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DE Editorial: Für Marielle

Als mir angeboten wurde, das Editorial über Menschenrechtsverteidigerinnen für diese Ausgabe zu schreiben, fragte ich mich, wo ich anfangen soll. Und dann dachte ich an Marielle.

Marielle Franco wurde ermordet, ebenso wie ihr Chauffeur Anderson Gomes, als sie von einer öffentlichen Debatte im Zentrum von Rio de Janeiro kam. Ich stellte mir die Anzahl an Hindernissen vor, die eine Person, die als Frau, Schwarz und bisexuell in Brasilien geboren wird, überwinden muss, um das Leben zu haben, von dem sie träumt.

Ich dachte an all jene Menschen, die wie sie in den Favelas von Complexo da Maré aufwachsen; der Polizeigewalt ausgesetzt, die sich seit Übertragung der Verantwortung für die öffentliche Sicherheit in Rio an die nationale Armee noch verschlimmert hat. Ich stellte mir vor, wie es ist, als Schwarzer Mensch in einem Land aufzuwachsen, in dem unter den dreißigtausend jungen Ermordeten pro Jahr 76,5% Afrobrasilianer*innen sind und in dem Schwarze Frauen zwar 27% der Bevölkerung ausmachen, aber nur 2,53% der Abgeordneten im Parlament.

Ich fragte mich, wie man es schafft die eigene Bisexualität anzunehmen, wenn man weiß, dass im Jahr 2016 in Brasilien 343 Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transund Intergeschlechtliche (LGBTI) aufgrund ihrer Sexualität getötet wurden (die höchste Anzahl seit 1980). In einem Land, in dem es Psycholog*innen seit Februar 2018 erlaubt ist, Therapien zur sogenannten „Umwandlung“ durchzuführen, diedarauf abzielen, die sexuelle Orientierung ihrer Patient*innen zu ändern.

Ich fragte mich, wie Marielle es trotz all dieser Nachteile geschafft hatte, in den Gemeinderat der Stadt Rio de Janeiro gewählt zu werden. In ihren fünfzehn Monaten als Stadträtin legte sie sechzehn Gesetzesentwürfe vor. Die Themen reichten von der Regularisierung der Mopedtaxis, einem wichtigen Transportmittel in den Favelas, über die vom Rathaus mit sozialen Gesundheitsorganisationen geschlossenen Verträge, welche häufig Gegenstand von Korruptionsuntersuchungen sind, den sicheren Zugang zur Abtreibung in den gesetzlich festgelegten Fällen bis hin zur Öffnung von Kindergärten während der Nacht. Von all diesen Gesetzentwürfen wurden zwei angenommen. Als Präsidentin des Ausschusses für den Schutz von Frauen verwandte Marielle auch viel Zeit auf der Analyse von Informationen über geschlechtsspezifische Gewalt in Rio und Angriffen gegen LGBTI.

Die Morde an Marielle und Anderson wurden bisher nicht aufgeklärt. Es ist festzuhalten, dass 2017 in Brasilien mindestens 58 Menschenrechtsverteidiger*innen umgebracht wurden. Die Straflosigkeit hat einen Preis: Angst, Demotivation und Selbstzensur. Diese Situation scheint sich durch die Wahl des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro nicht zu verbessern, der öffentlichen Verbrechen des Staates, einschließlich der während der Militärdiktatur ausgeübten Folter, rechtfertigte. Unter diesen Umständen ist zu hoffen, dass die internationale Gemeinschaft Brasilien im Blick behält und dazu ermutigt, die Bemühungen zum Schutz und der Garantie der Menschenrechte fortzuführen.

Sandrine Gashonga Generalsekretärin des Vorstands von Amnesty International Luxembourg