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»In was für einem Land leben wir, in dem Menschen einfach so getötet werden können?« Bucht von Manila werfen zu lassen. In dem von Machtmissbrauch und Verbrechen gebeutelten Inselstaat, in dem die Eliten sich schamlos bereichern und die Armen vom Wirtschaftswachstum so gut wie ausgeschlossen sind, kam dies gut an. Viele Filipinos verehren Duterte wie einen Messias. Sie nennen ihn: »The Punisher«. Den Bestrafer. Wie die Heldenfigur aus einem gleichnamigen Comic. Die Wahl Dutertes ist ein Denkzettel der Zornigen und Enttäuschten an die Oligarchie, die seit Jahrzehnten das Volk mit leeren Wahlversprechen belügt, sich schamlos bereichert, Steuergelder in die eigenen Taschen stopft und in einem System völliger Straflosigkeit keine Konsequenzen fürchten muss. Die derzeitigen Menschenrechtsverletzungen, die täglichen Morde, die de facto Abschaffung des Rechtsstaats werden von der Mehrzahl der 102 Millionen Filipinos nicht befürwortet, aber hingenommen. Dutertes Säuberungsaktionen sind das verzerrte Echo des Schreis nach einem Land, in dem Gerechtigkeit, Gesetze und die Verteilung des Wohlstands für alle gelten. Seit dem Befehl des Präsidenten, die Philippinen innerhalb von drei bis sechs Monaten drogenfrei zu machen, ist ein brutaler Krieg entflammt, der täglich Dutzende Opfer fordert. Die bisherige Bilanz: Mehr als 15.000 Festnahmen und 3.500 Tote seit Ende Juni. Davon wurden mehr als tausend Menschen bei AntiDrogen-Einsätzen von Polizisten getötet, die Übrigen von unbekannten Killern. Die meisten Opfer sind Kleindealer. Der Großteil von ihnen wurde in sogenannten »buy bust operations« getötet; Polizeirazzien, die nach dem immer gleichen Muster ablaufen: Zivilfahnder stürmen eine vermeintliche Drogenhöhle, und am Ende liegen mehrere Männer von Kugeln durchsiebt am Boden. Die Opfer hätten die Polizisten mit einer Waffe bedroht, erklären die Beamten jedes Mal. Als Beweis präsentiert die Polizei anschließend Fotos, auf denen die Toten mit einer Pistole abgebildet sind, daneben Tütchen mit Chrystal Meth. Im Krieg des Staates gegen die »Drogen« heißt dabei oft der erste Zug »Oplan Tokhang«, klopfen und fragen. Bei den unangemeldeten Hausbesuchen werden die Personalien vermeintlicher Konsumenten und Dealer aufgenommen und Fingerabdrücke genommen. Anschließend müssen diese eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass sie den Drogen von nun an abschwören. So landen ihre Namen auf der gefürchteten Liste mit Verdächtigen. Denjenigen, bei denen geklopft wird, bleibt keine Wahl: Wer unterschreibt, gibt seine Schuld zu – wer sich weigert, macht sich verdächtig. Unschuldsvermutung, Anwalt, Polizeiuntersuchung? Fehlanzeige. Viele Verdächtige, deren Namen auf der Liste stehen, werden kurze Zeit später von Unbekannten ermordet. Aus Angst, das gleiche Schicksal zu erleiden, ergaben sich innerhalb von zwei Monaten knapp 700.000 Verdächtige mehr oder weniger freiwillig und überschwemmen nun die ohnehin schon überfüllten Gefängnisse.

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Einer, der sich nicht stellen möchte, sitzt im Zimmer eines schäbigen Motels in einem Rotlichtbezirk. Vor dem Eingang buhlen Prostituierte in kurzen Röcken um Freier. Er nennt sich Juan, seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen. Juan ist dürr, klein. Ein 32-Jähriger im Körper eines alten Mannes. Er trägt Baseballkappe und einen Kapuzenpullover, in dem er zu versinken scheint. Seine Füße stecken in Plastikschlappen. Vor zehn Jahren kam er von der Insel Cebu in die philippinische Hauptstadt. Ein Landflüchtiger, wie so viele, ohne Schulausbildung, ohne berufliche Qualifikation, aber mit jeder Menge Hoffnung im Gepäck. Einen Job fand er nicht, also begann er zu dealen. Die Nachfrage war groß, das Risiko gering, das Geld leicht verdient. Das Leben meinte es gut mit ihm, dachte Juan.

Die Drogen der Armen Inzwischen mache er sich große Sorgen, erzählt er, drei Kollegen wurden in den vergangenen Wochen erschossen. Von wem, das könne er nicht sagen. »Ich habe Angst zu sterben. Ich sehe die Bilder von getöteten Dealern im Fernsehen«, sagt er; aber was bleibe ihm schon übrig. Mit dem Verkauf von Chrystal Meth ernährt er seine Frau und fünf Kinder. Wenn es gut läuft, könne er so 500 bis 1.000 Pesos in drei Tagen verdienen, zehn bis zwanzig Euro. Wenn es schlecht läuft, verliert er sein Leben. Um seine Angst zu bekämpfen, raucht er manchmal ein bisschen was von dem Meth, das er verkaufen will. Denn seit dem Befehl von Präsident Duterte sei es nicht nur gefährlicher, sondern vor allem schwieriger geworden, Drogen zu verkaufen. »Ich bin vorsichtiger geworden. Die Käufer auch. Und die Drogen teurer. Jeder hat Angst, verraten zu werden oder in eine Polizeirazzia zu geraten.« Deshalb verkaufe er nur noch an Stammkunden. Doch das reiche inzwischen kaum noch, um die Familie über Wasser zu halten. »Manchmal gehen meine Kinder nicht zur Schule, weil sie arbeiten müssen.« Deshalb werde er weiter

AMNESTY JOURNAL | 01/2017

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

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