euch und den Bewohner*innen des Studierendenwohnheims ESA. Und wir freuen uns darauf, Euch alle schon bald bei anderen Anlässen wieder zu sehen!

Impressum:

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Neies Lautre wird herausgegeben von Mitgliedern der Anarchistischen Initiative Kaiserslau­ tern (AI KL). Anarchist*innen wollen eine sozialistische Gesellschaft schaffen, die auf den Grundlagen von Gemeineigentum, Föderalismus, Selbstverwaltung, demokratischer Planung von Unten und einer am Bedarf ausgerichteten, nicht profitorientierten Produktion basiert. Wenn du dich für eine Mitarbeit interessierst, besuche die monatlichen öffentlichen Treffen im Eselsohr (Pirmasenser Straße 48, 67655 Kaiserslautern) oder wende dich an: aikl@riseup.net . Weitere Infos: www.aikl.blogsport.eu Eine Menge Infomaterial, von Büchern bis zu Broschüren zum Thema Anarchismus, aber auch zu anderen Themen (Geschichte, Antifaschismus, Migration, Feminismus, Zeitgeschehen...) findet ihr im Eselsohr. Für Öffnungszeiten beachtet die Aushänge im Laden bzw. das Monatsprogramm oder schaut auf: www.eselsohr.blogsport.eu . V.i.s.d.P.: Rudolf Rocker, Langgasse 36, Mainz


Davor mobilisierten wir unter anderem mit Plakaten und einem Infostand zum Fest.

Eindrßcke vom Fest der Solidarität