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Foto: Amr Nabil / AP / pa

ZURÜCK AUS DEM NIRGENDWO

Protest. Angehörige von »Verschwundenen« in Kairo.

Nach Druck von Amnesty International und internationalem Protest kam der Ägypter Islam Khalil nach fast 200 Tagen Haft frei – der 27-Jährige wurde gefoltert und galt lange Zeit als »verschwunden«. Von Lena Khalifa »Gewöhnt euch nicht an die vielen Geschichten von Mord und Folter, von denen wir nun Tag und Nacht hören. Weist sie ab. Macht sie zu etwas Verachtenswertem, zu etwas Fremdartigem, damit ihr eure Menschlichkeit nicht völlig verliert. Vergesst nicht jene, die gestorben sind, die in den Medien niemals erwähnt wurden. Vergesst nicht die Opfer des Verschwindenlassens, denn ihr seid ihre einzige Hoffnung.« Diesen Appell schrieb der Ägypter Islam Khalil nach fast 200 Tagen Haft, von denen er 122 Tage »verschwunden« war. Amnesty International geht davon aus, dass in Ägypten jeden Tag mindestens drei oder vier Menschen »verschwinden«. Zahlreiche Aktivisten hatten sich zusammen mit Amnesty für Islam Khalil eingesetzt. Am 31. August 2016 wurde er endlich vom ägyptischen Geheimdienst freigelassen. Am 24. Mai 2015 hatten Sicherheitskräfte Islam Khalils Elternhaus nördlich von Kairo gestürmt und den 27-jährigen Verkaufsleiter gemeinsam mit seinem Va-

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ter und seinem Bruder verschleppt. Während sein Bruder, der Student und Menschenrechtsaktivist Nour Khalil, und sein Vater einige Tage später freikamen, wurde Islam Khalil mit verbundenen Augen an verschiedenen Orten festgehalten und gefoltert, zuletzt in der Zentrale der Sicherheitsbehörden in Kairo. »In dieser Hölle wartet nichts als Folter. Mal holen sie mich bei Nacht und hängen mich an Händen und Füßen auf, nackt. Mal stehe ich lange Zeit mit den Händen an einen Pfosten gefesselt. Oder sie holen mich vielleicht für eine Runde Elektroschocks ab. Ich höre nichts als Drohungen: Drohungen, vergewaltigt oder auf schlimmste Weise getötet zu werden. Dazu ununterbrochen Beleidigungen. Man träumt davon, diesen Ort zu überleben, es ins Gefängnis oder ins Grab zu schaffen.« Islam Khalil »schaffte es« ins Gefängnis. Nach 122 Tagen wurde er auf Grundlage von »Geständnissen«, die unter Folter zustande kamen, wegen »Zugehörigkeit zur verbotenen Muslimbruderschaft«, »Anstiftung zur Gewalt« und »Angriffen auf Sicherheitskräfte« angeklagt und ins Borg-al-Arab-Gefängnis in Alexandria gebracht. Im Falle einer Verurteilung hätte ihm die Todesstrafe gedroht. Als er gegen die Haftbedingungen protestierte, wurde er brutal zusammengeschlagen und in

Einzelhaft verlegt. Weil er keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, frischer Luft oder Familienbesuchen erhielt, trat er in den Hungerstreik. Nach nationalen und internationalen Kampagnen wurden schließlich alle Anklagepunkte bis auf einen fallen gelassen. Doch auch nach Zahlung der geforderten Kaution von umgerechnet 5.000 Euro musste Islam Khalil weitere zehn Tage in einer Polizeiwache seiner Heimatstadt verbringen. Er wurde bewusstlos geschlagen und eines neuen Vergehens beschuldigt, bevor er endlich freikam. Sein Bruder Nour Khalil richtete nach der Freilassung folgende Nachricht an Amnesty International: »Vielen Dank für eure enormen Anstrengungen. Sie waren der wichtigste Grund für die heutige Freilassung meines Bruders. Islam wird weiterhin von den Sicherheitsbehörden bedroht und es besteht ein ernsthaftes Risiko, dass er erneut inhaftiert oder verletzt wird. Setzt euch bitte weiter für ihn ein und unterstützt ihn, bis man ihm alle seine Rechte gewährt und diejenigen zur Verantwortung gezogen hat, die Verbrechen an ihm begangen haben. Übt weiterhin Druck im Namen der Freiheit, der Wahrheit und des Friedens aus – für alle Opfer des Verschwindenlassens und alle gewaltlosen politischen Gefangenen. Danke Amnesty.«

AMNESTY JOURNAL | 01/2017

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

Amnesty Journal: Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017  

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte

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