Page 38

Gegen drei Uhr morgens erreichen die Polizisten ihren Zielort, sperren mögliche Fluchtwege ab und schleichen sich mit gezogenen Waffen an Hausmauern entlang. Im Polizeibericht wird später stehen, sie hätten Jerson Matunar und dessen Komplizen am Ende einer dunklen Sackgasse gestellt. Noch bevor die Polizisten etwas sagen können, beginnen die Verdächtigen zu schießen. Eine Kugel trifft den Polizisten Romeo Mandapat in den Unterleib. Einen anderen Polizeioffizier schützt seine Weste vor drei Kugeln. Die Polizisten schießen zurück. Jerson Matunar stirbt im Kugelhagel. Sein Komplize versucht zu fliehen, kommt aber nur ein paar Meter weit. Er verblutet vor den Treppenstufen einer ärmlichen Hütte. Der verletzte Polizist wird in ein Krankenhaus gefahren. Der Funkspruch, dass es in Caloocan Tote gegeben hat, reißt Carlo Gabuco im Polizeihauptquartier in Ermita aus dem Halbschlaf. Er schnappt sich seine Kameratasche und springt in sein Auto. 25 Minuten lang rast er mit Warnblinkanlage über leere Stadtautobahnen und über rote Ampeln. »Hoffentlich erreichen wir den Tatort, bevor die Polizei ihn absperrt«, sagt er. Dann steht Gabuco vor der Leiche von Jerson Matunar. Blut sickert den Asphalt hinab und gerinnt in einer Pfütze. Eine Hand umklammert noch immer die Pistole, mit der der Drogendealer auf die Polizisten schoss. Carlo Gabuco holt tief Luft, schüttelt sich kurz. Dann stellt er Blende und Verschlusszeit an seiner Kamera ein. Zwanzig Meter von Jerson Matunars Leiche entfernt steht Polizeimajor Alan Apa im Lichtkegel einer Straßenlaterne und versucht verzweifelt, seine Kollegen im Krankenhaus anzurufen. »Hallo? Hallo?«, immer wieder reißt die Verbindung ab. Er zündet sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an, raucht sie in wenigen Zügen auf, zündet sich an der Glut der Kippe eine neue an. Dann versucht er erneut, seine Kollegen zu erreichen. Keine Antwort.

Auf der Jagd.

Als Carlo Gabuco den Polizisten sieht, hört er auf zu fotografieren, geht auf den Mann zu und fragt leise: »Sir, sind Sie in Ordnung?« Apas Schultern beben, seine Stimme überschlägt sich. »Nein, ich bin nicht okay. Einer meiner Männer kämpft um sein Leben. Es ist hart. So hart.« Mit einer Hand wischt er die Tränen fort, atmet tief durch. »Das ist das Risiko unseres Berufes. Wenn wir das Haus verlassen, stehen wir schon mit einem Bein im Grab. Ich hoffe, dass mein Mann durchkommt.« Sekun-

Tatort Slum. Mitglied einer Sondereinheit (links), überfülltes Gefängnis, Manila. 

38

AMNESTY JOURNAL | 01/2017

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Advertisement