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Underdogs im Plattenbau »Nationalstraße«, der neue Roman des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Rudiš, thematisiert den erstarkenden Nationalismus und Fremdenhass in seinem Heimatland. Von Tanja Dückers

E

s gibt nicht viele Schriftsteller, die über Underdogs aus Plattenbausiedlungen schreiben. Über diejenigen, die in der Kneipe herumhängen, statt zu arbeiten, sich in Größenfantasien flüchten und Hass verbreiten – gegen »die da oben«, gegen Frauen, gegen Ausländer, eigentlich gegen alle. Man erfährt meist eher in den Medien über sie, über ihre politischen Gesinnungen, ihr Wahlverhalten. Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš, Jahrgang 1972, Autor zahlreicher Romane und Drehbücher, die seine Generation sowie das gegenwärtige Tschechien auf humorvoll-skurrile Weise beschreiben, hat das Experiment gewagt, solch einen Typen zur Hauptfigur seines neuen Buchs »Nationalstraße« zu küren. Rudiš selbst ist nicht gerade ein Elfenbeinturmbewohner: Kaum ein Schriftsteller seines Landes kennt die Prager Kneipen so gut wie er. Und für seinen Antihelden, der sich Vandam (nach dem Action-Schauspieler Jean-Claude Van Damme) nennt, für diesen muskelbepackten Verlierertyp mit großer Klappe, gibt es,

so der Autor im Nachwort, eine reale Vorlage: Ein Typ mit gebrochener Nase und vielen Schrammen im Gesicht – ein ehemaliger Polizist, der wegen Gewaltexzessen aus dem Dienst entlassen wurde – erzählte Rudiš bei einigen Bieren in einer Kneipe aus seinem Leben. Und nun erzählt Vandam, der böhmische Wendeverlierer, der die Welt nach 1989 nicht mehr richtig versteht und sich nicht in ihr zurechtfindet, dem Leser also von sich. Vor allem lässt er ihn seine Ansichten wissen. Gegen was und wen er alles ist. Was er schon immer wusste. Bisweilen kann man Vandams großspuriges, pathetisches Geschwätz kaum mehr ertragen, verspürt den Impuls, das Buch in die Ecke zu werfen. Kalt lässt einen »Nationalstraße« nicht. Vandam redet dummdreist über Dinge, von denen er nichts versteht, prügelt sich als einsamer Schläger durchs Leben und hebt im Fußballstadion regelmäßig die rechte Hand zum Hitlergruß. Dazu hat er markige Worte parat: »Ich bin ein Römer. Kein Nazi. Warum sollte man in Europa nicht mit dem römischen Gruß grüßen dürfen?« Nach abfälligen Tiraden über »Ökobiofeministinnen«, »Neger«, »Penner«, »Politiker« oder »Punks« – Vandam sieht in jedem einen Feind – folgen jedoch auch persönlichere Passagen. Vandam erzählt von seinen Eltern, vom Vater, der immer angedroht hatte, sich zu erhängen und dann am Ende »nur« vom heimischen Balkongeländer sprang. Von der Mut-

Prager Platte. Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš verortet in Plattenbausiedlungen wie dieser seinen böhmischen Wendeverlierer und Fremdenhasser.

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AMNESTY JOURNAL | 01/2017

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

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