Page 71

Foto: Tony Elieh

Arabischer Underground. Tamer Abu Ghazaleh.

Nahöstliche Unruhe Mit seinem dritten Solo-Album »Thulth« liefert der arabische Musiker Tamer Abu Ghazaleh einen künstlerischen Kommentar zur unübersichtlichen Lage im Nahen Osten. Von Daniel Bax

T

amer Abu Ghazaleh zählt zu den innovativsten Köpfen der arabischen Underground-Musikszene. Als Kind palästinensischer Flüchtlinge 1986 in Kairo geboren, war er schon früh von Musik umgeben – seine Mutter leitete im Exil einen palästinensischen Chor. 1998 zog die Familie zurück ins Westjordanland. In Ramallah studierte er Musiktheorie, Komposition und Arrangement und lernte, die Lauten Oud und Buzuq zu spielen – an der Musikakademie, die heute nach dem Schriftsteller und Philosophen Edward Said benannt ist. Zu seinen Lehrern und Vorbildern gehörte Khaled Jubran, Begründer der wegweisenden Band Sabreen (»Die Geduldigen«). Die Gruppe kombinierte in den achtziger Jahren arabische Instrumente mit Geige, Cello und Kontrabass, stand in der Tradition arabischer Songwriter wie Marcel Khalife und vertonte Gedichte von berühmten Poeten wie Mahmoud Darwish. Sabreen galten als Pioniere, weil sie die palästinensische Folklore erneuerten und anstelle von politischen Slogans auf Introspektion setzten. Sie artikulierten Gefühle der Ohnmacht, der Trauer und der Sehnsucht nach einer anderen Realität, was angesichts der allgegenwärtigen israelischen Unterdrückung durchaus sehr politisch war. Als Sänger, Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent tritt Tamer Abu Ghazaleh in gewisser Weise in ihre Fußstapfen.

FILM & MUSIK

»Musik sollte ein Mittel sein, um seine Gefühle auszudrücken – nicht, um bestimmte politische Ziele zu erreichen«, sagte er in einem Interview. In seinen Songs verbindet er die arabische Tradition mit Elektronik, Jazz, Postrock und psychedelischen Einflüssen und reichert sie um kreative Dissonanzen und Brüche an. Tamer Abu Ghazaleh ist in einer Vielzahl von Projekten aktiv. 2007 gründete er eka3, eine Plattform für die unabhängige arabische Musikszene, die Produktionsfirma, Promotion, Konzertagentur und Vertrieb unter einem Dach vereint. 2008 veröffentlichte er das Album »Mirah«, das die Situation jener Zeit reflektierte, die Ausgangssperren und die Gewalt im Nahen Osten, und das widerstreitenden Emotionen wie Liebe, Wut und Hass, Euphorie und Langeweile Ausdruck verlieh. Gemeinsam mit der ägyptischen Sängerin Marya Sadeh und dem libanesischen Musiker Zeid Hamdan bildet er seit einigen Jahren das Ensemble Alif. Konzerte führten ihn nach Beirut, Amman, Alexandria, Kairo und Tunis, aber auch nach London, Paris und Berlin. Sein drittes Solo-Album »Thulth« (»Das Dritte«), das in Beirut aufgenommen wurde, macht es dem Hörer nicht leicht. Mit Oud und orientalischer Percussion verströmt es eine Atmosphäre nervöser Unruhe, die jedoch hoch anregend ist. Tamer Abu Ghazaleh türmt multiple musikalische Schichten auf, taucht tief in die reiche Vielfalt der Stile seiner Region ein und zaubert von dort zärtliche Melodien hervor, um dann wieder mit überraschenden Wechseln und Brüchen aufzuwarten: Ein künstlerischer Kommentar zu der unübersichtlichen Lage im Nahen Osten. Tamer Abu Ghazaleh: Thulth (Mostakell / Cargo)

71

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Advertisement