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Krieg von zu Hause aus

Politpop mit Patina

Heather arbeitet jetzt in der Kantine. Eine fröhliche junge Frau sieht anders aus. Kein Wunder: Jahrelang hat sie Menschen sterben sehen. Denn sie führte als Drohnenpilotin aus der amerikanischen Provinz Krieg in Afghanistan: »Oft war die Prognose falsch. Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen ich getötet habe.« Schweigen will sie nicht mehr, Geheimhaltung ist ihr egal. Verzweifelte wie sie kommen in dem Dokumentarfilm »National Bird« zu Wort. Das Ziel des Drohnenprogramms umschreiben sie so: Jeden an jeder Stelle der Welt töten können. Grenzen spielen keine Rolle. Von 121.000 »Zielen« in zwei Jahren ist im Film die Rede. »Obama hat gesagt: Schont die Zivilisten«, sagt Heather. Eine schöne Prämisse: Die Aufklärung kam immer erst nach dem Angriff. Nach getaner Arbeit ging’s zum Feierabendbier. »National Bird« beschreibt die zerstörerischen Erfahrungen ehemaliger Analysten der US-Air Force, die ihr Schweigen über den geheimen Einsatz der Kampfdrohnen brechen. Sie hatten sich freiwillig für den Dienst gemeldet, aus Idealismus, Not, Pflichtgefühl oder um Arbeit zu haben. Gequält von der Erkenntnis, am Tod Unschuldiger beteiligt gewesen zu sein, gehen sie an die Öffentlichkeit, ungeachtet möglicher Konsequenzen. Der Film war auf der Berlinale 2016 für den Amnesty-Filmpreis nominiert. Die trockene Optik, die fast schulfilmhafte Ästhetik verleiht den Geschehnissen alle nötige Härte.

Es gibt sie immer noch. Oder besser gesagt: wieder. In den achtziger Jahren waren Latin Quarter eine der führenden Politbands aus Großbritannien, mit »Radio Africa« landeten sie sogar einen Hit. Danach verschwanden sie in der Versenkung. Mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Auflösung kam die Band 2011 wieder zusammen und probte den Neustart. Auf ihrem Album »The Imagination of Thieves« klingen sie so, als seien all die Jahre fast spurlos an ihnen vorübergegangen. Da sind die vertrauten, harmonischen und eingängigen Melodien, die leicht ins Ohr gehen, ohne oberflächlich zu sein. Und da sind die engagierten Texte, die von Korruption, Flüchtlingspolitik und Finanzkrise handeln. In dem von einer verträumten Keyboardmelodie getragenen Titelsong geht es um die Eine-Hand-wäscht-die-andere-Mentalität, um Bestechung im kleinen und im großen Stil: vom Polizisten, der seine Hand aufhält, bis zu den Waffenlieferungen westlicher Länder an autoritäre Regime wie Saudi-Arabien. Und in dem rockigsten Song des Albums, dem als Single vorab veröffentlichten »I am refugee«, schlägt die Band um den Gitarristen und Sänger Steve Skaith und den Songschreiber Mike Jones einen Bogen von den Kindertransporten während des Zweiten Weltkriegs bis zur Situation heute. Die Verkaufserlöse kommen der Menschenrechtsorganisation »Pro Asyl« zugute. Latin Quarter sind sich in jeder Hinsicht treu geblieben.

»National Bird«. USA 2016. Regie: Sonia Kennebeck.  Kinostart: 12. Januar 2017

Latin Quarter: The Imagination of Thieves  (Westpark / Indigo)

Interviews mit dem Terror

Monstergroove aus Mauretanien

1989 bildete der junge Joseph Kony in Uganda eine Armee aus entführten Kindern und Jugendlichen: die »Lord’s Resistance Army« (LRA). »Wrong Elements«, das waren bei der LRA Menschen, die ausgerottet werden müssen auf dem Weg zu einem theokratischen Regime. In 25 Jahren wurden mehr als 60.000 Minderjährige entführt, von denen weniger als die Hälfte den Dschungel lebend verlassen hat. Mit ihnen terrorisierte Kony die Bevölkerung Nordugandas. Bis heute jagt die ugandische Armee Kony und seine Rebellen. Die Gruppe soll sich irgendwo zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Sudan aufhalten. Geofrey, Nighty, Mike und Lapisa sind Freunde, sie wurden im Alter zwischen 12 und 13 Jahren entführt. Heute versuchen sie, sich ein normales Leben aufzubauen. Sie sind sowohl Opfer als auch Täter, auf beide Arten schwer beschädigt. Regisseur Jonathan Littell besucht in »Wrong Elements« mit ihnen noch einmal Orte des Krieges. Unterbrochen werden die Interviewsequenzen durch Szenen vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wo Konys Stellvertreter Dominic Ongwen der Prozess gemacht wird. Schriftsteller Littell, dessen Werk »Die Wohlgesinnten« zu den meistdiskutierten Büchern der Gegenwart zählt, zeichnet in seinem erstaunlich ruhigen Debütfilm die Spuren der Gewalt nach: Er lässt die jungen Leute einfach reden und unterbricht nicht. Kein Wunder, bei dem, was sie zu berichten haben.

Mauretanien war lange ein weißer Fleck auf der Landkarte des Pop. Der Wüstenstaat mag rückständig und politisch autoritär geführt sein. Aber musikalisch bringt Noura Mint Seymali von dort frischen Wind mit. Die Sängerin stammt aus einer angesehenen Musikerdynastie und ist fest in der Tradition der maurischen Griots verwurzelt, der traditionellen Preissänger und Geschichtenerzähler. Doch seit ihrem internationalen Debüt »Tzenni« aus dem Jahre 2014 wird Noura Mint Seymali auch von Freunden des psychedelischen Gitarrenrock verehrt, weil sie gekonnt das Beste aus beiden Welten verbindet. Die Langhalslaute Ardine und die TidanetLaute, eine Art Banjo, die ihr Gatte Jeiche Ould Chighaly virtuos spielt, koppelt sie mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug, sodass daraus ein rumpelnder Monstergroove entsteht. Als Produzent steuert der aus den USA stammende Schlagzeuger Matthew Tinari die Beats dazu, doch an die Essenz ihrer Musik rührt er nicht. »Arbina«, so der Name des Albums ist einer der vielen Namen Allahs. Der gleichnamige Titelsong verbindet ein religiöses Motiv mit einer modernen Komponente: Er mahnt Frauen, zur Krebsvorsorgeuntersuchung zu gehen. Das mag auf den ersten Blick unpolitisch erscheinen, tatsächlich ist es revolutionär. Ganz nebenbei widerlegt Noura Mint Seymali das islamophobe Vorurteil, das sich eine religiöse und verschleierte muslimische Frau nur als »unterdrückt« und fremdbestimmt vorstellen kann.

»Wrong Elements«. Regie: Jonathan Littell.  Kinostart: 8. Dezember 2016

Noura Mint Seymali: Arbina (Glitterbeat)

Film: Jürgen Kiontke | Musik: Daniel Bax 70

AMNESTY JOURNAL | 01/2017

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

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