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Mohammed Abu Hajar rappt sich seinen Schmerz über die misslungene Revolution in Syrien, seine Flucht und die teils unsäglichen Bedingungen für Flüchtlinge in Deutschland von der Seele. Damit hat es der 29-jährige Syrer bis auf die Berlin-Biennale geschafft. Von Lena Reich

Foto: Enrico Incerti

N

ackt steht der hagere Mann mit den dunklen Locken auf dem Dach eines Hauses. Im Hintergrund sind der berühmte Berliner Betonhimmel und die rot geklinkerte Fassade eines wilhelminischen Schulbaus zu sehen. Der Mann breitet die Arme aus und – rappt. In einem Wahnsinnstempo schildert er das Leben in seiner einstigen Heimatstadt Tortus, die er auf der Flucht vor Assads Folterstaat hinter sich lassen musste. Am Ende des Clips steht er am Rand des Daches, vor ihm der Abgrund – und breitet seine Arme aus. Mohammed Abu Hajar lächelt dieses feine Lächeln, stets zwei Gedanken weiter, im Mundwinkel klebt ein Zigarettenfilter. Der 29-Jährige kennt Zahlen zu Suiziden und Suizidversuchen in Flüchtlingsunterkünften. In Hamburg etwa seien im vergangenen Sommer binnen acht Wochen 13 Selbstmordversuche registriert worden. Auch er sei in seiner Massenunterkunft phasenweise schier verrückt geworden. »Die ersten drei Monate waren wie Gefängnis, nur ohne Folter«, erklärte er im Januar 2015 der deutschen Öffentlichkeit. Die Andeutung des Todessprungs in seinem Video bezieht sich jedoch vor allem auf die Kluft zwischen hier und dort, Inklusion und Exklusion: Das Dach, auf dem Abu Hajar rappt, gehört einer Genossenschaft in Berlin-Wedding, in der er ein WGZimmer bewohnt. Das rote Klinkergebäude gegenüber war früher eine Schule und ist jetzt eine Flüchtlingsunterkunft der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Abu Hajar wohnte sechs Monate in einer ebenfalls beschlagnahmten Schule, nur wenige Kilometer vom Drehort entfernt. Diese Unterkunft war am Tag seiner Ankunft geöffnet worden, es gab weder ausreichend Betten noch Toiletten. Sozialarbeiter rieten ihm, bei Freunden unterkommen, bis das Gröbste geregelt sei. Zwei Wochen später kam er wieder. Einiges machte ihn damals gleichermaßen depressiv wie aggressiv, vor allem das ewige Warten vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) – bei Minustemperaturen mit einem Schreiben aus umweltfreundlichem Papier in der Hand. Vor kurzem hat er nun erfahren, dass die Unterkunft geschlossen werden soll. Die Bewohner sind mittlerweile erstaunlich gut in die Nachbarschaft integriert. Ihre Verlegung in ein Containerdorf außerhalb der Stadt kann wohl kaum noch abgewendet werden. So laut und zornig der junge Mann über die menschenverachtende Politik der EU und des Assad-Regimes rappt, im Gespräch argumentiert er mit kluger Zurückhaltung, ganz ruhig. Wichtig ist ihm klarzustellen, woher er stammt und wohin er will: Syrien. Er hätte seine Heimat nie verlassen, hätten ihn Assads Soldaten nach zwei Monaten Haft wegen Kriegsdienstverweigerung und Teilnahme an Demonstrationen nicht erneut aufgesucht. Während seiner gesamten Kindheit war sein Vater als politischer Gefangener inhaftiert. Er selbst floh. »Ich wollte lieber sterben, als jemals wieder ins Gefängnis zu gehen und diese Folter zu ertragen.« Über Jordanien und den Libanon gelangte er nach Europa und konnte in Rom ein Master-

MOHAMMED ABU HAJAR

studium der Politischen Ökonomie abschließen, bevor er nach Deutschland ging. Wie er das alles geschafft hat? Abu Hajar weigert sich, seine Kraft oder seine Erfahrungen über die anderer Flüchtlinge oder Terroropfer zu stellen. Bis heute sind einige seiner Freunde aus dem »Arabischen Frühling« verschwunden. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien vor fünf Jahren starben 18.000 Menschen in den Gefängnissen des Regimes, schätzt Amnesty International. Zeugen berichten von schwerer Folter und Misshandlungen in den Haftanstalten. Oppositionelle laufen stets Gefahr, auf offener Straße festgenommen zu werden. »Mit HipHop gebe ich all den Unsichtbaren eine Stimme«, sagt Abu Hajar. Gesänge gehörten auch zum »Arabischen Frühling« in Syrien, als er Straßenaktionen und oppositionelle Gruppen organisierte. »Als die Leute auf die Straßen gingen und zu singen begannen, da habe ich das erste Mal gespürt, dass wir es schaffen können, dieses Regime zu stürzen.« Vier Jahre später wurde Mohammed Abu Hajar in Deutschland als politischer Flüchtling anerkannt. Heute arbeitet er für die Berliner NGO »adopt a revolution« und kämpft für einen demokratischen Wiederaufbau Syriens. Aus der devoten Haltung, die die Politik den Geflohenen zuweist, hat er sich mit Trotz und Unterstützung eines stabilen Freundeskreises befreit. Abu Hajar hat die Organisation »Wedding hilft!« mitgegründet, Filmabende und Diskussionen über den syrischen Widerstand und die Flüchtlingslager im Libanon veranstaltet. Er hat seinen alten Freund Ahmad Niou nach Berlin geholt und mit ihm und dem Italiener Matteo Gugliemo die »Mazzaj Rap Band« gegründet. Die drei sind in Mailand, Duisburg und Basel aufgetreten mit ihrem »Sound der syrischen Diaspora«. Sie spielen klassische Instrumente zu Abu Hajars wuchtigem Sprechgesang: »If I live in humilitation and everyone leaves, or get used to killing, down with the homeland, if I live in fear, shot the Kalashnikov and throw a Molotov.« Die Möglichkeit, sich im Rap künstlerisch auszudrücken, hilft bei der Verarbeitung der Vergangenheit. Im Video zum Song »Ya Sham« sind Bilder der total zerstörten Stadt Homs zu sehen, dazu ertönt der Singsang eines Muezzins: »How did you add so much bitterness to my life?«, fragt Abu Hajar an dieser Stelle. Fast immer geht es auch um den schmerzvollen Abschied von seiner Heimat. Inzwischen ist auch die Kunstwelt auf Abu Hajar aufmerksam geworden. Im September wurde im Rahmen der 9. BerlinBiennale ein Film des türkisch-kurdischen Aktionskünstlers Halil Altindere gezeigt, in dem Abu Hajar über seine Flucht nach Europa und das Türkeiabkommen rappt. Der Mann, der rhetorisch das Zeug dazu hätte, jedes Parlament wachzurütteln, wartet derzeit auf eine Zulassung für seine Doktorarbeit. Die Autorin arbeitet als freie Kulturjournalistin in Berlin.

»Die ersten drei Monate in der Massenunterkunft waren wie Gefängnis, nur ohne Folter.« 65

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

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