Page 47

Foto: Eduardo Soteras Jalil 

»Der Präsident muss gehen«, sagt Yves. »Wir wollen einen starken Staat«, sagt Fred.

sitzen diejenigen, in denen die politische Führung des Landes Angreifer sieht. Es sind mehr geworden in jüngster Zeit, denn die Regierung hat Anlass zur Nervosität. Im Dezember 2016 läuft die zweite Amtszeit von Präsident Joseph Kabila aus, es müsste Wahlen geben. Laut Verfassung dürfte Kabila dann nicht mehr antreten. Die Wahlen hat die Regierung bislang schlicht nicht organisiert. Mitte November hat Kabila die Bildung einer Einheitsregierung vorgeschlagen. Die Opposition lehnt dies jedoch ab. Eigentlich ist Makala der Name des staubigen Stadtteils, in dem das Gefängnis liegt. Doch die meisten Kongolesen schaudert es, wenn nur das Wort fällt. Makala steht für Anarchie und Elend. Makala klingt nach Jenseits. Dabei kann, wer sich davon nicht abschrecken lässt, Makala besuchen. Und dabei feststellen, dass das Jenseits und das Diesseits einander verblüffend ähnlich sehen. Zwischen Diesseits und Jenseits liegen drei Tore. Am ersten, einer unscheinbaren

DR KONGO

Tür in der Gefängnismauer, hält ein Polizist die Hand auf: »Wir haben Hunger«, sagt er. Er nimmt 1.000 Kongolesische Franc, umgerechnet etwa ein Euro, dann gibt er den Weg frei. Neben dem zweiten Tor, im Schatten eines Baumes, sitzt der Gefängnisdirektor und wacht über Frauen und Männer in Häftlingsuniform, die geschäftig die Taschen der Besucher durchwühlen. In der Schlange warten vor allem Frauen, in ihren Beuteln und Körben haben sie Essen für ihre Angehörigen. Nach der Kontrolle ist in jeder Tasche etwas weniger davon übrig. »Steuern«, sagen sie hier. Vor dem dritten Tor wachen nur noch junge Männer in den blau-gelben Leibchen der Häftlinge. Sie wollen 500 Franc. Dann ist man drinnen. Makala, sagen Menschenrechtler, sei wie ein Staat im Staate. Drinnen haben die kongolesischen Behörden nichts zu sagen, sämtliche Angelegenheiten regelt eine Hierarchie von Gefangenen. An der Spitze der Pyramide stehen die Stärksten, oft sind es inhaftierte Militärs. Sie teilen die Gefangenen in Zellen ein, verwalten die Lebensmittelrationen, können Häftlinge belohnen und bestrafen. Den Sockel der Pyramide bilden die Mittellosen. Es regiert das Geld. Wer keines hat, der teilt seine Zelle in Block 3 oder 5 oder 7 mit bis zu 150 Mitgefangenen. Er kauert sich mit angewinkelten Beinen auf den Boden aus nacktem Beton und legt zum Schlafen seinen Kopf auf den Rücken des Vordermanns, der in der gleichen Haltung hockt. Er isst Reisklumpen, die in einer Plastikwanne neben der Gittertür liegen. Vielleicht wird er nach einigen Monaten krank oder stirbt, vielleicht findet er Arbeit – Latrinenschaufeln zum Beispiel oder Wäsche waschen für andere Häftlinge. Dann kann er sich besseres Essen kaufen und einen Platz in einer Zelle mit weniger Menschen, vielleicht sogar mit einem Bett. Wer zahlen kann, der mietet sich eine Zelle in Block 1 oder 8, bis zu zehn Quadratmeter, mit Vollpension. Er kann einen anderen Gefangenen dafür entlohnen, seine Zelle sauber zu halten und seine Mahlzeiten zuzubereiten. Man kann das Ausbeutung nennen oder Umverteilung, es läuft halt so. »Wir haben auch einen Sklaven«, sagt Fred. Er lacht müde. Rund 370 Euro zahlen die Familien von Fred und Yves pro Kopf für die zwei Betten auf sieben Quadratmetern in Block 1 und für Marcel, der putzt und kocht. Das ist etwa viermal so viel, wie ein Lehrer in Kinshasa im Monat verdient. Marcel ist so alt wie Fred, seit drei Jahren ist er hier, angeblich ein kleiner Diebstahl, ein Verfahren hatte er nie. Fred, der Jurist, hat seine Akte durchgesehen und erreicht, dass Marcel einen Termin vor Gericht bekommt. Marcel ist von ihnen abhängig, Fred und Yves wissen das, doch ohne ihren Lohn wäre er mittellos. Wenn Gesetze nichts gelten und jeder irgendwie durchkommen muss, sind alle Teil des Systems.

47

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Advertisement